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Full text of "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität. IX. Jahrgang."

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Jahrbuch 

~ für 

sexuelle Zwischenstufen 

unter besonderer Berücksichtigung der 

• •* • 

Homosexualität. 

Herausgegeben unter Mitwirkung namhafter Autoren 
im Namen des wissenschaftlich-humanitären Komitees 

von 

Dr. med. Magnus Hirschfeld, 

prakt. Arzt in Charlottenburg. 



IX. Jahrgang. 



Leipzig. 

Verlag von Max Spohr. 
1908. 



Unberechtigter Nachdruck ganzer Arbeiten aus diesem Jahrbuch 
ist untersagt; alle Rechte bezüglich Beilagen und Übersetzung 
bleiben vorbehalten. Die Verfasser tragen die Verantwortung für 
Form und Inhalt ihrer Arbeiten. 



Druck von 6. Reich ardt, Groitzsch l & 



Inhaltsverzeichnis. 



feite 

Bild der Königin Christine von Schweden vor dem Titel 

Inwiefern widerspricht der § 175 des St-G.-B. dem „richtigen 

Recht"? Von Dr. jur. Nnma Praetorins 1 

Über die Komplikationen der Homosexualität mit andern 
sexuellen Anomalien. Von Dr. med. Alfred Kind . . 85 

Giovan Antonio — il Sodoma, Der Maler der Schönheit Eine 
Seelen- und Kunststädte von Elis&r von Kupffer . . 71 

Christine, Königin von Schweden in ihrer Jugend. Ein Ver- 
such (Essay) von Sophie Hoechstetter 168 

Sokrates und die Homosexualität Studie von Dr. 0. Kiefer- 
Stuttgart 197 

Der naifor fywc in der griechischen Dichtung. IL Die Ge- 
dichte der Anthologie. Von P. Stephanus 218 

Ober Homosexualität in Albanien. Von Med.-B. Dr. P. Näoke 

in Hubertusburg 813 

Eduard Kulke, ein Uranier. Von Dr. Friedrich S. Krauss 
in Wien 827 

Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen. Von 
Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien 889 

Die Bibliographie der Homosexualität Nicht belletristische 
Werke aus den Jahren 1906 und 1907. Belletristik aus 
aus den Jahren 1905, 1906 u. 1907. Von Dr. jur. Numa 
Praetorius 425 

Jahresbericht 1906/8 von Dr. M. Hirsohfeld 619 



Inwiefern widerspricht der J 175 des St.~ß.~B. 
dem „richtigen Recht"? 

Von 

Dr. jur. Numa Praetorlus. 



Jahrbuch IX. 



1 



I 



I 



fjie bisherigen Erörterungen über das „richtige Recht* 
im Strafrecht bewegen sich fast ausschließlich in 
allgemeinen Betrachtungen, in abstrakten Erwägungen 
ohne Berücksichtigung bestimmter Delikte. Sodann hat 
sich die Erforschung des »richtigen Rechts" fast nur mit 
dessen Anwendung auf die Art und Weise der Bestrafung 
oder auf die Wahl des Strafmittels beschäftigt, dagegen 
kaum die Frage untersucht, ob eine bestimmte Handlung 
dem Maßstab des »richtigen Rechts* entspricht, ob sie 
zu strafen oder straflos zu lassen ist Die Hauptbedeu- 
tung der Ermittelung des »richtigen Rechts" dürfte aber 
gerade darin liegen, bei einzelnen umstrittenen Delikten 
die Regel zu liefern zur Lösung der Zweifel über Zu- 
lässigkeit oder Unzulässigkeit der Bestrafung. Anderer- 
seits wird zu erwarten sein, daß gerade aus den für und 
wider die Bestrafung eines umstrittenen Deliktes geltend 
gemachten Gründen und namentlich aus seiner geschicht- 
lichen Entwicklung sich wertvolle Gesichtspunkte für 
die Begriffsbestimmung und nähere Umgrenzung des 
„richtigen Rechts* selber ergeben. 

Daß bisher das „richtige Recht* in seiner Anwendung 
auf das Einzeldelikt nur wenig Gegenstand der Unter- 
suchung gewesen ist, erscheint begreiflich, da ja nur bei 
einer relativ sehr kleinen Anzahl von Handlungen ihre 
Strafwürdigkeit an und für sich in Frage kommt Wie 
man auch sich zum »richtigen Recht* stellt, welchen In- 
halt man ihm auch gibt, Tötung, Diebstahl, Betrug, Brand- 
stiftung, Notzucht, sexuelle Angriffe auf Kinder, Widerstand 

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gegen die Staatsgewalt, Hochverrat usw. werden von 
Jedermann und jedem Gesetzgeber — wenigstens in 
unserer Kulturepoche — für strafwürdig gehalten werden. 
Nur bei einigen wenigen Handlungen erheben sich Zweifel, 
ob sie durch Strafandrohung zu verbieten seien 
oder nicht 

Zu diesen Handlungen gehört der im § 175 mit 
Strafe bedrohte gleichgeschlechtliche Verkehr zwischen 
Männern. 

Gerade dieser in den letzten zwanzig Jahren so heiß 
umstrittene Paragraph bildet eine treffliche Probe auf 
das Exempel bei der Ermittelung des .richtigen Rechts.* 

Was hat man nun unter „richtiges Recht" zu ver- 
stehen? 1 ) 

Gibt es allgemeine Gesichtspunkte für seine nähere 
Bestimmung, die schon jetzt so gut wie einstimmig an- 
erkannt 'sind ? Ich glaube ja. 

Das richtige Recht ist zunächst das Recht, welches 
den heutigen allgemeinen Anschauungen entspricht, den 
Anschauungen unserer Kulturperiode, welches der heutigen 
Kulturnorm konform ist. Es ist diese Definition keine 
Tautologie und auch keine wegen ihrer Allgemeinheit etwa 
nichtssagende Umschreibung. Denn manches kann tat- 
sächlich strafbar sein, manche Handlung strafbar, manche 
straflos, obgleich das Gegenteil als das Richtige, das Ge- 
rechte allgemein angesehen wird Diese Widersprüche 
zwischen dem positiv seienden und dem seinsollenden Recht 
haben einen Hauptgrund in dem konservativen Charakter 
der Jurisprudenz, die oft dem fortschrittlichen Gedanken 



') Bei den folgenden Erörterungen ist nicht von dem „richtigen 
Recht* Stammlers ausgegangen, obgleich auch bei Zugrundelegung 
der Stammlersohen Definition des „richtigen Rechte* als „soziales 
Ideal", als die der Gemeinschaft frei wollender Menschen ent- 
sprechende Voretellungsnorm auf den Inhalt dieses sozialen Ideales 
dennoch die folgenden Erörterungen passen. 



nachhinkt; (eine konservative Tendenz, die in verständiger, 
besonnener Weise verfolgt, zur Vermeidung von Über- 
stürzungen in der Gesetzesänderung auch ihre guten 
Seiten haben kann.) 

Beispiele eines Widerspruches zwischen allgemeiner 
Anschauung und positivem Recht lassen sich mannigfach 
anführen. 

So z. B. wurden gewisse jetzt dem Mundraub gleich- 
gestellte Handlungen noch bis vor Kurzem als Diebstahl 
bestraft. Dies widersprach der heutigen allgemeinen 
Anschauung derart, daß sie eine Gesetzesänderung durch- 
setzte. Solange diese Änderung nicht positiv gesetzlich 
ausgesprochen war, entsprach der gesetzliche Zustand 
nicht dem „richtigen Recht*. 

Umgekehrt stand die Straflosigkeit der Entwendung 
der elektrischen Kraft bis zum Erlaß eines sie bestrafen- 
den Spezialgesetzes nicht im Einklang mit der allgemeinen 
Anschauung, welche eine derartige Handlung ungefähr wie 
Diebstahl bewertet So mag es auch heute noch eine 
oder die andere Handlung geben, die nach heutiger An- 
schauung strafwürdig erscheint, aber straflos ist, jeden- 
falls aber gibt es eine Anzahl von Handlungen, die straf- 
bar sind, bei denen auch die Strafwürdigkeit den zur 
Zeit der Entstehung des Gesetzes herrschenden Anschau- 
ungen entsprach, die seitdem aber nicht mehr mit den 
heute herrschenden übereinstimmen. 

Wann entspricht nun die Strafbarkeit einer Handlung 
den heutigen Anschauungen, wann nicht? Läßt sich 
hierfür ein Kriterium aufstellen? und somit für das 
«richtige Recht* abermals eine engere Umgrenzung finden? 
Ein Grundsatz scheint mir in dieser Beziehung heute 
allgemein anerkannt zu sein, nämlich daß nur solche 
Handlungen zu bestrafen sind, welche einen Eingriff in 
die staatliche, in die soziale Ordnung darstellen. Es 
müssen Interessen der staatlichen Ordnung verletzt sein. 



Diese Ordnung wird verletzt sowohl durch Eingriffe in 
die Rechte einzelner Personen (indem dadurch das fried- 
liche Zusammenleben, die soziale Gemeinschaft gestört 
wird) als durch Angriffe auf allgemeine Interessen. 

Mit Recht ist deshalb schon betont worden, daß der 
Mangel einer Verletzung eines Rechtes einer bestimmten 
Person noch keinen Grund für die Straflosigkeit einer 
Handlung, so auch nicht für die Abänderung des § 175 
abgibt. Dieser Grund kann für die Straflosigkeit» je nach- 
dem eine Verletzung mehr oder weniger wichtiger all- 
gemeiner Interessen angenommen wird, mitsprechen, 
aber allein nicht maßgebend sein. Unzulässig dagegen 
erscheint nach heutiger Anschauung eine Bestrafung von 
Handlungen, bei denen auch keine allgemeinen Interessen 
verletzt sind, bei denen gar kein Eingriff in die staatliche 
Ordnung vorliegt Deshalb wird die Bestrafung von 
Handlungen, welche keinen solchen Eingriff, sondern nur 
Sünde, Immoralität, Verletzung des ethischen Empfindens 
darstellen, nicht dem richtigen Recht entsprechen und 
de lege ferenda abzulehnen sein. Wenn daher der § 175 
nur der Sündhaftigkeit der Handlung wegen besteht, 
dann verstößt er gegen das richtige Recht und ist mög- 
lichst schnell aufzuheben bezw. abzuändern. 

Ob und inwieweit aus diesem Grund allein bestraft 
wird, soll weiter unten geprüft werden. 

Die Frage, nach welchen Grundsätzen es sich be- 
urteilt, ob eine Handlung strafwürdig erscheint oder nicht, 
ist unabhängig von der Frage nach dem Zwecke der Strafe. 

Einerlei, ob man den Zweck der Strafe in der 
Besserung des Täters, oder in der Sühne für begangenes 
Unrecht oder in dem Schutz der Gesellschaft sieht, bei 
allen diesen Theorien wird doch heute erfordert werden, 
daß nur d i e Handlung zu strafen ist, welche einen Ein- 
griff in staatliche Interessen darstellt Insbesondere werden 
auch die Anhänger der Sühnetheorie fragen müssen, 



welches Unrecht soll gestraft werden, welcher Art muß 
es sein, welchen Grad des Unrechts muß es erreichen. 
Und auch da wird übereinstimmend wohl geantwortet 
werden, nur das in der Verletzung staatlicher Interessen 
bestehende Unrecht erscheint strafwürdig, erheischt eine 
Sühne in Gestalt der Strafe. 

Nicht jeder Eingriff in die staatliche Ordnung er- 
scheint aber strafwürdig, sondern nur ein solcher, welcher 
wichtige Interessen verletzt. 

Das zu schützende Interesse darf nicht bloß an und 
für sich wichtig und schutzbedürftig sein, es muß auch 
derart sein, daß der gegen den Täter in Gestalt der Strafe 
vorgenommene Eingriff sich rechtfertigt, ferner aber 
dürfen nicht die durch die Bestrafung der staatlichen Ord- 
nung erwachsenen Nachteile größer sein, als die durch Straf- 
losigkeit der verletzten Interessen entstandenen. Wendet 
man nun die obigen allgemeinen Gesichtspunkte für die 
Umschreibung des „richtigen Rechts * auf den § 175 an, 
so ergibt sich folgendes: 

Die historische Entwicklung der Bestrafung des 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs zeigt, daß bisher lediglich 
die Sünde, die Immoralität bestraft werden sollte. 

Die asketische Seite des Christentums, seine Ab- 
neigung gegen die sexuellen Freuden und überhaupt jede 
Fleischeslust brachte es mit sich, daß die Kirche von 
vornherein auf die Bekämpfung der Fleisohessünde ihr 
besonderes Augenmerk richtete und jede sexuelle, nicht 
lediglich innerhalb der Ehe zu Zeugungszwecken vor- 
genommenen Handlung als verdammenswerte Schlechtig- 
keit betrachtete, ja sogar einen Teil dieser Handlungen 
als strafbare Missetaten auffaßte. Kein Wunder daher, 
daß die von der Norm besonders abweichende „w. U.* 
nicht nur zur Todsünde, sondern zur scheußlichen, der 
Todesstrafe werten Greueltat gestempelt wurde. 



Da von vornherein und das ganze Mittelalter hin- 
durch die Ansichten der Kirche die allgemeine Anschau- 
ung bildeten und die ganze Kultur durchdrangen, da die 
Kirche nicht nur in geistiger Beziehung, sondern durch 
ihre reale Macht den Staat beeinflußte, ja oft sich unter- 
ordnete, so mußten die Anschauungen der Kirche auch 
im Strafreoht zur Geltung kommen. Die natürliche und 
notwendige Folge war daher auch die strafrechtliche 
Ahndung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs und zwar 
konform der kirchlichen Wertung durch die strengste 
weltliche Strafe, die Todesstrafe. 

Gleich die ersten römischen Kaiser, welche das 
Christentum zur Staatsreligion erhoben, bedrohen im 
Gegensatz zum bisherigen römischen Recht — das (rich- 
tiger Ansicht nach) eine Bestrafung des gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs an und für sich nicht kannte — die 
gleichgeschlechtliche Liebe mit dem Tode aus religiösen 
und rein gegen die Unsittlichkeit gerichteten Motiven, 
weil ein Verstoß gegen Gott vorliege. 

In dem kanonischen Recht» in der Karolina wird an 
diesem Grund der Bestrafung festgehalten. 

Valentinian z. B. betont, daß der Körper den Flammen 
übergeben werden solle, weil die Seele des Mannes ein 
Heiligtum sei und der, welcher sein eigenes Geschlecht 
auf so schimpfliche Weise verloren habe, dem Tode ver- 
fallen sei. 

Justinian bezeichnet „dieses Lasterais eine Eingebung 
des Teufels* und straft» «damit Gott sich nicht deswegen 
an dem ganzen Volk räche, denn wegen solchen Lastern 
sende Gott Hungersnot und Seuche." 

Ganz ähnlich drückt sich das capitulare ecclesiasticum 
aus dem Jahre 289 aus: 

Auch hier als Straf grund: die Verpflichtung gegen 
Gott und die Furcht vor seiner Strafe. 



Das Kanonische Recht behält natürlich auch diesen 
Standpunkt bei, aber straft, ,weil durch das Laster, die 
Gemeinschaft, die der Mensch mit Gott haben solle, zer- 
stört und die von Gott geschaffene Natur in lasterhafter 
Weise befleckt werde." 

Diese Strafgründe werden das ganze Mittelalter hin- 
durch anerkannt und angenommen, in der Aufklärungs- 
zeit fing man an, an ihrer Berechtigung zu zweifeln; 
diese Zweifel führten auch in manchen Ländern, auch 
in Deutschland zeitweise in einigen Teilen (z. B. Bayern, 
Württemberg, Hannover) zur Straflosigkeit Aber in den 
Motiven zum Preußischen Strafgesetzbuch und auch in 
der preußischen Rechtsprechung wird ausdrücklich die 
durch die Handlung bekundete besondere Entartung und 
Herabwürdigung des Menschen als Strafgrund betont. 

Die Motive zu dem St-G.-B. machen den Eindruck, 
als wüßten sie eigentlich gar keinen Grund zu finden, 
oder scheuten sie sich den schwachen Grund der „Sünde * 
ausdrücklich anzuführen. Aber eigentlich meinen sie 
nichts anderes, wenn sie zur Rechtfertigung der Strafe 
sich einfach mit dem Satz begnügen, das Volksbewußt- 
sein empfinde die „w. U.' nicht nur als Laster, sondern 
als Verbrechen und der Staat müsse diesem Empfinden 
Rechnung tragen. 

Ein über die rein moralische Seite hinausgehender 
Gesichtspunkt wird nicht angeführt. Heute genügt aber 
zur Strafbarkeit einer Handlung nicht mehr lediglich ihre 
Unsittlichkeit, ihre sexuelle Anrüchigkeit Die allgemeine 
Anschauung lehnt eine Bestrafung aus diesem Grunde ab. 

Sogar die Anschauung der Kirche selber — möge 
sie auch in der moralischen Bewertung der sexuellen 
Handlungen sich nicht geändert haben, verlangt doch 
kaum noch, daß eine der christlichen sexuellen Moral 
zuwiderlaufende Handlung wegen ihrer Immoralität be- 
straft werde. 



— 10 — 



Soweit sie dies aber im einzeln noch verlangt, wie 
z. B. bei der gleichgeschlechtlichen Handlung, ist dieser 
kirchlichen Anschauung die Anschauung Tausender auf 
anderem Boden Stehender entgegenzustellen, welche die 
Forderung der Kirche, Immoralität an und für sich mit 
weltlichen Strafen zu verfolgen, entschieden ablehnen. 
Die Kirche hat aber heute nicht mehr die Macht, ihre 
Forderungen dem Staate aufzudrängen, ihre Anschauungen 
sind nicht mehr völlig verquickt und verbunden mit den- 
jenigen der Allgemeinheit. Ihre Anschauungen 1 ) sind nicht 
mehr entscheidend. 

Es soll selbstverständlich deshalb der Immoralität 
nicht das Wort geredet werden, es soll auch gar nicht 
gesagt sein, daß die moralische Bewertung der sexuellen 
Handlungen seitens der Kirche an und für sich nicht zu 
billigen sei, es soll gar nicht die kirchliche Beurteilung 
bekämpft werden. Es soll nur die Anschauung mit aller 
Energie als nicht allgemein gültig und nicht anerkennens- 
wert zurückgewiesen werden, daß heute noch Strafe wegen 
Immoralität eintreten dürfe. 

Übrigens liegt es ja im eigenen Interesse der Kirche, 
daß ihre Bekämpfung sexueller Handlungen nicht mit 
Feuer und Schwert, nicht mit den Mitteln des weltlichen 
Armes, sondern mit geistigen Mitteln, mit den der Kirche 
würdigen Mitteln erfolge. Denn so wird sie dem Geist 
des Christentums auch gerechter und wird nicht die zahl- 
reichen Feinde, die sie bedrängen, noch vermehren, in- 
dem sie ihnen Grund zur Beschwerde und zu dem Vor- 
wurf gibt, sie überschreite ihre Befugnisse und verleugne 
ihr eigenes Wesen. 

Der oben angeführte Grund der Motive des D. St. G. B., 
daß die gleichgeschlechtliche Handlung zu strafen sei, 



') Unter Kirche verstehe ich sowohl die katholische wie die 
protestantische. 



— 11 — 



weil das Volksbewußtsein sie nicht nur als Laster, sondern 
als Verbrechen empfinde, enthält, wie schon betont, 
eigentlich stillschweigend nichts weiter, als die Recht- 
fertigung der Bestrafung wegen Immoralität. Jedenfalls 
insofern lediglich wegen der Empfindung des Volks- 
bewußtseins gestraft werden soll, ist heute die Berechtigung 
einer Strafe aus diesem Grund gleichfalls abzulehnen. 

Die allgemeine Anschauung entscheidet zwar auch 
heute darüber, ob eine Handlung als strafwürdig oder 
nicht zu gelten habe, aber nicht planlos und nach bloßem 
Empfinden, sondern nach Abwägung der Bedeutung der 
verletzten staatlichen Interessen. Eine blinde Empfindung 
des Volkes, die gar nicht die Verletzung der staatlichen 
Interessen in Erwägung zieht, wird nach heutiger An- 
schauung nicht als genügender Strafgrund anerkannt. 

Die Unzulässigkeit der Bestrafung gleichgeschlecht- 
licher Handlungen wegen der durch sie bekundeten 
Immoralität oder wegen der Empfindung des Volks- 
bewußtseins würde sich nach heutiger Anschauung er- 
geben, auch wenn die bisherige Annahme, diese Hand- 
lungen seien von Normalsexuellen aus Übersättigung und 
Lasterhaftigkeit begangen, richtig wäre und die neuere 
wissenschaftliche Forschung nicht festgestellt hätte, daß 
die bisherige Annahme auf Irrtum beruhte und die 
gleichgeschlechtliche Handlung regelmäßig von Menschen 
mit eigenartiger Naturanlage begangen werde. 

In dieser Frage nach den Quellen, aus denen ge- 
wöhnlich die gleichgeschlechtliche Handlung fließt, 
herrscht heute in der Wissenschaft Einigkeit darüber, 
daß es tatsächlich Menschen gibt, sog. Homosexuelle, 
deren Trieb auf das eigene Geschlecht gerichtet ist. 
Geleugnet wird diese Tatsache nicht mehr, wenigstens 
nicht mehr von der Wissenschaft. 

Uneinigkeit herrscht höchstens noch über die Häufig- 
keit des Vorkommens konträrer Sexualempfindung, indem 



— 12 — 



eine Anzahl Mediziner zwar zugeben, daß gleichgeschlecht- 
liche Handlung manchmal Ausfluß von konträrer Sexual- 
empfindung sein könne, aber behaupten, meist entspringe 
sie aus Laster, aus Perversität Normalsexueller. 

Um in der Entscheidung dieser Fragen am sichersten 
zu gehen, wird man sich der Ansicht derjenigen Männer 
der Wissenschaft anschließen müssen, welche als die 
eigentlichen Sachverständigen zu betrachten sind. 

Um als Sachverständiger in der Frage der Homo- 
sexualität mit Recht betrachtet zu werden, genügt es 
aber nicht Jurist, auch nicht Arzt oder Professor zu sein, 
sondern es muß gefordert werden, daß der Sachverständige 
zahlreiche Homosexuelle gesehen und beobachtet hat. 

Derartige Sachverständige, die ihre Ansicht auf 
Grund eines zahlreichen lebendigen Materials sich ge- 
bildet haben, sind auch nur in geringer Anzahl vorhanden. 

Näcke nennt für Deutschland nur sechs. 

Alle diese sechs sind aber einig, daß die Homosexuali- 
tät nicht eine seltene, sondern weitverbreitete Erscheinung 
ist und die gleichgeschlechtliche Handlung in der Regel 
aus konträrer Sexualempfindung entspringt 

Zu diesen Sachverständigen sind noch zwei weitere 
zu rechnen, der eine: Näcke selbst, der in den letzten 
Jahren, wie aus seinen Arbeiten und seinen Angaben 
hervorgeht, zahlreiche Homosexuelle kennen lernte. 

Näcke steht nun auch ganz auf dem Standpunkte 
Hirsohfelds, daß das Vorkommen angeborener Homo- 
sexualität eine häufige Geschlechtsvarietät sei. 

Sehr lehrreich in Bezug auf die Sachverständigen-» 
qualität ist der Fall von Dr. Iwan Bloch. 

Vor 3—4 Jahren trat Bloch mit einem zweibändigen 
Werke von erstaunlichem Reichtum an historischem 
Material: „Beiträge zur Aetiologie der Psychopatia sexualis* 
hervor. In diesem Werke leugnet Bloch das häufige Vor- 
kommen echter Homosexualität und behauptet, fast jede 



| 



— 13 — 



gleichgeschlechtliche Handlung sei das Resultat des 
Variationsbedtirfnisses Nolmalsexueller. Damals wurde |; 
das Buch Blochs von denjenigen Ärzten, welche die 
Häufigkeit konträrer Sexualempfindung bestritten, gerade- 
zu als eine bahnbrechende, die Anschauung Hirschfelds 
und Genossen vernichtende Arbeit, betrachtet. Und 
jetzt nach kaum 3—4 Jahren bekennt Bloch in seinem 
an Gelehrsamkeit» Sammelfleiß und Großzügigkeit be- 
wunderungswürdigen Buch „Das Sexualleben unserer 
Zeit 41 einer wahren Enzyklopädie der Sexualwissenschaft: 
Es sei ihm seither insbesondere durch Dr. Hirschfeld 
Gelegenheit geboten worden, zahlreiche Homosexuelle zu 
beobachten, er müsse seine frühere Ansicht ganz bedeutend 
ändern. Er habe seither die lebenden Homo- 
sexuellen studiert Er habe Hunderte von 
Urningen aus allen Gesellschaftskreisen kennen 
gelernt und untersucht und jetzt müsse er die 
Richtigkeit der Anschauungen Hirschfelds zu- 
geben. 

Die geborenen Homosexuellen existierten und seien 
eine weitverbreitete Menschenklasse 1 ). 

Da nun als feststehend zu erachten ist, daß regel- 
mäßig die Verstöße gegen den § 175 von Homosexuellen, 
nicht von lasterhaften Heterosexuellen begangen werden, 
so entfällt für die Regel überhaupt der Gesichtspunkt 
einer Bestrafung wegen des Lasters oder wegen des die 
Handlung als Verbrechen empfindenden Volksbewußtseins. 
Selbst also wenn die Anschauung der Zulässigkeit einer 
Bestrafung der Sünde, der Unmoralität wegen, oder der 
Empfindung des Volksbewußtseins wegen, an und für 
sich noch in allgemeiner Geltung wäre, so würde sie bei 



') Neben der angeborenen Homosexualität nimmt Bloch aller- 
dings eine erworbene, sog. „Pseudohomoeexualität" an. Hierüber 
zu vergleichen meine Besprechimg in der Bibliographie. 



— 14 — 



dem gleichgeschlechtlichen Verkehr nicht mehr zur An- 
wendung kommen können. 

Penn möge man auch den geschlechtlichen Verkehr 
Homosexueller unsittlich, unzüchtig, moralwidrig nennen, 
so kann man ihn nicht mehr mit dem früheren Maßstab 
messen, nicht mehr als einen die sonstigen straflosen Un- 
züchtigkeiten Heterosexueller im heterosexuellen außer- 
ehelichen Verkehr an sittlicher Verworfenheit übersteigen- 
den Verkehr betrachten. 

Im Gegenteil: Faßt man die konträre Sexualempfindung 
als krankhafte Erscheinung auf, so liegt eben die Tat 
eines Kranken, aber nicht strafwürdige Sünde vor. 

Betrachtet man sie mit Hirschfeld, Näcke, Bloch usw. 
als psychologische Varietät, so ist sie eben ein Naturtrieb, 
der nicht sündhafter ist als der heterosexuelle Trieb und 
ebenso wenig wie dieser ohne qualifizierende Momente 
seiner in gegenseitiger Einwilligung ausgeführten Betätigung 
wegen als strafwürdige Greueltat erscheint. 

Das Volksbewußtsein kann deshalb auch nicht mehr 
die geschlechtliche Handlung Homosexueller als Ver- 
brechen empfinden. Eine Berufung auf das Volksbewußt- 
sein, selbst wenn sie an und für sich genügend wäre, was 
sie nicht ist, wäre heute nach den Forschungen über das 
Wesen der Homosexualität völlig verfehlt. Daß dieses 
Volksbewußtsein in dem aufgeklärtesten Teil des Volkes 
auch nicht mehr die gleichgeschlechtliche Handlung als 
Verbrechen empfindet, beweisen übrigens am besten die 
Tausende von Unterschriften der Petition. 

Die geänderte Auffassung in dem Wesen der gleich- 
geschlechtlichen Handlung infolge der wissenschaftlichen 
Forschung gewährt ein gutes Beispiel, für ein weiteres 
bisher noch nicht berührtes Moment^ welches für die Be- 
stimmung des richtigen Rechts bedeutsam ist Ich meine 
die wissenschaftliche Forschung und ihre Ergebnisse. 



Diese werden sehr oft die bisherigen, die Grundlagen 
des „richtigen Rechts 0 darstellenden Anschauungen, als 
unhaltbar und falsch nachweisen und so für das richtige 
Recht bei gewissen Delikten andere Gesichtspunkte und 
eine andere Beurteilung aufdrängen. 

Mit dem Satz, daß heutzutage unter allen Umständen 
eine Bestrafung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs 
lediglich wegen der Sündhaftigkeit der Handlung oder 
der Empfindung des Volksbewußtseins unzulässig ist, 
weshalb die Aufhebung des Gesetzes notwendig wird, 
wenn kein anderer Grund zu bestrafen, vorliegt, mit 
diesen Sätzen ist die Frage aber nicht erschöpft 

Es wird vielmehr die Untersuchung nötig, ob nicht 
andere Gründe gegeben sind, welche nach heutiger An- 
schauung die Bestrafung rechtfertigen. 

Bisher wird, wie schon oben ausgeführt, haupt- 
sächlich nur der Gesichtspunkt der Sünde, der Immo- 
ralität betont. 

Erst in neuerer Zeit, als man allgemein den bis- 
herigen Strafgrund „der begangenen Sünde* oder den 
nichtssagenden Grund: „die Empfindung des Volksbewußt- 
seins 11 nicht mehr anerkennt und insbesondere die Fest- 
stellung über die regelmäßige Ursache des gleichge- 
schlechtlichen Verkehrs die angeborene Homosexualität, 
diese Straf gründe als völlig hinfällig erscheinen ließ, da 
suchte man noch andere die Strafe rechtfertigende Gründe. 

Diese Gründe hat wohl Wachenfeld am vollständigsten 
zusammengestellt. 

Bei diesen Gründen ist nicht außer acht zu lassen, 
daß nach heutiger Anschauung nur die Handlung straf- 
bar erscheint, welche staatliche Interessen verletzt, welche 
sozial gefährlich ist Deshalb scheiden zunächst die von 
Wachenfeld angeführten Gründe aus, welche im Wesent- 
lichen doch nur eine Strafe wegen der Unsittlichkeit der 
Handlung oder der Empfindung des Volksbewußtsein an 



— 16 — 



und für sich verlangen. Mit Recht hat daher auch Mitter- 
maier in seiner sehr rahig abwägenden, die Frage nach 
allen Seiten hin erörternden Abhandlang in der rechts- 
vergleichenden Darstellung betont, daß der von Wachen- 
feld noch nicht aufgegebene Grund, die Handlang sei 
unsittlich oder sie empöre das Volksgefühl, nicht mehr 
für die Strafbarkeit genüge. 

Mittermaier hat auch treffend die Gesichtspunkte an- 
geführt, welche bei der Frage der sozialen Gefährlichkeit 
des gleichgeschlechtlichen Verkehrs überhaupt in Betracht 
kommen. Auch diese Gesichtspunkte sind die haupt- 
sächlich von Wachenfeld ins Feld geführten. 

Hiernach nenne man die gleichgeschlechtliche Hand- 
lung gefährlich, weil sie die Moralvorstellungen verkehre, 
die Gesundheit untergrabe, die Eheordnung erschüttere 
und die Entvölkerung befördere. Als ersten, einzigen 
der Prüfung werten Grund läßt Mittermaier den ersteren 
gelten. 

In der Tat, die drei anderen Gründe halten einer 
auch nur oberflächlichen Kritik nicht Stand. 

Die Gesundheitsschädigung, die sich der Täter an- 
fügt oder herbeizieht, kann nur unter den seltensten Um- 
ständen als Eingriff in die Staatsordnung gelten, z. B, 
wenn eine Entziehung der Wehrpflicht beabsichtigt ist Im 
Allgemeinen wird heute die Gesundheitsbeschädigung, die 
sich jemand selbst zufügt und auch die, die in gegen- 
seitiger Einwilligung zugefügt wird, nicht als strafwürdig 
erachtet; nicht einmal der Selbstmordversuch gilt als 
ein Strafe rechtfertigender Eingriff in die Staatsordnung. 

Selbst wenn der gleichgeschlechtliche Verkehr regel- 
mäßig eine Gesundheitsbeschädigung zur Folge hätte, 
würde eine Strafe rechtfertigende soziale Gefährlichkeit 
nicht bestehen. Tatsächlich wird aber nach überein- 
stimmender Ansicht der Sachverständigen durch den 
gleichgeschlechtlichen Verkehr nicht mehr und nicht 



weniger die Gesundheit beschädigt, als durch den hetero- 
sexuellen, d. h. höchstens durch Ubermaß. 

Was die Erschütterung der Eheordnung und die 
Beförderung der Entvölkerung anbelangt, so bilden beide 
allerdings Schäden für die Staatsordnung. Sind aber diese 
Schäden durch die Freigabe des gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs zu befürchten? Die Frage ist mit Mittermaier 
entschieden zu verneinen. Alle möglichen Handlungen 
können unter Umständen schädliche Folgen für die 
Staatsordnung haben und trotzdem kann man unmöglich 
daran denken, alle Handlungen wegen der entfernten 
Möglichkeiten derartiger Folgen unter Strafe zu stellen. 

Damit die Handlungen als strafwürdig gelten, muß der 
Eingriff in die Staatsordnung einmal unzweideutig und 
sodann von einem erheblichen Grad der Stärke sein und 
zwar einem so erheblichen, daß das starke Schute- und 
Verteidigungsmittel der Strafe gerechtfertigt ist. 

Dieser Eingriff liegt nun bei den gleichgeschlecht- 
lichen Handlungen nicht nur nicht unzweideutig vor, 
sondern es gehört sogar eine übertriebene Angst dazu, 
ihn als vorhanden zu erachten. 

Eine Erschütterung der Eheordnung oder eine Be- 
förderung der Entvölkerung durch den gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr, kann man überhaupt nur ins Auge fassen, 
wenn man befürchtet, durch die Freigabe des gleich- 
geschlechtlichen Verkehrs würden plötzlich oder all- 
mählich eine große Anzahl Heterosexueller an dem gleich- 
geschlechtlichen Verkehr Geschmack finden und Ehe 
sowie heterosexuellen Verkehr gegen homosexuellen 
Verkehr eintauschen. 

Daß eine derartige Befürchtung geradezu etwas 
Lächerliches, ja Lachhaftes an sich hat, wird jeder 
Heterosexuelle einsehen. 

Eine Verführung in größerem Maßstabe seitens 
Homosexueller, d. h. also ein Abspenstigmachen von 

Jahrbuch IX. 2 



— 18 — 



Heterosexuellen vom normalen Weg, derart, daß gleichsam 
ihre Natur in falsche Bahnen gelenkt wird, könnte man 
höchstens vielleicht im Pubertätsalter befürchten, wenn 
man annimmt, daß bei einer Anzahl von Menschen die 
Richtung des Geschlechtstriebs im Pubertätsalter durch 
gewisse Einflüsse nach dieser oder jener Richtung mit 
dauernder Wirkung gelenkt werden kann. 

Diese Folgen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs 
wären aber nicht Folgen der homosexuellen Handlungen 
an und für sich, sondern nur der mit Jugendlichen 
vorgenommenen Handlungen. Gegen diese Eingriffe in 
die Staatsordnung genügt aber die Strafbarkeit des 
homosexuellen Verkehrs mit Jugendlichen, & h. bis zum 
16. höchstens bis zum 17. oder 18. Lebenjahre. 

Daß bei Erwachsenen eine Umwandlung der Ge- 
schlechtsnatur durch homosexuelle Praktiken, durch Ver- 
führung seitens Homosexueller regelmäßig stattfindet, 
muß entschieden als völlig unwahrscheinlich geleugnet 
werden. 

In der großen Mehrzahl der Fälle gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs, nämlich dann wenn Homosexuelle diesen 
Verkehr ausüben, muß auch die entfernte Möglichkeit 
eines Eingriffes in die Staatsordnung, einer Erschütterung 
der Eheordnung, einer Beförderung der Entvölkerung 
bestritten werden. 

Denn der Homosexuelle ist gar nicht für Ehe und 
Zeugung geschaffen, nicht durch Ausübung homosexueller 
Akte, sondern durch Eheabschluß und Zeugung ruft er 
die Gefahr einer Schädigung der Staatsordnung hervor, 
indem die drohende Gefahr besteht, daß die Ehe für 
beide Ehehälften und auch für den Staat (unter anderem 
auch durch etwaige Zeugung anormaler Nachkommen) 
eine Quelle des Unglücks wird. 

Der Eingriff in die Staatsordnung durch den homo- 
sexuellen Verkehr ist somit nicht nur höchst zweifelhaft, 



— 19 — 



sondern selbst, wenn man ihn unter Umständen als vor- 
handen annimmt, ist er von so geringer Bedeutung und 
Stärke, daß er eine Strafe nicht rechtfertigt Denn selbst 
wenn eine Umkehrung der Geschlechtsnatur, eine Ent- 
wöhnung des normalen Verkehrs, eine Unfähigkeit und 
Unlust zum normalen Coitus infolge gleichgeschlechtlicher 
Verführung bei einem Heterosexuellen eintreten sollte, 
so sind diese Fälle immer äußerst selten und können nur 
selten sein. 

Insofern käme diesen ausnahmsweisen Wirkungen des 
homosexuellen Verkehrs keine Wichtigkeit zu, an und 
für sich bleibt daher der Eingriff in die Staatsordnung 
nur von geringer Bedeutung. 

Diese geringe Bedeutung, welche dem durch den 
homosexuellen Verkehr hervorgerufenen Eingriff in die 
Ehe- und Zeugungsordnung beizumessen ist, zeigt auch 
eine weitere Erwägung. 

Es sind nämlich zahlreiche nicht nur gleich gefähr- 
liche, sondern weit gefährlichere Handlungen und Ein- 
griffe in diese Ordnung straflos und niemand denkt daran, 
sie für strafbar zu erklären. Dies gilt nicht bloß für die 
sowohl den Interessen des Individuums, als der Gesell- 
schaft gefährlichere Onanie, sondern überhaupt für alle 
Handlungen, durch welche die Konzeption verhütet wird 
oder werden soll. 

Aus der Straflosigkeit aller dieser Handlungen läßt 
sich gerade ein weiterer Grundsatz für die Bestimmung 
des .richtigen Rechts" in seiner Anwendung auf die straf- 
rechtliche Beurteilung des homosexuellen Verkehrs ent- 
nehmen, nämlich, daß, wenn stärkere Eingriffe in die 
Staatsordnung straflos sind, schwächere Eingriffe der- 
selben Art unmöglich strafbar sein dürfen. Ein solcher 
schwächerer Eingriff in Ehe- und Zeugungsordnung im 
Gegensatz zu der gerade von vielen Heterosexuellen ge- 

2* 



— 20 — 



übten, wegen ihrer großen Verbreitung und der Leichtig- 
keit ihrer Ausführung gefährlicheren Onanie bildet aber 
der homosexuelle Verkehr. 

Was den letzten von Mittermaier als einzigen etwaigen 
Grund für eine Bestrafung angeführten Gesichtspunkt an- 
belangt, so muß ich gestehen, daß ich überhaupt nicht 
recht begreife, was Mittermaier eigentlich im Auge hat. 

Er meint: Wenn sich erweisen lasse, daß die w. U. 
die geschlechtlich-sittlichen Anschauungen, die der Staat 
als Grundlage gesunder Entwicklung anerkennen müsse, 
gefährde und eine schädliche nervöse Stimmung groß- 
ziehe, so sei das ein sehr wichtiger Grund um alle Be- 
strebungen auf Förderung der w. U. in irgend einer 
Form und die Ausübung derselben zu bestrafen, voraus- 
gesetzt, daß die Straf drohung hier genügende ethische 
Kraft besitze. Mir scheint, daß mit dieser Gefährdung 
der als Grundlage gesunder Entwicklung anerkannten 
geschlechtlich -sittlichen Anschauungen und Erzeugung 
einer schädlichen nervösen Stimmung nichts weiter ge- 
roeint sein kann, als die Befürchtung einer Gefährdung 
der Ehe und Zeugungsordnung. 

Von diesen beiden letzteren Gründen sagt aber 
Mittermaier selber kurz vorher: ruhige Überlegung würde 
sie für heutzutage nicht als durchschlagend anerkennen, 
und ich glaube selber die Nichtigkeit dieser Gründe nach- 
gewiesen zu haben. Falls aber mit dem letzten Grund 
etwas anderes als Gefährdung der Ehe odef des Be- 
völkerungszuwachses gemeint sein soll, so kann es nur 
ein Minus sein; es wird die Verbreitung von gewissen 
Anschauungen befürchtet, ihrer selbst wegen, nicht wegen 
gewisser praktischer Einflüsse auf staatliche Interessen, 
nicht wegen Eingriffe in die staatliche Ordnung. Nach 
heutiger Anschauung erscheint es aber sicherlich unzu- 
lässig, bloße Ansichten und Anschauungen an und für 
sich strafrechtlich zu verfolgen. 



— 21 — 



Wenn man z. B. die anarchistischen Anschauungen 
mit Recht bestraft, so geschieht es wegen ihrer praktischen 
Verwertung in der direkt Leben und Güter des Einzelnen 
schädigenden praktischen Ausführung, man will Leben, 
materielle Güter, überhaupt ein geregeltes Zusammenleben 
vor den Bomben der Anarchisten, die militärische Disziplin 
vor Unbotraäßigkeit und Auflösung der Ordnung usw. 
schützen und daher gleichsam schon die gefährlichen in 
bloßen theoretischen Ausführungen sich kundgebenden 
Yorbereitungshandlungen bestrafen. 

Würde man aber das Bombenwerfen usw. nicht als 
Strafgrund anerkennen, dann hätte es wirklich keinen 
Sinn, die anarchistischen Anschauungen als solche straf- 
gerichtlich zu verfolgen. 

Und so scheint es mir ganz unzulässig, gewisse, den 
bisherigen geschlechtlich-sittlichen Anschauungen etwa 
widersprechenden Tendenzen und die gleichgeschlechtlichen 
Handlungen wegen dieser Tendenzen zu bestrafen, wenn 
man doch zugibt, daß die etwaigen Ausflüsse dieser 
Tendenzen, die gleichgeschlechtlichen Handlungen selber 
an und für sich keine praktisch greifbaren Schäden, ins- 
besondere keine Zerrüttung der Ehe oder Entvölkerung 
befürchten lassen. 

Anschauungen an und für sich sind nach heute wohl 
allgemein geltender Ansicht überhaupt nicht strafrechtlich 
zu verfolgen. In dieser Beziehung gilt doch der Grund- 
satz allgemeinster weitgehendster Freiheit, auch die von 
den bisher landläufigen Anschauungen entferntesten 
Meinungen äußern zu dürfen. 

Unter allen Umständen darf jedenfalls die in Folge 
wissenschaftlicher Forschung in der Frage des gleich- 
geschlechtlichen Verkehrs hervorgerufene Änderung der 
bisherigen Anschauungen nicht als strafwürdig erachtet 
werden. Die Aufdeckung eines jahrhundertjährigen Irr- 
tums durch die Wissenschaft darf sicherlich nicht als 



— 22 — 



strafbar hingestellt werden. Dies würde jedenfalls dem 
heutigen „richtigen Recht" widersprechen. Mittermaier 
will dies sicherlich auch nicht. 

Also: Die wissenschaftliche Feststellung, daß sehr oft 
(oder meist) gleichgeschlechtlicher Verkehr nicht Laster 
Heterosexueller, sondern angeborenen Trieb einer eigen- 
artigen M enschenklasse, der Homosexuellen darstellt, die 
Verbreitung dieser Feststellung und die bessere Möglich- 
keit ihrer Verbreitung infolge Straflosigkeit des gleich- 
geschlechtlichen Verkehrs kann niemals als Strafgrund 
angesehen werden, ebensowenig wie die Verbreitung der 
verschiedenen Auffassungen über das Wesen dieses an- 
geborenen Triebes. 

Zwar herrscht heute noch Streit, ob dieser Trieb als 
Krankheit oder als physiologische Varietät anzusehen ist, 
aber ganz ohne Rücksicht darauf, welche Ansicht sich 
als die richtige mit der Zeit erweisen wird, würde es der 
heutigen, allgemeinen Anschauung ins Gesicht schlagen, 
etwa wegen Befürchtung der Förderung einer wissen- 
schaftlichen Ansicht den gleichgeschlechtlichen Verkehr 
unter Strafe zu stellen. Sollte aber gerade — worauf 
die Ansicht einer großen Anzahl von Sachverständigen 
hindeutet — die Auffassung von der physiologischen 
Varietät, als richtige, der Natur der Sache entsprechende 
sich allmählich als unstreitig herausstellen, so würde erst 
recht die Befürchtung der Verbreitung einer wissen- 
schaftlichen Wahrheit nie und nimmer einen Strafgrund 
abgeben dürfen, möge man sie als „staatsgefährlich* oder 
nicht betrachten. 

Aber auch wegen der Befürchtung einer Verbreitung 
von irrigen Anschauungen erscheint, wie oben betont, eine 
Bestrafung unzulässig. Eine Zunahme von irrigen An- 
schauungen geschlechtlich-sittlicher Natur durch die Auf- 
hebung des § 175 ist aber überhaupt ausgeschlossen. 



— 23 — 



Erst nach Beseitigung der Bestrafung des homo- 
sexuellen Verkehrs an und für sich wird eine ruhigere 
objektivere Untersuchung der homosexuellen Frage 
möglich sein, ohne daß die Objektivität des Studiums 
durch eine mit der strafrechtlichen Behandlung ver- 
quickten Tendenz und den Streitigkeiten für und wider 
getrübt wird. Den besten Beweis, daß alle derartigen 
Befürchtungen einer Verbreitung verkehrter Moral- 
anschauungen unbegründet sind, liefern die Länder, wo seit 
Jahrzehnten der gleichgeschlechtliche Verkehr straflos ist. 
Dort ist die moralische Beurteilung des homosexuellen 
Verkehrs eher strenger als in Deutschland; das Ver- 
ständnis der Homosexualität ist auch in gebildeten 
Kreisen dort weniger ausgebildet wie in Deutschland. 
Eine homosexuelle Frage existiert dort überhaupt nicht 

Ein die Strafe rechtfertigender Eingriff in die staat- 
liche Ordnung besteht somit bei gleichgeschlechtlichem 
Verkehr nicht; eine Strafe ist daher unzulässig. Wollte 
man nun aber auch den einen oder anderen der oben ab- 
gelehnten Gründe an und für sich als einen die Bestrafung 
der homosexuellen Handlungen rechtfertigenden betrachten, 
so würde trotzdem noch ein weiterer Gesichtspunkt des 
»richtigen Rechts* zu berücksichtigen sein, bevor man 
eine Bestrafung gutheißt. 

Bei der Frage nach der strafrechtlichen Behandlung 
einer Tat ist nicht bloß die Verletzung der Interessen, um 
derer willen Strafe eintreten soll, ins Auge zu fassen, 
sondern auch die durch die Bestrafung hervorgerufene 
Interessenverletzung. Auch durch die Strafen werden 
Interessen verletzt, die Freiheit, das Vermögen des 
Täters usw., aber diese Interessen sollen gerade verletzt 
werden der staatlichen Interessen, der staatlichen Ord- 
nung, des sozialen Schutzes wegen. 

Die Strafandrohung kann nun aber noch die Ver- 
letzung anderer Interessen als die Verletzung der un- 



— 24 — 



mittelbar den Täter treffenden zur Folge haben. Es 
können durch die Strafandrohung Schäden allgemeiner 
Natur hervorgerufen werden, welche als wichtiger, in das 
Staatswohl einschneidender zu betrachten sind, als die- 
jenigen um derentwillen eine Strafe angedroht ist. 

In solchen Fällen wäre es von dem Staat eine selbst- 
mörderische Tat, Handlungen zu bestrafen, durch deren 
Bestrafung die staatliche Ordnung mehr gestört wird, als 
wenn die Handlungen straflos sind. 

Mit andern Worten, es muß bei der Frage nach der 
Strafbarkeit einer Handlung, deren Strafwürdigkeit be- 
stritten ist, eine Abwägung des Interesses, an der Be- 
strafung und desjenigen an der Straflosigkeit stattfinden. 

Sind die Nachteile der Bestrafung größer als die Vor- 
teile der Bestrafung, so hat Strafe zu unterbleiben. 

Eine solche Interessenabwägung kann ja überhaupt 
nur bei den wenigsten Delikten in Frage kommen, nur 
da, wo überhaupt die Frage nach der Strafwürdigkeit 
bestritten ist. 

Bei dem gleichgeschlechtlichen Verkehr werden nun 
tatsächlich durch die Bestrafung eine Anzahl schwerer 
Schäden geradezu erzeugt und zwar so bedeutender Schä- 
den, daß sie weit wichtiger erscheinen, als die etwa durch 
die Handlung selbst entstehenden. Von diesen Schäden 
will ich nur einige hervorheben. 

Zunächst die Erpressung: Man hat behauptet (so 
namentlich Wachenfeld und Mittermaier) die Erpressung 
sei kein mit dem gleichgeschlechtlichen Verkehr und mit 
dessen Bestrafung speziell verbundenes Übel. Auch die 
Strafandrohung bei anderen Delikten gäbe Anlaß zu Er- 
pressungen, auch ohne die Strafandrohung wäre die Er- 
pressung möglich. 

Beides ist richtig, aber ebenso richtig ist die Be- 
hauptung, daß wohl bei keinen anderen Handlungen 
die Tatsache, daß die Handlung mit Strafe bedroht ist, 



— 25 - 



so leicht und so häufig zu Erpressungen führt, als beim 
§ 175. 

Dies kommt daher, weil keine anderen strafbaren 
Handlungen so unzählig oft, so tausendfach begangen 
werden, wie die homosexuelle Handlung, weil es sich eben 
bei den Homosexuellen um eine physiologische Funktion 
handelt, die bei den Homosexuellen ebenso wie bei den 
Heterosexuellen regelmäßig und das ganze Leben hindurch 
nach Betätigung drängt, weil daher auch die Handlung 
in allen Klassen und Ständen, bei Hoch und Niedrig 
hundertfach vorkommt, weil eben eine ganz besonders 
geartete im Versteck und Verborgenen lebende Menschen- 
klasse zu einem eigenartigen von ihr als natürlich empfun- 
denen Liebesleben gezwungen ist. 

Ähnliches findet sich im ganzen Strafgesetzbuch 
nicht. Diebe, Mörder, Brandstifter usw. kommen doch 
nur in beschränkter Anzahl vor, sie bevölkern auch nicht 
alle Klassen der Gesellschaft zu so und so viel Prozent. 
Die Erpressung bei diesen Delikten hat daher naturgemäß 
nur einen beschränkten Wirkungskreis. Anders verhält 
es sich mit den Homosexuellen und ihren tausendfachen 
homosexuellen Handlungen, die auch tausendfach Ge- 
legenheit zu Erpressungen bieten. 

Es gibt auch keine andere strafbare Handlung, welche 
in gleichem Maße wie die homosexuelle auch dem Manne 
mit dem ehrbarsten, anständigsten Charakter, der größten 
sozialen Achtung und Stellung zuzumuten ist, voraus- 
gesetzt, daß er homosexuell ist. Ob aber ein Mann homo- 
sexuell ist oder nicht, das können Dritte nicht ohne 
weiteres entscheiden. Deshalb ist auch Erpressern die 
leichte Möglichkeit gegeben, fast jedem Manne mit einer 
Anzeige wegen homosexueller Handlung drohen zu können, 
ohne daß die Absurdität oder Unwahrscheinlichkeit der 
Anzeige auf der Hand liegt, wie dies bei der Bezichtigung 
oder Begehung anderer Delikte oft der Fall wäre. 



— 26 — 



Zieht man nun einerseits den problematischen 
Nutzen (?), den die Bestrafung des gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs zur Folge haben kann mit dem Schaden, den 
die unzähligen 7 Erpressungen dem Staatswohl beifügen, 
in Vergleich, so tiberwiegen zweifellos die Schäden die 
Vorteile der Bestrafung, so sind zweifellos die durch die 
Bestrafung verletzten Interessen weit größer als die durch 
den gleichgeschlechtlichen Verkehr verletzten. Allerdings 
auch nach der Aufhebung der Strafe wird es noch Er- 
pressungen mit homosexueller Bezichtigung geben, aber 
ihre Anzahl wird zu der heutigen Menge eine ver- 
schwindend kleine sein und jedenfalls ihre Wirkung weit 
weniger schädlich und gefährlich. 

Bei vielen Homosexuellen ist heute Erpressung nur 
möglich und erfolgreich, weil sie einer Anzeige bei der 
Staatsanwaltschaft und somit einer — zur Vernichtung 
der Existenz oft genügenden — Untersuchung ausgesetzt 
sind. Die Drohung mit Bekanntmachung der homo- 
sexuellen Anlage bei Freunden oder Verwandten vermag 
schon heute viele Homosexuelle, die sich Verwandten 
und Freunden anvertraut haben, nicht zu ängstigen. Die 
Bezichtigung homosexueller Natur wird schon heute vielen 
Homosexuellen seitens wirklich gebildeter Menschen keine 
Verachtung eintragen. 

Allen diesen Bezichtigungen ist ohne die Möglich- 
keit strafrechtlicher Untersuchung in den meisten Fällen 
ihre gefährlichste Wirkung genommen. Nur in selteneren 
Fällen werden nach Aufhebung des § 175 die Erpresser 
auf die Furcht vor Vernichtung der Existenz, Selbstmord 
usw. spekulieren können und daher notwendigerweise 
sich vermindern. Allein schon die durch den § 175 her- 
vorgerufene Menge der Erpressungen und Züchtung der 
Erpresser würde ein größeres Übel bedeuten, als die 
Straflosigkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs und 
daher zur Abänderung des § 175 führen müssen. 



— 27 — 



Tatsächlich ist sogar eine ganze Reihe von grund- 
sätzlichen Anhängern der Bestrafung des gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs hauptsächlich wegen der durch die Er- 
pressungen erzeugten allgemeinen sozialen Schädigung 
für die Straflosigkeit der homosexuellen Handlungen. 

Aber der § 175 läßt sich auch noch als Quelle 
anderer schwerer Schäden betrachten, die ich schon oben 
berührt habe und zwar hauptsächlich gerade von dem 
Standpunkt der Gegner seiner Aufhebung. 

In Folge der Strafandrohung wird nämlich der ganzen 
homosexuellen Frage eine größere Bedeutung beigelegt, 
als sie es tatsächlich verdient. Wohlgemerkt, ich ver- 
kenne nicht ihre Wichtigkeit und halte es für bedauer- 
lich, daß man bis vor 30 Jahren die Fage kaum kannte 
und so gut wie nicht berühren durfte. Es ist daher er- 
freulich, daß endlich das Schweigen gebrochen, endlich 
die Frage wissenschaftlich untersucht und das richtige 
Wesen der Homosexualität festgestellt wurde, aber in 
Folge des § 175 nehmen allmählich die Erörterungen über 
die Homosexualität einen Umfang und eine Verbreitung 
an, die nur deshalb zu begrüßen sind, weil sie von der 
Unhaltbarkeit des jetzigen strafrechtlichen Zustandes die 
große Masse des Volkes überzeugen sollen. An und für 
sich aber wird dadurch die Bedeutung der Homosexualität 
allzu sehr aufgebauscht, und die Allgemeinheit gezwungen 
sich mit der Homosexualität über Gebühr zu beschäftigen. 
Es wird auch die Ansicht allmählich sich einbürgern, daß 
alle, welche gegen den § 175 verstoßen, Märtyrer eines 
angeborenen Triebes und einer falschen Gesetzgebung 
sind. Alle Anhänger des § 175, welche in dem Hinein- 
tragen der homosexuellen Frage in die breiten Volks- 
massen ein Übel sehen, mögen sich selbst in dem Fort- 
bestehen des § 175 hierfür die Schuld an dieser Ver- 
breitung der Frage zuschreiben. 



— 28 — 



Der durch die wissenschaftliche Feststellung des 
Wesens der Homosexualität notwendig gewordene, bis 
zur Aufhebung der Straf drohung forttobende und mit 
jedem Jahre notgedrungener Weise schärfer und erbitterter 
sich gestaltende Kampf um Abänderung des § 175 wird 
von Jahr zu Jahr immer mehr die ganze Frage in das 
Volk tragen. Wenn man glaubt, daß dies von Übel 
ist und wenn man fürchtet, das Volk könne allmählich 
geradezu mit der Homosexualität sympathisieren, ja es 
könnte eine Art Massensuggestion und Verführung zur 
Homosexualität stattfinden, dann liegt es eben im dringenden 
Interesse derjenigen, welche eine Propaganda für die 
Homosexualität fürchten, daß sie der übermäßigen und 
volkstümlichen oder polemischen Erörterung der Frage, 
der ins Ungeheuere anwachsenden Litteratur und dem 
stetig steigenden allgemeinen Interesse für die ganze 
Bewegung durch Aufhebung des § 175 den Boden ent- 
ziehen. 

Eine Wirkung sodann hat der § 175 schon gehabt: 
Die Beschimpfungen und Verfolgungen, die Strafandrohung 
und die Schmach entehrenden Gefängnisses haben wie 
jede ungerechte Verfolgung eine Klasse von Homo- 
sexuellen zu übertriebenen Forderungen, zu exaltierten 
Anschauungen, zur Uberschätzung und höheren Schätzung 
ihrer Liebe geführt. 

Auch diese durch die blinde Gegnerschaft gezüchteten 
Übertreibungen werden nur mit der Gesetzesänderung 
verschwinden und auf alle Fälle keine Aussicht auf 
weitere Verbreitung haben. 

Den besten Beweis liefern die Länder ohne „Urnings- 
paragraphen," wo eine homosexuelle Frage überhaupt un- 
bekannt ist und die Homosexuellen nicht wie in Deutsch- 
land hervortreten. 

Noch weiteren Schaden stiftet der § 175. Er unter- 
gräbt die Achtung vor dem Gesetz, das Ansehen der 



— 29 — 



Justiz. Und zwar einmal wegen der Ungerechtigkeit, die 
darin besteht, daß im Vergleich zu den Tausenden be- 
gangenen homosexuellen Handlungen ein so verschwindend 
kleiner Bruchteil nur zur Bestrafung gelangt. 

Während man doch sagen kann, daß auf 3 oder 4 
Diebstähle, einer wohl bestraft wird, gilt ähnliches 
von den gleichgeschlechtlichen Handlungen nur in dem 
Verhältnis von vielleicht 1 zu 10000. Der Bestrafte 
erleidet daher nicht einen Akt ausgleichender Gerechtig- 
keit, sondern einen unglücklichen Zufall. Einer wird zu- 
fällig bestraft, während Tausende straflos bleiben. 

Werden aber die homosexuellen Handlungen mit der 
gleichen Energie wie andere Delikte verfolgt, so werden 
so viele Skandale entstehen, so viele Existenzen ver- 
nichtet werden, daß sicherlich mehr Schaden durch den 
§175 gestiftet wird, als durch seine Abänderung. 

Aber auch noch von einem anderen Gesichtspunkt 
aus wird die Achtung vor dem Gesetz zerstört. Denn 
ein Teil des Volkes ist schon über das Wesen der Homo- 
sexualität aufgeklärt und weiß, daß zahlreiche Homosexuelle 
wegen der Betätigung eines anormalen, angeborenen 
Triebes als lasterhafte Verbrecher ins Gefängnis geschickt 
werden. Die Verurteilungen werden daher vielfach — 
werden es mit der fortschreitenden Aufklärung von Tag 
zu Tag mehr — als ungerechte empfunden, die Ver- 
urteilten als Märtyrer eines überlebten Gesetzes be- 
mitleidet. 

Man mag seitens der Verfechter der Strafe derartige 
Auffassungen als falsch bezeichnen, aber Tatsache ist, 
daß jede Verurteilung eines Homosexuellen derartige 
Empfindungen weckt, wie die in den verschiedensten 
Zeitungen erschienenen Aufsätze über den § 175 und 
über seine Reformbedürftigkeit beweisen. 

Diese Empfindung einer kodifizierten Ungerechtigkeit 
und die damit verbundene Geringschätzung des Gesetzes 



— 30 — 



stellen aber schwere Verletzungen von Staatsinteressen 
dar, schwerer als die etwaigen durch den gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr bewirkten Verletzungen des Staatswohls. 

Die Überzeugung und Empfindung, daß das Gesetz 
ungerecht ist, bildet nicht nur einen Schaden für den 
Staat, sondern die Forderung eines als gerecht empfundenen 
Gesetzes muß als eine der Voraussetzungen des 9 richtigen 
Rechte" aufgestellt werden. Denn nach heutiger An- 
schauung ist nur das Gesetz berechtigt, welches auch 
von der Allgemeinheit als ein gerechtes empfunden wird. 
Das Volksbewußtsein kann zwar nicht entscheidend sein, 
um die Bestrafung einer bestimmten Handlung zu recht- 
fertigen, wenn die sonstigen Voraussetzungen des richtigen 
Rechts, also insbesondere ein Eingriff in die Staatsordnung 
nicht vorliegen, es genügt nicht, daß das Volksbewußtsein 
eine Handlung als Verbrechen empfindet, um sie des- 
wegen allein auch zu bestrafen. Dagegen kann eine 
Handlung, auch wenn sie einen Eingriff in die Staats- 
ordnung darstellt, nur dann als strafwürdig gelten, wenn 
sie auch vom Volksbewußtsein als solche empfunden 
wird. Fehlt es an diesem Bewußtsein, dann ermangelt 
das Gesetz der „ethischen Kraft*, wie sich Mittermaier 
treffend ausdrückt, die für jedes Gesetz nach richtigem 
Recht zu verlangen ist. 

Bei dem gleichgeschlechtlichen Verkehr empfindet 
nun ein großer Teil des Volkes und gerade der gebildeten 
— in erster Linie maßgebenden — Kreise die Strafe als 
Ungerechtigkeit, wie die Petition mit ihren Tausenden 
von Unterschriften beweist 

Es entbehrt daher das Gesetz die für seine ethische 
Kraft notwendige allgemeine Uberzeugung von seiner 
Gerechtigkeit und verstößt gegen das „richtige Recht*. 
Seine Aufhebung ist daher geboten. Endlich weist auch 
ein für die Bestimmung des richtigen Rechts sehr wichtiger 
Faktor, die gesamte historische Entwicklung der Gesetze 



— 31 — 



über gleichgeschlechtlichen Verkehr in Europa nicht nur 
auf die allmähliche Einschränkung, sondern das allmähliche 
Verschwinden der Strafe hin. 

Nicht nur die seit vielen Jahrzehnten bestehende 
Straflosigkeit in den romanischen Ländern und in Holland, 
sondern auch die Stellungnahme neuerer Entwürfe des 
Österreichischen und des Schweizerischen, die beide nur 
bei Handlungen mit Jünglingen bis zu einem gewissen 
Alter strafen, zeigen mit einer an Sicherheit grenzenden 
Wahrscheinlichkeit, daß die Zukunft der Straflosigkeit 
des gleichgeschlechtlichen Verkehres an und für sich 
gehört, daß die Straflosigkeit eine historische Notwendig- 
keit bedeutet. 

Die Verwirklichung dieser Notwendigkeit zu be- 
schleunigen und eine Aufhebung der Strafbarkeit des 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs an und für sich auch 
schon vor der allgemeinen Revision des St. G. B. herbei- 
zuführen, ist angesichts des dem „richtigen Recht" wider- 
sprechenden heutigen § 175 und seinen zahlreichen durch 
diesen Paragraphen gestifteten Schäden eine dringende 
und unabweisbare Pflicht des Gesetzgebers. 



Nachtrag. 

Dieser Aufsatz wurde vor den bekannten Skandal- 
prozessen niedergeschrieben. Seitdem hat sich infolge 
dieser Prozesse ein Sturm der Entrüstung gegen die 
Homosexuellen erhoben und eine starke, in zahllosen 
Aufsätzen zutage getretenen Strömung zugunsten der 
Aufrechterhaltung, ja sogar der Verschärfung des § 175 
geltend gemacht. 

Diese Empörung und diese Reaktion sind unbegreif- 
lich, namentlich sind sie in keiner Weise durch diese 
Prozesse gerechtfertigt 



— 32 — 



Weder der Umstand, daß hochstehende Personen zu 
Unrecht, noch die Tatsache, daß andere hochstehende 
Herren zu Recht der Homosexualität bezichtigt worden 
sind, gibt doch ein Grund ab für die Beibehaltung des 
§ 175. 

Im Gegenteil: Wenn man Skandale auf homosexueller 
Basis bedauert, dann werden solche Skandale durch Be- 
seitigung des § 175 zum Teil völlig vermieden, da eine 
strafrechtliche Verfolgung des Homosexuellen dann ent- 
fällt, zum Teil sehr gemindert, weil die Erpressungen 
sich mindern und weil auch die Bezichtigung der Homo- 
sexualität nicht* mehr die Bezichtigung eine zu Ver- 
brechen führenden Neigung bedeutet. Auch sonst 
haben die Prozesse nichts ergeben, was für die Not- 
wendigkeit der Aufrechterhaltung des § 175 spricht. 

Der Nachweis, daß hochstehende adelige Herren 
gleichgeschlechtliche Handlungen vorgenommen haben, 
ist doch kein Grund für die Beibehaltung des § 175, 
denn würden die Homosexuellen keine gleichgeschlecht- 
lichen Handlungen begehen, dann wäre ja der ganze 
Streit um den § 175 müßig. 

Die Tatsache aber, daß sich Soldaten militärischen 
Vorgesetzten hingegeben haben, kann in keiner Weise 
an und für sich für die -Beibehaltung des § 175 ver- 
wertet werden. Denn mit der Frage der Strafbarkeit 
oder Straflosigkeit der gleichgeschlechtlichen Handlungen 
an und für sich hat diese Frage von sexuellen Hand- 
lungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen nichts 
zu tun. Die letzteren Handlungen sind nach anderen 
Paragraphen als nach § 175 schon strafbar und sollen 
und müssen auch strafbar bleiben. Straflosigkeit für 
derartige Handlungen hat noch nie Jemand verlangt. 

Ebensowenig sich aus diesen Skandalprozessen irgend 
welche Gründe für die Aufrechterhaltung des § 175 er- 
geben haben, ebensowenig haben die zahlreichen, die Bei- 



— 33 — 



behaltung dieses Paragraphen fordernde Aufsätze irgend 
welche stichhaltigen Gründen hierfür anführen hönnen. 
Was soll man dazu sagen, wenn Männer wie der frühere 
O.-L.-G.-Pr.Hamm 1 ) oder der bekannte Philosoph Paulsen 9 ) 
Aufsätze schreiben, in denen sie nicht etwa in objeotiver, 
wissenschaftlicher Weise das Für und Wider den 
§175 erörtern, sondern mit flammenden Worten, cum 
ira et studio einfach die Beibehaltung der mittelalterlichen 
Strafandrohung predigen unter Leugnung der wissen- 
schaftlichen Forschungsergebnisse und mit der nichts- 
sagenden Begründung, es müsse der Volksvergiftung 
vorgebeugt und der Kränkung des sittlichen Bewußtseins 
Rechnung getragen werden. 

Wie schwach muß es auch mit den Gründen der 
Gegner bestellt sein, wenn z. B. Oberstaatsanwalt Dr. 
Hoegel-Wien in einer Besprechung der Arbeit Mittermaiers 8 ) 
als Grund für die Aufrechterhaltung der Strafandrohung 
nichts weiter anführen kann, als es müsse der degene- 
rierenden Wirkung der Verbreitung derartiger Unzuchts- 
formen vorgebeugt werden und es müsse »der gesunde 
Abscheu des Volkes (!) aufrecht erhalten bleiben Wenn 
der Sturm vorüber, wird sicherlich auch bei den Gegnern 
eine würdigere und ruhigere Betrachtungsweise Platz 
greifen. 

Schon während des allgemeinen »Kesseltreibens" 
gegen die Homosexuellen sind übrigens mehrere Artikel 
erschienen, welche gegen diese Hetze Front gemacht 
und den Mut gehabt haben, auch während dieser den 
Homosexuellen so abholden Zeit die Straflosigkeit der 
gleichgeschlechtlichen Handlungen als eine Forderung 
der Gerechtigkeit zu verlangen. 



l ) In der deutschen Juristen-Zeitung vom 1. Dezember 1907. 

*) In der „Woche" vom 4. Januar 1908. 

•) In der deutsehen Juristen-Zeitung vom 15. Januar 1908« 

Jahrbuch IX. 3 



— 34 — 



Es sind dies: 

Theodor von Sosnosky (Wien). Ein dunkles 
Kapitel in der Gegenwart vom 9. und 16. Nov. 1907. 

Hofrat Dr. Friedländer-Hohe Mark, Psychologie 
und Gesetz. (Anregungen aus dem Prozeß Moltke- 
Harden) in der „Umschau 11 vom 9. November 1907. 

Dr. med. et jur. Heinrich Schmidt Das homo- 
sexuelle Problem in der „Zukunft* vom 21. Dez. 1907. 

Endlich die ganz besondere wertvolle Abhandlung 
von Loewenfeld «Homosexualität und Strafgesetz* 
(Nach einem in der kriminalistischen Sektion des aka- 
demisch-juristischen Vereins zu München am 17. XII. 07 
gehaltenen Vortrag) [Wiesbaden, Verlag Bergmann 1908], 
in der Loewenfeld sich ganz entschieden gegen die 
Urningshetze wendet und energisch die Straflosigkeit des 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs verlangt 

Auch Moll, auf den sogar die Gegner, z. B. Hamm 
als eine erste Autorität auf dem Gebiet der konträren 
Sexualempfindung sich berufen, verlangt in seinem be- 
kannten Aufsatz in der deutschen Medizinischen Wochen- 
schrift vom 14. November 1907, obgleich er sich gegen 
gewisse Seiten der bisherigen Agitation wendet, nach 
wie vor Straflosigkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs 
und will nur ein höheres Schutzalter (18 ev. sogar 21 
Jahre) festgesetzt haben. 



Ober die Komplikationen der Homosexualität 
mit andern sexuellen Anomalien. 

Von 

Dp. Alfred Kind. 



8* 



P^I ehrfach haben mir gegenüber gebildete Homosexuelle, 
auch solche, die Fachstudien irgend welcher Art 
auf diesem Gebiete gemacht hatten, ihre Meinung dahin 
geäußert, als ob der Begriff der „Homosexualität" 
die Triebanlage aller derjenigen schon völlig bezeichne 
oder erschöpfe, die eine Neigung zu demselben, äußer- 
lich erkennbaren, Geschlechte empfinden. So schreibt 
mir ein Gelehrter, die Griechen hätten „in ihrer wunder- 
baren Gesundheit des physischen und psychischen Lebens* 
nichts von Sadismus, Masochismus usw. gewußt, und schon 
daraus könne man indirekt den Schluß ziehn, daß die 
PaedophiKe „nichts Unnatürliches oder Krankhaftes* sei. 
Der hier ausgesprochene Gedanke enthält, wie wir weiter 
sehen werden, eine logische Zwickmühle: er beruht auf 
einer Verkennung des Tatsächlichen und auf der Vor- 
stellung, daß sich die psychischen Individualitäten ohne 
weiteres in die eine oder die andere der bekannten 
summarischen Rubriken unterbringen lassen. Ähnlich 
wird vielfach bei der Exploration die Frage nach Kompli- 
kationen mit Erstaunen und selbst mit Entrüstimg 
verneint. Diese Entrüstung beweist aber nichts für die 
unkomplizierte „Reinheit" der Homosexualität als 
solcher, sondern nur, daß der betreffenden Persönlich- 
keit die erfragten Ideenassoziationen oder Neigungen 
fremd sind. 

In Wirklichkeit kommen die Komplikationen der 
Homosexualität mit andern Abweichungen von der 
Norm bedeutend häufiger vor, als von ferne vermutet 



— 38 — 



wird. Als „Norm 0 sei hier im landläufigen Sinne die 
Tendenz beider Geschlechter betrachtet, ihre Geschlechts- 
teile zum Zweck der Befruchtung zu vereinigen. Es 
bleibt allerdings der bisher vernachlässigten Erforschung 
des normalen Sexuallebens der Beweis dafür noch vor- 
behalten, daß der menschliche Instinkt wirklich in der 
überwiegenden Mehrzahl der Fälle direkt auf den Koitus 
gerichtet ist Es erscheint doch zweifelhaft, ob für die 
Majorität eine vererbte, apriorische Instinktkenntnis 
vom Koitus als einer Lusthandlung besteht, etwa in der 
Weise, wie der Vogel die Kenntnis vom Nestbau besitzt» 
und ob nicht dies Wissen viel häufiger durch optische 
Eindrücke oder Belehrung 1 ) oder Ausprobieren erworben 
wird, eine Sache, die bei dem mutmaßliohen Alter der 
Erbfolge des Menschengeschlechts immerhin merkwürdig 
ist Ließe es sich erweisen, daß der Sexualinstinkt des 
Menschen schlechthin auf Lusthandlungen sehr 
variabler Art gerichtet ist, von denen dann eine auch 
der Koitus wäre, was der im Naturreich üblichen Samen- 
und Eiversch wendung durchaus parallel liefe: so würden 
die Anschauungen vom Normal- und Abnormsein 
der Triebäußerungen einer erheblichen Revision unter- 
zogen werden müssen« Vorläufig aber mag der be- 
fruchtende Beischlaf als Norm zur Erkennung der Ab- 
weichungen dienen. 

Da nun aber diese einmal angenommene „Richtschnur* 
den zweifelhaften Charakter alles Kanonischen an sich 
trägt, so möchte ich sie nur zur tatsächlichen Fest- 
stellung, nicht aber zur Bewertung einer Abweichung 
verwendet wissen. Es wird viel nutzlose Lungenkraft 
verbraucht im Streite der Meinungen, ob diese oder jene 

l ) Man denke z. B. an die oft bespöttelten mütterlichen In- 
struktionen der Braut vor der Hochzeitanaoht Über diese Frage 
habe ich im IV. Bande der Anthropophyteia eine Diskussion 
angeregt und bitte hier gleichfalls um Zuwendung von Mitteilungen- 



— 39 — 



Erscheinung gesund oder krankhaft, physiologisch oder 
pathologisch sei. Aus den eben erwähnten Gründen ist 
die Entscheidung dieser Frage vorderhand in suspenso 
zu lassen. Es war von vornherein anzunehmen, daß die 
einstmals so begeisterten Vorfechter des „Pathologischen" 
eines Tages zur Umkehr satteln würden, weil die Truppen 
des Beweismaterials hinter ihnen immer mehr seitwärts 
abschwenkten. Gänzlich zu verwerfen aber ist 'die 
moralische und gefühlsmäßige, verallgemeinernde Bewer- 
tung von Abweichungen in malam et in bonam partem, 
wie sie nicht nur bei Forschern, sondern .gerade auch in 
den Kreisen der Homosexuellen beliebt ist. Wenn der 
einzelne von sich selber aus sagt: dies gilt mir als schön 
und jenes als häßlich, so läßt sich zu solcher Behauptung 
weder pro noch contra etwas beibringen. Aber eine der- 
artige Äußerung kann die naturwissenschaftliche Betrach- 
tung nicht im geringsten interessieren. Es gibt weder 
schlechthin göttliche noch schlechthin ekelhafte Ab- 
weichungen und Handlungen. In dem einen Fall verlangt 
der Handelnde vom Unbeteiligten ein äquivalentes und 
unmögliches Mitschwingen; im andern behauptet der 
Unbeteiligte vom Handelnden einfach eine unwahre Tat- 
sache; denn eine Lust handlung welcher Art auch immer 
wird eben vom Handelnden nicht als Ekel empfunden. 
In dem einen Fall liegt also Selbstüberhebung vor, im 
andern Herabwürdigung, d. h. nur Auswüchse einer auf 
Gerechtigkeit basierten Ethik. 

Es entsteht nun die Frage: bedeutet jedwede andre 
Lasthandlung außerhalb des Koitus zwischen Mann und 
Weib eine sexuelle Anomalie im Sinne einer Tri;eb- 
abweichung? Davon kann gar keine Rede sein. Es 
kommt darauf an, immer unter der Prämisse der an- 
genommenen Norm, durch welche Handlungen nicht ver- 
einzelt oder vorübergehend, sondern dauernd der 
Orgasmus d. h. der Kulminationspunkt der Lust oder die 



— 40 — 

Mollsche Detumeszenz herbeigeführt werden. Die sog. 
ars amandi der Völker wimmelt von Ratschlägen zu 
Handlungen, die als präparatorische zu bezeichnen 
sind, und die ein Hinausdehnen des Vorluststadiums 
bezwecken. Es kann bei diesem Liebesspiel die Detu- 
meszenz vorzeitig eintreten, ohne daß deshalb die Trieb- 
anlage als solche abweicht 

Um ein Beispiel aus der Kulturgeschichte zu nehmen, 
so handelt es sich durchaus nicht um Homosexualität 
wie voreilige Subjektivisten annehmen würden, wenn 
BernhardStern in seiner „Geschichte der öffentlichen 
Sittlichkeit in Rußland - Bd. I, p. 878 folgendes berichtet: 
„Eine bemerkenswerte Truppe am Hofe der russischen 
Zarinnen des 18. Jahrhunderts bilden die zahlreichen 
offiziellen Fußsohl enkitzlerinnen. Die russischen 
Frauen hatten seit jeher in ihrem Terem Sklavinnen, 
deren einzige Pflicht es war, der Herrin die Fußsohlen 
zu kitzeln, um ihr Wollust zu bereiten. Anna 
Iwanowna erhob dieses Amt zuerst zu einer offiziellen 
Hofwürde. Die Regentin Anna Leopoldowna, die Braun- 
schweigerin, die nach dem Tode der Zarin Anna Iwanowna 
für das Wickelkind Iwan die Herrschaft führte, hatte in 
ihrem Alkoven nicht weniger als sechs offizielle Fuß- 
sohlenkitzlerinnen, die der Fürstin um die Wette Ver- 
gnügen zu bereiten trachteten. Während diese Frauen 
die Sohlen kitzelten, erzählten sie auch schlüpfrige 
Geschichten und sangen obszöne Lieder. Bei der Zarin 
Elisabeth bilden die Kitzlerinnen ein großes Korps, das 
unter Aufsicht eines besonderen Beamten, des ehemaligen 
Ofenheizers und späteren Generalleutnants Wassily Iwano- 
witsch Tschulkow steht; Tschulkow hat am Hofe Elisa- 
beths die Stellung eines Kammerherrn; seine spezielle 
Pflicht ist es, allabendlich seine Matratze vor dem Bette 
Elisabeths auszubreiten und zu ihren Füßen zu schlafen, 
ganz gleich, ob die Zarin in ihrem Bette allein liegt oder 



— 41 — 



Gesellschaft hat, usw. Diese Kitzlerinnen entstammen 
größtenteils der vornehmsten Gesellschaft: so Mawra 
Jagorowna Schepelejew und Maria Bogdanowna Golowin, 
die Witwe des Admirals Peters des Großen. Die Golowin 
führt anch den besonderen Titel: Klapsweib, weil sie 
hauptsächlich die dnrch Ausschweifungen erschöpfte 
Zarin durch Klapsen auf den kaiserlichen Hintern zu 
erfrischen hat." 

Eine Triebabweichung von der angenommenen Norm 
ist also erst dann zu konstatieren, wenn andere, als 
Koitushandlungen, 'dauernd das Endziel der Libido 
bilden. Von diesem Gesichtspunkt aus ist man zur Auf- 
stellung der bekannten Rubriken gelangt, indem man zu- 
nächst die auffälligsten Erscheinungen der einen oder 
andern Richtung der Betrachtung unterzog. Bei näherem 
Zusehn ergaben sich dann im einzelnen wieder so viele 
Unterscheidungsmerkmale, daß man zur Bildung von 
Unterabteilungen schritt So ist die Krafft-Ebingsche 
Klassifizierung der Homosexualität der Männer etwa 
folgende: 

I. Angeborene konträre Empfindung 

1. Psychische Hermaphrodisie, 

2. Homosexuale oder Urninge, 

3. Effeminatio, 

4. Androgyne. 

IL Erworbene konträre Empfindung 

1. Einfache Verkehrung der Empfindung, 

2. Eviratio und Defeminatio, 

3. Übergang zur Metamorphosis sexualis paranoica, 

4. Metamorphosis sexualis paranoica. 

Schon Moll 1 ) hat betont, daß diese Gruppen zwar 
praktisch seien, die Fälle mit Leichtigkeit unterzubringen, 
daß aber zuweilen Schwierigkeiten' infolge von Korn- 



') Die konträre Sexnalempfindung, 1891. p. 160. 



— 42 — 



plikationen entständen. So sah er Fälle von aus- 
gesprochener Effeminatio, Männer, die sich in ihrem 
ganzen Wesen wie Weiber benahmen, dennoch aber zeit- 
weise mit Weibern sexuell verkehrten und hierbei be- 
friedigt wurden, die also gleichzeitig in die Gruppen 1, 1 
und 1,3 gehören würden. Dies Beispiel im Kleinen zeigt 
schon, was eventuell im Großen zu erwarten steht, d. h. 
wenn nun etwa gar die Homosexualität mit dem Masochis- 
mus oder Fetischismus oder einer ihrer Untergruppen 
aufs innigste kompliziert ist Wissenschaft ist ja Ordnung, 
und das nebeneinander Sortieren der Einzelteile ermög- 
licht erst die Gesamtübersicht. Aber es ist zu bedenken, 
daß wir es auf dem Gebiete der Triebanlagen mit fließen- 
den Übergängen und mannigfachsten Ausstrahlungen zu 
tun haben, und daß, wie die Beispiele zeigen werden, 
die Kompliziertheit der Anlagen unerwartet häufig ist. 
Deshalb bin ich im Zweifel, ob ich die minutiöse Rubri- 
zierung Rohleders 1 ) als einen Fortschritt in der Er- 
kenntnis der Dinge betrachten soll. Z. B. teilt Rohleder 
ungefähr dasselbe Untersuchungsgebiet, wie oben Krafft- 
Ebing, folgendermaßen ein: 
Homosexuelle Perversionen: 
I. Masturbation, 

IL Psychosexuelle Hermaphrodisie, 
III. Reiner Konträrsexualismus beim männlichen Ge- 
schlecht: 

1. Griechische Liebe (Paedophilie), 

2. Fellatio, 

. 3. Paederastie, 

4. Konträrsexualismus sensu stricto: 

a) Mutuelle Onanie, 

b) Immissio penis inter femora, 



') Vorlesungen über Geschlechtstrieb und gesamtes Geschlechts- 
leben des Menschen. 2. Auflage. 2 Bde. 1907. 



— 43 — 

c) Coitus in axillas, 

d) Coitus inter genua, 

e) Appressio penis ad partem corporis alterius, 

f) Küssen, Liebkosungen. 

IV. Konträrsexualismus beim weiblichen Geschlecht (folgt 
spezielle Einteilung). 

Diese Rubriken gleichen nun mehrfach den Prokrustes- 
betten: man bekommt eine Psyche nicht lebend hinein. 
Unzweifelhaft ist hier und andern Orts die bona fides 
der Autoren vorhanden, der Wissenschaft zu nützen; der 
Mangel liegt auch nicht in der Person, sondern in der 
Methode. Kompilatorisch läßt sich heute nicht das 
geringste mehr erreichen. Die vorhandene alte Kasuistik 
ist von jedem neuen Buchschreiber um und um gedreht, 
von Kräften dritten und vierten Ranges ins Publikum 
geschleppt worden, sodaß die immer wiederkehrende An- 
sicht der gleichen Bilder den Eindruck der Versteinerung 
macht. Also Neuheit der Fälle und Ausführlichkeit ist 
neben kritischer Sichtung nirgends mehr am Platze, als 
gerade beim biographischen Detail. Nun ist es, bei dem 
beschränkten Raum, der mir hier zur Verfügung steht, 
leider nicht möglich, in vollem Umfang zu zeigen, 
wie oft jene starren Systeme durch die Vielfältigkeit 
der Komplikationen beim Lebenden gesprengt werden; 
das muß an andrer Stelle geschehn. l ) Aber ein kursorischer 
Uberblick über ein nicht unbeträchtliches Material wird 
dennoch zur Aufklärung der Leser beitragen. 

Vorerst muß bemerkt werden, daß Komplikationen 
durchaus nicht neu und unbekannt sind. Krafft-Ebing 
erwähnt sie, Psychopathia sexualis 12. Aufl. p. 306. 
Moll hat ihnen schon in der ersten Auflage der „Kon- 

a ) Mitteilungen aus dem Kreise der Leser sind dringend er- 
wünscht und schätzenswert. Ohne das rege Interesse freiwilliger 
Mitarbeiter, namentlich auch Normaler, kann die Sexaalforschung 
unmöglich vorwärts kommen. 



— 44 — 



trären Sexualempfindung" ein besonderes Kapitel ge- 
widmet p. 122 — 149. Er erwähnt: Fetischismus inbezug 
auf Taschentücher und Stiefel; schwarze Strümpfe und 
Lackschuhe als integrierenden Teil des reizenden Objekts; 
Bekleidung des Mannes als Voraussetzung der Libido; 
ausgeprägte Vorliebe für Samt, Seide und Pelz; Küssen 
und Lecken sowohl sauberer wie schweißiger Füße; Er- 
regung durch straff sitzende Hosen; Schläge durch den 
Geliebten; Küssen des Anus; bibere urinam; voyeur; 
Zufügen von Wunden; Neigung zu unreifen Knaben; zu 
alten Männern; zu Statuen; Lecken der Ohren; endlich 
ausführlich den Fall des Masochisten, der in der Provinz 
eine Villa mietet und den Diener instruiert, er werde 
ihm einen Kerl (das war er nämlich selber) schicken, den 
er nach Belieben malträtieren und in hündischer Weise 
zu seiner sexuellen Bedienung abrichten solle. Ferner 
in der 8. Auflage p. 295 einen eigentümlich intensiven 
Fall von Koprolagnie. Auch Havelock Ellis bringt 
in den „Krankhaften Geschlechtsempfindungen", 1907, 
auf Seite 145 einen Fall von Fetischismus für Schaft- 
stiefel bei Homosexualität. In Mo Iis „ Untersuchungen 
über die Libido sexualis* finden sich, verstreut in anderem 
Zusammenhang, folgende Beispiele: Fall 9, Kinäde mit 
starkem Passivismus und pica; Fall 11, homosexuelle 
cunnilinga mit geistigem Masochismus und Kostümreiz 1 ); 
Fall 17, Bisexualität nnd Geruchsfetischismus; Fall 19, 
Paedophilie mit Bartwuchshaß und lügnerischer Aus- 
malung heterosexueller Abenteuer; Fall 22, Homosexualität 
mit Masochismus (Schlagen, Knebeln, Selbstpeinigung), 
daneben heterosexuelle Episoden; Fall 25, homosexuelle 



') Über den erotischen Verkleidungstrieb bei Heterosexuellen, 
als originären Hauptinhalt der Libido, erscheint demnächst eine 
Studie von Magnus Hirschfeld und mir bei Fisoher's Media. 
Buchhandlung H. Kornfeld, Berlin. 



— 45 — 



Neigung nur zu Unreifen; Fall 26, Homosexualität und 
Sadismus (Enabenflagellation); Fall 27, das gleiche; 
Fall 33, Fußfetisohismue zu beiden Geschlechtern; Fall 72, 
Homosexualität, nur selbst-roasturbatorisch; Fall 74, 
Bisexualität, Mixoskopie, Gerontophilie, auto-paedioatio 
cum machina 1 ), libido vaga imaginaria. 

Diese paar Stichproben zeigen schon, wie bekannt 
die Dinge sind, oder sein sollten. Man brancht auch 
nur die Hirschf eldsche Kasuistik im vorigen Jahrbuch 
(Vom Wesen der Liebe) aufmerksam zu lesen, um zu 
erkennen, wie ungemein verschieden die psychische Re- 
aktionsfähigkeit der Individuen ist Da hat der Unter- 
sucher dem einzelnen die Frage vorgelegt: was ist denn 
eigentlich dein Fall in der Liebe? d. h. in welcher Ge- 
stalt projiziert sich deine einmal fest eingestellte Sehn- 
sucht nach außen? Die Antwort bezieht sich infolgedessen 
mehr auf die körperliche Erscheinung und den Charakter 
der geliebten Personen. Aber diese Projektion wurzelt 
auf dem Untergrunde bestimmter begehrter Lusthand- 
lungen, die häufig nicht in eine, sondern in mehrere, 
scheinbar heterogene Kategorien der sogen. Perversionen 
untergebracht werden können. 

Ich gebe nun Einzelheiten aus einem unveröffent- 
lichten Material von rund 550 befragten Homo- 
sexuellen, die rein zufällig zusammen gekommen und 
nicht etwa speziell auf Komplikationen hin ausgelesen 
wurden. Da die masochistische Färbung der Libido 
relativ am häufigsten auftritt, so mag die ausführliche 
Darstellung zweier derartiger Fälle die Reihe eröffnen. 

') Vgl. unten Fall 7. Derart heftige Anlagen machen das 
Vorhandensein obscoener Bücher der Weltliteratur verständlich, 
wie Le Diable an corps von Andrea de Neroiat oder L'Anti- 
Jnstine von Restif de la Bretonne, Bücher, die zunächst den 
Eindruck machen, als seien sie in einem Anfall von Irresein 
conoipiert. 



— 46 — 



Fall l. 1 ) Herr X., Akademiker, in den Zwanzigern, 
stammt von gesunden Eltern; von erblicher Belastung 
oder Triebabweichungen in der Verwandtschaft läßt sich 
nichts nachweisen. Körperliche Entwicklung verlief 
normal mit nur unbedeutenden Einderkrankheiten. Wurde 
bei der militärischen Untersuchung wegen allgemeiner 
Körperschwäche für dienstuntauglich erklärt. Habitus 
entschieden männlich, Hüften schmal, Konturen eckig 
und mager, Arme und Schenkel mehr abgeflacht als ge- 
rundet, Muskeln schwach entwickelt Es besteht Ab- 
neigung gegen Turnen und Sport, Unkenntnis des Tanzens. 
Schritte fest, rasch, elastisch; Rumpfhaltung ruhig, etwas 
geneigt. Haut zart, glatt, Neigung zu Akne. Brustdrüse 
männlich. Körperbehaarung schwach, Bartwuchs erst mit 
19 Jahren, Kopfhaar voll. Schmerzempfindlichkeit leicht 
unterdrückbar. Adamsapfel tritt wenig hervor. Stimme 
hoch und etwas leise. Nach großen Aufregungen Schlaf- 
losigkeit, Zittern, Mattigkeit, einseitiger Kopfschmerz. 
Freigeist, gefällig, etwas eitel. Im Verkehr zurück- 
haltend, ordentlich, anständig; von Stimmungen abhängig, 
«braucht Sonne", doch ziemlich zielbewußt und willens- 
kräftig. Baucht nicht, trinkt und verträgt Bier (bis 
3 Schoppen). Gedächtnis mangelhaft, Phantasie sehr 
stark; hat Novellen und Stücke geschrieben, nicht ohne 
Geschick. Keinerlei Interesse für Frauenkostüm vor- 
handen. Geschlechtliche Neigungen traten im Alter von 
13 Jahren zuerst auf, immer gleichbleibend zum eigenen 
Geschlecht. Hat nie einen Akt mit anderen Per- 



') Während der Drucklegung dieser Arbeit erschien die drei- 
zehnte Auflage von Krafft-EbingsPsyohopathia sexualis, heraus- 
gegeben von Alfred Fuchs. Hier finde ioh auf p. 160 ff, aus 
dem Nachlafi Krafft-Ebings ohne weitere Bemerkungen veröffentlicht, 
auch vorliegenden lehrreichen Fall 1. Ein solches publizistisches 
Zusammentreffen konnte ich natürlich nicht ahnen; sonst hätte ioh 
einen andern Fall an die Stelle dieses gesetzt 



— 47 — 



8on en ausgeübt. Gesellschaftlicher Verkehr mit Damen 
ist ohne jeden Widerwillen lind unbefangen. Hat ehrlich 
aber erfolglos gegen seine Natur angekämpft, fühlt sich 
anglücklich, denkt aber nicht an Selbstmord. Hält sich 
vorsichtshalber von Homosexuellen fern. 

Aus seinen Kinderjahren stammt folgende Angabe 1 ): 
„Ich spielte einmal gegen meine Gewohnheit mit einem 
älteren Knaben Pflanzer und Indianer und wurde dabei 
gefangen genommen und gemartert, d. h. der ältere Knabe 
hieß mich auf einen Di van legen, setzte sich rittlings 
auf mich, sodaß seine mit Kniehosen bekleideten warmen 
Schenkel meinen Hals umklammerten, riß mich an den 
Haaren und Ohren, gab mir Maulschellen, zwickte und 
puffte mich usw. Ich empfand damals das Entehrende 
dieser Mißhandlungen und namentlich meiner Stellung 
deutlich, setzte mich aber doch nicht zur Wehr infolge 
eines unklaren Lustgefühls." 

„Das ist alles Sexuelle, was sich vor meinem 13. Lebens- 
jahre nachweisen läßt. Geprügelt wurde ich sonst nie, 
wenn ich von einigen Ohrfeigen und Raufereien mit 
Kameraden absehe, habe auch nie irgend einer Szene 
beigewohnt, in der jemand in auffallender oder gar 
grausamer Weise geprügelt worden wäre. Mein Umgang 
•war durchaus anständig; Verführungen war ich nicht 
zugänglich, weil ich nie neugierig gewesen bin und bei 
etwaigen Andeutungen über sexuelle Fragen aus Eitelkeit 
immer so tat, als sei mir „nichts Menschliches fremd". 
Von Kind auf hatte ich nämlich eine ungeheure Scheu 
vor Blamage und fragte deshalb weit weniger, als kleine 
Jungens sonst zu fragen pflegen. So kam es, daß mein 
Vater mich leider für aufgeklärt hielt und das richtige 
Thema mit mir zu besprechen verabsäumte. Im Alter 
von 13 Jahren war ich ohne Ahnung von den geschlecht- 



') Textlich redigiert. 



— 48 — 



liehen Vorgängen und hatte nur äußerst unklare und 
falsche Vorstellungen von der Menschwerdung/ 4 

„Um diese Zeit fiel ich im Gymnasium durch, und 
die Eltern drohten mir aus pädagogischen Gründen, sie 
würden mich, falls ich mich nicht bessern sollte, in eine 
Lehre stecken. 1 ) Meiner Gewohnheit gemäß malte ich 
mir diese Eventualität sofort in bunten Farben aus, und, 
während ich scheinbar im Lehrbuch studierte, stellte ich 
mir vor, ich sei ein Maurerlehrling. In dieser Phantasie 
trug ich bloß ein Leibchen und kurze Leinenhosen, 
schwitzte aber trotzdem bei der Arbeit und wurde von 
allen Vorgesetzten, unter denen ich mir ein wenig ältere 
Knaben vorstellte, oft und derb beschimpft und gezüchtigt. 
Diese Idee erregte in mir ein damals neues und un- 
erklärliches, heute als wollüstig erkanntes Gefühl 
aus. Einige recht kräftige Hiebe machte ich mir selber 
dadurch anschaulicher, daß ich mich mehrmals mit ge- 
ballter Faust in die Gegend des anus boxte. In dem 
Augenblick trat Ejakulation ein. Ich stand der neuen 
Erscheinung zunächst vollkommen ratlos gegenüber und 
erschrak, weil ich dachte, ich hätte mich verletzt und 
blutete. Als ich aber nachsah und einen liquor albus 
entdeckte, zudem keinerlei Schmerzen vielmehr Wohl- 



*) Man ersieht hieraus die ungeheuren Schwierigkeiten einer 
sexuellen Erziehung. Eine elterliche „Aufklärung 11 wäre natürlich 
nicht an der Hand von Krafft-Ebing erfolgt, hätte jedenfalls den 
Masoohismus nicht erwähnt. Aber auch wenn er erwähnt worden 
wäre, so würde das dem X nur Nahrung für seine Phantasie ge- 
wesen sein. Das zeigt wiederum die eventuelle Gefahr einer 
Aufklärung. Andrerseits erkennt man, was eine gutgemeinte 
Strafandrohung für merkwürdige Folgen zeitigen kann. Wer die 
Stärke der eingeborenen Triebe erkannt hat und andrerseits 
auch weiß, was alles für undenkbare Möglichkeiten auf die 
Psyche eines Kindes erotisch wirken können, der wird zugeben, 
daß wir diesen Verhältnissen vollkommen machtlos gegenüberstehen, 
und daß jede Pädagogik eigentlich im Dunklen tappt 



— 49 ^ 



gefühl verspürte, benannte ich erfinderisch die Flüssigkeit 
„lac puerorum* und nahm mir vor, dem merkwürdigen 
Zufall näher nachzuspüren. So entwickelte sich mein 
Hang zur Masturbation durchaus instinktiv, ohne Ver- 
führung, ohne Ahnung vom Wesen der Sache und ohne 
jede Spur unmoralischer Absicht Als ich in den nächsten 
Tagen meiner Selbstuntersuchung darauf kam, daß sich 
die Ejakulation am bequemsten manuum tractatione er- 
zielen lasse, und daß mir diese vermeintlich gänzlich 
harmlose Spielerei immer mehr Befriedigung gewährte, 
da wurde mir die Masturbation rasch zur Gewohnheit* 
„Zwei Jahre lang oder länger trieb ich das so als 
„reiner Tor". Erst zu dieser mir heut unbegreiflich spät 
erscheinenden Zeit (im Alter zwischen 15 und 16 Jahren) 
holte ich mir aus einem Konversations-Lexikon Rat und 
versuchte entsetzt einzuhalten 1 ). Doch trotz ehrlicher 
und angestrengter Bemühung ließ sich der Trieb nicht 
mehr bändigen. Volle Aufklärung über das „Krankhafte* 
meines Zustandes brachte mir erst Krafft-Ebings Psycho- 
pathia sexualis, als ich 22 Jahre alt war.* 8 ) 

') Dieses Nachschlagen ist typisch. Leider zeigen sich die Kon- 
versations-Lexika der Aufgabe nicht gewachsen. Der große Meyer, 
5. Auflage, widmet dem Artikel Onanie eine dürftige halbe Seite. 

*) Aach dies ist für unsere Zeitgenossen typisch; gleichfalls 
daß die Lektüre von Krafft-Ebing deprimierend wirkt, wie die 
der verrufenen Onanie- Bücher. Zwar tadelt Moll (Libido sexualis 
p. 556) solche Leser als oberflächlich, die aus dem zum Zweck ab- 
schreckender Gelahrtheit gewühlten Titel ohne weiteres auf eine be- 
sondere Geisteskrankheit schließen. Doch kann man es dem Laien 
nicht verübeln, wenn er zum Kopfhänger wird über der Erkenntnis, 
daß er jedenfalls ein „Degenerierter" und geistig „Krankhafter" 
sei. Krafft-Ebing kennt sogar eine „pathologische" liebe von 
Ehefrauen zu andern Männern, die darin besteht, daß die Frau so 
„schamlos" ist, ihr „schreckliches Geheimnis vor dem Mann nicht 
zu „verbergen". Wenig erbaulich ist es andrerseits, wenn Krafft- 
Ebing z. B. von einem Perversen „vermutet, daß er doch endlich den 
Mut gefunden habe, seinem traurigen Dasein ein Ende zu machen." 

Jahrbach IX. 4 



50 — 



„Bis zum heutigen Tage nun sind die meine Mastur- 
bation begleitenden Phantasien wesentlich einer Art 
gewesen, wenn auch in den mannigfachsten Varianten. 
Die Diagnose, die ich mir selber stellte, und die mir 
auch von Krafft-Ebing persönlich bestätigt wurde, lautete: 
ein durch Homosexualität kompliziertes Gemisch von 
Sadismus und Masochismus unter fetischistischen Begleit- 
erscheinungen. Infolge der vollen Klarheit über meinen 
Zustand, infolge meiner litterarischen Tätigkeit, der 
Lektüre des „Eigenen" und vieler anderer Ursachen, 
traten seither kleine Verschiebungen oder 9 Besserungen * 
ein, und ich sage heut etwas weniger trostlos: Homo- 
sexualität in zwei parallelen Erscheinungen/ 

„Erste Form: durchaus reine Freude an der körper- 
lichen Schönheit, Geistesfrische und Unschuld kleiner 
Knaben im Alter von etwa 8 bis 16 Jahren; fetischistische 
Begleiterscheinungen auch bei dieser Form; äußert sich 
in ehrlicher Freundschaft zu verschiedenen Jungens, bei 
größerer Intimität und Zustimmung der Eltern in sanften 
Liebkosungen, wie Streicheln der Haare und Wangen, 
Anschmiegen, Umarmung; ärgster Exzeß ist ein gelegent- 
licher Kuß/ 

«Zweite Form: Der alte Hang zur Masturbation bei 
unveränderter Art der begleitenden Phantasien. Da ist 
nun zunächst zu sagen, daß in meinen Darstellungen 
niemals die Geschlechtsorgane oder ein geschlechtlicher 
Akt l ) irgend eine Rolle spielen. Paedicatio ist mir eben- 
so unmöglich wie coitus cum mutiere. Ebenso wenig 
kann ich einen Knaben re vera tätlich mißhandeln, ob- 
wohl der Sadismus in meinen Phantasien die größten 
Orgien vollführt 41 



') Dies ist eine verkehrte Auffassung des X. Für ihn be- 
steht eben der „geschlechtliche Akt* in dem, was er weiter unten 
schildert 



— 51 — 



„Charakteristisch für meine Vorstellungen sind 
Knaben in Kniehosen. Ihr Alter schwankt. Die jüngsten 
stehen im Beginn der gesetzlichen Schulpflicht; unter 
6 Jahren hat noch nie einer Eindruck auf mich gemacht ; 
die maximale Altersgrenze ist ungefähr die Pubertät. 
Auch Jungens von 16 — 17 Jahren könnte ich lieben, wo- 
fern sie kurze Hosen tragen; doch verlieren schon vier- 
zehnjährige für mich oft an Interesse, wenn sie den 
unschuldigen Blick nicht mehr haben. Sollten aus- 
gesprochene Lieblinge plötzlich in langen Hosen auftreten, 
so wäre der Reiz vorbei, und ich müßte sie erst gewalt- 
sam in das andere Kostüm umdenken. Das „gefähr- 
lichste* Alter sind fiir mich jedenfalls die Jahre zwischen 
11 und 14/ 

„Aus dem Schatz meiner Erinnerungen kann ich jeder- 
zeit anreizende Gestalten herausgreifen, doch knüpfen 
sich die Phantasieen häufig an Gespräche, Lektüre, 
Begegnungen auf der Straße, Photographien, Bilder, 
Statuen usw. Auf der Straße laufe ich unauffällig Knie- 
hosen nach; suche in den Schaufenstern nach befriedigen- 
den Bildern, bummle zur Zeit des Schulschlusses gern 
an Knabenschulen, zu andern Zeiten an Spielplätzen vor- 
über, zeichne auch gerne Kleidungsstücke oder Beine." 

«Meine ästhetischen Ansprüche sind unschwer zu be- 
friedigen. Mir gefallen ungefähr drei Viertel aller 10 
bis 14jährigen, und etwa die Hälfte aller 6 — 9 und 
15 — 16jährigen Knaben. Die Haare seh ich gern blond 
und kurz geschoren, das Gesicht frisch und etwas keck, 
den Blick intelligent und vor allem unschuldig. Haupt- 
sache sind graziöse, dem Körper harmonisch angegliederte 
Beine, schmale, feste Kniee, stramme, nicht zu fette 
Waden, elegante Fesseln, kleine Füße. Die absolut not- 
wendigen Kniehosen müssen alle Konturen hervortreten 
lassen, auch die Kniekehle. Schwarze Strümpfe mag ich 
leiden, ebenso nackte Waden bei vornehmen Kindern. 

4* 



— 52 — 



Im letzten Fall reizt der Knabe mich umsomehr, je älter 
er und je niedriger die Temperatur ist. Die Hose ist 
am schönsten aus Waschstoff, und zwar entweder gänz- 
lich neu und rein oder sehr fadenscheinig, zerrissen und 
schmutzig. Sehr sympathisch ist mir die Bewegung, mit 
der die Jungens eine Unordnung in der Kniegegend zu 
beheben pflegen. Annoncen aus der Konfektion, worin 
Anzüge für größere Knaben um einen Spottpreis an- 
geboten werden, regen mich auf. Nackte Knaben, Akt- 
studien usw. betrachte ich bloß mit künstlerischem Inter- 
esse, ja der Anblick der Genitalien ärgert mich.* 

„In meinen Phantasien nun wird immer gedemütigt 
und gemißhandelt. Ein Junge wird von Erwachsenen, 
Gleichaltrigen oder, am besten, von jüngeren geschlagen; 
oder er schlägt mich und andere. Ich selber bin bald 
kleiner Junge, aktiv, neutral oder passiv, bald in jetzigem 
Alter in allen erdenklichen Situationen 1 ), bald als Zukunfts- 
bild, oder unter andern Kassen, in andern Perioden der 
Weltgeschichte usw. Masochismus und Sadismus laufen 
merkwürdig ineinander." 

„So stellte ich mir z. B. vor, ich sei ein 13 jähriger 
Knabe und werde gleichzeitig mit einem Altersgenossen 
zusammen derart durchgepeitscht, daß jeder Hieb alle 
vier Waden auf einmal treffe. Bei allen diesen Vor- 
stellungen bleibe ich stets im Kähmen des Möglichen. 
Ich halte mich daran, daß z. B. Eltern, Vorgesetzte, be- 
sonders auch Hauslehrer an Kindern, Untergebenen oder 
Dienstboten ein übertragenes oder angemaßtes Züchtigungs- 
recht gebrauchen. Ich konstruiere mir Reform-Schul- 
ordnungen, die die Strafen für alle Vergehen genau 
formulieren ; z. B. haben Vorzugsschüler oder Vorturner 
ein Züchtigungsrecht über die andern. Daß ich, der 
Erwachsene, von Knaben mißhandelt werde, mache ich 



') Herr X. hat Novellen von dieser Färbung veröffentlicht 



— 53 — 



mir so plausibel, daß ich als notleidender Hauslehrer in 
eine Protzenfamilie mit ungezogenen, launischen Spröß- 
lingen komme, oder als Lakai zu einer kaiserlichen Hoheit. 1 ) 
Auch stelle ich mir mitunter vor, daß ich auf einer 
Promenade einen Gassenjungen finde, der mich versteht 
und für Geld prügelt. Dabei ist zu bemerken, daß ich 
im gewöhnlichen Leben sehr stolz bin und Demütigungen 
von keiner Seite hinnehme. 41 

„Sehr selten treten weibliche Personen in meinen 
Phantasien auf; es sind dann entweder Dienstmädchen, 
die „junge Herrn Ä züchtigen, oder Schwestern, die gleich- 
zeitig mit ihren Brüdern strenger Behandlung unterzogen 
werden. Diese weiblichen Personen sind mir immer Bei- 
werk und nie wesentliches excitamentum voluptatis." 

„Die Art und Weise der Demütigung ist äußerst 
mannigfach. Schwächste Form ist die unbedingte Unter- 
werfung unter den fremden Willen, das „Parieren auf 
den Pfiff.* Die Opfer werden Lausbuben, Fratzen, 
Bangen genannt, müssen die Vorgesetzten sehr respek- 
tieren, dieselben z. B., auch wenn's bloß barfüßige Jungens 
sind, als „junge Herren" titulieren usw. Nächste Stufe 

') Ans solcher Anlage heraus erklären sich manche Erschein- 
ungen des Öffentlichen Lebens von alberner und hündischer Unter- 
tänigkeit hohen Personen gegenüber, worüber sich die Zeitungen 
in Unkenntnis der Zusammenhänge ganz unnötig aufregen. So ging 
vor kurzem der GefÜhlserguß eines Fräuleins durch die Blätter, in 
dem es unter andern lautete: „Ich traf gerade an einer Ecke mit 
dem Kronprinzen zusammen und brüllte Hurra und winkte, und er 
nickte mir ganz allein zu. Ich war selig 1 Ich rannte hinter seinem 
Auto, das zum Glück langsam fuhr, her und mit in den Adelshof, 
wo er ausstieg. Während er sich da mit einigen Damen unterhielt, 
stand ich ihm direkt gegenüber und sah ihn immerzu an, etwa zehn 
Minuten — denkt bloß, wie himmlisch! Und dann, wie die Damen 
weg waren, streckte ich Ihm meine Hand hin und er gab mir seine 
Hand und hat mich angesehen. Was war ich glücklich!!! Ich 
konnte mich kaum entschließen, meine Hand zu waschen, aber es 
mußte ja sein." 



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ist das Strammstehen beim Verhör oder im Winkel stehen. 
Dann folgt stundenlanges Strafknieen, eventuell auf Stein- 
pflaster, Eisenrosten usw. Weitere Formen sind Gefesselt- 
werden, Schlafen auf harter Erde, schlechte Abfalle als 
Essen, oder Nahrungsentziehung. Unter den eigentlichen 
Züchtigungen spielen Ohrfeigen eine gewaltige Bolle, dann 
Kopfstücke, Ohrenzerren, Hiebe mit Stöcken, Gerten, 
Peitschen, Stricken, Riemen (mit Ruten fast nie), Faust- 
schläge, Fußtritte usw. Alle Arten von Peitschen kommen 
vor, als kurze dicke Hundepeitschen, lange dünne Pferde- 
peitschen, sogar Stachelpeitschen. Die Hiebe erfolgen 
meist anf die Waden (aufs Gesäß selten), in die Knie- 
kehlen, um die Ohren oder dem strammstehenden Delin- 
quenten direkt ins Gesicht. Um die Züchtigung wird 
gebeten, nachher für bedankt mit Handkuß." 

„Ein beliebtes Bild ist: ein auf dem Fußboden 
liegender, heulender Knabe wird an den Ohren im Kreis 
herumgeschleift und dabei mit Peitschenhieben und Fuß- 
tritten traktiert. Oder: ein barfüßiger, bloß mit Hose 
und Leibchen bekleideter Junge (meist bin ich das) ist 
vor einen Handwagen gespannt; der Wagen bleibt im 
Straßenkot stecken; vergeblich strengt sich der Ziehende 
an, so daß er wiederholt in die Knie fällt, ihm die Hosen- 
knöpfe abspringen; der Karren läßt sich nicht weiter- 
bringen; sein Vorgesetzter, ein zweiter Junge, sitzt auf 
dem Wagen und haut wütend mit der Peitsche drein. 41 *) 

„Auch Koprolagnie ist mir nicht fremd. Oft schon 
sah ich mich schmutzige Straßenjungens reinschlecken, 
namentlich ihre Füße, die dabei nicht faul im Treten 



') Diese angestrengte und angstvolle Situation kehrt typisch 
wieder im Masoohismns und führt, ideell wie tatsächlich aur Eja- 
kulation. Wenn man die häufigen Berichte dagegen hält, daß in 
angestrengter und angstvoller Examen s not gleichfalls eine Ejaku- 
lation auagelöst wurde, so liegt es nahe, in beiden Fallen auf den 
gleichen Vorgang im nervösen System zu schließen. 



waren. Oder ich kriegte ihr Sputum ins Gesicht oder 
mußte es vom Boden auflecken, was mich im gewöhn- 
lichen Leben ungemein ekelt Das ärgste war, daß sie 
ore meo quasi matella utebantur." 

„An Tagen ungewöhnlicher Erregtheit, bei großer 
Hitze, bevorstehenden Prüfungen usw., kam ich über den 
Rahmen der bloßen Phantasie hinaus, entkleidete mich 
bis auf Hemd und Unterhose, krempelte letztere auf, bis 
sie mir als Kniehose gelten konnte und lief nun so im 
Zimmer umher. Einigemal kniete ich fast eine Stunde 
lang im Winkel und hieb mich mit Stock und Riemen 
so über die Waden, daß eine Woche lang Striemen blieben. 
Einmal lotium proprium supra faciem meam sparsi, wobei 
ich mir dachte, daß ein kleiner Junge nach seinem Sieg 
in einer Rauferei mich auf so drastische Art seine Ober- 
hoheit empfinden lasse. Nach solchen Exzessen bin ich 
sehr abgespannt, doch habe ich einmal am nächsten Tag 
eine sehr schwierige Prüfung gut bestanden. Andere 
seelische Erschütterungen, wie bei einem Todesfall, wirken 
einige Tage hemmend auf die erotischen Vorstellungen. 
Weniger kraß verläuft die Phantasie vom Hauslehrer im 
Protzenhaus. Da muß ich den jungen Herrn an- und 
auskleiden und ihm schließlich matellam praebere, darf auch 
nicht mucksen, wenn etwas daneben auf meine Hand geht." 

„Uber meine Ethik ist nachzuholen: Ich hasse jede 
Gemeinheit und lüge sehr ungern, niemals um zu schaden. 
Schon als Kind log ich eher, um den Eltern eine Freude 
zu machen oder ihnen Leid zu ersparen oder zu zeigen, 
was für ein spaßiger Kerl ich sei, als daß ich mir selber 
hätte nützen wollen. Ich bin entschlossen, niemals meine 
Phantasien mit andern Peräonen in die Tat umzusetzen.* 

Epikrise: Der vorliegende Fall ist ungemein lehr- 
reich und auf gute Selbstbeobachtung gestützt. Leider 
verbietet der Raum, an dieser Stelle den Versuch einer 
genetischen Erklärung zu wagen. Es sei nur gesagt, daß 



— 56 — 



sich die Triebabweichung aus folgenden Elementen zu- 
sammensetzt, ungefähr nach abnehmender Stärke an- 
geordnet: 1. Masochismus, ganze Stufenleiter bis zur 
passiven Flagellation und Pica; 2. Homosexualität; 
3. Paedophilie; 4. Sadismus; 5. Fetischismus. Nun geht 
aber schon aus der Betrachtung dieses einen Falles hervor, 
daß es sich bei diesen 5 Komponenten keineswegs um 
5 selbständige Anomalien oder Perversionen handelt, 
sondern um eine einheitliche Triebabweichung. Die 
Sehnsucht des X. projiziert sich nach außen in der 
algolagnistischen Handlung eines mit Kniehosen be- 
kleideten, unerwachsenen Knaben. Dieser Gesamtkomplex 
stellt im Durchschnitt die causa ejaculationis dar, gleich- 
giltig, ob derselbe im Innern durch reine Denktätigkeit 
erzeugt oder ob er zufällig von außen rezipiert wird. 
Der Komplex ist als solcher etwa so innig gemischt wie 
der Sonnenlichtstrahl, der erst durch prismatische Brechung 
künstlich in seine Spektralfarben zerlegt werden muß. 
Auch im Bewußtsein des X. stand die Einheitlichkeit 
seiner Libido so lange fest, bis er durch die Lektüre 
medizinischer Werke verschiedene künstliche Etiketten 
auf den geistigen Inhalt des Dranges anwenden lernte. 
Nun versteht man in der Pathologie unter Komplikationen 
das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer deutlich ver- 
schiedener Krankheitszustände, die verschlimmernd auf- 
einander einwirken. Man unterscheidet z. B. den einfachen 
Knochenbruch vom komplizierten, bei dem die Splitter 
die Haut spießen und septische Infektion ins Knochen- 
mark gelangen kann. Diesem Begriff ist die „Kompli- 
kation" psvchosexueller Anlagen durchaus unähnlich. 
Hier sind die Einzelbestandteile untrennbar und als 
solche dem erkennenden Subjekt so wenig bewußt, wie 
etwa die Kompliziertheit der Schluckbewe^ung dem 
Trinkenden. Ich betone dies, damit nicht die 1 berschrift 
meines Themas zu irrigen Folgerungen veranlaßt 



— 57 — 



Fall 2. Frau Y., verheiratet, hat dreimal geboren, 
steht in den Zwanzigern ; von erblicher Belastung oder 
Triebabweichungen in der Verwandtschaft ist nichts 
positives nachweisbar. Lernte mit zwei Jahren gehen 
verhältnismäßig spät sprechen, hatte öfter Kopfschmerzen 
und Wutanfälle, weinte leicht, ging hinter die Schule. 
Hatte mehrfach schwärmerische Schulfreundschaften. Erste 
menses mit 12 Jahren, Brust mit 14 Jahren auffallend 
entwickele. 

Status praesens: Figur schlank, Konturen gerundet; 
macht absolut keinen männlichen Eindruck, ist vielmehr 
puppenhaft fraulich ; Schritte schnell, turnt und schwimmt 
gut; pfeift; Haut zart, rein, glatt; Brustwarzen von un- 
regelmäßiger Größe; Haupthaar kräftig, keinerlei abnorme 
Körperbehaarung; Kehlkopf normal, laute Altstimme; 
zuweilen besteht Schwindel, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, 
große Mattigkeit; ist leicht gerührt, liebt ihre Kinder; 
hat wenig Interesse für die Wirtschaft, hält aber leidlich 
Ordnung; Wille schwach, läßt sich gern leiten, ist launen- 
haft, bequem, raucht gern; Bildung unbedeutend, Intellekt 
und Gedächtnis mittelmäßig, Durchschnitts-Phantasie; 
ging mehrmals in Herrenkleidern auf die Straße und 
Restaurants. 

Vita sexualis: Schon in frühster Jugend befand sie 
sich in einem Milieu, das infolge von mangelhafter Er- 
ziehung und Aufeicht zu erotischer Zügellosigkeit tendierte. 
Vom 8. Jahre an begannen sexuelle Reizhandlungen mit 
gleichaltrigen Knaben und Mädchen, sowie mit Er- 
wachsenen. Wäre eine Disposition zur Heterosexualität 
bei ihr vorhanden gewesen, so hätte sie sich hier schon 
äußern können. Aber im Gegenteil ; sie schaute als Zehn- 
jährige heimlich durch ein Fenster zu, quomodo ancillae 
patris cauponis ab hospitibus quibusdam futuerentur, und 
masturbierte hinterher in der Vorstellung, sie sei der 
betreffende Mann. Auch hatte sie schon damals Orgas- 



— 58 — 



mus, wenn sie andere Mädchen lingua manuque befriedigte, 
ohne sich selber irgendwie zu berühren. Diese Anlage 
blieb nun weiterhin konstant. Sie zog mit der Familie 
als Kunstradfahrerin von Variete" zu Variete* und mußte 
sich mehrfach Männer aufdrängen lassen, deren aotiones 
sie kalt und unbeteiligt über sich ergehen ließ. Weiber 
dagegen versetzten sie sofort in Exzitation. Der eben 
genossene Anblick der trikotbekleideten Kolleginnen 
hinter der Bühne bewirkte, daß sie selbst während ihrer 
Radfahrproduktion vor dem Publikum vollen Orgasmus 
bekam. Sie brauchte (und braucht jetzt noch) nur in der 
Straßenbahn einer schönen Frau gegenüber zu sitzen, um 
plötzlich »wegzuschwimmen". 

Inzwischen hatte sich auch die masochistische Färbung 
ihrer Libido völlig ausgebildet. Nicht daß, wie bei 
intelligenten Personen, die »Demütigung* oder deren 
„Symbole* die erste Rolle gespielt hätten; diese werden 
auch nie als solche, sondern immer nur als Lustgefühle 
empfunden, bilden daher gar nicht den Kern des Maso- 
chismus, soweit es sich um bewußte Vorgänge handelt 
Vielmehr war (und ist) bei der Y. der Drang vorhanden, 
ihrer Partnerin um jeden Preis Orgasmus zu verschaffen, 
und zwar -in der Art, daß sie derselben ein blind gefügiges 
Instrument der Befriedigung ist, sich von ihr aufs rück- 
sichtsloseste zu solchem Zweck gebrauchen läßt, und ihr 
quasi ad modum mancipii eine Sklavin sein will, die 
jeder brutalen Laune und jedem unästhetischen Kitzel 
der Domina Genüge leisten muß. 

Die Y. hat im Laufe der Zeit eine große Anzahl 
von Partnerinnen gefunden, fast lauter heterosexuelle 
Frauen, die teils auf Bitten, teils aus eigener Initiative 
die entsprechende Gegenrolle übernahmen. Die vor- 
gekommenen Lusthandlungen zwischen beiden Partnerinnen 
bewegten sich in dem bekannten Kreislauf. Die Y. wurde 
mit verbalen Insulten gemeinster Art bedacht, wurde 



— 59 — 



geschlagen, getreten, gekratzt, gestochen, debebat pedes, 
cunnum, anum amicae lingere atque os praebere ad ejus 
mictionem usw; denique adesse et adjuvare solebat, quando 
femina mentula fututoris delectabatur 1 ). Szenen der letzten 
Art führten übrigens, bei Verkennung der sabjectiven 
Grundlage dieser Handlungen, zu einer schweren Ver- 
urteilung der Y. aus § 180 Str.-G.-B. 

Hinzuzufügen ist, daß der maritus der Y. der sie 
vor 3 Jahren heiratete, nur die sekundäre Rolle eines 
Surrogats in diesem festen erotischen System spielt. Die 
Y. bleibt in cohabitatione vollkommen frigid, sobald sie 
dabei nicht gerauft, gestochen, insultiert oder bespien 
wird; sie stellt sich dann als Urheber solcher algolag- 
nistischen Aktivität geschwind ein Weib vor und erhält 
den gewünschten Orgasmus, wenn auch in minderer 
Höhe 2 ). 

Die masochistische Tendenz der Y., ihre Unempfind- 
lichkeit gegen Schmerz oder die Verkehrung der Schmerz- 
in Lustempfindung ist absolut nur auf gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr eingestellt. Wenn sie sich etwa unver- 
sehens an einer Tischkante stößt, schreit sie auf; Scbelt- 
worte und Schläge von Seiten eines Mannes bringen sie 
in Harnisch; ebenso wies sie einmal den Vorschlag eines 
Mannes, sie möge ihn aus ihrem Schuh Wein trinken 
lassen, mit Abscheu zurück. Dagegen findet sie es 
natürlich, daß sie das letztere bei ihrer Freundin tut, 

*) VgL Saoher-Masoohs Veranlagung, besonders in: 
Schlichtegroll. Wanda ohne Maske und Pelz, 1906, p. 169 ff. 
Nach privater Mitteünng enthalten Saohers Tagebücher die stärksten 
obsooena in dieser Richtung. 

*) Ein derartiges Umdenken ist in der Ehe von Homosexuellen 
typisch und oft das einzige Hilfsmittel zur Erfüllung der „ehe- 
liehen Pflichten". Im vorliegenden Fall hielt der ganz normale 
Gatte die Zumutungen der Y. nur für Ausbrüche eines lebhaften 
Temperaments und gab ihnen aus großer liebe zu seiner Frau, 
wenn auch widerstrebend, nach. 



— 60 — 



und blutunterlaufene Striemen nimmt sie von sehen eines 
Weibes in regungslosem Entzücken bin 1 ). 

Fall 3. Akademiker. Pädophilie, Flagellantismus, da- 
neben Neigung zu Frauen. Große Ähnlichkeit mit Fall 1. 

Fall 4. Techniker. Ideal: Ein robuster Knecht in 
blauem Hemd und Holzpantinen muß ihn im Stall auf 
den Pferdemist schmeißen und ad paedicationem ge- 
brauchen, darnach mit Fett und Ruß einschmieren, durch- 
peitschen, einsperren. „Ich bleibe dann sein Mistjunge. * 

Fall 5. Aristokrat Verkleidet sich als Hand- 
werksmeister, sucht es einzurichten, daß ihn Arbeiter, 
Kerle, Verbrechertypen mit recht rußigen, schmutzigen, 
ungewaschenen Händen aufs Feld oder in eine Seiten- 
gasse nehmen, ihn überfallen, würgen, seiner ganzen 
Barschaft berauben. Der Reiz verfliegt sofort, wenn die 
Betreffenden etwa ihn oder seine Neigung kennen und 
ihm mit der Behandlung nur einen bewußten Gefallen tun. 

Fall 6. Kaufmann. Kratzt sich selbst blutig, 
sticht sich mit spitzen Instrumenten, ohne den geringsten 
Schmerz zu spüren; paedicatio, passiv; wütender Exhibi- 
tionismus. 

Fall 7. Offizier. Bisexuell, liebt recht ausge- 
sprochene Typen beider Geschlechter, paedioatio aktiv 
und passiv, auch cum muliere und bei sich selbst cum 
machina; coitus; cunnum lingere; fellatio; Koprolagnie; 
Exhibitionismus. Orgasmus bei Untreue der Ehefrau. 
Sehr starker Trieb. 

Fall 8. Akademiker. Ringen mit dem Partner und 
Unterliegen; leichte Schläge; Abbinden des membrum 
durch starkes Schnüren. 



s ) Dies Auftreten von Paraesthesien des Haut- und Muskel- 
geftihls, sobald der Wille eines anderen die betroffene 
Psyche lenkt, erscheint mir analog den Phänomenen des Hypno- 
tismus. In dieser Richtung liegt ein Weg cor physiologischen 
Erklärung des Masochismus. 



— 61 — 



Fall 9. Akademiker. Liebeleien mit Mädchen ohne 
sexuellen Akt; Pädophilie; geistiger Masochismus. 

Fall 10. Akademiker. Leichter Masochismus. 
Vorliebe für Leder. Starke Erregung durch Reiter. 

Fall 11. Kaufmann. Liebt älteren Herren; trägt 
strammsitzende Kniehosen, bedient ihn, wird leicht ge- 
züchtigt, fungiert als fellator und passiv zur paedicatio. 
Daneben Sadismus und Pädophilie. 

Fall 12. Höherer Beamter. Ausgeprägter Maso- 
chismus; liebt rohe Kraftnaturen, vor allem Soldaten. 

Fall 13. Literat. Bisexuell; leichter Masochismus; 
starker Fußfetischismus zu beiden Geschlechtern; coitus 
cum femina; langes Verhältnis mit Damenkomiker, mutuell. 

Fall 14. Handwerker. Pädophilie zu beiden Ge- 
schlechtern. Masochismus-Sadismus. Fetischismus für 
kurze Hosen, lange schwarze Strümpfe und Schnürschuhe. 

Fall 15. Akademiker. Bisexuell; Masochismus. 

Fall 16. Kaufmann. Läßt sich von Kavalleristen 
als Pferd reiten und blutig spornen. Fetischismus für 
Lederhosen, hohe Reitstiefel und Stallgeruch. 

Fall 17. Kaufmann. Bisexuell ; Masochismus; liebt 
echt weibliche und echt männliche Typen, mehr rohe 
Naturen; bevorzugt unter Männern Soldaten und vor 
allem Artisten. 

Fall 18. Lehrer. Pädophilie; Sadismus-Masochis- 
mus;. Fetischismus für prallsitzende Kniehosen bei Knaben. 

Fall 19. Aristokrat. Handfetischismus; fellatio; 
bibit Sputum amici. 

Fall 20. Kaufmann. Bisexuell; Masochismus. 

Fall 21. Beamter. Bisexuell; Pädophilie. „Als ich 
kaum 4 Jahre zählte, wälzte ich mich einmal zu der 
barfüßigen Kindermagd hin und begann deren Füße zu 
küssen. Mit 6 Jahren spielte ich mit einem Jungen im 
Gurten Fangen, wobei ich mich häufig zur Erde warf, 
um dessen Füße zu küssen. Nackte Waden und Knie 



— 62 — 



erregen mich leidenschaftlich, praecipue niembrum puero- 
rum in os meura fellandi causa immitto, ut eos volup- 
tate afficiam. Matrem pueri cujusdam a me valde 
amati in matrimonium duxi.* Masochiamus; Fuß-, Knie- 
und Wadenfetischismus. 

Fall 22. Kaufmann. Masochismus; Exhibitionismus. 

Fall 23. Kolonialbeamter. Masochismus; bibit 
semen lotiumque amati. 

Fall 24. Kaufmann. Fetischismus für Ruten, 
Peitschen usw.; besondere Neigung zur passiven paedicatio, 
in dem „Bewußtsein, dem geliebten Manne damit 
die höchste sinnliche Wonne zu bereiten 1 )/ 

Fall 25. Litterat Bisexuell; Paedophilie zu beiden 
Geschlechtern; Sadismus, Masochismus, Dessous-Fetischis- 
mus; Exhibitionismus Frauen gegenüber. 

Fall 26. Kaufmann. Bisexuell; Paedophilie zu 
beiden Geschlechtern; Masochismus. 

Fall 27. Kaufmann. Masochismus-Sadismus; Pae- 
dophilie; Exhibitionismus. 

Fall 28. Akademiker. Bisexuell; passive Flagel- 
lation. 

Fall 29. Kaufmann. Paedophilie; Sadismus-Maso- 
chismus; Exhibitionismus. 

Fall SO. Paedophilie; in der Jugend Zoophilie und 
passive Flagellation. 

Fall 31. Kaufmann. Paedophilie; Masochismus. 

Fall 32. Akademiker. Paedophilie; in der Pubertät 
Masochismus. 



*) Dies psychologische Moment seheint bei den Passiven von 
wesentlicher Bedeutung zu sein. Ein intelligenter Selbstbeobaohter 
gab mir an, daß er bei dem Akt deutlich Schmerz empfände. Aber 
durch das Bewußtsein, daß er sich dem andern hingebe und ihm 
unter eigenen Schmerzen zur Befriedigung dienstbar sei, erfolge 
gleich darauf bei ihm selber Ejakulation. 



— 63 — 



Fall 33. Frau. Bisexuell; Masochismus; Geruchs- 
fetischismus; etwas Sadismus. 

Fall 34—54. Hierunter 4 Fälle kompliziert mit 
Masochismus und Sadismus, 1 mit Masochismus und Ge- 
ruchsfetischismus, 3 mit Masochismus und Stiefel- 
fetischismus, 3 mit passivem Flagellantismus, 5 mit 
leichtem geistigen Masochismus, 4 mit Masochismus in 
der Pubertätsperiode. 

Fall 55. Frau. Sadismus. „Der Mann als Mann 
ist mir so gleichgiltig, wie der Staub unter meinem 
Fuß . . . Bin ich länger von der Frau meiner Liebe 
getrennt, so kann ich mich in dem Bewußtsein, ihr un- 
endlichen Schmerz zuzufügen, dem tollsten Sinnenrausch 
mit irgend einer Unbekannten hingeben.* 

Fall 56. Lehrer. Sadismus; aktive Flagellation. 
«Ich wohnte einmal nach einem kleinen Hofe heraus, auf 
dem sich eine Molkerei befand. Ein elend gekleideter 
Knecht verlud Mist. Ich konnte stundenlang mit dem 
Glas am Fenster stehn, ihn beobachten, seine erbärmliche 
Lage überdenken und mich aufregen, wenn er sich bückte 
und seine zerfranste, löcherige Hose sichtbar wurde . . . 
Beide Gedankenreihen vereinigen sich in mir zu dem 
Bilde eines mir ganz unterworfenen, dabei doch von mir 
geliebten, homosexuellen Jünglings, den ich verachte und 
doch liebe, peinige und doch liebkose. 41 

Fall 57. Aristokrat Sadismus während der Puber- 
tät und in den Intervallen des geschlechtlichen Verkehrs; 
schwache Neigung zu Pferden, weil er „dadurch an 
Kentauren erinnert wird/ 

Fall 58. Akademiker. Sadismus besonders den 
Femininen gegenüber; Töten von Tieren, die er gern hat. 

Fall 59. Kaufmann. Starker Sadist, aber nur da, 
y ,wo der leidende Teil durch die Peinigung Wollust 
empfindet." Anflug von Paedophilie. 



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Fall 60. Beamter. Aktiver Flagellantismus; Pae- 
dophilie. 

Fall 61 — 65. Darunter 2 Frauen. Leichter Sadismus. 

Fall 66, 67. Aktive Flagellation während der 
Pubertät: Knabenprügeln, Peitschen von Tieren. 

Die folgenden Fälle sind alle hauptsächlich kompliziert 
mit Fetischismus, und zwar 

Fall 68—79 für hohe Stiefel. Es ist bemerkens- 
wert, daß bei diesen 12 Fällen keine Spur von sogen. 
Bisexualität vorkommt, vielmehr handelt es sich aus- 
nahmslos um echte, eingeborene Homosexuelle, 
die nur kraftvolle Männererscheinungen lieben 
und Abscheu oder gar Ekel vor dem Weibe empfinden. 
In der Regel, aber nicht immer, verhalten sie sich beim 
Akt passiv, sind pathici und fellatores. Damit stimmt 
überein, daß die Schwärmer für hochhackige Damen- 
stiefeletten durchaus unentwegte Heterosexuelle sind. 
Ich meine, durch diese vergleichende Konstatierung ist 
das Rätsel 1 ) gelöst, warum die hohen Hacken für die 
Damenschuhfetischisten so wesentlich sind. Vergleicht 
man etwa einen Offizierstiefel mit dem einer vornehmen 
Dame, so liegt der charakteristische Unterschied, abgesehen 
vom Größen Verhältnis, beim männlichen Stiefel im 
hohen Schaft, beim weiblichen im hohen Hacken. 
Diese bezeichnende Differenz haben die Schubfetiscbisten 
instinktiv herausgefühlt. Im übrigen ist, wie oben gesagt, 
der prägnante Schuhfetischismus immer der Ausdruck*) 
entweder einer ausgesprochen heterosexuellen oder aus- 
gesprochen homosexuellen Veranlagung. 

') Verschiedene Forscher haben sich darüber den Kopf «er- 
brochen nnd die Aesthetik oder die Erhöhung der Körpergröße oder 
den angeblich herrischen Gang (auf hohen Hacken I) zur Erklärung 
herangezogen. 

*) loh vermeide absichtlich das Wort „Symbol", um nicht mit 
der etwas philosophischen Theorie von HavelookEllis in Kollision 
zu geraten. 



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Man hat ferner gemeint» den prägnanten Schuh- 
fetischismus von dem Fußfetisohismus oder dem Ma- 
sochismus ableiten zu sollen. Das scheint mir irrig. Der 
Fußfetischismus ist erstens unverhältnismäßig seltener, 
zweitens hat der prägnante Schuhfetischist für die 
nackten Füße sehr wenig Interesse. Andrerseits ist 
dem extremen Masochisten das Küssen der Stiefel nur 
eine Vorstufe für das Küssen der Füße. Der prägnante 
Schuhfetischist aber denkt gar nicht an derlei. Er 
streichelt den Stiefel, trachtet ihn zu besitzen und wird 
eventuell in ihn hinein ejakulieren, als hätte er den Träger 
oder die Trägerin des Objekts vor sich, die beide jeden- 
falls immer den seiner eigenen Anlage entgegengesetzten 
Geschlechtscharakter aufweisen. Hieraus geht auch her- 
vor, daß der „Fetisch* eigentlich niemals lebloses Ob- 
jekt ist, sondern daß ihn immer der Geschlechtscharakter 
der (unbewußt) begehrten Person umschwebt Wäre 
das nicht der Fall, so müßte es Fetischisten geben, die 
den Kürassierstiefel wahllos neben dem hochhackigen 
Damenschuh verehren, was eben nicht vorkommt. 1 ) 

Fall 80, 81. Fetischismus für Taschentücher. 

Fall 82, 83. Für Hände und Füße. 

Fall 84. Für die Schleppen eines wallenden Kos- 
tüms; hat schon als Kind Zweige, Unkraut, Lappen und 
dergleichen hinter sich hergeschleift. Daneben Fetischis- 
mus für seidene Flicken, die in allen Schubladen liegen 
müssen. 



*) Interessant ist, daß der bekannteste Schuhfetischist der 
Vergangenheit, Restif de la Bretonne, auf halbem Wege zur 
Lösung des Problems, den Frauen rät, recht hohe Absätze zu tragen, 
um nicht homosexuelle Neigungen in der Männerwelt 
aufkommen zu lassen. Damit die Kleidung der Frauen recht 
unterschiedlich sei, wünscht er ferner starkes Schnüren und 
getürmte Lockenfrisur. Vgl. Elsa Lafieres Übertragung von 
Kestit de la Bretonnes Sohuhgesohiohten, Leipzig, 1906, p. 7 ff. 

Jahrbach IX. 5 



— 66 — 



Fall 85. Fetischismus für Personen in Arbeiter- 
kleidang und plumpen Stiefeln oder in Livree; auch für 
große Hände. 

Fall 86. Für schön geformte Knabenbeine. Daneben 
etwas Exhibitionismus. 

Fall 87. Für Kniehosen und Knöpfstiefel. 

Fall 88. Für kostbare Stoffe und Spitzen« 

Fall 89. Mundfetischismus; Tabak-, Wein- und 
Biergeruoh des küssenden Partners wirkt heftig erregend. 

Fall 90. Fetischismus für Stiefel, deren Schäfte 
möglichst bis an die Genitalien reichen; daneben für gut 
gepflegte Hände mit etwas Sommersprossen. 1 ) 

Fall 91. Für Reithosen und Stulpenstiefel. 

Fall 92. Für Stulpenstiefel, Automobilgamaschen 
und posteriora in knappen Hosen. 

Fall 93. Für kleine, weiße, durchsichtige Hände. 

Fall 94. Für Taschentücher und schöne Schuhe. 

Fall 95. Für weiße Kürassierhosen. 

Fall 96. Für elegante Schnürstiefel und für Füße. 

Fall 97. Für große Figuren mit großen Füßen. 

Fall 98. Für reinen Teint und entblößten Hals. 

Fall 99. Für Stiefel von Arbeitern, Soldaten, Reitern. 

Fall 100. Heftige Neigung, die Hände schöner 
Jünglinge zu berühren; dadurch Erregung und in der 
nächsten Nacht Pollution. Einzige sexuelle Betätigungsart. 

Alle diese Fälle (1 — 100) zeigen also Komplikationen 
zwischen ganzer oder halber Homosexualität und Teilen 
der Erscheinungsgruppe Masochismus-Sadismus-Fetischis- 
mus. Ich habe aus dieser Gruppe 2 Fälle ausführlich 
dargestellt und von den übrigen der Raumbeschränkung 
wegen eine Übersicht der Stichwörter gegeben. Es bleiben 
noch einige andere Fälle übrig, die nur mit Exhibitionis- 



*) Auch ein bekannter moderner Lyriker besingt die Sommer» 
sprossen der Geliebten. 



— 67 — 



mus, Gerontophilie, Mixoskopie und Pygmalionismus 
kompliziert sind. 

Was ich an dieser Stelle in der Kürze zeigen wollte, 
ist somit geschehen: nämlich daß der Begriff der Homo- 
sexualität allein die Triebanlage einer erheblichen Anzahl 
Konträrer nicht erschöpfend charakterisiert. Rund ein 
Fünftel der untersuchten Fälle kommen hierfür in Betracht. 
Damit ist nicht gesagt, daß diese gefundene Verhältnis- 
zahl eine absolute Giltigkeit haben soll 550 befragte 
Personen sind viel zu wenig, als daß man sich exakte 
und verallgemeinernde Schlüsse erlauben dürfte. Wenn 
es aber gestattet ist, eine Vermutung auszusprechen, so 
möchte ich mich aus verschiedenen Gründen dahin 
äußern, daß sich bei weiteren Nachforschungen die relative 
Anzahl der Komplizierten als noch bedeutend größer 
herausstellen wird. 

Im Vorbeigehen möchte ich noch darauf aufmerksam 
machen, daß gewisse Komponenten immer verschwistert 
auftreten, z. B. Masochismus und Sadismus, die sich 
gleichen, wie die Kehrseiten einer Medaille; der maso- 
chistische Teil wird sich gleichzeitig immer in die Ideen- 
assoziationen des sadistischen versetzen, und umgekehrt. 
Vom Standpunkt einer natürlichen Variabilität aus ge- 
sehen, ist es auch interessant, daß eine mehrfache Anzahl 
von ausgesprochenen Masochisten auf eine einfache von 
Sadisten vorkommt. Ferner ist die eigentliche Pädophilie 
immer eng verstrickt mit dem Masochismus-Sadismus. 
Von der Bedeutung des ausgeprägten Schuhfetischismus 
sprach ich oben. Zu den Zopfabschneidern fehlt in der 
Männerliebe das Analogon, weil es an dem betreffenden 
sekundären Geschlechtscharakter mangelt. Die Rolle des 
unterwürfigen, leidenden oder vergewaltigten Verehrers 
steht in keinem Zusammenhang mit dem sozialen 
Milieu; wir sehen Aristokraten und Akademiker in vor- 
nehmen Stellungen mit dieser Anlage behaftet. Aber 

5* 



— 68 — 



auch vom Reiz des sozialen Gegensatzes ist hier keine 
Rede; denn wir sehen Arbeiter und kümmerliche 
Existenzen in derselben Gefühlsrichtung befangen. Schon 
der Umstand, daß diese Qualität des Empfindungslebens 
meist eingeboren ist, erübrigt die weitere grundsätzliche 
Frage nach einer Gelegenheit»- oder Milieuwirkung. 

Dagegen könnte man in manchen Fällen die Frage 
stellen, ob denn hier eigentlich die Homosexualität (resp. 
Heterosexualität) oder der Masochismus-Sadismus als 
stärkste Gefühlsnote oder Grundrichtung des Triebes 
anzusehen ist, d. h. ob sich der Trieb mehr auf die 
Personen des einen oder anderen Geschlechtes oder 
zunächst auf bestimmt qualifizierte Handlungen richtet, 
wobei dann die handelnden Personen erst in zweiter 
Linie ständen und der Eindruck der Bisexualität hervor- 
gerufen werden kann. Ich lasse diese Frage offen. 

Zum Schlüsse komme ich auf den eingangs erwähnten 
Satz jenes Gelehrten zurück, der die physiologische 
Natur der Homosexualität daraus folgerte, das in ihrem 
Bereiche keine Anomalien wie Masochismus und Sadis- 
mus vorkämen. Ich denke nicht daran zu behaupten, 
daß sie häufiger vorkommen als bei Heterosexuellen, 
aber daß sie es überhaupt tun, habe ich gezeigt. Wer 
nun diese Feststellung unbequem findet und meinem Rate 
(vgl. Einleitung) nicht folgen mag, die Bewertung der 
Anomalien in der Schwebe zu lassen, dem gebe ich folgen- 
des zu bedenken. 

Wir erkennen den geistig Defekten an der Störung 
seiner Logik. Der Sexualinstinkt hat aber mit der 
Logik so wenig zu tun, wie der Trieb zu essen und zu 
trinken. Folglich besteht auch kein Zusammenhang 
zwischen einer Abweichung des Sexualtriebes und einem 
geistigen Defekt 

Und ferner: Eine Armee von sogen. Perversen 
existiert heute. Die Geschichte lehrt, daß sie auch vor- 



— 69 — 



dem existierte. Allen diesen sogen. Perversen ist jeden- 
falls das eine gemein, daß sie in geringerem Maße Kinder 
erzeugen, als die sogen. Normalen. Warum sind nun, 
bei dem respektablen Alter der Menschheit die Perversen 
von ehedem nicht längst ausgestorben? warum erzeugen 
sie sich immer von neuem? ad majorem degenerationis 
gloriam oder einfach aus natürlicher Variabilität? 



Giovan Antonio — il Sodoma, 
Der Maler der Schönheit 

Eine Seelen- und Kunststudie 
von 

Elisär von Kupffer. 

(Etisarion.) 



Motto: „Ein Wahres find ich In der Rede: 

Da» jedem Gefühl im Herzen geweiht, 
So sehr es auch unsre Meinung befehde, 
Gott selbst den Adelsbrief verleiht.« 1 
König Jerwen in „Aino und Tio". 
Elisarion. 



Trotzdem die Arbeit des hochgeschätzten Herrn Anton in 
erster Linie knnstgeschichtlichen Charakter trägt, glauben wir sie 
dennoch zur Aufnahme in das Jahrbuch ganz besonders geeignet, 
da die künstlerische Persönlichkeit Giovan Antonio Bazzis zum 
großen Teil, wie dies im folgenden hinreichend nachgewiesen wird, 
in seiner Sexnalpsyohe wurzelt, und der ihm von seinen Zeitgenossen 
beigelegte Name Sodoma, unter welchen er noch heute fortlebt, 
allein schon als ein hinreichender Grund erscheint, ihm unter den 
biographischen Arbeiten unsres Jahrbuches einen Platz anzuweisen. 

Der Herausgober. 



Monte Oliveto Maggiore 



Phot. Brogi 



GIOVAN ANTONIO IL SODOMA 
SELBSTPORTRÄT 
(Teilaufnahme) 



Zu S. 24 



Vorwort. 



Mühe and Arbeit ist es gewesen — das wird jeder 
wissen, der sich solcher Forschung widmete, zumal wo 
die Vorarbeiten äußerst gering sind; denn gibt es doch 
kaum erst eine Monographie dieses großen Künstlers, in 
deutscher Sprache eigentlich gar nicht. Diese Schrift ist 
in mancher Beziehung gleichsam eine Entdeckung dieses 
Meisters als eines künstlerischen und seelischen Neulandes, 
wenngleich ich mich zu erwähnen freue, daß sich schon 
einzelne Forscher beiläufig mit wirklicher Anerkennung 
über ihn äußerten, wie Professor Franz von Reber. Aber 
von einer wirklichen Erschließung seiner Persönlich- 
keit konnte noch nicht recht die Rede sein. Auch heute 
dürfte die Zeit für ein volles Verständnis nicht reif sein. 
Das religiöse Empfinden besteht in tineern Tagen einen 
Gährung8prozeß, und wer darin etwas zu sagen hat, gerät 
in der Regel zwischen zwei Feuer, die ihn von „rechts" 
und „links" angreifen, oft aus bloßem Mißverständnis. 

In mancher Beziehung hätte diese Arbeit sich be- 
schränken können, wenn es nicht gegolten hätte, mit alten 
Vorurteilen einen eingehenden Strauß zu fechten. Und 
dazu bedurfte es vieler Auseinandersetzungen, ja oft 
heftiger Züge, die aber mit offenem Visier geführt werden. 
Dagegen hätte ich gern manche Bilder eingehender er- 
wähnt, beschrieben und in ihrem Wesen erläutert, be- 
sonders wäre ich noch gern hie und da auf des Meisters 
Art der Komposition eingegangen, da ich meine fünffache 



— 74 — 



Betrachtungsweise der Komposition in der Malerei 
(architektonische — Aufbau, zeichnerische = Linienfluß, 
luniinistische = Licht und Schatten, malerische = Farben- 
zusammenstimmung, und seelische = innere Beziehungen 
und Ideen) noch nirgends so ausgeführt gefunden habe. 
Da das Lebenswerk dieses Meisters weiteren Kreisen so 
unzugänglich ist, wären noch mehr Bilder am Platze 
gewesen, besonders auch aus Monte Oliveto und dem 
Oratorio und Santo Spirito in Siena; aber es galt sich 
in den Rahmen dieser Arbeit zu bescheiden. Sollte eine 
neue Auflage des Einzelwerkes nötig werden, so ließe sich 
da einiges ergänzen. 

Ich kenne Italien durch Jahre und weiß, wieviel 
Dank ich seiner alten Kultur schulde — unbeschadet 
des Giorgio Vasari, der hier etwas unsanft gezaust werden 
mußte. Ich bin aber glücklicherweise blinder unglück- 
licher Liebe nicht fähig und konnte nicht umhin, einiges 
zum Verständnis heranzuziehen, was nicht nach der 
üblichen unerwiderten Hofierung aussieht, die der Deutsche 
so gern dem „Lande des ewig blauen Himmels*, wie er 
es nennt, als einen Tribut zollt. Leider ist der Himmel 
längst nicht so ewig blau - — doch nehmen wir die Wolken 
in den Kauf und auch einen Vasari und etliche Ver- 
schlimmbesserer des Giovan Antonio. Und werden wir 
trotz alledem nicht müde, die wir den Born der Dichtung 
und Philosophie besitzen, auch aus dem Borne des Geistes 
zu schöpfen, der heute noch schier unerschöpflich aus 
Hellas und der Renaissance und auch aus dem Volks- 
leben des Südens quillt. 

Florenz 1908. 
Am Tage des Heiligen Sebastian. 



Der Verfasser. 



I. Herkunft und Lehrzeit 

Pß gibt Sterne, die uns so fern sind, daß ihr Licht 
Jahrhunderte, ja Jahrtausende braucht, bis es von 
uns wahrgenommen wird. Das Dasein vieler Sterne er- 
kennen wir nicht und doch leben und wirken und leuchten 
sie. Auch gibt es Monate, wo düstere Wolken Himmel 
und Sonne verschleiern; und bricht das Licht hervor, so 
sticht und blendet es oft gar peinlich das ungewohnte 
Auge. 

Solche Sterne gibt es auch in der Kulturgeschichte 
der Menschheit; langsam erkennen die Menschen ihr 
Licht, wenn Sternendeuter kommen. Wohl werden diese 
oft zuerst wie wahnwitzige Astrologen verspottet oder 
wie Ärzte vom unwissenden Volk mißhandelt, das da 
glaubt, diese streuten das Gift einer Epidemie in die 
Brunnen. So wurde in Rußland ein Arzt als Dämon der 
Cholera erschlagen. Und düstere Wolken sind oft in der 
Menschen Kultur über die Erde gezogen, große finstere 
Winterwolken. 

Die Kunst bedeutet uns mehr als Kunstgeschichte. 
Wie sehr sie ein Heiland der Menschheit ist, habe ich 
ausführlicher in einer kleinen Schrift erörtert* 1 ) — die 
hohe und die niedre Kunst, beide religiösen, ob auch 
nicht dogmatischen Ursprunges. Nicht als ob die Formen 
der Kunst die hohen religiösen- Werte einfach ersetzen 



') Heiland Kunst, Nr. 8 der Lebenswerte, Verlag Hermann 
Costenoble, Jena 1907. 



— 76 — 



sollen, nein, wohl aber einander durchdringen, weil sie 
wesensverwandt sind. 

Ein solcher ferner Stern am Himmel der erfreuenden 
Kunst war die künstlerische Persönlichkeit, von der diese 
Schrift handelt. Zwei Gründe sind es vor allem, die ihn 
in deutschen Landen noch nicht zu der Wirkung und 
Bewunderung kommen ließen, wie einen Rafael, dem er 
selbst nach dem Urteil widerwilliger Anerkennung an 
Bedeutung nahesteht — ich sage: gleichsteht. Zwei 
Gründe, und zwar: daß seine Werke außerhalb Italiens 
so gut wie gar nicht anzutreffen sind, schon deshalb, weil 
er vorwiegend al fresoo gemalt hat, und weil sie selbst 
in Italien fast gar nicht an der großen Heerstraße liegen 
(mit Ausnahme eines schönen Werkes in Florenz) oder 
gar, wie in Born, in der Farnesina des Herzogs von 
Ripaldi, vor aller Welt hermetisch verschlossen sind. Aber 
der zweite Grund war bisher ebenso schwerwiegend. Man 
schämte sich, diesen Künstler zu nennen, weil er unter 
einem häßlichen Spottnamen berühmt wurde, dessen letzte 
Ursache bisher aller Welt ein verhaßtes Geheimnis blieb. 
„H Sodoma" nannte man ihn, und er selbst, in stolzer 
Bewußtheit seines ursprünglichen Empfindens 
und voll souveräner Verachtung gegen eine beschränkte 
Welt- und Naturerkenntnis, führte diesen Namen selbst» 
wie zum Trotze. 

Was hat man nicht alles gedeutelt und gedreht, um 
eine sogenannte Ehrenrettung dieses Genius zu versuchen, 
dessen tiefen Wert man nicht so ohne weiteres verkennen 
konnte! Die lächerlichsten Hypothesen wurden aufgestellt, 
sogar in Italien, das alles weiß und duldet — sofern 
nur der Schein gewahrt bleibt. Traurig lächerlich be- 
rührt es, denkende Männer um eine Tatsache herumlügen 
zu hören. Ehrliche deutsche Forschung hat ein ver- 
dunkeltes Gebiet der Natur und* menschlichen Seele 
erschlossen, und seitdem ist auch die „soziale Notwendig- 



— 77 — 



keit" jenes beschränkten Getues hinfällig geworden. 
Italien, das vieler moderner Forschung schon aus dem 
Grunde ferner steht, weil es die deutsche Sprache und 
alles deutsche Denken als barbarisch ablehnt, ist heute 
fast mittelalterlicher in seinem Urteil als vor dreihundert 
Jahren, wenn auch das Volk viel liebenswürdige Seiten 
und gesunden ursprünglichen Sinn hat. 

Hat unser Meister den Namen Sodoma mit Recht 
getragen? Nein, dem gehässigen Sinn dieses Wortes 
nach nicht Diese Bezeichnung käme nur einem Menschen 
zu, der mit brutaler Rücksichtslosigkeit vergewaltigend 
vorgeht. Und hier muß ich zur Erklärung auf ein 
Kapitel des Alten Testamentes eingehen, das zur Er- 
zählung von der Stadt Sodom einen wichtigen Aufschluß 
gibt, und das bisher, meines Wissens, noch garnicht er- 
kannt und erwogen worden ist. Es ist das 19. Kapitel 
des Buches der Richter, das wohl auf ältesten historischen 
(nicht mehr mythischen) Berichten der israelitischen Ge- 
schichte beruht Zum Parallelismus seien nebenan einige 
Verse aus der alten Erzählung angeführt. 

Also: ein junger levitischer Mann kehrt auf der 
Heimreise mit seinem Kebsweibe (Konkubine) und einem 
Bedienten im benjaminischen Städtchen Gibea ein, und 
zwar im Privathause eines alten Mannes, der sie beher- 
bergt. Dann heißt es dort weiter: 



Geschichte von Gibea 
Richter, 19. 
22. Und da ihr Herz 
nun guter Dinge war, siehe, 
da kamen die Leute der 
Stadt, schlechte Gesellen, 
und umgaben das Haus und 
pochten an die Tür und 
sprachen zudem alten Manne, 
dem Hauswirt: Bringe den 



Erzählung von Sodom 
Genesis, 19. 

4. Aber ehe sie sich 
legten, kamen die Leute der 
Stadt Sodom, und umgaben 
das Haus. Jung und Alt, 
aus allen Enden; 

5. Und forderten Lot 
und sprachen zu ihm: Wo 
sind die Männer, die zu dir 



— 78 — 



Mann heraus, der in dein 
Haus gekommen ist, daß 
wir ihn erkennen. 

23. Aber der Mann, der 
Hauswirt ging zu ihnen 
heraus und sprach zu ihnen: 
Nicht, meine Brüder, tut 
nicht so übel; die weil dieser 
Mann in mein Haus ge- 
kommen ist, tut nicht eine 
solche Torheit 1 ). 

24. Siehe, ich habe eine 
Tochter, welche noch eine 
Jungfrau ist, und dieser ein 
Kebsweib; die will ich euch 
heraus bringen, die mögt 
ihr vergewaltigen und mit 
ihnen tun, was euch gefällt; 
aber an diesem Manne be- 
geht solche Schändlichkeit 
nicht. 



gekommen sind diese Nacht? 
Führe sie heraus zu uns, 
daß wir sie erkennen. 

6. Lot ging hinaus zu 
ihnen vor die Tür und schloß 
die Tür hinter sich zu. 

7. Und sprach: Ach, 
lieben Brüder 2 ), tut nicht 
so übel. 

8. Siehe, ich habe zwei 
Töchter, die haben noch 
keinen Mann erkannt; die 
will ich euch herausbringen 
und tut mit ihnen, was euch 
gefällt; allein dann tut diesen 
Männern nichts, weil sie in 
den Schatten meines Hauses 
gekommen sind. 

Hier spinnt die Sage an. 



') Sehr bezeichnend ist, daß der Israelit sich hier nicht auf 
das mosaische Gesetz beruft (8. Mose 20, 13), was doch das zu- 
nächst gebotne war. Es beweist aber, daß zu seiner Zeit dieser 
Blutparagraph des angeblich vollständigen sin ai tischen Gesetzes 
noch garnicht bestand, sondern erst viel später, nach dem Exil, 
im Priesterkodex von den Priestern eingeführt ist, und zwar wesent- 
lich zur scharfen Trennung der Juden von den Andersgläubigen 
als Ausführung schon vor dem Exil bestehender Tendenzen (im 
Deuteronomium). 

*) Daß Lot die Sodomiter als „Brüder" anredet, ist gänzlich 
falsch, denn die Sodomiter waren keine Israeliten und bedrohen 
ihn selbst gleich darauf, V. 9, als einen Ausländer. Ob dies 
„Brüder" nicht noch speziell auf die historische Quelle, eben die 
Erzählung von Gibea, zurückweist! 



— 79 — 



25. Aber die Leute 
gaben ihm kein Gehör; des- 
halb nahm der Mann sein 
Kebsweib und führte sie in 
die Straße hinaus, und sie 
erkannten sie und miß- 
brauchten sie die ganze 
Nacht bis an den Morgen 1 ). 

Die Folge war, daß das Weib in Gibea starb. Der 
Mann zerstückelte sein Weib in 12 Teile und sandte sie 
an die 12 Stämme, um zur Rache aufzurufen. Der 
Stamm Benjamin folgte nicht Darauf kam es zu einem 
gewaltigen Vernichtungsstreit, dem viele Tausende zum 
Opfer fielen. 

Diese offenbar historische Erzählung ist, ohne den 
mythischen Engelbericht und die sagenhaften weiteren 
Begebenheiten von Sodom und Gomorrha, im wesentlichen 
desselben Inhaltes und darum äußerst belehrend. Es 
handelt sich hier in Gibea nur um israelitische Parteien 
auf beiden Seiten. Hier, wie in der Erzählung von Sodom, 
sehen wir, wie der Hausher mit derselben unritterlichen 
und feigen Roheit die Weiber der Vergewaltigung aus- 
zuliefern bereit ist, um vor allem die Verletzung des 
heiligen Gastrechts, als den größten Frevel, zu verhüten. 
Nur darauf bezieht sich auch Christi Ausspruch, wenn 
er sagt, es werde den Städten, die seine Jünger nicht auf- 
nehmen, schlimmer ergehn, als Sodom und Gomorrha. 
(Matth. X, 14 u. 15). Also: wären jene jungen Männer 
nicht zu Gästen dieser Leute geworden, so hätten beide 
Hausherrn kein Wort verloren. Später entwickelte sich 
eine besondere Feindseligkeit gegen homoiosexuelle *) 
Vorgänge, und damit auch eine ganz besondere Betonung 

x ) Da ich hebräisch nicht kann, habe ich die Stellen nach 
verschieden-sprachlichen Übersetzungen verglichen. 
*) Vgl« die Anmerkung zu 8. 94. 



— 80 — 



dieses Elementes in der Beurteilung der Erzählung. Aber 
jedenfalls hat diese (homoierotische) Liebe an und für 
sich als Natur- und Lebenserscheinung, wie jeder weiß, 
der das Leben und die Mitmenschen mit offenen Augen 
zu beobachten verstanden hat — mit der obigen brutalen 
Geschichte von Gibea-Sodom nichts zu tun. Und 
natürlich ebensowenig unser Meister Giovan Antonio. 
Insofern ist auch der Beiname „Sodoma" bei ihm durch- 
aus am unrechten Platze. Irgendwelche sexuelle Ver- 
gewaltigung oder Verletzung des Heimrechtes (wie letztere 
etwa in modernen Rechtsstaaten begangen wird) die mit 
jenem Namen gebrandmarkt werden, hat die feine Seele 
dieses Künstlers nicht vermocht. Und darum handelt es 
sich ja auch nicht bei den Anschuldigungen, sondern um 
die schlichte Tatsache eingeborener Empfindung. 

Da in deutscher Sprache fast gar nicht auf Leben 
und Wirken dieses Künstlers näher eingegangen wurde, 
fühle ich mich gezwungen, auch Bausteine dieser Lebens- 
geschichte heranzutragen, die ich sonst gern einem größeren 
Publikum erspart hätte. Nicht bloß sein Charakterbild 
schwankte lange, auch einfache Daten seines Lebens, wie 
sein eigentlicher Name, waren bis vor etwa 50 Jahren 
in Dunkel gehüllt Er hatte das Unglück, zu seiner Zeit 
einen Biographen zu finden, der alles tat, um sein Leben 
durch gehässige Lügen zu entstellen und ihm alle Teil- 
nahme abwendig zu machen. Dies war Giorgio Vasari, 
der „Vater" der nachchristlichen Kunstgeschichte. 

Durch die Forschungen, besonders des Barnabiter- 
mönches Luigi Bruzza, und die Entdeckung verschiedner 
Urkunden im historischen Archiv von Vercelli in Piemont 
ist jetzt festgestellt, wo Sodoma herstammt und wann er 
geboren ist. Pater Ugurgieri, ein Sienese, hat ihn für 
Siena in Anspruch genommen — trotz des Beinamens! 
Milan esi bewies, daß sein Familienname Bazzi und nicht 
Razzi war und daß er nicht aus dem Sienesischen Vergelli, 




Zu S. 17 




Sicna, Gallcrie 



GIOVAN ANTONIO 

KREUZABNAHME 



— 81 — 



sondern dem Piemontesischen Vercelli (im Dialekt Vers£ 
oder Verzl) stammte. In einer Urkunde, datiert 1510, 
wo die Mitgift seiner Frau Beatrice mit 450 fiorini 
(= etwa 1800 Frs.) festgesetzt wird, ist er als Johannes 
Antonius de Bazis, pictore de Verz£ angegeben; in einer 
andern von 1534 ist er als Cavaliere Giov. Anton di 
Giaoomo de Bazzi erwähnt. Die Möglichkeit, daß er aus 
dem adligen Hause der Tizzoni von Vercelli stammte, 
wie nach einer Eintragung im „Libro della Compagnia 
die San Bernardo* schien, ist dahin berichtigt worden, 
daß er als Knabe einen Gönner aus jener Familie hatte, 
der offenbar an dem hübschen, intelligenten Jungen Ge- 
fallen fand. 

Sein Vater Jacob Bazzi, ein Schuhmacher aus 
Biandrate, wurde 1475 in Vercelli ansässig; seine Mutter 
Angelina war aus Bergamo gebürtig, einem Gebiet, das 
üppige Typen hat und auch den bekannten Maler Palma 
Vecchio hervorbrachte. Dieser Jakob Bazzi hatte noch 
einen zweiten Sohn Nicola, der sein Gewerbe erlernte, 
und eine Tochter Amedea. Auch das Geburtsjahr 
unseres Meisters war lange strittig. Nun ist in des 
Vaters Testament Giovan Antonio zuerst genannt, also 
wohl der Ältere; ferner beweist eine Urkunde von 1502, 
daß er damals noch, nach des Vaters Tode, unter Vor- 
mundschaft der Mutter stand; nach dem Dokument von 
1503 ist bloß noch der Bruder Nicola minderjährig. Die 
Minderjährigkeit dauerte aber in Vercelli, auch laut dem 
Testamente, bis zum 25. Jahre. Folglich ist unser Künstler 
1477 geboren. 

Da der junge Maler später mit so trefflichen Fähig- 
keiten hervortritt, wäre es gewiß unterrichtend, seine 
Lehrmeister zu kennen, aber wir erfahren nur wenig; 
erst der reife Jüngling erschließt sich unserer Kenntnis. 
Eine Urkunde vom 28. Nov. 1490 berichtet von einem 
Vertrage, den der Vater mit dem 34jährigen Maler 

Jahrbach IX. 6 



— 82 — 



Martino Spanzotti schloß, und zwar in Anwesenheit 
und auf einer Besitzung jenes edlen Herrn Francesco de 
Tizzoni, der eben vermutlich an dem Knaben Anteil 
nahm — wenigstens bedenkt das Testament des Vaters 
beide Söhne gleich, ohne einer größeren Ausgabe für den 
studierenden Sohn zu erwähnen. Spanzotti hatte sich in 
Vercelli niedergelassen und muß dort angesehn gewesen 
sein. Heute werden ihm unter anderen einige Bilder 
zugeschrieben, die früher als Arbeiten des Gaudenzio 
Ferrari galten 1 ), was jedenfalls für sein Können zeugt 
Er hatte dem Knaben binnen 7 Jahren alles beizubringen, 
was er selbst verstand, auch Malerei auf Glas. Hier 
hätte Sodoma sein feuriges Kolorit her, das er, wie 
Vasari sagt^ aus der Lombardei mitgebracht — denn die 
Schule der Oldoni in Vercelli leitet sich von der lom- 
bardischen her. Mit 20 Jahren war die Lehrzeit voll- 
endet, da starb der Vater und der Jüngling ging wohl 
nach Mailand, um sein Glück zu versuchen und andere 
Meister zu studieren. 1501 war er urkundlich nicht mehr 
mehr in Vercelli und ist offenbar nicht mehr in seine 
Vaterstadt zurückgekehrt Mutter und Bruder mögen 
gestorben sein, auch hätte ihn dieser nicht verstanden; 
er verschwendete sein Geld, saß 1503 in Schuldhaft und 
die Mutter wollte, nach einer Urkunde, das Erbteil des 
abwesenden Sohnes ihm zuwenden. Alles wenig erfreu- 
liche Zustände. 

Von Sodoma's Arbeiten aus dieser Zeit wissen wir 
nichts. Ob sich der ehrgeizige schöne Jüngling jemals 
mit dem schönen majestätischen Zauberer Lionardo da 
Vinci in Mailand getroffen hat und von ihm in die Ge- 
heimnisse der Kunst, des Lebens und der Liebe tiefer 
eingeweiht wurde? Das bleibt leider nur eine fesselnde 
Vermutung. Erst 1501 tritt sein Schaffen aus dem Dunkel. 



*) So in Turin und Grignaseo. 



— 83 — 



Ende 1500 scheinen ihn die Söhne Ambrogio Spannocchis, 
des Schatzmeisters Papst Pius II., von Mailand nach Siena 
mitgeführt zu haben, wo dem Jugendlichen ein reiches Feld 
des Schaffens erblühte. Aber auch für Siena beginnt eine 
neue Zeit durch ihn, eine Neubelebung der Kunst. 

II. Siena und der junge Meister. 

Siena war seinerzeit ein angesehener Staat, dessen 
städtische Selbstherrlichkeit erst 1555 der kaiserlich- 
spanischen Macht erlag und dann bald an seine Nachbarin 
Florenz fiel« Die Kunst war dort schon früh zu eigner 
Blüte gelangt, die freilich noch steif und befangen blieb, 
aber doch keineswegs hinter der gleichzeitigen Kunst von 
Florenz zurückstand. Ja, die Werke von Duccio di 
Buoninsegna (um 1300), besonders das große Gemälde in 
der Opera del Duomo in Siena, verraten mehr drama- 
tisches und individuelles Leben, als die seines florentiner 
Zeitgenossen Giotto. Treffliche Meister waren Lippo 
Memmi und Simone Martini. Bald aber erstarrte die 
sienesische Kunst. Siena hat schon klimatisch eine eigne 
Natur 1 ), etwas in sich Geschlossnes, Abgesondertes; es 
thront 400 m hoch auf einem Felsrücken. Und diese 
Natur verrät sich natürlich auch in seiner Geschichte der 
Menschen und der Kultur. Noch heute ist Siena ein 
fesselndes, in sich beruhendes Denkmal, ja es hat noch 
sein malerisches mittelalterliches Fest „il Palio" mit dem 
Zauber seiner Trachten und dem lebhaften Wettstreit seiner 
Stadtviertel bewahrt — auch die Anmut seiner Rasse, 
die den Meister Sodoma gewiß nicht wenig gefesselt hat 2 ). 
Aber wie gesagt: die Kunst war erstarrt, und die Aufgabe 

') VgL mein Werk: „Klima und Dichtung", Heft 4 der „Grenz- 
fragen der Literatur und Medizin" herausg. von Dr. S. Rahmer. 
München 1907. 

*) Vgl. auch die beiden Bilder: „Madonnina" und den 
„Ragazzino". 

G* 



— 84 — 



unseres jungen Malers sollte es sein, sie in diesem liebens- 
würdigen Volk zu neuerer, reiferer Blüte zu erwecken. 

Heute ist Siena ein stilles Städtchen von 30000 Ein- 
wohnern, das außer seinen Kunstschätzen, alten Palästen 
und dem lieblichen Blick auf die blauenden Bergketten 
und gelbbraunen näheren Hügel sich noch den lebenden 
Reiz seiner schönen Jugend bewahrt hat; aber mit dem 
Siena jener Tage und seinen fast 100000 Einwohnern, 
was damals eine Großstadt bedeutete, kann es ja nimmer 
verglichen werden. Es saß noch ein reicher Adel in den 
Palästen, zeitweilig samt der Stadt unter der Botmäßig- 
keit des übrigens trefflichen Machthabers Pandolfo Petrucci ; 
und wir wissen, daß der junge Oiovan ') Antonio, den die 
Edlen Spannochi berufen hatten, mit den Patriziern in 
angenehme Beziehungen trat. 

Leider ist von den Porträts, die er in jener Zeit 
gemacht hat, so gut wie nichts erhalten. Ein Inventar 
aus seinem Todesjahr 1549 berichtet uns von 6 Porträts, 
darunter das des Tyrannen Pandolfs selbst und zweier 
Edeldamen, einer Saracini und einer Toscani. Erst dem 
Scharfsinn des verdienstvollen Forschers Senators Giovanni 
Morelli, der unter dem Namen Lermolieff in deutscher 
Sprache geschrieben hat, ist es gelungen ein Damenporträt 
in dem Städelschen Institut (Frankfurt), das bisher 
Sebastiano del Piombo zugeschrieben war, dem Sodoma 
zuzuweisen. Eine vornehme Dame, ganz individueller 
Natur, in voller Lebensblüte von etwa SO Jahr sitzt vor 
einem Ausblick in eine Landschaft. Ihre Augen sind 
dunkel, anmutiger sinnlicher Ernst umschwebt ihren Mund, 
so echt im Geiste dieses Künstlers; auch die langen und 
doch weichen Finger. Prächtige Ketten und Ohrgehänge 
zieren sie. Die Landschaft ist ganz Sodoma: die hellen 



') Sprich: Dschowan, doch sch weich wie das französische j 
in journal mit d davor. 



— 85 — 



Berge in der Ferne and die zierliche phantastisch reale 
Stadt, wie auf zahllosen seiner Bilder. 

Daß Sodoma eine große Fähigkeit besaß, das Per- 
sönliche im Menschen zu gestalten, zeigen seine großen 
Bilder, die soviel individuelle Köpfe aufweisen. Gerade 
dieser Künstler beweist, wie trefflich sich Schönheit und 
Charakteristik vereinigen lassen, was die nicht glauben 
wollen, denen die Fähigkeit dazu mangelt, oder die 
Harmonie solchen Empfindens. Auch die Jugend hat 
individuelles Gepräge, freilich bedarf es dazu einer feineren 
Kunst; doch ist es auch persönliche Anlage 1 ) Noch 
einige Zeichnungen sind ein spärlicher Rest von Sodomas 
Porträts 4 ): so der bärtige Kopf eines Kriegers (in den 
Offizien). Und vor allem der schöne farbige Kopf des 
klugen schelmisch lächelnden Jünglings mit dem 
Lorbeerkranz (ebenda). Es ist, als ob die Geheimnisse 
Lionardo's und die überlegne Schalkhaftigkeit Sodomas 
sich in diesen Zügen vermählt hätten; daher gehört er 
sehr wahrscheinlich dieser Jugendperiode an. 

Daß Sodoma seine Laufbahn in Siena um 1501 be- 
gann, beweist diese Zahl auf einem Rahmen, den Meister 
Bariii zu den Bildern geschnitzt hat, die Sodoma für 
Enea Savini della Costarella malte. Landi hat sie noch 
gesehn und beschreibt besonders das eine mit Begeisterung 
— eine heilige Familie, deren Madonna «überaus er- 
haben in Geist und Zügen*, ein „über die Maaßen feines 
und zartes* Christkindchen im Schöße hatte, während 
sie ihren rechten Arm um den „anmutigen* Johannes- 
knaben legte. Und dabei der Hl. Joseph. Auch das 
zweite verlorene Bild war eine „heilige Familie", um 
eine hl. Katharina mit einer Lilie vermehrt. Dionisott 

') loh habe selbst verschiedentlich Knabenknöpfe gezeichnet, 
die alle individuelle Ähnlichkeit besitzen, so daß sie von Fern- 
stehenden erkannt wurden. 

") In der Albertina in Wien und im British Museum. 



— 86 — 



sagt, diese Bilder seien im vorigen Jahrhundert von der 
Witwe des letzten Savini für 120 Scudi ins Ausland 
verkauft worden. Der Adel verarmte und die Kunst 
wanderte aus! In jene Zeit mag auch das säuberlich 
ausgearbeitete Rundbild in der Galerie zu Siena ge- 
hören, ehemals in der Einsiedelei von Lecceto: „Die 
Krippe* oder „die Verehrung des Kindchens*, das am 
Boden liegt, während die zarte Maria vor ihm kniet, 
hinter ihr Joseph, und auf des Bandes andrer Seite ein 
Engel mit dem kleinen Johannes, der jubelnd ein Kreuz- 
chen hochhebt. Zwischen ihnen blicken Ochs und Esel 
so altklug von der Krippe her. Im Hintergrunde, wo 
zartblaue Hügel die Gegend begrenzen, begrüßt Joseph 
die Hl. drei Könige. Eine ähnliche Darstellung, doch 
ohne Krippe und die Szene im Hintergrunde und wie 
mir deucht, weniger in der Eigenart des Künstlers ist 
heute Besitz der Gallerie Borgogna in Vercelli 1 ). Ein 
hübsches Bild, das sich in Berlin befindet, möchte ich 
hier einreihen. „La carita", die Mildherzigkeit, nennt es 
sich, ich würde es die Weiblichkeit nennen; daß So- 
doma das so zu gestalten verstand, beweist, daß auch 
diese Empfindung in seiner Seele heimisch war. Ein 
anmutiges Weib in der reifen Blüte der Jahre, dessen 
zartkräftiger Oberleib sich aus dem Mantel befreit hat, 
steht in offner Landschaft, ein Kindchen auf dem Arm, 
während zwei am Boden sich an ihren Mantel klammern. 
Das sinnige verhaltene Lächeln spricht schon für Sodoma*), 
auch die Behandlung der Haare und des Leibes. Der 
Künstler tastet hier den Weg eigenen Empfindens. 

Und da stehn wir vor einem Werke, das gewiß in 
seine reifende Zeit gehört und viel Bewunderer gefunden 
hat, so die Italiener Landi, Deila Valle, Milanesi, Frizzoni, 

*) Früher in der Gal. Scarpa alla Motu di Friuli, wo es für 
Ceaare da Sesto galt 

*) Früher Pernze! genannt, bis Morelli es als Sodoma erkannte. 



— 87 — 



ja schon sogar Vasari, der ihm doch kein gutes Härchen 
lassen mochte, and die Franzosen Blanc, Eugen Müntz, 
sowie die Deutschen Burckhardt und zahllose andre. 
Und doch war dies Urteil nicht ganz richtig und gerecht. 
Man bewunderte die „Composition* dieser Kreuz- 
abnahme und ging dabei von dem alten einseitigen 
architektonischen Standpunkte aus, der in diesem Bilde 
zu seinem Recht kommt, ohne für die seelische und 
malerische Komposition 1 ) Sinn zu haben, die seine andern 
Bilder auszeichnet Wie die meisten trotz Vasari er- 
kannten, gehört es in seine frühe Zeit. Doch finde ich 
nicht so sehr lombardische, als umbrische Einflüsse, 
vielleicht durch Vermittlung von Zeichnungen des Peru- 
gino, von denen Pinturichio nach Siena mitgebracht hatte. 
Wer das Sodoma'sche Bild mit der „Kreuzabnahme* von 
Perugino und Filippino Lippi in Florenz 8 ) vergleicht, 
muß diese Verwandtschaft erkennen. Beide mal ist der 
dreieckige Aufbau mit den angelehnten Leitern und den 
Männern zu beiden Seiten, die den Heiland herunter- 
nehmen; auf beiden hat der Mann rechts das lange bar- 
barische Beinkleid; an beiden Kreuzen flattern die 
umbrischen Bänder. Und der echt peruginisch verkürzte 
Kopf des Johannes kehrt sonst bei Sodoma nie wieder. 
Seine eigne Natur verrät sich hier am meisten in der 
Frauengruppe links, wo die Mutter wie ohnmächtig 
zusammengebrochen ist, während die Frau mit dem mit- 
leidig schönen Haupt sich sorgend über sie beugt. Hier 
wirkte die zarte weibliche Seele des Künstlers, wie die 
kraftvoll energische in den beiden Kriegern rechts, in 
der abgekehrten Gestalt, die so sinnlich fest wie in den 
Boden gewurzelt dasteht. Das Bild ist sehr reich an 



*) Um dieser zu ihrem ßeoht zu verhelfen, weise ich des 
öfteren darauf hin. 

*) Aocademia delle belle Arti Nr. 98. (Phot Brogi oder Alinari.) 



— 88 — 



Farben und wirkt doch wenig feurig, auch ist es trotz 
alledem keine Farbensymphonie. 

Darunter verstehe ich einen erwognen Zusammen- 
klang; hier ist aber eher eine Farbenharmonie, d. h. der 
Übergang der nebeneinander liegenden Farben wirkt 
harmonisch, ohne als Gesamtwirkung empfunden und 
gedacht zu sein. Z. B. in der Frauengrupp6 wird der 
blaue Mantel der Madonna mit dem leuchtend grünen 
der über sie gebeugten Frau durch deren gelblich weißes 
Kleid vermittelt» und der grüne stößt wieder an den 
dumpfroten der Stehenden hinter ihr. Und wie bunt, 
doch abgetönt sind die Kostüme der Kriegsknechte! 
Wenn aber Frizzoni 1 ) sagt, diese „Tiefe des Ausdrucks" 
fände sich schwerlich in solchem Maße in einer andren 
seiner Arbeiten wieder, so kränkt er ihn mit diesem Lobe. 
Was hier in der Frauengruppe geleistet ist, übertraf 
Sodoma noch ursprünglicher und schöner in zwei späteren 
Werken. Aber es ist ein Grund, warum dies Werk so 
besondre Gnade vor den Augen der Kunstkenner findet : 
es atmet den Geist umbrischer Weise und Rafaelischer 
Konstruktion; und es ist einmal ein Dogma der Kunst- 
kenner: Rafael ist groß und man kann höchstens sein 
Prophet sein. Gewiß, er ist groß, aber — es gibt noch 
andre Götter neben ihm. 

III. Monte Oliveto Maggiore. 

Bald durfte Giovan Antonio seinen phantasiereichen 
lebendigen Geist in großen Wandgemälden als liebens- 
würdiger Schöpfer betätigen. 1503 wurde er von Don 
Andrea Coscia, dem Kellermeister des Klosters Sant' Anna 
di Creta (oder Camprena) *) berufen, für 20 Golddukaten 
das Refektorium al fresco auszumalen. Das Hauptbild, 
gegenüber dem Eingang, ist noch heute das schönste, 

x ) Arte IUliana del Rinasoimento. 

*) In der Nähe von Pienza im Sieneaisohen. 



— 89 — 



doch auch duroh Feuchtigkeit und andre Unbill ver- 
dorben. Nach seiner. Aufhebung diente dieses Kloster 
als Keltereil Welch kunstverständiges Volk diese Kloster- 
stürmer waren! Dieses Bild schildert nun die wunderbare 
Speisung'. Hinten in weiter Landschaft schlängelt sich 
ein Fluß; bei einem antiken Triumphbogen entkleiden sich 
junge Männer, um ins Bad zu steigen; im Mittelgrunde 
wandert ein Greis, sein Mäntelchen bläht sich im frischen 
Winde. Vorn links macht der Heiland Halt; vor der 
dichtgedrängten Schaar der Apostel steht seine Persön- 
lichkeit Hier setzt der Vorwurf gegen die „Gedrängt- 
heit* seiner Komposition ein, aber man beachte doch die 
seelische Komposition darin. Anmutig schaut Christus 
zu dem Knäblein hinab, das so voll strotzender Lebens- 
kraft, halbnackt im windgeblähten Röckchen, mit den 
wenigen Broten dasteht, von einem Hündchen gefolgt, 
das auch noch paar Brosamen möchte. «Was soll ich 
damit?* fragt das Bübchen lächelnd. Freundlich hebt 
der Heiland den Finger, als lächelte er selbst über diese 
Brötchen, die so viele speisen werden. „Und du sollst 
Wunder sehn!* Vertrauensvoll blickt Johannes zu seinem 
göttlichen Freunde hin. Petrus schaut so ungläubig 
verdrossen drein. Wie verschieden sind die Köpfe dieser 
Masse der Jünger, die so wenig ihrem Meister gewachsen 
sind und so realistisch als einfache Leute erfaßt sind. 
Wäre ich nicht im Raum beschränkt^ so wollte ich noch 
näher auf diese Charaktere eingehen. Man beachte auch 
die elegante Stellung des fast launig heiteren Heilandes, 
der eben Halt macht — wie der Mantel die Linien des 
Beines hebt, wie die Falten ihm folgen. 

Die übrigen Bilder sind sehr entstellt und auch in 
der Ausführung weniger anzuerkennen: das gesättigte 
Volk, eine Pietfc, Tolomei der Gründer der Olivetaner- 
Einsiedelei von Mönchen umgeben, die hl. Anna, die 
Madonna und Kind, endlich der Erlöser. 



— 90 — 



Nun folgt erst die glänzende Schöpfung von Monte 
Oliveto Maggiore (1505 — 06). Der Ordensgeneral Fra 
Domenico berief den jungen Künstler dazu, an den 
Wänden des Kreuzganges, wo Luca Signorelli schon 
9 Bilder gemalt hatte, die Geschichte des HL Benedikt 
zu verherrlichen. Und wie gelang ihm das. 

In einer eignen Schrift »Olympia und Golgatha" 1 ) 
habe ich dargetan, wie diese scheinbar entgegengesetzten 
Welten sich zu Einer harmonischen entwickeln können, 
und inwiefern sie gemeinsame Wurzeln haben. In diesem 
Maler der Wiedergeburt erkannte ich nachträglich eine 
ähnliche unmittelbare Empfindung dieser Wahrheit. Seine 
Werke sind von so tiefem religiösen Gefühl inspiriert und 
dabei von einer unbefangenen Schönheit und Natürlichkeit, 
wie man sie antik zu nennen pflegt. Die Renaissance 
war eben nicht bloß eine Wiedergeburt der Kunst, 
sondern auch der Religion. Man hat bisher das Gegen- 
teil behauptet, doch hoffe ich meinen Ausspruch in einem 
ausführlichen Werke zu erhärten. Selbst ein Hugo van 
der Goes (um 1450) offenbart in einem Bilde 8 ) diese 
Verbindung antiker Ursprünglichkeit und christlicher 
Weise! Erst die Gegenreformation unterbrach diese Ent- 
wicklung; es war noch zu früh. Die Masse (die hohe 
wie die niedere) war noch nicht reif für die lautere 
Empfindung der Künstler, daher wurde alles ins falsch 
Ubermenschliche, Gewissenlose verzerrt, ins sogenannt 
Renaissancehafte, was aber eine Ausartung war. Dann 
kam wieder die unkeusche Scham auf, die einzelne Teile 
des Leibes mit den Lappen eines „beschmutzenden 0 
Gewissens zudeckte; das reine Erotische wurde ins 
plump Sexuelle verwandelt. Heute finden sich wieder 
Ansätze einer neuen Wiedergeburt des ursprünglichen 



*) Lebenswerte, Heft 1. Jena, 1907. 
*) Galerie Corsini in Florenz. 



— 91 — 



Empfindens 1 ). Der Fortschritt auf diesem erneuten Wege 
der Wiedergeburt ist der einzige Gedanke, der uns im 
Kampfe um die Güter dieser Erde Mut und Ausdauer 
verleihen mag. 

Als Giovan Antonio seine Laufbahn begann, war 
jene Wiedergeburt im Begriff ihren Höhepunkt zu er- 
reichen. Kleinliche Seelen, wie Vasari, waren auch da- 
mals die Hemmnisse des Fortschrittes, den die Großen 
in ihren Werken offenbarten und den zu offenbaren ihnen 
auch die kirchlichen Anstalten ermöglichten. In Mont' 
Oliveto durfte Giovan Antonio 32 Bilder malen, davon 
25 im Kreuzgange, für 4 von diesen erhielt er je 10 Gold- 
dukaten, für die andern je 7. Dieses alte Kloster, um 
1320 gegründet, hat eine wunderbar romantische Lage 
auf einem Hügel, von einem Hain stolzer dunkler Zypressen 
umgeben, mit dem Blick auf nahe goldige Felsen, zum 
Teil von Olivenwaldung bestanden, und fernerhin auf die 
hier unendlich zartblauen Berge, die wie ein Hauch am 
Horizonte verschwinden. Und diese Landschaft begegnet 
uns oft auf den Fresken des Malers. 

Die erste große Freske schildert den Abschied 
Benedikts von den Eltern. Es ist ein zarter, bunter 
Frühling, vorwiegend in rosa und hellgrünen Tönen ge- 
halten — wie eine Rosenknospe im Grün. In der Tat : 
wie der anmutig schöne, blondgelockte Jüngling, fast 
möchte man Knabe sagen, auf seinem Roß in die Welt 
hinaussprengen will, indes er sich noch einmal umwendet, 
um Abschied zu nehmen — das ist lenzende Stimmung. 
Uber den zartblauen Rock flattert ein Mantel von 
bronzener Lebensglut. Es ist der Knabe, der zum Jüng- 
ling erglüht. Vorne, zurückbleibend, steht eine Frau in 
Schwarz — die Mutter. Das ist seelische Farben- 

] ) In den letzten 2 Jahren sind sogar in Italien, in den staat- 
lichen Museen, die bisher allzugroße Rücksicht auf die englischen 
Misses übten, diese Scheulappen bei der Plastik gefallen. 



— 92 — 



komposition, die Komposition ekies Malers, nicht eines 
Architekten. Man lerne doch endlich würdigen, daß eine 
Komposition von fünferlei Standpunkt erwogen werden 
kann: architektonisch, zeichnerisch, luministisch, malerisch 
und seelisch. 

Das zweite Bild, Benedikt auf der Hohen Schule, 
ist nicht so bedeutend, es ist sehr bunt, fast wie die 
Schule des Lebens, auch hier wirkt rosa-rot als Farbe vor. 

Das dritte, die Macht des Gebetes, ist von entzücken- 
der Schöne der Gestalten. Allenfalls könnte man einwenden, 
das Bild zerfiele in zwei Hälften ; das war aber in jener Zeit 
ziemlich üblich. 1 ) Links liegt der junge Benedikt auf den 
Knieen und heilt durch sein Gebet ein zerbrochenes Ge- 
schirr. Rechts steht vor grünem Rasen, mit dem Blick durch 
einen Säulenbau des Mittelgrundes auf die fernen blauen 
Berge und den Fluß — Giovan Antonio selbst, als eleganter 
Kavalier, neben ihm ein anmutiger Jüngling und ein 
liebreizender Knabe, von andern Männern gefolgt. Dies 
ist das einzige verbürgte Porträt des Malers, und freilich 
gibt es seinen Charakter ganz wieder. Den brokatnen 
Mantel mit weißem Futter, den bläulichen Sammetrock, 
das purpurrote Trikot, die Kappe, das stolze Schwert 
mit dem goldigen Griff — all das hatte er, laut dem 
Klosterarchiv, von einem mailändischen Edelmann er- 
standen, der Mönch geworden war. Er kleidete sich gerne 
mit Eleganz. Den Vorwurf der Eitelkeit hört man da 
leicht; aber eine gewisse Eitelkeit ist Bescheidenheit Der 
Arrogante glaubt auch ohne alles Zutun den Leuten an- 
genehm zu sein. 

Aus klugen grüngrauen schelmischen Augen blickt uns 
der Künstler an, während ein überlegen schalkhaftes Lächeln 
um seine vollen Lippen zuckt. Die Nase ist energisch, 
auch die Gesichtsform; reiches dunkelbraunes Haar flutet 

*) z. B. auf Michelangelos Schöpfongabüd in der 8ixtina } wo 
Gottvater sogar zweimal erscheint 



— 93 — 



um sein Gesicht auf die Schultern herab. Der Schöpfer 
der Werke leibt und lebt, ein Mensch, der Schönheit, 
zarte und sinnlich schöpferische Erfindung mit selbst- 
bewußter Energie verbindet — ein ernsthafter Schalk, 
der seiner inneren Welt sich bewußt ist und die Menschen 
nicht fürchtet, aber doch eine empfindsame Seele hat. 
Bezeichnend für sein Wesen sind auch die Tiere, die er 
mit abgebildet hat, besonders sein sprechender Rabe. 
Auf diese „Schrulle" des »närrischen Kauzes", wie ihn 
die Mönche nannten, wird noch zurückzukommen sein. 
Sicherlich ist sein sogen. Porträt in den Uffizien nicht 
er; abgesehen davon, daß Augen, Haare und Ausdruck 
andre sind, erinnert nicht einmal die Malerei an ihn: 1 ) 
das Fleisch ist zu ledern, die Landschaft nicht von seiner 
Art. Und sich selbst hätte er entschieden besser gemalt. 

Sehr bezeichnend sind die beiden liebreizenden Figuren 
rechts vom Künstler auf jener Klosterfreske. Ein italien- 
ischer Gelehrter, Basilio Magni, 2 ) hatte die naive Unwissen- 
heit, deren Absicht etwas durchsichtig ist, die beiden für 
Frau und Tochter des Sodoma auszugeben. Nun ist das 
Bild 1505 gemalt, aber erst 1510 hat er geheiratet; und die 
Tochter ist erst 1526 im entsprechenden Alter gewesen!! 
Dieser hübsche Jüngling mit den rosigen Wangen und dem 
kupferblonden Haar, dessen nackte gebräunte Knie und 
Waden aus dem veilchenfarbenen Rocke hervorschauen, 
kehrt hier auf verschiedenen Bildern wieder. Er ist ganz 
individuell und individuell ist auch der Knabe: goldblond 
in dunkelrosenrotem Mantel. Daß diese Gestalten heute, 
willkürlich oder unwillkürlich, als weiblich angesprochen 
werden, 8 ) beruht eben darin, daß man ihren Liebreiz 
empfindet und diesen sich gedrungen fühlt .weiblich" 

l ) Wie schon Frizzoni a. a. 0. bemerkt hat 
*) „Storia doli' Arte Italiana dalle Origini al secolo XX. U II. 
pag. 609. 

8 ) Wie ich das selbst in Siena beim Kunsthändler erlebte. 



— 94 — 



zu nennen. Das Ewig-anmutige — das Eden-Ideal des 
Glaubens an Engel und Huris, auf Erden eine seltene 
Blüte — 

„wo der Geschlechter Widerstreit 
in Einer Form gebunden" 1 ) 
ist das Begehrens- und Erstrebenswerte — das Harmonische. 
Das ist ein weites Feld, dessen Bebauung ein eignes 
Werk verlangt. Freilich ist zum Verständnis Giovan 
Antonios fast unbedingt notwendig, was ich, als erster, 
„araphroditisch* l ) genannt habe — die harmonische Durch- 
dringung des Kraftvollen mit dem Anmutigen. Diese 
Empfindung entwickelt sich bei Sodoma noch mehr und 
gelangt später zu seinem höchsten Ausdruck. 

Er ist nicht ausschließlich das, was man heute eine 
homosexuelle Natur nennt oder richtiger konträrhetero- 
sexuell nennen sollte. Er ist nicht ein scheinbarer 
Mann, der nur weiblich empfindet und nur vom Starken 
angezogen wird. Nein, er vereinigt beide Welten in 
seiner Natur. Und darum drängt es ihn solche Harmonie 
zu gestalten. Es ist ihm später glänzend gelungen das 
schöne Weib zu verherrlichen; aber dieses weibliche 
Element — wo es nicht seelisch erschüttert wie in der 
Hl. Katharina dargestellt ist — ist kein extrem passives, 
kein sentimentales Gretchen und auch keine lüsterne 
Schöne, sondern mehr ursprünglich gleich der hellenischen 
Aphrodite 2 ), germanischen Freya oder Kriemhilde eine 
in sich beruhende Schönheit, die von einer gewissen 
ruhigen Kraft erfüllt ist, wie seine Eva. Und dasselbe 
gilt von seinen Jünglingsgestalten, da wo er sein ganzes 
Empfinden hineingelegt hat Sodoma ist, was man 
homoi-erotisch 8 ) und bi-erotisch nennen könnte, 

') Elisar von Kupffer „An Edens Pforten, ans Edens Reich", 
snfisohe Gedichte, Pierson, Dresden 1007. S. 26 n. 142. 
*) Z. B. die von Knidos, von Melos, nicht die MedicL 
*) homoio, — nicht homo — ähnlich nicht gleich. Homöo- 
pathie ist desselben ethymologischen Ursprunges. Statt des korrekten 



— 95 — 



also ähnliches-liebend und zwiefältig liebend. Seine Sehn- 
sucht erstrebte nicht den Gegensatz, sondern mehr das 
ihm Verwandte; und sein Empfinden ist kraftvoll und 
zart zugleich. Unter bisexuell versteht man ja bis heute 
die Hinneigung zu Weib und Jüngling, (oder zum weib- 
lich aussehenden Mann) was doch dem Wesen nach eigent- 
lich dasselbe ist, nämlich zum Anmutigen (Frauenminne 
und Lieblingminne); und da ist es ein Widersinn, bei aus- 
schließlich werbender Anlage von einer doppelten, bi- 
sexuellen, zu sprechen. Männer, die nur begehrend 
empfinden, sei es zum Weibe oder zur männlichen Jugend, 
sind also insofern keineswegs bisexuell zu nennen, sondern 
bloß heterosexuell, weil sie das andere Element ver- 
langen; allenfalls sind sie biheterosexuell zu nennen. 
Deswegen nenne ich konträrheterosexuell solche, die 
scheinbar ihr eigenes Geschlecht »ersehnen", in Wirklich- 
keit aber doch das andre, werbende, zugreifende Element 
— wie die Urninge, die nur das Kraftvolle und Aktive 
als Ergänzung suchen. Bisexuell wären also nur solche 
Menschen, in denen sowohl das werbende, aktive, liebende 
Verlangen mächtig wirkt, wie auch das hingebende, 
sorgende und liebende Sehnen, das wir besonders im 
Weibe finden. Das Wort homosexuell (gleiches liebend) 
beruht überhaupt zum großen Teil auf polizeilichem 
Irrtum und oberflächlicher Klassifizierung. Daher so 
viel Mißverständnisse und Streit über dieses Wort. In 



homoioerotisch ist des folgenden Vokales e wegen die Elidierung 
des o phonetisch ratsam: also horaoi-ero tisch; dagegen homoio- 
sexuell. Das Wort „homosexuell" ergab übrigens bei dem klassisch 
ungebildeten Publikum ein Mißverständnis, da es fälschlich vom 
lateinischen „Homo" = Mensch, statt vom griechischen 6pos ab- 
geleitet wird. So stand letzthin in den italienischen Korrespondenzen 
ans Berlin statt omosessuale = homosexuell das ähnlich klingende 
uomo sessuale = der geschlechtliche Mann (oder Mensch), denn in 
Italien ist das lateinische Homo zu uomo geworden. 



— 96 — 



jedem Liebesaugenblick leben und weben, recht begriffen, 
stete beide Elemente, das Suchen und Geben. Überhaupt 
ist das Wort sexuell viel zu plump hebammenhaft für 
die reiche Welt des erotischen Empfindens — der tiefen 
und reichen Welt der Liebe. Das »Sexuelle* (vom 
lateinischen Worte Sexus = Geschlecht) bedeutet allzu 
ausschließlich das Äußerliche, die physiologischen Organe 
und Funktionen; dagegen das «Erotische 1 (vom griech- 
ischen Worte €£o>£-Eros = die Liebe) umfaßt demgemäß 
mehr: auch das ganze Innerliche, Gemütvolle und Geistige 
samt dem Leiblichen. Um denselben Wert und Sinn zu 
haben, müßte der lateinische Ausdruck von „amor" ab- 
geleitet sein. Das Wort „erotisch* ist um so viel reicher 
und höher als „sexuell", um wieviel die griechischen 
Tragödien über den latinischen Zirkusspielen, die olymp- 
ischen Feste über den Gladiatorenhetzen stehn. 

Das Wort „sexuell* (homo-, homoio-, hetero- und 
bi- oder biheterosexuell) mag ja wohl da am Platze sein, 
wo nur medizinisch-physiologisch oder juridisch-kasuistisch 
von sexuellen Vorgängen, im engsten Sinne, die Rede 
ist; sonst muß es durchaus abgelehnt werden, als eine 
einseitige, unbillige und insofern herabsetzende Bezeich- 
nung. Um das Physiologische und Sexuelle hat sich 
keiner außer den Beteiligten zu kümmern, dagegen ist das 
Erotische eine soziale und — wohlverstanden — fördernde 
Macht, von der es wohl berechtigt ist, öffentlich zu reden. 
So ist es plump, die Ehe immer nur dadurch entschuldigend 
zu kennzeichnen, daß in ihr Kinder erzeugt werden, als 
ob sie nicht an sich als menschliches Verhältnis auch 
kinderlos, gleichwie freundschaftliches Zusammenleben, 
einen höher menschlichen Gemeinschaftswert hätte, der 
über den sozialen Herden- und Zeugungstrieb der Tiere 
hinausgeht. 

Als der verdienstvolle Vorkämpfer und Arzt> 
Dr. Magnus Hirschfeld (nach dem Vorgange vom Pro- 




Sant' Anna in Camprena Phot. Lombardi 

GIOVAN ANTONIO 

DIE WUNDERBARE SPEISUNO 



Zu S. 21 




Monte Oliveto Maggiore Phot. Alinari 

GIOVAN ANTONIO 

ZERSTÖRUNG VON MONTE C ASSI NO 



Zu S. 31 



Monte Olivcto Maggiore GIOVAN ANTONIO Phot. Lombardi 

EIN H1RTENJÜNOL1NQ 

(Teilaufnahme) Zu s - 30 




Zu S.I5 , 30 und 98 



— 97 — 

fessor von Krafft-Ebing) dieser Forschung seine Tätigkeit 
zuwandte, da war die Anwendung des Wortes „homo- 
sexuell" am Platze und aus dem Wesen des Kampfes 
gegen dogmatisch-asketische Anschauung und polizeiliche 
Eingriffe berechtigt, um so mehr als es sich zuerst wesent- 
lich nur um medizinische oder forensische Beurteilung 
von solchen handelte, die an „sich selbst" oder ihrer 
Umwelt litten. Dagegen ist heute für das Publikum, 
und gar bei Beurteilung von kulturhistorischen Größen, 
dieses Wort überflüssig, ja irreleitend. 

Giovan Antonio war eben bi-erotisch; darunter 
möchte ich die Vereinigung der Grundempfindungen 
beider Geschlechter, der Begehrenden und der Hin- 
gebenden, in Einer Person verstanden wissen. Auch 
Signorelli hat, wie erwähnt, in diesem Klosterhof gemalt; 
aber obschon er ähnliche Neigungen hatte, weicht er von 
Giovan Antonio insofern ab, als er eine ungebändigte 
Kraft war, dieser aber stetig mehr ausgeglichen. Giovan 
Antonio ist apollinisch, Signorelli mehr are-isch 1 ), 
Correggio wäre mehr dionysisch zu nennen. 

Von ergreifender Anmut ist das vierte Bild, die 
Weihe, das leider teilweise verdorben ist In freier 
stiller Natur kniet der zarte Jüngling Benedikt vor dem 
greisen Mönch Romanus. Welch fein empfundener Gegen- 
satz zwischen dem würdevollen, weißbärtigen Manne, der 
die weiße Kutte segnend und weihend über den er- 
griffenen Knaben breitet, der sich wie eine erblühende 
Knospe in den Mantelschatten des Greises kauert. Eine 
christliche Darstellung ersten Ranges ! Und dabei möchte 
ein Wissender an die Gestalt des greisen Dichters Pindar 
denken, der in hohem Alter einen geliebten Jüngling in 
die Weisheit seines Herzens einweihte; wie er ja, der 
Geschichte nach, das Haupt auf den Knien dieses Knaben 
in eine andre Welt hinüberschlummerte. 

') Von Ares abgeleitet. 

Jahrbuch IX. 7 



— 98 — 



Bild 5 und 6 schildern den Anfang der kirchlichen 
Laufbahn. Bild 7 zeigt ihn mit den Hirten der Um- 
gegend, die ihm Früchte bringen und die er unterweist. 
Dieses Gemälde ist weich und idyllisch in der Auffassung 
und zugleich sehr realistisch in der Darstellung der Bauern. 
Schön ist wieder der Jüngling rechts, derselbe Typus wie 
auf Bild 3, ein Charakter, der vertraut und dem man 
vertrauen kann. Es ist ein Wesen, wie es sich in leben- 
dem Typus ') noch in der Gegend wiederfindet und dem 
die Worte zu gelten scheinen: 

„Mein lieb, da hast die Natur der Tauben . . 
Diese Gestalt, mit verschränkten Beinen und auf den 
Stab gestützt, gemahnt an eine griechische Vasenfigur, 
auch in dem Terrakottaton des Fleisches. 

Ich übergehe die Bilder mönchischen Lebens, die 
alle, mit seelischer Berechtigung, weniger reich an Farben- 
tönen sind, doch wiederum reich an anmutigen fast kind- 
lichen Köpfen, so: der hL Maurus, der den Placidus rettet, 
indem er auf Benedikts Geheiß auf dem Wasser wandelt; 
so der hübsche junge Hirte, der kniend von dem gealterten 
Heiligen eine Korb-Flasche Weines empfängt, aus der 
später, als er sie für sich versteckt hatte, zur Strafe eine 
Schlange kriecht. An der Ecke des Kreuzganges stoßen 
wir dann auf zwei vorzügliche Gemälde. 

Der falsche Priester Fiorenzo hat eine Schar leicht- 
lebiger junger Weiber ins Kloster geschickt, um Ärgernis 
und Versuchung zu erregen. Es ist eine Farbenkompo- 
sition: auf der linken Seite steht die weißgekleidete 
Schar der Mönche, eine gedrängte Herde ; rechts die ver- 
lockende bunte Welt der jungen Weiber. Wie bläuliches 
durchsichtiges Wasser rinnt der einen lebenslustigen 
Schönen das Gewand herab; eine andre schillert in gelb 
und grüner Seide. Verführerisch ist diese bunte Schar 

>) Vgl. dazu die Spezialaufnahme Madonnina. (Toskanischer 
Jüngling, der in gymnast. Wettlauf siegte.) 



— 99 — 



und doch wie sittsam in ihrer Verlockung, nichts Ge- 
meines liegt in diesen Gestalten. Es ist mehr ein ideeller 
Gegensatz zweier Welten, es ist eine Antithese klöster- 
lichen Bundes und weltlicher Lust, doch nicht ganz 
unbefangen in der Wirkung, weil der Künstler für keine 
der beiden Massen Partei ergreifen konnte. Für seine 
Psyche ist das Bild sehr lehrreich. Auf andern Bildern 
predigt Giovan Antonio die Lebensfreude mit harmloser 
Ursprünglichkeit und auch schmerzlicher Ergriffenheit. 

Nebenan ist das sinnigbunte Bild, wo Benedikt 
die beiden römischen Knaben Maurus und Placidus in 
seine Schar aufnimmt. Mit väterlicher Liebe empfängt 
sie der greise Heilige, kindlich hingegeben knieen beide 
an ihn geschmiegt. Die olympische Welt vermählt sich 
mit der christlichen. Die hübschen Pagen zu beiden 
Seiten sind wie ihre lebendigen farbigen Wappenhalter. 
Links der reizende Knabe mit dem Falken auf der Hand 
in rot, schwarz und Silbergold gekleidet. Rechts der 
andre, die fließende Linie des Rückens zugewandt, auf 
sich selbst ruhend, das Profil mit den weizenblonden 
langen Seidenhaaren ruhig, selbstbewußt. Noch mehr nach 
rechts im Bilde Rosse, die gezügelt werden, und Männer, 
die miteinander beschäftigt sind. Schon hier sei es be- 
merkt: das ist eine Eigenart von Sodomas Komposition, 
daß er uns nicht architektonische Berechnung, sondern 
wirkliches Leben vorführt. Fast immer sind die Ge- 
stalten miteinander geistig verknüpft, während sie bei 
vielen andern Meistern, ja selbst bei RaiFael, uns so oft 
als sehr schöne Statisten anschauen. 

Die Kraft des jungen Künstlers kommt aufs Leben- 
digste in dem Bilde zum Ausdruck, das die von Benedikt 
vorausgesagte Zerstörung von Monte Cassino durch die 
Goten schildert. Das Roß im Vordergrunde und besonders 
die Gestalt des herrischen Ritters in der stahlharten 
Rüstung — diese Szene, wo er eben im Begriff ist aufs 

7* 



— 100 — 



Roß zu steigen, während ihm ein kraftvoller Lands* 
knecht knieend eine Botschaft tiberreicht, sie ist von 
brennender Realität, wie sie in dieser Art in der Kunst 
allzuselten ist Auch der schmucke Landsknecht daneben 
im Profil ist packend. Das hat Giovan Antonio gemalt, 
der Freund der Pferde und des mutwilligen Wettlaufes, 
der Sieger der Rosse im Paliorennen. 

Drastische Kraft verrät auch das letzte Bild, wo der 
angstvolle Bauer in der Gewalt der Kriegsknechte ist, 
deren einer auf ihn zuschlägt Gleich wird der Heilige 
ihn befreien, durch eine bloße Gebärde. Auch hier ist 
die Anmut vertreten, ein hübscher Page, der an einem 
weißen Rosse lehnt. In einem andern Bilde, wo Benedikt 
zwei Nonnen vom Bannspruch löst, kommt schon die 
spätere Farbensymphonie von Gold, Weiß, Schwarz und 
Rot zum Ausdruck. Der eine der schönen Frauenköpfe 
erinnert besonders an Lionardo'sche Zeichnung. 

Das ist das große Jugend werk von Monte Oliveto, das 
ihm ewigen Ruhm sichern wird — solange eben diese 
irdischen Werke dauern, die leider schon zum Teil sehr 
zerstört sind und in der Photographie erst recht nicht den 
Eindruck des Originals wiedergeben. Es wäre gewiß ein 
wahres Verdienst, wollte ein Mäzen ein paar dieser Werke 
für ein deutsches Museum kopieren lassen *). 

Von hier kehrte Giovan Antonio nach Siena zurück 
und 1507 *) malte er bereits in San Gimignano in der 
Capella del Carcere, und zwar auf Aufforderung des 
Podestä Macchiavelli. Das Bild stellt den Hl. Ivo dar, 
von Bittstellern umlagert und Recht sprechend; zwei nackte 
Putten halten vorn das Wappen der Macchiavelli. Rechts 
im Bilde ist die hübsche Gestalt eines Jünglings, die an 

l ) Das Porträt des Sodoma habe ich selbst an Ort and Stelle 
kopiert 

*) Graf Luigi Pecori, Storia della Terra di San Gimignano, 1863. 
Firenze s. 563. 



— 101 — 



Luini erinnert, der auch Norditaliener war und vielleicht 
sein Mitschüler bei Lionardo. Auch hier zeigt er sich 
als leichter und gefälliger Erfinder, doch hier leider auch 
flüchtig in der Ausführung und das Werk verträgt keinen 
Vergleich mit Monte Oliveto Maggiore. 

IV. Rom und das Hohelied der Liebe. 

Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe 

Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Born auch nicht Born 

dichtet Goethe im Anfang seiner Römischen Elegien. 
Doch ohne die Künste wäre Rom auch nicht, was es ist, 
denn die Kunst ist ja ein hochmenschlicher Ausdruck 
der Religion und der Liebe. Aber — die Kunst in Rom 
ist erborgt, Rom selbst ist nur ein staatliches Genie ge- 
wesen. Seit den Tagen der Cäsaren strömten die Künstler 
nach Rom, wo man ihre Dienste zur Verherrlichung 
eigner Größe brauchte. Denn ohne Dichter und bildende 
Künstler würden die Großen dieser Erde im Dunkel 
kommender Jahrhunderte verschwinden *), wie schon Horaz 
mit Stolz verkündete und vor ihm der große Pindar. 

Auch Giovan Antonio ist nach Rom gekommen, aber 
nur vorübergehend; seines Bleibens war dort nicht. Er 
dachte wie Julius Cäsar: besser Erster in einem kleinen 
Orte, als der Zweite in Rom. Rafael war bereits in 
Rom, wie sein Brief vom 5. September 1508 an Francesco 
Francia nach Bologna beweist. Und laut einem vatika- 
nischen Dokument vom 13. Oktober 1508 ist Sodoma 
an diesem Tage durch Kaution des Sigismondo Chigi 
zur Arbeit in den Gemächern des Vatikans berufen 
worden, die Julius II. damals geschmückt sehn wollte. 
Agostino Chigi, der geschätzte Finanzminister Sr. Heilig- 
keit, hatte in seiner Vaterstadt Siena, wo er vorübergehend 



') y gl« »Fürsten und Künstler" von Dr. Eduard von Mayer, 
Berlin 1907. 



— 102 — 



weilte, unseru Künstler aufgefordert, nach Rom zu 
kommen. Jene Dokumente beweisen, daß Vasari wieder 
einmal geschwindelt hat und daß Giovan Antonios Arbeiten 
bei der Ankunft Rafaels noch gar nicht gemalt sein 
konnten und also auch nicht heruntergeschlagen werden 
konnten, wie Vasari behauptet. 1 ) Wenn Rafaels geniales 
Schaffen diesem Papste mehr zusagte, so ist es natürlich, 
daß er ihn, seinem Geschmacke nach, bevorzugte. Trotz 
Vasari ist es wahrscheinlich, daß Rafael und Giovan 
Antonio zusammen in der Sala della Segnatura gemalt 
haben. Noch heute sind die Ornamente und Friese an 
der Decke von Sodomas Hand, auch die kleinen mytho- 
logischen Bildchen und in der Mitte die meisterhaft ver- 
kürzten Putten, die fälschlich immer als Schöpfung 
Melozzo da Forlis galten. Vermutlich hat Rafael sich 
sogar selbst mit Giovan Antonio zusammen in der „Schule 
von Athen" gemalt, wie Morelles herausgefunden hat 2 ) 

Ein Gefolge von Künstlern umgab bald den Maler- 
fürsten Rafael und es ist wohl verständlich, daß ein 
Sodoma, der sich Rafael gleichfühlte, nicht neben ihm 
hofieren konnte. Er kehrte bald nach Siena zurück, das 
ja immerhin damals selbst eine ansehnliche Stadt war. 
Der moderne Reisende ermißt nicht, daß Siena zu jener 
Zeit eine andere Welt war wie heute. Wenn Rom auch 
die Stadt des Papstes war, übertraf es Siena doch keines- 
wegs wie in unsern Tagen, wo Siena aus einem Staat zu 
einer entvölkerten Provinzstadt herabgesunken ist, dagegen 
Rom zur belebten Hauptstadt zweier Souveräne emporstieg. 

1510 vermählte sich Giovan Antonio mit Beatrice, 
der Tochter eines wohlhabenden Gastwirtes, genannt 
Luca de' Galli, die ihm die erwähnte Mitgift brachte. 
In den ersten beiden Jahren gebar ihm Beatrice 2 Kinder, 

l ) Vasari, 1550, Bd. II, S. 648. 

f ) Das Porträt galt früher ftir das Peruginos, dem es aber 
gar nicht gleicht 



— 103 — 



von denen das eine in den Windeln starb, das andere, 
ein Mädchen namens Faustina, später seinen Schüler 
Bartolommeo Neroni, gen. il Riccio, ehelichte. Vasari 
sucht unserm Meister auch hier am Zeuge zu flicken: er 
schimpft ihn eine Bestie; er hätte sich bald nach der 
Hochzeit von seiner Frau getrennt, oder sie »verjagt 11 , 
wie es bei ihm heißt, weil er sie nicht mehr sehen konnte. 
Das klingt ja eigentümlich, und bei dem heutigen Stande 
der physiologischen wissenschaftlichen Forschung wäre 
man leicht geneigt anzunehmen, daß er eben nach der 
Hochzeit von einer unwiderstehlichen Abneigung gegen 
ein solches Zusammenleben erfaßt wäre. Wir kennen ja 
jene „rätselhaften" Fälle von Brautflucht und Selbstmord 
kurz vor oder nach der Hochzeit 1 ), die so oft als uner- 
klärliches Kuriosum in den öffentlichen Nachrichten da- 
stehen. *) Wahrscheinlich hat Giovan Antonio sich nicht 
dauernd von seiner Frau getrennt, da sie später als bei 
ihm wohnhaft erwähnt scheint. Der Künstler besaß jeden- 
falls selbst viel von weiblicher Eigenart, wie aus seinen 
Werken deutlich erhellt, so daß er darin eines extremen* 
Ausgleiches nicht recht bedurfte, sondern mehr einer ihm 
verwandten Natur. 

In folgender Zeit (1510 — 11) war er im Palazzo 



l ) vgl. Goethes Brief an Zelter Nr. 565 vom 4. Dezember 1827, 
Reclam, Bd. II. 

*) Ein Mann aus hochadliger Familie versicherte mir, daß der 
Eintritt in die Ehe ihm die peinlichsten Augenblicke seines Lebens 
bereitet hätte — und obwohl er Vater von 2 Kindern ist. Ein 
Andrer, der zu unsern bekanntesten Dichtern und Schriftstellern 
zählt und zugleich seines edlen Charakters wegen sich allgemeiner 
Achtung, auch gerade in der Frauenwelt, erfreute, erklärte mir, daß er 
im Todesfälle seiner Frau in die peinlichste Lage geriete, da sie das 
einzige Weib wäre, mit der er ein eheliches Leben führen konnte. 
Würde er seiner stärkeren Neigung einmal folgen, so hätte er nicht 
mehr den Milderungsgrund absoluter Weibersoheu. Auch er war 
Vater von einigen Kindern und ist leider inzwischen gestorben. 



— 104 — 



Chigi zu Siena tätig, im Hause seines Gönners Agostino, 
des Prächtigen. Er malte dort die Taten des Julius 
Cäsar und die phantasiereichen „Verwandlungen* des 
Ovid. Welche Fülle von Reizen uns da wohl verloren 
gegangen ist, beweisen die Bilder der Farnesina. Wir er- 
fahren von jenen Arbeiten bloß durch Mitteilungen *). Es 
waltete überhaupt wenig Glück über seinen Werken. 
Fast gänzlich zerstört ist die Malerei in der Loggia 
gegenüber der Hauptkirche in San Gimignano, die er 
1513 bei dem zweiten Aufenthalt ausführte. Erhalten ist 
dagegen ein Bild, wohl aus jener Zeit, das in die Galerie 
zu Turin übergegangen ist. Dieses Ölgemälde dürfte 
seiner architektonischen Komposition wegen mehr Gnade 
vor manchem Schulgeschmack finden als manches andere. 
Es ist auch sehr zart und fein in der Empfindung: eine 
Madonna mit dem Christkind in erhöhter Stellung, von 
Heiligen umgeben. Von überaus zarten Linien, wie man 
sie weiblich nennt, ist der kniende jugendliche Evangelist 
Johannes im Vordergrunde des Bildes. Doch haben die 
Farben durch Restaurierung sehr gelitten. 

Zerstört ist noch ein Werk jener Zeit: die Malerei 
auf der Außenseite des Hauses, das einem Agostino de' 
Bardi gehörte. Doch das Dokument darüber, vom 9. Nov. 
1513, ist sehr lehrreich. Der Künstler sollte nämlich 
dieses Werk gegen ein Pferd im Werte von 30 Gold- 
dukaten ausführen. Wir sehn, Giovan Antonio war ein 
echter Kavalier, wenigstens im Sinne eines hellenischen 
Aristokraten: Rosse und schöne Jugend waren ihm 
preiswert. 

Glücklich ist, wer Jünglinge liebt, and rennende Bosse, 
Jagende Rüden, and auch Gaste von nah und von fern, 

so dichtete der „Tugendspiegel" der dorischen Knaben- 
erziehung, der Ritter Theognis aus Megara. Und diese 

') vgl. Cngnani: Agostino Chigi, ü Magnifieo. 2. Band des 
Archivio della Societa Romana di storia Patria 1879 p. 485. 



— 105 — 



Worte sind auch wie aus dem Empfinden unsres Künst- 
lers gemünzt. 

1514 treffen wir ihn wieder in Rom. Hier finden 
wir das Hohelied der Liebe von seiner Hand, das uns 
zugleich den Reichtum seiner erotischen Seele offenbart 
— in der Villa Farnesina, ehemals im Besitz des Agostino 
Chigi. Daß es nicht vor 1514 geschah, dafür sprechen 
zwei Tatsachen. 1511 und 1512 beschrieb der Dichter 
Egidio Galli jene Villa Chigiana mit all ihren schon 
vorhandenen Kunstwerken, ohne dieses schöne Werk zu 
erwähnen. Ferner schreibt Pietro Aretino in seinem 
Briefe von 1545 an den Künstler, ihn mit zärtlichen 
Worten an ihr liebreiches Zusammensein in fernen Jugend- 
tagen im Hause Chigi's gemahnend; und Pietro Aretino 
war als 22jähriger Jüngling beim Antritt der Regierung 
Leo's X., etwa 1514, nach Rom gekommen. Ihre Freund- 
schaft muß also wohl in jenen Tagen geschlossen sein. 

Auch an diesem Werke erprobte sich der gehässige 
Schwindelgeist Vasari's. Er beschreibt nämlich das Bild so 
gänzlich falsch, daß er es nie gesehn haben kann, ja nicht 
einmal einen vernünftigen Bericht darüber gehört haben 
mag. Jeder ehrliche Kunsthistoriker müßte sich ver- 
wahren, einen solchen Mann als den Vater der Kunst- 
geschichte anzuerkennen. Oder sollten wir wirklich einen 
Verfasser von Lügengeschichten als solchen feiern? 

Es sind verschiedne Freskengemälde im oberen Stock- 
werk jener Villa, den die gleichgültige Besitzerin, die 
selbst in Spanien lebt, aus rein barbarischer Laune den 
Freunden der Kunst verschließt, wie der Fürst Torlonia 
die Villa Albani 1 ). Alle sind sie heute unserm Meister 
zugesprochen, nachdem besonders der verdienstvolle 
Senator Morelli-Lermolieff durch verschiedne Zeichnungen 
(in Wien, Florenz, Oxford und Budapest) nachgewiesen 



') Vgl.: An Edens Pforten. S. 62 ff. 



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hat, daß das Hauptwerk eine Erfindung Giovan Antonios 
ist und nicht wieder blos die Ausführung eines Entwurfes 
des Alleingottes Bafael. 

Da ist ein Vulkan, der Pfeile schmiedet, dann die 
Bändigung des Rosses Bukephalos — welches zweite 
Bild (oh Ironie!) früher Vasari zugeschrieben wurde, 
jenem Vasari, der das Bild nebenan so grundfalsch be- 
schrieben hat, daß er es nie gesehn haben kann. Wie 
das geschehen konnte, bleibt ein Beitrag zur Geschichte 
menschlichen »Geistes" ! Man vergleiche mit der Abbildung 
der „Hochzeit Alexanders* die folgenden Worte des 
Vasari: v eine Anzahl Amoretten : einige von ihnen lösen dem 
Alexander den Panzer, andere ziehen ihm die Stiefel, 
d. h. die Fußbekleidung ab, andere nehmen ihm den 
Helm und die Kleidung." Das ist Alles! Und alles 
falsch! Daran schließen sich nur gehässige Bemerkungen. 
Eine merkwürdige Wissenschaftlichkeit! Doch pflegt 
das noch in unseren Tagen vorzukommen, wo man 
über Natur- und Menschenerscheinungen redet, schreibt 
und aburteilt, ohne sie jemals persönlich kennen ge- 
lernt zu haben. 

Ferner ist der Augenblick dargestellt, wo 
Alexander der Große die Familie des besiegten 
Perserkönigs Darius empfängt. Man hat auch an 
dieser Komposition zu nörgeln gehabt. Wie der junge 
Held die Erniedrigung der knieenden Königin abweist, 
um sie aufzurichten, während sein schöner Freund He- 
phästion, von der Vergänglichkeit der Größe ergriffen, auf 
die Gefangenen schaut, ist tief empfunden. Dann die scheue 
gedrängte Schaar der Frauen hinter der Königin, mit 
dem hübschen nackten Buben, der so natürlich neugierig 
zu dem Helden hinblickt, und der verhaltneren Schwester. 
Und rechts hinter den beiden Fürsten die Mannen, die rück- 
sichtsvoll im Hintergrunde gelassen wurden, um die pein- 
liche Lage der Königin und ihrer Frauen nicht zu erhöhen. 



— 107 — 



Welche seelich feine, vornehme Komposition! Jeder 
architektonische Aufbau wäre hier plumper, theatralischer 
gewesen. Wer das nicht empfindet und versteht, dem 
ist nicht zu helfen. Wer eine feine Melodie oder einen 
zarten Rhythmus nicht heraushört, dem kann kein künst- 
liches Ohr was nützen. 

Der Höhepunkt ist aber das einzig schöne Bild 
„die Hochzeit des Alexander". 1 ) Der Zauber dieses 
Werkes hat denn auch die Gemüter schon oft gefesselt. 
Richard Graul nennt es eine der entzückendsten Schöpfungen 
der Renaissance. Selbst Springer muß hier „die hold- 
selige" Anmut Sodomas preisen. Mir scheint, hier hat 
der Künstler die Tür in den Tempel seiner Liebe ge- 
öffnet, aber noch schaute Niemand ganz in dieses 
Heiligtum. Zu solchem Blick in ein Mysterium muß 
man stets unbefangne Augen haben und ein wohlwollendes 
Herz. In kein Allerheiligstes darf man mit fester Satzung 
feindlicher Überzeugung, mit Vorurteilen, treten; dann 
sprechen die Stimmen nimmermehr — * zu dem Ein- 
dringling. 

Das jugendschöne königliche Weib, die Braut in der 
Blüte ihrer Pracht, sitzt auf ihrem Lager, den Blick in 
scheuer, süßer Erwartung gesenkt, während liebliche 
Erotenknaben ihr die Schuhe lösen, ihr den Schleier am 
Busen lüften, um ihre Reize dem Bräutigam zu enthüllen. 
Links weichen neugierig zaudernd die dienenden Frauen, 
die sie zum Liebesfest geschmückt und gesalbt haben. 
Der Bräutigam, der junge Held, naht und reicht ihr die 
Krone entgegen. Rechts von ihm, vor dem luftigen 
Säulengange, stehen zwei nackte Jünglinge. Einer ist 
Hymen, der die Fackel der Liebe und Hochzeit trägt, 

l ) Es gibt nur eine Photographie nach dem Original; das ist 
die von Braun, Clement & Co. in Paris, der auch das obige Bild 
aufgenommen hat Keine andere Reproduktion kann dem Eindruck 
nahe kommen, abgesehen von der Komposition. 



— 108 — 



der andre — Hephästion, der jugendschöne Freund und 
Liebling des Königs, dem zu Ehren Alexander nach 
dessen Tode seinen Schmerz in halben Wahnsinn auflöste, 
indem er eine Stadt als Totenfeier einäscherte. Hier 
steht der Jüngling zögernd, wie in ergriffenem Staunen 
vor der jungen Roxane, die nun die Liebe seines Lieb- 
habers genießen soll. Die wahre Freundschaft und Liebe 
mißgönnt es nicht, aber doch streckt er wie unbewußt 
die rechte Hand mit abwehrender Bewegung vor. Das 
ist so unmittelbar, so fein empfunden — diese An- 
erkennung der Schönheit Roxanens und diese leise Abwehr 
in der Gebärde fast fürchtender Bewunderung. König 
Alexander ist der Künstler selbst, Giovan Antonio „il 
Sodoma 14 , der reiche Geist, der zwischen den beiden 
Liebesreizen steht, von der einen Schönheit zu der andern 
wandelnd, von kleinen Eroten gezogen. 1 ) Hier hat er sein 
schönheitseliges, liebebedürftiges, unbegrenztes Wesen uns 
in solcher Fülle von Anmut entschleiert! 
Das ist sein hohes Lied der Liebe. 

V. Der Kämpfer und die Masse. 

Wie sehr der Pinsel dieses Meisters in liebens- 
würdige Anmut getaucht war, beweist sein Schaffen fast 
allenthalben. Die Galerie Borghese in Rom besitzt ein 
Bild seiner Hand, dessen Farben zwar gelitten haben, 
das aber in seinen Formen und Linien und vor allem in 
seinem Geiste holdselig heiter ist — die Rosen- 
m a d o n n a , wie ich sie nennen möchte. Das Bild ist 
von so ursprünglichem Reiz und scheut keineswegs den 
Vergleich mit der Madonna della Sedia von Rafael. 
Und dann ist es ein einheitliches, unbelauschtes Familien- 
bild, das garnicht den Beschauer apostrophiert und darum 



l ) Frauenminne und Lieblingminne sind hier organisch vereint. 
Vgl Seite 95. 



eben um so herzlicher wirkt. So innig und selig in 
rosiger Stimmung blickt die Mutter auf den heiteren, 
lebendigen Knaben, der nach der Rose greift, die ihm 
der Vater entgegenhält Und wie schön sind die Hände 
der Madonna, so zart und tastend! 

Andre Werke mögen nur erwähnt sein: so eine Pieta 
in derselben Galerie, und die Leda, deren Autorschaft 
sehr fraglich ist; ein hl. Christopherus im Palazzo Spada 
in Rom und die sogen. Geschichte der Rhea Silvia in 
Palazzo Chigi daselbst. 

In diese Zeit etwa gehört aber auch ein Werk, in- 
folgedessen er von Leo X. zum römischen Ritter ernannt 
wurde. Es war eine Darstellung der schönen entehrten 
Lucrezia, die sich den Tod gibt. Drei Bilder dieses 
Inhaltes gehen heute unter Sodomas Namen : eins in der 
Galerie zu Turin, ein zweites im Besitz des Konsuls 
Weber in Hamburg und ein drittes in Hannover, ehemals 
im Besitz des Gesandten von Kestner. Fein empfunden 
im Turiner Bild ist es, daß sie erst im Begriffe ist, sich 
zu erstechen, dagegen ist der Mund der schreckerfüllten 
Eltern zu sehr geöffnet Welches eigentlich das Bild 
des Papstes ist, läßt sich nicht ermitteln. Aus einem 
Briefe von 1516 an den Markgrafen Francesco Gonzaga 
von Mantua erfahren wir, daß solch ein Bild, das für ihn 
bestimmt war, vom Bruder Papst Leos X. beansprucht 
worden war. Seitdem ist er der „Ritter Sodoma", und 
der Titel stand ihm gut. • 

1515 ging er nach Piombino an den Hof des Fürsten 
Jakob V. Appiani, der ihm verschiedene kleine Tiere von 
seiner Insel Elba schenkte, die der Künstler mit sich 
nahm. Giovan Antonio war nicht bloß ein Freund der 
Pferde, sondern hatte eine Art kleiner Menagerie bei 
sich. Es mag ihm, vielleicht nicht ohne seine Absicht, 
zu statten gekommen sein, daß er als extravagante, 
absonderliche Künstlernatur galt. Da erschien denn 



— 110 — 



seine abgesonderte Natur und auch seine Liebe gleichsam 
bemäntelt vor den Philistern seiner Zeit — etwa wie 
man es heute einem Künstler nachsieht, wenn er nicht 
soldatisch-tartarisch geschoren geht und nicht alle 
Alfanzereien der Tagesmode mitmacht oder wenn er sich 
gar eigne Moden erlaubt, denn er ist nun mal ein 
„närrischer Kauz", ein „mattaccio", ein Hans Narr höherer 
Gattung. 

Eben jener Fürst Jakob V. gab ihm, dem „Joan 
Antonio de Averzl" 1 ), eine Empfehlung an Lorenzo den 
Gebieter von Florenz, wo der Maler und Ritter seine 
Rosse bei dem Wettrennen laufen lassen wollte. Vasari 
schimpft wieder über diese „eitle Ruhmsucht" des 
Künstlers; Vasari beschäftigte sich statt dessen wohl 
lieber — mit eitler Anschwärzung, wenigstens, wo er 
haßte; sonst soll ihm sein biographisches Verdienst nicht 
geschmälert werden. Jener olympische, echt hellenische 
und auch germanisch-aristokratische Ehrgeiz Giovan 
Antonios war jedenfalls vornehmer Natur. 

„II Palio" — das Siegesbanner — nennen sich noch 
heute in Siena diese Wettrennen, die alljährlich (nur noch 
'in Siena) am 2, Juli und 14. August in den schmucken 
bunten Kostümen jener Zeit und unter leidenschaftlicher 
Anteilnahme der Bevölkerung gefeiert werden. Noch 
vor 3 Jahren wurden sie vom Könige bestätigt. Jener 
Florentiner Palio von 1515 ist für die Modernen ein 
wurfder Punkt in der Geschichte dieses Künstlers ge- 
worden. Ein Berberroß Giovan Antonios siegte und als 
die Reitburschen ihn fragten, welchen Namen des 
Siegers sie ausrufen sollten, entgegnete er: „ Sodoma!" 
Die Frage seiner Reitburschen beweist eben, daß sie nicht 
sicher waren, ob sie den Sieger unter seinem Familien- 

') So nennt ihn der Fttrst. Archivio di Statu di Firenze, 
Milanesi pag 388—89, nota 8. 



— 111 — 



namen Bazzi oder Kufnamen Giovan Antonio oder dem 
in Siena geübten Spitznamen Sodoma . ausrufen sollten, 
denn das ist doch wohl sonnenklar, daß der Jung, der 
sein siegreiches Boß geritten hatte, wußte, wie sein Herr 
hieß. Vielleicht befürchtete der Bursche schon, daß es 
einen Tumult geben könnte. Überdies ist doch sehr 
erklärlich, daß man in Florenz, der ewig feindseligen 
Nebenbuhlerin von Siena, sich nicht freute, wenn ein 
„Sienese", als der Sodoma doch zählte, in Florenz über 
Florentiner siegte ! So brach denn auch der Unwille los. 
Wie Vasari gerne erzählt, hätten sich die „anständigen" 
(per bene) alten Leute entrüstet, solch einen Namen aus- 
rufen zu hören, und wäre er fast mit Steinen erschlagen 
worden. Die alten „da bene", sagt Vasari. Wer genau 
weiß, wie dieses Wort in Italien geübt wird, kann nicht 
umhin zu lächeln — warum, werde ich im Schlußkapitel 
andeuten. • Tatsache ist, daß Giovan Antonio schon 1513 
bei dem Palio in Siena mit jenem Namen „Sodome" 
eingetragen ist 1 ), und zwar mit 2 Bossen; die Reitburschen 
hießen Baptista und Betto. Und 1527 finden wir ihn 
abermals in Siena mit jenem Beinamen eingetragen und 
zugleich seinen „Ragazzius* (Burschen) Tempestino aus 
Modena 2 ). 

Angesichts der Tatsache, daß Giovan Antonio auch 
nach dem verhängnisvollen Palio den Namen Sodoma 
nicht aufgab, ist es ja einfach lächerlich, behaupten zu 
wollen, es wäre nur ein mißverstandner Atelier- oder 
Sportname, oder wer weiß was sonst gewesen. Ich 
möchte den Menschen sehn und den von seinen falschen 



1 ) Dokument im Archivio de Contratti. 

*) Vgl. dazu das Bild eines modernen „Ragazzius". Dieser 
Jüngling war 1904 Bannerträger des Stadtviertels Tartuoa und war 
ala der Schönste auf das große Seidenbanner (Palio) gemalt, das bei 
der Feier umhergetragen wird und um das auch der Wettlauf 
geht. Sein Typus ist merkwürdig weiblich — sagen wir: anmutig. 



Ehrenrettern, der nach solchen Erfahrungen einen miß- 
verstandnen Spitznamen beibehält, wenn es nicht aus 
einem gewissen erbitterten Trotze geschieht, aus wunder, 
dummheitverachtender Seele, und in letztem örunde aus 
tiefem stolzem Gefühle natürlicher Berechtigung. 

Übrigens haben die Sienesen es ihm nicht so arg 
verübelt, da sie ihn gleich darauf wieder in Ehren auf- 
nahmen und beschäftigten. Der natürlich gesunde Sinn 
war eben im Mittelalter oft noch stärker als heute, nach 
der langen sozialen Yerziehung. Bald darauf, jedenfalls 
nicht später als 1517, muß der Künstler jenes wunderbar 
tiefe Werk für die Kirche San Francesco gemalt haben, 
von dem heute nur noch ein Bruchstück in der Galerie 
zu Siena übrig ist — der verspottete Heiland, an 
einer Säule gefesselt (Cristo alla Colonna). Und all das 
sind keine wirklichen Widersprüche im Künstler; es ist 
kein Bruch der Naturen in ihm, die auseinanderklaffen, 
wie Neunmalweise glauben und behaupten. Alles hat 
seinen tiefsten Grund im Menschen selbst, und gerade 
das ist eine gänzlich unwissenschaftliche, oberflächliche, 
mittelalterlich-abergläubische Vorstellung, man könne 
einen Menschen, geschweige denn einen schaffenden 
Genius, in zwei unvermittelte Hälften halbieren, deren 
eine von einer unsauberen und irren, die andere von einer 
hehren und reinen Muse inspiriert wird, die beide mit- 
einander nichts zu tun hätten. Ein Engländer neuen 
Datums berichtet von einem gepriesnen französischen 
Kritiker die oberflächliche Behauptung: „was geht mich 
der Mensch an, seine Werke sind trefflich!' Ein fauler 
Baum gibt keine guten Früchte — dieser Ausspruch 
Christi bleibt bestehn. Und so hat auch Giovan Antonio 
den verspotteten Heiland, die tiefe Natur, die in Er- 
kenntnis ihrer edelsten Bestrebungen von aller Welt 
mißverstanden und von den Dornen des Lebens ver- 
wundet, nur zu oft tränenden Auges wie zum Gespött 




Siena, Gallerte Phot. Alinari 

GIOVAN ANTONIO 

DER VERSPOTTETE HEILAND 



Zu S. 44 



— 113 — 



der törichten Masse dasteht, — eben jenen tieftraurigen, 
adelschönen Heiland aus seiner eignen Seele geschöpft. 
Und wie zart diese seine Seele war, werden uns noch 
andre Werke lehren. 

VI. Neue Schöpfungen in Siena. 

' Wie Parma die Stadt des Correggio ist, so ließe sich 
Siena beinah die Stadt des Sodoma nennen; so vielfältig ist 
sein Werk dort vertreten, da ihn Mäzene und Behörden Sienas 
so gerne in ihre Dienste gezogen haben. Der Guardian 
des Klosters, das sich an der ehemaligen Wohnstätte 
des Hl. Bernardin befindet, beauftragte ihn, das Ä Oratorio" 
(den Betsaal) auszumalen. Vier Fresken aus dem Marien- 
leben sind es und vier Heiligengestalten, die von Kunst- 
historikern ob ihrer Schönheit gepriesen wurden. Wiederum 
ist das Lob, das gerade diesen Werken so ausdrücklich 
gespendet wird, fast ein* Unrecht gegen das übrige 
Schaffen Giovan Antonio's. Sehen wir von den Heiligen 
ab, deren einer jetzt urkundlich dem Pacchiorotto zu- 
gewiesen ist 1 ) während zwei andre ebenfalls wenig von 
unsres Meisters Können verraten, so gilt das besondre 
Lob, das diesen gewiß tüchtigen Gemälden zuteil wird, 
wiederum eigentlich mehr dem architektonischen Element 
in der Komposition, das die an Bafael geschulten Kritiker 
allein für voll nehmen. So geht der Tempelgang 
Marien 8 in einer Säulenhalle vor sich, die das Bild in 
zwei systematische Hälften teilt; auf der einen Seite der 
Chor der Frauen, auf der andern Seite der Chor der 
Männer, wie Schafe und Böcke getrennt, und im tiefen 
Mittelgrunde die kleine Maria vom Priester empfangen. 
Als Chorführer stehen rechts ein Jüngling in blaßblau 

*) Schon ehe ich das erfahr, hielt ich es ftir unmöglich, daß 
diese Gestalt des Bernhardin, die fast an den Geist Savanarola's 
gemahnt, von nnserm Meister sein sollte. Der Hl. Ludwig ist am 
ehesten sein Werk. 

Jahrbuch IX. 8 



— 114 — 



und orange, links eine anmutige Frau mit feinen Händen 
in weißem Kleid und blaßblauem Mantel. 

Viel intimer ist der Besuch der Hl. Elisabeth 
bei Maria. In der leichten Kniebeugung der älteren 
Elisabeth liegt ebenso fein die unmittelbare Huldigung 
für die junge zukünftige Gottesmutter ausgedrückt, wie 
in der Bewegung Marias, die sie aufrichtet, die schlichte 
Würde, die ihr großes Geschick als eine Gnade empfindet 
Die freudig-ernste Madonna ist licht gekleidet, in gold- 
weißem Gewände mit silberweißem Mantel. Elisabeth 
dunkler in Grünlich und Gelb. Links steht eine junge 
Frau rötlich gelben Gewandes, in elastischem Gleich- 
gewicht und ein liebreizender Knabe in luftklarem 
Hemdchen schmiegt sich an ihren Schenkel. Auch hier 
fesselt uns Giovan Antonio's psychologische Gabe, die 
alle Anwesenden mit dem Vorgänge seelisch zu ver- 
knüpfen weiß. Das sind keine Modelle, das ist ein Bild 
aus dem Leben, das wir belauschen. 

In Mariens Himmelfahrt ist der Aufbau symme- 
trisch berechnet, der breite Raum gestattete ihm leider 
nicht die notwendige steile Höhe eines solchen (Vorwurfs 
zu finden. Zu beiden Seiten des Grabes drängt sich die 
knieende Schaar der Jünger. Maria, die hold und freund- 
lich herabblickt, steigt eben empor von einer Glorie 
lieblicher, kleiner, nackter Engel umgeben. Diese himm- 
lische Sphäre ist eine Symphonie von goldigen, silbrigen 
und warmen fleischfarbigen Tönen. Die irdische Welt 
der Zurückgebliebenen ist bunt, doch von zarter Buntheit. 

Von märchenhaftem Beiz ist die Krönung der 
Maria, die 14 Jahre später gemalt wurde (1532). In 
der Mitte kniet Maria, der schöne sanfte Christus setzt 
ihr die Krone aufs Haupt, neben ihm sitzt ein alter 
Märchenkönig, Gott- Vater in wehendem Bart mit spinne- 
feinem Szepter. Neugierig drängen sich die Heiligen 
herzu: Adam wie ein alter deutscher Rübezahl, hinter ihm 



— 115 — 



mit gesenktem Blick links; die schöne Gestalt des 
ifers, ein zarter Jüngling steckt den Kopf vor — 
tnymedes-Johannes. Oben musizieren die Engel in den 

."ulken. Kurz : es ist eine merkwürdige deutsche Märchen- 

trsammlung auf dem Olymp. 

Weitere Fresken malte er für die Compagnia di 
*\ Croce, von denen 2 schöne jetzt in der Galerie zu 
^iena untergebracht sind 1 ). Leider hat die zerstörende 
Zeit und Witterung so viel an ihnen genagt, daß sie in 
ihrem Gesamtbilde ein kunstgeschultes, verständnisvolles 
Auge verlangen, namentlich „Gethsemane". Auf dem 
Olberg kniet der Heiland im Gebet; ein schönarmiger 
Engel neigt sich aus den Wolken, um ihn zu trösten. 
Unten im Vordergrunde liegen die 3 Jünger schlafend 
in trefflicher Verkürzung. Besonders fesselnd und des 
öfteren wiedergegeben ist noch das liebliche Antlitz des 
.schlummernden Johannes, des Lieblingsjüngers, von 
mädchenhafter Zartheit, wie ihn die christliche Kunst 
wiederholt erfaßte. 

Die zweite Freske „Christus im Hades 4 ' zeigt 
wiederum, wie in Ergänzung, daß der Maler der Jüngling- 
.schöne auch der Maler erblühter anmutiger Weiblichkeit 
ist. Christus ist in der Unterwelt erschienen. Er reicht 
seine Hand einem hübschen, kraftvollen Jüngling, der 
am Boden lag, um ihn zum Leben aufzurichten. Adam 
und Eva schauen dieser Handlung zu. Und diese Eva, 
vom Scheitel des wallenden Haares bis zu den Füßen 
ein Bild der Schönheit, sendet den Blick so warm aus 
gesenktem Haupt auf den hilfreichen Erlöser und Be- 
freier. Die Arme leicht über dem Busen gekreuzt, scheuen 
Liebreiz in der kräftigen Gestalt, in den leicht gescblossnen 
vollendet schönen Beinen, kaum merklich an den her- 



') Ein drittes Bild befindet sich in der Villa des Herrn von 
Griccioli außerhalb der Stadt 

8* 



— 116 — 



kolischen Adam gelehnt, doch noch mehr im harmonischen 
Gleichgewicht ihrer Glieder ruhend — ist sie das Eben- 
bild ewig weiblicher Schone, nicht sentimental and doch 
unendlich zart, machtvollen Leibes and doch nicht derb, 
fast araphrod irisch. 1 ) Es ist eine Halbschwester der Venus 
von Milo. Leider ist sie mit einem plumpen Schurz 
ubermalt worden, wie er sich sonst auf keinem Gemälde 
dieses Künstlers findet Erstens ist er so angeschickt 
angebracht, daß er in jedem Augenblicke herabfallen 
müßte, and zweitens von einer Massigkeit, die angesichts 
des Schleiergewandes des danebenstehenden Eingelknaben 
erst recht eine fremde unkünstlerische Hand verrat 

Dann malte Giovan Antonio die hL drei Könige, ein 

Ölbild, das sich in Siena in der Piccolominikapelle von 
Sanf Agostino befindet und wohl dieser Zeit angehört, 
obschon der Künstler nach der Urkunde eines gericht- 
lichen Vergleiches erst 1536 dafür bezahlt worden ist. 
Das Bild war schon früh hochgeschätzt »Schön, mild 
und göttlich* wird das Antlitz der Madonna hier von 
dem Dichter Filolauro de Cave in einem 1583 gedruckten 
Gedichte genannt, 1 ) wo er die Catterina Bincontri, die 
Frau des Edlen Marcello Petrucci, dadurch zu erhöhen 
sucht, daß er meint, Sodoma würde sie als Madonna ge- 
malt haben, anstelle jener, hätte er die Catterina gekannt 
Jedenfalls: der Künstler hat es verstanden, die milde 
Frauenheit der Maria mit ächter Empfindung zu offenbaren. 
Der alte König, fast ein deutscher Kurfürst, ist vor der 
Madonna und dem Gotteskinde in die Knie gesunken 
und hat seine Krone ihnen zu Füßen niedergelegt. Behut- 
sam faßt er ein Füßchen des Kindes, um es zu küssen. 
Das Kind wendet sich überrascht der Mutter zu, diese 



*) E. v. K. An Edens Pforten. Seite 142—143. 
*) Dialogo Amoroso. 



— 117 — 



legt ihm begütigend die Hand auf die Schulter, während 
sie das Angebinde des Königs in der Rechten hält, wie 
um es dem Kinde zu zeigen. Hinter dem alten steht 
der junge König mit seinem Geschenk, dem sich der 
Mohrenkönig eifrig-neidisch vordrängt. Stolz und scheu 
hält der vornehm schöne Königsjüngling in seiner Be- 
wegung an. Er ist in wappenrotem Mantel, grünem Rock 
mit hellblauem, violett gestreiften Ärmeln, die tiefblauen 
Strümpfe in sandroten Stiefeln. Diese ganze bunte und 
doch zusammengestimmte Pracht dieses Bildes entspricht 
seinem Sinn: reiche Könige kommen, huldigen und bringen 
Kleinode dar. Hinter ihnen wiehern die ungeduldigen 
Rosse und staut sieb das exotische Gefolge. Das weiche 
Oval des jungen Königs, umwallt von kastanienbraunem 
Haar, die vornehm verhaltne Sinnlichkeit in Auge und 
Mund, die feine Hand, die das kleine Gefäß darbringt 
und die andre, die den roten Rock aufrafft — alles das 
drückt die Natur Giovan Antonios aus, in dessen Wesen 
Leidenschaft und aristokratische Ruhe ein voller Akkord 
waren. Diese Gestalt haben einige lionardesk genannt, 
aber man vergleiche doch diese sinnige Würde mit dem 
mystisch-sinnlichen Lächeln des „Täufers" von Lionardo 
(in Paris), um zu erkennen, wie sie hier auseinandergehn. 
Und die Komposition der beiden Meister ist geradezu 
entgegengesetzt. Lionardo hat die vielgerühmte archi- 
tektonische „Dreieckkomposition* angeregt; Giovan Antonio 
gestaltet seine Werke vorwiegend dramatisch-psycholog- 
isch und aus dem Gegensatz von Masse und Persönlich- 
keit. Und die Landschaft ? — die lionardesk sein soll — 
ist bei Sodoma meist echt sienesisch (z. B. die bräunliche 
Terra di Siena! vgl. auch S. 84 u. 122). In monatelangem 
Aufenthalt in Siena und in eignem malerischen Natur- 
studium hab ich das klar erkannt. Lionardo malt dagegen 
keine sienesische Landschaft, er sieht und sucht was anders 
in der „Landschaft - , er gibt gern dunkle Grotten und 



— 116 — 



kulischen Adam gelehnt, doch noch mehr im harmonischen 
Gleichgewicht ihrer Glieder ruhend — ist sie das Eben- 
bild ewig weiblicher Schöne, nicht sentimental und doch 
unendlich zart, machtvollen Leibes und doch nicht derb, 
fast araphroditisch. 1 ) Es ist eine Halbschwester der Venus 
von Milo. Leider ist sie mit einem plumpen Schurz 
übermalt worden, wie er sich sonst auf keinem Gemälde 
dieses Künstlers findet. Erstens ist er so ungeschickt 
angebracht, daß er in jedem Augenblicke herabfallen 
müßte, und zweitens von einer Massigkeit, die angesichts 
des Schleiergewandes des danebenstehenden Engelknaben 
erst recht eine fremde unkünstlerische Hand verrät. 

Dann malte Giovan Antonio die hL drei Könige, ein 
Ölbild, das sich in Siena in der Piccolominikapelle von 
Santf Agostino befindet und wohl dieser Zeit angehört, 
obschon der Künstler nach der Urkunde eines gericht- 
lichen Vergleiches erst 1536 dafür bezahlt worden ist. 
Das Bild war schon früh hochgeschätzt. „Schön, mild 
und göttlich* wird das Antlitz der Madonna hier von 
dem Dichter Filolauro de Cave in einem 1533 gedruckten 
Gedichte genannt,*) wo er die Catterina Bincontri, die 
Frau des Edlen Marcello Petrucci, dadurch zu erhöhen 
sucht, daß er meint, Sodoma würde sie als Madonna ge- 
malt haben, anstelle jener, hätte er die Catterina gekannt 
Jedenfalls: der Künstler hat es verstanden, die milde 
Frauenheit der Maria mit ächter Empfindung zu offenbaren. 
Der alte König, fast ein deutscher Kurfürst, ist vor der 
Madonna und dem Gotteskinde in die Knie gesunken 
und hat seine Krone ihnen zu Füßen niedergelegt. Behut- 
sam faßt er ein Füßohen des Kindes, um es zu küssen. 
Das Kind wendet sich überrascht der Mutter zu, diese 



*) E. v. K. An Edens Pforten. Seite 142—143. 
•) Dialogo Amoroso. 



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legt ihm begütigend die Hand auf die Schulter, während 
sie das Angebinde des Königs in der Rechten hält, wie 
um es dem Kinde zu zeigen. Hinter dem alten steht 
der junge König mit seinem Geschenk, dem sich der 
Mohrenkönig eifrig-neidisch vordrängt. Stolz und scheu 
hält der vornehm schöne Königsjüngling in seiner Be- 
wegung an. Er ist in wappenrotem Mantel, grünem Bock 
mit hellblauem, violett gestreiften Ärmeln, die tiefblauen 
Strümpfe in sandroten Stiefeln. Diese ganze bunte und 
doch zusammengestimmte Pracht dieses Bildes entspricht 
seinem Sinn: reiche Könige kommen, huldigen und bringen 
Kleinode dar. Hinter ihnen wiehern die ungeduldigen 
Rosse und staut sich das exotische Gefolge. Das weiche 
Oval des jungen Königs, umwallt von kastanienbraunem 
Haar, die vornehm verhaltne Sinnlichkeit in Auge und 
Mund, die feine Hand, die das kleine Gefäß darbringt 
und die andre, die den roten Rock aufrafft — alles das 
drückt die Natur Giovan Antonios aus, in dessen Wesen 
Leidenschaft und aristokratische Ruhe ein voller Akkord 
waren. Diese Gestalt haben einige lionardesk genannt, 
aber man vergleiche doch diese sinnige Würde mit dem 
mystisch-sinnlichen Lächeln des „Täufers" von Lionardo 
(in Paris), um zu erkennen, wie sie hier auseinandergehn. 
Und die Komposition der beiden Meister ist geradezu 
entgegengesetzt. Lionardo hat die vielgerühmte archi- 
tektonische „Dreieckkomposition* angeregt; Giovan Antonio 
gestaltet seine Werke vorwiegend dramatisch-psycholog- 
isch und aus dem Gegensatz , von Masse und Persönlich- 
keit. Und die Landschaft ? — die lionardesk sein soll — 
ist bei Sodoma meist echt sienesisch (z. B. die bräunliche 
Terra di Siena! vgl. auch S. 84 u. 122). In monatelangem 
Aufenthalt in Siena und in eignem malerischen Natur- 
studium hab ich das klar erkannt Lionardo malt dagegen 
keine sienesische Landschaft, er sieht und sucht was anders 
in der „Landschaft*, er gibt gern dunkle Grotten und 



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kulischen Adam gelehnt, doch noch mehr im harmonischen 
Gleichgewicht ihrer Glieder ruhend — ist sie das Eben- 
bild ewig weiblicher Schöne, nicht sentimental und doch 
unendlich zart, machtvollen Leibes und doch nicht derb, 
fast araphroditisch. 1 ) Es ist eine Halbschwester der Venus 
von Milo. Leider ist sie mit einem plumpen Schurz 
übermalt worden, wie er sich sonst auf keinem Gemälde 
dieses Künstlers findet. Erstens ist er so ungeschickt 
angebracht, daß er in jedem Augenblicke herabfallen 
müßte, und zweitens von einer Massigkeit, die angesichts 
des Schleiergewandes des danebenstehenden Engelknaben 
erst recht eine fremde unkünstlerische Hand verrät. 

Dann malte Giovan Antonio die hL drei Könige, ein 
Ölbild, das sich in Siena in der Piccolominikapelle von 
Santf Agostino befindet und wohl dieser Zeit angehört, 
obschon der Künstler nach der Urkunde eines gericht- 
lichen Vergleiches erst 1536 dafür bezahlt worden ist. 
Das Bild war schon früh hochgeschätzt «Schön, mild 
und göttlich* wird das Antlitz der Madonna hier von 
dem Dichter Filolauro de Cave in einem 1533 gedruckten 
Gedichte genannt, 2 ) wo er die Catterina Rincontri, die 
Frau des Edlen Marcello Petrucci, dadurch zu erhöhen 
sucht, daß er meint, Sodoma würde sie als Madonna ge- 
malt haben, anstelle jener, hätte er die Catterina gekannt 
Jedenfalls: der Künstler hat es verstanden, die milde 
Frauenheit der Maria mit ächter Empfindung zu offenbaren. 
Der alte König, fast ein deutscher Kurfürst, ist vor der 
Madonna und dem Gotteskinde in die Knie gesunken 
und hat seine Krone ihnen zu Füßen niedergelegt. Behut- 
sam faßt er ein Füßchen des Kindes, um es zu küssen. 
Das Kind wendet sich überrascht der Mutter zu, diese 



*) E. v. K. Ab Edens Pforten. Seite 142—143. 
•) Dialogo Amoroso. 



— 117 — 



legt ihm begütigend die Hand auf die Schulter, während 
sie das Angebinde des Königs in der Rechten hält, wie 
um es dem Kinde zu zeigen. Hinter dem alten steht 
der junge König mit seinem Geschenk, dem sich der 
Mohrenkönig eifrig-neidisch vordrängt. Stolz und scheu 
hält der vornehm schöne Königsjüngling in seiner Be- 
wegung an. Er ist in wappenrotem Mantel, grünem Rock 
mit hellblauem, violett gestreiften Ärmeln, die tiefblauen 
Strümpfe in sandroten Stiefeln. Diese ganze bunte und 
doch zusammengestimmte Pracht dieses Bildes entspricht 
seinem Sinn: reiche Könige kommen, huldigen und bringen 
Kleinode dar. Hinter ihnen wiehern die ungeduldigen 
Rosse und staut sich das exotische Gefolge. Das weiche 
Oval des jungen Königs, umwallt von kastanienbraunem 
Haar, die vornehm verhaltne Sinnlichkeit in Auge und 
Mund, die feine Hand, die das kleine Gefäß darbringt 
und die andre, die den roten Rock aufrafft — alles das 
drückt die Natur Giovan Antonios aus, in dessen Wesen 
Leidenschaft und aristokratische Ruhe ein voller Akkord 
waren. Diese Gestalt haben einige lionardesk genannt, 
aber man vergleiche doch diese sinnige Würde mit dem 
mystisch-sinnlichen Lächeln des „Täufers" von Lionardo 
(in Paris), um zu erkennen, wie sie hier auseinandergehn. 
Und die Komposition der beiden Meister ist geradezu 
entgegengesetzt. Lionardo hat die vielgerühmte archi- 
tektonische „Dreieckkomposition* angeregt; Giovan Antonio 
gestaltet seine Werke vorwiegend dramatisch-psycholog- 
isch und aus dem Gegensatz , von Masse und Persönlich- 
keit. Und die Landschaft ? — die lionardesk sein soll — 
ist bei Sodoma meist echt sienesisch (z. B. die bräunliche 
Terra di Siena! vgl. auch S. 84 u. 122). In monatelangem 
Aufenthalt in Siena und in eignem malerischen Natur- 
studium hab ich das klar erkannt. Lionardo malt dagegen 
keine sienesische Landschaft, er sieht und sucht was anders 
in der „Landschaft*, er gibt gern dunkle Grotten und 



kuliscken Adam gelehnt, doch noch mehr im harmonischen 
Gleichgewicht ihrer Glieder ruhend — ist sie das Eben- 
bild ewig weiblicher Schöne, nicht sentimental und doch 
unendlich zart, machtvollen Leibes und doch nicht derb, 
fast araphrodi tisch. 1 ) Es ist eine Halbschwester der Venus 
von Milo. Leider ist sie mit einem plumpen Schurz 
übermalt worden, wie er sich sonst auf keinem Gemälde 
dieses Künstlers findet. Erstens ist er so ungeschickt 
angebracht, daß er in jedem Augenblicke herabfallen 
müßte, und zweitens von einer Massigkeit, die angesichts 
des Schleiergewandes des danebenstehenden Engelknaben 
erst recht eine fremde unkünstlerische Hand verrät. 

Dann malte Giovan Antonio die hl drei Könige, ein 
Ölbild, das sich in Siena in der Piccolominikapelle von 
Sanf Agostino befindet und wohl dieser Zeit angehört, 
obschon der Künstler nach der Urkunde eines gericht- 
lichen Vergleiches erst 1536 dafür bezahlt worden ist. 
Das Bild war schon früh hochgeschätzt «Schön, mild 
und göttlich* wird das Antlitz der Madonna hier von 
dem Dichter Filolauro de Cave in einem 1533 gedruckten 
Gedichte genannt,*) wo er die Catterina Rincontri, die 
Frau des Edlen Marcello Petrucci, dadurch zu erhöhen 
sucht, daß er meint, Sodoma würde sie als Madonna ge- 
malt haben, anstelle jener, hätte er die Catterina gekannt 
Jedenfalls: der Künstler hat es verstanden, die milde 
Frauenheit der Maria mit ächter Empfindung zu offenbaren. 
Der alte König, fast ein deutscher Kurfürst, ist vor der 
Madonna und dem Gotteskinde in die Knie gesunken 
und hat seine Krone ihnen zu Füßen niedergelegt. Behut- 
sam faßt er ein Füßchen des Kindes, um es zu küssen. 
Das Kind wendet sich überrascht der Mutter zu, diese 



*) E. v. K. An Edens Pforten. Seite 142—148. 
•) Dialogo Amoroso. 



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legt ihm begütigend die Hand auf die Schulter, während 
sie das Angebinde des Königs in der Rechten hält, wie 
um es dem Kinde zu zeigen. Hinter dem alten steht 
der junge König mit seinem Geschenk, dem sich der 
Mohrenkönig eifrig-neidisch vordrängt. Stolz und scheu 
hält der vornehm schöne Königsjüngling in seiner Be- 
wegung an. Er ist in wappenrotem Mantel, grünem Rock 
mit hellblauem, violett gestreiften Ärmeln, die tiefblauen 
Strümpfe in sandroten Stiefeln. Diese ganze bunte und 
doch zusammengestimmte Pracht dieses Bildes entspricht 
seinem Sinn: reiche Könige kommen, huldigen und bringen 
Kleinode dar. Hinter ihnen wiehern die ungeduldigen 
Rosse und staut sich das exotische Gefolge. Das weiche 
Oval des jungen Königs, umwallt von kastanienbraunem 
Haar, die vornehm verhaltne Sinnlichkeit in Auge und 
Mund, die feine Hand, die das kleine Gefäß darbringt 
und die andre, die den roten Rock aufrafft — alles das 
drückt die Natur Giovan Antonios aus, in dessen Wesen 
Leidenschaft und aristokratische Ruhe ein voller Akkord 
waren. Diese Gestalt haben einige lionardesk genannt, 
aber man vergleiche doch diese sinnige Würde mit dem 
mystisch-sinnlichen Lächeln des „Täufers" von Lionardo 
(in Paris), um zu erkennen, wie sie hier auseinandergehn. 
Und die Komposition der beiden Meister ist geradezu 
entgegengesetzt. Lionardo hat die vielgerühmte archi- 
tektonische „Dreieckkomposition* angeregt; Giovan Antonio 
gestaltet seine Werke vorwiegend dramatisch-psycholog- 
isch und aus dem Gegensatz , von Masse und Persönlich- 
keit. Und die Landschaft ? — die lionardesk sein soll — 
ist bei Sodoma meist echt sienesisch (z. B. die bräunliche 
Terra di Siena! vgl. auch S. 84 u. 122). In monatelangem 
Aufenthalt in Siena und in eignem malerischen Natur- 
studium hab ich das klar erkannt. Lionardo malt dagegen 
keine sienesische Landschaft, er sieht und sucht was anders 
in der „Landschaft", er gibt gern dunkle Grotten und 



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dunkle Felsstücke gegen lichtere Fernen (wie in der 
, Grottenmadonna" und dem „Täufer*). 

Lionardos Persönlichkeit muß zwingend gewesen sein, 
seine vorhandnen Werke aberstellen durchaus nicht alles in 
den Schatten. Seine „Mona Lisa* könnte man maniriert 
nennen, eine {eingebildete Italienerin nannte sie vor mir 
„brutta" — häßlich. Sein „Täufer* ist wohl schön, aber 
eine sphinxhafte Natur, um nicht mehr zu sagen; während 
Sodomas „Sebastian* das gar nicht ist Sodoma ist über- 
haupt mehr ursprünglich gläubig, während Lionardo einen 
durchaus skeptischen Eindruck macht Das «Heilige 
Abendmahl" von Lionardo ist eine großartige Schöpfung, 
deren spezieller Einfluß aber bei Giovan Antonio in keinem 
Werke hervortritt, im Gegenteil (vgl S. 130). Wem 
religiöse Inbrunst und Ehrlichkeit nichts sagt, der ver- 
steht in erklärlicher Weise unsern Meister von innen 
heraus gar nicht, mag er auch allen Grund haben, ihn 
in seinem Beinamen menschlich zu verstehen. Ja, da 
kommt man wie ein neuster englischer Biograph auf 
wissentlich absurde Erklärungen, auf die physiologisch 
unmögliche, unwissenschaftliche Scheidung von Mensch 
und Künstler, — auf die äußerliche Schubfachwissenschaft. 
Wenn man Lionardo in Giovan Antonio finden will, so 
suche man die innere Verwandtschaft in ihren Empfin- 
dungen, in dem Reichtum der Gefühle, die sich kreuzen 
und befruchten, aber nicht bloß in der äußeren Ähnlich- 
keit weicher Schatten. 

Aber es ist ja leider die einseitige äußere Stilkritik, 
nach der die Kunstgeschichte so oft das Lebensbild eines 
Künstlers entwirft. Das angeblich Lionardeske in Giovan 
Antonio muß auch dazu herhalten, eine Lücke von 
7 Jahren in seinem Leben zu schließen. Wir wissen aus 
zwei Briefen, die er am selben Tage, den 3. Mai 1518, 
an den Markgrafen Gian Gonzaga von Mantua und den 
Herzog Alfons I. von Ferrara schrieb, daß er im Begriffe 



— 119 — 



stand, in die Lombardei zu gehn; er berichtet auch von 
bestellten Werken, die er mitbrächte, so von einem 
Hl. Georg 1 ). Das ist für Jahre das letzte Lebenszeichen 
von ihm. Erst 1525 beweist eine Urkunde, daß er wieder 
in Siena war. Wo er diese lange Zeit über gewesen ist, 
wissen wir nicht; er ist für die Welt verschwunden, wie 
ein verwunschner Prinz, wie ein Richard Löwenherz auf 
Trifels. Zwar haben die Kunsthistoriker eine Anzahl 
Bilder ihm und dieser Zeit zuweisen wollen; aber das, 
was sie dafür anführen, spricht vielleicht mehr dagegen. 
Diese Werke*) gingen früher unter dem Allgemeinnamen: 
lionardische Schule; jetzt sollen es ächte Sodomas sein 
— was für die Besitzer recht angenehm oder vorteilhaft 
wäre. Aber daß dies Werke unsres Giovan Antonio aus 
seinen vierziger Lebensjahren sind, das ist gerade wegen der 
stark Lionardoschen Einflüsse dieser Bilder unwahrschein- 
lich. Diesen Einfluß, das geheimnisvolle Lächeln der 
Lionardoschen Seele zumal, der selbst in seinen frühen 
Werken wenig aufdringlich ist, hatte er längst verloren. 
Und da sollte der Meister der Alexanderfresken mit 
einem Male, als er lombardische Luft atmete, wieder in 
die Art seiner Lehrjahre zurückgeraten sein?! Ja, wenn 
er noch persönlich mit Lionardo zusammengekommen 
wäre! — aber Lionardo war damals bei König Franz L 
in Cloux und starb schon 1519. Die Wahrheit ist: wir 
wissen nichts von dieser Zeit — jedenfalls bedeutet sie, 
da kein Werk sicher von ihr zeugt, nichts in unserem 
Bilde des großen Meisters Giovan Antonio. 

Vielleicht darf man, ohne Zwang, in diese Zeit das 
Bild des Erzengels Michael reihen, der den Drachen tötet. 
Als solches Untier, nicht als häßlichen Dämon, wie 



*) Der sich im Besitz von Sir H. Cook befindet, Rioh- 
mond. 

*) In Bergamo, in Mailand, in Vaprio, in Vercelli. 



— 120 — 



Kafael in seinem wunderbaren Gemälde 1 ) oder Dosso 
Dossi 9 ) hat Giovan Antonio den Teufel hier dargestellt; 
es ist scheinbar eine Verschmelzung des Lindwurmtöters 
Sankt Georg mit dem schönen Heldenengel, der über die 
häßlichen Mächte der Zerstörung siegt 

VII. Der Prophet der Schönheit und des Glaubens. 

Wir stehen vor dem Höhepunkte seines Schaffens. 
Das letzte Mysterium einer zarten und doch starken Seele 
erschließt sich dem feinfühligen Beschauer. 

1525 muß Giovan Antonio von seiner dunklen Reise 
in Siena zurückgewesen sein. Den 3. Mai übertrug ihm 
die Bruderschaft der Misericordia von Camollia (einem 
Stadtviertel in Siena) eine Prozessionsstandarte mit dem 
Martyrium des Heiligen Sebastian, des Abwehrers der 
Seuchen und Leiden. 8 ) 

Dieser Heilige ist nicht einer von den Vielen, sondern 
bedeutet in jenem Zeitabschnitt der Wiedergeburt ur- 
sprünglichen Empfindens den tiefsten Ausdruck eines 
Sehnens, das durch Leid sich zur Ethik der Schönheit 
und Harmonie des Leibes und der Seele durchringen 
möchte. Es ist im höchsten Grade lehrreich und er- 
schließend für die Geschiebte der menschlichen Seele, in- 
sofern sie zu einer Vollendung strebt, gerade die Ent- 
wicklung der Auffassung dieses Heiligen in der Geschichte 
der Renaissance bis zu ihrer Versandung im 17. Jahr- 
hundert zu verfolgen. Diesem unendlich reichen und 
schwierigen Studium hab ich mich seit Jahren an Ort 
und Stelle, in den verschiedensten Städten und Städtchen 
Italiens unterzogen und hoffe, daß mir einmal die 
Möglichkeit geboten wird, die kunst-, kulturhistorische 

*) Im Louvre; als Titelbild in meinem Buch: „An Edens 
Pforten . . woraus jeder sehen kann, wie hoch ich Rafael schätze. 
■) In Dresden. 

*) Die Arbeit trug ihm zuletzt insgesamt 80 Dukaten ein. 



ug eines tiefen und lauteren 
geborene Empfindung und 
leibt die menschliche Seele 

.»•geln. 

s Künstlers, durch törichtes 
r eignes wunderbares Spiegel- 
\c bestehen, bleibt dies ein 
gar nicht bekannten Hand- 
le befinden sich auch un- 
des Sodoma aus der Sammlung 
«■hter anmutiger Sepiaentwurf 
r ollenbar nicht ausgeführt hat. 
iteressante Rötel Zeichnung zu 
Vorbereitung zur Kreuzigung 
dramatisch. Im Vordergrunde 
1 Christus — eine schöne Er- 
fechten gefesselt und mit ihm 
lächer, dem später die Worte 
»eh wirst du mit mir im Para- 
ieher erinnert an den obigen 
Auch dieses Werk scheint ein 
i-tlers zu sein. 

'"ii 1 ) ist der Erkenntnis dieses 
k würdig nahegerückt Sie sagt: 
rament, das wir in dem Hl. 
innciscus und Hl. Bernhardin 
Lebenskraft, die schlecht geleitet 
> ringt, dagegen entsinnlicht und 
Die Verfasserin und mit ihr 
.] derer, die fest und oft auch 
.omranen und Erlernten wurzeln, 
Aus der Ueberlieferung irgend 
zu weisen, ist das Wesen des 



r.'oi. 




Siena, Sant' Agostino 



Phot. Lombardi 



GIOVAN ANTONIO 

DIE HEILIOENiDREI KÖNIGE 



Zu S. 48 



— 121 — 



und ethische Bedeutung dieser Entwicklung mit reichem 
Bildermaterial denjenigen erschließen zu können, die für 
den Gedanken der menschlichen Entfaltung in Vergangen- 
heit, Gegenwart und Zukunft eine regere Teilnahme 
haben. 1 ) Sankt Sebastian, dieser Schirmer der Leidenden, 
ist eben dadurch der freundliche Heiland und wird ein 
Gehülfe des großen Heilandes Christi, sein apollinischer 
Genosse, der in der Gesundheit die Harmonie der Schön- 
heit und das Gleichgewicht der Seele spenden möchte. 3 ) 
Das war ein Vorwurf für unsern Meister, die eignen 
Leiden seiner feinfühligen Seele, seine Standhaftigkeit und 
seine Schönheitsehnsucht zu gestalten. Das ist ihm denn 
auch meisterhaft gelungen. Sein Heiliger Sebastian 
(jetzt in den Uffizien) ist der tiefst Empfundene aller 
der zahllosen Heiligenbilder dieses Namens geworden. 

Zu meiner Genugtuung bemerkte ich, daß auch 
J. A. Sytnonds 8 ) geahnt hat, daß in diesem Bilde die 
Versöhnung von Olympia und Golgatha empfunden wurde. 
Das ist ja die tiefe erhebende Erkenntnis, daß trotz aller 
Umnachtung der Kultur ein geheimer Strom des Lebens 
steigend durch die Welt geht, der zwar immer wieder 
von der Masse aufgesogen wird und sie doch dadurch 
langsam emporträgt. Oft ist, was ein Widerspruch scheint, 
nur scheinbar. 

Ein vollendet schöner Mensch nach göttlichem Eben- 
bilde in der entfalteten Blüte unverhüllter Kraft und 
Anmut, eine araphroditische 4 ) Erscheinung, steht, an 
einen Baumstamm gefesselt, in freier Natur. Mächtig 
drängt es ihn zur Freiheit in all seinen Fibern und 



*) Schon in „Olympia und Golgatha 1 * (Heft I der Lebenswerte, 
Verlag Costenoble, 1907, Jena) habe ich darauf hingewiesen. 
a ) Vgl. Erläuterung 38 zu „An Edens Pforten . . .« 

3 ) Symonds: The Renaissance in Italy 1897. 

4 ) Vgl. Erläuterung 19 zu „An Edens Pforten". 



— 122 — 



Muskeln, noch ist er irdisch gefesselt, aber der tränen- 
umflorte Blick richtet sich von überirdischer Vision er- 
faßt aufwärts, wo ihm ein Bote des Himmels die Krone 
der Vollendung entgegenträgt Ein Meisterwerk aller- 
ersten Ranges in dem künstlerisch schönen Ausdruck 
seelischen Empfindens! 1 ) Die kraftvolle Darstellung des 
Leiblichen wird durch eine ätherischstille Farbengebung 
in leisen, fast traurigen Tönen begleitet. Silbergrün ist der 
Himmel gestimmt, silbergrünlich sind die Berge, ist das Laub 
im Mittelgrunde. Da ist sienesische braungelbe Erde mit 
ihren brandfarbenen Schatten. Dumpf ist der von den 
Stürmen — des Lebens — zerzauste Baumstamm, der Leib 
aber ist bei aller Kraft seiner Gestaltung von einer Zart- 
heit der Empfindung, die die feinsten Gefühle wie das 
feine bläuliche Geäder in den blaßrötlichen Lichtern der 
Haut durchschimmern läßt Goldbräunlich sind die Schatten, 
gleichsam „al imbrunire" — bei der Abend „bräune" — 
wie der Italiener feinsinnig sagt Der goldgesäumte 
Schurz ist wie ein Schleier, der den Fluß der Linien 
nicht hemmt. Die himmlischen Lichtstrahlen scheiden den 
Heiligen so greifbar von der Welt ab und heben in künstle- 
rischer Weise die Schattenseite der Beine. Die Licht- 
aureole des Engels steht auch, gleich einer wirklichen 
Strahlensphäre vor dem erbleichenden Himmel. Das 
Haupt, in dessen dunkelblondem weichem Haare silber- 
goldige Lichter spielen, ist selbst der Spiegel eines er- 
greifenden inneren Gesichtes. Der weh-geöffnete schöne 
und lebensfrohe Mund mit den schimmernden Zähnen, 
die beseelten Augen voller Schönheit, Leiden und Glauben 
— welche lebendige Sprache! Wem da nicht bewußt 

») Das Bild ist jetzt in den „Uffizien" ungünstig aufgestellt, 
so daß es nicht mehr zur vollen Wirkung kommt; es steht in einem 
großen Baum vor lauter buntfarbigen Gemälden, die seinen Ein- 
druck hemmen. Es sollte in einem kleinen Raum stehn, möglichst 
einzeln vor dunklem Grunde. 



— 123 — 



wird, daß er vor der Schöpfung eines tiefen und lauteren 
Geistes steht, dem seine eingeborene Empfindung und 
Sendung heilig war, dem bleibt die menschliche Seele 
ewig ein Buch mit sieben Siegeln. 

Hier schuf die Seele des Künstlers, durch törichtes 
Unverständnis verwundet, ihr eignes wunderbares Spiegel- 
bild. Solang Menschenwerte bestehen, bleibt dies ein 
redendes Zeugnis. Im fast gar nicht bekannten Hand- 
zeichnungsarchiv der Uffizie befinden sich auch un- 
veröffentlichte Zeichnungen des Sodoma aus der Sammlung 
Santarelli; darunter ein leichter anmutiger Sepiaentwurf 
zu einem Sebastian, den er offenbar nicht ausgeführt hat. 
Ferner vor allem eine interessante Rötelzeichnung zu 
einem Gemälde, das die Vorbereitung zur Kreuzigung 
schildert. Sie ist lebhaft dramatisch. Im Vordergrunde 
rechts (v. Beschauer) wird Christus — eine schöne Er- 
scheinung — von rohen Knechten gefesselt und mit ihm 
der anmutige junge Schächer, dem später die Worte 
Christi gelten: „Heute noch wirst du mit mir im Para- 
diese sein." Dieser Schächer erinnert an den obigen 
Sebastian der "Offizien. Auch dieses Werk scheint ein 
inneres Erlebnis des Künstlers zu sein. 

Die Gräfin Priuli-Bon l ) ist der Erkenntnis dieses 
Künstlers unbewußt merkwürdig nahegerückt Sie sagt: 
„Es ist dasselbe Temperament, das wir in dem Hl. 
Augustin, dem Hl. Franciscus und Hl. Bernhardin 
wirkend finden, dieselbe Lebenskraft, die schlecht geleitet 
den Zügellosen hervorbringt, dagegen entsinnlicht und 
erleuchtet den Heiligen." Die Verfasserin und mit ihr 
wohl der größte Teil all derer, die fest und oft auch 
wirklich treu im Uberkommnen und Erlernten wurzeln, 
übersieht hier zweierlei. Aus der Ueberlieferung irgend 
einen lebendigen Weg zu weisen, ist das Wesen des 



') „Sodoma" London 1901. 



— 124 — 



Genius, und es ist Naturgesetz, daß er darob von seinen 
Mitmenschen gesteinigt, gekreuzigt oder zum mindesten 
durch Hohn, Spott und Haß gemartert wird. Jeder neue 
Gedanke ist ja anormal, sonst wäre er in seiner Zeit und 
seinem Milieu eben nicht neu, sondern allgemeine Norm; 
und so ist es mit jeder Empfindung, die in ihrer Lauter- 
keit neu scheint. 

Die Italiener haben stets mit dem Pinsel und dem 
Meißel die Tiefe ihres Geistes und die Fülle ihrer Ge- 
sichte offenbart, weit reicher und vorweisender, als in der 
Dichtung und Prosa 1 ). Da ist ihr Genie zu suchen. 
Und so weist uns auch Giovan Antonio neue Wege, und 
nicht er allein. 

Wir stehen vielleicht am Anfange einer neuen 
Wiedergeburt, die von Deutschen ausgeht — am Anfange 
einer deutschen Renaissance des Geistes. Die Boten 
jener Renaissance waren noch nicht bewußt zur Erkenntnis 
gekommen *), daß Golgatha eine Vertiefung von Olympia 
bedeutet, nicht einen Gegensatz 8 ), wie Gläubige und 
Ungläubige es noch meinen, wenn mir auch ein katho- 
lischer Geistlicher persönlich versicherte, es sei nicht un- 
denkbar (?), daß die katholische Kirche, wenn die Menschen 

*) Man wird hier „Dante"! einwenden. Dante ist gewiß ein 
tiefer, 'großartiger Ausdruck des mittelalterlichen Geistes, doch 
vorweisend wesentlich nur im politischen Sehnen seines Volkes. 
Das interessante Werk Professor Robert Vischers (Lnca Signorelli, 
Leipzig 1879) fand bei der italienischen Kritik sehr ungnädige Ab- 
lehnung, weil er Dante menschlich eingeschätzt hatte, während er 
für Italien nnr „der Göttliche" ist, der nur geschätzt, nicht ein- 
geschätzt werden darf. Der Italiener erkennt, als geborner 
Chauvinist, hier keine Billigkeit zu. Der Goethesohe Geist und die 
Ethik des „Faust" ist ihm recht unverständlich; daher das dog- 
matische Genüge in Dante, wenngleich er, gesund praktisch wie er 
ist, sein wirkliches Leben dadurch nicht ganz in Fesseln schlagen läßt 

•) Auch nicht die der französischen Renaissance vor 1800, 
wie Voltaire oder Rousseau. 

') Vgl. Olympia und Golgatha, Jena 1907. 



Siena, San Domenico 



Phot. Lombardi 



GIOVAN ANTONIO 

DIE RECHTFERTIGUNG DES VERBRECHERS 

Zu S. 60 




Siena, Palazzo Pubblico Phot. Lombardi 

GIOVAN ANTONIO 

DER HEILIGE VIKTOR 



Zu S 64 





Zu S. 67 




Siena, Santo Spirito Phot. Lombard! 

GIOVAN ANTONIO 

TEILAUFNAHME DES HEILIGEN SEBASTIAN 

Zu S. 67 



— 125 — 



erst soweit gereift sind, um es zu verstehen, einmal diese 
Erkenntnis anerkennen wird. 

Der heilige Sebastian, nach meiner obigen Ausführung, 
steckt in der Tat in Giovan Antonio. Gerad aber, weil 
er tiefer fühlte, daß diese Verbindung von Olympia und 
Golgatha nicht wider göttliche Natur streitet, ward er 
nicht ein mittelalterlicher Naturverächter und Asket. 
Was übrigens jene Heiligen anbetrifft, von denen die 
Gräfin Priuli spricht, so war ihre Askese keineswegs 
immer so entsinnlicht, wie sie meint. Der Hl. Franziskus 
umarmte in seiner Liebessehnsucht Schneefiguren, als 
wenn es Jünglinge gewesen wären, wie ein Biograph 
berichtet. 1 ) Warum sollte diese Liebe so gottwohlgefälliger 
sein?! Da hat der alte deutsche Theolog und Philosoph 
Hamann, wenn auch befangen und noch nicht unter- 
richtet, ein treffliches Wort gesagt: „Man kann keine 
lebhafte Freundschaft ohne Sinnlichkeit fühlen, und eine 
metaphysische Liebe sündigt vielleicht gröber am Nerven- 
saft, als eine tierische an Fleisch und Blut." 2 ) 

Auf der Rückseite dieser heiligen Standarte befindet 
sich ein andres Gemälde, das sehr schön ist, aber natürlich 
wenig beachtet wurde, eben weil es auf der Rückseite 
der Leinwand jenes Meisterwerkes gemalt ist. Da ist 
die Himmelskönigin in einer wolkigen Engelsglorie, 
die himmlische „Jungfrau", obwohl sie ein liebliches Kind 
auf den Armen hat. Unten knien der Hl. Siegismund, 
ein sanfter Königsjüngling, und der bärtige Hl. Rochus, 
hinter ihnen die Brüder der Misericordia von Siena, zum 
Teil mit herabgelassener Kapuze, die nur die Augen frei 
gibt; so sieht man diese Brüder noch heute Tote und 
Kranke begleiten. Einer von ihnen, der mit offnem 
Antlitz hinaufschaut, ist ein überaus anmutiger Knabe von 

] ) Thomas de Celano, in der vita secnnda. Vgl. folg. Seite. 
Vgl. a. Dr. B. Wrede „Die Körperstrafen naw." 1898. 

*) J. S. Hamann, Sokrat. Denkwürdigkeiten. Beel. 926. 



— 126 — 



etwa 18 Jahren. Die Wolke, von der die Jungfrau getragen 
wird, verschwebt in der zarten Landschaft 

1526 malte Giovan Antonio in S. Domenico jene 
Werke in der Kapelle der HL Caterina Benincasa, die 
ihn wiederum auf dem Höhepunkt religiösen Schaffens 
zeigen. Da ist vor allem die Vision der Heiligen, 
deren Leib wie in sich gesunken ist und nur noch von 
zweien ihrer Nonnen gehalten wird, während ihrem 
inneren Blick der Heiland der Welt zu Häupten er- 
scheint Der Pfeiler hinter ihr löst sich in eine lichte 
Wolke auf: 

»Schwindet ihr dunklen 
Wölbungen droben . . . 

in hellichtem Gewände schwebt Er daher, dessen Nähe 
sie fühlt Es ist der Augenblick, wo die Heilige die 
Wundenmale Christi an sich selbst empfängt. 

Kein Künstler der ganzen Renaissance hat diese 
hingebende Empfindung, diese Vision der empfangenden 
Seele unmittelbarer in die Gestalt der künstlerischen 
Erscheinung verwandelt, als Giovan Antonio hier. 1 ) Das 
erkannte schon sein Zeitgenosse, der berühmte Baldassare 
Peruzzi, daß dieses Werk eine merkwürdig mystische Tat 
ist, wo sich das Übersinnliche im Sinnfälligen spiegelt 

Das Bild rechts vom Altar, die Communion der 
HL Katharina, ist nicht so unmittelbar bedeutend, mehr 
ekstatisch, aber weniger mystisch. Schöne Gestalten hat 
dieses Bild, so der Engeljüngling, der mit der Hostie — 



*) In ähnlicher hingebender Stimmung dichtete der sonst 
energische Kämpfer und Heilige Franziscus von Assisi: 
Mich setzte die Liebe in Flammen, 
Mich setzte in Flammen der Liebe 
Mein Bräutigam mich der neue 

Storia di San Francesco d'Assisi von Emilio Chavin de Malan. 
Prato 1846. 



— 127 — 



dem Leib Christi — herabschwebt, der Engelknabe neben 
ihm und der Putto (kleiner Engelknabe), der oben auf 
dem Gesims des Pfeilers sitzt, die Gottesmutter, die freund- 
lich herabschaut, der kraftvolle Gottvater, der wie im 
Windesbrausen hereinschwebt. Die Farbensymphonie 
beider Freskoschöpfungen ist aus silbrigen, goldigen und 
schwarzen Tönen gewoben, still und vornehm wie der 
Augenblick der Verklärung, die aus Leiden geboren 
wird. Besonders im ersten Bilde tönt kein anderer 
Farbenlaut herein. In diesen Werken entschleiert sich 
auch das weibliche Teil der Seele des Künstlers in tiefster 
und feinster Weise. Das konnte niemand schaffen, der 
es nicht gefühlt hat 

In derselben Kapelle links befindet sich noch ein 
anderes großes Fresko: Die Rechtfertigung des Ver- 
brechers oder das Wunder der Heiligen. Dieses Ge- 
mälde ist eine Symphonie in silberweißen und goldigen 
Tönen, die weißen gehen leise in Blau, selten in Grün 
über, die goldigen in rote Töne. Soeben ist auf Erden 
ein Verbrecher enthauptet. Noch liegt der kraftvolle 
Rumpf am Boden. Der wilde Henker steckt sein Schwert 
ein. Ein Mönch hebt das abgeschlagene Haupt empor. 
Neugierig gaffend drängt sich alles Volk herzu, es muß 
sich hier drängen, das ist psychologisch seelisch bedingt 
und begriffen. Aber die Heilige, links im Vordergrunde, 
ist in heißes Gebet versunken. Und siehe, ihre Gebete 
dringen gen Himmel. Über dem hellen — hellen Himmel 
schweben Engel, deren Glieder blaß-goldig schimmern, sie 
tragen schon die Seele des Gerichteten zum Himmel empor, 
nun ein zartes Knabenfigürchen. Das Gebet ist erhört, 
das Wunder ist geschehen. 

Auch unten herrscht dieselbe Harmonie der Farben, 
nur in leidenschaftlicheren Akkorden. Ruhig heldenhaft 
steht neben der Heiligen der Befehlshaber-Jüngling auf 
seine hohe Lanze gestützt, in silberblauem Röckchen, das 



— 128 — 



warm zu den nackten Beinen stimmt Und noch leb- 
hafter ist sein rosenrotes Leibwams. Der zarte weiche 
Knappe hinter ihm in blasgrünem Wams, der rosenroten 
Kappe und den goldigen spanischen Hosen ist von scheuer 
Wärme in den Tönen. Rechts die schöne ergriffene 
Frauengruppe stört ebensowenig die ganze Farbensym- 
phonie. Der einen Frau, die da kniet, rinnt das weiß- 
blaue Gewand wie fließendes Wasser um die Glieder. 
Hier ist echte Komposition — wie wohl dieses Wort, gegen 
das sich schon Goethe sträubte, immer etwas plumpes 
äußerliches bat; wie der Sinn: Zusammensetzung! — das 
ist aber seelische Zusammen st im mung, Farbenzusammen- 
stimmung, hohe künstlerische Psychologie. 

Zwei Heilige malte Giovan Antonio noch im Bogen- 
eingang dieser Kapelle, die Hl. Lukas und Hieronymus; 
letzterer erinnert fast an den alten Anakreon, der sich von 
seinem Liebling Bathyllos beim Schreiben helfen läßt, 
während Lukas von einem hübschen schwebenden Engel 
inspiriert wird. Liebliche schelmische Putten und an- 
mutige Figuren beleben die gemalte Architektur. Das 
späte, pomphafte Bild von Francesco Vanni, in derselben 
Kapelle rechts, zeigt erst recht, wie ursprünglich und 
bedeutend die Arbeit unseres Künstlers ist. 

In derselben Kirche, in der Capeila del Rosario ist 
noch ein Gemälde, Gottvater und Heilige, das jedenfalls 
auf Sodoma zurückgeht, das verrät die Schönheit der 
Gestalten, so der hl. Sebastian, der junge Siegismund und 
die hl. Katharina. Dies Ölbild ist aber so gedunkelt, daß 
von einei Farben wirkung keine Rede mehr sein kann. Auch 
in der Sakristei ist eine Kirchenfahne mit der Madonna 
in Engelsglorie; die goldig-rosa behauchten Engel bewei- 
sen seinen Pinsel, aber das Antlitz der Madonna ist sicher 
übermalt und verunstaltet. 

Giovan Antonio, der Prophet seiner inneren Welt, 
steht nun vor uns da, so daß wir ihn deutlich erfassen 




Siena, Sant' Agostino 



Phot Lombarid 



GIOVAN ANTONIO 

KÖNIGSJÜNGLING 
(Tcilaufnahme) 



Zu S. 49 




Florenz, Uffizicn 



GIOVAN ANTONIO 

HEILIGER SEBASTIAN 



Phot. Alinari 
Zu S.55 




Florenz, Uffizicn 



GIOVAN ANTONIO 

HEILIGER SEBASTIAN 



Phot. Alinari 
Zu S.55 




Sicna, San Domenico Phot. Lombardi 

OIOVAN ANTONIO 

DIE VISION DER HEILIGEN KATHARINA 

Zu S. 59 



— 129 — 



können, tief und seelenvoll, in seiner Art zum Martyrium 
bereit, ein Verkünder der Schönheit, die für ihn geklärte 
Harmonie bedeutet Oft ist er nervös und dann zuweilen 
nachlässig in seiner Arbeit — das kann man ihm vorwerfen 

— aber dann leuchtet wieder seine Kunst um so wärmer 
und wahrer hervor, wo er seine Kraft anspannt Fast 
möchte man von ihm sagen: ein sehr moderner Mensch 

— wenn dieses Wort nicht so vieldeutig und abgenutzt 
wäre. Jedenfalls ist er ein höchst fesselnder Mensch, 
wenn man ihn versteht und die Äußerungen der Kunst 
als etwas Lebendiges wertet. Seine Kunst beweist uns 
eben, wie seelenvoll gerade die Schönheit sein kann — 
sein muß, wenn man sie recht erfaßt. 

VIII. Der Malerfürst von Siena. 

Die Phantasie Giovan Antonios war nimmer müde, 
und gerade dieser Reichtum seiner inneren Welt mag ihn 
auch oft veranlaßt haben, die Ausführung von Werken 
zu überstürzen, an denen er doch seelisch und auch in 
Entwürfen gearbeitet hatte. Wo viel Licht ist, ist auch 
Schatten. Freilich ist es ein schiefes Sprichwort, die 
Schatten allemal für etwas Schlechtes zu erklären. Wenn 
wir in dieser Welt ohne Schatten blieben, würden wir 
uns in kurzer Unrast verzehren. Das erklärt zur Genüge, 
warum wir in dem Schaffen eines so leidenschaftlichen 
und oft durch die äußeren Verhältnisse nervösen Künstlers 
auch Flüchtigkeiten finden. Wer das erkennt und im 
Auge behält, wird auch unsern Künstler richtiger ver- 
stehn und würdigen. „Himmelhoch jauchzend — zum 
Tode betrübt * das paßt auf ihn. Und doch fand er reiche 
Harmonie, wo er sich ganz in Gewalt hatte. 

Der Mosaikfußboden des wunderbaren Domes von 
Siena ist ein Kunstwerk eigner Art; nur kurze Zeit, im 
Sommer, ist er den Blicken enthüllt, sonst mit Brettern ge- 
deckt, um ihn zu schützen. Für diesen Boden hat auch 

Jahrbuch IX. 9 



— 130 — 



Giovan Antonio Zeichnungen entworfen. Dann muß er 1527 
in Florenz gewesen sein, wo er von den Mönchen des 
Olivetanerordens, die ihn kannten, berufen wurde, um das 
Refektorium des Klosters vor dem Tore von S. Frediano 
auszuschmücken. Früher nahm man an, er hätte es 1515 
zur Zeit des Palioskandals gemalt, aber damals hatte er 
garnicht die Zeit dazu; auf einen andren Beweis wird 
noch gleich hingedeutet werden. 

Das Kloster Monte Oliveto bei Florenz liegt sehr 
malerisch auf einem Hügel ob dem Arno gegenüber dem 
großen Park der Cascinen. Leider sind heute nur geringe 
Reste des Freskobildes, das Heilige Abendmahl, erhalten, 
das erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde, nachdem es 
lange übertüncht gewesen war. Ein mildschöner Christus, 
dessen Typus an den Christus in S. Anna in Camprena 
erinnert, sitzt mit sprechender Gebärde am Tische; der 
Kopf seines Lieblingsjüngers Johannes ruht auf seiner 
Schulter. Zur Rechten des Heilands sitzt Petrus, der 
das Brotmesser energisch in der Hand hält, als wollte 
er sagen: »Herr, wer ist es, der dich verrät?* mit dem 
unbewußten Gefühl: ich könnte ihm ans Leben gehn! 
Es ist der Petrus, der dem Malchus das Ohr abschnitt 
Rechts im Bilde vorn sitzt Judas Ischarioth, das Gesicht 
unruhvoll von der Tafel abgewandt, als fürchtete er 
entlarvt zu werden. Man beobachte diese psychologische 
Komposition! Bei Lionardo da Vinci ist Judas weit mehr 
der bewußte Satan, der den Kampf mit Christus auf- 
nimmt und darum so trotzig dasitzt. Das ist aber nicht 
der historische Judas, der doch später hinging und den 
Verrat rückgängig machen wollte und, als es ihm miß- 
lang, sich in Seelenunruhe erbängte. Giovan Antonio 
hat ihn hier, der Überlieferung nach, richtiger erfaßt. 

In Florenz erkrankte der Künstler und ging dann 
ins bekannte Hospital von Santa Maria Nuova. Das gab 
wieder Stoff, ihm am Zeuge zu flicken. Natürlich mußte 



— 131 — 



er ein verkommener Bohämien sein, da er in einem Hospi- 
tal lag. Das ist doch wirklich einfältig. Wenn jemand in 
einer fremden Stadt erkrankt und allein ist, was kann er 
bessres tun, als in ein gutes Hospital gehn? Ja, noch 
heute wäre das, bei akuter Erkrankung, vernünftiger, als 
in einem Hotel ersten Banges verraten und verkauft zu 
sein. Daß er indessen seine Wohnung und sein Atelier 
in Siena hatte, erfahren wir. Sein Schüler Girolarao 
Magagni, gewöhnlich il Giomo di Sodoma genannt, bestahl 
ihn nämlich während dieser Krankheit um verschiedene 
Gegenstände, unter anderm auch um eine Arbeit, die 
Giovan Antonio über die Kunst und über die Astrologie 
geschrieben hatte. Das erinnert auch an den großen 
Lionardo, der ebenfalls von einem Knaben seines Ateliers 
bestohlen wurde, den er aber trotzdem nicht missen 
mochte. Diese Geschichte hat besonders den Wert zu 
beweisen, daß Giovan Antonio nicht 1515 die Abend- 
mahlsfreske malte und erkrankte, sondern bei seinem 
Florentiner Aufenthalt von 1527; denn dieser Maljüngling 
Girolamo, der übrigens später zur Herausgabe der Sachen 
verurteilt wurde, ist 1507 geboren. Mit acht Jahren 
gewißlich nicht, wohl aber mit 20 Jahren konnte ihm 
die Aufsicht über das Atelier in seines Meisters Ab- 
wesenheit übertragen werden. 

1528 war der Künstler wieder in Siena, wo er im 
Palast der Republik in der Sala del Mappamondo zwei 
schöne Gestalten in mehr als Lebensgröße malte, die 
beiden Heiligen Viktor und Ansanus. San Vittorio ist 
der Sieger-Heilige der Jugendkraft, lebendig und schön in 
der Farbe, dem sonnengebräunten Fleisch, dem ziegelroten 
Leibrock mit grünlichem Panzer und hellblauem Mantel — 
so steht er vor der bräunlichen Nische mit der veilchen- 
farbnen Wölbung da, während sein stählerner Schild von 
einem schelmischen Engelknaben gehalten wird. Und 
doch ist in seinem Kopf ein so milder Ernst! Er scheint 

9* 



— 132 — 



der bewaffnete Frieden, fast mißvergnügt über diesen 
Zustand. 

In der Fleischtönung der Engelbuben ist Giovan 
Antonio ein eigner Meister, es ist eine merkwürdige 
Farbenfrische in diesen kleinen Alfresko-Gestalten. Der 
Leib hat zarte Halblichter gleich hellbräunlichen Bosen, 
fleischfarbnen Rosen, auf deren Lichtern sich gleichsam 
der Widerschein von bläulich-grünlichen Blättern spiegelt, 
oder das zarte Geäder durchschimmert» während die 
Halbschatten goldig durchsonnt sind und im tiefen Schatten 
bräunlich dunkeln. Aber wie ließe sich das beschreiben ! 
Solche Leiber muß man sehn. Auch die Schar der Buben, 
die rechts über dem Bilde des HL Bernhard Tolomei den 
Vorhang heben, sind entzückend. Diesen Heiligen, den 
Gründer von Monte Oliveto Maggiore, eine lichte freund- 
liche Gestalt, hat er aber erst 1533 gemalt Gleichzeitig 
mit Sankt Vittorio entstand links von ihm der Heilige 
Ansanus. Es ist ein anmutiger Jüngling in schilfgrünem 
Kock und rotem Mantel, mit feinem Kopf und durch- 
geistigten Händen, die gerade das geweihte Wasser der 
Taufe einem starken knienden Manne spenden. Wie das 
Zarte, die geistvolle Anmut sich kraftspendend der bru- 
talen Stärke naht, und wie sich die äußere Gewalt der 
feineren inneren Überlegenheit willig zu Füßen legt, das 
rohe Chaos dem ordnenden Genius, das ist hier lebendig 
zur Anschauung gebracht Und wie charakteristisch ver- 
schieden sind die Heiligen Viktor und Ansanus in dem 
Ton ihres Fleisches bis in die Fingerspitzen! 

1529 — 30 schuf Giovan Antonio wieder ein be- 
deutendes Werk, die spanische Kapelle in Santo Spirito 
— der Heiligengeistkirche zu Siena. Es war die Zeit, 
da die Spanier in Siena herrschten, an die es durch 
Kaiser Karl V. zeitweilig kam, der seinen Sohn Philipp II. 
damit bedachte. Das war der Untergang der Selbst- 
herrlichkeit der Republik Siena. Aus den Händen der 



— 133 — 



Fremden geriet die künstlerische Freistadt unter die 
Medici von Florenz, die sich gerade aus dieser auch 
freien Stadt eine Grundmacht schufen. Seitdem blieb 
Siena unterjocht und seitdem erstarb seine Bedeutung, 
wie allenthalben, wo das reichere Leben nicht individuell 
seine eignen Wurzeln hat und wo die Persönlichkeit zu- 
grunde geht. Das ist der Lauf der Geschichte, der 
Kunst — des Menschen selbst. 

In der alten Klosterkirche von Santo Spirito, gleich 
rechts am Eingange, tritt man in die Seitenkapelle der 
Spanier, deren Altar mit Ausnahme des mittleren Bildes 
der Santa Rosa von der Hand Giovan Antonios ausge- 
schmückt ist. Im Bogenbilde schildert er uns (in Oel) 
die Einkleidung des Hl. Alfons durch die Madonna. 
Der Baum ist ausgenützt, doch die Farben des Bildes 
sind dunkel und wirken um so dunkler, als helle Fresko- 
bilder es umgeben. Die Gottesmutter ruht auf einem 
Knie, während ihr kaltblauer Mantel wie ein schattiger 
Wasserfall sie umrinnt Ergeben, in sanfter Andacht 
liegt Alfons in seinem olivgelben Kleide vor ihr auf den 
Knien, um das Ordenskleid der Dominikaner wie einen 
Gnadenschauer über sich ergehen zu lassen. Die Hl. Lucia 
und noch eine Heilige knien zu beiden Seiten. Es ist 
keine einheitliche Farbensymphonie, doch hat es der Künstler 
jedenfalls in einer sehr weiblichen Stunde ersonnen, als 
seine Doppelseele ganz aufnehmend war. Alles ist hier 
Hingebung, vom knienden Alfons und der huldvoll ge- 
neigten Madonna bis zu den lauschenden Heiligen und 
den beiden Engeln, die ihre Arme ergeben über die 
Brust kreuzen und deren Blicke nur sagen: „Dein Wille 
geschehe! . . .* Ein weiblich empfindsamer Zug geht 
durch das ganze Bild. So etwas konnte nur der schaffen, 
dessen Wesen auch tief weibliche Stunden gehabt hatte. 

Im lebhaftesten Gegensatz dazu steht das Fresko- 
gemälde darüber, gleichfalls in einem Halbkreise, diese 



— 134 — 



ganze Altarwand krönend. Es stellt den Heiligren Jakob, 
den Nationalheiligen Spaniens dar. Hier ist der Held, 
der Spanien von den moslemitischen Maaren säubert. 
Gewaltig sprengt der Reiter in silbriger Rüstung auf 
weißem Roß mit goldiger Schabracke und rotem Zügel 
über die Köpfe der besiegten Mauren hin. Hier zeigt 
sich wieder seine Symphonie von Gold, Silber, Rot und 
Schwarz, die auf seinen religiösen Gemälden oft wieder- 
kehrt Fast bläulich wie Silberschatten ist der Himmel, 
goldig sind die Wolken und goldbräunlich die Köpfe 
der Besiegten — fast das Einzige, was man von ihnen 
sieht. Das war ein Teil von Giovan Antonios männlicher, 
kampfbereiter Seele, der „Ritter" Sodoma, wie er sich 
nannte. Und das war eine Natur ohne Bruch. 1 ) 

Angesichts dieses Werkes soll Kaiser Karl V. 1536 
geäußert haben, er gäbe seinen ganzen Marstall für dieses 
vortreffliche kühne Roß. In der Folge wurde Giovan 
Antonio von ihm zur Würde des Pfalzgrafen erhoben, 
ähnlich wie Meister Tizian. 

Wundervoll sind die beiden Figuren zu Seiten dieses 
Altars, besonders links der Heilige Sebastian 9 ) Es ist 
bezeichnend, daß der Meister diesen Heiligen sechsmal 
dargestellt hat, ein späteres Mal heiter lächelnd. Hier 
steht der „Märtyrer der Schönheit" 8 ) an eine Marmor- 
säule gefesselt, in nahezu hüllenloser Jugendschöne da. 
Sein Leib verbindet wieder in harmonischer Einheit männ- 
liche Kraft und weibliche Anmut. Wie leicht ruht der 
Körper auf dem linken Bein, so daß der Schenkel wie 
eine volle Welle ausladet! Und diese geschwungene Linie 
setzt sich durch den Rumpf bis in den rechten Arm oben 
fort, dessen herabhängende feine Hand diese sehnsüchtige 
Linie wieder hinableitet über den Kopf und die linke 

') Vgl die Anekdote S. 154. 
•) Vergl. S. 120. 

•) Vergl.: „An Edens Pforten . . Erläuterung 38. 



— 135 — 



Schulter bis in die Beine. Es ist wie ein sanfter Kreis- 
lauf dieser drängenden Kurven in dem schönen Leibe. 
Die Töne sind zart, die Lichter rosig und die Schatten 
durchsichtig blond. Leise Röte behaucht die Wangen 
und Kniee. Reiches goldblondes Haar schmiegt sich an 
das volle Antlitz mit den dunklen harrenden Augen und 
roten lebensfrohen Lippen, die in Leid geöffnet sind und 
die Perlenreihe der Zähne schimmern lassen. Greifbar 
hat der feindliche Pfeil die Rundung des Kniees durch- 
bohrt. Der Schurz ist nur ein silberner Hauch mit 
goldigem Saum, der keine Schönheit verhüllen mag, wie 
ein „Reif in der Frühlingsnacht*, der auf eine Blüte 
gefallen ist 1 ). 

So schuf der Künstler wieder den seltnen ara- 
phroditischen *) Typus, der in ihm lebte und wirkte. Daß 
diese Reife und Kraft des Leibes mit der jugendlichen 
Ursprünglichkeit des Ausdrucks und einer weiblichen 
Anmut auch heute noch in realer Gestalt leben kann — 
wie angesichts dieses Bildes bezweifelt worden ist — dafür 
ließen sich Beweise erbringen, Aufnahmen nachdem Leben. 

Auch der Hl. Abt Antonius, rechts vom Altar, in 
schwarzem langen Gewände ist fein empfunden, besonders 
als Gegensatz zum Sebastian — wie er sich zum Altar 
vorbeugt mit seinem greisen wehenden Bart und so an- 
dächtig vorblickt! 

Bald nach dieser großen Arbeit schuf er wieder 
andre Werke, die dank der Ungunst des Schicksals nicht 
mehr zu beurteilen sind, so die Fresken des Hauses 
Marescotti. Dann malte er die Geburt Christi an der 



') So ist das Original und gerade hier versagt die Photo- 
graphie, wie überhaupt bei zarter Freskomalerei. Der Ausdruck 
des Originals ist auch mehr sinnig schön. Die dunklen Striche des 
Fresko verstärken sich aber in der Photographie, die Halbtöne gehen 
verloren — und erst das Durchsichtige! 

*) An Edens Pforten, S. 142—148. 



— 136 — 



Porta San Viene, oder de Pispini wie sie heute heißt, 
ein schönes Werk, das auch sehr zerstört ist. Um diese 
Zeit schuf er das letzte der 4 Marienfresken im Oratorio 
San Bernardino ') und 1534 den oben erwähnten fiernardo 
Tolomei im Palazzo Communale 8 ). Den 28. Oktober 1534 
kaufte er sich ein eignes Haus, kann also nicht so mittel- 
los und verlumpt gewesen sein, wie sein böswilliger 
Kritikus Vasari so gern behauptet 

Das war der Ritter des Heiligen Stuhles und bald 
auch Pfalzgraf des Hl. Römischen Reiches. 

IX. Der Altmeister Giovan Antonio. 

Zehn Jahre nach dem Hl. Sebastian von Camollia, 
1535, malte Giovan Antonio die „Auferstehung**, gleich- 
sam in Vollendung jenes Gedankens. Freilich muß ich 
gestehn, daß es noch keinem einzigen Künstler gelungen 
ist, den Auferstandnen anders zu gestalten, als den Erden- 
wandler Christus. Sogar der Uberlieferung nach heißt 
es ja: »und sie erkannten ihn nicht" Das Antlitz des 
Auferstandnen müßte nicht zu sehr den Typus des ird- 
ischen Heilands wiedergeben — das Verklärte von Eden 
vermisse ich hierbei allenthalben in der Kunst. Auch 
Giovan Antonio ist in diesen Fehler verfallen. Sonst 
ist es ja ein schönes und charakteristisches Werk, in 
der ihm eignen al fresco-Symphonie von silbrigen und 
goldigen Tönen. 

Eben ist der Heiland aus seinem Grabe erstiegen, 
noch ruht der rechte Fuß leise auf irdischem Boden. 
Rosig schimmern die Lichter des Leibes im ersten 
Morgenschein, bläuliche Halbschatten spielen in die gold- 
braunen Schatten über. Seine Wangen sind gerötet, von 



*) Vgl. S. 118. 
•) Vgl. S. 132. 



— 137 — 



einem rötlich blonden Bart 1 ) umrahmt Diese Farben 
sind wie die kräftigen Töne des Goldes, das im Strahlen- 
glanz erzittert^ der vom Siegreich- Vollendeten ausgeht. 
Silberweiß flattert das Gewand. Die Charakteristik der 
Kriegsknechte ist meisterhaft, selbst abgesehn von der 
vorzüglichen Verkürzung der Gestalten. Rechts der 
cholerische junge Krieger in tiefem Schlafe, das rötliche 
Fleisch von stahlharter, silberglänzender Rüstung um- 
panzert,' die nur die energischen nackten Beine freiläßt! 
Auf der Wölbung seiner Rüstung zeigt sich, wie in einem 
Spiegel die erschreckte Hand seines Kameraden. Dieser 
in der Mitte, ist eben erwacht und sieht den Auf erstandnen 
kaum, er ist geblendet, entsetzt. Sein kraftvoller, rötlich 
brauner Leib drückt die Überraschung seiner Seele leb- 
haft aus, obwohl man nur die wirren kurzen Haare seines 
Hinterhauptes sieht. Und gerade das war fein bedacht. 
Der höchste Schrecken spiegelt sich so in den Gebärden 
des Leibes, hier vor allem des linken Armes, und der 
Gesichtsausdruck bleibt der stärkeren Phantasie des Zu- 
schauers vorbehalten. Grüngoldig gleißt das Gewand 
mit den lilakühlen Schatten. Und links ein hübscher 
kraftvoller Jüngling von zarten hellen Fleischtönen, 
Ringe in den Ohren, mit mandelförmigen Augen, die 
bloßen Beine verschränkt. Hellila ist der Leibrock, 
bronzen das Wams und der Mantel rot. Er ist sichtbar 
in süßen Träumen — ein anmutiges Lächeln umspielt 
seinen Mund 8 ). Die Finger der linken Hand über dem 
reifenden jungen Haupt hängen so leicht herab! Welch 
ein Gegensatz zu dem erschreckten wilden Nachbarn. 
Gleichmut, Feindschaft und träumende Liebe begegnet 



l ) Also im unverklärten Erdentypus. 

*) Was im Original deutlich zu sehen ist Keine der Photo- 
graphien gibt diesen Kopf. 



— 138 — 



hier der Erscheinung Christi, während das Morgenrot 
hinter blassen Bergen erwacht 1 ) 

Eine andre Darstellung der „Auferstehung" ist im 
Museum zu Neapel. Dort sind die Kriegsknechte alle 
mehr als chaotische wilde Elemente aufgefaßt, Christus 
steht hoch in der Luft. Besonders schön aber ist der 
liebreizende Engelknabe, der auf dem Grabesrande sitzt. 

1537 malte Giovan Antonio wieder al fresco im 
Stadtpalaste eine Madonna mit den Hl. Galganus und 
Ansanus, ein farbig freundliches, aber weniger bedeuten- 
des Bild. Doch selbst hier verrät sich bei dem Maler 
der Schönheit die hervorragende Fähigkeit zu charak- 
terisieren. Der kriegerische Heilige, auf dessen roten 
Mantel der erste Blick fällt, hat mutwilliges Haar. San 
Ansano, im Gewände milder Töne wie braungelb und 
schwaches Lila, hat dagegen sanft gescheiteltes Haar. 
Damals wurde ihm auch die Ausmalung der Capeila 
della Piazza übertragen, die er aber erst auf Ermahnung 
hin ein Jahr später vollendete. Diese Kapelle ist draußen 
am Palast der Republik, am großen Platze, wo alljährlich 
die historischen Rennen stattfinden. Von der Madonna 
und den Engeln sind noch deutliche Spuren der Schön- 
heit vorhanden. Gottvater zu Häupten ist am besten 
erhalten. Rechts ist ein Hl. Sebastian, doch von der 
Witterung ziemlich zerstört*). 

*) Diese Freske ist in dem Gemach, das heute das Stadthanpt 
von Siena zu Empfängen inne hat Bei dieser Gelegenheit sei anf 
einen schönen St Sebastian von Francesco Vanni (? ?) hingewiesen, 
der bisher gegen die Wand gekehrt (1) hing und daher fast un- 
beachtet geblieben ist. Es ist nämlich ein doppelseitiges Bild. 

*) Eine Aufnahme von Lombardi in Siena gibt diese Kapelle 
wieder und im Vordergründe eine Gruppe der Contrada della Tartuca 
(Stadtviertels der Schildkröte): Jünglinge und Männer in den 
historischen Trachten des Paliofestes. Der Seite 110/11 abgebildete 
„Ragazzius" gehörte 1904 dieser Contrada an, deren Bannerträger 
er war. 



— 139 — 



Die Unruhe der nervösen Künstlernatur regte sich 
in dem alternden Mann aufs neue, vielleicht auch die 
Notwendigkeit des Erwerbes und die Lust alte Bekannt- 
schaften zu erneuern und seinen Ruhm zu erweitern. Er 
war bei dem Fürsten von Piombino, kehrte dann wieder 
zurück, war wieder dort, kehrte wieder. Dann malte er 
in Siena ein Werk, das sich durch seine vornehme und 
stille Schönheit auszeichnet, die Madonna des Hl. Leon- 
hard. Ehemals in der Calixtuskapelle des Domes, ist 
dies Ölbild heute im Stadtpalast auf dem Altar einer 
byzantinisch anmutenden Kapelle, deren Wand alte 
Bilder auf Goldgrund zieren, alles Zeugen der ver- 
gangenen Größe. 

Es ist Abend, in dunkelnder Landschaft, deren Laub 
grünlich golden bis in silbrige ferne Töne verflimmert. 
Die zarte Gottesmutter in sammtrotem Kleide und kühl- 
blauem Mantel hält den munteren göttlichen Knaben 
nur noch leise mit ihren Händen. Sie selbst lauscht 
ihrem Gatten Joseph, der im Schatten, ihr zur Rechten, 
aus einem dunkelroten Buche vorliest. Der Jesusknabe, 
dessen Leib wie das Haupt der Mutter am hellsten im 
Bilde leuchtet, tritt schon mit einem Füßchen in die 
Hand des anmutig sinnenden Heiligen Leonhard in 
schwarzem Kleide, das Händchen greift nach seinem 
Attribute, aber der Blick schweift zu uns herüber, als 
wäre er den Beschauer wahr geworden. So vermittelt 
das lebendige Kind uns mit der stillen Gruppe, im 
Dämmer dieser Natur, deren Himmel so blaß grünlich 
flimmert, am Horizont in matten rosiggelben Tönen. Wie 
zart liegt der Schleier auf der Stirn der Madonna, bläu- 
liche Halblichter spielen auf dem feinem Antlitz, während 
die des Kindes mehr ins goldig Rosige gehn. Und diese 
dämmrige Kapelle ist gewiß ein besseres Heim für dieses 
dunkelnde sinnige Bild, als das helle Licht einer lauten 
Galerie. Das feine Antlitz dieser Mutter ist unbeschreib- 



— 140 — 



lieh in seinem intimen Reize 1 ); es beweist uns, wie sehr 
Giovan Antonio in der Schilderang so zarter weiblicher 
Seelenempfindung heimisch war. Hier sei noch die 
Madonna sotio le votte deW ospedale erwähnt, so genannt, 
weil sie sich in einem Untergeschoß des Hospitals be- 
findet. Der Kopf ist sehr anmutig, doch hat das Bild 
durch Übermalung gelitten. 

In den 40er Jahren des Jahrhunderts finden wir 
den alten Meister noch wiederholt auf der Wanderschaft. 
In Volterra malte er für Galeotto de' Medici den Sturz 
des Phaeton vom Sonnen wagen. In Florenz ist heut 
noch eine Zeichnung erhalten, die bisher fälschlich dem 
Peruzzi zugeschrieben wurde; doch auf demselben Blatte 
befindet sich noch ein Entwurf, dessen Figuren sich so 
deutlich im Gemälde „Christus im Hades" wiederfinden, 
daß es gewiß nicht denkbar ist, die Phaetonzeichnung 
einem andern als Giovan Antonio zuzusprechen. Eine 
Kreuzigung in Volterra, die ihm oft zugeschrieben wurde, 
ist gewiß nicht seine Arbeit, sondern die eines Schülers. 
Es geht überhaupt soviel unter Sodoma's Namen, was er 
nimmer selbst geschaffen hat. Man wollte aber gern ein 
Werk seiner Hand besitzen und da wurde vieles, was 
allenfalls in seiner Manier sein könnte, auf seinen Namen 
getauft, aber wahrlich nicht zu Gunsten des Meisters. 
Denn da kommen die Leute, staunen die schlechten 
Schülerbilder an und behaupten, Sodoma hätte doch auch 
recht gewissenlos geschmiert. So hat auch die Galerie 
in Siena verschiedne kleinere Bilder, die gar zu unmöglich 
für diesen Meister des Pinsels sind, in Form, Farbe 
und Ausdruck. 

Aus jenen späten Jahren datieren aher drei Werke 
in Pisa, von denen zwei besonders schön sind. Die 



l ) Die Schönheit des Kopfes kommt besonders in einer Einzel- 
aufDahme zur Geltang, wie der von Lombardi. 



— 141 — 



Madonna della Spina oder des Hl. Sebastian, wie 

ich sie nennen möchte, befindet sich heute im städtischen 
Museum zu Pisa. Wir sind in freier Landschaft in einem 
Hain von Zypressen und Laubbäumen. Die Madonna 
thront ein wenig erhöht Rechts von ihr hält Petrus 
ein Buch mit dem Kruzifix, auf das er uns hinweist; 
der Täufer noch mehr rechts, ist leider im Antlitz sehr 
zerstört Links (im Bilde), dicht hinter dem Christkinde 
steht der anmutig lächelnde Heilige Sebastian, dem der 
Jesusknabe den Pfeil des Leidens aus der Hand zieht. 
Der schöne alte Mann, dessen Kopf hinter dem Sebastian- 
jüngling hervorlugt, galt für ein Porträt des gealterten 
Künstlers. Und diesmal dürfte die Tradition am Ende 
Recht haben, wenigstens stehn die edle Stirn, die Nase 
und der Blick keineswegs im Widerspruch zu dem durch 
Beweise verbürgten Porträt in Monte Oliveto. Der Kopf 
ist bärtig, was ja im Alter sehr möglich gewesen ist. Im 
Bilde vorn knien zwei weibliche Heilige — ihre Auf- 
merksamkeit wie die des Beschauers wird auf das helle 
Buch Petri mit dem Kruzifix gesammelt Das Jesuskind 
selbst und der Hl. Sebastian nehmen diese ernste Mahn- 
ung wie mit heitrem Bewußtsein auf, daß die Liebe die 
Siegerin bleibt 

Im Dom zu Pisa sind die andern beiden Bilder. 
Eine Pietä — der tote Christus im Schöße der Madonna. 
Besonders fesselnd und bedeutend ist jedoch die Opferung 
Isaaks, in der Gioyan Antonio wohl eins seiner letzten 
Werke schuf und zugleich ein erneutes Bekenntnis seiner 
Empfindung. 

Der alte Abraham ist im Begriff seinen Sohn Isaak 
auf angebliches Geheiß des Höchsten zu opfern. Ein 
reifer Jüngling kniet in bebender Erwartung, daß das 
Schwert des Verhängnisses auf ihn herabsause. Es muß 
der Hebamme schwer geworden sein, in der Stunde der 
Geburt das Mannestum dieses Menschenkindes zu kon- 



— 142 — 



statieren ! Wie er die Anne mit den zarten Händen über 
der Brust kreuzt, gleich einem unschuldigen scheublicken- 
den Mädchen, und trotz der schön entwickelten Kraft 
seines vollen Leibes zitternd den Gewaltstreich erwartet, 
ohne sich aufzubäumen, — das ist so echt duldend urnisch. 
Es ist der seit 16 Jahrhunderten in Europa geknechtete 
weibliche Mann mit der weiblichen Seele, den der starke, 
aber einseitige Mann mit dem Richtschwert des Para- 
graphen angeblich im Namen des Höchsten abschlachten 
will. Da greift die höhere geläuterte Macht, die wahre 
Stimme des Himmels, stürmisch mahnend herein. Das 
ist der Gottesbote, der schöne araphroditische *) Engel, 
in dem ewig-männliche Initiative und Energie in ewig- 
weiblicher Sohönheit des Leibes verklärt ist, ein innerer 
Ausgleich der Urkräfte, ohne die Mutterbrüste des 
Hermaphroditen — allermeist ein religiöser Glaube, ein 
Zukunftstraum, von dem wir doch Spuren der Möglich- 
keit auf Erden finden *). Man beachte doch die Muskeln 
des Abraham, seines erhobenen Armes, wie gut der 
Künstler diese anatomische Kenntnis des Körpers inne 
hatte, wie er sie aber im Engel, in dessen göttlichen 
Armen zu wogenden Linien bändigte. Wie verschieden 
sind diese drei auf einem Bilde in lebhaftester Bewegung 
vereinigt! — Der scheue und bangende Urning, der derb 
zuschlagende Mann und der araphroditische Bote voll 
heiliger Überredungsmacht in den Blicken und Gebärden 
der schönen Hände, deren eine mit leisem Finger die 
grausame Rechthaberei des Richtschwertes hemmt Wieder 
ein Hinweis auf die höhere Macht göttlicher Harmonie. 
Der Altar des Götzenopfers, auf dem der Jüngling sterben 
soll, ist geborsten, neues Leben sprießt aus dem Risse. 



*) VgL S. 94. 

•) Belege hierfür will ich in meinem Werke: „Die Ethik der 
Schönheit und der Liebe" bringen. 



— 143 — 



1543 war Giovan Antonio noch in Lucca, wohin er 
berufen worden war, im Kloster San Ponziano zu malen. 
Aus dem Jahre 1545 datiert der Brief des Pietro Aretino, 
von dem ich schon sprach 1 ) und der uns beweist, daß 
der alte Meister wieder auf dem Wege nach Piombino 
war. Dann malte er nooh die Kreuztragung für San 
Giacomo und die Geburt der Maria für die Carmine- 
Kirche in Siena, Und hier sei noch das Bild für eine 
Totenbahre erwähnt, das sich in der Kirche S. Michele 
e S. Donato zu Siena befindet: der tote Christus von 
zwei Engeln unterstützt. Es dürfte wohl eine der 
schönsten Darstellungen dieses düstren Vorwurfes sein. 
Die schöne wie in tiefen Schlaf versunkne Gestalt des 
Heilandes wird in rührender Besorgnis von den Engeln 
gestützt, leise legt sich die Hand des Einen auf die durch- 
bohrte Seite, während der schlaffe Arm Christi an dem 
vorgestellten hübschen Bein des blond gelockten 
Engels herabhängt. Mit leichten Fingern stützt der andre, 
braunhaarige Engel das schwere Haupt. Dieses Bild ist 
des Meisters würdig. 

Der Schluß von Giovan Antonios Leben ist in Dunkel 
gehüllt. 1549 den 14. Febr. schreibt Alessandro Buonin- 
segni an seinen Bruder Bernardino, den Gesandten in 
Neapel: .Heute Nacht ist der Ritter Sodoma gestorben." 
Im 72. Lebensjahre ist der leidenschaftliche, schönheit- 
beseelte Streiter aus der Welt gegangen, die ihn geehrt 
und geschätzt hatte, aber doch nie recht verstanden. 

Das war der Künstler Sodoma, dessen Kompositionen 
aus psychologischem Feinsinn erwuchsen, sich von dem 
sinnenkräftigen Herzblut nährten und auch wieder in 
seelischer Ergriffenheit bebten. Das war der Künstler, 
dessen Werke zart und sinnig sind und doch wieder von 
blühender Leiblichkeit, bald nervös überhastet und doch 



») Vgl S. 105 u. 166. 



— 144 — 



wieder reichlich erwogen — ein phantasievoller Zeichner 
und feiner Farbenkünstler. Hüten wir uns vor dem land- 
läufigen Trugschluß: der Künstler mußte nervös sein, 
weil er ,80" empfand. Nein, aber er mußte es werden, wie 
jeder feinfühlige Mensch, der als ehrlicher Kämpfer einen 
bittren Kampf mit der Masse seiner Zeit führt, und erst 
recht, wenn das tiefste Erdenheiligtum, — der Eros — 
dabei beteiligt ist (Nicht zu verwechseln mit bloßer 
Sexualität, wie das fälschlich geschieht) Nicht die Natur- 
anläge braucht der Grund für das gestörte Gleich- 
gewicht der Gesundheit und der Nerven zu sein, sondern 
die Zeit- und Kultur um stände, die die Entfaltung einer 
Natur in Sonne und Licht hemmen. Nur das ist hier 
logisch. 

Und da ist der Mensch, den wir nicht vom Künstler 
trennen dürfen, ohne in den plumpsten Fehler scholastischer 
Unpsychologie zu verfallen. Uberall sind Gründe, es 
gilt nur' sie zu finden. 

X. Der Ritter Sodoma und seine Retter. 

Die Ehre ist ein hohes Gut, richtiger das vornehmste 
Gut des Menschen. Man darf aber Ehre nicht mit 
Leumund und Ruf verwechseln, wie es die meisten tun. 
Guter Leumund ist der Schein der Ehre, ist die Meinung, 
die die andern von unsrer Ehre haben, und dieser Ruf 
kann falschlich ein schlechter oder fälschlich ein guter 
sein. Unsre Ehre ist die ehrliche Meinung, die wir — 
unsrem Gewissen gemäß — von uns selbst, unsrem Denken 
und UDsern Handlungen haben. Was man so Ehrenrettung 
nennt, sollte also Leumundrettung heißen. Gegen die Ver- 
leumdung und Beschimpfung seitens der Menschen kann 
man sich nicht schützen, besonders nicht in den Tagen 
des öffentlichen Geschreibsels, das den Klatsch noch 
verallgemeinert Es sollte gegen den Verschleiß auch 
dieses Giftes eine Apothekerordnung geben, denn auch 




Sicna, Palazzo Pubblico Phot Brogi 

GIOVAN ANTONIO 

AUFERSTEHUNO 

Zu S. 136 



Siena, Palazzo Pubblico 



Phot. Alinari 



GIOVAN ANTONIO 

MADONNA DES HEILIO. LEONHARD 

Zu S. 139 



GIOVAN ANTONIO 

ISAAKS OPFERUNO 



Phot. Alinari 



Zu s. 141 



Donato Phot. AHnari 

GIOVAN ANTONIO 

DER TOTE CHRISTUS ' 

Zu S. 143 



— 145 — 



der Klatsch gehört in die Klasse der Gift- und Meuchel- 
morde. Wer heute eine Beschimpfung unsrer Persön- 
lichkeit liest, liest noch lange nicht die Rechtfertigung, 
welche übermorgen erfolgt, . . . und Semper haeret aliquid. 
Unsre Ehre kann aber niemand schirmen, als wir selbst. 
Ehre ist Selbstschutz, Schutz vor der Gefahr, sich selbst 
untreu zu werden. Wenn jemand weiß, das sein Denken 
und Handeln laut dem eignen Gewissen ehrenhaft ist, 
d. h. so, daß er es jederzeit vor sich selbst und der Welt 
vertreten kann, dann ist alle „Ehrenrettung* eitel über- 
flüssig, ja oft schädlich — dann bedarf es höohstens einer 
Leumundrettung. Wenn Vasari hie und da Versehen 
begeht, in Jahreszahlen, Namen oder Berichten, so ist 
das gewiß entschuldbar und erklärlich, besonders da er 
keine Vorarbeiten hatte. Wenn er aber Bilder beschreibt, 
und zwar falsch, die er also bestenfalls nicht gesehen 
haben kann, wie in verschiedenen Fällen, z. B. bei dem 
Bilde: „Der Tod des Heiligen Hieronymus '* von Fra 
Filippo in der Kathedrale zu Prato — ; vor allem aber, 
wenn er gehässig falsche Berichte und Beurteilungen 
bringt, wie über Sodoma's Schaffen und Art; so ist das 
wohl geeignet, das Verdienst seiner wissenschaftlichen 
Arbeit herabzusetzen und besonders auch den Charakter 
des Autors. Ehrlichkeit und Gerechtigkeit sind die 
Grundpflichten jedes Forsehers. Wer sie verletzt, wie 
das leider oft geschah und geschieht, mag wohl Partei- 
schriftsteller sein, hat aber in Wissenschaft und Forschung 
keinen Anspruch auf Achtung. Ehrlichkeit ist aber auch 
die Grundbedingung aller Ehrenhaftigkeit. Wer mit 
sich selbst im Beinen ist und sich damit vor seiner Um- 
welt überzeugt einsetzt, ist ehrenhaft und wird auch von 
den andern Ehrenhaften geachtet werden. Auch die 
Masse beugt sich zuletzt der Ehrlichkeit, ja selbst die 
Unwahren, wenn ihnen ihre Unwahrheit — nicht mehr 
Dienste leistet 

Jahrbuch IX. 10 



— 146 — 



Und so steht es auch mit dem großen Künstler, 
dessen Leben und Schaffen wir verfolgt haben. Es ist 
etwas gefährliches um jene müßigen „Ehrenrettungen*, 
die „dem zu Bettenden" nur gar zu oft gerade bitter 
unrecht tun und ihn erst recht verunglimpfen. Ein treff- 
licher Philologe und erfahrener, vorzüglicher Direktor 
eines klassischen Gymnasiums sprach sich in gleichem 
Sinne mißbilligend über die sogenannten Ehrenrettungen 
des Dichters Horaz aus. Jemand, der so selbsteigen und 
stolz, ja mit humorvoller Ironie sich selbst vertreten 
hat, jemand, der sich seiner persönlichen Natur und Ehre 
bewußt war, wie Giovan Antonio — der braucht nicht 
noch nach 400 Jahren für ein spätgebornes Publikum 
zurechtgestutzt zu werden. „Sint ut sunt, aut non sint!* 
— mögen sie anerkannt werden, wie sie sind, oder gar 
nicht! — diesen jedenfalls mannhaften Spruch des Ordens 
Jesu sollte man auf alle bedeutenden Erscheinungen der 
menschlichen Kultur anwenden, auch wenn sie nicht in 
das Prokrustes-Patentbett einer just als modern geltenden 
Kulturstube hineinzupassen scheinen. 

Es ist nicht zu leugnen: Yasari hat sich alle Mühe 
gegeben, Giovan Antonio als Menschen und Künstler 
herabzuwürdigen. Wir haben seine Gehässigkeit schon 
reichlich kennen gelernt, wir haben bereits gesehn, wie 
seine Kunstangaben oft direkt falsch waren. Aus per- 
sönlichem Haß widerspricht er sich oft Wir finden, in 
seinem Leben des Sodoma selbst, die Behauptung, Sodoma 
hätte nur Minderwertiges geleistet, dagegen in dem Leben 
des Domenico Beccaf umi von Siena die gegenteilige Meinung: 
Sodoma wäre tüchtig und viel in Anspruch genommen 
gewesen, und gar folgenden Satz: „Giovan Antonio hatte 
eine tüchtige Grundlage im Zeichnen und wußte, daß 
darin die Meisterschaft des Künstlers besteht* Darum 
hätte Beccaf umi viel bei ihm gelernt! Im Leben des 
Sodoma (Seite 533 der 2. Ausg.) sagt er erst, die Ekstase 



— 147 — 



der Heil. Katerina wäre eine gute Arbeit, wie auch die 
„eigenhändige Zeichnung* des Sodoma beweise, die 
er, Vosariy im Besitz habe. Wenige Zeilen später erklärt 
er die Gestalten in derselben Kapelle für schlecht, denn: 
„aus Faulheit und Trägheit," wie er sich ausdrückt, 
, machte er weder Zeichnungen noch Kartons, wenn er 
irgend eine derartige Sache zu arbeiten hatte." 

Wie unbillig Vasari gegen den Menschen Giovan 
Antonio war, beweist der Umstand, daß er an ihm das 
beschimpft, was er bei andern verschweigt, so bei 
Luca Signorelli, dem großen Meister von Cortona, dem 
der junge Rafael von den Vormündern nicht anvertraut 
wurde. 1 ) So bei Michelangelo! — den ja Vasari gerade 
über alles vergötterte. Vielleicht hat Michelangelo ihn 
nicht in seine tiefsten Gefühle eingeweiht, aber bedurfte 
es dessen für einen Zeitgenossen der Renaissance, der mit 
Michelangelo im Umgang stand!? und sich als den Ver- 
trauten des Künstlers ausgab, der seine Liebesgedichte 9 ) 
an Jünglinge gerichtet hat, so vor allem an den schönen 
Tommaso di Cavalieri, den er als den «Gebieter seines 
Herzens" verherrlichte! Und Vasari, der Zeitgenosse, der 
überall Anekdoten aufzufischen verstand, sollte nicht 
gewußt haben, daß sein Gönner, der Kardinal del Monte 
und als Papst Julius III., dem er sich eifrigst bemühte, 
seine Kunstgeschichte zu widmen — auch in dem Rufe 
stand, den Namen Sodoma (d. h. in mißverstandenem 
Sinne) zu verdienen. Es gibt einen interessanten Bericht 
über die Regierung des Kirchenfürsten und Gönners aus 
Toskana (der ebenfalls wie Vasari und Michel Angelo 
aus dem Arezzo-Gebiet stammte) und zwar ist er von 

*) Crowe und CavaloaseUe „Raphael". Lpz. 1888. Bd. I, S. 31. 

•) Vgl. die ital. Originalausgabe von Prof. Dr. Karl Frey und 
die deutsche Übersetzung von Walter Robert-tornow ; auch „Lieb- 
liugminne und Freundesliebe in der Weltliteratur", herausgeg. von 
Elisar von Kupffer. 2. Aufl. 1908. Lpz., Spohr. 

10* 



dem venezianischen Gesandten Matteo Dandolo um 
1551, nachdem Giovan Maria del Monte 1550 Papst 
Julius JH. geworden war. Als päpstlicher Legat in 
Parma sah er einen Knaben am Fenster mit einem 
großen Affen balgen, den er in seinem Palaste hielt. Der 
kühne Junge machte tiefen Eindruck auf ihn und er 
faßte, wie der Gesandte sagt .solche Zuneigung zu ihm," 
daß er ihn zuerst hübsch kleiden und beköstigen ließ, 
bald aber „zu sich ins Zimmer und ins eigene Bett 
(nel proprio letto) nahm." Der wurde dann später, mit 
17 Jahren Kardinal. Bei Giovan Antonio erhebt Vasari 
den Vorwurf, er habe mit „Knaben und unbärtigen jungen 
Leuten", die er „über die Maßen liebte" gern Umgang 
gehabt — statt mit mürrischen bärtigen Gesellen ä la 
Vasari könnte man hinzufügen; aber beim Gönner Vasaris, 
Giovan Maria — Julius M. — erfahren wir desgleichen. 
Vasari schimpft über die „Bestie" (animale, bestiale) 
Giovan Antonio, der soviel Tiere hielt und darüber seine 
Arbeit versäumte. Der Gönner Vasaris, Giovan Maria 
— Julius I1L — hielt sich große Affen und blieb doch ein 
umworbner kluger Kirchenfürst. Nein, er hat das alles 
sehr wohl gesehn und gewußt. Er sah ja auch die nackten 
Jünglings-Gestalten, die Michelangelo in der Sixtinischen 
Kapelle in machtvoller Glorie aufführte — aber die 
Darstellung nackter Gestalten zu verpönen, das erlaubte 
er, der selbst die nackten Schmiede des Vulkan 
gemalt hat, sowie die übrigens merkwürdig sinnlichen 
Stellungen der nackten Buben, die seine „Carita" 
(Madrid, Prado, Phot Anderson in Rom No. 16804) um- 
geben und gewisse Partieen völlig unbekleidet oder durch- 
sichtig verschleiert den prüden Augen darbieten! — 
erlaubte Vasari sich nur bei Giovan Antonio zu verpönen, 
anläßlich des Kourtisanenbildes in Monte Oliveto Maggiore. 
Wahrlich das Muster von einem Künstler und Charakter, 
dieser „pittore aretino", wie er sich so gerne nennen hörte! 



— 149 — 



Vielmehr eine kleinliche Seele, die vielleicht durch per- 
sönlichen Ärger erbittert, vorsorglich erst nachdem er vom 
Tode des streitbaren Künstlers erfahren, dessen etwas 
satirische Zunge sich möglicherweise über seine steifen 
Arbeiten belustigt hatte, — an diesem eine moralische 
Leichenschändung beging! Und dazu benutzte er eben 
eine Tatsache, die er an seinen Freunden übersah, durch 
die er ihn aber bei der unaufgeklärten Menge schädigen 
zu können meinte. Denn das wahre Kennzeichen der 
Verleumdung ( — einen Andern in bösen Leumund 
bringen — ) liegt nicht so sehr in der möglichen Un- 
richtigkeit der verbreiteten Behauptung, als in dem un- 
berechtigten, kleinlichen Bestreben, intime Tatsachen in 
gehässiger Beleuchtung an die Menge preiszugeben, in der 
Hoffnung, daß Vorurteil und Unbildung den Gegner um 
Wirkung und Ansehn bringen werden. Wer nicht soviel 
vornehmen Sinn hat, solche Handlungsweise zu verurteilen, 
der macht sich mitschuldig. Der Denunziant ist der 
Zwillingsbruder des Verleumders. 

Und ebenso beweist ein Spottgedicht des Euryalo 
Morani aus Ascoli, das 1516 zu Siena gedruckt und 
verbreitet w;urde, wie die Neider, damals wie heute, jede 
Gelegenheit ergreifen, um sich die Partei der Masse zu 
sichern. Denn folgende Verse des Morani fallen gerade 
in die Zeit, als Giovan Antonio von Leo X. für seine 
„Lucrezia* zum Ritter ernannt worden war: 

Nunc mihi pnlohra venus tenui dat vescier aura 
Ut revocem a teneris, Sodoma, te pueris. 

Sodoma paedico est: cur te, Lucretia, vivam 
Fecit? Habet nostras pro Ganimede nates. 

Nun gibt es aber eine ganze Reihe von unbeein- 
flußten Dokumenten, die diesen Namen als den üblichen 
Zunamen Giovan Antonios bekräftigen; auf sie wird noch 
im einzelnen zurückzukommen sein. Hier seien erst die 
Gründe erörtert, die Giovan Antonios bisherige .Ehren- 



— 150 — 



retter" gegen die innerlich sachliche Berechtigung des 
Zunamens angeführt haben. Ihre Gründe arbeiten gern 
mit „am Ende", „vielleicht 4 , „wer kann es wissen, ob 
nicht . . ." „chi lo sa?" usw. und berufen sich 1. auf die 
Strenge des Gesetzes; 2. auf den vornehmen Umgang und 
die Protektionen, die Giovan Antonio genossen; 3. auf 
die Frömmigkeit, Tiefe und Schönheit seiner Werke; 
4. endlich gar auf sein ritterliches Selbstgefühl. 

Nun, bei aller Strenge des Gesetzes, konnte es ja 
Giovan Antonio geglückt sein, jedem Protokoll seiner 
Liebesweise entgangen zu sein, wie auch heute in 
Deutschland, Österreich, England, Rußland, Griechenland, 
Serbien und andern Kulturstaaten zahllose Männer un- 
entdeckt und unbestraft bleiben, auch solche, von denen 
es stadtbekannt ist Auch Lionardo da Vinci ist verhört 
worden, aber mit der Untersuchung davongekommen. 
Doch war die Strenge damals, im frumben Mittelalter, 
wenigstens stellweise in Italien, weit geringer, als im 
liberalen XX. Jahrhundert in obigen „humanen Kultur"- 
Staaten. Z. B. in San Gimignano, der Nachbarstadt von 
Siena, betrug die Strafe 100 Pisaner Lire (nach der 
Angabe des Historikers und geistlichen Oberhauptes von 
San Gimignano, des Probstes Grafen Pecori 1 ). 

Und der vornehme Umgang, die Gönnerschaft der 
Päpste, Fürsten und Kommunen wäre damit unvereinbar 
gewesen?! Nun: von Julius III. sprachen wir schon, und 
Monsignor Giovanni della Casa, päpstlicher Legat in 
Venedig, Erzbischof von Benevent und italienischer 
Klassiker, hat durch sein sehr offenherziges, berühmtes 
Capitolo sul Forno*) nichts von seiner weltmännischen 
Stellung eingebüßt. Und Leo X. sollte daran so ernst- 
lichen Anstoß haben nehmen müssen, daß es von Giovan 

') Storia della Terra di San Gimignano, Firenze 1858. 
*) Abgedruckt (zum wesentlichen Teil» in: „Lieblingminne und 
Frenndealiebe in der Weltliteratur 41 , Verlag Spohr. 



— 151 — 



Antonio bekannt war? — wer, der die Geschichte der 
Zeit kennt, wird das glauben können. Luther, unter 
andern, berichtet, es sei den Kardinälen wie ein Karten- 
spiel gewesen. Es liegt gAnicht in meiner Absicht, hier 
nur von Größen der katholischen Welt zu reden, als ob 
diese Liebesempfindung damit in besonderem Zusammen- 
hange stünde (wie es der beschränkt-kurzsichtige und oft 
allzu oberflächliche antiklerikal-satirische „Asino" in Rom 
zu meinen vorgibt — ); diese Empfindung ist vielmehr 
ganz unabhängig von irgend einer religiösen Überzeugung, 
Konfession oder Freigeisterei, und ebenso unabhängig von 
Nation, sozialer Stellung oder politischen Partei, auch von 
persönlichen Vorzügen oder Mängeln — wie die Liebe 
überhaupt, die eben eine allgemeine Natur- und Seelen- 
erscheinung ist Denn wie der greise Arzt Kawwal dem 
Priester Issa anwortet: 

„Hoch würdiger Herr, wer kann das wissen, 
Was die Natur in uns erstrebt! 
Wo glaubt Ihr denn Natur zu missen? 
Es ist Natur f die ans durchbebt 
Was lebt und stirbt, was liebt und haßt, 
In jeder Form die Natur umfaßt. 
Auch Menschengeistes hohe Gewalt 
Ist nur Natur in andrer Gestalt." *) 

Aber das Thema hier verlangt diese einseitige Ausein- 
andersetzung, da es sich um die Zeit- und Volksgenossen 
Giovan Antonios handelt. Wie wenig streng die Zeit 
damals überhaupt dachte, zeigt in einem andern, aller- 
dings schmählichen Falle, die sträflich-milde Beurteilung 
die Papst Paul III. einer verbrecherischen Untat erwies, 
die Pierluigi Faroese, sein Sohn, beging. Der Papst nannte 
es Jugendlichen Leichtsinn", einen „Jungenstreich*, als 
der rohe Pierluigi den 24jährigen Bischof von Fano, 
Cosimo Gheri, im Ornate der Meßgewänder vergewaltigte, 



l ) Elisarion n Aino und Tio" S. 97. £. Pierson, Dresden 1907. 



— 152 — 



so daß der unglückliche Jüngling infolge der erlittnen 
Aufregung starb. Und zwar, wie der zeitgenössische 
Geschichtschreiber Benedetto Varchi sagt, verübte 
Pierluigi diese Gewalttat „flicht von seiner Schönheit 
verführt", da jener nicht einmal schön gewesen sein 
soll — also nicht aus leidenschaftlichem' Gefühl, sondern 
aus tierischer Brutalität, weil der junge Bischof sich ge- 
weigert hatte, ihm Frauen der Stadt zuzuführen *). 

Und da sollte ein Künstler wie Giovan Antonio, 
dessen zarte Seele vor jeder Roheit zurückschreckte, wie 
schon alle seine Werke zeigen, von diesen Zeitgenossen 
boykottiert werden?!*) — von den Männern, die sich 
„onesti* und „per bene* nannten. Was bedeuten diese 
Worte, wo sogar der Kuppler heute seine Ware als »an- 
ständig" (per bene) anbietet und sich selbst einen „ehren- 
werten* (onesto) nennt, und das in allen Ländern. 

Und was wiegt heute noch der Einwand, seine tief- 
religiösen und schönen Werke sprächen gegen seine ab- 
weichende Liebesneigung, die sogar noch ein sogenannter 
Moderner wie Paul Bourget eine verbrecherische nennt 
und eben deswegen annimmt, seine wundervollen Werke 
wären damit unvereinbar. Diese Logik steht auf der 
* Höhe der italienischen Tagespresse, die vor einigen 
Jahren, als ein italienischer Marquis und Oberst angeb- 
lichen Dienstmißbrauches wegen unter solcher Anklage 
stand, ihn dadurch „offiziös* zu rechtfertigen suchte, daß 
sie erwähnte, er wäre ein schöner Mann und könne 
folglich „so* nicht empfunden haben. Eine Naivetät, 
die man kindisch nennen muß. Und obige Behauptung 
ist denn doch stark angesichts der historischen Tatsache, 

') Aurelio Bianchi-Giovini: Storia dei Papi. Milano 1872. 
Vol. VII, p. 465—469. 

*) Auch K. H. Cust gestattet sich noch diesen tendenziösen 
historischen Unsinn in Giov. Ant. Bazsri. London 1906. Vgl. S. 
tll unten u. 118. 



— 153 — 

daß künstlerische Persönlichkeiten, wie Pindar, Anakreon, 
Sophokles, Pheidias, Hafis so fühlten und lebten und so 
tiefe, schöne, religiöse Werke schufen. Gibt es eine 
männlich schönere Erscheinung als den Sophokles des 
Lateran?! Ja sogar ein asketischer Mönch des XL Jahrh., 
Petrus Damianus, der zwar den Priestern solchen Liebes- 
umgang streng zu untersagen wünschte, äußerte sich in 
seinem Liber Gomorrhianus dahin, daß frommer Sinn, 
kirchliche Fügsamkeit und gute Sitten noch kein Beweis 
gegen solchen Umgang wären. Er hält ihn also mit jenen 
ihm lobenswerten Eigenschaften seelisch für vereinbar. Muß 
er es doch selbst von dem Hl. Romuald berichten, als dieser 
längst den Camaldulenser Orden gegründet hatte und der 
geistliche Bußprediger der Fürsten seiner Zeit gewesen, 
so Kaisers Otto III. Der Hl. Romuald wurde von einem 
Mönche, seinem Schüler, erpreßt und nahm die Strafe 
der erzürnten Mönche auf sich, offenbar als Sühne für 
eine frühere Begebenheit, da er damals schon zu alt war 1 ). 

Von sehr geringer Kenntnis der menschlichen Seele 
zeugt auch die Behauptung eines deutschen Kunstschrift- 
stellers, Sodoma wäre gerne mit sehr einfachen Leuten um- 
gegangen, wie ein rauher Bürgersmann, und hätte doch 
zart und religiös gemalt; wie Künstler und Mensch da 
auseinander klafften. Wirklich ? Erstens war unser Künstler 
kein so eingefleischter Demokrat, da er sich immer als 
Ritter unterzeichnete; zweitens kann man sehr wohl ein 
schlichter Bürger sein und doch fein und religiös empfin- 
den, ja als einfaches Kind aus dem Volke zarter als ein 
verbildeter Patrizier oder verhätscheltes Jüngelchen eines 
reichen Börsianers; und drittens suchen gerade die zart und 
tief veranlagten Naturen , die die Schalheit des verbildeten 
Lebens erfahren haben, oft und gerne den unverfälschten 
Umgang mit Naturmenschen, mit einfacher froher Jugend, 

') Vita Romaaldi. „Opera Beati Petri Damiani". Roma 1608 
p. 241/242. 



— 154 — 



und nicht mit verknöcherten Würdenträgern. Deshalb 
klafft da noch nichts auseinander! Und endlich vergesse 
man nicht: was bleibt den feingebildeten Menschen, denen 
diese Empfindung eingeboren und heilig ist, in unsrer 
Kultur meistens andres übrig, als die aufzusuchen, die 
weniger durch tausend Vorurteile der Sippe von ihnen 
getrennt werden und die selbst auch weniger in solchen 
abstrakten Vorurteilen leben! 

Und gar sein Mut und seine Ritterlichkeit wäre mit 
dieser Liebe unvereinbar? — weil er in Siena einen 
spanischen Soldaten, der ihn beleidigt hatte, der Strafe 
überlieferte? Er ging, wie berichtet wird, heim, zeichnete 
aus der Erinnerung das Gesicht des Frechlings auf und 
brachte dieses Bild dann dem Befehlshaber, der sofort 
den Täter erkannte und ihn bestrafte. War etwa Epami- 
nondas, der Feldherr der Thebaner und Liebhaber des 
Kephisodot, kein unerschrockener Kriegsheld?! Und 
gleich ihm zahlreiche andre tapfere Feldherrn, wie 
Alexander der Große ] ) und Julius Cäsar, von dem seine 
eigenen Soldaten sangen, daß er ein Liebling des Königs 
Nikomedes von Bithynien gewesen war *). Und um mehr 
in unserer Zeit zu bleiben, seien die Samurai, die tapferen 
japanischen Edelleute und ihre Schwerträger erwähnt, mit 
denen sie oft in Liebe verbunden waren, wie mir ein 
genauer Kenner Japans noch unlängst mit drastischen 
Dokumenten belegt hat Also Behauptungen von der 
Unvereinbarkeit des Mutes, der Mannhaftigkeit, ja der 
Mannszucht mit solcher Liebe sind einfach lächerlich, 
selbst bei oberflächlicher Kenntnis der Geschichte. Und, 
abgesehen von der Geschichte, beweist der Kampf, der in 

x ) VgL „Lieblingminne und Freundesliebe", wo noch viele 
andere Belege sind. 

*) Dieses von Sueton berichtete Soldatenlied hat Zelter, 
Goethes Freund, komponiert und in der von ihm geleiteten Berliner 
Singakademie singen lassen (!), wie er selbst an Goethe sehreibt. 



— 155 — 



Deutschland von so viel Männern mit offnem Visier gegen 
den veralteten Paragraphen geführt wird, etwa nicht den 
moralischen Hut, den das Bewußtsein einer inneren, 
ethischen Bewegung zu geben vermag? 

Diese Leumundsrettung ist einfach haltlos. Und fest 
steht die Tatsache, daß Giovan Antonio den Zunamen 
Sodoma geführt hat Da ist erstens die Eintragung seiner 
Bosse zum Paliorennen in Siena von 1513 (die früheste 
Notiz). Da sind die 1516 gedruckten Distichen des 
Euryalo Morani. Da ist die zweite Eintragung zu dem 
Rennen des Jahres 1527, also längst nach dem Florentiner 
Skandal von 1515. Da ist, vor allem, seine eigne 
humoristisch-ironische Vermögenserklärung an die Steuer- 
behörde von Siena aus dem Jahre 1531 (vgl. S. 160); da 
ist das erwähnte Gedicht des Filolauro di Cave von 
1533; da ist die Urkunde eines Hauskaufes in Via 
Vallerozzi von 1534; da ist ein Zahlungsbefehl der 
Signoria von 1536; da ist endlich seine Todesnachricht 
'von 1549. Also auch wenn Vasari geschwiegen hätte, 
wüßten wir, daß es einen großen Künstler und »vor- 
züglichen* Menschen, einen „eccellente uomo" ') des Zu- 
namens Sodoma gegeben hat. 

Aber .... sagen die Leumundsretter: in seiner 
Ehe Urkunde von 1510 ist er nicht Sodoma genannt. 
Doch abgesehen davon, daß erst 1513 dieser Name zuerst 
nachweisbar ist, war es doch wirklich überflüssig bei der 
Schließung seiner Ehe gerade diesen Namen anzugeben. 

Aber .... der Fürst Jakob V. Appiani von Piom- 
bino nennt ihn Joan Antonio de Averz6 (= aus Vercelli). 
Freilich: in einem erstmaligen Empfehlungsschreiben an 
den Florentiner Machthaber Lorenzo. Sollte er da einen 
immerhin mißdeutigen Zunamen hinsetzen? Vielmehr 
scheint, daß er die Eindeutigkeit dieses Zunamens 



*) Armenini, vgl S. 161. 



— 156 — 



kannte, da er ihn nicht hinsetzte. Oder als Giovan 
Antonio am 3. Mai 1518 an den Herzog von Ferrara 
und den Markgrafen von Mantua schrieb, sollte er da 
fremden Fürsten gleich mit dem Namen solchen Klanges 
deutlich vorrücken? Er war unter diesem Namen bekannt, 
gar nicht unter seinem Familiennamen Bazzi. Was 
Wunder, daß er sich da mal mit kleiner Abweichung 
als Ritter Sodona unterschrieb! Und ebenso, daß ihn 
die Signoria von Siena in ihrem Schreiben von 1538 
Sodona nennt. Auch Pietro Aretino nennt ihn in seinem 
Briefe vom August 1545 aus Venedig so — da Giovan 
Antonio diese weniger deutliche Nebenform seines Zu- 
namens offenbar für gewisse Gelegenheiten angenommen 
hatte. So benutzte er ihn auch, als er nach 30 jähriger 
Trennung dem indes berühmt und berüchtigt gewordenen 
Jugendfreunde schreibt, dem nun auch von Fürsten ge- 
fürchteten Pietro Aretino. Dieser antwortete ihm mit 
herzlichsten Worten und adressiert natürlich, wie jener 
angegeben hatte, da er ihn nicht ärgern wollte. Man 
lese doch: 

„Als ich den übersandten Brief öffnete und Euren 
„ Namen mit meinem zusammen las, ward ich so bis 
„ins Innerste ergriffen, als lägen wir uns noch eben in 
„den Armen mit jener herzlichen Zuneigung und Liebe, 
„mit der wir uns so oft umarmt haben, damals als es 
„uns in Rom und dem Hause Agostino Chigi's so gut 
„gefiel. Und wir hätten es jedem übelgenommen, der 
„uns gesagt hätte, wir würden auch nur eine Stunde 
„ohne einander sein. Aber die Welt dreht sich und 
„die Menschen werden umgetrieben, so daß der eine 
„wie der andere von dem Glückspiel des Zufalls in 
„solche Gegenden zu dauerndem Aufenthalt geführt 
„wird, die er nie auch nur zu erblicken gedachte. Ihr 
„mein tausendmal lieber, tausendmal guter, tausendmal 
„liebenswürdiger Ritter seid wahrlich nicht etwa in 



— 157 - 



„meinem Gedächtnis auferstanden, da ihr fürwahr nie 
„darinnen starbt, sondern jung seid ihr darin geworden, 
„so wie ich wünschte, daß wir selbst uns verjüngten . . ." 
Wie zart und fein ist hier der Ton dieses rücksichtslosen 
Spötters J ), wo er von der Jugendneigung zu Giovan 
Antonio spricht. Es galt ja von ihm selbst, daß er seine 
Ritterkette von Giovanni delle Bande Nere, dem Vater 
des Herzogs Cosimo I. de' Medici, für solche intime Be- 
- Ziehungen erhalten hatte. 

Wer Italien kennt und weiß, wie wenig fest die 
Namensbezeichnungen noch heute sind, der wird sich des 
Wechsels der Namen unsres Meisters erst recht nicht als 
einer falschen Leumundsrettung bedienen dürfen. Regel- 
los steht der Vorname bald vor, bald hinter dem Familien- 
namen, regellos wird eine Frau bald nach dem Namen 
ihres Mannes, bald nach ihrem eignen Mädchennamen 
genannt. Und stetig werden Namen im öffentlichen 
Leben und in Schriften verballhornt und verändert. Da- 
her — zur „Leumundsrettung" der italienischen Post 
sei es gesagt — kommen wohl oft die Versehn im Fach 
»poste restante* vor, besonders bei ausländischen Namen. 

So ist auch der Name des Sodoma wiederholt ver- 
schieden geschrieben und gedruckt worden, vor allem 
Soddoma und Sodoma, dann Sodona, aber auch Sogdoma, 
Sobdoma, aber auch statt des a mit e am Ende, z. B. 
Sodome, Sodone. Daher ist es lächerlich, wenn der 
Italiener Faccio aus dem später üblichen einen d des 
Namens zu folgern vorgibt, dieser habe mit der biblischen 
Stadt nichts zu tun, die immer mit zwei d (=dd) ge- 
schrieben worden wäre. Der eifrige Autor übersieht 
vollkommen, daß in dem Zahlungsbefehl der Signoria der 

l ) Merkwürdig, daß ebenso die scharfen Satiriker Martial nnd 
Lukianos zartfühlende Töne anschlagen, wo sie von dieser ihrer liebe 
zu sprechen beginnen. Ob nicht ein gemeinsamer sozialer nnd 
psychologischer Grund sie sonst zu Spott und Ironie herausforderte? 



— 158 — 



Name mit 2 d (= dd) geschrieben ist, ebenso in der 
Eintragung der Rosse; andrerseits tut es mir leid, ihm 
nachzuweisen, daß auch der Name der Stadt zuweilen 
mit einem d geschrieben wurde, wie die Ausgabe des 
Liber Gomorrhianus durch den Abt Caetan (Rom, 1606 
bis 1615) beweist. Lassen wir diese Seifenblase und 
ähnliche ! 

Nochmals: Namen sagen dem Italiener so gut wie 
nichts. „Name ist Schall und Rauch 11 . Versehen, Ver- 
sprechen, Verwechseln der Namen ist in Italien an der 
Tagesordnung — in Zeitungen, Büchern, wie im praktischen 
Leben. Giovan Antonio Bazzi hat so bis vor einem halben 
Jahrhundert als Razzi gegolten. Schlagen wir doch einmal 
die erste Ausgabe des Vasari auf (Firenze (!)MDL). 
Da wird der Maler Pellegrino von Modena auf S. 728 
Pellegrino da Modana genannt und zwar in der Überschrift 
Zeile 5 von unten heißt diese Stadt aber schon Modona und 
S. 728 werden die Einwohner einmal Modenesi und dann 
Modonesi genannt. Es kommt aber noch besser! Im 
zweiten Bande der zweiten Ausgabe des Vasari (Fiorenza 
(!!) 1568) heißt derselbe Maler auf S. 571 Rodolfo 
Grillandai, auf S. 572 aber Ghirlandai. Im Leben des 
Domenico Beccafumi (S. 371—381) steht auf S. 371 und 
375 als Seitenüberschrift Perino del Vaga; im Leben 
des Niccolo Soggi (S. 387—393) steht auf S. 391 als 
Seitenüberschrift Lappoli (der früher abgehandelt war). 
Im Leben des Simone Mosca (S. 496 — 502) steht über 
S. 497 und 501 Jacopo Puntormo (auch Pontormo ge- 
nannt); und dergleichen endlos mehr. Der Setzer, der 
Korrektor, der Herausgeber haben nichts gemerkt, auch 
im Fehlerverzeichnis steht nichts davon. Sie haben es 
eben nicht gemerkt, weil Namen ihnen herzlich wenig 
sagen ; woraus ich dem sonst oft liebenswürdigen Italiener 
wahrlich kein Kriminalverbrechen machen will — das 
Leben ist am Ende mehr wert als ein Name oder gar 



— 159 — 



ein Buchstabe! . . . und sei es in würdigen Codices. 
Mir selbst ist es im Hause eines Professors in Florenz 
widerfahren, daß mein Name nach jahrelanger genauer 
Bekanntschaft bald Guf, bald Cruff, wenns hoch- 
kam Cuffer geschrieben wurde. Endlich gar hieß es 
einmal, ein Herr „merkwürdiger Weise genau" meines 
Namens hätte seine Visitenkarte abgegeben; und darauf 

stand: Hoffmeyer. Da soll man noch an die 

pedantische Fabel von Sodoma und Sodona glauben?! 
Doch nicht bloß gruslige fremde Namen, zu denen am 
Ende auch das Wort Sodoma gehört, sondern auch 
solche „latinische", wie Caprivi und Curtius figurierten 
im ersten Blatt Italiens, im Giornale d'Italia, anläßlich 
der Hohenloheschen Memoiren als Caprini und Curtinus. 
Und auf solchen wackligen Buchstabengrund sollte noch 
psychologischer Unverstand es wagen dürfen, ein kunst- 
volles Gebäude aufzurichten! Wie gesagt, ich wende 
mich gewiß nicht gegen das italienische Volk, dessen Ahnen 
Glänzendes geleistet haben und das noch selbst oft den 
gesunden Lebenssinn bewahrte — sondern namentlich 
gegen einige „mitteleuropäisch" sein wollende Gelehrte, 
Gebildete und Halbgebildete. 

Nur noch einige Worte über den Nebennamen Sodona. 
Die Endung oma ist im Italienischen ein seltner, fremder 
Eindringling (Sodoma, Idioma, Aroma, Assioma, denn in 
Roma ist es der Stamm); hingegen ist die Endung ona 
oder one als Vergrößerungssilbe überaus häufig (z. B. 
Matrona, padrone). Ein Italiener, der das Wortbild 
Södoma liest, ohne die Bedeutung dieses Wortklanges zu 
kennen, wird flüchtig leicht Sodöna lesen — wie ich es 
bei einem unverbildeten Sprößling dqs Volkes zu meiner 
Überraschung selbst erfahren habe, der unwillkürlich 
unter einer Photographie den richtig gedruckten Namen 
Södoma als Sodöna las und aussprach. Es läßt sich das 
leicht auch linguistisch begründen. 



— 160 — 



Ob Giovan Antonio seinen historischen Spitznamen 
im Atelier oder sonst wo erhalten hat, ist ja wesentlich 
gleichgültig, aber Spitznamen haben immer irgend einen 
realen Anlaß, so wie ich einen Lehrer kannte, der Papa 
genannt wurde, weil er, obschon unverheiratet, uneheliche 
Kinder hatte; ein andrer wurde „Sauermilch* genannt, 
weil er so leicht ein saures Gesicht schnitt Jedenfalls: 
wer einen solchen Namen hinnimmt und führt, ja, wie 
Giovan Antonio getan hat, noch nach einem großem 
Skandal beibehält — dem kann die Sache doch nicht so 
etwas „unnennbares* und gemeines gewesen sein. Ich 
möchte denjenigen Klubmann sehn, der einen solchen Sport- 
namen führen wird, wenn er ihm in der innersten Seele 
zuwider ist. Und diese Tatsache im Leben Giovan 
Antonio's wiegt alle andern auf. Ja, auch die Hohe 
Obrigkeit von Siena kann es damit nicht so sehr tragisch 
genommen haben, sonst hätte sie folgenden launigen, 
um nicht zu sagen naseweisen Bericht des humoristischen 
Künstlers nicht hingenommen: 

„Euch, ihr ehrenwerten Herren der Steuerbehörde 
„sei für mich Giovan Antonio Sodoma di Bucaturo 1 ) 
„angezeigt, was ich besitze. 

„Erstens beim Neuen Brunnen einen Garten, den 
„ich bestelle und die andern abernten. 

„Ein Haus, im Rechtstreit mit Niccolö de' Libri, 
„meine Wohnung in Vallerozzi. 

„Da habe ich just acht Pferde; ihr Spitznamen 
„ist Ziegen und ich bin ihr Leithammel. 

„Da habe ich einen Affen und einen redenden 
„Raben, den ich halte, dariit er einen Esel sprechen 
„lehre — ein Theolog im Käfig. 

„Einen Uhu, um die Narren zu schrecken, eine 
„Schleiereule und von dem Käuzchen sage ich auch 
„nichts wegen des Affen oben. 
') Eine drastische Wortbildung. 



— 161 — 



„Da habe ich zwei Pfauen, zwei Hunde, zwei 
„Katzen, einen Falken, einen Sperber, sechs Hennen 
„mit 18 Kücheln. 

„Und zwei maurische Hennen und viele andere 
„Vögel, deren Beschreibung nur Verwirrung brächte. 

„Da habe ich drei böse Untiere, als da sind drei 
„Frauenzimmer. 

.Auch habe ich da noch 30 Söhne 1 ), groß und 
„gewichtig. Eure Exzellenzen werden wohl zugeben, 
„daß ich viel Besitz zum Schleppen habe, abgesehn 
„davon, daß nach den Gesetzen der, der zwölf Söhne 
„bat, nicht zu den Gemeindelasten verpflichtet ist. 

„Indessen empfehle ich mich Euch. Möge es Euch 
„wohlergehn* Sodoma Sodoma derivatum M. 8 ) Sodoma. 
Wir wissen heute wieder, 1800 Jahre nach dem Tode 
Kaiser Hadrians, daß man trotz dieser Empfindung ein 
vollendeter Ehrenmann sein kann, ein „eccellente uomo", 
wie Armenini blos 38 Jahre nach dem Tode Giovan 
Antonio's ihn genannt hat, als das Andenken des Künstlers 
noch in aller Munde lebte 8 ). Damit fällt ja auch die 
soziale „Notwendigkeit 14 all jener advokatischen Winkel- 
züge hin; und man erstaunt um so mehr über des 
Künstlers Freimut, über die stolze Erkenntnis seiner ein- 



*) Seine Gemälde, die er noch im Atelier hat. Im gleichen 
Sinn erwiderte Epaminondas einem Manne, der am Sterbelager 
des verwundeten Feldherrn beklagte, daß ein solcher Mann sterbe» 
ohne Nachkommenschaft zu hinterlassen: „Tröste dich, ich hinter- 
lasse zwei Töchter, Lenktra und Mantineia* — seine nationalen 
Siege. So hinterließ auch Friedrich der Große als sein Kind eine 
Großmacht, die das neue deutsche Reich zeitigte. Ist dieses eine 
unleibliohe Kind für sein Volk nicht von mehr Wert gewesen, als 
eventuell sieben Söhne?! 

*) M = Meister (maestro) oder Herr (messer). Der Zusatz 
derivatum bedeutet „abgeleitet" also wohl Spitzname. 

') J veri precetti della pittura di M. G. Battista Armenini da 
Faenza. A Ravenna appresso il Tebaldini 1587. 

Jahrbuch IX. 11 



— 162 — 



geborenen Empfindung, von der seinFeind Vasari gehässig 
sagte: »Anstatt Verdruß und Anstoß an seinem Spitz- 
namen zu nehmen, rühmte er sich dessen und dichtete 
Stanzen und Lieder auf seine Liebe, die er geschickt 
zur Laute sang." 

Nun können wir psychologisch verstehn, daß er, wie 
im Trotz einer starken verwundeten Seele, den Beinamen 
Sodoma führte, von dem der feinsinnige badische 
Dichter Heinrich Vierordt den heiligen Vater so fyild- 
voll sagen läßt, und zwar im Angesicht des Bildes vom 
Hl.' Sebastian: er solle fortan sein Ehrenname sein. 1 ) 
Wie gesagt, es ist psychologisch verständlich. Aber zu- 
kommen tut ihm dieser mythisch-historische Name in 
Wahrheit gar nicht, da er, richtig verstanden, siqh auf 
die Verletzung des heiligen Gastrechtes bezieht — und 
was hätte das mit unserm Künstler zu tun?! 8 ) Nennen 
wir ihn Giovan Antonio 8 ), wie wir von Lionardo, 
Rafael und Michelangelo sprechen! Die Könige unter 
den Menschen sind Persönlichkeiten und nicht Vertreter 
einer Sippe. 

So steht Giovan Antonio vor uns da: ein begeisterter 
Prophet der inneren Harmonie und der Schönheit, der 
ewiganmutigen Holdseligkeit in Verbindung mit ruhig- 
maßvoller Kraft, oft der Prophet einer Welt, 

„wo der Geschlechter Widerstreit 
„in Einer Form gebunden" 4 ); 

von Natur zur Heiterkeit veranlagt, den Schelm im Nacken, 
und doch zartfühlend-weiblich bis in die feinsten Regungen 
der Seele, oft leidenschaftlich, männlich -ungestüm, ge- 

<) Heinrich Vierordt: Akanthusblätter. Heidelberg, Verlag 
Winter. 

Vgl. 8. 77 n. f. 
Ä ) sprich Djowan Antonio, das j wie in Journal. 
4 ) Elisar von Kopffer: „An Edens Pforten ans Edens Reich' 4 . 
Dresden, E. Pierson, 1907. 



— 163 — 

drängt, wie seine realistische Komposition des Qfteren 
beweist — ein Dichter seiner Liebe und seiner Welt, 
der selbst* die Melodien dazu fand, Bildhauer in der 
Plastik seiner Gestalten, ein feiner und großer Meister 
der Malerei und des religiösen Empfindens — ein 
origineller und genialer Mensch von bleibendem Werte. 

• Am Schluß dieser Arbeit sei mir noch eine kurze 
Bemerkung vergönnt, die allen etwaigen Kontroversen 
vorgreift. 

Ich erwarte keineswegs, daß meine ethischen und 
kosmischen Grundanschauungen von der Mehrzahl der 
Leser geteilt werden, im Gegenteil. Ich weiß sehr wohl, 
daß der Kern meiner Weltauffassung — die Welt- 
entwicklung strebe dem Ausgleich der Gegensätze zu, ob 
auch mit langen scheinbaren Röckfällen — der heutigen 
Anschauung und der meist sezierenden Forschungsweise 
widerspricht. Ich weiß wohl, daß die Idee des Ära- 
phroditischen *) heute weitaus den meisten absurd er- 
scheinen wird. Das Araphroditische wird den einen als 
ein Glied in der langen Kette der Übergänge gelten und 
schroffen Gegnern gar als eine schwächliche Entartung, 
nicht aber als eiüe organische Synthese der zwei Grund- 
tendenzen des Lebens, ja — der Welt; fclso nicht wie ich 
es auffasse — als fernes Ziel außerhalb der Welt, die 
heute noch zum größten Teil chaotisch ist. Das ist fast 
eine Glaubenssache und doch längst kein Hirngespinst, 
denn alle Gestaltung ist Überwindung des Chaos, je 
harmonischer, desto endgültiger. 

Aber auch die Tatsache, daß weder der Mann an 
sich (und so die Urninde), noch das Weib an sich (und so 
der Urning) fruchtbar ist, wird nicht so bald den meisten 
einleuchten. Daß kein Kind ohne Vereinigung von Mann 



l ) Vgl. S. 27 und „An Edens Pforten, an Edens Reich", Erl. 19. 

11* 



— 164 — 



und Weib geboren wird, das wissen wir ja freilich ; daß 
es aber mit allem Schaffen so steht, das ist noch längst nicht 
allgemein erkannt. „Der Mann ist der Schaffende !* — das 
hält man den Frauen entgegen, weil sie in der Geistes- 
geschichte nicht das Bedeutende geleistet haben. Aller- 
dings, das Weib allein nicht, aber auch der Mann allein 
nicht. Wo sich das weibliche Element mit dem männ- 
lichen vereinigt, da entsteht die schöpferische Idee, die 
sich dann gestalten will, ans Licht der Welt treten 
und in ihr wirken. Es führt zu weit, daß hier noch 
auszuführen. Ich hoffe das in einem besonderen Werke 
zu tun. 

Sollte man mich angreifen, so bemerke ich hier bloß, 
daß ich mich bescheide und in diesem Punkte auf keine 
Kontroverse eingehe, weil mein ganzes Lebenswerk das 
hoffentlich klar stellen wird und ihm meine Kraft gilt. 
Von allerfrühester Jugend an habe ich lebendige 
Dialoge und Kontroversen geführt, auf sehr verschiednen 
Gebieten, und bin im Laufe wiederholter Erfahrung zur 
festen Erkenntnis gekommen, daß eine Überzeugung nur 
da eintreten kann, wo die physiologisch-dynamische Ent- 
wicklung nahe dran gelangt ist. Ich habe die für mich 
feste Erkenntnis gewonnen, daß es ein tiefer Irrtum ist, 
wenn wir annehmen, die Wandlung ginge direkt durch 
das Gehirn vor sich. Nein, das Gehirn ist, wie ich schon 
in „Klima und Dichtung" ') betont habe, nur das Organ, 
vermittelst dessen wir die gereiften Vorgänge unsrer 
unbewußten Psyche wahrnehmen und feststellen. Es gibt 
auch eine Überzeugungsschwelle. Ich müßte es für töricht 
halten, jemandem zu grollen, wenn er mich nicht ver- 
stehen mag und kann. Auf solche Überzeugung deutet 
schon ein bekannter Ausspruch Christi hin: , Vergib 



*) Heft 4 der „Grenzfragen der Literatur und Medizin", 
herausg. von Dr. S. Rahmer (München, Ernst Reinhardt) 



— 165 — 



ihneu, denn sie wissen nicht was sie tun." Und Sophokles 
hatte eine ähnliche Erkenntnis, wenn er im , König 
Oidipus* den Gedanken ausspricht, sogar die böswillige 
Handlung beruhe auf mangelnder Einsicht Es ist für 
jeden gut, das im Auge zu behalten und seinen Weg 
ruhig weiter zu gehn. Was wir erkennen und erstreben, 
wird seine Wirkung finden, wenn es ein Vorläufer der 
Entwicklung ist — * andernfalls eben nicht Habe ich 
etwas zu verkünden, was sich einmal in Vielen gestalten 
soll, so wird es trotz aller Feindschaft und alles Tot- 
schweigens vordringen. Bleibt meine Anschauung wirklich 
dauernd vereinzelt oder auf wenige beschränkt, dann wird 
sie einmal wie ein Komet verschwunden sein. Eine Kon- 
troverse hätte keinen Zweck, außer dem praktischen, sie 
zu weiterer Kenntnis zu bringen. Wer Gesundheit und 
Neigung dazu hat, für den ist das gewiß kein übler Weg. 
Ich muß leider darauf verzichten und warten, bis in Ge- 
schlechtern der Fortschritt „durch den Leib der Mutter" 
geht, wie ich es am Schluß von , Priesterin Mutter 1 ) aus- 
geführt habe. Solange wir sterben und geboren werden, 
ist es die Mutter, die der Menge den Fortschritt bringt. 

') Heft 5 der „Lobenswerte", Verlag Hermann Costenoble, 
Jena 1907. 



Bibliographie. 

(Verschiedene andre Bücher und Quellen sind im Werke 
selbst angeführt) 



Filolaxuro di Cave: Dialogo Amoroso. Siena 1588. 
Giorgio Vasari: Delle Vite de 'piu eeeellenti Pittori, Soultori et 
ArohitettorL In Fiorenza 1568. 

— Delle Vite de gli Arohitettori, Pittori e Sonltori in Firenze 
MDL. 

— Le vite .... oon nuove annotazioni e oommenti di Gaetano 

Milanesi, Firenze MDCCCLXXVm. 
Pietro Aretino: Lettere. Paris 1609, Vol. III. 
Isidori Ugnrgieri-Azzolini: Le Pompe Sanesi o' vero Relazioni 

delli Huomini e Donne Illastri di Siena ... In Pistoja 1649 

Parte II pg. 853—326. 
Don Lnigi Brnzza: Misoellanea di Storia Italiana. Torino 1862, 

Vol. 1. 

Albert Jansen: Leben und Werke des Malers Giovannantonio 
Bazzi von Vercelli, genannt il Sodöma; als Beitrag aar Ge- 
schichte der italiänischen Renaissance zum ersten Male be- 
schrieben. Stattgart, 1870. 

Morelli: Die Gallerieen Borghese und Doria Pamfili in Rom. 
Leipzig 1890. 

Gaye: Carteggio inedito degli Artist! Italiani. 

Gnstavo Frizzoni: Arte Italiana del Rinascimento, Milano 1891. 

Symonds: The Renaissance in Italy, London 1897. 

Contessa Priuli-Bon: Sodoma. London 1900. 

Cesare Faoeio: Giovanni Antonio Bazzi, detto il Sodoma, Ver- 
celli 1902, 



Verzeichnis der Bilder des Sodoma. 



Italien: 

S. Anna in Camprena (od. in Creta) vgl. S. 
Asinalunga: Thronende Madonna mit dem hl. Johannes und 
den Heiligen Sebastian, Antonios, Ludwig und Rochus 1 (Tafel) 
Florens a) Ufflzien: Hl. Sebastian; Madonna in Wolken und 
Heilige; 

b) Rtti: Porträt; 

c) Monte Oliveto fuori Porta S. Frediano : Abendmahl 

(Reste eines Fresko). 
S. Oimignano a) Gefängniskapelle: Der Heilige Ivo (Fresko); 

b) Loggia gegenüber der Collegiata- Kirche: 
Thronende Madonna. * 
Mailand-Brera: Madonna? 

Castello: Hl. Michael. 
Neapel-Gallerie: Auferstehung. 
Pisa, a) Kathedrale: Isaaks Opferung, Pieta; 

b) Museo Civico: Madonna mit Heiligen; 
Rom, a) Vatikan, Camera della Segnatura: Dekorationen an 
der Decke; 

b) Villa Borghese: Heilige Familie; 

c) Villa Farnesina: Alexanderfresken; 

d) Palazzo Chigi: Geschichte der Rhea Silvia; 

e) Palazzo Spada: Heiliger Christopherus. 

Sienaa) Gallerie: Kreuzabnahme, Krippe, Gethsemane, Christus 
im Hades, Christus an der Säule, Judith; 
b) Sant Agostino: Anbetung der Könige; 
o) San Bernardino: Marienzyklus in 4 Bildern. Heilige; 

d) Carmine- Kirche: Geburt der Jungfrau; 

e) San Domenieo: Vision und Kommunion der Hl. 

Katharina, Wunder der Hl. Katharina, Gottvater 
und Heilige (Capeila del Rosario), Madonna in 
Glorie (Sakristei, Fahne); 



— 168 — 



f) Hospital („sotto le volte deir Ospedale): Hl. Familie; 

g) Palazzo Pubblioo (Sala del Mappämondo): Heiliger 

Aiisanus, Heiliger Viktor, Heiliger Bernardo 
Tolomei u. Patten; (Kapelle): Madonna des Hlg. 
Leonhard; (Sala dei Matrimonii): Madonna und 
Heilige; (Sala del Sindaco): Auferstehung; 
(Außenkapelle): Madonna von Heiligen umgeben. 
In der Lünette: Gottvater mit Engeln; rechts: 
Heiliger Sebastian. 

h) Santo Spirito: (Spanische Kapelle): Madonna kleidet 

den Hlg. Alionso ein; oben: Hlg. Jakob an Pferde; 
zu den Seiten: Heiliger Sebastian and Heiliger 
Antonias der Abt, Hlg. Michael, Hlg. Niooolo da 
Tolentino; 

i) Porta Santo Viene (oder dei Pispini): Geburt Christi, 
k) S. Miohele e Donato: Pieta, Trinita. 

bei Siena: Kloster Monte Oliveto Maggiore (oder 
Chinsari). 26 Darstellungen aus dem Leben des Heiligen 
Benedikt and kleinere, wie Christus an der Säule, Christus 
das Kreuz tragend, Krönung der Jungfrau usw. 

Tarin: Gallerte: Thronende Madonna mit Heiligen, Heilige 
Familie, Luorezia. 

Veroelli: Sammlung Borgogna: Heilige Familie. 



B: Aasland: 

Berlin. Altes Museum: Mildherzigkeit. 

Frankfurt: Städtisches Institut: Damenporträt. 

Hambarg: Konsul Weber: Luorezia. 

Hannover: Gallerie (früher von Kestner): Luorezia. 

Riohmond: Sammlang Sir Francis Cook: Hgl. Georg den 

Drachen tötend« 
London: Mr. Mond. Hlg. Hieronymus. 



Christins, Konigin von Schweden in ihrer Jugend. 

Ein Versuch (Essay) 
von 

Sophie Hoechstetter. 



Fata Tiam invenient 
(Das Schicksal findet den Weg.) 
DeTise Christines am das Bild 'eines Labyrinths. 

Dieser kleine Versuch, von Christine von Schweden 
zu sprechen, kann einen Anspruch nicht erheben, er- 
schöpfend über das äußerlich und in seinen inneren Ent- 
wicklungen so sehr interessante Leben dieses seltsamen 
Charakters zu sein. Denn Christines Existenz ist so 
überreich an Momenten, Ntiancen, Taten und Gescheh- 
nissen, daß man eben ein Arkenholtz sein müßte, sie zu 
schildern, ein Arkenholtz, der vier Folianten füllte. 

Für die Leser des Jahrbuches aber wird es von 
Interesse sein, ein Bild ihres spirituellen Wesens zu 
bekommen, ein Bild ihrer Jugend; denn ihre Jugend 
war ihre Schönheit, und ihre Schönheit hat die Jahre 
der Jugend nicht überdauert. Zu einer Reife ist dieser 
Charakter nicht gekommen. Durch Christines Lieben geht 
ein großer Bruch: mit der Thronentsagung und der An- 
nahme des katholischen' Bekenntnisses endet die eine 
-Form ihrer Erscheinung, um in der grande dame des 
päpstlichen Roms in eine neue zu treten.. 

Ich halte ihre Jugend für das einzig Belangvolle, 
und ich denke, es wird im Sinne des Lesers sein, * wenn 
wir uns über das Zuständliche ihres Lebens nur insoweit 
orientieren, als es die unerläßliche Voraussetzung ist. 

Als Tochter des großen Gustav und der branden- 
burgischen Prinzessin Marie Eleonore am 17. Dez. 1626 
geboren, ward Christine noch vor Gustav Adolfs Abreise 
nach. Deutschland von den Ständen als Nachfolgerin an- 



— 172 — 



erkannt. Nach Gustavs Tod leitete Oxenstierna ihre 
Regierung. Sie trieb seit frühester Jugend sprachliche 
und philosophische Studien, und nach des Vaters Wunsch 
sollte sie ganz als ein Prinz erzogen werden. 1644 be- 
gann sie ihr eigenes Regiment Sie schloß mit Dänemark 
den für Schweden sehr vorteilhaften Frieden von Bröm- 
sebro, welcher der Krone Gebietsvorteile brachte. Sie 
verkehrte brieflich mit den Gelehrten ihrer Zeit, zog 
Dichter und Künstler an ihren Hof und das Lob der 
„Pallas suedica* der „Sybille des Nordens" ertönte in 
allen Zungen. Während das Ausland ihren Ruhm als 
Regentin pries, war man zu Hause nicht mehr mit ihr 
zufrieden. Sie verschwendete, war ungestüm in Zuneigung 
und Haß — sie fühlte sich auch vielleicht der politischen 
Lage nicht mehr gewachsen. 

Kurz, nach kaum zehnjähriger Regierung verließ sie 
den Thron des großen Gustav. Vom Ausland um* 
schmeichelt, bewundert, auf der Höhe ihrer Kraft gesehen, 
ging sie aus der Heimat. Dies ist in Trockenheit ihre 
Jugendgeschichte. 

Alle ihre Geschichtsschreiber sind in einem einig: 
daß ihr Geist und Charakter durchaus männlich waren, 
des „weibliches Reizes" entbehrten und daß Christine 
doch von den Schwächen ihres Geschlechtes nicht 
frei war. Lesen wir die verschiedenen Berichte, so fällt 
auf, wie — unbefangen man dieser Erscheinung gegen- 
über stand. Ihre Neigung zu männlicher Tracht, zu 
männlichen Gewohnheiten etc. wird dem „rauhen Zeit- 
alter* zugeschrieben — ihre große männliche Verstandes- 
kultur dem Umstand von den versagten weiblichen 
Tugenden. 

Christine blieb unvermählt Selbst ein so scharf- 
sinniger Beobachter wie Daniels (der später ausführlich 
zitiert werden soll) meint, annehmen zu müssen, eine 
Enttäuschung mit Karl Gustav, ihrem Vetter und Nach- 



— 173 — 



folger, wäre die Grundlage für ihre Ehescheu ge- 
wesen. 

In einer Abhandlung von Dr. R. Schulze, betitelt 
„Das Projekt der Vermählung Friedrich Wilhelms von 
Brandenburg mit Christine von Schweden" heißt es: 

„Oxenstierna sog in Zweifel, ob die Königin, ein 
15jähriges Mädchen, überhaupt jemals heiraten würde. 
Denn als er gelegentlich eines Schloßbaues diesen Punkt 
berührte, sollte Christine geäußert haben: 

„Non sit alterius, qui suus esse potest* (Nicht einem 
andern solle der angehören, der sein eigener Herr sein kann.) 

Belegt ist diese Anekdote durch Urkunden und 
Aktenstücke zur brandenburg.-preuß. Geschichte I, 595. 
Dieses Heiratsprojekt spukte lange, ebenso das andere, 
ihre vom Land gewünschte Vermählung mit ihrem Vetter 
Karl Gustav von der Pfalz. Beide Pläne scheiterten an 
Christines Abneigung vor der Ehe. Karl Gustav stand 
hoch in ihrer Wertschätzung. — Dies waren nicht die 
einzigen Heiratspläne, die das Land, die Stände, Oxenstierna 
wünschten. 

Christine, die ja unter den Fürstensöhnen Europas 
hätte wählen können, wählte die Ehelosigkeit. Sie hatte, 
wie gesagt, eine hohe Achtung, ja sogar Freundschaft für 
Karl Gustav und einen Prinzen aus dem Hause Cond£. 

Vertraute Beziehungen zu Günstlingen, dem Arzt 
Bourdelot, den sie für ihren Lebensretter hielt, dem 
spanischen Gesandten Pimentel, von dem sie nach seiner 
Abreise jeden Posttag Briefe empfing, boten den Sensations- 
freudigen ihrer Mitwelt Gelegenheit zu üblen Pamphleten. 
In einem heißt es z. B. 9 sie habe Recht gehabt, dem 
schwedischen Thron zu entsagen, sie müsse sich in Sodom 
krönen lassen/ 

Gleichzeitig erklären aber eine Menge anderer 
Personen, wie Huet, die wegen ihrer Thronentsagung sehr 
erzürnten Heinsius und Vossius, sowie die Pariser Damen 



— 174 — 



Mad. de Montpensier und Mad. de Motteville die Ge- 
rüchte von Christines Unsittlichkeit für falsch, obgleich 
die Damen, wie Prof. Grauert in seiner Biographie 
Christines berichtet, „das zu freie und nicht weiblich und 
französisch anständige Benehmen hervorhoben.* 

Christine, die so gern Männerkleider trug und wie 
ein Mann ging und lachte, wird allerdings ein „französisch- 
anständiges" Benehmen haben vermissen lassen. (Noch 
heute gilt ja z. B. das harmloseste Reformkleid der ehren- 
festesten Trägerin in Paris nicht für „französisch-anständig".) 

Wir müßten annehmen, Christine wäre nur der Ehe 
abgeneigt gewesen und skrupellos in der Männerliebe, 
wenn wir dem Zeitklatsch glauben wollten. Die Briefe 
an Pimentel existieren wohl nicht mehr, wenigstens ist in 
den vier Bänden des Arkenholtz, die alles zusammentrugen, 
kein einziger aufgeführt Ein Brief an Pimentel machte 
zwar seinerzeit in Paris großes Aufsehen, (P. war 
Familienvater), er wurde jedoch nicht mehr aufgefunden, 
oder schon damals nur besprochen, und kann nach der 
Meinung Verschiedener überhaupt eine Fälschung von per- 
sönlichen oder politischen Gegnern Pimenteis gewesen sein. 
Wir haben aber bessere Beweise, als historisches Urteil 
oder Mißurteil: 

Christine regierte unter schwierigsten Verhältnissen, 
sehr persönlich, nicht als- Schatten, ein Land. Christine 
korrespondierte in fünf Sprachen mit Staatsoberhäuptern, 
Gelehrten, Künstlern. Unter ihren mehr als dreihundert 
Korrespondenten seien hier aus ihrer Jugendzeit (bis 1654) 
einige genannt: der König von Polen, Botschafter Chanut, 
die Gelehrten Heinsius und Vossius, Prinz Joh. Casimir, 
Karl Gustav, Ozenstierna, Karl IL Stuart, Cartesius. 

Sie regierte ihr Land, korrespondierte mit bedeutenden 
Personen, sie zog Gelehrte, Dichter, Künstler an ihren 
Hof. Sie beschäftigte sich mit den Wissenschaften, vor- 
nehmlich der Philosophie. Sie, würde man heute sagen, 



— 175 — 



trieb Sport, Männer, die sie hoch achtete, bewarben sich 
um sie. Europa feierte ihr Genie. Ihr Charakter, ihr 
Wesen war von einem ungeheueren persönlichen Stolz 
getragen. Sie hatte die Instinkte vornehm Geborener, 
jenes Unbedingte in Neigung und Haß. Sie war, wie 
gesagt, eine durchaus intellektuelle Erscheinung. Durch 
ihre ganze Jugend verband sie eine zärtliche Freund- 
schaft mit ihrem Hoffräulein, der , schönen • Gräfin 
Ebba Sparre. 

Und sie war jung und überschwenglich, alles Große 
liebend. 

All dies sind keine Prämissen für ein 
lasterhaftes Leben, für eine zügellose Erotik. 

Frau v. Montpensier berichtet über ihr Erscheinen 
in Paris, bald nach der Thronentsagung: (Grauert) „Ihr 
erster Anblick gefiel allen artigen Leuten. Ihre Tracht 
kam dem Auge gegenwärtig bei weitem nicht so aus- 
schweifend vor, als das Gerücht vorgab, oder wenigstens 
gewöhnte man sich bald daran. 

Von Gesicht war sie ganz wohlgebildet, insonderheit 
aber bewunderte jedermann die Lebhaftigkeit ihres 
Geistes und die Kenntnis von Frankreichs Kleinigkeiten. 
Sie kannte nicht allein die adeligen Geschlechter und 
deren Wappen, sondern sie wußte auch um deren Pläne. 
Ja sie wußte sogar die Liebhaber der Malerei und Musik 
mit Namen zu nennen. Sie nannte dem Marquis des 
Sourdis die kostbarsten Malereien, die er in seinem 
Kabinet hatte usw. Sie unterrichtete sogar die Franzosen 
in einheimischen Sachen, die sie selbst nicht wußten. 

Unsere schwedische Amazone gewann alle Herzen 
zu Paris. Sie schien sehr höflich, besonders gegen die 
Männer zu sein. Doch fand man keinen Grund, die 
üblen Erzählungen zu glauben, die sich zu ihrem Nach- 
teil in ganz Europa ausgebreitet" 

Wir haben also, neben den impressionistischen Ein- 



— 176 — 



drücken, die gegen Christines Zügellosigkeit sprechen, 
auch Zeiturteile. Später in Rom ging sie vielleicht 
andere Wege. Bei dem vollkommenen Unverständnis 
jener Zeit für ihren Typ müssen wir aber fast auch hier 
mißtrauisch werden. 

Doch bleiben wir bei ihrer Jugend. 

Ihr Biograph, Dr. Grauert, Professor an der Aka- 
demie in Münster, findet in seinem 1837 erschienenen 
Werke folgende Worte der Charakteristik für Christine: 

«Sie hatte fast alle Tugenden eines ausgezeichneten 
Mannes, große Tapferkeit» Rastlosigkeit in der Arbeit, 
Verachtung aller Beschwerden, Männlichkeit und Mäßig- 
keit im täglichen Leben, Unerschrockenheit und Mut in 
Gefahren. 

Weichlichkeit schien ihr ein Laster, Feigheit ein 
Verbrechen. Ihrem Worte war sie treu. Würde und 
Majestät wußte sie auch immer in ihrer äußeren Er- 
scheinung zu behaupten, so einfach diese war und so 
heiter und ungezwungen sie sich zu benehmen pflegte. 
Auch von den milderen Tugenden besaß sie manche vor- 
zügliche, große natürliche Gutherzigkeit» Freigebigkeit 
Das nahm ihrem Umgang alles Beengende und gewann 
alle unwiderstehlich für sie. Die schöne Tugend der 
Dankbarkeit bewies sie gegen Lehrer und Verwandte; 
ihr Gefühl für Freundschaft in dem innigen Verhältnis 
mit Ebba Sparre. Sie schätzte alles Große und Erhabene, 
wovon ihre Hochachtung für Condl, Chanut (?!) für 
Oxenstierna und ihre außerordentliche Freigebigkeit gegen 
verdiente Männer Beweise sind; denn sie besaß selbst 
Edelsinn und Großmut. 

Ihrer Mutter bewies sie stets Ehrfurcht und an- 
hängliche Sorgfalt, obgleich die Verschiedenheit der 
Charaktere Herzlichkeit und Innigkeit nicht zuließ und 
besondere Umstände einige Male heftige Auftritte ver- 
anlaßten. Von unedlem Stolze war sie soweit entfernt, 



— 177 — 



daß- sie sagte, nur der sei ein großer König, an dem das 
den geringsten Wert habe, daß er König sei. 

Diesen Tugenden standen aber auch nicht unbe- 
deutende Schwächen gegenüber: es waren die Schwächen 
eines geistreichen Frauenzimmers, gesteigert durch das 
Männliche und Feurige ihres Wesens. Sie hatte von 
ihrem Geschlecht fast nur die Schwächen. Ihr Haupt- 
fehler war, daß sie keine Grenze kannte in Neigung und 
Abneigung, der Abscheu gegen das Schlechte und Klein- 
liche verführte ihren enthusiastischen Sinn zu unbedingter 
Hingebung oder Abstoßung. 

Ihre Gutherzigkeit und die geniale Geringschätzung 
der irdischen Güter, verbunden mit jener Übertreibung 
in allem, erzeugten Verschwendung. 

(Indessen lebte sie selbst sehr einfach und war nur 
gegen Andere von übermäßiger Freigebigkeit) 

Alle ihre Leidenschaften aber waren dem großen 
Ehrgeiz 4 untergeordnet, dieser näherte sich sehr der Eitel- 
keit, aber er war zu großartig, um diesen Namen zu ver- 
dienen. 

Es ist überdies nicht zu verkennen, wie die ab- 
weichenden Charaktere des Vaters und der Mutter dem 
der Tochter zu Grunde liegen: denn während Gustav 
Adolfs männliche heroische Tugenden in ihr hervor- 
glänzen, so erschien auch deutlich der Mutter Reiz- 
barkeit und Heftigkeit, besonders in Neigung und Ab- 
neigung gegen einzelne Personen. 

Ihre Erziehung hatte den wesentlichen Mangel, daß 
nicht eine besonnene, echt weibliche Natur sie leitete 
bis zu den Jahren gereifter Charakterstärke, sondern sie 
zu verschiedenen Zeiten ihrer leidenschaftlich aufgeregten 
und sonderbaren Mutter hingegeben war/ 

Um nicht den Vorwurf zu erfahren, ein einzelnes, 
und damit vielleicht einseitiges Urteil über Christine zu 

Jahrbuch IX. 12 



— 178 — 



bringen, sei hier noch der berühmte Historiker Leopold 
von Ranke zitiert Er hat Christine in seinem Werk 
9 Die römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten* 
ein besonderes Kapitel gewidmet 

Den Charakter der jungen Christine schildert er 
folgendermaßen: 

„Von dem Augenblicke an, daß sie (18 jährig) die 
Regierung selbst antrat, widmete sie sich den Geschäften 
mit einem bewunderungswürdigen Eifer. Niemals hätte 
sie eine Senatssitzung versäumt, wir finden, daß sie mit 
Fieber geplagt ist, daß man sie zur Ader gelassen hat; 
sie besucht die Sitzung dessen ungeachtet 

Deduktionen, viele Bogen lang, liest sie durch — 
mit großer Geschicklichkeit versteht sie dann, die Frage 
vorzulegen; sie läßt nicht merken, auf welche Seite sie 
sich neigt Nachdem sie alle Mitglieder gehört hat, sagt 
auch sie ihre Meinung, die sich immer wohlbegründet findet 

An einem Ereignis von so universalhistorischer Be- 
deutung, wie der Abschluß des westfälischen Friedens 
es war, hatte sie persönlich vielen Anteil 

Doppelt merkwürdig ist es nun, daß sie bei diesem 
Eifer für die Geschäfte zugleich den Studien mit einer 
Art von Leidenschaft oblag. Sie besaß, besonders für 
die Sprachen, ein außerordentliches Talent; wie sie auf* 
wuchs, ward sie immer mehr von dem Reiz ergriffen, der 
in der Literatur liegt Sie hatte den Ehrgeiz, berühmte 
Leute an sich zu ziehen, ihres Unterrichtes zu genießen 
— sie bemächtigte sich in kurzem der wichtigsten alten 
Autoren und selbst die Kirchenväter blieben ihr nicht fremd. 

Im Jahre 1650 erschien Salmasius — endlich ward 
auch Cartesius bewogen, sich zu ihr zu begeben; alle 
Morgen um fünf Uhr hatte er die Ehre, sie in ihrer 
Bibliothek zu sehen ; man behauptet, sie habe seine Ideen, 
ihm selbst zur Verwunderung, aus dem Plato abzuleiten 
gewußt. Es ist gewiß, daß sie in ihren Konferenzen mit 



— 179 — 



den Gelehrten, wie in ihren Besprechungen mit dem 
Senat die Überlegenheit des glücklichen Gedächtnisses 
und einer kühlen Auffassung und Penetration zeigt: 9 ihr 
Geist ist höchst außerordentlich" ruft Naudäus mit Er- 
stannen aus. Ä Sie hat alles gesehen, alles gelesen, sie 
weiß alles*. 

Ä Wunderbare Hervorbringung der Natur und des 
Glückes", fährt Ranke fort. „Ein junges Fräulein, frei 
von aller Eitelkeit; sie sucht es nicht zu verbergen, daß 
sie die eine Schulter höher hat als die andre. — Jede 
kleine Sorge des Lebens ist ihr fremd, sie hat sich nie- 
mals um ihre Tafel bekümmert, hat nie über eine Speise 
geklagt, sie trinkt nichts als Wasser. Auch eine weib- 
liche Arbeit hat sie nie begriffen, dagegen .... sitzt sie 
auf das Kühnste zu Pferde. Auf der Jagd weiß sie das 
Wild mit dem ersten Schuß zu erlegen. Sie studiert 
Tacitus und Plato und faßt diese Autoren zuweilen selbst 
besser als Philologen von Profession. 

Sie wirft den frischen Mut eines angeborenen Scharf- 
sinns in die Arbeit; vor allem ist sie von der hohen 
Bedeutung durchdrungen, die ihr ihre Herkunft gibt, von 
der Notwendigkeit der Selbstregierung — sie weiß eine 
Haltung anzunehmen, vor welcher die Generale ver- 
stummen, welche Deutschland erbeben gemacht. Wäre 
ein neuer Krieg ausgebrochen, so würde sie sich unfehl- 
bar an die Spitze ihrer Truppen gestellt haben.* 

Soweit Leopold v. Ranke. Besser aber, als fremde 
Schilderungen, werden dem Leser über Christines 
Denkungsart, Kultur und Temperament persönliche 
Dokumente Aufschluß geben. 

Ich habe im Nachstehenden aus der Aphorismen- 
sammlung: „Ouvrage de Loisir de Christine, reine de 
Sufede" eine das Charakteristische hervorhebende Aus- 
wahl gemacht. 

12* 



— 180 — 



Es handelt sich in dieser Sammlung, die Arkenholte 
bringt, um zwölfhundert Sprüche. Ich ließ einige in der 
Sprache des Originals: 

„II faut oublier le pass£, souffrir ou jouir du present 
et se r&igner pour l'avenir. 

(Hier erinnern wir uns an den geläufigen Spruch 
Alex. v. Humboldts: „man muß die Zukunft erwarten 
und die Gegenwart genießen oder ertragen"). 

Die Verachtung ist eine edle Sache großer Seelen. 

Alles, was unwahr ist, das ist auch lächerlich. 

Die Furcht oder die Schwachheit lehren lügen. 

Man muß mit seiner Zeit viel geiziger sein, als mit 
seinem Gelde. 

Die gesundeste Seele hat doch auch ihre Krankheiten, 
wie der Körper, und einige bleiben unheilbar. 

Man kann alles verachten, ausgenommen das Schicksal, 
das uns hinter dem Tod erwartet. 

Alles, was endet, verdient Verachtung. 

Das Metier des Eroberers würde das schönste sein, 
wenn es nicht so viele Menschen unglücklich machte- 

Wer die Jugend ein Fieber nennt, hat vielleicht 
nicht unrecht; aber man ist sehr glücklich, wenn man 
dieses Fieber bis an den Tod behält 

Alter, Krankheit und Armut sind das Zubehör 
(Papanage) der Unwissenheit 

Nicht sowohl die Jahre, als die Unwirksamkeit 
machen uns alt 

Man erträgt im Interesse einer geliebten Person 
vieles, was man aus keinem andern Beweggrund er- 
dulden würde. 

Man muß sich nich einbilden, daß große Menschen 
frei von Fehlern und Irrtum sind; das einzige, was sie 
vor dem Pöbel voraus haben, ist, daß sie sie erkennen. 

II est vrai que l'dme n'a point de sexe. 



— 181 — 



Nonnen und Gattinnen sind auf verschiedene Art 
unglücklich. 

Den entwaffneten Feind muß man umarmen. 

Die Männer lernen in den Schulen alles, was man 
wieder vergessen muß. 

Fürsten müssen sich die Wahrheit selber sagen, sie 
hoffen vergeblich, sie von andern zu erfahren. 

Die Belesenheit macht einen Teil der Pflicht eines 
rechtschaffenen Menschen aus. 

Das Orakel, welches befahl, man soll die Toten zu 
Rate ziehen, verstand darunter ohne Zweifel die Bücher. 

Die uns nicht gefallen, betrügen uns selten. 

Das einzige Geheimnis, um nicht beherrscht zu 
werden, besteht darin, daß man wenig glaube und viel 
arbeite. 

Die Gnade eines Fürsten, der keine Verdienste hat, 
kann zwar nützlich sein, allein sie ist niemals rühmlich. 

Leuten, die viel Verstand besitzen und ein groß- 
mütiges Herz haben, muß man alles verzeihen. 

Das Mißtrauen gegen sich selbst ist eine Art Klugheit. 

Niemand als Gott darf man seine Nichtigkeit be- 
kennen. 

Es ist eine Art des Glücks, großer Dinge fähig zu sein. 

Die Leidenschaften sind ein Schatz des Lebens, ohne 
den es unschmackhaft ist. 

Große Männer sind nur auf sich selbst eifersüchtig. 

L'indiffcrence doit £tre h£roique, non pas stupide. 

Der Zorn großer Menschen ist ihrer nie unwürdig. 

Toutes les passions deviennent nobles par rapport 
& Dieu, 

Cest un malheur, d'£tre oblig£ äun malhonn£tehomme. 
Man wird nur aus eigener Schuld krank, alt und arm« 
Die Liebe verschönert das Geliebte. 
Cest mal aimer, que d'aimer aux d£pens de sa gloire. 
Die Liebe und der Ehestand sind fast unverträglich. 



— 182 — 



Les morts sont les prämiers ä oublier les vivans; 
ils ont sur eux ce triste avantage. 

Es gibt Leute, die sich Ehrfurcht zu verschaffen 
glauben, wenn sie sich in Standbilder verwandeln; allein 
das ist das rechte Geheimnis, sich lächerlich und nicht 
schrecklich zu machen. 

Cest faire trop d'honneur au oommun des hommes, 
que de s'informer de leurs sentiments. 

Eine starke Freundschaft ist ebenso selten, als eine 
starke Liebe. 

Es ist viel schwerer, sich selbst etwas zu verzeihen, 
als Andern. 

Wer einen Freund betrügt, begeht eine Todsünde. 

Wer unwissend ist, ist deswegen noch nicht unschuldig. 

Wer sich fürchtet, seinen Gläubiger zu sehen, hat 
eine undankbare und niederträchtige Seele. 

Es gibt eine Art der Verschwendung, die Ökonomie ist 

Alles, was man gibt, ist Gewinn, und alles, was man 
nicht gibt, ein Verlust. 

Die Wahrheit beleidigt nur Schwache und Toren. 

II 7 a des gens auxquels tout est permis et auxquels 
tout fied bien. 

Wer nichts fürchtet, nichts hofft, macht sich un- 
überwindlich. 

Geduld ist die Tugend derer, denen es an Mut oder 
Macht fehlt 

Die Stunde des Todes ist die Stunde der Wahrheit." 



Man wird zugeben, daß diese Worte eine erstaunliche 
Reife des Urteils, der Erfahrung, auch der prägnanten 
Form beweisen. 

Ein elanvoller Geist, ein edler Aufstrom großer Ge- 
fühle und Einsichten geht durch sie, Kraftbewußtsein, 
Stolz — eine durch und durch vornehme Gesinnung. 

Am Schluß von diesem oeuvre steht das gelassene Wort : 



— 183 — 



»Dieses Werk hat einen Urheber, der weder etwas 
wünscht, noch fürchtet, noch jemand etwas aufdrängt 41 — 

Es wäre vielleicht noch angebracht, einiges Charak- 
teristische von Christine zu erzählen, so ihren Brüsseler 
Klosterbesuch in Männerkleidern, ihre Begegnung mit 
Condä, ihre gelegentlich heftig geäußerten Aversionen 
gegen alles Weibliche. 

Diese kleine Abhandlung würde aber zu sehr über- 
lastet. Es genüge die Erwähnung, daß sie alle Über- 
treibungen ihrer Vorzüge hatte: ihr Stolz steigerte 
sich zum Hochmut, ihr Majestätsbewußtsein zu beinahe 
krankhaften Etiketterankunen. Das ungestüme Tempe- 
rament begann, sich zu überschlagen, und schon noch in 
Christines Jugend finden wir die Vorboten all dessen, 
was sie später in hysterische Zustände führte. 

Wenden wir uns nun zu dem, was uns, Christines 
sexuelle Natureigentümlichkeit berührend, zugänglich ist. 

Zunächst sei erwähnt, was sie selbst darüber andeutet: 

„Ich kam mit einem Helme, vom Haupte an bis auf 
die Knie, zur Welt, so daß ich nur das Gesicht, die 
Arme und Beine frei hatte. Ich war ganz rauh, ich 
hatte eine grobe und starke Stimme. Alles dies machte 
die Frauen glaubend, daß ich ein Knäblein wäre. Der 
König sagte" (später, als er Irrtum und Enttäuschung 
überwunden hatte) »von mir: Sie wird geschickt sein, 
denn sie hat uns alle betrogen. 

Meine Mutter konnte mich nicht leiden, denn ich 

war schwarzbraun und wie eine kleine Mohrin. 

Mein hitziges und ungestümes Temperament hat mir 
nicht weniger Neigung zur Liebe als zur Ehrbegierde 
gegeben. In was für Unglück würde mich eine so schreck- 
liche Neigung gestürzt haben, wenn Gottes Gnade nicht 
meine Fehler selbst gebraucht hätte, mich davon zu bessern. 

Meine Ehrbegierde, mein Stolz, der sich niemand 
unterwerfen konnte, und mein Hochmut, der alles ver- 



— 184 — 



achtete, haben mir zu wunderbaren Bewahrungsmitteln 
gedient und durch Deine Gnade hast Du denselben eine 
so feine Zärtlichkeit beigefügt, durch welche Du mich 
vor einer Neigung, die für Deine Ehre und meine Glück- 
seligkeit so gefährlich war, in Sicherheit gesetzt hast — 
Ich habe noch zwei andere Fehler, daß ich nämlich 
zu oft und zu laut lache und daß ich allzugeschwind 
gehe. Aber weil ich niemals zur Unzeit lache, so habe ich 
auf diesen Fehler ebenso wenig geachtet, als auf meinen 
Gang. Alle diese Fehler würden von geringer Erheb- 
lichkeit sein, wenn sie sich nicht an einem Frauenzimmer 
befänden." 

(Diese Sätze sind aus den 1681 geschriebenen Memoiren 
[Beifsteinsche Übersetzung] die Christine in einer langen 
Einleitung Gott widmet! Wir erinnern uns hierbei, daß 
etwa 90 Jahre später J. J. Rousseau in der Vorrede 
seiner Confessions die Absicht aussprach, mit diesem 
Werk in der Hand vor Gott zu treten.) 

Es schien mir erläßlich, über das Thema von Chris- 
tines Sexualität die nach vertrauenswürdigem Urteil zum 
größten Teil im Hofklatsch wurzelnden Memoiren des 
Chanut heranzuziehen. Ich zitiere im folgenden Emil 
Daniels größeren Essai über Christine, (Preuß. Jahr- 
bücher 1899) den er gelegentlich des Erscheinens von 
„Christine de Sufede et le cardinal Azzolino. Lettres 
in£dites (1666 — 1668). Avec une introduction et des notes 
par le baron de Bildt, ministre de Sufede et Norvfege & 
Rome, Paris 1899 veröffentlichte. 1 ) 

Daniels sagt: 

„Bildt erinnert an einer Stelle seines Werkes an 
die eigentümlichen Umstände, welche die Geburt der 
Königin begleiteten, und meint, sie sei zwar kein andro- 

*) In einem seiner Einleitungskapitei (Christine et ramour) 
fühlt Herr v. Büdt eine große Zahl von Christines „Liebhabern" an, 
eine bisexnelle Beanlagang sieht er hier nicht in Betriebt. 



— 185 — 



gynisches Geschöpf gewesen, wohl aber für die sexuellen 
Funktionen sohlecht gebaut oder mindestens wenig dazu 
geneigt 

Möglicherweise habe sie bereits in ihren schönsten 
Jahren das Gefühl einer geheimen physischen Inferiorität, 
einer sexuellen Schwäche gehabt. In diesem Sinn ver- 
weist auch Bildt alle Geschichten, welche damals am 
Mälarsee und sonstwo in Europa über den angeblich 
sittenlosen Lebenswandel der jungen Fürstin umherge- 
tragen wurden, in das Reich der Fabel und des Hof- 
klatsches. 

In einem großen Teil beruhen diese unsauberen 
Histörchen, die natürlich auch bei der Nachwelt vielen 
Glauben gefunden haben, auf den sogenannten Memoiren 
Chanuts, des französischen Gesandten in Schweden. 

Das genannte Buch ersohien nach dem Tode Chanuts, 
aber noch bei Lebzeiten Christines, die darüber an den 
gelehrten Freigeist Bourdelot (der ihre Sprüche sammelte) 
schrieb: „mioh verleumden, heißt die Sonne angreifen." 

Daniels sagt weiter, nachdem er Christines Erziehung 
schilderte: 

„Es ist klar, daß dieses absolute Ineinandergreifen 
von Natur und Erziehung ein Mannweib hervorbringen 
mußte, ein Frauenzimmer bildete sich mit starker und 
männlicher Stimme" (durch Erziehung?!) „und unzarten 
Manieren. Die Histörchenerzähler am schwedischen Hofe 
raunten sich sogar geheimnisvoll zu, daß bei Christine 
Androgynie vorläge. Jedoch, Christine war wirklich ein 
Weib. Die Berichte des Arztes, welcher sie auf ihrer 
Heise von 1666 — 68 begleitete, Berichte, welche uns in 
regelmäßigen Zwischenräumen über die Bedingungen des 
physischen Lebens der Königin informieren, lassen in 
dieser Hinsicht keinen Zweifel übrig." 

Als an derselben Stelle Christines Verhältnis zu 
Azzolini erörtert wird, schreibt Daniels: 



— 186 — 



,Es läßt sich in diesem Zusammenhange die Auf- 
werfung der Frage nicht umgehen, ob die Freundschaft 
zwischen der Königin und dem Kirchenfürsten einen 
erlaubten oder einen unerlaubten Charakter getragen hat. 
Christine selber sagt in ihrer Lebensbeschreibung: »Ich 
würde mich sicher verheiratet haben, wenn ich in mir 
selber die Kraft vermißt hätte, die Freuden der Liebe 
zu entbehren 41 und Bänke meint, man dürfe dem an- 
geführten Selbstbekenntnis um so unbedenklicher glauben, 
als die Memoiren zugleich eine Art Beichte seien.* (Wir 
erinnern uns der Widmung an Gott.) „Bildt urteilt über 
den angedeuteten heiklen Punkt skeptischer als Bänke 
und will in bezug darauf uns ein non liquet gelten lassen. 
Man muß jedoch sagen, daß die einzige Beweisstelle, auf 
welche Bildt seinen Verdacht begründet, ein Argument 
von nur sehr geringem Gewicht bildet. Bildt hat nämlich 
unter den Papieren des Nuntius Marescotti eine chiffrierte 
Depesche Azzolinos gefunden, welche dem Einwände 
entgegentritt, daß Christine sich deshalb nicht zur Königin 
von Polen eigne, weil sie bei ihren 42 Jahren die Dynastie 
nicht mehr fortzupflanzen vermöchte. Der Kardinal be- 
merkt dawider: ihre Leibesbeschaffenheit ist noch so 
kräftig, daß man jetzt sicher auf eine noch zehn Jahre 
anhaltende Fruchtbarkeit hoffen kann; früher allerdings 
dürfte ihr übermäßiges , Calore* sie wohl untüchtig ge- 
macht haben/ 

Calore, von Bildt mit ardeur, Feuer übersetzt, läßt 
noch weitere Begriffe zu. 

Daniels fährt fort: 

„Ich glaube, daß „calore" statt im psyohologisch- 
sexuellen im pathologisch-gynäkologischen Sinn ausgelegt 
werden muß — mit anderen Worten, daß Azzolino sagen 
will, das aufgeregte, zerrüttete Nervensystem der Königin, 
ihr krankhaft erhitztes (calore!) Temperament habe sie 



— 187 — 



in ihren jüngeren Jahren zur Mutterschaft ungeeignet 
gemacht" 

Ich füge noch folgendes an, was mir in diese Er- 
örterungen zu gehören scheint Als sich Christine über 
die Motive ihres Abfalls von der evangelischen Kirche 
aussprach, da nannte sie als Hauptgrund, wenn man 
katholisch wäre, genieße man den Trost, einer Kirche anzu- 
gehören, „die so viele wunderbare Jungfrauen hervor- 
gebracht hat, welche die Schwachheiten ihres Geschlechtes 
überwunden und sich Gott geopfert haben." (Daniels.) 

Wir kommen nun zu der Beziehung der Königin zu 
ihrem Hoffräulein, der Gräfin Ebba Sparre. Arkenholz 
spricht von Ebba Sparre nur sehr kurz, in einer die 
Königin t als sehr derb von Sitten charakterisierenden 
Anekdote, und in einer belanglosen Briefnote. Er nennt 
Ebba Sparre einmal Christines „Liebling", ein andermal 
Christines ^Favoritin". 

Als Berichterstatter über Christines Beziehung zu 
Ebba Sparre zitiert Grauert Chanut, Menegiane, Lund- 
blad und faßt das dort Gegebene in dem Satz zusammen: 

„Die einzige ihres Geschlechtes, womit sie näheren 
Umgang pflog, war ihr Hoffräulein Ebba Sparre, durch 
bewunderungswürdige Schönheit und durch Verstand 
ausgezeichnet: mit dieser stand sie in vertrauter und 
inniger Freundschaft." 

Lassen wir auch hier Christine selbst sprechen, in den 
drei durch Arkenholtz zugänglichen Briefen an Ebba Sparre. 

Sie sind nach dem Abschied von Schweden ger- 
schrieben und werfen ein rückfallendes Licht auf jene 
Jugendbeziehung. 

Brüxelles, 1655. 
Que mon bonheur seroit sans second, s , il m'£toit 
permis de la partager avec vous, et si vous Itiez temoin 
de ma f£licit& (Anmerkung: im Schoß der katholischen 
Kirche fand Christine das erwähnte Glück.) 



— 188 — 



Je vous jure que serois digne de Penvie des Dieux, 
si je pouvois jouir du bien de vous voir; mais puisque 
je d'&espfere si justement ce bonheur, il faut que vous 
me donniez au moins cette satisfaction, de croire qu'en 
quelque endroit du monde que je me trouve, je conserv- 
erai Iternellement le souvenir de votre mlrite, et que 
j'emporterai au de-lä des monts, la passion et la tendresse 
que je vous ai toujours portäe. 

Conservez-moi du moins votre eher souvenir, et ne 
troublez pas la douceur de la f&icitl, dont je souis, par 
un inju8te oubli de la personne du monde qui vous 
honnore le plus. 

Adieu, Belle, souvenez-vous de votre 

Christine. 

Que je serois heureuse s'il m'ltoit permis de vous 
voir, Belle, mais je suis condamn£e du sort & vous aimer 
et vous estimer toujours sans vous voir jamais; et cette 
envie que les astres portent aux f£licit£s humaines, 
empgchg que je ne sois enti&ement heureuse, puisque je 
ne la puis £tre, £tant £loign£e de vous. 

Ne doutez pas de cette v£rit£, et croiez qu'en quelque 
lieu du monde que je me trouve, vous y avez une per- 
sonne qui vous est entilrement acquise, comme je Tai 
toujours 6t6. 

Mais est-il possible, Belle, que vous vous souveniez 
encore de moi? Vous suis-je encore aussi chfere que 
vous Petois autrefois? Ne me suis-je pas tromple, lorsque 
je me suis persuadle que j'£tois la personne du monde 
que vous aimiez le plus? Ha, si cela est, ne me 
d'&rompez pas: laissez-moi plutöt mon erreur, et ne 
m'enviez point la f elicitä imaginaire que me donne Popinion 
d'ätre ch£rie de la plus airaable personne du monde. 
Conservez-moi, s'il se peut, ce bien, et ne souffrez pas 
que le tems (temps) ni Pabsence me privent de la satis- 



— 189 — 



faction d'&re aime£ de vous, et croiez que quoiqu'il 
puisse arriver, je ne cesserai d'6tre & vous. 

Adieu, Belle, adieu. Je vous embrasse un million 
de fois. 

de Rome, le 6. Janvier 1656. 

Christine Alexandre. 

Vous avez trop de connoissance de Vous-mGme, pour 
n'Gtre pas persuad^e, qu'en quelque endroit du monde 
que je sois, vous y faites toujours une partie de mon 
Souvenir, et que le tems n'a pas de pouvoir sur l'amitiä 
que je vous ai jur£e. 

Celui qui vous rendra ce billet, me sera t&noin 
auprfes de Vous, que je fais toujours justice ä votre 
m&ite et ä votre beaut& 

Aprfes avoir vu dans le plus beau et le plus joli 
pais du monde, tout ce qu'il y a de charmant et de 
beau en notre sexe, je soutiens avec plus de hardiesse, 
qu'il n'y a personne, qui os&t vous disputer l'avantage 
que vous emportez surtout ce, qu'il y a de plus aimable 
au monde. 

Dites-nous aprfes cela, si l'on se peut consoler, quand 
on est condamnl ä une absence eternelle. Mais si je suis 
assuräe de ne vous voir jamais, je suis assur£e de vous 
aimer toujours, et vous 6tes orueUe si vous en doutez. 

Une amitiä qui est £prouv£e par trois ans d'absenoe, 
ne vous doit pas 6tre suspecte, et si vous n'avez oubli£ 
le droit que vous avez sur moi, il vous souviendra qu'il 
y a deja douze ans que je suis en possession d'Gtre 
aimäe de vous. Enfin que je suis a vous d'une manifere 
qu'il est impossible que vous puissez me perdre, et ce 
ne sera jamais qu'avec la vie, que je ceseerai de vous 
aimer. Le Sieur Baladier vous portera de mes nouvelles, 
et pour moi, je vous dis ceci de plus particulier, que je 



— 190 — 



serois aujourd'hui la plus heureuse Princesse du monde, 
s^il m'ltoit permis de vous avoir pour t&noin de mes 
f£licit£s, et si je pouvois esp&er un jour la satisfaction 
de vous Ätre utile. 

Si cette oocasion se präsente, faites ätat du pouvoir 
que vous avez sur moi, et soiez assuräe, qu'il n'y aura 
que l'impossible, que me dispensera de vous servir. 

Adieu, vivez heureuse et souvenez-vous de moi. Je 
vous embrasse ud million de fois et vous prie, d'gtre 
assuräe, que je vous aime de tout mon coeur. 

de Pesaro, le 27. Mars 1657. 

Christine Alexandra. 

Mes compliments & tous mes amis et amies. Assurez- 
les de ma pari, que si je n'ai pour tous la mSme tendresse, 
qu' j'ai pour vous, je ne laisserai pas d'avoir pour eux 
la mSme constance.* 

„Ich weiß, daß ich Sie unaufhörlich lieben werde. 
Die Zeit hat nicht die geringste Macht über die Freund- 
schaft, die ich ihnen zugeschworen. Gedenken Sie noch 
des Rechtes, das Sie über mich haben — bedienen Sie 
sich des Rechtes. Gedenken Sie noch an ihr Recht über 
mich — daß ich schon seit zwölf Jahren im Besitz ihrer 
Liebe bin, und Ihnen so eigentümlich zugehöre, daß Sie 
meiner unmöglich verlustig werden können, und ich auch 
nicht eher aufhören kann, Sie zu lieben, als ich aufhören 
werde zu sein." 

Wir haben wohl nicht Grund zu denken, daß dies 
der Normalstil jener Zeit von einer Königin an ihr Hof- 
fräulein war. 

Wir wollen an diese Beziehung nicht mit Neugier 
tasten. Die Briefe klingen an Erinnerungen — an zwölf 
Jahre der Freundschaft. 

Welche Ausprägung sie hatte, ist nicht der Gegen- 
stand unserer Erörterungen. 



— 191 — 



Aber sicherlich hat die jünglinghafte Königin die 
schöne Gräfin auf eine schöne Weise geliebt Sie weiß 
nur ein Liebeswort für Ebba Sparre: „Belle". 

Und mich dünkt, dieses Wort ist ein Charakteristi- 
kum der virilen Art: 

Jede virile Frau liebt in ihrer Freundin die schöne 
Frau. Wir werden nie finden, daß im befreundeten Ver- 
kehr zwischen normalen Frauen je eine die andere 
.Belle" nennt 

Wir erinnern uns hier an Otto Weiningers glänzende 
Definition: es müßte uns eine Scham sein, etwas schön 
zu nennen, denn wir finden nur das schön, was wir lieben. 
Weininger hat, und mit allem Recht, die Passion, die 

persönlichste Sehnsucht in das Wort gelegt. 

* * 
* 

Ich habe mit dem Vorstehenden versucht, dem Leser 
durch Urteile von Christines Geschichteschreibern und 
Zeitgenossen, durch Proben ihrer Briefe und Aphorismen 
einen selbständigen Eindruck zu vermitteln. 

Die nachfolgende eigene Zusammenfassung bean- 
sprucht nicht mehr, als die aus dem Gegebenen er- 
wachsene Impression eines Einzelnen zu sein. 

Dem, der auch nur einige Erfahrung auf dem Gebiet 
der Zwischenstufenersoheinungen hat, wird sich Christine 
als Bisexuelle eingliedern Formel M -j- W etwa, mit 
hervorwiegend homosexueller Neigung. Und zwar ist 
sie ein ausgeprägter Typ des geistig Virilen. 

Ihre Geschlechtsfunktionen sind weiblich, aber selbst 
ihr Körper bevorzugt männliche Übungen, Gewohnheiten, 
Tracht. Ihr Verstand, Charakter, ihre Seele tragen alle 
Züge des Jünglings. 

Es werden Christine Liebschaften unschöner Art 
mit Männern nachgeredet Ohne allen Zweifel hat 
Christine versucht, dem zu folgen, was sie doch für ihre 
Natur hielt 



— 192 — 



Wir können durchaus nicht erwarten, daß die Bisexuelle 
sich von vornherein klar war über ihre stärkere Neigung. 
Auch ist ihr das Geschlechtsleben sekundär — sie ist 
ein vorwiegend auf das Spirituelle gestellter Typ. 

Als ein männlicher Geist, ein Charakter, der jeder 
sinnlichen Maßlosigkeit geradezu feindselig gegenüberstand, 
(sie bekundet in den Memoiren einen oft betonten Ab- 
scheu vor dem Trunk, vor der geschlechtlichen Aus- 
schweifung), hatte sie in den Jahren ihres Elans die sexuelle 
Note überhaupt nur gemäßigt Sie mag sich in der Be- 
ziehung zu Ebba Sparre in irgend einer Form ausgelebt 
haben. 

Beinahe konnte es auch scheinen, daß ihr Verhält- 
nis zu Azzolini, dem hochgebildeten Kardinal, sich wiederum 
in diesen Bahnen bewegte — doch das wäre ein Thema 
für sich. Wenigstens aber scheint sioher, daß Christine 
in den beiden belangvollen Neigungen ihres Lebens 
Platonikerin war, Platonikerin im alten Sinn des Wortes: 
der Freundschaft und der Liebe für eine Person fähig. 

Einer ihrer Aphorismen: „ce n'est pas la de'votion, 
mais la vanite* des hommes, qui declare la guerre au corps* 
beweist wohl, daß sie sich ihres Körpers bewußt war, 
daß sie sinnlichen Feinheiten nichtferne stand. Dennoch, 
das Sinnliche scheint ihr, ohne die Vergeistigung einer 
Miterschütterung der Psyche, immer etwas Untergeordnetes 
gewesen zu sein. Das braucht nicht zu widerlegen, daß 
man ihr vielleicht wirklich sexuelle Exzesse noch würde 
nachweisen können. 

„Mein Vater liebte die Frauen zu viel,* sagte sie 
einmal. Einige atavistische Noten würden ihr Gesamt- 
bild nioht wesentlich ändern. 

Aber was an ihr persönlich und eigengeschaffen war, 
nahm den stärksten Aufstrom auf geistigem Gebiet 

Aus ihren Schriften, aus den Schilderungen ihrer Zeit- 
genossen und Geschichtsschreiber ersteht uns ihr Bild: 



— 193 — 



Sie ist die Tochter des großen Gustav, trägt sein 
kühnes Profil, seine Germanenhaare, seinen Mut und 
das Verführerische seines wohlgebildeten und kühnen 
Wesens. 

Wir sehen sie ausgestattet mit ungewöhnlichem 
Intellekt* den sie kultiviert, wie kaum je eine andere 
königliche Frau es tat. 

Sie unterdrückt in ihrer Natur, was sie ihrer für un- 
wert hält Sie steht ein wenig auf der Vulkanerde des 
Genialischen. 

Sie ist von persönlichem Stolz erfüllt, von heftigen 
Affekten durchpulst. 

All ihre Affekte aber sind der Aufstrom edler oder 
doch großliniger Gefühle: Mut, „ Freundschaft, Ehrgeiz, 
Ungestüm in Haß und Neigung, Verschwendung für 
Andere, Pietät, größtes geistiges und charakterliches 
Wollen. Die Freundschaft ist ihr eine Lebenssache. Sie 
überlegt einmal, ob man einen Freund dann täuschen 
dürfe, wenn es zu seinem Wohle eine Notwendigkeit wäre. 
Und sie findet das eine höchst schwierige, kaum be- 
friedigend zu lösende Angelegenheit* eine Frage „von 
zärtlicher Beschaffenheit*. Sie hat für eine schöne und 
kluge Frau Zärtlichkeit und Freundschaft. Sie nennt 
sie „Belle* und allen Geschichtsschreibern Christines wird 
aus dem persönlichen Liebeswort die Gräfin Ebba Sparre 
zur Aphrodite. 

Auch diese Freundschaft paßt sich dem Typ ein: 
ein stark intellektueller, vorwiegend männlicher Charakter, 
dem in den Jahren der Jugend eine schöne Herzensflamme 
aufglüht, dem die anderen Naturäußerungen seiner Doppel- 
geschlechtlichkeit nur dritten oder vierten Banges und 
der Bekämpfung notwendig erscheinen. Das Denken und 
Wollen Christines hat in den Jahren ihrer Jugend die 
Distinktion eines edlen Geistes und die Vornehmheit der 
Kompromißunfähigkeit. 

Jahrbuch XI. 13 



— 194 — 



Auch aus ihren späten Tagen ragen noch Zeugen 
dieser vornehmen Oesinnung: sie war fanatische Katho- 
likin geworden — und sie formulierte einst, als sie auf 
einen neuen Thron hoffte, ein Manifest, das in außer- 
ordentlicher Parität der Juden gedachte. Uns, die wir 
heute aus unserer eigenen arischen Basse wüste Anti- 
semiten entstehen sehen, berührt das ganz wunderlich. 

Wenn Arkenholtz am Schlüsse seiner Charakteristik 
sagt: ,in Betrachtung der erhabenen Eigenschaften, durch 
welche Christine sich zu ihrem größten Buhm von andern 
unterschied, werden auch die Feinde des Namens 
Christine nicht in Abrede stellen können, daß ganze 
Jahrhunderte dazu gehören, um in ihrem Geschlechte 
noch eine Person hervorzubringen, die ihr gleich- 
komme,* so werden wir das nicht so sehr für Über- 
treibung halten. 

Vielleicht wird man sagen, ich hätte ihre Lichtseiten 
zu sehr betont Es konnte hier nicht alles von ihr erzählt 
werden — aber die Beschäftigung mit ihrem Leben, mit 
ihrer Jugend war eine schöne Aufgabe — und über den 
Dingen ihrer Jugend liegt der verführerische Beiz des 
Kühnen und des Heldenhaften. Und die Jugend eines 
Menschen ist sein Entscheidendes — nicht immer für ihn 
selbst, wenn ihr keine Beife in Sohönheit folgt, wohl aber 
für unsere Zuneigung. 

Wie sollen wir uns auf einem solchen Jugendunterbau 
ihr späteres Leben erklären? Die Frage drängt 
sich noch auf. 

Es ist wohl zunächst, ihr Körper versagte. Sie hat 
bis zu ihrer Thronentsagung, bis zu ihrem 28. Lebensjahr 
gearbeitet wie kaum eine andere Frau. Nun will die 
Physis nicht mehr Stand halten. 

So sehen wir diese Gestalt, die etwas Edeljüngling- 
haftes hatte, zuletzt untergehen in Überspannung aller 
Kräfte und dem folglichen Versagen und Zerrüttetsein. 



— 195 — 



Was diesen männlichen, selbständigen Geist, diese 
ungestüme Natur endlieh vermochte, dem mutigen Glauben 
ihres Hauses zu entsagen und dafür mit erschreckendem 
Fanatismus dem (damals noch ketzerverbrennenden) 
Katholizismus zu leben, scheint eher auf dem Gebiet 
partieller Psychose als Psychologie zu liegen: Die 
Wasas waren religiös überlastet (Gustav Adolf, 
Gustav III., Oberst Gustavson). Dem großen Gustav gab 
sich als Gegengewicht ein glänzender Wirklichkeitssinn, 
reale Klugheits-Politik. 

Christine, die Erbin der religiös-mystischen Wasanote, 
bekam von der Natur kein Gegengewicht, sondern nur 
noch Verwandtes und neu Belastendes: ein ungestümes 
Temperament der heftigsten Affekte. 

Macht, Glanz, Kunst, erhöhte Lebensform im päpst- 
lichen Rom, die schwüle Inbrunst eines das Sexuelle 
(im Mariendienst) sehr berührenden Kults, das waren wohl 
die Lockmittel für Christine. 

Das sexuelle Moment des Mariendienstes scheint mir 
in diesem Fall von besonderem Belang. Bewußt war 
diese Unterströmung der mystisch veranlagten, mehr 
homo- als bisexuellen Natur selbstredend nicht. 

Bewußt war das Angedeutete Christine keineswegs. 
Sie wollte „die Schwachheiten ihres Geschlechts tiber- 
winden, als Zugehörige der Kirche, die so viele reine 
Jungfrauen hervorgebracht hat* 

Wir haben in Christine von Schweden die 
größte fürstliche Frau aus dem Zwischenstufen- 
gescblecht zu sehen — ja nicht nur dies, Christine 
gehört unter allen virilen oder bisexuellen Frauen zu den 
Bedeutendsten. 

Mit der Krone Schwedens hat Christine Alexandra 
ihre Jugend, ja man möchte fast sagen, auch ihre Würde 
aufgegeben. 

13* 



— 196 — 



Drei Briefe an Ebba Sparre, die Freundin schönerer 
Tage kommen noch in der nächsten Zeit aus dem frei- 
willigen ExiL 

Und dann geht eine einst stolze und elanvolle Seele 
in ein Land und in Erlebnisse, wohin ihr' nicht mehr 
unsere Sympathie folgt, sondern nur noch ein intellektuelles 
Verstehen ihres sich dem Unglück und dem Untergang 
zuneigenden Schicksals. 



Sokrates und die Homosexualität 

Studie 
von 

Dr. 0. Kiefer-Stuttgart 



\\/enn H. Gomperz in seinem geistvollen Werke über 
* „die Lebensauffassung der Griechischen Philosophen" 
(Verlag von Eug. Diederichs) anläßlich seiner Unter- 
suchungen über den Kern der Persönlichkeit des Sokrates 
zu dem Schluß kommt: „Die Persönlichkeit des Sokrates 
ist ihrem innersten Wesen nach charakterisiert durch 
eine nahezu vollkommene innere Freiheit, die sich 
uns in erster Linie durch absolute Sachlichheit offenbart", 
so hätte er, ohne sich etwas zu vergeben, ganz gut auch 
des großen Weisen Stellung zur Frage der Homosexualität 
berühren können, ja er hätte dies tun müssen, wenn er 
nicht einen ganz wesentlichen Zug im Bilde der Persön- 
lichkeit des Sokrates einfach ignorieren wollte! Leider 
hat er diesen Zug völlig ignoriert und bat sich damit 
allerdings nur seinen unzähligen Vorgängern angereiht; 
denn kein einziger von all denen, die Sokrates als „Revo- 
lutionär*, als „Aristokrat*, als „ Sozialreformer als 
„Ethiker*, als „Prediger 41 , als „Mann der Wissenschaft*, 
als „Mystiker", als „Dogmatiker* oder als „Skeptiker* 
hinstellten (Gomperz, Seite 58), hat es gewagt, die Frage 
genauer zu behandeln: war Sokrates homosexuell, oder 
was war er sonst? Vorliegende Arbeit ist daher wie die 
desselben Verfassers über Piaton (Jahrbuch Band VII) 
ein erstmaliger Versuch, der ganz auf dem Studium der 
Quellen selbst und ihrer Zusammenstellung bei Meier 
(Artikel über „Päderastie* in der „Allgemeinen Encyklo- 
pädie der Wissenschaften und Künste*) beruht. Zunächst 
ein Wort über den Wert dieser Quellen. Die Wissen- 



— 200 — 



schaft bat dargetan, daß weder die Schriften Piatons 
noch die Xenophons als historisch im strengen Sinne für 
das Leben und vor allem die „Lehre* des Sokrates gelten 
können, von den Spätem ganz abgesehen, die meist nur 
auf Piaton und Xenophon fußen. Aber gerade für unsere 
Frage kommt es ja auf die „Lehre* des Sokrates gar 
nicht an, sondern vor allem auf die Persönlichkeit. Daß 
wir aber von dieser sowohl bei Piaton als auch bei 
Xenophon ein lebendiges Bild besitzen, hat erst Gomperz 
wieder in seinem oben erwähnten Werke gut ausgeführt. 
Für unsere Frage sind die Quellen umso zuverlässiger 
und glaubhafter, als sie gerade in all den Zügen, die uns 
hier interessieren, durchaus übereinstimmen! Versuchen 
wir es also, diese Züge uns zu vergegenwärtigen. 

Ob Sokrates bereits in seiner Jugend homosexuelle 
Züge aufwies, darüber haben uns Piaton und Xenophon 
nichts berichtet Dagegen ist bei Diogenes LaSrtius (um 
240 n. Chr.) eine wenn auch nicht ohne weiteres ab ge- 
schichtlich feststehende Nachricht erhalten, wonach Sokrates 
in seiner Jugend der Liebling (,,to Tiatdixd") seines 
Lehrers Archelaos gewesen sei, und Porphyrios bestätigt 
diese Nachricht mit den Worten, Sokrates sei als 
17 jähriger Jüngling der Liebesverbindung mit Archelaos 
nicht abgeneigt gewesen, er habe als Jüngling der Zügel- 
losigkeit (axoXaaia) zugeneigt, diese Züge aber später 
durch eifriges Studium verwischt. Mag es sich damit 
verhalten, wie es will, (unmöglich ist es nicht und würde 
den großen Weisen weder in den Augen seiner Zeit- 
genossen, noch in denen freidenkender, moderner Menschen 
herabsetzen) — jedenfalls zeigt uns sein späteres Leben 
eine andere Stellungnahme gegenüber der damaligen all- 
gemeinen Volkssitte in Athen: um es gleich voraus- 
zuschicken, Sokrates lehnte als Mann die physische Liebe 
zum gleichen Geschlecht schlechthin ab; wir werden die 
Beweisstellen später im einzelnen bringen. Zunächst fragt 



— 201 — 



es sich: war Sokrates überhaupt homosexuell? die Anek- 
doten über seine Jugend würden ja, auch wenn sie un- 
bedingt wahr wären, in dieser Hinsicht nichts beweisen, 
denn wir wissen heute, daß es genug junge Leute gegeben 
hat und gibt, die in ihrer Jugend gleichgeschlechtlichem 
Verkehr huldigten, ohne sich später als wirklich homo- 
sexuell zu erweisen. So ähnlich könnte es bei Sokrates 
gewesen sein, zumal er doch auch verheiratet war und 
drei Knaben gezeugt hat! Dann mußte er ja schon infolge 
seiner ganzen Triebrichtung die athenische Volkssitte 
verdammen, und alle seine „Verhältnisse* zu jungen, 
schönen Schülern wären rein freundschaftlicher Natur 
gewesen. Das ist auch die gewöhnliche Ansicht unserer 
Forscher, und man kann sie weit und breit in den Gym- 
nasien und Hörsälen vernehmen. 

Wir behaupten: diese Ansicht ist falsch, widerspricht 
den Quellen und ist nur der Ängstlichkeit zu verdanken, 
mit der man seit Jahrhunderten allem aus dem Wege 
geht, was auch nur entfernt mit dem „griechischen 
Laster" zusammenhängt. Wir behaupten: Sokrates war, 
wenn nicht direkt homosexuell, zum mindesten (wie so 
viele seiner Zeit) „bisexuell", er hatte ein Auge für die 
körperliche Schönheit des Jünglings, diese Schönheit löste 
in ihm ein Entzücken aus, wie nie in einem „Normalen*. 
An Beweisen hierfür ist kein Mangel. Wären dieselben 
nur aus Piatons Schriften zu holen, so bliebe immerhin noch 
der Einwand, daß sie eben »platonisch*,. nicht „sokratisch* 
seien. Aber auch der nüchterne alte Kriegsmann Xenophon 
berichtet genau dasselbe. In seinen „Memorabilien* 
(Buch H, Kap. 6, 28) heißt es: „Bei dieser Jagd kann 
ioh dir vielleicht etwas behilflich sein, denn ich ver- 
steh^ mich auf die Liebe. Mit unwiderstehlichem 
Drange bin ich darauf aus, von Menschen, auf die ich 
ein Auge geworfen habe, liebend wiedergeliebt, sehnend 
wiederersehnt, verlangend wiederverlangt zu werden.* 



— 202 — 



Damit sind die fast wörtlich gleichlautenden Stellen aus 
Piatons Gastmahl zu vergleichen: „der ich zugebe, 
mich auf nichts anderes als auf die Liebesangelegenheiten 
zu verstehen * (p. 177 d), „ich behauptete in Sachen der 
Liebe tüchtig zu sein* (p. 198 d), womit wieder eine Stelle 
aus Xenophons Gastmahl gut übereinstimmt: „Ich 
kann keine Zeit angeben, in der ich nicht zu irgend 
jemanden von Liebe entbrannt bin.* (VII, 2.) Immerhin 
könnte man diesen direkten Selbstbekenntnissen eine 
bedeutsame Stelle aus Piatons Gastmahl entgegen- 
halten, nämlich das Wort des Alkibiades über Sokrates: 
„Diesen allen hat er vorzuspiegeln gewußt, daß er ihr 
Liebhaber wäre, während er sich vielmehr selbst immer 
aus dem Liebhaber zum Geliebten zu machen weiß*, 
(p. 222 b.) Aber wir haben noch beweiskräftigere Stellen, 
die jeden Einwand ausschließen. Zunächst aus Xenophons 
Ga st mahl; Sokrates schildert den Eindruck, den der 
junge Autolykos bei seinem Eintreten machte mit den 
Worten: „Denn wie ein in der Nacht aufflammender 
Feuerschein aller Augen auf sich lenkt, so fesselte die 
Schönheit des Autolykos zunächst aller Blicke; dann aber 
blieb keiner, der ihn anschaute, unbewegt im Herzen.* (La.) 
Und die Wirkung, welche der neben ihm sitzende Kri- 
tobulos auf ihn gemacht habe, schildert er so: „das war 
eine schlimme Sache. Fünf Tage lang habe ich mir die 
Schulter reiben müssen, als hätte mich ein Tier gestochen, 
und bis ins Mark hinein vermeinte ich den Schmerz wie 
von einem Biß zu spüren.* (III 27.) Wiederum finden 
sich die entsprechenden Stellen bei Piaton: im „Charmi- 
des* sagt er, „wenn ich sagen sollte, wer schön sei, so 
möchte das soviel bedeuten, wie wenn einer mit der 
Kreide auf einer weißen Wand schreiben wollte. Das 
heißt: mir kommen nämlich alle Jünglinge in einem ge- 
wissen Alter gleich schön vor.* Im selben Dialog schildert 
Sokrates den Eindruck, den er von Charmides erhalten 



— 203 — 



hat: t da warf ich einen Blick unter sein Kleid und fing 
Feuer. Ich war nicht mehr Herr meiner selbst und 
dachte nur: Kydias, niemand ist in der Liebe erfahrener 
gewesen als du, denn du hast über einen schönen Jüngling 
die wahren Worte niedergeschrieben und uns damit 
gewarnt: Das Reh mag sich hüten, vor den Löwen zu 
treten, es wird sonst seine Beute. Jetzt war es mir 
selbst, als läge ich einem solchen Tiere im Rachen/ 
(Charmides p. 155 d.) Zweifellos historisch ist ferner die 
Tatsache, daß Alkibiades einen gewaltigen Eindruck auf 
Sokrates gemacht hat und zwar nicht nur wegen seiner 
„schönen Seele*! (Vgl. u. a. Piatons Alkibiades I, 
Gastmahl, Nepos' Alkibiades, Plutarchs Alkibiades c. 4.) 
Und was soll der Ausdruck „Diener und Festgenossen 
des Eros*, mit dem sich Sokrates in Xenophons Gast- 
mahl (VIT, 1) bezeichnet, sowie der Satz in Piatons 
Lysis (p. 204), Sokrates besitze die Gabe, Liebende und 
Verliebte auf den ersten Blick voneinander zu unter- 
scheiden, anderes bedeuten, als daß Sokrates Kenner 
dieser Art Liebe war? Ein starker Beweis seiner Ver- 
anlagung ist endlich die grundverschiedene Art, wie er 
im Gefängnis am letzten Tage seines Lebens die Gattin 
mit dem Knäblein kurz abweist, dagegen mit den Freunden 
bis zum letzten Augenblick zusammenbleibt und dem 
jungen Phaidon wehmütig die Locken streichelt! (Phaidon 
gegen Ende.) Nein, das steht unwiderleglich fest: So- 
krates kannte die Jünglingsliebe aus eigener Erfahrung, 
er war so veranlagt, daß schöne Jünglinge ihn zu be- 
geistern vermochten, deutlicher gesagt, daß sie auf seine 
Sinne wirkten! Dieser Tatsache steht die andere ebenso 
unwiderleglich gegenüber. Sokrates huldigte als Mann 
niemals der sinnlichen Jünglingsliebe und suchte auch 
seine Freunde davon abzubringen. Auch dafür sind die 
Beweise zahlreich und stehen über allem Zweifel. Wenn 
wir von der Erzählung in Piatons Gastmahl (p. 217 b), 



— 204 — 



welche wohl allgemein bekannt ist, absehen, so liefert 
auch Xenopbon Beweise genug, deckt sich also auch 
darin völlig mit Piaton. Die wichtigsten Stellen sind 
folgende: „er, der auch in den Genüssen der Liebe mehr 
Selbstbeherrschung besaß, als irgend ein anderer." (Memo- 
rabilien I, 2.) „Er selbst war gegen dergleichen An- 
fechtungen bekanntlich so gewappnet, daß er leichter die 
Schönsten und Blühendsten in Ruhe Heß, als andere die 
Häßlichsten und Verwelktesten." (Memorabilien I, 3). 
„Ich fröhne nicht dem Bauch, der Faulheit und der 
Wollust; meinst du aber, daran sei etwas anderes schuld, 
als daß mir schönere Freuden zu Gebote stehen, die nicht 
nur einen Augenblick ergötzen, sondern mir Aussicht auf 
bleibende Güter gewähren!" (ebenda I, 6.) Dieselbe Auf- 
fassung zeigt auch noch Maximus Tyrius (z. Zt des 
Commodus), der u. a. zwei unbedeutende Abhandlungen 
über Sokrates geschrieben hat Sokrates suchte aber, 
wie gesagt» auch seine Freunde von der sinnlichen Liebe 
zu Jünglingen abzubringen und sie für rein geistige 
Freundschaft zu gewinnen. Xenophons Schriften bringen 
in dieser Hinsicht viel Wertvolles. „Darum suchte er 
auch den Kritias, als er sah, wie dieser von Liebe zu 
Euthydemos entbrannt war und ihn für seine Sinnenlust 
benutzen wollte, nach Art derer, die nur körperliche 
Liebesgenüsse kennen, davon abzubringen, indem er ihm 
vorstellte, wie wenig es sich für einen freien, edeln und 
guten Mann zieme, den Geliebten, dem er doch besonders 
achtungswert erscheinen wollte, zu bitten wie ein Bettler, 
im Staube kriechend und um ein Almosen flehend, und 
dabei um was für eine Gabe!" (Memorabilien I, 2.) Als 
aber Kritias diese Ermahnung in den Wind schlägt, 
scheut sich Sokrates sogar nicht, ihn vor andern lächer- 
lich zu machen, indem er sagt: „Kritias hat, scheints, 
etwas von der Natur eines Schweines, denn er möchte 
sich gern an Euthydemos reiben, wie sich die Schweine an 



— 205 — 



den Steinen reiben.* (Ebenda.) Eine weitere Stelle lautet : 
«Hinsichtlich dfer Liebesfreuden warnte er seine Freunde 
dringend vor den Schönen: es sei zu schwer, im Verkehr 
mit ihnen nüchtern zu bleiben" (Memorabilien I, 3) daran 
knüpft Xenophon die Wiedergabe eines Gespräches, das 
er selbst mit Sokrates führte, und in welchem der Weise 
nicht einmal den Kuß eines schönen Jünglings gestatten 
will; er vergleicht ihn in seinen Wirkungen mit dem Biß 
der Giftspinne, er hält ihn für viel schlimmer als diesen: 
«Flößen denn die Schönen mit ihrem Kusse nicht auch 
etwas ein, wenn du es auch nicht sehen kannst! Weißt 
du denn nicht, daß jenes Tier, das da heißt „Schön" und 
„Blühend", noch viel furchtbarer ist, als die Giftspinne/ 
Sie kann nur durch ihre Berührung schaden, jenes Tier 
aber flößt ohne jede Berührung, wenn man es nur an- 
sieht, sogar aus weiter Entfernung, sein verrücktmachen- 
des Gift ein 1 Darum rat' ich dir, mein lieber Xenophon, 
wenn du einen Schönen siehst, mach dich eilends aus 
dem Staube." Im Anschluß daran findet sich das merk- 
würdige Wort: „So war auch seine (des Sokrates) An- 
sicht, Leute, die gegen die Liebe nicht gefeit seien, sollten 
sich zum Liebesgenuß nur solcher bedienen, die ihren 
Geist bei nicht vorhandenem körperlichem Bedürfnis nicht 
fesseln könnten, die aber bei sich einstellendem Bedürfnis 
weiter keine Schwierigkeiten machten." Der Zusammen- 
hang ergibt, daß es sich um Jünglings liebe bandelt. 
Sokrates ist also nach dieser Stelle doch nicht unbedingt 
Gegner jeder physischen Liebe? Wir wollen später 
hierauf zurückkommen und zunächst die weiteren Beweis- 
stellen bringen. Im 6. Kapitel, Buch I der Memorabilien 
heißt es: „Bei uns herrscht die Ansicht, von der Schön- 
heit wie von der Weisheit lasse sich ein ehrenwerter, 
aber auch ein schimpflicher Gebrauch machen: wer seine 
Schönheit dem ersten besten für Geld verkauft, heißt ein 
Hurenkerl; wer sich aber einem Mann, den er als guten 



— 206 — 



und edeln Liebhaber erkannt hat, zum Freunde macht» 
der gilt für ehrbar/ In der bekannten Fabel „Herakles 
am Scheideweg", welche Xenophon als von Prodikos 
stammend den Sokrates erzählen läßt, heißt es sogar vom 
Laster: ,du scheust vor keinem Mittel zurück und ver- 
kehrst sogar mit Männern, als ob es Frauen wären: da- 
zu nämlich erziehst du dir deine Freunde, die du des 
Nachts für deine Lust mißbrauchst, den besten Teil des 
Tages aber verschlafen läßt* In seiner Bede über die 
Kunst, Freunde zu bekommen (Memorabilien II, 6) be- 
tont Sokrates ausdrücklich: „Aber das will ich dir gleich 
sagen, davon ist in meiner Kunst nicht die Rede, einen 
schönen Menschen dahin zu bringen, daß er sich die 
Betastungen andrer ruhig gefallen läßt" Im Gastmahl 
Xenophons endlich verteidigt Sokrates in längeren 
Ausführungen (c. VII) die geistige Liebe gegenüber der 
sinnlichen und kommt zu folgenden Sätzen, (die hier im 
Auszug wiedergegeben werden nach Meier): Es gibt 
eine doppelte Liebe, die eine der himmlischen Aphrodite, 
welche auf die Seelen, die andere der gemeinen Venus, 
welche auf die Leiber gerichtet ist; von der ersten Art 
ist die Liebe des Kallias zu Autolykos, der darum zu 
seinen Zusammenkünften mit dem Jüngling den Vater 
desselben zuzieht; denn ein edler Liebhaber hat nichts 
vor dem Vater zu verbergen. Die seelische Liebe ist 
besser als die zum Leibe; denn 1. das Begehren des 
Leibes kann auch mit Haß und selbst mit Abscheu 
gegen den Geliebten und seine Sitten verbunden sein; 
2. die Blüte der Schönheit entflieht schnell und es folgen 
Übersättigung und Überdruß; 3. hier kann am wenigsten 
auf Gegenliebe gerechnet werden, weil a) der Geliebte 
weiß, daß der Liebende nur seinen Trieb stillt, ihm aber 
die Schande tiberläßt, b) ihn, für seine Zwecke, von 
Verwandten und Freunden fernhält, c) ihn geistig verdirbt; 
d) wegen des Geldes, das er ihm etwa gegeben, bat er 



— 207 — 



nicht mehr Ansprach auf Gegenliebe als der Käufer 
irgend einer Ware, e) da der Geliebte an dem Rausche 
des Liebenden keinen Anteil hat, tritt leicht Verachtung 
gegen den Liebenden beim Geliebten ein; die Seele da- 
gegen 1. nimmt an Blüte immer zu, wie sie an Vernunft 
wächst; 2. die Seelenliebe ist rein und frei von Über* 
Sättigung, 3. kann am leichtesten Gegenliebe wecken, denn 
der Geliebte kann nicht hassen, weil er wirkliche Wohl- 
taten bekommt und auch, wenn die äußere Schönheit 
verblüht, noch geliebt wird und an dem gegenseitig 
fördernden Verkehr Freude haben muß; 4. die geistige 
Liebe ftihrt nie, wie die sinnliche, zu Liebesbändeln u. dgL 
Unheil; 5. der geistig Liebende wird wie ein Lehrer ge- 
ehrt, der sinnlich Liebende wie ein Bettler behandelt, 
weil er immer etwas begehrt, „einen Kuß oder eine andere 
Anschmiegung"; 6. jener ist wie ein Grundeigentümer, 
der seinen Boden auf alle Weise verbessert, dieser wie 
ein Pächter, der ihn möglichst ausnützt; 7) bei jener Liebe 
muß der Liebling stets auf Tugend bedacht sein, wenn 
er seinen Liebhaber behalten will, bei dieser braucht er 
das nicht, da er nur durch seine Schönheit herrscht. 
Fast mit denselben Grundgedanken weist der platonische 
Sokrates in Piatons „Alkibiades I", „Lysis", „Gastmahl", 
„Phädros*, um nur die Hauptstellen zu nennen, die sinn- 
liche Liebe zugunsten der geistigen zurück. Alle die 
Stellen einzeln aufzuführen, können wir uns schon um 
deswillen ersparen, weil sie sich bereits in unserem Auf- 
satz über „Piatons Stellung zur Homosexualität" (Jahrbuch 
Bd. VII) finden, aber auch, da sie mehr Piatons Meinung 
enthalten, für uns nicht so beweiskräftig sind, wie die 
zitierten Sätze aus Xenophon. Endlich ist auch die Tat- 
sache von Wert, daß Aristophanes in seinen „Wolken" jede 
Andeutung einer sinnlichen Liebe des Sokrates unterläßt. 

Wir haben also gesehen : Sokrates war subjektiv sebv 
empfänglich für die Jünglingsliebe, aber er huldigte der 



— 208 — 



sinnlichen Liebe trotzdem nicht und verlangte diese Ent- 
haltung auch von allen „edeln und guten" Männern. 
Es sind dies Gegensätze in seiner Psyche, dje (in Ver- 
bindung mit anderen) recht wohl die Ansicht Nietzsches 
I* begreiflich machen, Sokrates habe die Instinkte des 

Hellenentums in Verwirrung gebracht Eine andere Frage 
ist aber, ob und inwieweit diese „Verwirrung* gerecht- 
fertigt, ja für den Fortschritt am Ende notwendig ist! 
W. Gomperz sagt in seinem oben zitierten Werke ganz 
treffend: „Das Irrewerden des Instinktes • ist ein großes 
Unglück, wann und solange der Versuch mißlingt, ihn 
durch die Vernunft zu ersetzen. Ist er es aber auch 
dann, wenn er gelingt? Und können wir dies behaupten, 
die wir eben dadurch nicht mehr Tiere sind, sondern 
Menschen?" In gewisser Beziehung läßt sich dies Wort, 
das Gomperz allgemein über die Sokratische Denkweise 
schreibt, auch auf seine Stellung zur Homosexualität an- 
wenden. Denn ein Fortschritt war es doch zweifellos, 
wenn durch eine Persönlichkeit wie Sokrates gegenüber 
der wohl ganz der reinen Sinnlichkeit huldigenden 
athenischen Mitwelt einmal das andere Extrem, die reine 
Geistigkeit der Liebe betont wurde. Ob dieses rigorose 
Ideal freilich ein für alle Zeiten giltiges ist» ist wieder 
eine andere Frage, die uns zunächst nicht berührt Denn 
hier fragt es sich zuerst, welches waren für Sokrates die 
Motive seiner Stellungnahme zur Jünglingsliebe? Sah 
er in ihr etwa ein verdammenswertes Verbrechen, wie 
jahrhundertelang die irregeführte Menschheit nach ihm? 
Keine Stelle aus den Quellen erbringt dafür einen Schein 
von Beweis! Wünscht er gar staatliche Gesetze gegen 
die sinnliche Jünglingsliebe? In dem Athen seiner Zeit 
war die Hingabe des Körpers für Geld und die Gewalt- 
tat unter Strafe gestellt, alles andere erlaubt Kein Wort 
des Sokrates läßt sich beibringen, wonach er diese Gesetze 
verschärft gewünscht hätte! Wendet er sich etwa mit 



— 209 — 



sittlicher Entrüstung von denjenigen unter seinen Freunden 
und Schülern ab, von denen er wußte, daß sie zügellos 
sinnlich liebten? Im Gegenteil: er suchte ihnen seinen 
Standpunkt begreiflich zu machen, sucht sie für denselben 
zu gewinnen, macht sie vielleicht einmal lächerlich wie 
den Kritias — aber das ist auch alles! Er weiß eben 
wohl zu gut aus eigener Erfahrung, daß es gar nicht so 
leicht ist, so enthaltsam zu leben wie er, sich zu dieser 
Stufe durchzuringen, auf der er in seinen älteren Tagen 
steht! Aber wie kam Sokrates zu seinem Standpunkt? 
Es ist berechtigt, so zu fragen, wenn wir aus der oben 
mitgeteilten Anekdote über seine Jugend das als historisch 
annehmen, daß er eine Entwicklung vom Standpunkt 
der allgemein herrschenden Volkssitte zu seinen eigenen 
neuen Ideen auf diesem Gebiete durchgemacht hat. 
Diese Entwicklung wäre um so begreiflicher, als er ja 
auch sonst in seinem Denken und Philosophieren den 
Fortschritt von der „Naturphilosophie", mit der er sich 
anfangs beschäftigte, zu der „Sozialphilosophie* (um 
ein modernes Wort zu gebrauchen) durchgemacht hat. 
Welches aber waren die tiefsten Gründe seines strengen 
Standpunktes gegenüber der Jünglingsliebe? Kein Staats- 
gesetz, kein Gesellschaftsgebot, keine Sitte, keine Priester- 
schaft konnte diesen seinen Standpunkt irgendwie beein- 
flussen; denn all diese heute so mächtigen Faktoren 
gestatteten teils die äußerlich anständige Jünglingsliebe, 
teils hatten sie noch keine Bedeutung. Aus dem eigenen 
Innern also mußte dieser Weise schöpfen, wenn er sich 
vor die Frage gestellt hat: soll ich mitmachen oder nicht? 
Und dieses Innere, an sich schon reich an tiefem Gehalte, 
hatte im Laufe seiner Entwickelung wichtige große 
Erfahrungen gemacht Es hatte die Mitwelt beobachtet 
in ihrer ganzen Kleinlichkeit gerade in Liebesdingen, es 
hatte gesehen, wie sonst leidlich vernünftige Menschen jede 
Selbstbeherrschung verloren, wenn sie in den Bann des 

Jahrbuch IX. 14 



— 210 — 



gefährlichen Dämons kamen, wie sie sich erniedrigten, 
allen ihren Grandsätzen untreu wurden, kurzum Dinge 
taten, die an sich schon dem hellenischen Mannesideal 
gar nicht entsprachen, aber in einem stark geistigen 
Menschen wie Sokrates mehr und mehr Widerwillen 
auslösten. Und zwar umso stärker, je klarer sich der 
Kern dieser Sokratisohen Persönlichkeit seiner selbst 
bewußt wurde als der größtmöglichen Verwirklichung 
einer von allem Äußeren unabhängigen inneren Freiheit! 
Wem aber die innere Freiheit als höchstes Ideal vor- 
schwebt, der muß deren Beschränkung und Aufhebung 
durch eine so starke Abhängigkeit von der „Welt*, wie 
sie die sinnliche Liebe zum Gefolge hat, unbedingt ver- 
meiden, und sie auch bei andern, denen er sein Ideal 
einpflanzen möchte, bekämpfen! Wer noch daran zweifelt, 
daß hier der eigentliche Kern der sokratisohen Verwerfung 
der sinnlichen Jünglingsliebe liegt, lese noch einmal die 
zitierten Stellen gegen dieselben nach, und er wird nur 
eine Bestätigung unserer Behauptung finden: überall der 
Grundgedanke: laß die Sinnlichkeit, denn sie raubt die 
innere Freiheit Jetzt verstehen wir auch die so sonderbar 
scheinende Äußerung (Memorabilien I, 3 Ende), wer gegen 
Liebe nicht gefeit sei, solle lieber im Bedürfnisfall noch 
mit einem Jüngling sinnlich verkehren, der den Geist 
nicht fesseln könne, sich aber, wenn nötig, gern hingebe. 
Natürlich, denn nur ein solcher bietet die relativ geringste 
Gefahr, daß man sich dabei verliert! Hätte Sokrates aus 
einem andern Grunde die sinnliche Liebe zum Jüngling 
verworfen, er hätte die uns wenig schön scheinende 
Forderung nicht aufstellen können (vorausgesetzt übrigens, 
daß der Satz überhaupt als echt »sokra tisch* betrachtet 
werden kann!) 

Somit ergibt sich als Gesamtresultat: Sokrates war 
zum mindesten „bisexuell", huldigte aber als Mann dem 
Trieb nicht, sondern übersetzte ihn ganz ins Geistige, 



— 211 — 



entsprechend dem stark geistigen Gehalt seiner Persön- 
lichkeit und als Folge seines ethischen Ideals der größt- 
möglichen inneren Freiheit Es ist darum lächerlich von 
einer besondern Tugend des Sokrates auf dem Gebiet 
zu sprechen, denn er lebte nur getreu seiner stark geistigen 
Natur; eine andere Anlage, und er wäre genau so ge- 
worden wie seine Mitbürger, welohe zwar die sinnliche 
Jünglingsliebe nicht verurteilten, wohl aber diesen Weisen, 
dessen Ideen sie nicht verstanden und den sie darum für 
einen schlimmen Neuerer hielten. Für uns Heutige be- 
deutet er gerade auf dem Gebiete der Homosexualität 
den ersten Anfang einer Richtung, die schließlich, in die 
Hände des Fanatismus und der Priester gelangt, den 
Homosexuellen auf den Scheiterhaufen schleppte. Des 
Sokrates Ideal der inneren Freiheit des Menschen ist nur 
noch formell haltbar« Praktisch fordert unsere Wissen- 
schaft und Ethik nicht selten Duldung, wo Sokrates 
glaubte ablehnen zu müssen! Denn nur wer eine ebenso 
stark entwickelte Verstandes- und Vernunftnatur besitzt 
wie sie diesem Hellenen zu eigen war, an den könnte 
man mit einigem Recht die Forderungen stellen, die 
Sokrates an sich und seine Freunde gestellt hat 



14 



Zur Literatur. 



Xenophons Memorabilien (deutsch bei Eug. Diederichs). 
— Gastmahl (deutsche Ausgabe von Reklam). 
Piatons Schriften (deutsch bei Eng. Diederichs). 
Aristophanes „Wolken" (deutsch in versoh. Ausgaben). 
Plntarohs Alkibiades (deutsch bei Reklam). 
Diogenes Laertins: Leben der Philosophen (deutsch 1807 von 
Borhak). 

Interessant ist es schließlich, u. a. Lukians egoorsg zu ver- 
gleichen, worin die Idealität der Sokratisohen Liebe angezweifelt 
wird: so arteilte die Nachwelt, welche den hohen Standpunkt des 
Hokrates gar nicht mehr fassen konnte! Ähnlich auch neuerdings 
Piron in seinen oeuvres badines. 

Die genaue Literatur über Sokrates Lehre und Bedeutung 
findet man in jeder besseren Philosophiegeschichte, z. B. Überweg- 
Heinze I. 



Ü8r ncudcov eqcog 
in der griechischen Dichtung. 

D. Die Gedichte der Anthologie. 



Die Gedichte der Anthologie. 

Ausgaben. Buch I — VII und IX liegen in guter, kritischer 
Neubearbeitung vor: Antbologia Graeea epigrammatum Palatina 
eum Planudea edidit Hugo Stadtmueller. VoL L II 1. III 1, 
(Leipzig 1894. 1899. 1906.) Für die übrigen Bttcher ist noch immer 
die maßgebende Ausgabe das große Werk von Friedrich Dttbner, 
griechisch und lateinisch. 8 Bde. Paris 1864, 1872, 1890 (der dritte 
Band von Cougny). Bequem zugangig und billig ist der Stereo- 
typendruck der Tauohnitzsammlung, jetzt im Verlage von Otto 
Holtee, Leipzig 1898, 8 Bdohen. 

Übersetzungen. Über altere Übersetzungen vgl. Buben- 
sohn, griechische Epigramme in Übersetzungen des 16. und 17. Jahr- 
hunderts. Weimar 1897. — In neun BKndehen sind die Gedichte 
der Anthologie übersetzt von W. £. Weber und G. Thudiohum, 
Stuttgart 1888—70. — Herder, Blumen aus der griechischen 
Anthologie gesammelt. (Sämtliche Werke, herausgegeben von 
Beruh. Suphan, Bd. 26, Berlin 1882.) — Iiebesgediohte aus der 
griechischen Anthologie. Mit Benutzung alterer Übersetzungen 
herausgegeben und eingeleitet von Dr. Otto Kiefer. München und 
Leipzig o. J. (Bd. 10 der Sammlung „die Fruohtsohale tt .) Die im 
vorliegenden Aufsatz mitgeteilten Übersetzungen sind zum aller- 
größten Teile eigene Versuche des Verfassers; andernfalls ist der 
Name des Übersetzers angegeben. 



Vorbemerkung. 



Das Epigramm, das in der klassischen Periode 
namentlich durch Simonides zu hoher Vollendung geführt 
worden war, hatte sich im Laufe der Zeit immer mehr 
von seiner eigentlichen Bestimmung entfernt, von der 
nämlich, als Inschrift, zumal auf einem Grabdenkmale, zu 
dienen. Allmählich, besonders nach Alexander dem Großen, 
wurde es mehr und mehr eine selbständige Dichtungs- 
gattung, wurde es die beliebteste Form für poetischen 
Gedankenaustausch mannigfachster Art. Ernst und Scherz, 
Freude und Trauer, Freundschaft und Liebe, die Freuden 
der Tafel und des Zechgelages, kurz, was nur immer die 
Augenblicksstimmung ergeben mochte, fand im Epigramm 
beredten Ausdruck. Unter den Unzähligen, von denen 
uns Epigramme erhalten sind, findet sich mancher Name 
von gutem Klang, und wenn auch der Weizen von der 
Spreu nicht gesäubert ist, so staunen wir doch auch hier 
über die Fülle der unendlichen Formen, in denen uns das 
griechische Leben entgegentritt. 

Schon im Altertum begann man die überall zerstreuten 
Blumen zu einem Strauße zu sammeln: Meleager aus 
Gadara, der selbst ein namhafter Epigrammatiker war, ver- 
einigte im letzten Viertel des ersten vorchristlichen Jahr- 
hunderts eine stattliche Anzahl der besten Epigramme zu 
einer alphabetisch geordneten Anthologie; eine zweite gab 
Philippos heraus, der zu Caligulas Zeit lebte. Beide sind 
nebst einer dritten, der des Agathias, in die uns erhaltene 
Anthologie des Konstantinos Kephalas übergegangen, 



— 218 — 



der in der ersten Hälfte des sehnten Jahrhunderts 
n. Chr. lebte und* in seiner Anthologie viele Hunderte von 
Epigrammen mannigfachsten Inhaltes sammelte. Da diese 
Anthologie in einer Handschrift der Bibliotheca Palatina 
zu Heidelberg (Nr. 23) erhalten ist, so bekam die 
Sammlung den Namen »Palatinische Anthologie* (AP.). 

Im vierzehnten Jahrhundert veranstaltete ein Mönch 
namens Planudes eine andere Anthologie in sieben 
Büchern, die zwar sehr viele Epigramme der Palatina 
wiederholt, dafür aber nicht nur häufig bessere Lesarten 
bietet, sondern auch eine Anzahl von Gedichten enthält, 
die dort fehlen. Zu dieser Sammlung gab einen Nach- 
trag von erotischen Epigrammen, die Planudes aus- 
gelassen hatte, L. Sternbaoh heraus unter dem Titel: 
Anthologiae Planudeae appendix Barberino - Vaticana 
(Leipzig, 1890). 1 ) 



I. Die Palatinische Anthologie. 

BÜCH I 

Dieses umfaßt 123 Gedichte christlicher Poesie, bietet 
daher nichts für unsere Untersuchung. 

BUCH n 

enthält in 416 Hexametern eine Beschreibung der Kunst- 
werke, die im Gymnasium des Zeuxippos zu Konstan- 
tinopel standen und im Jahre 532 dem Feuer zum Opfer 
fielen. Der Verfasser dieser schönen Verse ist Christo- 
doros aus Koptos, der um die Wende des fünften und 
sechsten Jahrhunderts lebte. Mit beredten Worten wird 
die Schönheit des Alkibiades geschildert (V. 82—85): 

Sah mit Staunen des Kleinias' Sohn im Glänze der Jugend, 
Atmen sah ich das eherne Bild von leuchtender Schönheit 
So wie er einst in Athen, der Stadt klugsinniger Beden, 
Manchem Manne das Herz erregt und kluge Gedanken. 

An einer andern Stelle beschreibt er die Statue eines 
Hermaphroditen (102—107): 

Auoh ein Hermaphrodit, ein lieblicher, war dort zu sehen, 
Männlich zur Hälfte, zur Hälfte ein Weib, ein Wunder aus beiden. 
Wirst an ihm Venus, die Mutter, und Hermes, den Vater, erkennen. 
Ganz wie ein Mägdelein zeigt er die üppig schwellenden Brüste. 
Und doeh wieder die Form des zeugenden männlichen Gliedes; 
Sieh in dem einen vereint die Beize der beiden Geschlechter. 

BUCH HI 

enthält die „kyzikenischen" Epigramme, 19 Gedichte auf 
den Tempel der Apollonia, der Mutter des Attalos und 



— 220 — 



Eumenes; in ihm ist für unsere Zwecke begreiflicherweise 
nichts zu finden. Ebensowenig in 
BÜCH IV, 

das nur aus den Prooimien oder Widmungsgedichten zu 
den oben genannten Anthologieen des Meleager, Philippos 
und Agathias besteht. Dagegen finden wir reicheres 
Material in 

BÜCH V. 

In diesem sind „erotische Epigramme verschiedener 
Dichter* in einer Anzahl von 309 Gedichten vereinigt 
Wenn auch weitaus die meisten von ihnen der weiblichen 
Liebe gewidmet sind und diese in allen Nuancen vom 
zarten Werben bis zu den wüstesten Bordellgenüssen 
schildern, so spielt doch auch selbst in dieser Sammlung 
die Jünglingsliebe eine ziemlich große Rolle, obwohl für 
diese später das ganze zwölfte Buch bestimmt ist. Von 
seiner Liebe zu dem schönen Cornelius redet Maikias, 
nicht ohne der Besorgnis Ausdruck zu geben, daß ihn 
dieses Feuer werde ganz verzehren können (116). — In 
stürmischer Regennacht treibt den Asklepiades, der 
etwas reichlich dem Weine zugesprochen hat, die Sehn- 
sucht vor die Tür des schönen Moschos (166). — Ein 
anderer Dichter, Diodoros, (121) warnt vor der Liebe 
zu einem zwar schönen, aber nicht liebenswürdigen Knaben: 
„Viele bewerben sich um ihn, und er ist nicht unerfahren 
in der Liebe; drum hüte dich, diese Flamme anzufachen.* 
— Ruf in us (27) gibt einem Knaben den Laufpaß, der 
vordem spröde war, aber jetzt, da seine Reize schwinden, 
sich gefügig zeigt: «Ich will nicht den Dorn statt der 
Rose haben/ — In einem Epigramm des Kallimachos 
(5) beklagt sich die Hetäre Ionis über die Untreue ihres 
Buhlen, der jetzt von Liebe zu einem Jüngling entflammt 
sei. — Nach reichlichen Erfahrungen in der Jünglings- 
liebe nimmt Ruf inus von dieser Abschied, um ins weib- 
liche Lager überzugehen (18). — Daß man auch in diesem 



— 221 — 



der kallipygischen Liebe huldigen könne und darum gar 
keine Knaben brauche, lehren uns zwei Epigramme; eins, 
wenig erfreulich, von Dioskorides (53)/ über diesen 
unten zu XII 14. Das andere (115) hat den Markus 
Argentarius zum Verfasser und lehrt, daß die weib- 
liche Liebe bei weitem den Vorzug verdiene. Wer sich 
aber nach den Freuden des eigenen Geschlechtes sehnt, 
der brauche ja die Freundin nur umzudrehen, sofort habe 
er statt der Menophila den Menophilos im Bette. 9 ) 
Puellam in schemate triplici cum tribus viris in lecto 
coniunctam nobis monstrat poeta 6 a 1 1 u 8 in epigrammate 48 : 
unus in tergo iacens puellam supra ventrem iacentem 
pertundit, alter supra tergum puellae iacens eius posteri- 
oribus utitur, tertius a puella irrumatur. 

Als „bisexuell" würde man heute den Dichter des 
64. Epigramms erklären: 

Jupiter kam als Adler zu Ganymedes, dem schönen, 
Doch der Leda als Schwan nahte deroelbige Gott. 

So läßt eines sich nicht vom anderen trennen: es liebe 

Jeder nach Lust: gilt mir Knabe nnd Mädchen doch gleich. 

Von dem jtaidwv SQwg will Meleager nichts (mehr) 
wissen (207), derselbe Aleleager, der doch, wie wir im 
zwölften Buche sehen werden, gar manchem schönen 
Knaben seine poetischen Huldigungen darbrachte. Der 
Grund seiner Ablehnung ist der, daß der Gebende nicht 
auch gleichzeitig empfangen könne. 8 ) Ebenfalls verworfen 
wird der naidwv eqwg in den Epigrammen 276 und 277. 4 ) 
BUCH VL 

Im sechsten Buche sind 358 Gedichte vereinigt, die 
als Aufschriften auf Weihgeschenken mannigfachster Art 
gedacht sind; es ist klar, daß darin sich für unsere 
Zwecke nur wenig findet. Ein schöner Knabe, namens 
Gorgos weiht dem Phoebus seine Locken, »den schönen 
Schmuck des lieblichen Kopfes* ; daran knüpft der Dichter 
(Rhianos) die Bitte an den Gott, dem Knaben bis in 



— 222 — 



das Alter segnend zur Seite zu stehen (278). Ganz ähn- 
lich im Inhalte ist ein Epigramm des Euphorion (279) 
und eins des Theodoros (282). Daß Athen reich an 
schönen Knaben ist, wird endlich in einem Epigramm 
des Redners Aischines gerühmt (330).*) 
BÜCH VTL 

Nicht weniger als 748 zum Teil prächtige Epigramme 
enthält das VJLL Buch und zwar ausnahmslos Grab-' 
Schriften. Daß die Jünglingsliebe, wenigstens in ihrer 
sinnlichen Seite, in dieser Sammlung zurücktritt, ist klar: 
dem Ernste des Todes weicht die heiße Leidenschaft und 
macht dem ruhigen, mehr in der Erinnerung schwelgen- 
den Gefühle der das Grab überdauernden Freundschaft 
Platz. Eine stattliche Reihe von holden Knaben und 
liebenswürdigen Jünglingen zieht an uns vorüber, die zu 
früh für die Wünsche der Eltern und der Freunde vom 
Sonnenlichte dieser schönen Erde Abschied nehmen 
mußten. Piatons Stern, sein früh verstorbener Liebling 
Aster, begegnet uns in zwei Epigrammen (669, 670), die 
schon früher erwähnt sind (I, S. 635)*). Selbst einen 
Stein mußte es jammern, als der schöne Easandros im 
Alter von 26 Jahren sterben mußte, der nun in Larissa 
begraben liegt (827, 328). — Paterios war der Sohn des 
Miltiades und der Attikia zu Athen. Der sinnige, mit 
allen Reizen des Geistes und Körpers geschmückte Jüng- 
ling stand erst im 24. Lebensjahre, als ihn der Tod 
dahinraffte, »wie ein Sturmwind eine schöne Blume 
knickt" (343). — Von den weiteren zahlreichen Grab-' 
Schriften auf früh verstorbene Jünglinge seien nur die 
wichtigsten genannt. Nur zwölf Jahre erlebte Nikoteles, 
der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte (453). — 



+) Mit der Ziffer I wird auf den Aufsatz, der naifay tpu? 
in der lyrischen und bukolischen Dichtung der Griechen verwiesen, 
der im „Jahrbuch-, Bd. VIII (1906) Seite 619-684 abgedruckt ist 



— 223 — 



Nicht älter ward der liebliche Artemidoros, dem die 
Mutter rührende Abschiedsworte in die Ewigkeit nach- 
schickt (467). — "Wenige Wochen nach seinem vierzehnten 
Geburtstage raffte das ungerechte Schicksal den reizen- 
den Eustathios dahin. Nun leben seine holden Züge nur 
noch in dem Abbilde aus Wachs und der einst so lieb- 
liche Mund ist nun auf immer verstummt (602). — Be- 
sonders beklagenswert ist der Tod eines Knaben, dem 
das 542. Epigramm gewidmet ist. Während er in kind- 
licher Lust auf dem Eise des Hebros sich vergnügt, 
bricht er bis zum Hals ein; der unter der dünnen Eis- 
decke strömende Fluß reißt den Körper hinweg, so daß 
ihm die scharfe Fläche des Eises den Kopf vom Rumpfe 
trennt. 6 ) — Dem mit achtzehn Jahren verstorbenen 
Charixenus weiht Meleager eine rührende Totenklage (468). 
— Bei anderen früh verstorbenen Knaben und Jünglingen 
wird nicht das Alter angegeben, sondern nur bemerkt, 
daß sie noch vor den Freuden der Hochzeit vom Tode 
ereilt wurden. So der jugendliche Timarchus (515), so 
Theodotus (527), ferner ein nicht mit Namen genannter 
Jüngling (603). — Jung mußte auch Callaeschrus sterben: 
zwar wird er nun in der Unterwelt Entzücken erregen, 
aber den Seinen hinterließ er endlosen Jammer (483). — 
Rufinus, des Aetherius Sohn, ist selbst redend gedacht in 
seiner Grabschrift: er beklagt, daß ihm die Liebe der 
Musen so wenig half, wie seine Jugendanmut und bittet 
den Wanderer, der seine Grabschrift liest, um den Zoll 
der Tränen (558). — Den frühen Tod des Attalus beklagt 
der Dichter mit der Begründung, daß er dem Todes- 
schicksal ja doch nicht entronnen wäre, auch wenn es 
ihn jetzt noch verschont hätte (671). — Die Klage des 
Hirtengottes Fan um seinen toten Liebling Daphnie lesen 
wir in einem Epigramm des Meleager (535): 

Nimmer nun hab' ich fortan an meinen Ziegen Gefallen, 
Nimmermehr mag nun Pan wohnen auf bergiger Höh'. 



— 224 — 



Was im Gebirg mich entzückte} ist tot: gestorben ist Daphnie, 
Daphnis, der sengende Glnt mir in dem Herzen entflammt 

Leben muß ich fortan in der Stadt; ein anderer jage 

Draußen im Wald; ich hab' nimmermehr Freude daran. 7 ) 

Schön ist auch das Epigramm des Krinagoras (628) 
auf einen geliebten Knaben namens Eros; da dieser auf 
einer Insel gestorben und begraben war, wünscht der 
Dichter, daß sie und die angrenzenden fortan die »Liebes- 
inseln* heißen mögen: 

Manche der Inseln nahm, statt ihres, den Namen der Menschen 

An nnd pflanzte damit sich in des Ruhmes Gerücht 
Insel, nenne fortan dn dich die Insel der liebe, 

Nemesis zürnt dir nicht, daß dn den Namen erwählst: 
Denn, den dn verbirgst an deinem heiligen Ufer, 

Ihm gab die liebe Gestalt, wie sie den Namen ihm gab. 
Deck ihn sanft, o Erde, den holden Knaben der liebe, 

Und ihr Wellen berührt leise sein ruhiges Grab. (Herder.) 8 ) 

Zwei Grabschriften sind uns erhalten auf den Kreter 
Pratalidas (418, 449), die vielleicht beide auf demselben 
Grabsteine zu lesen waren. Die Epigramme zeigen ihn , 
uns als echten Kreter : Liebe zu Jagd und Kampf, Musik 
und schönen Knaben zeichnete ihn aus. 9 ) 
BUCH VIII. 

Das achte Buch der Anthologie enthält 254 Epi- 
gramme des Gregorios von Nazianz, der den Beinamen 
Ä der Theolog* führte, um 330—390 n. Chr. lebte und 
eine Zeit lang das Patriarchat von Konstantinopel inne 
hatte. In seinen von tiefer Religiosität durchwehten 
Versen, deren größter Teil seiner Mutter Nonna und 
seinem Bruder Kaisarios gewidmet ist, ist irgendwelches 
Material für unsere Untersuchung natürlich nicht zu finden. 
BUCH IX. 

Nicht weniger als 827 „epigrammata demonstrativa" 
sind in diesem Buche vereinigt, die aber, da ihr Inhalt 
meist nicht erotisch ist, für uns nur eine geringe Auslese 
bieten. Die meisten der uns hier interessierenden Epi- 



— 225 — 



grarame entlehnen ihren Inhalt der Mythologie. In einem 
Epigramm des Antipater (77) lesen wir von der Eifer- 
sucht der Hera auf Ganymedes: sie droht sich für 
Jupiters männliche Flamme durch die Flamme rächen 
zu wollen, die Ilion einäschern wird. — Von der schon 
früher erwähnten Liebe des Pan und Daphnis handeln 
zwei Gedichte (341, 556). In dem ersten erkundigt sich 
Pan bei den Nymphen, wo sich sein Liebling aufhalte, 
und erhält zur Antwort daß er in der Rinde jener 
Schwarzpappel den Ort des Stelldicheins angegeben finden 
werde. Pan liest die Worte und eilt schleunigst zu dem 
verabredeten Plätzchen. In dem andern fragt Pan die 
Flußnymphen, in deren Fluten sich Daphnis gestern 
gebadet hat, nach ihrem Urteil über des Daphnis Schön- 
heit. — Ein Epigramm des jüngeren Plato (751) spricht 
vou einem „Hyacinthus* genannten Steine, auf dem 
Apollo und Daphne dargestellt waren. Der Dichter 
knüpft daran die Frage, wem nun eigentlich der Gott 
mehr gehöre, der Daphne oder dem Hyacinthus. 10 ) — 
Die schönen Verse des Plato auf das Standbild eines 
Satyr, der an einer Quelle sitzt und über dem schlafenden 
Erosknaben Wache hält (826), sind schon früher erwähnt 
(L S. 635); auf dasselbe Kunstwerk bezieht sich das Epi- 
gramm des Ammonius (827), von dem aber nur die drei 
ersten Verse erhalten sind. — In einem Bade, in dem 
beide Geschlechter verkehrten, stand ein Bild des Herma- 
phroditus, der den Männern als Hermes, den Frauen als 
Aphrodite gilt. Der Dichter billigt die Aufstellung des 
„doppelgeschlechtigen Knaben" an dieser Stelle: nun 
mag jeder nach seinem Geschmack wählen (783). 

Mehrfach finden sich auch sonst in diesem Buche 
Epigramme auf Bäder, die bekanntlich den günstigsten 
Boden für die Jünglingsliebe bildeten. Genannt seien 
Nr. 626: dieses Bad hieß sogar Eros; auf dasselbe Bad 
bezieht sich 627, in dem erzählt wird, wie die Nymphen 

Jahrbuch IX. 15 



— 226 — 



die Fackel des schlummernden Erosknaben im Wasser 
auslöschen wollen, aber nur erreichen, daß sich die Glut 
der Fackel dem Wasser mitteilt 

In einem anderen Bade weilen Aphrodite, Eros, die 
Chariten, Nymphen, Dionysos und Apollo in holder Ein- 
tracht beisammen (639). — Auch von Liebesgärten, die 
den Namen Eros führten, wird uns Kunde (666). Be- 
sonders ausführlich wird die Anmut eines solchen, viel- 
leicht von Justinian angelegten Eros-Gartens beschrieben 
in Epigramm 668, 669. 

Von der Päderastie der Hirten, wie wir sie früher 
aus Theokrit kennen lernten, zeugt in ziemlich unver- 
blümten Ausdrücken das 317. Epigramm: Ein Ziegenhirt 
rühmt sich einem andern gegenüber seiner Heldentaten 
an einem dritten Hirten. Ein andermal (330) hören wir 
von einem Standbild des Pan neben einer schönen Quelle,, 
der den Wanderer belehrt, er dürfe von dem Wasser 
schöpfen so viel er Lust habe, es aber nicht zum Baden 
benutzen; wenn er es doch tue, würde er die dem Pan 
eigene Strafe der pedicatio erleiden. Doch falls ihn dies 
vielleicht gar noch anlocke, so wisse er auch noch andere 
Strafen, die ihm weniger gefallen würden. — Einen ge- 
wissen Euagoras lernen wir durch das 241. Epigramm 
kennen. Die alten Götter, so heißt es dort, bedienten 
sich der Metamorphose, um sich ihren irdischen Lieb- 
lingen und Geliebten zu nahen: Euagoras aber hat die» 
dank seinem großen Geldsack nicht nötig; ihm sind alle,, 
männlichen wie weiblichen Geschlechtes willfährig. — 
In einem Epigramm des Boethius (248) wird die voll- 
endete Anmut gepriesen, mit der der jugendliche Ballet- 
tänzer Pylades den Dionysos auf der Bühne tanzt 11 ) 

Endlich läßt uns auch dieses Buch nicht im unklaren 
über den christlichen Standpunkt zum naUnav e^wg. Es 
handelt sich um ein Epigramm (686) auf einem Stand- 
bilde des Basilius I., des Zerstörers von Babylon, das 



— 227 — 



auf dem östlichen Tore zu Thessalonike aufgestellt war. 
„Tritt freudig herein, Wanderer", so heißt es da unter 
anderem, „denn hier findest du nichts barbarisches, auch 
nicht Männer, die mit Männern das Lager teilen" usw. 19 ) 

BUCH X. 

Unter den 126 Epigrammen des zehnten Buches sind 
in dem Zusammenhang unserer Untersuchung nur drei 
zu nennen. Nr. 19 redet von dem jungen Gaius, dem 
Sohne des Lucius, der zum ersten Male sich den Bart 
hat schneiden lassen, also nun zum Manne geworden ist 
Alle die Freunde kommen und bringen ihm prächtige 
Geschenke; der Dichter bittet ihn, daß ersieh an seinem 
Liede genügen lasse. — Ein anderes Epigramm (20) er- 
teilt Liebhabern der Jiinglingsschönheit einen Rat, der 
eine sehr stürmische Initiative bedeutet: „Wenn du einen 
hübschen Jungen siehst, so sei die Sache gleich zwischen 
euch ausgemacht, sag ihm sofort was du denkst und dann 
— gleich ein paar kühne Griffe. 18 ) Wenn du aber zu 
ihm sagst: „Ich liebe und ehre dich und will dich halten 
wie einen Bruder", dann wird diese Zurückhaltung dir 
den Weg zum Erfolge versperren.* — Das dritte Gedicht 
endlich (68) führt den Gedanken aus, daß es zwar ganz 
schön und löblich sei, nicht zu heiraten, daß man dann 
aber auch nicht auf den masculus amor verfallen dürfe. 
Auch im Tierreich käme ja derartiges nicht vor. 

BUCH XI. 

Etwas länger müssen wir bei diesem Buche verweilen, 
das 442 Epigramme enthält, die zum größten Teil der 
heiteren, oft spottenden Weinlaune ihre Entstehung ver- 
danken (epigrammata convivalia et irrisoria). Daraus 
erklärt es sich auch, daß der Ton hier manchmal etwas 
derber ist, und daß die sinnliche Seite des Eros hier 
ziemlich hervortritt. Mythologisches begegnet uns nur ein- 
mal in einer Anspielung auf Ganymedes, den „der Adler 

15* 



— 228 — 



in die himmlischen Brautgemächer des Zeus entführte"; 
(407). Das übrige ordnen wir nach den überlieferten 
Namen der Verfasser. 

1. Antipater. 

Eins seiner Epigramme (24) gilt dem schönen Mund- 
schenken Helikon; den von ihm gespendeten Trank zieht 
er allen Quellen des Dichterberges Helikon vor. — Ein 
andermal (37) malt er lebendig das Nahen des Winters 
und bedauert seinen Freund, daß es ihm an der nötigen 
warmen Kleidung gebricht — Für antike Leser ohne 
Anstoß, sondern höchstens burlesk war die Klage des 
gliedbegnadeten Priapos, der beim Anblicke eines noch 
begnadeteren Jünglings sich beschwert, daß er, der Un- 
sterbliche, sich mit einem Sterblichen nicht messen könne 
(224). — Einem der als fellator galt, sagt er: wenn ich 
es auch nicht glaube, was man sagt, so bitte ich dich 
doch, mich nicht zu küssen. 14 ) 

2. Philippus. 

„Solange du noch schön warst, Archestratus, und 
ringsherum durch deiner Wangen purpurnen Schmelz die 
Herzen der Jünglinge entflammtest, da war dir meine 
Freundschaft gleichgiltig, du scherztest mit anderen und 
ließest die Blume deiner Jugend wie eine Rose verblühen. 
Seitdem aber häßliches Haar deine Schläfen umdunkelt, 
willst du mich zum Freunde haben mir das Stroh bietend, 
nachdem andere die vollen Ähren ernteten." (36.) 

3. Antistios. 

„Des Eumenes Sohn Cleodemus ist noch ein Kleinchen, 
doch er tanzt schon mit den Knaben im gelenken Reigen. 
Prächtig kleidet seine Hüften buntgefleckter Hindin Fell, 
und es ziert der Efeukranz sein blondes Haar. O gütiger 
Bacchus, laß ihn heranwachsen, daß er dann die Reigen- 
tänze der Jünglinge anführe." (40.) 



— 229 — 



4. Lucilius. 

Zwei Epigramme dieses Dichters sind in unserem 
Zusammenbange zu nennen und für uns deswegen be- 
sonders interessant^ weil sie modern klingende patholog- 
ische Probleme in antikem Gewände behandeln. Das eine 
(216) handelt von einem gewissen Cratippus, der von der 
aktiven zur passiven Päderastie überging. Das durch die 
eingestreuten Einwürfe und Fragen überaus lebhaft 
wirkende Epigramm lautet in der metrischen Übersetzung 
von Hugo Grote: 

Nostis amatorem puerorum nempe Cratippum: 
flnno mira est (referam) poena secuta deüm. 

Deprensus nuper studia in contraria ferri: 
Hoc ego vix ooulis, credo, Cratippe, meis. 

Omnia iam fient fieri non oredita: quando 

Haedus es, nt paret, oreditns esse lupus. lft ) 

Fast noch moderner mutet uns der Inhalt des 
217. Epigramms an. 

Um dem Verdacht zu entgehn, Apollophanes nahm sich ein Weibchen, 
Mitten über den Markt wandelt der Bräutigam stolz: 

„Bald kommt der Tag, dann hab ich ein Kind." — Zwar kamen 

die Tage 

Aber das Kind blieb aus, und der Verdacht blieb bestehn. 

5. Automedon. 

In seinem Epigramme (326) beklagt der Dichter 
einen Knaben namens Connichus, daß er nun alt und 
häßlich geworden ist. Er habe ihn stets gewarnt, nicht 
immer so stolz und spröde zu tun. Nun ist aus dem 
jungen Zicklein ein rauher Bock geworden. Nun kommst 
du: Zu spät 

6. Straton. 

Von demselben Straton, der uns im nächsten Ab- 
schnitt länger beschäftigen wird, sind auch in diesem 
Buche einige auf unseren Gegenstand bezügliche Epi- 



— 230 — 



gramme erhalten. Das erste (19) predigt heiteren Lebens- 
genuß so lange es noch Zeit ist: 

Trink und liebe nun, Freund Demokraten denn ja nicht immer 
Winkt uns des Bechers Lust blühenden Knaben vereint 

Laß mit Kränzen das Haupt ans schmücken and köstlicher Narde, 
Eh' man ans dunkle Grab dieses als Spende uns bringt 

Laß uns, so lang das Leben uns blüht noch trinken und später 
Mag Deukalion uns ruhig im Hades empfahn. 

Die beiden anderen Epigramme findet man in An- 
merkung 18 ). 

7. Ohne den Namen des Verfassers. 

Wieder hören wir die Mahnung an einen Knaben, 
die Jugendzeit zu genießen (51). Daß dies in dem 
Sinne gemeint ist, mit den Jugendreizen nicht zu spröde 
zu sein, ergibt sich aus der in ihrer erotischen Pointe 
verständlichen Begründung: ein einziger Sommer macht 
aus dem Zicklein den rauhen Bock (vgl. oben S. 229.) — 
Ein anderer Dichter redet den Thrasybulus an (52): 
„Von Sehnsucht zu einem Knaben verzehrt zappelst du 
im Netze wie ein gefangener Delphin auf dem Lande, 
der ins Wasser zurück will: selbst des Perseus Schwert 
wird das dich beengende Netz nicht zerschneiden können." 
— Endlich sind in diesem Zusammenhange noch einige 
obscöne Epigramme zu nennen, deren Text in den An- 
merkungen 16 — 20 abgedruckt ist 
BÜCH XII. 

Dieses Buch, das mit nicht weniger als 258 Epi- 
grammen von zusammen fast dreizehnhundert Versen 
ganz ausschließlich der Jünglingsliebe gewidmet ist, führt 
in der Handschrift den Titel Irgdtuvog povoa natÄixr r 
Außer Straton, dessen Gedichte am Anfange und am 
Schluß der Sammlung stehen, sind noch neunzehn andere 
Dichter vertreten, darunter Namen von gutem, ja von 
bestem Klange; außerdem sind 35 Epigramme ohne den 



— 231 — 



Namen des Verfassers auf uns gekommen. Man kann 
das Buch ein Hoheslied des Eros nennen; immer wieder 
dasselbe Thema, aber so mannigfaltig, so unendlich variiert, 
wie die Natur selbst; es schillert in allen Nuancen: von 
den zartesten schüchternen Regungen des Wohlgefallens 
am Jünglingskörper über schönheitsjubelnde weihevolle 
Töne bis hinein in den Schmutz trübster Sinnlichkeit. 

Wir geben die etwas willkürliche und törichte „An- 
ordnung" in der Handschrift auf, stellen die jedem Dichter 
gehörenden Epigramme zusammen und lassen mit Straton 
beginnend die einzelnen Poeten in der Reihenfolge an 
uns vorbeiziehen, in der sie nach der Zahl der ihnen 
gehörigen Gedichte rangieren. 

1. Straton aus Sardes. 

Dieser Dichter, der zu Hadrians Zeiten gelebt hat, 
veranstaltete eine Sammlung von Epigrammen auf schöne 
Knaben; 94 Gedichte sind unter seinem Namen im 
XII. Buche der Anthologie erhalten. 

Mit dem Anruf der Musen begann der Dichter des 
Altertums: so leitet die Sammlung Stratons ein Anruf 
an Zeus ein, der durch den in uralter Zeit verübten 
Raub des Ganymedes selbst den Menschen das Beispiel 
gegeben hatte und seitdem als Beschützer der männlichen 
Liebe gilt (vgl. I, 631, 640, 671): 

1. 

Laßt ans beginnen mit Zeus, wie einst Aratos gesungen, 
Eurer bedarf es nicht, Mosen, zum heutigen Werk« 

Wenn mich der Knaben Reiz entzückt und ihre Gesellschaft, 
Sagt, was kümmert dies euch, Musen auf Helikons Höhn?* 1 ) 

Das Thema, das der Dichter zu behandeln gedenkt, 
weicht von dem der bisherigen Poeten erheblich ab: 

2. 

Priams Tod am Altar wirst hier vergeblich du suchen, 
Oder Medeas Leid, Niobes trauriges Los, 



— 232 — 



Oder des Itylus Tod, den die Nachtigall immer beklaget: 
All dies sangen genug Dichter in früherer Zeit 

Eros walte, der süße, vereint mit der Grazien Liebreiz, 
Bacchus als dritter im Bund, Traurigkeit fliehe hinweg. 

Holden Knaben gilt des Straton Muse, aber da ist 
kein Unterschied und keine Wahl, er liebt alle, die schön 
sind. „Ich liebe die Knaben mit weiß-durchsichtiger 
Haut und liebe doch gleichzeitig die dunkel gebräunten, 
liebe die blonden und wiederum die mit schwarzem Haar. 
Auch bläulich-helle Augensterne verachte ich nicht, aber 
vor allen andern lieb ich die, die aus schwarzen Augen 
Blitze sprühn" (5). Ganz ähnlich ist Ep. 244, und ein 
andermal gesteht er (198): 

Alles, was knabenhaft, mich entzückt: gleich sind sie an Schönheit 
Alle, der eine hat den Vorzug, der andere den. 

Es ist eben gegen die Liebe kein Widerstand mög- 
lich, sie ist stärker als der Dichter, der wohl manchmal 
das Joch abschütteln möchte, aber doch immer wieder 
einsieht, daß es ein vergebliches Beginnen ist. 

201. 

Kommt Kleonikos nicht heut, dann werd ich ihn nie mehr empfangen, 
Nie, so wahr mir . . . doch halt! besser, ich lasse den Schwur. 

Denn wenn ein Traum ihm heute verbot zu kommen, doch morgen 
Er mich besucht, warum sollt' ich verscherzen mein Glück? 

„Wenn mir ein schöner Knabe begegnet und ich 
auch wirklich ihn nicht ansehen will: kaum bin ich an 
ihm vorüber, dann drehe ich mich doch nach ihm um." ( 227.) 

180. 

0 wie ist mir so heiß, doch du, mein freundlicher Knabe, 

Brauchst mit dem zarten Tuch nimmer zu tächeln mir Luft 

Ist es doch andere Glut, die tief im Herzen mir lodert, 
Die dein freundliches Tun immer von neuem entfacht. 

Es ist eine stattliche Galerie schöner Knaben, die 
an uns vorbeiziehen. Dreierlei ist es, was der Dichter 
von ihnen fordert, ein angemessenes Alter, liebenswürdigen 
Charakter und Schönheit der Gestalt. 



— 233 — 



Die Eigenschaften der Knaben. 

Uber das Alter der Knaben belehrt uns das vierte 
Epigramm: „An der Jugendblüte des zwölfjährigen habe 
ich Freude, aber viel begehrenswerter ist der dreizehn- 
jährige. Wer da zweimal sieben Jahre darstellt, ist eine 
noch süßere Blume der Eroten, noch wonniger aber ist 
der, der das fünfzehnte Jahr beginnt. Das sechzehnte 
Jahr ist das der Götter, das siebzehnte aber zu begehren, 
kommt nicht mir, sondern nur dem Zeus zu. Wenn aber 
einer noch ältere begehrt, so treibt er kein Spiel mehr, 
sondern er verlangt bereits das Homerische: ,ihm aber 
entgegnete 4 .' 4 ,f ) 

Ungekünsteltes Wesen, das Herbe der Knabenhaftig- 
keit im Gegensatz zu dem weichlichen Gebahren des 
Weibes und eine wohltuende Mitte zwischen dauerndem 
Sträuben und sofortiger Hingabe, das ist es, was der 
Dichter von seinem Freunde verlangt. So bekennt er: 
„Mich erfreut nicht überflutendes Haar noch Locken- 
gekräusel, das nicht von der Natur, sondern von der 
Kunst mühsam gebildet ist. Nein, der rauhe Schmutz des 
Knaben, der die Palästra besucht, und der Schmelz 
der Glieder, die vom frischen Öle noch feucht sind. 
Mein Begehren ist der süße ungekünstelte Schmuck ; 
doch die trügerische Schönheit des Weibes entlehnt der 
Kunst« (192).«*) 

200. 

Küsse gefallen mir nicht, die nur mit Gewalt ich mir raube, 
Feindliche Worte und gar Wehren mit sträubender Hand; 

Den auch liebe ich nicht, der, wenn er mir ruht in den Armen, 
Gleich zur Liebe bereit sich ohne Sträuben mir gibt. 

Nein, nur den der da weiß, von beiden die Mitte zu halten, 
Der sich zu sträuben versteht und sich am Ende doch gibt. 

Vor allem aber muß der Knabe schön sein, zumal 
das Gesicht muß so gebildet sein, daß man sieht, die 
Grazien haben an seiner Wiege gestanden. Ist diese 



— 234 — 



Bedingung erfüllt, dann kann der Dichter wohl gelegent- 
lich die anderen Beize missen. Freilich, je größer die 
Schönheit ist, um so näher liegt die Klage, daß sie ver- 
gänglich ist und so bald dahinschwindet. 

195. 

So viel Blumen nicht blühn auf den zephyrliebenden Wiesen, 

Wenn der strahlende Lenz übt seine holde Gewalt, 
Als da Knaben hier siehst, Dionysius, edelen Blutes, 

Wie sie der Grazien Hand reizend zur Freude uns schuf. 
Unter diesen erstrahlt Milesius herrlich vor allen, 

Gleichwie der Rose Pracht alle die Blumen beschämt. 
Doch wie in Sommersglut die süßesten Blumen verwelken, 

Schwindet mit sprossendem Bart Knaben der liebliche Reiz. 

189. 

Glücklich preis 1 ich den Freund, der ganz mit Rosen dich kränzte. 

Oder für Schönheit nicht blind, tat es vielleicht der Papa? 

223. 

Wenn einen Knaben ich seh, einen schönen, genügt mir das Antlitz, 
Und ich dreh 1 mich nicht um, um ihn von hinten zu sehn: 

So betrachten wir auch der Götter Bilder und Tempel, 
Staunen sie an von vorn, nicht auch den hinteren Bau. 

Vor allem aber sind es, wie begreiflich, die Augen, 
die den größten Eindruck auf das empfängliche Gemüt 
des Dichters machen und deren Schönheit er entzückt 
verkündet. 

196. 

Funken im Auge dir sprühn, du güttergleioher Lyoinus, 

Nein, aus dem Auge dir strahlt blitzend versengende Glut 
, Drum vermag ich auch nicht dir lange ins Auge zu bücken, 

Denn mich blendet der Blitz, der aus dem Auge dir sprüht 

Sind so die im vorstehenden skizzierten Eigenschaften 
vorhanden, so ist der Knabe würdig, Gegenstand des 
Verlangens zu werden. Es beginnt das Mysterium der 
Liebe. Schüchtern zuerst, nur in Andeutungen und 
Bildern, aber verständlich genug, erklingt das Werbelied 
des Dichters; er beneidet den Wurm, da sich dieser in 
das Wachsbild des geliebten Knaben hineinfressen könne, 



— 235 — 



oder das Büchlein seiner Verse, weil es der Geliebte in 
die Hand nehmen wird. Oder auch die Werbetöne 
werden ungestümer und fordern nach nutzlosem Warten 
nun endlich die Tat 

190. 

0 wie glücklich der Mann, der ans Wachs dein Antlitz gebildet, 
0 wie glttoklich das Wachs, das deine Schönheit empfing. 

Seh ich das herzige Bild, so wünscht 1 ich zum Wurme zu werden, 
Daß ich in irrender Last könnte mich wühlen hindurch! 

208. 

Glücklich preis 1 ich dich gern, mein Büchlein, daß dich ein Knabe 

Zart beim Lesen berührt, stützend das Kinn in die Hand, 
Oder dich inniglich preßt an die üppig schwellenden Lippen, 

Oder dich an das Paar tauiger Schenkel bewegt 
Oft auch steckt er dich wohl in den Busen, oder du liegest 

Bei dem Knaben imd darfst alles berühren 'nach Lust; 
Darfst in der Stille mit ihm, dem Holden, plaudern: o bitte, 

Liebes Büchelchen, sprich zärtlich und freundlich von mir. 

21. 

Warum wechseln wir nur verstohlene Küsse und nicken 

Heimlich einander nur zu, schüchtern die Augen gesenkt? 

Warum reden wir nur von nie verwirklichten Wünschen, 
Warum zögern wir noch, wartend von Tage zu Tag? 

Ungenützt entschwindet die Zeit, die köstliche, Pheidon: 
Folge nun endlich die Tat, ehe die Schönheit verblüht. 

Wenn aber die Wünsche des Dichters in Erfüllung 
gehen, wenn die Werbung bei dem geliebten Knaben ein 
offenes Ohr findet, dann verkündet er jauchzend das 
Glück seines Herzens. Der Liebe süßestes Symbol ist 
der Kuß und zum Küssen gab der Gott den Knaben 
die weichen schwellenden Lippen, und sie versündigen 
sich, wenn sie den Kuß nicht herzlich erwidern, sondern 
ihn kühl sich nur gefallen lassen. 

188. 

Glaubst du, mein Heliodor, daß mir es gefällt, dich zu küssen. 

Wenn du nicht gern nnd mit Lust selber die Lippen mir reichst? 
Wenn du so kalt sie schließt und selbst nicht Liebe empfindest, 

Kann ich auch ferne von dir küssen, zu Hause dein Bild. 



— 236 — 



188. 

Wenn dir mein Kuß mißfallt, da ihn als Beleidigung auffaßt, 
Ei so strafe mich doch, gib mir die Küsse zurück. 

177. 

Da nun die Dämmerung kam und ich von Möris mich trennte, 
Hat mich der Junge geküßt. — Wirklich? ? — Es war wohl ein 

Traum, 

Denn das andere lebt noeh deutlich mir im Gedächtnis, 

Was mir der Knabe gesagt, was ich zur Antwort ihm gab. 

Wüßte ich dies nur genau, ob er wirklich mich küßte. — Ich könnte 
Dann, ein seliger Gott, nicht auf der Erde mehr sein. 
16. 

Halte, Philokrates, nicht deine Liebe verborgen, die Gottheit 
Selber ist schuld, daß uns heftiger klopfet das Herz. 

Drum so gib mir den Mund zu den süßesten Küssen, denn fordern 
Wirst die nämliche Gunst selber von andern du bald. 

Nicht genug kann der Dichter jubeln, wenn der 
Knabe seinem Werben willig ist, dann will er gern ihm 
etwas recht schönes schenken, aber den Heuchler, der 
sich hinter seine Tilgend verschanzt, da doch der Dichter 
weiß, wie gefügig er einem andern war, weist er mit 
harten Worten zarecht, wie er auch über den spottet, 
der auf das erste Augenblinzeln hin bereit ist, und dem 
der Werbende gar noch zu langsam geht. 

250. 

Als ich zu nächtlicher Zeit vom Trinkgelage zurückkam, 

Fand ich (ein Wolf) an der Tür lehnen ein zierliches Lamm. 

Nachbars reizenden Sohn. Ich umarmte und küßte ihn zärtlich, 
Bot ihm reichlichen Lohn, hebend zum Schwüre die Hand. 

Was nun soll zum Geschenk ich bringen dem reizenden Jungen? 
Solchem wackeren Freund hält ein Versprechen man gern. **) 
237. 

Bleibe mir Heuchler du fern, bleib fern mit deiner Verstellung. 

Der du feierlich jüngst nichts zu gewähren mir schworst. 
Laß zukünftig den Eid, mir bleibst du nimmer verborgen: 

„Wo" und „wie" und „wem" weiß ich und endlich den Preis. 
184. 

Unnütz ist es mit List Menedemus zu fangen, ein Blinzeln 
Mit den Augen und schon sagt er dir selber: „Na ja! a 



— 237 — 



Lange besinnt er sich nicht, da wirst zu langsam ihm scheinen, 
Nicht wie ein träger Kanal, nein, wie ein Strom wird er gehn.* 5 ) 

Ebenso häufig aber, ja wohl noch häufiger hören 
wir die Klagen des Dichters über Launenhaftigkeit und 
spröden Stolz. Die Unbeständigkeit eines Knaben, der 
allemal gefällig sein will, wenn es dem Dichter nicht paßt 
und unliebenswürdig ist, wenn der Dichter Freundlichkeit 
verlangt, wird geschickt in einem einzigen Distichon 
skizziert, das freilich auf rhetorischen, der alten Erotik 
geläufigen Gegensätzen beruht. 

208. 

Will ich nicht, küssest du mich, und ich küsse dich, wenn du dich 

weigerst: 

Freundlich du, wenn ich geh; ruf ich dich, spröde und hart. 
Die Klage über eitle Koketterie und spröden Stolz 
verbindet der Dichter öfters mit der Drohung, daß die 
Strafe nicht ausbleiben wird, daß das Alter nur zu bald 
naht, und daß der Knabe, wenn erst seine Schönheit ver- 
blüht ist, dann gewiß freundliches Wesen annehmen wird, 
wenn niemand mehr von ihm etwas wissen will. Auch 
hat es sich schon gezeigt, daß er mit seiner Drohung 
recht hat, wer will denn zum Beispiel um den einst so 
schönen Alexis sich jetzt noch kümmern? Das möge 
also der Knabe beherzigen, andernfalls wird der Dichter 
auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Auch möge er 
bedenken, daß späte Reue zwar ganz schön ist, aber doch 
eben auch leicht zu spät kommen kann. 

185. 

Alle Knaben, die stolz und kokett mit purpurnen Kleidern 
Prahlen, Diphüus, nie flößen sie Liebe mir ein. 

Wie auf hohem Gebirg die Feigen, wenn sie zu reif sind, 
Dienen im günstigen Fall Raben und Geiern zum Fraß.* 1 ) 

In diesen Zusammenhang gehört das Epigramm 218: 
„Bis wie lange werde ich es noch ertragen, daß du nur 
lachst und nichts dazu sagst Sage doch einfach, Pasiphilus, 
„ja! 11 Auf meine Bitte lachst du bloß, ich bitte noch 



— 238 — 



einmal und du antwortest nicht Mir kommen die Tränen, 
du lachst. Grausamer, darüber lachst du?* Oder 193: 
„Glaubst du, Artemidorus, daß nicht einmal die Bache- 
göttinnen dir zurufen: „nichts über das Maß!? 11 Aber 
du sprichst so stolz und unfreundlich und wie es sich 
nicht einmal für einen Mimen geziemt, indem du alles 
wie. auf der Bühne behandelst Denke daran, du stolzer, 
denn auch du wirst einst lieben und dann wirst du selbst 
in der Rolle ,Die Ausgeschlossene' auftreten" * 7 ). Ebenso 
229: „Was ist es doch für ein guter Brauch, daß wir, 
Alexis, in den Busen speien aus Furcht vor der Nemesis, 
die langsamen Fußes uns naht? Du aber sähest nicht» 
wie sie dir auf dem Fuße folgte, sondern du glaubtest, 
daß du deine neidenswerte Schönheit immer behalten 
würdest Nun ist sie dahin, und es kam die gefürchtete 
Gottheit: nun gehen auoh wir, die wir dich früher ver- 
ehrten, acht] 08 an dir vorüber/ 

252. 

Trunken werde ich dich, o Tür, mit der Fackel verbrennen, 
Und den Bewohner im Haas, laufen dann eilig davon. 

Werde dann über das Meer, das Adriatisohe irren, 

Nächtlich klopfen hinfort nur an sich öffnender Tür.*«) 

182. 

Jetzt nun küßt du mich heiß, doch umsonst, da die Fackel der Liebe 
Gänzlich erlosch und du mir nimmer so reizend erscheinst 

Wie du früher so sprüd, nicht hab ich es, Daphnis, vergessen. 
Spät ist's, daß du bereust, aber — noch zeitig genug. 

Mit alledem ist aber das Thema der Liebe noch 
keineswegs erschöpft, noch bleibt die Erinnerung an ge- 
nossene Freuden und durchgekostetes Glück übrig, noch 
wird eine stattliche Anzahl von schönen Knaben und 
liebenswerten Jünglingen an uns vorüberziehen. Denn 
mannigfaltig sind die Werke des Eros und verschieden 
die Pfeile, die er im goldenen Köcher führt Ein schöner 
Knabe, der Blumen verkauft, erweckt in dem Dichter 
das Verlangen nach dem weit schöneren Kaufobjekte 



— 239 — 

als alle Blumen der Welt; einem anderen wird er noch 
treu bleiben, auch wenn dieser sich in eheliche Knecht- 
schaft begeben haben wird. Ein Freund des Dichters 
kann es sich leisten, sich eine wahre Musterkollektion 
der ausgesuchtesten Pagen zu halten, die durch ihre An- 
wesenheit in ihrer Eigenschaft als Mundschenken die 
Freuden des Gelages erhöhen. Recht so, mein Freund, 
dann aber darfst du es nicht übel nehmen, wenn ich mich 
in sie verliebe, denn noch sind meine Augen nicht mit 
Blindheit geschlagen. Ein anderer Knabe überstrahlt 
alle, wie die Sonne die Sterne an Glanz übertrifft Das 
aber hat er vor der Sonne voraus, daß er noch im Unter- 
gehen Sonne bleibt. Ja der Dichter kann auf eine Biene 
eifersüchtig werden, die wie kosend ein liebliches Knaben- 
antlitz beständig umfliegt. »Fort* ruft der Dichter, B laß 
meinen ,Honig' in Ruhe 11 wobei er die Liebkosung fxtlc 
hübsch verwendet. Oder er macht die Entdeckung, daß 
es falsch sei, wenn man von nur drei Grazien redet; daß 
es viel mehr gibt, beweise des Theokies schöne Gestalt. 
So wird das Thema variiert, nach allen Seiten bunt hin 
schimmernd, einem kostbaren Edelstein vergleichbar, der 
in goldner Fassung das Auge blendet. 

179. 

Zwar ich schwor es bei Zeus, daß ich niemals würde verraten, 
Was zn schenken mir heut, Theudis, der schöne, versprach. 

Doch nun jubelt mein Herz beglückt in seliger Freude, 
Und mein wonniges Glück nimmer verbergen ich mag. 

Sei es gesagt (und verzeihe du mir): er war mir zu Willen. 
Zeus, wie ist doch ein Glück süß, das man nimmer gehofft. 

8. 

Sah einen Knaben ich stehn beschäftigt Kränze zu binden, 
Als auf den Blumenmarkt neulich mich führte der Weg. 

Unverwundet nicht kam ich vorbei; ich trat zu dem Knaben, 
Fragte ihn leise sodann: „Sage, was kostet der Kranz?" 

Dunkler als Rosenglut errötend senkt «er die Augen : 

„Geh doch", bat er, „hinweg, daß dich der Vater nicht 

sieht!« 



i 



— 240 — 



Kauft ich den Kranz und schmückte daheim das Bildnis des Eros, 
Betend, daß mir der Gott jenen zum Danke beschert 

9. 

Jetzt, Diodor, bist du wunderschön und reif fttr die liebe: 

lieben werd' ich dich noch, selbst wenn du einstens vermählt. 

175. 

Zürne dem Freunde nicht, daß ihm deine Knaben gefallen, 
Oder halte dir nicht Pagen so mollig und schön. 

Wer hat ein Herz von Stahl und unersohüttert von liebe? 
Wer mag gerne nicht sehn reizender Knaben Gesicht? 

Das ist Gesetz auf der Welt Verdrießt dioh's, geh zu den Toten, 
Wo uns der Wein nicht perlt, wo uns die liebe nicht lacht 89 ) 

241. 

Sieh nun, Knabe, mich hier wie ein Fisch im Netze dir zappeln: 
Zieh mich, wohin du willst; kann dir ja nimmer entfliehn. 

178. 

Lodernd faßt mich die Glut, wenn Theudis andere Knaben 
Wie die Sonne an licht andere Sterne besiegt 

Jetzt noch lieb ich ihn heiß, da des Lebens Morgen dahin ist, 
Wenn sie auch untergeht, ist er doch Sonne auch jetzt 
249. 

Bienohen, wo hast du, sag an, meinen süßen Honig gesehen, 
Daß meines Knaben Gesicht Btets du, das zarte, umfliegst? 

Hörst du zu summen nicht auf und mit blumenbesuchenden Flügeln 
Seinem zarten Gesicht kosend und schmeichelnd zu nahn? 

Fliege nun schleunigst davon zu den honigbergenden Waben, 
Sonst den Stachel du fühlst, den mir die liebe verlieh. 
181. 

Lüge, mein Theokies, ist's, daß die Grazien huldvollen Sinnes' 
Seien, und daß nur drei man in Orohomenos ehrt 

Nein, denn fünfmal zehn umgaukeln dein liebliches Antlitz 
Schleudernd der Sehnsucht Pfeil unserer Seele zur Pein. 10 ) 

Überhaupt ist die Sehnsucht nach dem Geliebten 
ein öfters angeschlagenes Motiv der Knabenmuse Stratons, 
das in Epigramm 226 schön zum Ausdruck kommt: 

Lag ich die ganze Nacht und ständig flössen die Tranen, 
Und kein lindernder Schlaf stillte den nagenden Schmerz, 

Der mir das Herze bezwingt, da der traute Gefährte davonging, 
Einsam blieb ich zurück, da er nach Ephesus fuhr. 



— 241 - 



Das war gestern. 0 komm, komm bald zurück, Theodoras, 
Lang ertrage ich nicht, fehlt mir der nächtliche Freund. 
202. 

Eros führte mich selbst, mein Damis, mit Flügeln der Liebe, 
Als deinen Brief ich gesehn, der mir dein Kommen verhieß. 

Bin von Smyrna geeilt nach Sardes. Nicht KalaYs wäre 
Auch nicht Zetes ans Ziel schneller gekommen als ich. 

Wein und Liebe sind auch hier wie sonst verbunden, 
ja die Gabe des Dionysos steigert das Verlangen nach 
den Werken des Eros. 

199. 

Nunmehr hab ich des Weines genug, allmählich verwirren 

Sich die Gedanken, und Bohon fällt mir das Sprechen so schwer. 

Doppelt gespalten erscheint der Strahl der Lampe, und doppelt 
Zähl ich der Gäste Schar, rechne auch öfters ich nach. 

Schon begehre ich nicht allein den Knaben am Weinkrug, 

Schaue verstohlen bereits auch nach dem Wassermann hin. 41 ) 

Daß die Sehnsucht schließlich weiter geht und auch 
intime Dinge begehrt, darf der wissenschaftlichen Voll- 
ständigkeit wegen natürlich nicht verschwiegen werden. 
Und das ist ja schließlich auch kein Wunder. Daß der 
Knabenkörper rein künstlerisch und ästhetisch betrachtet 
harmonischer und schöner wirkt als der weibliche, hat 
Goethe z. B. trotz seiner Verehrung des ewig Weiblichen 
gesehen und an mehreren Stellen offen und rückhaltlos 
ausgesprochen.**) Allmählich beginnen vorurteilsfreie 

*) Ganymedes wurde als „Wasserträger* (aquarius) unter die 
Sterne versetzt Vgl. Lucian. diaL deor. 4,3. 

**) Vgl. z. B. die begeisterte Schilderung des badenden 
Ferdinand (Briefe aus der Schweiz. Erste Abteilung, gegen Ende). 
Die Badeszene im elften Kapitel des zweiten Buches der Wander- 
jahre. Ferner die Schrift über Winokelmann, zumal die Kapitel 
„Heidnisches", „Freundschaft", „Schönheit". Unterhaltungen mit 
dem Kanzler Friedrich von Müller Nr. 265 (Mittwoch, 7. April 1880): 
Er (Goethe) entwickelte, wie die griechische liebe eigentlich daher 
komme, „daß nach rein ästhetischem Maßstab der Mann 
immerhin weit schöner, vorzüglicher, vollendeter wie 
die Frau sei" usw. Die ganze Stelle ist abgedruckt im „Jahr- 
buch" VH (1905), Seite 127. 

Jahrbuch IX. 16 



— 242 — 



Männer auch unserer Zeit den Mut zu haben, dasselbe 
ehrlich zu bekennen.*) Das ästhetische Wohlgefallen an 
der Schönheit des harmonisch entwickelten Knabenkörpers 
ist der Beginn der griechischen Knabenliebe. Die Ent- 
deckung, daß der geliebte Knabe auch durch seine 
geistigen Eigenschaften den Wettbewerb mit der Weib- 
lichkeit nicht zu scheuen brauchte, führte zu weiterer 
Vertiefung und Veredelung dieser Liebe. Mit Entzücken 
sah der geistig hochstehende Grieche sich vor die Auf- 
gabe gestellt, in einem schönen Körper die schöne Seele 
zu wecken, die bildungsfähige zu modulieren, kurzum aus 
dem geliebten Jungen das zu machen, was sie xa).b$ xai 
ayaSog nannten. Das war es, was Sokrates mit seinen 
Schülern wollte, und da diese es einsahen, was sie ihrem 
Lehrer und Freunde verdankten, darum hingen sie mit 
einer Liebe und Verehrung an ihm, die eben nur denen 
verständlich sein kann, die das wahre Wesen griechischer 
Knabenliebe erkannt haben. Von der Schönheit des 
Körpers ging sie aus, das ist über jeden Zweifel erhaben, 
dann aber kam das zweite und wichtigere: in diesem 
schönen Gefäß die geistigen Anlagen zu wecken und zu 
veredeln, und daß dies bei dem Knaben und Jüngling 



*) Vgl. Eduard von Mayer; Pompeji in seiner Kunst S. 48: 
. . . „aber das schönste aller irdischen Gebilde ist doch der Mensch . . . 
In der Menschheit ist aber wiederum am schönsten der reife Jüng- 
ling. S. 49: „Eben im Epheben, dem Jüngling von 18 Jahren ab, 
ist der Ausgleich der beiderlei Formen vollkommen; er vereinigt 
die herbe Kraft des eng Männlichen mit der weichen Anmut des 
Weiblichen — wie der Narkissos zeugt: er hat nicht die vorladenden 
Schultern des Mannes, noch die vortretenden Hüften des Weibes, 
sein Rumpf ist völlig rund und doch schlank. Brust und Bauch 
sind ebenmäßig gewölbt, Rücken und Lenden von edlem Schwünge 
der Linien, Arme und Beine kraftvoll geschwellt und doch nioht 
athletisch überspannt" usw. — Paul Adam: L'lphebe offre une 
beautä plus durable que la vierge; et cet espoir de duree suffit 
Beul a justifier sa suprömatie. 



— 243 — 



eine dankenswertere Aufgabe ist, als bei dem Mädchen 
und der Frau, das wußten die Griechen mit gesundem 
Takt und richtiger Erkenntnis. Den Anforderungen ihrer 
kraftvollen Sinnlichkeit genügten die Frauen vollkommen, 
aber ihren geistigen und ästhetischen Bedarf deckten sie 
beim Knaben und Jüngling. Alles auf der Welt geht 
aber über das Durchschnittsmaß zuweilen hinaus, und daß 
es schließlich dazu kam, daß sie bei dem geliebten Jüng- 
ling, mit dem sie das Herz verband, auch den Detumes- 
censtrieb zu befriedigen suchten, muß und kann ohne 
weiteres zugegeben werden. Und daß diese verlangende 
und sinnliche Leidenschaft ihren Niederschlag schließlich 
auch in der Poesie findet, ist an sich wahrscheinlich und 
wird durch das XLL Buch der Palatinischen Anthologie 
reichlich bestätigt Es würde ein wesentliches zur 
Charakteristik Stratons fehlen, wenn die derb erotischen 
Poesien mit Stillschweigen übergangen würden. Da ich 
aber kein Verlangen spüre, mich mit dieser Seite des 
Ttaidwv BQwg eingehend zu beschäftigen, so wird man es 
mir nicht übel nehmen, wenn ich die in Frage kommen- 
den Epigramme nicht mit übersetzte und mich damit 
begnügte, in den Anmerkungen den griechischen Text 
abzudrucken. Die meisten dieser Epigramme hat übrigens 
Dr. Otto Knapp übersetzt und kurz erläutert. 81 ) 

Je größer aber die Schönheit des Knaben ist, je 
mehr er den Dichter durch jugendliche Frische und An- 
mut entzückt, umso näher liegt die Klage, daß die Schön- 
heit so schnell vergeht und daß dem schönen Lenz und 
Sommer ein unerfreulicher Herbst und Winter folgt, ein 
Gemeinplatz der antiken Liebespoesie, der uns schon in 
dem ersten Teile unserer Untersuchung wiederholt be- 
gegnet war (vgl. I, S. 664). Gern verbindet sich mit 
dieser Klage die Warnung, die einmal Vergil (ecl. 2, 17) 
in die Worte zusammengefaßt hat: 

0 formose puer, nimium ne orede colori. 

16* 



— 244 — 



Wie die Blumen verblühD, so welkt auch die Blüte der 
Knabenschönheit nur zu schnell, und wenn erst der häß- 
liche Bart kommt, dann ist es mit der Schönheit und der 
Liebe vorbei. 

234. 

Wenn da mit Schönheit prahlst, Bieh, herrlich blühen die Rosen, 
Ach nnd so bald verwelkt mögen sie niemand erfreon. 

Wie die Blume verblüht, so schwindet die süßeste Schönheit, 
Schönheit und Blumen zugleich tötet die neidische Zeit 

186. 

Mentor, sage, im Stolz wie lange noch willst du verharren? 

Kaum daß der Hochmut dir mich zu begrüßen erlaubt! 
Glaubst du, es würde dir stets die Jagend, die köstliche, bleiben, 

Würdest immer im Tanz zierlich da wiegen den Leib? 
Wachsen wird dir ein Bart, dss letzte, doch schlimmBte der Übel : 

Dann ist die Klage zu spät, wenn es an Freunden dir fehlt 

Mit einer gewissen, logischen Notwendigkeit resultiert 
aus der Tatsache, daß die Schönheit so schnell vergeht, 
die Aufforderung, die Jugend zu nützen und nicht durch 
übel angebrachte Sprödigkeit des Lebens schönste Zeit 
vergeblich vorübergehen zu lassen. Bald wird die Zeit 
kommen, da dich niemand mehr begehrt, so predigt der 
Dichter, drum muß dir schon der gesunde Menschen- 
verstand sagen, im Genuß der Stunde das einzig er- 
strebenswerte Ideal zu erblicken, eine an sich selbst- 
verständliche Mahnung, der aber der Dichter gelegentlich 
selbst durch das schwere Rüstzeug der Philosophie neckisch 
Nachdruck verleiht 

215. 

Jetzt bist du Lenz, nnd Sommer gar bald; was wirst du dann werden, 
Cyris? Denke daran, daß nur die Stoppel dir bleibt 

285. 

Wenn deine Schönheit vergeht, so gib sie mir, eh sie dahin ist; 
Bleibt sie bestehn, warum weigerst du, was dir doch bleibt? 

224. 

Das ist der richtige Pfad, den wir gemeinsam betraten, 

Laß uns, mein Diphilus sehn, daß er bestandig uns bleibt 



— 245 — 



Beiden verlieh uns das Los ein flüchtiges: dir deine Schönheit, 
Mir die liebe zu dir: Schönheit und Liebe vergeht 

Eins mit dem andern vereint mag wohl eine Weile bestehen: 
Doch voneinander getrennt flattern sie beide davon. 

248. 

Ob der Geliebte verblüht, wie möchte dies sicher erkennen, 
Wer zusammen mit ihm lebt und ihn nimmer verläßt? 

Sollte nicht der auch heut mich erfreun, der mich gestern entzückte? 
Freut er mich heut, warum sollt* er es morgen nicht tun? 

197. 

Einer der Weisen sprach, der sieben: „Nütze die Stunde!* 4 
Ist viel lieblicher doch alles, so lang es noch blüht 

Auch die Feige ist schön, die jung von den Bäumen man abpflückt: 
Ist sie erst mürbe gereift, dient sie den Schweinen zum Fraß. 

Nicht nur die Philosophie dient dem Dichter als 
BundesgeDossiii, auch die reichen Gebilde der Mythologie 
weiß er geschickt zu verwerten, wie ja das Mythologische 
ein unentbehrliches Kequisit der elegischen, zumal der 
erotischen Dichtung der Alten ist. Durch den Raub des 
Ganymedes hatte ja Zeus selbst für alle Zeiten das er- 
habene Beispiel und Vorbild den Paedophilen gegeben 
(vgl. oben, S. 231); es ist daher nur natürlich, daß in der 
Poesie Stratons wiederholt dieses Raubes gedacht wird, 
wie er auch sonst in dem XIL Buche der Anthologie 
des öfteren erwähnt wird. Dabei überrascht auch hier 
die Mannigfaltigkeit des dichterischen Ausdrucks und die 
verschiedene Art, wie der Knabenraub verwendet wird. 
Die Tatsache, daß der schöne Agrippa noch unbehelligt 
auf der Erde wandelt, vermag sioh der Dichter nur durch 
die Annahme zu erklären, daß Zeus eben nicht mehr 
nach schönen Knaben ausschaut, sonst hätte er Agrippa 
längst rauben müssen, da dieser doch viel schöner als 
Ganymedes ist. Oder wir lernen eine sinnige Umdeutung 
des Prometheusmythus kennen. Der Adler, der dem 
unglücklichen, gefesselten Prometheus die Leber zer- 
fleischt, ist derselbe Adler, der einst den Ganymedes 



— 246 — 



entführt hatte. Aber nicht deswegen erleidet Prometheus 
seine grausige Strafe, weil er den Menschen das Feuer 
gebracht hatte, wie sonst erzählt wird, nein, weil er bei 
Erschaffung der Menschen nicht daran dachte, den Knaben 
ewige Jugend zu bewahren (220). 

194. 

Wenn von der Erde Zeus noch heute sterbliche Knaben 

Raubte zu himmlischen Höhn, ihm zu kredenzen den Wein, 

Hätte als Adler gewiß er langst den schönen Agrippa 

Zu sich genommen zum Dienst seliger Götter beim Mahl. 

Hättest du ihn gesehn, o Zeus, ich glaube, dann lieflest 
Ganymedes sogar sicher verächtlich du stehn. 

Das folgende Epigramm stand wahrscheinlich auf 
oder unter einem Gemälde, das die Entführung des 
Ganymedes durch den Adler des Zeus darstellte. 

221. 

Fliege zum Äther empor, flieg auf mit dem reizenden Knaben, 
Adler, und breite das Paar dunkeler Fittiche aus. 

Fliege empor Ganymed, den zarten, sanftiglioh tragend, 
Dafl er den süßesten Trank wonnig kredenze dem Zeus. 

Aber ritze ihm nicht den Leib mit gebogener Kralle, 

Dafl dir der Gott nicht zürnt um seinen Liebling betrübt 81 ) 

254. 

Welch einem heiligen Hain entstammt dieser Schwann von Eroten 
Alles erfüllend mit Glanz? Himmel, ich sehe mich blind. 

Wer von ihnen ist Sklav, wer frei? Doch ist es unmöglich, 
Dafl ein sterblicher Mensch solch einen Harem besitzt 

Reicher wäre als Zeus, wem solche Menge von Knaben 
Eigen sind, da dem Gott nur Ganymedes gehört. 

Wie aber unter den Göttern die Liebe des Zeus zu 
Ganymedes, so ist unter den Menschen berühmt die 
Freundschaft zwischen Achilles und Patroklos. (Vgl. 
I, 8. 673.) 

217. 

Weh! nun ziehst du ins Feld, fast noch ein törichter, zarter 

Knabe! Was tust du, sag an, muß es denn wirklich gescheht ? 



— 247 — 



Weh! wer hieß dich ergreifen den Speer und den Schild mit den Händen, 
Wer nnr hieß dich den Helm setzen aufs blühende Haupt? 

0, wie glücklich (wer es auch sei) ist der neue Achilles, 
Der in seinem Gezelt solches Patroklos sich freut! 

Freilich hat auch diese Liebe wie die weibliche, eine 
häßliche Schattenseite, das ist die Habsucht und Geldgier 
der käuflichen Knaben. Auch dieses ist aus den stereo- 
typ überlieferten Motiven der erotischen Dichtung in die 
paedophile Poesie hinübergenommen. 88 ) Trauernd macht 
der Dichter die Entdeckung, daß der Knabe sich nicht 
mehr mit allerlei Naschwerk begnügt, Geld will er haben, 
und der Dichter verwünscht den, der den Geliebten 
dieses gelehrt und ihn so verdorben hat Ein anderes- 
mal ist die Leidenschaft zu stark, so daß der Dichter 
alles geben will, was verlangt wird. 

212. 

Weh mir, was soll die Träne im Aug', was bist du so traurig? 

Sage doch, was dir fehlt, Junge, und was du begehret 
Nunmehr streckst du mir hin die Hand, die hohle, o Jammer! 

Also verlangst du Geld! Wer hat dich dieses gelehrt? 
Bist nicht mehr mit Gebäck, mit Honigkuchen zufrieden, 

Nicht mit Nüssen wie sonst, die ich zum Spiele dir gab. 
Nein, du denkst an Geld und Gewinn! 0 Fluch über jenen, 

Der dich dieses gelehrt und deine Liebe mir nahm! 

289. 

Forderst du fünf? Ich gebe dir zehn, ich gebe auch zwanzig. 
Bist du zufrieden damit? Danae* war' es gewiß. 84 ) 

Aber das drohende Gespenst im Hintergrunde will 
nicht weichen: das Alter naht, und wer seine Schönheit 
früher unverhüllt zeigte, geht wohl jetzt bis an die Knöchel 
vermummt einher. 

176. 

Warum so traurig, Menipp, und eingehüllt bis zum Knöchel, 
Der du doch sonst das Gewand rafftest bis über das Knie? 

Warum gehst du bo Bcheu und ohne zu reden vorüber? 

Weiß doch, was du verbirgst: sieh, „die Verhaßten 11 sind da.*) 

*) Gemeint ist die Behaarung der Brust und Schenkel, oder 
auch der Bart (vgl. oben S. 224). 



— 248 — 



191. 

Warst du nicht gestern noch Kind? Aach nicht die Spar eines Bartes 
Sah man. Sage doch nur, wie ist das Unglück geschehn. 

Daß mit häßlichem Haar bedeckt, was früher so schön war? 
Gestern Troilns noch, heute ein Priamns schon!**) 

Aber trotz aUedem ist das Gesamtresultat, daß der 
Dichter die Liebe, die sein Herz beglückt, Dicht auf- 
zugeben gedenkt, und unerschöpflich wie die Liebe zu 
den Knaben, sind auch die Lieder, die er zu ihrem Preise 
gedichtet hat 

258. 

Glanben möchte vielleicht, wer diese Scherze der liebe 
Liest, er habe darin all mein erotisches Mtthn: 

Nein, noch Lieder genug für andere Freunde der Knaben 
Werde ich singen, denn dies hat mir verliehen der Gott. 

2. Meleagros aus Gadara. 

Der als Kyniker wie fruchtbarer Dichter gleich- 
bekannte Meleager war zu Gadara in Koile-Syrien ge 
boren und gehört dem letzten vorchristlichen Jahrhundert 
an. In seinen zahlreichen Epigrammen, die sich durch 
eine flüssige und graziöse Sprache aber auch durch eine 
gewisse Sentimentalität auszeichnen, bildet die Liebe den 
wesentlichen Inhalt; unter den vielen Mädchen, deren 
Schönheit der galante Dichter in immer neuen Wendungen 
huldigt, sind es zumal Zenophila und Heliodora, die 
ihm das Herz erfüllen, und in zwei zierlichen Epigrammen 
(V 197 u. 198) gibt uns Meleager einen ganzen Katalog 
einer stattlichen Anzahl seiner Liebohen. 

In seiner Jugend finden wir den Dichter in Tyros. 
Hier wollte er von Mädchen nichts wissen ; desto empfäng- 
licher war er für Knabenschönheit und wenn auch die 
Zahl derer, für die er glüht, eine recht ansehnliche ist 
(Katalog der geliebten Knaben XII 256), so ist es doch 
der schöne Myiskos, den er am meisten liebt, und der 
uns in den Epigrammen am öftesten begegnet. Es scheint, 



— 249 — 



als ob Meleager später auf der Insel Kos weilte, wo er 
die früher erwähnte Sammlung von Epigrammen (sein 
mä<pavo$ 9 vgL oben S. 217. Dichter von Sappho an bis 
auf seine Zeit, siehe A. P. IV 1) dem von ihm geliebten 
Diokles aus Magnesia widmete, der dann später als 
philosophischer Schriftsteller tätig war. Auf der Insel 
Kos scheint er auch gestorben zu sein. 86 ) 

Von den 60 Gedichten des Meleagros, die im 
12. Buche der Anthologie überliefert sind, sind 37 an 
Knaben gerichtet, die mit Namen genannt werden, und 
zwar finden wir nicht weniger als 18 Knaben, denen 
eigene Gedichte gewidmet sind; daneben aber werden 
noch soviel andere erwähnt, daß man über die leichte 
Empfänglichkeit, man möchte sagen über die Vielseitig- 
keit des Dichters auch dann noch staunt, selbst wenn 
man manche Gedichte nur als ein poetisches Spiel auf- 
faßt, dem ein wirklicher Hintergrund mangelt oder wenn 
man annimmt, daß derselbe Knabe vielleicht das eine 
oder andere Mal unter verschiedenen Namen auftritt. 
Meleager ist jedenfalls davon fest überzeugt, daß dem 
natSwv €Q(üg der Vorzug gebühre und er weiß dieses 
Resultat der oft erörterten Frage mit einer neuen über- 
raschenden Pointe geschickt zu begründen: 

86. 

KypriB, die weibliche, weckt die weibverlangende liebe, 
Etob, der männliche, lenkt knabenbegehrende Glut. 

Wem nun folg' ich? Dem Sohn? Der Matter? Doch glaube ich, Venus 
Selber würde gewiß sagen: „Der Knabe hat Recht." 

Wenn eben das süße Wunder des Eros aufflammt, 
dann ist es mit der Vernunft vorbei und nur die Leiden- 
schaft herrscht (117). Das ist auch ganz begreiflich, 
denn Eros hat schon in zartestem Alter mit der Seele 
des Dichters wie mit Würfeln gespielt und sie dabei ver- 
loren (47). An allem aber sind die Augen des Dichters 
schuld, die begierig die Schönheit der Knaben trinken, 
so daß dann Eros über die Seele Macht gewinnt. 



— 250 — 



92. 

Die ihr die Seele betört, ihr nach Knaben spähenden Augen, 

Denen durch Kypris Macht nimmer die Schönheit entgeht, 
Fingt einen Eros ihr ein wie den Wolf die Lämmer, wie Krähen, 

Fangen den schlimmen Skorpion, der sie zu Tode dann beißt?*) 
Tut» was ihr wollt. Doch warum vergießt ihr quellende Tränen 

Und zur Sonne warum kehrt ihr doch immer zurück? 
Laßt euch versengen vom Strahl der Sonne mit heimlichem Feuer, 

Denn schürt Eros die Glut, schmelzen die Seelen dahin. 

Nun hilft es nichts mehr, die Seele ist gefangen und 
müht sich, zu entkommen, wie ein gefangenes Vögelchen 
aus dem Käfig zu fliehen strebt Eros selbst hat der 
Seele die Flügel gebunden, ein Feuer in ihr entzündet 
und der dürstenden nichts als heiße Tränen zu trinken 
gegeben. Aller Jammer ist vergeblich, da sie ja den 
Eros in ihrem Innern hat aufwachsen lassen (132). So 
muß sich denn der Dichter dem Eros für besiegt erklären, 
und ihm seine Niederlage eingestehen. 

48. 

Setz auf den Nacken den Fuß, du schrecklicher Gott, dem Besiegten, 
Dich, wie schwer du auch bist, weiß zu ertragen ich doch, 

Weiß auch dein feurig Geschoß, drum triff mich mit flammendem Pfeile, 
Dennoch versengst du mich nicht: bin schon zu Asche gebrannt 

Das ist aber auch alles so natürlich, meint er, denn der 
Knabe ist so herzbetörend schön, daß sogar Aphrodite 
ihn lieber anstatt des Eros zum Sohne haben möchte (54). 
Seine Schönheit hat er von den Grazien selbst, die dem 
Knaben einst begegneten und ihn in ihre Arme schlössen: 
so erklärt sich die holde Anmut seines jugendlichen 
Körpers, sein süßes Plaudern und die stumme, aber doch 
so beredte Sprache seiner wonnigen Augen (122). Sehn- 
sucht tritt an Stelle der Liebe, wenn er fern weilt, etwa 



*) Sprichwörtlich: xoQoiyt} tov axoqmoy (so. ^naaey) „Die 
Krähe fing den Skorpion* wird von denen gesagt, die etwas ton, 
was ihnen selbst Schaden bringen muß. Nachweise bei Leutsch, 
paroemiographi II, p. 119, 85. 



— 251 — 



gar eine Seefahrt hat antreten müssen. Dann beneidet 
der Dichter das Schiff, die Wellen, den Wind, die sich 
des Einzigen freuen dürfen, und er wünscht zum Delphine 
zu werden, um ihn auf gefälligem Bücken sanft an das 
ersehnte Ziel zu tragen (52, vgL 53). Die liebeheischen- 
den Gedanken des Dichters verdichten sich nächtlicher 
Weile auf einsamem Lager zu süßen Träumen. 

125. 

Führte in Bttßem Traum das Bild eines holden Epheben 

(Achtzehnjährig, jedoch noch in der Knaben Gewand) 
Eros ins Lager mir heut. loh preßte den wonnigen Körper 

Fest ihn umschlingend ans Herz, pflückte das eitele Glück. 
In der Erinnerung quält mich nun die Sehnsucht, denn immer 

Schwebt mir vor Augen der Traum, ruft die Erscheinung zurück. — 
Unglückseliges Herz, laß ab an den Bildern der Schönheit 

Nächtlich zu schwelgen im Traum, wenn dir die Wirklichkeit fehlt. 

Leicht kann man dem Dichter den Unwillen nach- 
empfinden, der ihn ergreift, wenn er aus solchen Träumen 
vorzeitig erweckt wird. Das törichte Krähen eines Hahnes, 
der sein süßes Traumleben beendet, bringt den Dichter 
zu einer durch ihr Pathos komisch wirkenden Ver- 
wünschung des gefühlsrohen Tieres (137). 87 ) 

Ein andermal hat der Dichter eine Seefahrt unter- 
nommen: alle Gefahren des Meeres sind glücklich über- 
standen, freudig verläßt er das schwankende Schiff und 
betritt wieder den festen Boden, da tritt ihm wieder das 
Schicksal entgegen in Gestalt eines schlanken, biegsamen 
Knaben: neue Liebe, neues Leben. 

84. 

Eilet zur Hilfe herbei Kaum kehrt 1 ich zurüok von der Seefahrt, 

Setzte, entronnen dem Meer, wieder den Fuß auf das Land, 
Fing schon Eros mich ein: eines Knaben liebliches Antlitz 

Leuchtendem Sterne gleich zeigte mir neckisch der Gott. 
Folge ihm Schritt für Schritt und hasche das liebliche Köpfchen 

Mit meinem Mund in der Luft, küsse es zärtlich und heiß. 
Der ich entrann der salzigen Flut muß nun auf dem Lande 

Noch durch der liebe Meer, das doch viel bitterer ist 



— 252 — 



Das folgende, etwas mattere Gedicht, ist entweder 
die Fortsetzung des eben gehörten, oder es setzt eine 
andere ähnliche Situation voraus oder endlich, es ist die 
Nachahmung (amöbäische Antwort ?) eines anderen Dichters, 
der sich in ähnlichem Vorwurfe versuchte. 

85. 

Nehmt, ihr Zecher mioh au£ der zwar dem Meere entronnen, 

Der den Piraten entkam, doch auf dem Lande vergeht 
Eben verließ ich das Schiff und setzte den Fuß auf den Boden, 

Als mioh Eros ergriff, der mioh zur Stelle geführt, 
Wo ich vorbei gehn sah den Knaben, dem schleunigst ich nachging« 

Ohne zu wollen es selbst, schritt ich bewußtlos dahin. 
Nicht vom Weine betört, durchglüht vom Feuer der liebe 

Komm' ich zu eurem Gelag, flehe um Hilfe euch an. 
Freunde stehet mir bei und bei dem gastlichen Eros 

Nehmet mioh armen auf, der eure Liebe begehrt 

Dort beim fröhlichen Zechgelage hofft er seines 
Liebeswehs zu vergessen, denn „wundervoll ist Bacchus 9 
Gabe, Balsam fürs zerrißne Herz.* 

49. 

Trinke, Verliebter, den Wein, und die Glut deiner Liebe zum Knaben, 
Wird einschläfern der Gott, der dir Vergessenheit schenkt 

Trinke und leere den Krug gefüllt mit dem Blute der Bebe, 
Treibe den nagenden Schmerz dir aus der Seele heraus. 

Freilich, wie Bacchus Bundesgenosse im Kampfe 
gegen Eros ist, so ist er doch auch treulos und un- 
zuverlässig, denn er löst die Zunge und bringt leicht das 
lang gehegte Liebesgeheimnis ans Tageslicht. 

119. 

Dennoch biet 1 ich dir Trotz, Dionysos, führe den Beigen: 
Seht, ein unsterblicher Gott lenket ein sterbliches Herz. 

Da dich das Feuer gebar, so liebst du die Flamme des Eros. 
Mioh, der ich bittend dir kam, führst du gebunden einher. 

Treulos bist du und falsch: für deine Geheimnisse Schweigen 
Fordernd deckest du nun selber die meinigen auf. 

Die »süßen Kindereien" der Knabenfreundschaft, die 
uns Epigonen Friedrich Perzynski so schön geschildert 



— 253 — 



hat,*) gelten auch dem Meleager als der Inbegriff alles 
Schönen und Poetischen. 

164. 

Süß ist's mischen den Wein mit der Bienen lieblichem Honig, 
Süß auch ist es zu sein schön, wenn man Knaben begehrt. 

Wie da Alexis liebt den Lookenkopf Eleobnlns: 
Solohe Liebe ist BÜß, kyprisches Honiggetränk. 

Beständig ist seine Phantasie von der Vorstellung 
holder Knaben erfüllt; so gelingt ihm die hübsche Vision 
von dem „Liebesschiff*; 

157. 

Kypris ist Herrin des Schiffs, und Eros lenket das Steuer 
Meiner Seele und hält sicher den Griff in der Hand. 

Mächtig bläst in das Schiff der Sturm verlangender Sehnsucht, 
Ziellos treibt mich umher knabenbevttlkertes Meer. 

Ein andermal ist er gleichzeitig in zwei Knaben ver- 
liebt, in den Kleobulus, dessen Haut weiß wie Lilien 
schimmert und in Sopolis, der ihm durch dunkleren Teint 
gefällt Das ist ja auch ganz natürlich, meint der Dichter, 
heißt er doch Meleagros (165) **) 

Daß endlich auch auf der Leier des Meleagros stark 
erotische Töne erklingen, wird nach dem früher Erörterten 
niemanden wundern; doch tritt das unverhüllt sinnliche 
Element bei ihm viel mehr zurück als bei Straton, so 
daß wir nur drei Epigramme zu verzeichnen haben, die 
in der Anmerkung * 8 ) abgedruckt sind. 

Kranz schöner Knaben. 
256. 

Dir, Aphrodite, band aus Blumen lieblicher Knaben 
Herzbetörenden Kranz Eros mit eigener Hand. 

*) Fr. Perzynski, zwei Welten, eine erotisch-moralische 
Szene. Zuerst in „das neue Magazin". 73. Jahrgang. Heft 19, 
Berlin (Jacques Hegner) 5. Novemb. 1904, Seite VII— X. Dann in 
Buchform: Weltstadtseelen, Noveletten. München, Alb. Langen 1904. 
Besprechung im „Jahrbuch* VII (190')) 2, Seite 893 f. 

**) Der Name ist zusammengesetzt aus fieXag (schwarz) und 
upyös (weiß). 



— 254 — 



Denn als Lilie flocht er hinein Diodoros, den süßen, 

Asklepiades blüht hold als Levkoie im Kranz. 
Herakleitos erstrahlt ein frisch anfknospendes ROslein, 

Dion gleich wie des Weins Bebe, die wilde, erblüht 
Theron fügte er bei als golden blühenden Krokns, 

Zierlichen Thymianzweig stellet Uliades dar. 
Schlank wie des Ölbaums Reis Myiskos im Schmucke der Locken 

Fügte als Myrthenzweig reizend dem Kranze er bei. 
Tyros, dn seliges Land, da heiliges, das da der Knaben 

Myrrhenduftenden Hain, blumengeschmückten da trägst. 

Der in dem eben gehörten Gedichte an letzter Stelle 
genannte Myiskos überragt in dem reichen Kranze der 
Knaben, die Meleagros geliebt hat, alle anderen Blumen 
bei weitem. Schon der Name ist ein Kosewort, denn 
Myiskos heißt „Mäuschen",*) und der Dichter wird nicht 
müde, in immer neuen Variationen diesem seinem bevor- 
zugten Lieblinge zu huldigen. Ihn sehen, ist einziges 
Glück, er allein ist schön und überragt alle anderen bei 
weitem. 

154. 

Ja, der Knabe ist süfl and süß sein Name „mein Mäuschen", 
Warum sollt 1 ich ihn nicht küssen so herzig and liebV 

Denn er ist schön, ja schön, bei Kypris — doch stellt ersieh spröde — 
Gern dem Honige mischt Eros das Bittere bei. 

59. 

Herzige Jangen gibt es in Tyros, aber Myiskos 

Unter der Sterne Heer strahlt er als Sonne hervor. 

106. 

Eins nur schön mir erscheint, nur eins begehren die Augen 
Sehnend, Myiskos zu Schaan, bin für das andere blind. 

Alles zaubert er mir vor die Seele, oder zu Schmeichlern 

Warden die Aagen vielleicht, sehen nun alles nach Wunsch. 

Besonders sind es die Augen des Myiskos, deren 
Schönheit der Dichter mit Entzücken preist: 



*) Myiskos hieß anch einer von den Edelpagen des Antioohas. 
Polyb. V 82, 13. Aach auf einer Vase ans Thasos findet sich der 
Name (C.I. G. IV 8518, III 11, S. 259). 



— 255 — 



159. 

Fest gekettet an dich sind mir die Seile des Lebens, 

Was von der Seele mir blieb, lebt nur, Myiskos, in dir: 

Bei deiner Augen Paar, das auch für Blinde beredt spricht, 
Bei deiner Brauen Kranz schwör ich, dem strahlenden, dir: 

Blickst du mal finster mich an, so sehe ich stürmischen Winter, 
Zeigst du mir freundlich den Blick, leuchtet mir lieblich der Lenz. 

110. 

Leuchtende Anmut strahlt: wie Blitze sprühn seine Augen. 

Bat dir Eros den Blitz, Knabe, als Waffe geschenkt? 
Heil Myiskos, du bringst den Menschen die Flammen der Liebe, 
Strahle den Sterblichen du, mir als entzückender Stern. w ) 

Früher freilich hatte der Dichter wohl über die 
leicht verliebten Toren sich lustig gemacht, doch Eros 
läßt nicht mit sich spotten: 

28. 

Der ich doch sonst gelacht, wenn verliebt die Jünglinge schwärmten, 
Vor des Geliebten Haus, zapple nun selber im Netz. 

Eros heifit mich nun stehn an deiner Türe, Myiskos: 
Seines Triumphes freut sich der geflügelte Gott 

Doch nicht nur Eros freut sich seines Triumphes, 
auch Myiskos selbst jubelt auf von Stolz beglückt, daß es 
ihm gelang, den Trotzigen zu unterjochen. 

101. 

Mich, dem die liebe noch fremd, traf mitten ins Herze Myiskos, 
Aus den Augen den Pfeil schießend und jubelte laut: 

„Fing ich den Trotzkopf ein, und den Stolz, der im Auge dir blickte, 
Den deine Weisheit dir gab, tret ich mit Füßen in Staub!" 

Sagte ihm seufzend darauf: „Geliebter Knabe, was willst du? 
Selbst der Olympische Zeus folgte des Eros Gebot." 

Gern aber hat er sich bekehren lassen, und nun, da 
er der Liebe seines Myiskos sicher ist, wird sein Glück 
nur durch die bange Sorge getrübt, daß ihm Zeus den 
Knaben entführen könnte. 

65. 

Wenn Zeus jener noch ist, der einst Ganymedes entführte, 
Daß er als holder Gesell Nektar kredenze dem Gott: 



— 256 — 



Schleunigst maß ich alsdann verbergen den schönen Myiskos, 
Sorgend, daß er ihn mir heimlieh als Adler entführt 
70. 

Selbst mit Zeus versuch ich den Kampf, falls dich zu entführen, 
Hein Myiskos, er denkt, daß da den Nektor ihm reichst. 

Und doeh sagte der Gott mir oft: „Was fürchtest da also? 
Eifersucht kenne ich selbst, fürchte nicht solches von mir!" 

Zwar so sprach er; doch selbst, wenn nur eine Fliege vorbeihuscht, 
Sorge ich, daß sich Zeus doch noch als Lügner erweist 

Diese Sorge des Dichters ist freilich leicht zu er- 
klären: ist doch selbst Eros in dieses Schönheitswunder 
Myiskos verliebt: 

144. 

An Eros. 

Herzensräuber, du weinst? Fort warfst da Bogen and Pfeile? 

Traarig läßt da das Paar hängen der Flügel herab? 
Taten es gar dir an Myiskos* strahlende Augen? 

Die du anderen schufst, fühlst da nun selber die Pein. 

Wer solchen Knaben sein eigen nennt, des Herz 
muß in ungestümer Sehnsucht schlagen, wenn eine kurze, 
aber grausame Trennung erfolgt ist; dieser Sehnsucht 
gilt das schöne Epigramm 

167. 

Winterlioh heulet der Sturm, doch führt zu dir, mein Myiskos, 
Eros weg mich vom Fest wonnige Tränen im Aug. 

Heftig brauset der Sturm verlangender Sehnsacht im Herzen: 
Nimm aas dem Liebesmeer da in den Hafen mich auf. 40 ) 

Ein anderer unter den Lieblingen des Meleagros war 
Herakleitos, dem drei Epigramme gewidmet sind. 

68. 

Schweigend zwar, doch beredt sprach Heraklit mit den Augen: 
„Heißer als Jupiters Blitz sengend das Auge mir strahlt 11 

So auch spricht Diodor beredt durch den Beiz seiner Brüste: 
„Schmelzen kann ich den Stein, wenn meine Haut ihn erwärmt*. 

0 wie tut er mir leid, der aus jenes Augen die Strahlen 
Oder aus jenes Brust schmachtend das Feuer empfängt 
72. 

Schon graut traulich der Tag, doch immer noch harrt vor der Türe 
Damit, in Sehnsuohtspein halb schon vergangen und Weh, 



— 257 — 



Sterblich in Heraklitos verliebt: ihn traf seiner Augen 

Strahl, und er schmolz wie Wachs unter des Kusses Gewalt. 

Damis, wach auf, Unglücklicher du: denn selber von Eros' 
Pfeile getroffen ins Herz weine ich leidend mit dir. 41 ) 

Die anderen Sterne. 

1. Autioohos. 

54. 

Seit sie Antioohos sah unter Knaben als neuen Cupido, 
Leugnet Kypris es ab, Mutter des Eros zu sein. 

Auf, ihr Jünglinge denn und liebt den neuen Cupido: 
Dieser Cupido stellt schöner als Eros sich dar. 

78. 

Wenn die Chlamys statt des Flügelpaars und wenn statt des Bogens 
Und der Pfeile der Qott Eros den Petasos trüg*:*) 

Würde man Eros gewiß für Antioohos halten, ich schwör* es, 
Und wer Antioohos sieht, glaubte den Eros zu sehn. 
138. 

Durstig hab ich geküßt des Knaben zärtliche Lippen, 

Sprach dann, als ich den Durst hatte am Küssen gestillt: 

Vater Zeus, der du trinkst Ganymeds nektarisohe Küsse, 
Bietet solch einen Wein dir mit den Uppen er dar? 

Da Antioohos jetzt, den schönsten der Knaben, ich küßte, 
Trank seiner Seele Tau ich von den Lippen ihm weg. 

2. Praxiteles. 

56. 

Einst Praxiteles schilp der Künstler, aus Parisohem Marmor 

Eros' bezauberndes Bild, welchen die Kypris gebar. 
Nun hat ein lebendes Bild geschaffen der schönste der Götter, 

Eros, indem er nach sich selbst den Praxiteles schuf. 
Holden Zauber nun übt er im Himmel, dieser auf Erden, 

Wecken zärtliche Lust Menschen und Göttern zugleich. 
Heilige glückliche Stadt der Meroper**), die du den neuen 

Eros als leuchtenden Stern liebenden Herzen gebarst 

*) Die Chlamys ist das eigentliche Gewand des Epheben 
(nicht des ,Knaben' in unserem Sinne); daher ist Xaßeiy x6 xXafjivdioy 
identisch mit Zqprißoy yiyyso&ai (Athen. VI 240 b). Davon ist der 
Hut, der Petasos, unzertrennlich. Vgl. Poliux X, 164: to <ti tu» 
stpr'ßwv (poQtjfAa netaaoq xal %kafivg. 

**) Merope ist ein älterer Name der Insel Kos. — Ganz ähn- 
lichen Inhaltes ist Epigramm 57. 

Jahrbuch IX. 17 



— 258 — 



3. Theron. 

In einem ziemlich nüchternen Epigramme (Kr. 141) 
gibt er dem Gedanken Ausdruck, daß ihn nun die ge- 
rechte Strafe ereilt hätte, weil ihm Theron einst nicht 
schön erschienen sei. Die Nemesis blieb nicht aus und 
strafte ihn für diese freche Rede. 

60. 

Sehe den Theron ich an, dann seh' ich alles, doch seh' ich 
Alles, aber nicht ihn, sehe ich finstere Nacht. 

4. Charidamos. 
68. 

Nicht Charidamos ich will: zu Zeus erhebt er die Blicke, 

Um den nektarischen Trank hold zu kredenzen dem Gott 
Nein, ich begehre ihn nicht Sollt* ich dem König der Götter 

Mich in der Liebe bemtthn streitig zu machen den Sieg? 
Bin schon beglückt, wenn der Knabe, bevor zum Olympe er aufsteigt, 

Für den zierlichen Fuß nimmt meine Tränen zun Bad, 
Als meiner Liebe Pfand und wenn er mit zärtlichem Blicke 

Einen flüchtigen Kuß, einen zum Abschied erlaubt 
Sei — wie es recht — das andre dem Zeus, doch wenn er gestattet, 

Fällt auch mir noch vielleicht etwas Ambrosia zu. 

5. Das Freundespaar Kleobulos und Alexis. 
164 (s. oben S. 253). 

127. 

Schlank hin wandelnd den Pfad um Mittag sah ich Alexis, 

Als man die Früchte schnitt, die uns der Sommer beschert, 
Doppelter Strahl versengt mir das Herz, der eine der Liebe, 

Der im Auge ihm strahlt, jenen die Sonne verschickt. 
Diesen verlöschte die Nacht, doch jener flammte im Traume 

Hold erneuend das Bild nur um so heftiger auf. 
Andre erquickt der Schlaf, mir schafft er Kummer und Sorge, 

Wenn versengend das Herz nächtlich die Schönheit er malt. 

74. 

Wenn nun ein Leid mich trifft (denn ganz im Feuer der Knaben 
Fast zu Asche verzehrt lieg', Kleobulos, ich da): 

Fülle die Urne mit Wein, bevor du mich senkst in die Erde, 
Schreibe darauf: „Dies schenkt Eros dem finsteren Gott." 



— 259 — 



6. Zoilos. 
76. 

Hätte den Köoher er nicht, Gott Eros, noch Bogen und Pfeile, 
Hätte verlangender Glnt feurige Waffen er nicht: 

Nie — ich schwöre bei ihm — nie könnte sicher man sagen, 
Ob es Zoilos ist, oder ob Eros, der Gott 
VgL oben Nr. 78 (Seite 257). 

7. Andragathos. 
62. 

Günstig den Schiffern bläst der Süd, mir bringt er nnr Kammer, 
Der mir Andragathos nahm, der mir die Seele erfüllt 

Dreimal glücklich das Schiff und dreimal glücklich die Wogen, 
Viermal glücklich der Wind, der mir den Knaben entführt 

Wäre ich ein Delphin, daß von meinen Schultern getragen 
Er nach Bhodus, der Stadt reizender Knaben gelangt! 

8. Phanias. 
53. 

Enoh, ihr Schiffe znr See, die den Hellespont ihr durchsegelt 

Eilig, während der Nord günstig das Segel euch schwellt, 
Falls ihr auf eurer Fahrt bei Kos, der Insel am Strande 

Meinen Phanias seht, blickend aufs bläuliche Meer: 
Grüßt mir den Knaben und sagt, daß mich die Sehnsucht geleite 

Zu ihm über das Meer, bin ich auch weit ihm entfernt 
Wenn ihr ihm dieses bestellt als freundliche Boten, dann möge 

Zeus euch günstigen Wind senden ins Segel hinein. 

9. Dionysios. 
80 und 81. 

Herz, mein Herz, vom Leide gebeugt, was brennt dir von neuem 

Eros 1 Wunde, die schon leidlich geheilet erschien? 
Hüte dich, rat ich dir gut, o hüte dich, törichtes Herze, 

Daß du nicht weckest die Glut, die in der Asche noch glimmt. 
Einmal entrannst du dem Gott, doch wenn er dich wiederum einfangt, 

Straft er dich grausam dafür, daß du ihm einmal entflohst. — 
Ihr, die im Herzen betört in heißer Liebe zu Knaben 

Brennt und das süße Gift bitteren Honigs ihr kennt: 
Kaltes Wasser herbei aus Schnee, der eben geschmolzen, 

Aber nur schnell und gießt kühlend es mir um das Herz, 
Denn ich hab es gewagt, Dionys ins Auge zu blicken: 

Auf, nun löschet die Glut, eh sie das Herz mir zerfrißt 

17* 



— 260 — 



10. Antipatros. 

79. 

Küßte Antipater mich, da schon die Liebe dahinschwand, 
Und aufs neue zur Glut lachte die Asche er an. 

Doppelt das Feuer nun brennt; drum flieht den Liebegequälten, 
Daß nicht Feuer ihr fangt, wenn ihr zu nahe ihm kommt 4 *). 

11. Aristagoras. 

122. 

Als ihr, Grazien, saht Aristagoras, herrlich vor allen, 

Habt ihr liebend ans Herz zärtlich den Knaben gedrückt 

Drum seiner Schönheit Licht, daher das süße Geplauder, 

Süß sein Auge nun spricht, ist auch geschlossen der Hund. 

Bleibe der Knabe mir fern! Doch kann auch dieses nichts nützen: 
Gleich dem Olympischen Zeus schleudert die Blitze er fern. 

12. Theokies. 
158. 

Dir, o Theokies, gab mich zu eigen die Göttin der Liebe, 

Wehrlos lieferte mich Eros, der süße, dir aus, 
Fremd in der Fremde und lenkt mich mit unentrinnbaren Zügeln: 

Heiß verlangt mir das Herz, daß du zu eigen mir seist 
Doch du weist mich zurück, den Werbenden, und es erweicht dich 

Heine Bescheidenheit nicht, nicht auch die Lange der Zeit 
Gnade, o Herrlicher du: Dich machte zum Gotte das Schicksal, 

Und mein Leben und Tod steht nun in deiner Gewalt 

18. Diophantos. 
126. 

Liebende Pein beschleicht mir das Herz: zu nächtlicher Stunde 
Hat es mir Eros, der Gott, leis mit dem Nagel geritzt 

Lachend sprach er sodann: Glück auf zu der zärtlichen Wunde, 
Närrohen, von liebe betört brennt dir im Herzen das Gift. 

Wenn Diophantos ich seh, so schlank wie ein Bäumohen und biegsam, 
Hab ich zum Bleiben nicht Kraft, noch auch zu gehn ich vermag. 

14. Dion. 
128. 

Nicht mehr tönt im Gebirg, ihr Hirtenflöten, von Daphnis, 
Ziegen-liebendem Pan spendend willkommene Lust 

Nicht mehr töne dein Klang, o Leier, Prophetin des Phoebus, 
Von Hyacinthus' Reiz, wenn er mit Lorbeer sieh kränzt 

Früher erschien wohl schön Hyacinthus und früher auch Daphnis: 
Doch in der Schönheit Reich herrschet jetzt Dion allein. 



— 261 — 



15. Namenlos. 
117. 

Zünde das lieht, denn ich werde gehn, es falle der Würfel! 

Was wirst, Trunkner, du ton? Gehen zum tollen Gelag. 
Soll ich es tun? — Wo ist die Vernunft? — Kennt Liebe Verstand 

wohl? 

Zünde das Lieht! — Doch klag warst du und weise zuvor. 
Weg mit dem klugen Bat bedächtigen Zauderns, ich weiß nur, 
Daß oft Eros besiegt selber den Willen des Zeus.* 8 ) 

In dem Gedichte 257 endlich lesen wir die Widmung, 
mit der Meleager den „Kranz seiner Gedichte" dem 
Freunde Diokles übergibt. Doch ist es ein schwülstiges, 
wortreiches und gedankenarmes Gedicht, das nichts von 
der sonstigen Eleganz und Grazie des Meleager hat, und 
dessen Übersetzung daher nicht der Mühe lohnt. 

3. Asklepiades. 

Asklepiades aus Samos gilt als Lehrer des Theo- 
kritos, von dem er als Mensch und Dichter gleich hoch 
geschätzt wurde (Theokr. 7, 39—41). Die uns unter 
seinem Namen überlieferten Gedichte zeichnen sich aus 
durch die vollendete Grazie der Form und die Zartheit 
der Empfindung. Elf Epigramme seiner Muse sind im 
XII. Buche der Anthologie erhalten. 

Nicht gar zu ernst dürfen wir den Lebensüberdruß 
des jugendlichen, immer etwas sentimental verliebten 
Dichters nehmen. 

46. 

Einundzwanzig ich bin, und schon verdrießt mich das Leben! 

Sagt, ihr Eroten, warum foltert und quält ihr mich so? 
Wenn mir ein Unglück geschieht, was werdet ihr tun, ihr Eroten? 

Sicher in aller Buh spielen gemächlich wie sonst 

50. 

Asklepiades trink! Was sollen Tränen und Klagen? 

Wähnst du liebender Pein einzige Beute zu sein? 
Du nicht bist es allein, für den der grausame Eros 

Schärfte den bitteren Pfeil ! Haffe vom Boden dich auf! 



— 262 — 



Trinke des Bacchus Trank: eine kurze Spanne ist Tag noch, 
Bald man zündet das Licht kündend zum Schlafe die Zeit 

185. 

Wem die Liebe verrät, und daß er so häufig mir zutrank, 
Hat Nikagoras mir endlich, den spröden, betört 

Tränen perlen im Aug, schwer sinkt das Köpfchen hernieder 
Und der geflochtene Kranz fällt von den Locken herab. 

161. 

Dorkis, die Knaben so liebt, weiß selbst wie ein lieblicher Knabe 
Liebeerweckenden Pfeil allen zu schleudern ins Herz. 

Sehnsucht sprühet ihr Blick, sie geht im Kleide der Knaben,*) 
Das die Schenkel entblößt zeigt dem bewundernden Blick. 

105. 

Kleiner Cupido ich bin und flog der Mutter von dannen, 
Meinem Damis jedoch fliege ich nimmer davon. 

Nein, ich liebe ihn sehr und innig liebt er mich wieder, 
Ihm nur bleib ich allein ewig in liebe vereint 

Es handelt sich in diesem Gedichte um einen Knaben 
namens Damis, zu dem der Dichter Liebe empfindet Er 
fingiert nun, daß der kleine Eros selbst von Liebe zu 
dem Jungen ergriffen seiner göttlichen Mutter fortläuft 
und ihm, natürlich in des Dichters Namen, das Geständ- 
nis der Liebe und ewigen Treue ablegt In einem anderen, 
allerliebsten Gedichte (162) stellt sich der Dichter vor, 
wie der kleine Amor von seiner Mutter in die Geheim- 
nisse des Lesens und Schreibens eingeführt wird. Das 
Resultat der pädagogischen Bemühung ist aber wesentlich 
anders als man erwartet: anstatt des Lesetextes liest der 
kleine gelehrige Schüler nur immer wieder die Namen 
zweier schönen Knaben, die in herzlicher Freundschaft 
einander zugetan sind, eine zarte und sinnige Verherr- 
lichung der Knabenfreundschaft, wie sie auch in Epi- 
gramm 163 geschildert wird (vgl auch Meleager Nr. 164, 
oben Seite 253).**) 

*) Gemeint ist Chlamys und Petasoa, die eigentliche Kleidung 
der Epheben (vgl. oben Seite 257). 



— 263 — 



162. 

Noch nicht bogenbewehrt, noch zart an Körper and Alter 
Ist mein Eros zurück wieder zur Matter gekehrt. 

Lesen soll lernen der Schelm, doch nar Philokrates' Namen 
Und des Antigenes weiß lieblich zu stammeln sein Mond. 

163. 

Trefflich es Eros verstand mit Schönem das Schöne zn mischen, 
Nicht vereinte er Gold rötiioh mit edlem Smaragd, 

Schwärzliches Ebenholz nicht mit Elfenbeins strahlender Weiße, 
Nein, mit Kleandros' Beiz eint er Eubiotos' Zier. 

75. 

Trügst da ein Flügelpaar, in den Händen Bogen und Pfeile, 
Würdest statt Eros du gelten als Cyprias Sohn.*) 

36. 

Jetzt nun bittest du mich, da dir auf den Wangen der Bart sproßt, 
Und mit stechendem Haar rauh sich der Schenkel bedeckt. 

Zwar „das ziemet dem Mann" so sagst du; aber bedenke, 

Daß man die Stoppel verschmäht und nur die Ähre begehrt 

In dem Epigramm 166 wendet sich der Dichter an 
die Eroten mit der Bitte, den Best seiner Seele entweder 
zu verschonen oder gleich mit Blitz und Donner zu ver- 
nichten. Nr. 153 endlich enthält die Klagen eines von 
ihrem Schatze verlassenen Mädchens. 

4. Kallimachos. 

Kallimachos aus Kyrene lebte etwa von 310 bis 240 
v. Chr. Er ist der weitaus bedeutendste Elegiker in der 
alexandrinischen Zeit Nachdem er zu Athen gemeinsam 
mit dem uns schon bekannten Dichter Aratos studiert 
hatte, finden wir ihn in Alexandria zunächst als gefeierten 
Lehrer und Grammatiker, dann aber am Hofe des 
Ptolemaios Philadelphos als einen der wichtigsten Mit- 
arbeiter an den weitverzweigten Geschäften der welt- 

*) Ganz ähnlich ist Epigramm 77, nur mit der Erweiterung, 
daß selbst Venus ihren Sohn von dem gefeierten Knaben nicht 
würde unterscheiden können. (Vgl. oben S. 257). Eine Parodie auf 
Nr. 75 ist vielleicht das Epigramm des Lucillius (AP. XI 179). 



— 264 — 



berühmten Bibliothek. War auch der größte Teil seiner 
schriftstellerischen Tätigkeit gelehrten Inhaltes, so war 
er doch der Poesie nicht abgeneigt In den von ihm 
hinterlassenen Epigrammen (68 an Zahl), die uns hier 
einzig interessieren, wird der erotische Ton mit Vorliebe 
angeschlagen, und nicht weniger als 12 Epigramme des 
Kallimachos sind im zwölften Buche vereinigt» die das 
Lob schöner Knaben singen und den Mysterien des Eros 
gewidmet sind. In jenen Zeiten verschmähten es eben 
selbst große Gelehrte nicht, sich vom Pfeile des Eros 
treffen zu lassen und sich zu den süßbitteren Wunden 
des holden Gottes offen und mit freudigem Stolze zu 
bekennen. 

73. 

Nur die Hälfte noch lebt mir der Seele, die andere raffte 
Eros oder der Gott finsteren Todes dahin. 

Wieder zog sie es hin zn einem lieblichen Knaben. — 

Hab ich anoh immer gewarnt: Weiset die Flüchtige ab! 

Dort wo am blumigen Baeh der Knaben fröhliches Lachen 
Hell beim Spiele erschallt, weilet die Ärmste gewiß. 49 ) 

51. 

Schenke mir ein auf Diokles' Wohl, doch bleibe das Wasser 
Fern dem geweihten Pokal, schenke mir lauteren Wein. 

Schön ist der Knabe fürwahr, zn schön: wenn einer dies leugnet, 
Nun dann bin ich'e allein, der sich auf Schönheit versteht. 

102. 

Unermüdlich verfolgt der Jäger die Spuren des Hasen, 
Unermüdlich im Wald folgt er dem flüchtigen Reh, 

Spottend dem Eise und Schnee; doch wenn die Beute erlegt ist, 
Achtlos geht er vorbei, spähend nach anderem Wild. 

Dies meiner Liebe Bild: den Fliehenden muß ich verfolgen, 
Nichts mehr weiß ich von dem, der sich mir willig ergab. 

71. 

Unglückseliger du, Kleonikos, wo bist du gewesen? 

Wie du verändert erscheinst, kaum noch erkenne ich dich! 
Abgemagert und dürr. Es scheint die nämliche Krankheit 

Dich zu verzehren wie mich, hartem Geschicke ein Raub. 



— 265 — 



Doch ich ahne es wohl: Enzitheos warf dich in Bande, 

Nun du ihn einmal sahst, wendest du nimmer den Blick. 

149. 

Dich Henekrates auch, so sprach ich am zwanzigsten Juli, 

Fangt man noch ein, und wann ? — Nun schon am zehnten August 

Spannte sich selbst an den Pflug das Kälbchen ; Dank sei dem Hermes : 
Zwanzigtägige Frist führte zum wonnigen Ziel. 

Teurer Freund, du bist verliebt, ruft er ein ander- 
mal (Nr. 134) einem wackeren Zechgenossen zu, dein 
Benehmen beim Gelage verrät es. Oder er warnt den 
Menexenos, ihm nicht zu nahe zu kommen, da der Funke 
unter der Asche noch glüht (139). Einen anderen Knaben, 
namens Menippos, tadelt er, daß er ihm immer seine 
Armut vorwirft (148). Daß Hunger und die Beschäftigung 
mit der Poesie die geeignetsten Gegenmittel gegen die 
Leiden der Liebe sind, lehrt ein schönes, aber sehr ver- 
derbt überliefertes Epigramm (150). Da der Dichter mit 
beiden wohl vertraut ist, macht er sich weiter keine 
Gedanken und Kopfschmerzen. Auch das 43. Epigramm 
ist höchst zweifelhaft überliefert Der Dichter wendet 
sich von allem ab, was profan ist. Die Schlußverse ent- 
halten ein interessantes Wortspiel. Der Dichter sehnt 
sich nach seinem geliebten Lysanias und klagt den 
Winden, wie schön er sei: <tv de vafyt xalog, aber mit- 
leidslos antwortet das Echo: äXXog 

118. 

Wenn freiwillig ich kam, Arohinos, tadle mich heftig, 

Doch kein tadelndes Wort, wenn ich gezwungen es tat. 

Eros und Baoohos im Bund, sie haben leicht mich bezwungen, 
Jener trieb mich zn dir, dieser benahm den Verstand. 

Also mußte ich wohl, doch still und ohne zu lärmen, 

Hab ich die Türe geküßt Dies ist mein ganzes Vergehn. 

280. 

Wenn Theokrit mich haßt, dem schwärzlich dunkeln die Locken, 
Hasse ihn, Zeus, auch du; liebt er mich, liebe ihn auch. 

Denke, himmlischer Zeus, Ganymedens duftiger Locken. 
Liebe kennest auch du. Weiteres rede ich nicht 



— 266 — 



5. Die kleineren Dichter. 

Noch eine ganze Anzahl von Epigrammen, die mit 
dem Namen ihres Verfassers überliefert sind, bleiben uns 
zu besprechen übrig, bevor wir uns zu denen wenden, 
deren Eigentümer wir nicht kennen. Nicht weniger als 
24 Dichter begegnen uns noch, von denen wir allerdings 
meist nicht mehr als den Namen wissen. Neben den bis- 
her besprochenen vier Sternen der epigrammatischen 
Dichtung und den zahlreichen namenlos überlieferten 
Epigrammen noch vierundzwanzig Dichter der Liebe, die 
man heutzutage verurteilt oder mit verlegenem Achsel- 
zucken als pathologisch milde entschuldigt 

Dioskorides lebte vielleicht in Alexandria zur Zeit 
des dritten Ptolemäus. Viele seiner Epigramme sind 
als ideale Grabschriften berühmter Dichter gedacht, andere 
feiern die Heldentaten namhafter Spartaner, sechs endlich 
sind dem Preise des Eros gewidmet. 

171. 

Zephyr, wehe du sanft und bring mir gesund meinen Jungen, 
Wie du den süßen empfingst, glücklich zum Ufer zurück. 

Kürze der Monate Maß, denn selbst nur wenige Tage, 
Ewig scheinen sie dem, welchen die Liebe ergriff. 

Kaum dem Theodoros entronnen, ist der Dichter nun 
wieder in den Banden des Aristokrates gefangen (169). 
In einem nur fragmentarisch erhaltenen Epigramme (170) 
erinnert er einen treulosen Knaben aus Athen an den 
gebrochenen Eid. Den Geiz des Hermogenes tadelt er 
• in einem anderen, nicht gerade ästhetischen Gedichte (42). 
Demophilos ist zwar noch ein Kleinchen, aber er vermag 
schon so zärtlich zu küssen, daß, wenn er einst heran- 
gereift ist, es an seiner Tür zu jeder Nacht an Anbetern 
nicht fehlen wird (14). Den kallipygischen Reizen des 
Sosarchus endlich ist das 37. Epigramm gewidmet 

Poseidippos aus Alexandria, der etwa um 300 
geboren sein mag, ist mit sechs Epigrammen vertreten. 



— 267 — 



Von diesen ist Nr. 131 hier auszuschalten, da es an ein 
Mädchen, namens Kallistion gerichtet ist, also nicht in 
unseren Zusammenhang gehört Ferner ist Nr. 77 als 
vielleicht dem Asklepiades gehörig bereits früher er- 
wähnt (Seite 263, Anm.). 

45. 

Trefft, ihr Eroten, trefft, auf mich nur richtet die Pfeile, 
Euch sei allen ich Ziel, zielet und schonet mich nicht 

Wenn ihr den Sieg erringt, dann werden die Götter euch loben, 
Wie so herrlich den Pfeil ihr von dem Bogen geschickt 

In einem etwas gekünstelten Epigramm (98) läßt der 
Dichter die eigene Seele sich über die Unbilden des Eros 
bitter beklagen. Aber er will, obgleich ein Sterblicher, 
doch den Kampf gegen Eros aufnehmen und sich nicht 
mutlos besiegt erklären, freilich nur, solange er nüchtern 
bleibt (120). In ein Zechgelage versetzt uns das Ge- 
dicht 168; der Dichter fordert seinen Diener Heliodoros 
auf, Becher einzugießen auf das Wohl der Dichter Anti- 
machos und Mimnermos und ihrer Geliebten Lyde und 
Nanno; gleichzeitig soll aber auch auf das Wohl anderer 
Dichter getrunken werden. 

Rh ian os stammte von der Insel Kreta und war ein 
Zeitgenosse des Eratosthenes, gehörte also der zweiten 
Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts an. Aus 
dem Sklavenstande hervorgehend war er ursprünglich 
Aufseher einer Knabenringschule gewesen, wo sich ihm 
ungezwungen die beste Gelegenheit bot, seine Augen an 
den Reizen der Epheben sich satt sehen zu lassen. Die 
Vorliebe für schöne Knaben ist denn auch in seiner 
Dichtung zu erkennen; so wissen wir, daß er den Fron- 
dienst des Apollo bei dem Könige Admetos auf erotische 
Gründe zurückführte 47 ). Und unter den elf von ihm 
uns erhaltenen Epigrammen sind nicht weniger als sechs 
auf schöne Knaben gedichtet, ein wenig leichtfertig, aber 
gewandt und voll Anmut, .duftende Blüten von Majoran* 



— 268 — 



wie sie Meleager einmal genannt hat (AP. IV 1, 11). 
Mit Erfolg war er später auf philologischem Gebiete 
tätig, veranstalte anerkennenswerte Ausgaben von Homers 
Ilias und Odyssee und hat auoh als epischer Dichter, 
zumal als Sänger des zweiten Messenischen Krieges sich 
einen guten Namen erworben. 

Das unentrinnbare Knabenlabyrinth (98). 
Liebliche Knaben sind einem Labyrinthe vergleichbar: 

Wen auch das Auge erblickt, bleibt es von Sehnsucht gebannt 
Denn hier blenden den Blick Theodoras' schwellende Glieder, 

Wie die Blumen im Lenz strahlet sein wonniger Leib. 
Dort sich das Auge erfreut an Philokles' strahlendem Antlitz, 

Klein zwar ist er, doch ganz himmlisch von Anmut verklärt 
Wenn du Leptines siehst, vermagst du nicht weiter zu wandeln,* 

Wie vom Magnete gebannt bleibst in Entzücken du stehn. — 
Seid mir, ihr Holden, gegrüßt, erfreut euch blühender Jugend, 

Bis das Alter euch naht, silbern die Schläfe umkränzt 

142. 

Dexionikos stellt im Schatten der grünen Platane 

Jüngst einer Amsel nach, fing sie am Flügel behend. 

Laut autklagend erscholl die Stimme des hurtigen Vogels. — 
Hört, ihr Grazien, mich, höre Gott Eros mich an: 

Könnte ich tauschen mit ihr! Wie gern von dem Knaben gefangen 
Süß mit der Tränen Tau möcht' ich ihm netzen die Hand. 

121. 

Als Kleonikos jüngst auf engem Pfade dahinsohritt, 

Fand er auf seinem Weg plötzlich die Grazien stehn, 

Die mit rosigem Arm den Kiiaben zärtlich umschlangen 
Und zur Anmut ganz schufen die holde Gestalt 

Nur von fern drum sei mir gegrüßt, denn gar zu gefährlich 
Ist, wenn trockenes Stroh nahe dem Feuer sich wagt 

58. 

Treffliche Jünglinge nährt Troizene: auoh den geringsten 
Ihrer Knaben mit Lob darist du erheben mit Recht 

Aber Empedokles strahlt so sehr vor anderen Knaben, 
Wie die Blumen im Lenz leuchtend die Rose besiegt. 

146. 

Wieder entsprang mir das Reh, das mit vieler Mühe ich einfing, 
Nutzlos hab ich gelegt Netze und Gabeln gesteckt; 



— 269 — 



Andere tragen hinweg die mir gehörende Beate, 

Trauernd gehe ich heim: Eros, die Rache sei dein! 4 **) 

Unter dem Namen des Alkaios aus Messene sind 
drei Epigramme in unserem zwölften Buche enthalten. 
Die beiden ersten wollen in ihrer Dürftigkeit nicht recht 
zu dem stimmen, was wir sonst über die poetische Be- 
deutung des auch politisch nicht unbekannten Mannes 
wissen. Er erinnert den schönen, aber spröden Protarchos 
daran, daß die Schönheit so schnell entflieht (29), der- 
selbe Gedanke wird mit geringer Variation, nur etwas 
drastischer gewendet, in einem Epigramm (30) an den 
schon nicht mehr ganz jugendlichen Nikandros wiederholt. 

64. 

Pisa beherrschender Zeus, mit olympischem Siege bekränze 
Meinen Pithenor du, der wie ein Eros so schön. 

Aber du darfst ihn nicht mit Adlersfängen verführen, 
Denn Ganymedes genügt dir zu kredenzen den Wein. 

Wenn mit der Husen Geschenk ich je eine Freude dir machte, 
Neige des Knaben Herz, daß er mein Flehen erhört. 

Mit zwei Epigrammen ist Skythinos in der Sammlung 
vertreten, von denen das eine dadurch wichtig und inter- 
essant ist, daß es von neuem beweist (vgl. I, Seite 623), 
daß es sich bei der griechischen Pädophilie nicht um 
Knaben in unserem Sinne handelt. 

22. 

Nun ward Leid mir genug und Zwist und sehnend Verlangen, 
Denn Elissos ist reif jetzt zu erotischem Spiel. 

Sechzehn Lenze er zählt, das ist das entzückendste Alter, 
In versohwendrisoher Pracht ist er mit Reizen geziert. 

Es folgen im Original noch zwei Distichen, die hier 
nicht gut mit übersetzt werden können. Nachdem der 
Dichter von den Reizen geredet bat, die das Ziel seiner 
Sehnsucht sind, beklagt er die Sprödigkeit des Knaben, 
der nur das Anschauen, doch keine Berührung duldet, 
so daß nichts anderes übrig bleibt, als durch „häufigen 
eigenen Liebesfaustkampf " der gequälten Natur zu helfen. 40 ) 



— 270 — 



Auch das andere Epigramm des Skythinos (232) muß in 
die Anmerkungen verwiesen werden. Der Dichter be- 
richtet von einem Erlebnis ähnlich dem, das Goethe im 
„Tagebuch 11 schildert, nur daß hier kein Mädchen, sondern 
ein Knabe namens Nemesenos Zeuge der Schmach wurde, 
die ihm die Grillen des Meisters Iste angetan haben. 60 ) 
— Nichts näheres wissen wir von Artemon, dem wir 
zwei Epigramme verdanken. Das eine (55), das aber 
nicht mit Sicherheit dem Artemon zugeschrieben wird 
ist ein Loblied auf den Knaben Echedemos, „dem Eros 
mit dem weichen Haar den Duft süßer Jugendblüte an- 
blies 11 und der nun in Athen als eine zweite Phöbuslicht- 
gestalt aller Herzen bezwingt. Demselben Echedemos 
gilt auch das andere Gedicht: 

124. 

Als verstohlen zur Tür Echedemos, der süße, hinaussah, 

Hab ich den Jungen geküßt heimlieh und ängstlich dazu. 

Doch im Traum erschien mir der Knabe, den Bogen erhebend 
Mit einem Hähnchenpaar, das zum Geschenk er mir bot, 

Lachenden Munds und .doch nicht lieb; wahrhaftig ich rührte 
Töricht ein Wespennest an, Nesseln und sengende Glut 

Es bleiben noch neunzehn Dichter übrig, die in dem 
XII. Buche der Anthologie mit je einem Epigramm ver- 
treten sind, und die wir in alphabetischer Reihenfolge 
an uns vorüberziehen lassen. 

Alpheios aus Mitylene. 

18. 

Wie beklag ich den Mann, der ohne Liebe dahinlebt, 

Denn kein wackeres Werk schafft er noch fröhliches Wort 

Bin ich doch selbst jetzt schlaff, doch wenn ich Xenophilus sehe, 
Dann belebt sich der Fuß schneller als zuckender Blitz. 

Fliehet sie nicht, nein suchet die süßen Werke des Eros, 

Gleich einem Schleifstein schärft Eros den liebenden Geist 

Antipatros aus Sidon (oder Tyros), der um 155 
v. Chr. geboren ist und in ziemlich hohem Alter starb, 
preist den Eupalamos, der zwar sonst mit allen Reizen 



— 271 — 



geziert, aber ein wenig „schwach auf den Beinen" ist 
(Nr. 97). 

Aratos aus Soloi, der uns schon bekannte (vgl. 
oben S. 263) Freund des Theokrit, von dessen Liebe zu 
einem schönen, aber spröden Knaben wir früher gehört 
haben (I, S. 667), hat uns ein insofern besonders inter- 
essantes Epigramm (129) hinterlassen, weil aus ihm hervor- 
geht, daß man die Namen geliebter Knaben selbst auf 
Gräber schrieb, ebenso wie man sie auf Vasen oder 
Säulen verewigte oder sie in die Rinde der Bäume ein- 
schnitt „Philokles der Argiver ist schön", das verkünden 
die Säulen von Korinth und die Gräber von Megara. 
Das steht auch sonst zu lesen bis zu dem Bade des 
Amphiaraos*), daß er schön ist. Aber was bedarf es des 
Zeugnisses der Steine: «jeder, der ihn kennt, wird das 
eingestehen/ 

Autoraedon. 

34. 

Gestern war ich zu Tisch bei Demetrius, welcher den Knaben 
Weiset des Turnens Kunst, wahrlich, ein herrliches Los. 

Denn ein Knabe ihm lag an der Brust, der saß auf der Schulter, 
Einer brachte den Trank, dieser die Speisen herbei. 

Welch ein schönes Quartett! Und scherzend sprach ich zum Meister: 
„Mit den Knaben, mein Freund, turnst du wohl auch in 

der Nacht?" 

Diokles aus Magnesia, den wir bereits als Lieb- 
ling des Meleagros kennen gelernt haben (Seite 249), und 
der, was vorläufig bemerkt sein soll, als philosophischer 
Schriftsteller Friedrich Nietzsche besonders interessierte, 51 ) 
hat ungefähr von 100 — 30 v. Chr. gelebt Sein hier zu 

*) 'Afxcpuxydov Xoergd, eine Quelle in der Nähe von Oropos 
(Hanna) in Boiotien. Vgl. Paus. I 34, 4. II 37, 5. — Über die Sitte 
der Griechen, vor allen der Athener, ihr 6 delva xaXog an allen 
möglichen Stellen zu verewigen, vgl. Konrad Wem icke, die 
griechischen Vasen mit Lieblingsnamen. Eine archäologische Studie. 
Berlin 1890, Seite 112 ff. 



— 272 — 

nennendes Epigramm läßt in keiner Weise etwas be- 
sonderes erkennen. 

35. 

Jüngst auf der Straße traf ich Dämon und grüßte ihn freundlich, 

Ohne au danken jedoch wollte der Knabe vorbei: 
„Rächend kommt dir der Tag", so sprach ich, „wenn häßlich ge- 
worden, 

Du die Leute begrüßt, keiner dem Gruße dir dankt." 

Dionysios. Wahrscheinlich ist dies nicht Dionysios 
aus Kyzikos, dessen Zeit sich dadurch annährend be- 
stimmen läßt, daß wir von ihm ein Gedicht auf den Tod 
des Eratosthenes besitzen (Anth. Pal. VII 78), sondern 
ein jüngerer. Sein Epigramm auf Akratos (<Jer Name des 
Knaben im Wortspiel mit cbcgarog — ungemischter Wein) 
ist eine ziemlich wertlose Spielerei. 

108. 

Wenn du, Akratos mich liebst, so gleiche dem Weine von Chios, 
Nein, nicht gleiche dem Wein, sei du noch süßer als er. 

Ziehst einen andern du vor, so soll die Mücke dich stechen, 
Die zum Leben erweckt essigenthaltender Krug, 

Euenos. 

172. 

Hassen ist Pein, und Lieben ist Pein, und bitter ist beides: 
Drum erwählet mein Herz wonnig zu leiden in Pein. 

Flakkos. 

12. 

Ladon, eben erblüht, der stets so spröde sich stellte, 

Liebt einen Knaben nun selbst: eilend die Nemesis kam.* 1 ) 

Glaukos weiß von der in der Erotik immer wieder- 
kehrenden Klage, daß die Liebe Geld kostet zu singen. 

44. 

Kleine Geschenke schon beglückten früher die Knaben, 
Eine Wachtel zum Spiel, Würfel, ein zierlicher Ball. 

Heute begehren sie mehr, nur Geld und schöne Gewander. 
Die ihr die Knaben liebt, anderes suchet euch aus. 



— 278 — 



La ureas (Tullius). 

22. 

Wenn mir zur Freude zurück und gesund mein Polemo heimkehrt, 

Und er gänzlich noch ist der, wie zu Schiffe er stieg, 
Will ich, Apollo, dir gern den früh schon krähenden Vogel 

Opfern an deinem Altar, wie ich gelobend verhieß. 
Wenn der Knabe jedoch mit mehr oder weniger heimkehrt, 

Als wie er damals besaß, ist mein Gelübde dahin. 
Heim nun kehrt er im Bart! Wenn dies sein eigener Wunsch war, 

Halte dich an ihn selbst, daß er das Opfer erfüllt 68 ) 

Leonidas (Julius). 

20. 

Wieder erfreut sich Zeus an aethiopisohem Gastmahl, 
Oder in Danaes Schoß strömt er als goldener Quell. 

Sah Periander er nicht, daß er ihn von der Erde nicht raubte? 
Oder lassen den Gott liebliche Knaben jetzt kühl? 

Mnasalkas aus Sikyon. 

138. 

Weinstock, was eilst du so sehr die Blätter zu Boden zu werfen, 
Da der Pleiaden Gestirn ruhig am Himmel noch steht? 

Wenn Antileon ruht von dir beschattet im Schlummer, 

Magst du den Knaben sanft decken mit fallendem Laub.*) 

Numenios aus Tarsos hat ein wegen des Wort- 
spieles unübersetzbares Epigramm auf einen Geliebten 
namens Kyros hinterlassen 64 ). 

Phanias. 

81. 

Beim wahrhaftigen Gott und dem Wein, von dem ich berauscht bin, 

Kurz nur währet die Zeit, die dir zum Lieben noch bleibt. 
Denn schon flaumt auf dem Kinn, schon flaumt das Haar auf dem 

8chenkel, 

Bald auf andere wird liebend verfallen die Wahl. 
Drum so lange dir noch eine Spur von Feuer zurückbleibt, 
Weg mit dem spröden Getu: Eros will passende Zeit 

Das Gedicht des Philodemos aus Gadara, des 
bekannten epikureischen Philosophen (173), gehört nicht 

*) Ampelos (afineXog der Weinstock) war einst ein schöner 
Jüngling, den Dionysos liebte. Seine Verwandlung in einen Wein- 
stock erzählt Nonnos im XI. Buche der Dionysiaca. 

Jahrbuch IX. 18 



— 274 



in diesen Zusammenhang, da es an eine Hetäre namens 
Demo und eine Jungfrau namens Thermion gerichtet ist. 
Polystratos. 

91. 

Doppelter Liebe Glut verzehrt mir die einzige Seele; 

Augen, die ihr zuviel immer und alles erschaut, 
Da ihr Antiochos saht, geschmückt mit goldenen Beizen, 

Blühender Knaben Juwel, konntet zufrieden ihr sein. 
Warum mußtet ihr noch den süßen Stasikrates anschaun, 

Ihn der holdesten Lust veilohenbekranzten Gesell? 
Mögt ihr in eigener Qual nun immer euch sehnend verzehren, 

Denn für zweie nicht Raum bietet ein einziges Herz. 

Thymokles. 

82. 

Weißt du, weißt du es noch, als ein ernstes Wort ich dir sagte: 
Jugend, du köstliches Gut, Jugend, wie schwindest du schnell. 

Schneller denn Jugend flieht, fliegt nicht der geschwindeste Vogel: 
Siehe am Boden verwelkt all deine Reize zerstreut. 

6. Ohne den Namen des Dichters überliefert 
(adtjka). 

Endlich sind uns in diesem XII. Buche der Antho- 
logie noch 35 Gedichte überliefert^ deren Verfasser wir 
nicht kennen. Daß der Liebe zu schönen Knaben der 
Vorzug vor der weiblichen Liebe gebühre, finden wir 
auch hier (vgl. oben Seite 249) ausgesprochen. 

17. 

Nicht im Herzen mir wohnt die weibliche Liebe: zum Knaben 
Zieht das Verlangen mich hin nimmer erlöschender Glut. 

Wie an Starke und Kraft der Knabe den Mädchen voransteht, 
So brennt heißer die Glut, die sich den Knaben ersehnt 

Die Schönheit der Knaben schildert der Dichter als 
unwiderstehlich, von einer Liebe fällt er in eine andere, es 
ist kein Entkommen aus diesem Irreal von Schönheit. 

87. 

Eros, leidiger Gott, nie weckst du mir Liebe zum Mädchen, 
Knabenersehnender Glut wirbelst du standig den Blitz. 



— 275 — 



Bald von Demon entzückt, bald wenn Ismenos ich sehe, 
Langandauernde Pein leidet mir immer das Herz. 

Und nicht diese allein sieht wohlgefällig mein Auge, 
Alle ziehen im Netz rasender liebe mich hin. 

88. 

Doppelter liebe Pein anstürmend wirft mich zu Boden, 
Doppelte Raserei, Eumaohos, hält mich umstrickt 

Schön ist Asandros wohl, und ich liebe ihn, Telephos wieder 
Sprüht aus dem Augenpaar heftiger sengenden Blitz. 

Gut, zerteilt mir den Leib und legt auf die Wage die Hälften, 
Jeder nehme sodann das ihm gehörige Stück. 

89. 

Zwei Geschosse warum in ein Ziel mußtest du senden, 
Einem Herzen warum, Kypris, den doppelten Pfeil? 

Hier nun bin ich entflammt, dort zieht mich Verlangen und gänzlich 
Schmelzend in zärtlicher Glut weiß ich nicht aus und nicht ein. 

So soll denn die Leidenschaft über den Verstand 
siegen, Kypris mag sich ihres Sieges über den sonst doch 
so weisen Dichter freuen, kurz „so herrsche denn Eros, 
der alles begonnen" (99, 100). Es ist also durchaus er- 
klärlich, daß auch diese Sammlung der namenlosen Dichter 
uns in eine gar stattliche Galerie schöner Jünglinge führt, 
und man muß unwillkürlich an die schönen Worte denken, 
die in der Helenatragödie der Chor spricht beim Anblick 
der „goldgelockten, frischen Bubenschar 11 : 
„ Aufgeht mir das Herz! 0, seht nur dahin 
Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt 
Jungholdeste Schar anständig bewegt 
Den geregelten Zug. Wie? Auf wessen Befehl 
Nur erscheinen gereiht und gebildet so früh 
Von Junglingsknaben das herrliche Volk? 
Was bewundr' ich zumeist! Ist es zierlicher Gang, 
Etwa des Haupts Lookhaar um die blendende Stirn, 
Etwa der Wänglein Paar, wie die Pfirsiche rot 
Und eben auch so weich wollig befiaumt?" 
Aribazos aus Knidos ist so schön, daß die ganze 
Stadt ihm bewundernd huldigt, selbst ein fühlloser Stein 
müßte weich werden (61), ja selbst die Frauen der Perser, 

IS* 



— 276 — 



die doch wegen ihrer schönen Knaben berühmt sind, 
müssen ihm den Preis zuerkennen (62). Von dem schönen 
Arkesilaos läßt sich selbst Eros in Liebe gebunden 
einherführen (112). 

130. 

Oft schon nannt' ich dich schön, Dositheos, reisend vor allen 

— 8ei es von neuem gesagt — wonnig das Ange dir strahlt 
Nicht in die Rinde des Baums, an die Wand nicht schrieb ich den 

Namen, 

Doch mit venehrender Pein flammt mir im Herzen die Glut*) 
151. 

Sahst einen Knaben geziert mit der Schönheit holdester Blüte, 
Glaube mir, ApoUodor war's, und kein andrer gewiß. 

Wenn er jedoch dein Herz nicht füllte mit brennender Sehnsucht, 
Kannst du ein Gott nur sein oder dein Herze ist Stein. 

Das schon früher wiederholt vorkommende Motiv, 
daß die Schönheit des Knaben Zeus zu einem neuen 
Raube veranlassen könnte, begegnet uns auch hier. Ein- 
mal vermißt der Dichter seinen Geliebten: gewiß, denkt 
er, hat ihn Zeus entführt (67); ein anderer wehrt sich 
energisch dagegen, daß Zeus ihm den Geliebten raube, 
er mag sich an seinem Ganymedes genügen lassen (69). 

67. 

Nirgends findet mein Blick Dionysios. Hobst du zum Himmel, 
Zeus, den Knaben empor, Mundschenk, der zweite, zu sein? 

Hast du den reizenden sanft mit schützenden Flügeln getragen, 
Adler, und hast ihn doch nicht weh mit den Klauen geritzt? 

Dionysios heißt auch der Held des 107. Epigramms, 
dessen Schönheit die Grazien noch erhöhen sollen, falls 
er dem Dichter gut ist Ein anderes Mal sollen die 
Eroten selbst entscheiden, ob ein Knabe namens Dorotheos 
ihm oder dem Zeus gehören soll. Mit Zeus will er 
natürlich den Kampf nicht aufnehmen, aber außer diesem 

*) Im Original folgen noch zwei Verse, die aber hier, weil sie 
ziemlich matt sind, wegbleiben. — Über die Sitte, den Namen des 
Geliebten in Bäume einzuschneiden oder an eine Wand zu schreiben, 
vgl. die Anmerkung 55. 



— 277 — 



will er ihn niemandem lassen (66). Schön ist das Epi- 
gramm auf den Knaben Themison; die Sehnsacht zu ihm 
führt den Dichter, der reichlich gezecht hat» sicheren Wegs. 

116. 

Reichlich hab' ich gezecht, nun laßt mich schwärmen. Ergreife, 
Sklave, den Kranz vom Tan quellender Tranen benetzt 

Nicht gedenke ich weit zu gehn im nächtlichen Dunkel: 

Themison strahlet als licht herrlich und zeigt mir den Weg.*) 

128. 

Ihm, der im Faustkampf gesiegt, des Antikles Sohn Meneoharmos, 
Hab ich mit wollenem Band zehnmal umwunden das Haupt 

Dreimal küßt' ich ihm weg das Blnt, das reichlich hervorquoll, 
Süßer als Myrrhen zu sein schien mir der köstliche Saft 

Anch der schon früher verwendete Gedanke, daß es 
die Nemesis selbst rächt, falls man einem schönen Knaben 
die Anerkennung verweigert, begegnet uns. So ist es 
dem Dichter mit dem schönen Archestratos ergangen, 
den er einst nicht beachtete, nun hat ihn der Knabe mit 
dem Blitze seiner Schönheit versengt (140). Daß Hera- 
kleitos aus Magnesia stammt, also ein Magnet ist, hat 
ein anderer Dichter selbst erfahren müssen. 

152. 

Heraklit, der Magnet, nicht Eisen zieht mit dem Steine, 
Nein, meine Seele zieht durch seine Schönheit er an. 

An die Worte des Prinzen: „Ich war so ruhig, bild* 
ich mir ein, so ruhig" muß man unwillkürlich bei dem 
79. Epigramm denken: 

Schon war ruhig mein Herz, als mich Antipater küßte, 
Aus der Asche empor lodert von neuem die Glut 

Wider Willen ergriff mich zum zweiten Male die Flamme: 

Leicht erfaßt euch die Glut, bleibt drum, ihr Liebenden, fern. 64 ) 



*) Themison hieß auch der Liebling des Königs Antioohus L 
Er stammte aus Kypros und liebte es, sich als jugendlichen Herakles 
zu kleiden, d. h. nackt mit einem Löwenfell um die Schultern, mit 
Pfeilen und Bogen und einer Keule bewaffnet Als solchem opferte 
ihm das Volk (Pythermos bei Athen. VH, 289 F). 



— 278 — 



Nach diesem Randgange durch die Galerie schöner 
Knaben der namenlosen Dichter hören wir natürlich auch 
die Klagen über einige Schattenseiten dieser Liebe ähn- 
lich denen, die uns schon früher begegnet sind. Sprödig- 
keit oder besser Gleichgiltigkeit des Jungen macht den 
Dichter unglücklich: 

19. 

Wie erwürbe ich wohl deine liebe, wenn da nichts forderst, 

Nichts dem Fordernden gibst, and was ich biete, verschmähst? 

Vor allem aber ist es die Klage über das so schnell 
hereinbrechende Alter, das die Schönheit beendet. Mit 
der Klage darüber verbindet sich auch hier wieder die 
Mahnung, die Zeit der Jugend nicht ungenützt vorüber- 
gehen zu lassen. 

89. 

Nun ist vorbei and verwelkt deine Jugendblüte, Nikander, 
All deiner Reize blieb kaum die Erinnerung noch. 

Und doch wähnten wir einst, daß nie die Jagend dir schwände: 
Laßt, ihr Knaben, den Stolz, denkt, daß das Alter euch naht 

Ja, der Dichter kann aus eigener reichlicher Er- 
fahrung nur dringend vor dieser Liebe warnen, weil es 
eben ein unendliches, nie auszuschöpfendes Bemühen ist, 
eine stürmische Seefahrt, in der das Schiff des Herzens 
beständig hin und her geschleudert wird. 

146. 

Endet die eitele Müh, ihr PädophUen, ihr armen, 

Töricht nähren wir nur Hoffnung, die nie sich erfüllt, 

Gleich iflt r s, ob ihr das Meer zum Grund aasschöpfen beschlösset, 
Und die Körner des Sands zählen im Wüstengebiet, 

Gleich ist's zu hegen im Sinn die Knaben verlangende Sehnsacht, 
Deren Schönheit den Gott freut und die Menschen zugleich. 

156. 

Wechselndem Wetter im Lenz ist meine Liebe vergleichbar, 
Die zu dir, Diodor, stürmisch die 8eele mir drängt 

Bald ist dein Himmel bewölkt und Regen strömet in Menge, 
Bald in strahlender Pracht leuchtet dir wonnig der Blick. 



— 279 — 



Sieh, ich segle in Nacht, wie einer, der Schiffbruch erlitten, 
Durch die schwankende Flut irrend im Sturme umher. 

Setze mir endlich ein Ziel deiner liebe oder des Hasses, 
Daß ich es endlich weiß, welche der Fluten mich trägt 

Trotz alledem aber ist auch hier die Grundtendenz 
das Übel weiter zu ertragen, da des Schönen doch so 
viel dabei und es eben süße Gewohnheit ist (160), aber 
freilich mit gemeiner käuflicher Liebe will der Dichter 
nichts zu tun haben (104), die wahre Liebe zu Knaben 
aber gibt Mut, sie fürchtet weder Blitz noch Donner, und 
der Schild des Eros ist unverletzlich (115), und immer 
wieder sucht der Dichter das nächtliche Glück, aus dem 
ihn nur zu zeitig die Singvögel aufwecken. 

186. 

Weich gebettet im Arm des lieblichen, holdesten Knaben 
Hat mich euer Gesang, schwatzende Vögel, geweckt, 

Nachtigallen im Baum. Sonst sind doch nur Weiber geschwätzig, 
Da ihr Männchen doch seid, haltet den Sohnabel und schweigt. 67 ) 

Damit hätten wir den weiten Weg durch das 
XII. Buch der Anthologie, die „Knabenmuse Stratons", 
beendet Wie sagt doch Hölderlin einmal so schön: 

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste, 
Und es neigt am Ende der Weise dem Schönen sioh. a 

Uber die drei letzten Bücher der Palatinischen 
Anthologie können wir uns kurz fassen. 

buch xm 

enthält nur 31 meist kleinere Gedichte, die nicht in 
Distichen, sondern in verschiedenen Versmaßen abgefaßt 
sind. Für unsere Zwecke wäre zu nennen ein kleines 
Gedicht des Phaidimos (2), in dem Kallistratos, der Sohn 
des Apollodoros aus Athen, dem Hermes „ein der Schön- 
heit gemeinsames Bildnis 11 weiht, das heißt eine Statue, 
in der man ebensogut den jugendlichen Hermes wie den 
schönen Kallistratos wiederfinden kann. Von demselben 
Phaidimos sind die schönen Worte, die dem Melistion, 



— 280 — 

einem edlen Knaben aus der Stadt Schoenus in ßoiotien, 
zu Liebe geschrieben sind und die uns wie eine Art von 
Stammbuchvers anmuten (22). Der Dichter bittet den 
Apollo, den «Pfeil der Liebe auf die Jünglinge zu richten, 
daß sie durch die Liebe zueinander gestärkt das Vater- 
land schützen. 11 In dieser Liebe erblickt er eine göttliche 
Kraft und er empfiehlt den Melistion dem besonderen 
Schutze des Apollo. — Von dem Athener Opis weiß Simo- 
nides zu sagen, daß er gar schön die Flöte spielt, die 
er nun „der 9 Aphrodite weiht, von Sehnsucht bezwungen 
zu dem schönen Bryson" (20). — Hegesippos beklagt den 
Tod seines sinnigen Freundes Abderion, der bei der Insel 
Seriphos Schiffbruch erlitten hatte (12). — In einem Ge- 
dichte des Asklepiades (23) lesen wir die Klage um einen 
früh verstorbenen hoffnungsvollen Knaben namens Botrys, 
und vor der Zeit, in fremdem Lande, ist auch der junge 
Phocus gestorben, dessen Tode auf dem Meere die schönen 
Verse des Phalaikos gewidmet sind (27). 

BUCH XIV 

enthält arithmetische Aufgaben in gebundener Form, 
Rätsel und Orakelsprüche 68 ) und in 
BÜCH XV 

endlich ist alles mögliche zusammengestellt, was sich bis- 
her nicht unterbringen ließ, darunter mehrere metrische 
Spielereien und Kunststückchen, darunter die Ä Erosflügel 
des Simmias" (aus Rhodos, zur Zeit des Ptolemäos I). 
Es ist dies ein Gedicht aus Versen von ganz verschiedener 
Länge, so daß man in dem Gesamtbilde bei etwas Phan- 
tasie und gutem Willen ein Flügelpaar erkennen kann. 
Der etwas orphisch angehauchte Inhalt schildert die All- 
gewalt des Eros, so daß dieses Gedicht einen ganz 
passenden Abschluß für unsere Musterung der Palatin- 
ischen Anthologie bildet. 



II. Die PlanudeTsche Anthologie. 

Aus den sieben Büchern dieser Blumenlese, die aus 
der Palatinischen im XIV. Jahrhundert der Mönch 
Maximus Planudes veranstaltete (vgl. oben Seite 218), 
und die alles in allem nur 395 Epigramme enthält, die 
sich in der größeren Sammlung nicht finden, ist für unsere 
Zwecke nur eine bescheidene Nachlese zu halten, was 
um so erklärlicher ist, weil der „finstre Ernst und das 
traurige Entsagen* des Christentums, von dem der Mönch 
durchdrungen ist, ihn alles Erotische als Blendwerk der 
Hölle ansehen läßt, und nun gar die Liebe zu Jünglings- 
knaben! »Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken : 
— er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster 11 , 
sagt Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse IV 168. Und 
doch wird selbst in dieser, von mönchischem Geiste ge- 
leiteten Auswahl noch mancher sohöne Jüngling sich uns 
darstellen, und noch manches Gedichtchen werden wir 
kennen lernen, welches, sei es direkt, sei es indirekt mit 
der Begeisterung der Hellenen für die Schönheit der 
Epheben zusammenhängt und seine Entstehung der Liebe 
zu diesen Epheben verdankt 

BÜCH I. III. 

Einem spartanischen Knaben, der nicht durch Ge- 
schicklichkeit, sondern durch Kraft sich auszeichnet, ist 
ein Epigramm des Damagetos gewidmet (1); einen 
Olympiasieg des wunderschönen Theognotos feiert Simo- 
nides (2), von dem wir auch eine Inschrift auf eine 
Statue des schönen Olympiasiegers Milo haben (24), und 



— 282 — 



von Zenodotos lesen wir eine sinnige Aufschrift auf einer 
Erosstatue, die man in der Nähe einer Quelle errichtet 
hatte (14): 

Wer hat hier dieses Bild des Eros am Wasser errichtet? 
Glaubt er, des Eros Glut werde mit Wasser gelöscht? 

BÜCH IV. 

In dem vierten Buche seiner Anthologie hat Planudes 
Inschriften von plastischen Kunstwerken gesammelt) und 
zwar sind es 334 Gedichte, die in der Palatinischen 
Anthologie nicht zu finden sind. Besonders zahlreich 
sind die Inschriften auf Erosstatuen, von denen wieder 
die berühmte Erosstatue des Praxiteles besonders 
gefeiert wird. Das wundervolle Werk hatte Praxiteles 
der schönen Phryne geschenkt, die es in Thespiae, einer 
kleinen Stadt Boiotiens*), nebst einer Statue der Aphro- 
dite und einem eigenen Bildnis der Aphrodite weihte. 
Von Caligula nach Rom geschleppt, von Claudius den 
Thespiern zurückerstattet, wurde das Werk dann wieder 
von Nero gestohlen und ward dann durch Feuer zerstört. 
Eine Vorstellung von dem Zauber dieses Eros-Epheben 
können wir uns durch die bekannte Statue im Museo 
nazionale von Neapel machen oder durch den nQch be- 
kannteren Erostorso des Vatikan („genio del Vaticano"). 
Auf der Basis des Originales selbst oder auf der einer 
der zahlreichen Kopien standen wohl die eigenen Verse 
des Künstlers, die wir in unserer Anthologie (Nr. 204) 
lesen. — Auf diese Erosstatue beziehen sich noch folgende 
Epigramme: von Antipatros aus Sidon mit dem Gedanken, 
daß dieses süße Bild nicht nur den Stein, sondern auch 
starres Eisen in Glut versetzen könne (167); von Julianos 
Aigyptios (203), von Tullius Geminus (205) und von 
Leonidas (206). 



•) „Bei den Thespiern blüht am meisten der Kult des Eros 
seit uralter Zeit" Paussn. IX 27, 1. 



— 283 — 



Sehr zahlreich sind die außerdem von Planudes in 
diesem Buche mitgeteilten Epigramme auf Eros-Bilder, 
und man sieht staunend den Reichtum an Motiven, mit 
denen die ewig junge Phantasie der Hellenen die Dar- 
stellung des entzückendsten ihrer Göttergebilde zu vari- 
ieren wußte. Da ist der gefesselte Eros, ihm gelten mit 
immer neuen Gedankennüancen die Epigramme 195 — 199; 
oder er wird mit der Fackel dargestellt (209). Beliebt 
ist das Motiv des schlafenden Eros (208, 210—213); ein 
hübsches Epigramm des Moschos zeigt uns den Eros 
pflügend (200), oder wir sehen ihn bekränzt, (201, 202). 
Für eine Erzstatue des Eros ist das Epigramm eines un- 
bekannten Diohters bestimmt (194), für die Statue eines 
nackten Eros mit Symbolen, die seine Herrschaft zu 
Wasser und zu Lande bedeuten, das des Palladas (207); 
von unbekannten Dichtern endlich die drei Epigramme 
250 — 252. Sehr nett sind auch die Gedichte eines Se- 
kundus (214) und Philippus (215), in denen Gemälde be- 
schrieben werden, auf denen eine ganze Schar von Eroten 
dargestellt ist, die sich mit den Waffen der einzelnen 
Götter gerüstet haben. 

Eine Hermesstatue in einem Gymnasium, von Knaben 
mit Hyacinthen und Veilchen bekränzt, begeistert den 
Nikias zu einem schönen Epigramm (188). Etwas gröberes 
Geschütz führen dann die Dichter auf, die für Priapos- 
statuen Inschriften verfaßten. Hier wird der Ton direkt 
sinnlich, das erotische Element tritt unverhüllt hervor, 
höchstens, daß die Obscönitäten durch Wortspiele ge- 
mildert werden. In den Gärten, die er vor Dieben und 
unberufenen Eindringlingen schützen sollte, stand sein 
Bild, kunstlos aus Holz gemacht, das Symbol seiner 
männlichen Kraft in frecher Nacktheit darstellend. So 
zeigt ihn uns das Epigramm des Leonidas (236); nicht 
ohne Stolz macht er einen Dieb auf das gewaltige Werk- 
zeug seiner Kraft aufmerksam, denn mit ihm würde er 



— 284 — 



bestraft werden, falls er seinen Diebesgelüsten nachgeben 
sollte. 50 ) Diese Drohungen werden nun immer wieder 
variiert, so von Tymnas (237), Argentarios (241), Antistios 
(243), Leonidas (261) und einem unbekannten Dichter (260), 
Das Epigramm des Philippos (240) stellt ein Gespräch 
zwischen Priaposund einem fremden Besucher des Gartens 
dar. Der Fremde möchte von den schönen reifen 
Pfirsichen einige haben, was der Gott zunächst rundweg 
ablehnt, aber schließlich gegen entsprechende Gegengabe 
erlaubt. Erstaunt fragt der Fremde, ob denn ein Gott 
nach Geld verlangt; doch der Gott belehrt ihn, daß er 
vielmehr des Fremden eigenen „Pfirsich" begehrt. 60 ) Ver- 
hüllung der grotesken Entblößung verlangt Erykios (242) 
mit der Begründung, daß der Priapos ja nicht in menschen- 
öder Einsamkeit stände, sondern in Lampsakos am Strande 
des Meeres, das von der keuschen Helle seinen Namen 
erhielt In einem höchst ärmlichen Garten ist der Priapos 
aufgestellt, dem das Epigramm des Lucian gilt (238): 
hier könne man nichts stehlen, klagt der Gott, außer 
ihn selbst 



Eine weitere Gruppe von Epigrammen, die in diesem 
Zusammenhang genannt werden müssen, feiert besonders 
schöne Vertreter des männlichen Geschlechtes, seien es 
bestimmte Personen oder jugendliche Athleten, Kammer- 
diener, aber auch zwei Damen werden deshalb gerühmt, 
weil sie weibliche Vorzüge mit männlicher Kraft ver- 
einigen. Da wäre der schöne Leo zu nennen, ein Knabe 
von der Insel Rhodos, dem Apollonidas zwei elegante 
Epigramme widmet (49, 50). „Kinyras, der Liebling des 
Apollo, Ganymedes und Paris wurden von der alten Zeit 
ob ihrer Schönheit bewundert; aber von der Schönheit 
des Leo wird man immer singen und sagen, und glück- 
lieh ist Rhodos zu preisen, daß es sich solcher Sonne er- 
freut (mit Anspielung auf den bekannten Koloß von 



! 
i 



— 285 — 



Rhodos, den Sonnengott darstellend). Das andere Epi- 
gramm (50) spielt witzig mit dem Namen des Knaben 
(Leo, Löwe) und meint, wenn dieser Leo dem Herkules 
(der als erste seiner zwölf Arbeiten den Nemäischen 
Löwen bewältigte) einst begegnet wäre, so würde man 
nicht von den zwölf Arbeiten des Herknies sprechen 
können (weil er eben schon bei der ersten unterlegen 
wäre). 

Ein Epigramm des Antipater (75) feiert in etwas 
überschwänglicher Weise den Kotys, den jugendlichen 
König von Thrazien. Zeus, so lautet die Pointe des Ge- 
dichtes, besitzt das Herrscherszepter, Ares die kriegerischen 
Waffen, Apoll die Schönheit: Kotys vereinigt alles dreies 
in sich.*) 

In das Schlafzimmer des Königs Justinian läßt das 
Epigramm des Leontios Scbolasticus (d. h. Anwalt) einen 
Blick tun: er rühmt den Kammerpagen Kallinikos, in 
dessen schönem Körper auch eine schöne Seele gewohnt 
habe (33). Dem Knaben Thyonichus, der im Wettlauf 
alle Rivalen, gleichaltrige, jüngere und ältere besiegt hat, 
gilt ein Epigramm des Makedonios (ebenfalls Zeitgenosse 
des Justinian). Das Standbild, das man dem siegreichen 
Knaben gesetzt hat, soll, wie es in dem Gedicht heißt, 
nicht allein dessen blendende Schönheit der Nachwelt 
übermitteln, sondern vor allem zur Nacheiferung an- 
spornen (51). Ein großer Freund von Tänzerinnen scheint 
der soeben genannte Leontios gewesen zu sein, wenigstens 
hat er mehreren ein literarisches Denkmal gesetzt. Der 
Helladia rühmt er nach, sie habe, den Hektor tanzend 
weibliche Anmut mit männlicher Kraft vereinigt (287) 

*) Welcher von den verschiedenen thrakisehen Königen dieses 
Namens gemeint ist, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Man hat 
an den Sohn des Kotys gedacht, an welchen Ovid aus dem Exil 
eine poetische Epistel richtete (ex Ponto II, 9) und von dem Tacitus 
erzählt (annal. II, 64 ff.). 



— 286 — 



und in einem anderen Epigramme (288) sagt er, sie habe 
den Körper der Grazien und um die Hüften den Gürtel 
der Venus. Aber wenn sie tarnst, sei sie wie ein ge- 
schmeidiger Eros, alle durch ihre Schönheit wie ihre 
Kunst in gleichem Maße fesselnd. 

Zuletzt wären noch die Epigramme zu erwähnen, die 
als Grabgedichte für Anakreon gedacht sind. Während 
zwei derselben, eins des Eugenes (808) und ein namen- 
loses (309) nur in allgemeinen Ausdrücken von den 
Liebesliedern des teuren Sängers reden, wird in den 
beiden Gedichten des Leonidas von Tarent (806, 307) 
der Lieblinge des Anakreon, des anmutigen Bathyllus 
und des schönen Megistes (vgl. 1, 645 ff.) ausdrücklich 
Erwähnung getan. 61 ) 



Anmerkungen. 

') Über einige kleinere auf uns gekommene Samm- 
lungen von Epigrammen gibt Auskunft Stadtmueller auf 
p. XTTI des ersten Bandes seiner Ausgabe, wo auch 
weitere Literatur angegeben ist Siehe ferner Susemihl, 
Geschichte der griechischen Literatur in der Alexandriner- 
zeit Bd. II (Leipz. 1892), S. 566 ff. — Noch sei be- 
merkt, daß die durch Inschriften auf uns gekommenen 
Epigramme später behandelt werden sollen. 

9 ) Vgl. Goethe, Notizbuch von der schlesischen 
Reise im Jahre 1790. Herausgegeben von Friedr. Zarnke. 
Leipzig 1884. Goethes Werke (Ausgabe Düntzer, III 1, 
Seite 255): 

„Knaben liebt' ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen: 
Hab' ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch." 

Die kallipygischen Reize der Mädchen spielen in 
diesem fünften Buche eine große Rolle. Den Streit dreier 
Mädchen, welche am meisten Kallipygos sei, hat Rufinus 
in zwei formvollendeten, aber von heißester Sinnlichkeit 
erfüllten Epigrammen geschildert (34, 35). Bei der Be- 
schreibung eines sich badenden Mädchens widmet der- 
selbe Rufinus den posterioren Reizen ein ganzes Disti- 
chon (59). Dioskorides zeichnet eine Hetäre durch 
das Beiwort Qoionvyog aus (54); ein ähnliches Lob findet 
sich in dem Epigramm des Philodemos (131). 

*) Über diese Frage, als ein sehr beliebtes Thema 
erotischer Darstellung, vgl. Brandt zu Ovid, ars ama- 
toria II, 684: 



— 288 — 



Odi ooncubituß qui non utrumque resolvunt, 
Hoo est, cur paeri Ungar amore minus. 

Vgl. dort auch Seite 282. Zu dem sei noch hinzugefügt 
was Heinse in der Vorrede zu seiner Petronübersetzung 
erörtert (wortgetreuer Abdruck der Ausgabe 1773: Leip- 
zig, Weigel 1898, Seite 20). 

*) In einem langen Epigramm des Agathias (801) 
wird der Gedanke ausgesponnen, daß jede auch nur denk- 
bare Liebe (Dirne, Jungfrau, Frau eines anderen, legitime 
Gattin, Knabe, Witwe usw.) mit Gefahr oder Unbequem» 
lichkeit verbunden sei, so daß nur das Rezept des Dio- 
genes übrig bliebe, dem »die Hand das Hochzeitslied 
sang*. — Ein für allemal mag hier bemerkt werden, daß 
Gedichte, die schon in dem ersten Aufsatze (Jahrbuch, 
Bd. VITT, 1906) behandelt sind, in der Anthologie häufig 
wiederkehren; natürlich werden sie dann hier von uns 
nicht nochmal erörtert: so hier das schöne Epigramm 
Pia ton s (AP. V, 77), das man oben Jahrb. VHI auf 
Seite 635 findet. 

6 ) Unter dem Namen des Lucian ist folgendes • 
Epigramm überliefert (17): »Tres tibi haec ludicra posue- 
runt meretrices, Cypri beata, alio alia ab opificio: quarum 
a clunibus Euphro haecce, ista vero Clio qua fas est, 
tertia autem Atthis a palato. Pro quibus Uli mitte 
puerilia, domina, lucra, huic vero quae sunt femineae 
voluptatis, tertiae quae sunt neutrius (Dübner). 

6 ) Dasselbe Motiv behandelt ein Epigramm des 
Philippus (AP. IX, 56), ebenso ein lateinisches Epigramm 
(Poetae latini minores rec. Baehrens IV, p. 108). 

7 ) Nach der geistvollen Vermutung von Jacobs war 
das Epigramm Inschrift auf einer in der Stadt auf- 

• gestellten Bildsäule des Pan. — Über die Liebe des Pan 
zu Daphnis vgL auch S. 223. 

*) Gemeint sind die *0£i&u vffioi, eine Inselgruppe 
sini Ausflusse des Achelous; das Meer ist dort durch 



— 289 — 



Klippen und Stürme gefährlich (AP. VII, 689, 2. Strabo 
X, pag. 466). 

9 ) Minos selbst, der sagenhafte große Oesetzgeber der 
Kreter, hatte den natöwv fywg staatlich sanktioniert, 
um einer Übervölkerung vorzubeugen, wie Aristoteles 
(de re publ. II 10, p. 1272) ausdrücklich bezeugt Nach 
Timaeus (bei Athen. XIII, 602 f.) haben die Kreter die 
Sitte des naidegaatslv über ganz Griechenland verbreitet. 
Vgl. auch Plato leg. I, p. 636 c. Ausführliches hierüber bei 
Becker-Göll, Charikles. Band II. (Berlin 1877) S. 257 iL 
und Hoeck, Kreta. Bd. III. (Götting. 1829), S. 106 ff. 

10 ) Über die Liebe des Apollo zu Hyacinthus vgl. 
ausführliche Darstellung bei Ovid. met X, 162—219. 

") Dieser Pylades lebte zur Zeit des Augustus und 
war im tragischen Tanze nicht minder berühmt als sein 
Zeitgenosse Bathyllus im komischen. Vgl. Athen. I, p. 20 e. 

1S ) Ob Epigramm 614 in unsere Untersuchung ge- 
hört, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Es bezieht 
sich auf ein kleines Bad, das in der Nähe des bekannten 
»Zeuxippus" genannten Bades zu Konstantinopel lag. 
Das große Bad wird gebeten, auf das kleine nicht ver- 
ächtlich herabzublicken: „denn in der Nähe des großen 
Bären leuchtet der Erotylos süß/ Nun scheint es, als 
ob Erotylos ein kleinerer Stern in der Nähe des großen 
Bären hieß, aber der Name scheint doch, zumal es 
sich um Bäder handelt, das Epigramm in unsere Sphäre 
zu verweisen. — Nr. 554 in mulierem salacem 
Heracleam quae, ut Hercules Heben, sie rjßtjy (= penem) 
iuvenum amabat und 602 gehören nicht eigentlich in 
unsern Zusammenhang. Das letzte Oedicht handelt von 
einem Mädchen, das erst nach der Hochzeit sich als 
männlichen Geschlechtes erweist. Ähnliche Geschichten 
liest man bei Gellius IX 4, 13 ff., der mehrere Fälle aus 
Plinius (nat. hist. VII, 3 und 4) zitiert Sehr bezeich* 

Jahrbuch IX. 19 



— 290 — 



nend sind die Worte des Plinius: gignuntur homine» 
utriusque sexus, quos hermaphroditos vocamus, olim an- 
drogynos vocatos, et in prodigiis habitos, nunc vero 
in deliciis. 

1S ) Im Original steht: cqxscov dQdtSüBo %bq<sIv oXaig. 

ll ) Mit einem unübersetzbaren Wortspiel: 
ei /xe (piketg, nd/xg>iXe, fxrj pe (pCXei. 

lft ) Die den Knaben nachstellen, werden als Wölfe 
gedacht: vgl. unten AP. XII, 250; ebenso verständlich ist 
das Bild, unter dem die Passiven als , behaarte Ziegen* 
vorgestellt werden; vgl. unten Ep. 51. 

lfl ) Die geheimen Passionen des Euphorion, eines 
Dichters aus Chalkis, schildert Krates in einem Epi- 
gramm (218), in dem sprachliche Ausdrücke ins Obscöne 
verdreht werden: 

XotQiXog ' Avzifxdxov tcoXv Xsinerar äXX' im ttaatv 

XoiqiXov Ev(fOQtwv €i%8 did arofiarog, 
Kai xaTdyXwxa inoei rd 7Zotfnaza, xdi rä Qikrpä 

dr(>€xeu)$ •fidsc xdi ydq 'OfirjQixbg rv. 
In Y. 2 ist %oiQtXog mit Anspielung auf %oZqo$ (puden- 
dum muliebre) gesagt; 'O/Arßutog in V. 4 mit Anspielung 
auf fJLfjQog. 

17 ) Von Meleagros, über den weiter unten (S. 248) 
eingehend zu reden sein wird, liest man das 223. Epi- 
gramm : 

El ßivsl Qaßoqlvog anunüg" fxrjx&v antiner 
avtog fioi ßivetv eiTt' idüp ciüfxari. 
Der Scherz liegt in der doppelten Konstruktion sitzsIv 
tdüp GtofxcLTi und ßivetv Idwp mafian. 

1S ) Von Strato n ist Epigramm 22, das ein obscönes 
Wortspiel mit dem Namen des Knaben Drakon enthält 
(tydxtov Schlange und Penis): 

"Eon, Jqdxtav rig €<pr{ßog dyav xaXog* dXXd 9 dqdxwv wv 
jrmg elg Tr k v rgioyk^v äXXov wfiv dfyerat; 



— 291 — 



Das 21. Epigramm (auf den Penis des Knaben 
Agathon) kehrt im XII. Buche unter der Nummer 242 
mit wenigen Veränderungen wieder (s. unten JS. 295). 

In Nr. 225 endlich wird uns ein Schema zu dreien 
vorgeführt (vgl oben Seite 221). 

19 ) „Die Enterbten des Liebesglücks" möchte man 
das 272. Epigramm überschreiben. 

^Avigag rßvrfiavxo xal ovx iyävovro yvvalxegr 
Ovt 9 ävdgeg yeydaaiv, enel nd9ov iqya yvvaixcüV 
Ovte yvvatxeg iaaiv, enel <pvtrcv %XXa%ov dvdgwv. 
'Avfyeg eiai yvvatgi xal dvdgdtriv elai yvvatxeg. 
Dazu vgl. Lucian. amor. cap. 21. 
Das 261. Epigramm 
Ytog TlcnQixCov fxdXa xoa/xiog, og did Kvnqw 
ov% otritjv hdqovg ndvxag a7to<ttQi<petat, 

bezieht Brunck in »masturbatorem qui sodales aversabatur, 
non quod esset sanctior, sed ut solitarium vitium exerceret.* 
An einen Passiven ist Ep. 389 gerichtet: 

TrjV xetpaXrjV aeieig xal ttjv 7tvyrjV dvaaeieig' 
iv juev (xaivofxtvov, e'v de neqaivoiievov. 

20 ) Auf fellatores (feminarum) beziehen sich die Epi- 
gramme 222, 329, 338; 221 wohl auf eine fellatrix. Das 
Epigramm des Kallimachos (362) scheint man dagegen 
nicht erotisch deuten zu dürfen. 

21 ) Aratos aus Soli in Cilicien, etwa um 305 ge- 
boren, der Verfasser mehrerer uns zum Teil erhaltener 
Gedichte meist astronomischen Inhalts wird um so passen- 
der genannt, als er selbst Ephebophile war. Von seiner 
Liebe zu einem schönen Knaben hatte Theokrit gesungen; 
vgl. I, 8. 667. Mit den Worten ex Jiog aQ%t6fxea^a hatte 
Aratos seine Phainomena begonnen; derselbe Anfang bei 
Theokrit 17, 1, wozu man die Erklärer vergleiche und 
Susemihl Bd. I, Seite 206. Über Aratos alles wesentliche 

19* 



— 292 — 



bei Susemihl I, 284 — 299. Einige Hypothesen über den 
von Aratos geliebten Philinos bei Susemihl I, 287, An- 
merkung 8. Ein Epigramm des Aratos auf einen schönen 
Knaben steht in der Anthologie XU, 129 (vgL unten 
Seite 271). Mit Theokrit war er eng befreundet, vgl- 
Theokr. 6. 7, 98. 17, 1. 

**) Das heißt, er verlangt nach Gegenliebe, was der 
Dichter hübsch durch den homerischen Halbvers tov 
Sanafxsißo^Bvog ausdrückt Jacob vergleicht Lucian. 
amor. cap. 26: et de etxoaiv $twv ajt07t£t,Q<#ri jtaldd rcg 9 
avrcg SfjLoiye doxeT naaxqtuiv, äfxcptßoXov ä(pQoötrr]v 
fiieiadiuixcov. 

Über das Alter der Knaben ist auch das 205. Epi- 
gramm zu vergleichen: 

Bin ich doch ganz verliebt in des Nachbars reizenden Jungen, 
Und wie verschmitzt er lacht, zeigt, daß er selber versteht 

Erst zwölf Jahr ist er alt, drum ohne Aufsicht, noch unreif: 
Ist er zur Reife gelangt, wird er wohl besser bewacht 

Hierher gehört auch Epigramm 228: „Wenn ein noch 
unreifer Knabe zu einer Zeit, da er der Liebe noch un- 
kundig ist, sich hingibt, so bringt das dem Freunde, der 
ihn dazu überredete, nur um so größere Schande. Und 
wenn einer zur Zeit der Jugendentwicklung, wenn er das 
dazu gehörige Alter bereits hinter sich hat, sich als 
Knabe gebrauchen läßt, so ist das ihm doppelt schimpf- 
lich. Doch gibt es eine Zeit, mein Moiris, für beide, da 
das eine nicht mehr, das andere noch nicht schimpflich 
ist: und in der Zeit befinden wir uns beide, du und ich." 
Das 255. Epigramm tadelt diejenigen, die nur an dem 
ganz reifen Alter Wohlgefallen empfinden. 

**) Die uns nicht ganz verständliche Vorliebe für 
den vom Öl der Ringschule noch glänzenden Knaben- 
körper erscheint hier nicht vereinzelt So hebt in der 
Erinnerung an den Anblick des Freundespaares Delphis 
und Eudamippos (vgl. I, 672) bei Theokrit (2, 79) das 



— 293 — 



verlassene Mädchen hervor, wie ihnen beiden die Brust 
noch von Salböl glänzte, als sie sie zum ersten Male sah, 
da sie eben vom Gymnasium kamen. Vgl. Ovid. metam, 
VI, 241: fransierant ad opus nitidae iuvenale palaestrae. 

* 4 ) Zu der Bezeichnung „Wolf und Lamm* vgl. 
I, 660 das von Plato tiberlieferte Sprichwort. Ferner das 
Epigramm des Lucilius AP. XI, 216 (oben Seite 229). 

2b ) Die uns befremdende Ausdrucksweise des letzten 
Verses erklärt sich daher, daß es sich um eine Parodie 
einer Iliasstelle (XXI, 257 — 262) handelt, die man nach- 
schlagen möge. 

86 ) Unter den „Raben und Geiern* sind Dirnen und 
kriechende Schmeichler zu verstehen, für die Knaben der 
geschilderten Art allenfalls gerade gut sind. Vgl. Krates 
bei Stob. flor. XV, 10: K^arr^g na xwv tiXovolwv %Qr'fAata 
ralg btcI zdiv xQi\pviüv avxalg eixdCev, ä(p 9 wv äv$QW7tov 
fxrjdev Xctfißdveiv, xoqaxag de xal Ixrtvovg, uxsneq naqa 
Tovrm hatQag xal xolaxag. 

Ä7 ) Das Epigramm bezieht sich auf einen jungen 
Schauspieler, der gegen seinen Liebhaber stolz und grau- 
sam war. »Indem du alles wie auf der Bühne behandelst* 
d. h. du verstellst dich und gibst dich nicht so wie du 
bist. — »Die Ausgeschlossene" (^AitoxhQoiiivri, nämlich 
puella ab amatore exclusa) war der Titel einer Komödie 
des Poseidippos [Fragmente bei Kock, comicorum Atti- 
corum fragmenta, Bd. III, Leipz. 1888, Seite 336]. Ob 
auf diese oder eine andere desselben Titels hier angespielt 
wird, wissen wir nicht 

* 8 ) Über die Bedeutung der geschlossenen und vom 
Liebhaber bestürmten Tür in der Erotik ist gehandelt 
in Brandts Ausgabe von Ovids ars amatoria (Leipzig 1902) 
zu II, 244. 

2Ä ) Im Original folgen noch die beiden matten Verse: 

Lade Tiresias dir nnd Tantalus selber zu Gaste, 

Denn der eine ist blind, Tantalus sieht dich allein. 



— 294 — 



VgL damit Martial. IX, 25: 

Dantem vina tamn qaotiens adßpeximus Hyllum, 

Lumine nos, Afer, turbidiore notas. 
Quod, rogo, quod sceluß est, möllern speotare ministrum? 

Adapicimus solem, sidera, templa, deos. 
Avertam vultua, tamquam mihi poonla Gorgon 

Porrigat atque oculos oraque nostra petat? 
Trox erat Aloides et Hylan speotare lioebat; 

Ludere Meroorio cum Ganymede lioet 
Si non vis teneros spectet oonviva miniatros, 

Phineaa invitea, Afer, et Oedipodas. 

80 ) Zu dem Gedanken vgl. Aristaen. I, 10 init: xal 
rolg ofifxatu %dQtreg ov TQelg xa& *Haiodov äXlct dexddmv 
7t€Qt6x6(>£ve dexdg. 

81 ) Dr. Otto Knapp, die Homosexuellen nach hellen- 
ischen Quellenschriften (Av$QU)?toq>vT€ia 9 Jahrbücher für 
folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Ent- 
wicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral, heraus- 
gegeben von Dr. Friedrich 8. Krauss. Bd. III, 1906, 
Seite 254—260). Folgende Epigramme des XIL Buches 
finden sich dort behandelt: 3, 4, 7, 11, 13, 206, 207, 209, 
210, 213, 216, 222, 242, 245, 251. Neben diesen unter 
dem Namen des Straton überlieferten hat Knapp noch 
folgende Epigramme anderer Dichter übersetzt : 30 ( Alkaios). 
38 (Rhianos). 40 (Adespoton). 41 (Meleagros). 22 u. 232 
(Skythinos). — Ac primum quidem de partibus puerorum 
amatorum quas nominare nefas haecce agunt epigrammata: 

3. 

Twv naldtov, Jioöu (>e f xa Tiqotöinax elg zgCa niniet 

tfXfltiara, xal tovtoov fjLdv&av > inavviifag. 
Tr t v *ri fxev yäq ä&ixrov axfxrp dayvff ovofia^e, 

xwxa Trjv (pvöqv a^r* xaT€Q%ofJiivijv m 
Trjv f tjdrj JtQog %eT(fa (Jakevo/xBvrjv liye aavqav 

rr k v dh rekeioziQ^v oidag S %qt] dfc xaXeiv. 

Hoc in epigrammate puerorum penes in tres dividuntur 
classes. Secundo disticho non duas sed unam significari 



— 295 — 



aetatem apertam est, nam si duae significarentur, haberes 
omnino non tres, sed quattuor aetates. Jayvda (Püppchen) 
in versa tertio ego scripsi, libri habent XaXov, quod corrup- 
tum est. Etiam xwxoj corruptum videtur. Savga (lacerta, 
Eidechse) puerorum puberum penis in anthologia saepe 
audit, simodo iam manu fricari potest. Fortasse etiam 
signa Apollinis Savqoxrovov [fortasse non necatums est 
lacertam, sed eam contemplatur] ab artificibus identidem 
expressa sensu non carent amatorio. Cf. Martial. XIV, 172: 

Sauroctonos Corinthius. 

Ad te reptanti, puer insidiose, lacertae 
parce: cupit digitis illa perire tuis (perire: ambigue, 
cf. Prop. II 15, 13, saepe). Cf. Welcker, alte Denkmäler 
I, 406 ff. 

207. 

'Ex&eg kovofievog Jioxkfjg ävevrjvo%e aavqav 

ix %rg &pßdtse<og rf]v *Avadvop£vqy. 
Tavrrjv ei %vg $dsi£ev *AXs£dvd(>i$ xifi' ev "/dfl, 
rag igeig av vavvrfi nQoxarixQive &edg. 
Ludit poeta, cum pueri lacertam dvaSvofxevrjv dicit, nimirum 
in Venerem 'Avadvo^ivrjv iocatus. 

242. 

ngtJtjv tijv aavqav Qododdxrvlov, "Ahafi\ edeigag, 
vvv avrrpr ij<fy xal Qodorcrffpv e%eig. 

Epigramma paucis mutatis iam supra XI, 21 legeba- 
tur. Lusus apertus: lacerta pueri modo digiti erat 
crassitudine, nunc (manu nimirum fricata) lacerti. 'Pododdxrv- 
kog apud Homerum Aurora sescenties audit, Qodonrjxvg 
oognomen est Aurorae (hymn. hom. 31, 6), Eunicae et 
Hipponoae Nereidum (Hesiod. theog. 247. 251) Graciarum 
(Sappho fr. 65) aliarum. — Tä nacöixä fxeQT) (Lucian. 
amor. 14), podices dumtaxat puerorum veuusti in musa 
Stratonis puerili saepe maxima cum laude celebrantur. 



— 296 — 



15. 

El TQCuptxov Ttvyata aavlg dedatf ev ßaXaveüp, 
ävd-QWTtog xi Ttd&co; xal £vkov afofrdvexai. 
Lectio versus primi incerta est, sensus apparet. 

213. 

T<p rol%tf xixktxag t^v wttpva xrp negißXeTtxov, 
Kvqc xi Tteiqd^etg xw Xtöov; ov dvvaxcu. 

6. 

ITQwxxog xal ygvaog xty avxrjv iprppov i%ovaiv m 
tpr]g)ita>v <T dyeXwq xovxo tvo& tjvqov eyw. 
Verba XQVöog et 7tQwxxog tantidem valent, utrumque 
summa 1570 conficit: 



% = 


600 


7t = 


80 


c — 


100 


9 = 


100 


1» = 


400 


CO = 


800 


tf = 


200 


X = 


20 


o =■= 


70 




300 


<r = 


200 


0 = 


70 




1570 


a = 


200 








1570 



251. 

IlQoa&e fxev ävxi7ZQOiS<oiia (ptXr^ara xal xa ttqo Tteigag 
€i%ofX€v 9 iqg yctQ dxfiijv 9 JigtiXe, Ttaiddqiov. 

Nvv di <fe xw om&€v yovvdtoiiat^ ov Ttaqeovx&v 
vtt€Qov lern» yäq ndvxa xa& r}j^xir\v. 

Vers 8. xwv imi&ev, sc. uequv id est xov tiqcdxtov et 
iocatur poeta in Horn. Od. XI, 66: vvv ii tse x&v 
in&ev yovvdCofjiai ov 7taQ€&vxwv 9 ubi sunt ol oni&ev qui 
in patria remanserunt. — Jam ea sequuntur epigrammata 
quibus gaudia amoris masculi atque veüereae res ipae 
praedicantur. 

209. 

Mrje Xirpf axvyvbg naQaxixhao, (a^xb xaxijyrjg, 
JitfiXe, jiij<F sl^g rcaidiov i£ dy&Xrfi. 



— 297 — 



"Etna> jtQovvixä itqCna ^lyr^axa^ xal ra TtQo eqywv 
Ttaiyvuty nXrptxiayLoi^ xv£afia 9 (pihrjfxa, Xvyog. 
Vers. 2 pueros dicit qui corpore quaestum faciunt, 
quos abhorret poeta. Vers. 3 ngowixa Siyruiaxa sunt 
salaces tactus. Plara qui vult de ludis venereis, adeat 
Ovidii artem amatoriam a Brandtio editam (Leipzig 1902) ad 
II, 703 — 732. Inprimi8 oonferas tjuae Lucianus (amor. 53) 
fuse ac copiose de arte venerea cum bello puero ludendi 
exposuit. 

. 288. 

'AXXrjXotg itaq^ovmv apoißadtrjv anoXavöiv 

Ol XVVBOl TZtoloi usiQaxisvofisvov 
dfXipaXXä^ de oi avrol artettQotpa vtoToßaTovvrai, 

to ÖQäv xal to rta&elv ävri7Z£(>aiv6fjievoi. 
Ov TtXeovsxTeiTCu <T ovf arsQog* nXXore pev ydg 

i'oraTCU o TtQodvöovq akkoT 9 . omo9e TtdXiv. 
Tovr 9 ettw TtdvTtog to ngooiftiov elg yaq äfioißiv 

ug Xiyeraiy xvrfteiv oidev ovog tov ovov. 

Vers. 8 proverbium. Cf. Aristid. orat. 46, 300 Dind. 
Aristot. hist. anim. 9, 1, 14. 

210. 

Tgeig aQC&fiei Tovg itdvtag VTteq Xe%og, dov dvo ÖQwaiv 9 

xal dvo nd<s%ov<Siv. Gav/xa doxa) ti Xiyeiv. 
Kai fÄtjv ov xpevdog* dvaiv etg (xiaaog yaq vTzovqyet 

TGQnwv e£o7tt£ev, Ttqoa^B de TeQTto/xevog. 
Simile epigramma Stratonis iam supra (XI, 225) legebatur: 
*H xXivi] 7td<s%ovT<xg e%ei dvo xal dvo dguivTag, 

ovg ei doxelg ndviag Titsaaqag* elcl de TQilg. 
*Hv de Ttv&y, 7twg tovto; tov ev iiicaap dlg agtäfiet, 

xotva TiQog dfX(fOTtqovg eqya aakevofxevov. 
Quos versus Hugo Orotius sie vertit: 

Cum iaceant leoto duo qui patiuntur in uno, 
Et duo qui faciunt, quattuor esse putas. 

Tres sunt Scire oupis quanam ratione? Bis illum 
Tu medium numera, qui facit et patitur. 



Cf. Auflonii epigramma 119 (quod nostra lingua 
expressum habes in amethysto a Francisco Blei edito, 
1906, vol. in.) : 

Tres nno in leoto: stuprum duo perpetinntur, 
Et duo oommittunt : quattuor esse reor. 

Falleris. Extremis da singola orimina et illum 
Bis numeres medium, qni facit et patitur. 

247. 

Oiov 87ti TQOijß 110%' CL7tO KQIjTtjS, 0e6d(tQ€, 
*Idofiev€vg &£Qdnovi? rjyaye Mrjgiovrjv, 

toTov <ss (fikov nBQidi^iov. n H yag exelvog 
äXXa fxev rjv Üsydncov, äXXa ö 9 hcuQOGvvog* 

xal (fv %a fAev ßunolo na^fxeQog egya riXei pof 
vvv tfaye neiQtdpev, val Jict, MtjQCovTjv. 

Per iocum poeta nomen Merionae, quem Idomenei 
amicum fuisse ex Hiade nemo ignorat» a voce o /xrjQog 
(Schenkel) sensu amatorio derivat Cf. Sext Empir vn?. 
HI, 199: liysxac de xal naqa Qrjßaloig to naXcubv ovx 
alcyjQov tovro elvai 66£ai, xal rov Mtjqiovtjv rov Kq^xa 
ovtco xexXrja&at (pacrt, 6C $n<paaiv rov K^rjTtJV $&ovg xal 
Tjjv y A%iXki(jjq nqog UaTQoxXov dvdnvQov (fiXiav etg tovto 
dvdyovai riveg. OL etiam epigrammata 37, 97, V, 36. 
Rectius nomen MrjQiovrjg per velocitatem tcjv fiktiv ex- 
plicatur (Etym. Magn. s. v.). 

243. 

JST hb to 7tvyiCeiv aTtoXriXexe, xal dia tovto 
ixTQiipofxai noiayQcöv, Zev xQedyQav fie nosi. 

Sensus apparet Dicit poeta etiamsi pedicando poda- 
gram acquisiverit tarnen se nolle a pedicando desistere. 
Ac ludit cum verbis, nam xqedyQav dicit in nodayQwv 
iocatus. Jam conferas Eustath. ad Diadem IX, 206, unde 
discimus xQedyqav (forcipem) etiam kvxov appellari (cf. 
etiam Pollux X, 98), Xvxovg autem puerorum amatores 
audiri iam supra (pag. 293) vidimus. 



— 299 — 



225. 

Ovd&nmt tjeklov <pdo$ oq&qwv avtiXXovrog 

ixttryea&ai Tctvqop %Dr (pXoyoevza xvva, 
pr Ttore xaQ7toX6%ov Jrjfxrjreoog vyQav&eütrjg 
/tyßflS rfv Aaöfcijv € H(>axXäovg &Xo%ov. 
Epigramma spurcum. ,Mane non esse pedioandum, 
De hesternae occurras cenae" (Duebner). tclvqos = &nus. 
Kvwv drjlol xal vb dvdqelov (aoqwv Hesych. Vgl. Anth. 
Pal. V, 105, 4. — Vers 4: Dieit poeta "Hßqv, Herculis 
uxorem, sed intellegit fjßrjv, penem. 

7. 

2(piyxrrj() ovx eatcv naqa TiaQ&evcp, ovde (pCXrjfxa 

äjtXovv, ov (pvaixri %Qonog evjtvotr], 
ov Xiyog ydvg exelvog o 7toQvixog 9 ovo* axiqavov 

ßktfilia, didaoxofiivr} ff eml xaximiqa. 
yjvxQovvrcu, <P ort&ev näöar ro de fxelCov Sxelvo, 
ovx etniv 7t ov i^g ttjv %&qcl TtXa^o/iivrjv. 
2<piyxtTj() est musculus analis (constrictor) quo penem 
vehementius constringi poeta censet quam vulvä. — 
Vers 3. De sermonibus lascivis cf. quae diximus supra 
ad epigramma Nr. 209. Jacobs addit Martial. XI 104, 11. 
Juven. II 6, 196: quod enim non excitet inguen vox 
blanda et nequam? — Vers 6. Mentula scilicet ac scrotum 
pueri, quas partes mulcere ac perfricare vult amator cum 
rem facit Pluribus de hoc epigrammate agit Knapp 1. 1. 
quem adeas. 

245. 

näv äXoyov Zioov ßvvel povov oi Xoytxol de 
tüv äXXutv tu'ojv tovt 9 i%Ofl€V TO 7tXiov 9 

TtvyCteiv evoovreg. "Otioi öi yvvaigi xQazovvrai, 
twv äXoywv Zmov ovd&v e%ovm nXiov. 

240. 

"HJij fiov noXuxl pev enl xQordtpoiGiv e&eioai, 
xal Ttiog Iv fxrjQolg dqyhv a7toxqi(ia%ar 



cQxeig <F aTtQrjxroi, %aXenov di fie yrjqag Ixdvsi. 
otfioi ! jtvytteiv olia xai ov dvvapai. 

Sed quae Goethius noster re expertus est cum puella 
illa quae Musa carminis illius praeclarissimi facta est 
(„doch Meister Iste hat nun seine Grillen 11 ) ne 
Strato quidem ignorat: 

11. 

'Ex&eg 1%(üv avä vvxra QiXootqotov, ovx edvvr^Vy 

x€ivov f Ttwg eimo; ndvxa naQaaxofi&ov. 
*AXX y e/n€ firjxh' 1%olts ifiXot ifiXoVy dkl 1 änb nvgyov 
tyi/jai*, eitel Xir^v *A<nvdva£ yeyova. 
Ludit poeta, cum nomen 'Aörvdvag a tnveiv derivat 
(= tnveiv fATj dvvdfi€vog);B\miliB iocus in epigrammate 174. 
Ad rem conferas Ovid. amor. III 7, 67 ss. Priap. 83. 

216. 

Nvv oQÖrj, xaxdqare y xal evrovog, yvixa fivjSiv 

faxet i'rp iyftig, ovdev oXwg dnenveig. 
Cf. etiam Scythini epigramma 232. 

Es folgen noch einige andere Epigramme, die aus 
leicht erklärlichen Gründen aus dem Text hierher in die 
Anmerkungen verwiesen wurden. 

286. 

Evvovypg Tig e%et xaXd naiUw nqog riva Xgrjctv; 

xai TOvrotCi ßldßrjv ov% orirjv na(>e%et. 
"Ovrwg dg 6 xvwv fparyg go'cta, fxvjqd <P vlaxrm 1 
ovd* avrq? 7iaqi%ei räya&ov ov& kceqtf. 
Quonam damno pueros spado afficiat apparet si 
Martialem confers (XI, 22): 

Mollia quod nivei duro teris ore Galaesi 

Basia, quod nudo cum Ganymede iaoes, 
(Quifl negat?) hoc nimium est Sed ait satis: inguina aalte ra 

Paroe fututrici sollicitare manu. 
Levibns in paeris plus haeo quam mentnla peooat 
Et faoiunt digiti praeeipitantque Timm. 



— 801 — 



Inde tragus oeleresque pili mirandaque matri 

Barba, neo in clara balnea luoe plaoent 
Divisit natura marem: pars nna puellis, 

Una viris genita est. ütere parte tna. 

Vers 3: Sintne verba recta dubito. Jacobsius dicit: 
u>g o xviüVy (pctötv, §o'da sive (pqovqiüv dg 6 xvcov, (patitv, 
§6da, nam rosae satis apte dictae de paeris pulchris, et 
fait fortasse proverbium wg xvwv §6da <pvXdvrwv. Quae 
alii viri docti coniecerint in Duebneri editione reperis. 

13. 

y IrjTQovg svqov tvot' iyo) Xelovg dvokqurvag, 
xqißowag (pvaixrjg (pdgpaxov dvTiädrov. 
Ol Se ye <pu>(>a&€VT8g' "E£ ^ovyii\vl ideovro' 

xdyu ianrjv Etyü, xal Seganevaeri fie. 
„Lepidum et venustum Carmen, cuius acumen in 
duplici uöu verbi rgißeiv, quod medicorum proprium, et 
altera significatione praetextatum est: alSolov rglßeiv, 
mastuprari." Brunck. Addo etiam ^aqaTievaete ambiguum 
esse („behandeln"). 

219. 

Geld noch fordert ihr gar, ihr Lehrer? Wirklieh bescheiden! 

Holde Knaben zu sehn, achtet ihr dieses für nichts? 
Und mit ihnen zu sprechen und wenn sie euch grüßen zu küssen, 

Gilt nicht Münzen von Gold dieses euch hunderte gleich? 
Wem ein schöner Knabe erblüht, mir mag er ihn schicken: 

Für einen einzigen Kuß gebe ich, was er begehrt 
187. 

Ilwg dvayivuaxeiv, Jiovvate, nalSa diäd&ig, 

fitjdk tierexßrjvai (p&dyyov imtndfxevog; 
ix VT{tr[g fierißrjg ovzwg va%vg elg ßaQV%0QÖov 

(p&dyyov, an' lGyywtd%y\g etg idctv oyxotdrrjv. 
IlXrjv ov ßatixaivw fieberet fiovov dfitporsQovg 6h 

xqovwv, Tolg (pd-ovegolg Adfißda xal "Ak<pa Xeye. 
Epigramma in Duebneri editione sie exponitur. 
„Vers 2: juerexßatveiv nos dieimus transitionem 
agere per gradus a tenuiore ad graviorem sonum, quod 



— 302 — 



magni momenti est in arte recitandi. Sequentia ostendunt 
cur hoc illum nescire sciat Strato. — Vers 3: Est de 
vrjrji et indrn dictum ad XI ep. 352, quae sunt instru- 
mentorum chordae vel soni vocis. Seite ad grammaticam 
musica notnina transtulit, cum utriusque artis rudimenta 
ad easdem res pertinerent, prosodiam, rhythmum ceteras. 
Per vrjrYfv seu altissimum sonum innuitur amasii os, per 
vnaxriv seu gravissimum sonum et ultimum 6 TTQioxrog. 
Tum ad ä(i<por€Qovg xqovwv repetatur g&oyyovc. Est 
xQoveiv aptum de re utraque, et musica et obscoena. In 
fine Xdfxßda xal dktpa kiye vertam:,dicinvidis, kaßdaxiaa 
iya vfxäg xal dkg^arr^iü/ Quae si non bene graeca 
videbuntur, sumantur Catulliana verba: ,pedicabo ego 
vos et irrumabo.' Adfißda de cunnilinguis dictum iam 
apud Aristoph. Eccl. 915 (cf. Blaydes ad V. 920). Ausonius 
epigr. 128: ,cui ipse linguam cum dedit suam ( )Aßda 
est. Littera A ad dkgnj&vdg respicitur, piscis genus, quod 
pediconibus nomen dedit, quia (ut exponit Athenaeus VII 
p. 281 f.) Semper duo una capiuntur, altero alterum a 
cauda sequente eique adhaerente." 

222. 

Evxaiqiog nori natdotQißrjg, kslov ngodiddaxa v 9 

eig to yovv yvdfiipag, fxititiov STtaidoTQißei 
tq x £ Ql xoxxovg l7ta<piu[i£vog. 'Akku TV%aia;g 

rov Ttatdog wßCü'V rk&ev o ieOTtoavvog. 
*Og & rdypg xolg tcocölv vTrottbaag dvexkivsv 

vtttiov, ifinke^ag rjj x^Qi rf* (pdgvya. 
*Akk f ovx un> aTtdkaiatog o deaTzoovvog TZQoötitTisv 

IJalcac nviyiteig, (pr)<fc, to Ttatddqiov. 

Ludus in eo est quod verba quibus in palaestra pueri 
corpora exercentes utebantur ambigue ad res venereas 
referuntur. Domino appropinquante magister simulat se 
pueri corpus exereuisse tantum. Dominus autem, amoris 
masculi baud imperitus, dicit eum puerum suffocare 



— 303 — 



(TtviyiZeig ambigue). Cf. Lucian. gymnas. cap. 1. Philostr. 
imag. II, 6 (p. 412). — Vers 3 xoxxovg: Cf. CatulL 61, 181: 
da nuces pueris, iners concubine; satis diu lusisti 
nucibus. Martial. XIV, 18: 

Alea parva nuoes et non damnosa videtnr; 
saepe tarnen pueris abstalit illa nates. 

Anth. Pal. XII, 3, 4 (supra pag. 294). 

20G. 

A. *JNvv tovz k wt g)wvui 9 * to fieaov Xdße xal xaxaxXivag 

tsvyvvBf xal TXQwcag txqogttsgg, xal xaxe%e. 

B. Ov (pgovieiG, Ji6<pavT€' fioXig dvva^ac yaq eywye 

ravxa noelv naiduv <Fij TvdXrj e<&' heget. 
A. *0%Xov xal fieve, Kvqi, xal ijußdXXovrog ävdc%ov 
7tQakov (SvfXfieXeräv rj fieXsräv fxa&erio. 

Etiam huius epigrammatis acumen in verbiß ambiguis 
est. Paedotribam cum puero rem facere atque ambigue 
colloqui certum est, lectiones incertae sunt Versus primi 
lectio ex Boissonadii coniectura: nunc hoc age: oh! aio. 
Vix recte. Sequentia: penem (meum) medium (manu) 
corripe et (te) decumbens liga (admove penem natibus 
tuis) et (te) adurgens irrue (penem meum in nates) et 
comprime (utramque tuam natem, musculo scilicet con- 
strictore cf. epigr. 7, supra p. 299). Tum puer (B) se 
hoc scire negat, quippe quod puerorum luctamen aliud 
sit. Pergit magister (A): ceve (cf. I, p. 669) et mane 
(donec perfecero) et (penem) irruentem sustine; nam te 
cum alio exercere prius opus est, quam solum. Similiter 
verba palaestrica ad luctamen venereum (cum femina) 
delata habes in Apul. met. II, 17. Lucian. asin. cap. 9. 10. 

Unter Stratons Namen sind noch folgende Epigramme 
überliefert. 

255. 

Ovd' cfvrij c' fj Xe£ig 9 äxoivwvrjre, SiSdaxet, 
fj irvfAov (poovfg Srjfiatog iXxotiivrj; 



— 804 — 



näg ipikonaig Xeyerai, Jtovvate, xov (piXoßovnaig. 

ÜQog Toik 9 dvvemelv juij TL ndXiv dvvatfai; 
ni§C dyaivo^erw, av <F 'OXvfima' %ovg dnoßdXXojv 

exxqivLi, xovxovg eig tov dyaiva Sexjß» 

Vers 5: »Sensus: tu iis pueris oblectaris, quos ego 
reieci. Pythiorum nimirum celebratio incidebat in vernos 
menses, Olympiorum in aestivos. Qui ad illa seriös 
venerant, vel ab agonothetis reiecti fuerant, Olympiam 
proficisci ibique fortunam experiri poterant* Jacobs. 

„Ein Brüderpaar liebt mich, nnd ich weiß nicht, 
welchen der beiden ich als Herrn vorziehen soll. Der 
eine geht, der andere kommt: an diesem ist das schönste, 
daß er da ist, am andern, daß er sich nach mir sehnt." (246.) 

281. 

Dem Euklid, dem Liebenden, starb der Vater, der immer 
Gut im Leben ihm war und nun zu rechter Zeit starb. 

Glücklich Euklid, ich darf nur heimlich die Spiele der Liebe 
Üben, der Vater scheint, weh mir, unsterblich zu sein. 

204. 

„Xqveea xahtefaiv" vvv ei7iare m n ö*6g laße" nafcei 
laöiddag 6 xaXog xal JioxXfjg o daövg. 

Tig xdXvxag cwexgive ßdrtp, rlg cvxa fidxtjmv; 
aqva yaXaxTonayfj rig avvexQive ßot; 

üla dldwg, dXoyane, xal ifinaXiv ola xoju'tfl/ 
Ovtü) TvdeiSrjg TXavxov idwQodoxei. 

Puer f ormosu8 qni cnm turpi amatore consuetudinem 
habet vituperatur. — Fons proverbii in V. 1 est Horn. 
II. VI, 236. Jog Xdße ludus puerorum est; cf. Anth. 
Pal. IX, 546, 7. 

253. 

Je^ite^v oXiyov dog eni xqdvov, ovx dvdnavaig 
(xet /x 9 6 xaXog tf.evr]v 60%e) xoqonvnirfi. 

*AXÄ 9 t ei fir nXevQjj naqexexXiro narqbg dxaiQwg, 
ovx av dr fie fidr^v eide fie^vcxo/nerdv. 



— 805 — 



Der Sinn des vielleicht nicht vollständig überlieferten 
Epigrammes ist nicht ganz klar; nur so viel scheint 
sicher, daß der Dichter im Zustande der Trunkenheit vom 
Knaben verspottet war und nun über die Bache nach- 
denkt, die aber dadurch erschwert ist, daß der Knabe an 
der Seite des Vaters schläft 

211. 

Wenn da ein Neuling noch bist in dem, was von dir ich begehre, 

Hast du vielleicht ganz recht, daß da dich fürchtest and sorgst. 
Lehrte dich aber das Bett deines Herrn die Künste der Liebe, 

Was verweigerst da mir, was da doch selber empfängst? 
Jener, dein Herr, er ruft dich zum Werk, dann läßt er dich gehen, 

Schläft, and es füllt ihm nicht ein, freundlich zu plaudern mit dir. 
Anders hast du's bei mir: wir spielen und plaudern und kosen, 

Und du schenkst meinem Flehn das, was dir jener befahl 

8S ) Ein Gemälde, das die Entführung des Ganymedes 
durch den Adler des Zeus darstellte, hatte nach Plinius 
hist. nat XXXIV, 74 Leochares gemalt: Leochares (fecit) 
aquilam sentientem quid rapiat in Ganymede et cui ferat 
parcentemque unguibus etiam per vestem puero. (Benndorf.) 

ss ) Näheres in der Einleitung von Brandts Ausgabe 
von Ovids ars amatoria (Leipzig 1902), Seite XIV. 

**) In diesen Zusammenhang gehört auch Nr. 214: 

Gib dich und nimm dies Geld, ich werde zufrieden dich stellen; 
Und es wird mir dafür königlich lohnen dein Leib. 

»•) Vgl. Martial. IV, 7: 
Cur here quod dederas, hodie, puer Hylle, negasti, 

Durus tarn subito, qui modo mitte eras? 
Sed iam oausaria barbamque annosque pilosque. 

0 nox quam longa es, quae faois una senem! 
Quid noa derides? Here qui puer, Hylle, fuisti, 

Die nobis, hodie qua ratione vir es? 

Troilus war der jüngste und zarteste von des Priamus 
Söhnen; „auf seinen purpurroten Wangen leuchtet das 
Feuer der Liebe* 4 , sagt Phrynichus von ihm bei Athen. 
XIII, 564 F. Seine Schönheit und Jugendblüte wird 

Jahrbuch IX. 20 



— 806 — 



auch sonst gepriesen, vgl. Verg. Aen. I, 475. Hör. carm. 
II, 9, 15. Das traurige Schicksal des Troilus, der im 
zartesten Knabenalter von Achilles erschlagen wurde 
(Ilias XXIV, 257) bildete den Inhalt einer Tragödie des 
Sophokles (Fragmente bei Nauck, tragici 9 , p. 266). Die 
Gegenüberstellung des Troilus und Priamus findet sich 
auch bei Kallimacbos (Cic. tusc. I, 39, 93). 

86 ) Über Meleagros findet man alles wichtige bei 
Susemihl, Geschichte der griechischen Literatur in der 
Alexandrinerzeit I, (Leipzig 1891), S. 46 f. II, (Leipzig 1892) 
S. 555 ff. 

87 ) Vgl. die ähnliche Klage in den Anakreonteen 
(I, Seite 649). 

") Epigr. 94: 
SiiQvoig fiev JiodwQog, iv ofi/xari d' *H()dxX€vto$, 

rdvemg de Jlwv, o<f<pvi <$' Ovlid&rjQ. 
'AXXa (Tv fiev ipavoig änaXoxQoog, <j> di Q>iX6xXeig> 

efißkene, r<$ de XdXei, %ov de . . . to X€t7t('fxevov. 
ag yvqg, olog iftbg voog äg&ovog' rjv di Mvtaxtf 

Xfyyog imßXixf)^ firjxer 9 iSoig to xaXov. 

Die Lesarten sind sehr unsicher. 

95. 

Et es UoSol (ttBQyovai, <PiXtxXeeg t f ts fivqonvovg 

Ilei&ü xal xaXXevg äv&oXoyot Xagweg, 
dyxäg £%otg diodwQov, o de yXvxvg ävriog qdoi 

JwQo&eog, xstoSto d 9 elg yovv KaXXixQdrrjS, 
laivoi de Jtwv to9 Svtnoxov iv x e Q l reCvmyv, 

abv xigag, OvXiddrjg d 9 avrb neQicfxv&lacu, 
doit] d 9 f;dv optXijfia QiXaw, QijQwv de XaXracu, 

SXtßoig d 9 EvdrjfiAOv tit&ov vnc xXcxfivdi. 
El ydq coi rdde Teonvä tzoqoi, 9e6g> w fidxaq, oiav 

aQTvaeig naidm t Pio(iaCxr l v Xondda. 

Vers 6: xiqag, penem. — neQiGxv&C&w de more 
Scytharum qui pellem hostibus de capitibus detrahebant 



— 807 — 



hic in obscoenum sensum derivatur: glandem penis de- 
nudare. 

41. 

Ovxiri fxoc 0rjQ(ov ygatpetai xaXbg ovd' 6 nvQavyrjg 

nqlv noT€ 9 vvv 9 rfir\ daXog, ^AnoXXodoxog. 
2rt£qyto 9rjXvv equna' öaavrQcoyXwv ii nisana 

hcunavQtov fieXirw noifxiciv alyoßdraig. 

Vers 4: Xdtnavgog, taurus hispidus, cinaedua. 

*•) Auf dem Gemälde, das Alkibiades in Athen zur 
Feier seiner Siege in den Nationalspielen hatte aufstellen 
lassen, war auf seinem Schilde ein Eros dargestellt, der 
einen Blitz schleudert (Athen. XII, 534 e.). 

i0 ) Ein Epigramm des Meleagros auf den schönen 
Myiskos, das nicht in der Palatinischen Anthologie er- 
halten ist, hat Cramer veröffentlicht (anecd. Paris. IV, 
385, 11): 

Ei7tev "Eqws tov xaX&v ISav * * * (jüqusxqv 

dwQOVfiav rd 6 9 ifio ro£a aot xai (pct(>£T(n}v. 
JwQovfiai xal Ttrrjvov * * * * d ye %sCXgcl 

%sZXoq ifjibv ^eirjg Xd/xßave xal miqvya. 
41 ) Als Herakleitos älter geworden war, hatte der 
Dichter nur ein wenig schönes Spottgedicht für ihn übrig: 

88. 

Hv xaXog c HQdxXeixog, rv norv vvv di 7ta(/ rßrjv 
xrjgvaaei noXsfxov diQQig dmcSoßdraig. 

AklxL noXv&vldr}, zad' oqwv, fir yavqa yqvdaaov 
$mi xai ev yXovroig (pvo/nivrj Nipeaig. 

ia ) Dieses Epigramm ist ohne den Namen des 
Dichters überliefert, ist aber Eigentum des Meleagros. 
Näheres darüber bei Steinbach, anthologiae Planudeae 
appendix Seite 58. 

48 ) Unter dem Namen des Meleagros sind in dem 
XII. Buche der Pal. Anthologie noch folgende Epigramme 
überliefert. Nr. 19 a, an einen Knaben namens Helio- 

20* 



— 308 — 



dorus. Da dasselbe mit geringen Abweichungen schon 
im V. Bache (Nr. 215) stand, wo es an des Dichters 
Geliebte Heliodora gerichtet war, so erhellt, daß es in 
unserem Zusammenhang übergangen werden muß. Das- 
selbe gilt von Nr. 147, das ebenfalls an Heliodora ge- 
richtet ist Auch 114 kann hier außer aoht gelassen 
werden, da dieses Epigramm sozusagen nur ein Extrakt 
aus V, 172 istj auch keinen direkten Bezug auf unser 
Thema enthält — Die Epigramme Nr. 82 und 83 sind 
an sich höchst elegant und kunstvoll, sind aber offenbar 
irrtümlicher Weise in das XIL Buoh gesetzt worden, da 
sie auf ein Mädchen gehen. — Aus demselben Grunde 
sind Nr. 109 und 113 in die Anmerkungen verwiesen, 
da sie eine weibliche Schönheit, namens Timarion ver- 
herrlichen. 

109. 

Selbst Diodor, der den Knaben das Hera mit liebe erfüllte, 
Ward von dem Augenpaar lüsternen Mädchens besiegt 

Den süßbitteren Pfeil des Eros tragt er im Herzen: 
So entzündete sich Feuer an sengender Glut 

118. 

Eros selbst, der geflügelte Gott, bekennt sieh gefangen: 
Hit ihrem Augenpaar fing ihn Timarion ein. 

Diese Timarion erscheint auch V, 96. 

44 ) Amor als gelehriger Schüler erscheint auch bei 
Apuleius (met X, 2): .... quamdiu primis elementis 
Cupido parvulus nutriebatur, imbecillis adbuc eius viri- 
bus etc. 

iB ) Dieses Epigramm ist vielleicht von einem anderen 
Aßklepiades, der nach der Handschrift aus Adramyttion 
(in Mysien) stammt, und von dem nichts näheres bekannt ist 

*•) Das letzte Distichon ist in der Überlieferung 
schwer verderbt Die Ubersetzung basiert nur auf Ver- 
mutung ursprünglicher Lesart — Eine ziemlich freie 
Übersetzung dieses Epigramms durch Quintus Catulus 
steht bei Gellius, noctes Atticae XIX, 9, 14. 



— 809 — 



47 ) Schol. zu Eurip. Alcest 2: 'Plavbg 3ä gnjtiiv, ort 
ixwv (ArtolXiov) avTif (?Adfir}Tq>) idovXevae dt 9 tquna. 
Dieselbe Erklärung des Mythus findet sich auch bei 
Kallimachos, hymn. 2, 49. 

iB ) Von Rbianos ist endlich noch Epigramm 38: 
*Qqai xal Xdqnig re xarä yXvxv %evav eXatov, 

w 7tvyd? xvwaaeiv (T ovii yäqovtag eqg. 
Aߣov fiot Tivog iaal pdxaiqa tv, xal %lva rtatdoav 
xoa^elg; d nvyä <F sine* Mevexqdreog. 
*•) *HX&£v fioi fiiya nr^ia, niyag noXefxos, n6ya [ioi nvq 9 
"HXuraog nX^qrig tcüv ig iqun* exiwv, 
avrd ra xatqC fywv ixxaidexa, xal fietä tovtwv 

naaag xal fiixQag xal fieydXag idqvtag y 
xal nqlg dvayvtSvai <pam;v fxiXi, xal rb (piXrjaai 

%€iXea, xal ro Xaßelv iväov, dfiefiTtroTarov. 
Kai rl nd&m\ ipt\alv yaq oqäv fiovov i) dyqvjtvrjam 
noXXdxi vjj xevejj Kvnqidi %uqoiiayju>v. 
f0 ) *0(f&hw vvv k'arrjxag avoSvvfiov oväd fxaqaiv^ 9 
ivriraaat <F wg av /nrj nore Ttavaofievov 
äXX' ore fioc Nepstfrjvog oXov naqixhvev iavrov, 

ndvxa diiovg a $£X(o, vexqbv dnexqi/naao. 
Telveo xal Qijaaov, xal ddxqve* itdvxa fiaralcog, 

ov% e^eig eXeov x^bg a<p' fjfieriqrjg. 
Zu dem Inhalte des Gedichtes vgl. Straten epigr. 11, 
mit unserer Anmerkung (oben Seite 300). 

6r ) Nietzsche, de Laertii Diogenis fontibus L (Rhein. 
Mus. XXIII 8. 632 ff.) 

**) Nicht im Text übersetzt werden können die 
beiden Epigramme des Fronto: 

174. 

M£%ql %lvog 7toX€ftelg p\ a> (plXrare Kvqe; ti noulg; 

xbv aov Kafißvarjv ovx iXeelg; Xiye fioi. 
Mtj yivov Mfjdog* Jdxxag yäq lerjj peta (iixqov, 

xai ae now ~* vqi%eg *Amvdyi\v. 



— 310 — 



Mrjäog = fir Sovg. Saccas ist der aus der Cyropädie 
bekannte Mundschenk des Astyages, hat aber hier offen- 
bar die Bedeutung von „bärtig". Astyages wird hier mit 
<nv£iv zusammengebracht. (Vgl. oben S. 800.) 

288. 

Tip ax/irv OrjaavQov e%eiv f xoDfiydi, vofifceig, 

ovx eldcog avrrpr Qdcfiarog o£vr£(np>. 
üoirpei & 6 Kfiovog Mioovfievov, efca TswQyov, 

xal roze fiaarevaeig ttjv ÜSQixetfofiivijv. 

Der Sinn des Gedichtes ähnelt dem des vorher- 
gehenden, nur daß Titel von Komödien des Menander 
scherzhaft verwendet werden. 

65 ) Dasselbe Thema wird in den drei Epigrammen 
(25 — 27), die unter dem Namen des Statyllios Flakkos 
überliefert sind, mit nur geringen Nüancen behandelt. 

M ) Ep. 28: 

KvQog xvQiog itnr iL fioi fiälei, et naqa yqd(i^a\ 
ovx ävayiviüfTxco tov xakov, aXka ßtenm. 

66 ) Für die Sitte, den Namen der oder des Geliebten 
in Baumrinde zu schneiden, hier einige* Belege. Calli- 
machos fr. 101: 

dXX f hl drj (fXocolai xexo/ipivcr xocca (popelte 
y^dfifiara, Kvdiitm\v wstf iqiovai xaXr'v. 

Diese Verse zitiert der Scholiast zu Aristophan. 
Acharn. 144, der außerdem sagt: idiov igattav rp %d 
%wv eQWfiivwv ovofiara y()d<peiv &v zolg toi%oig r dävtyoig 
ij tpvXXoig ovvtog' o delva xakog. eypapov ii xal Sv toi%oig 
xal h Svqcug xal onov tv%oc. Vgl. ferner Aristaen. 
epist. I, 10. Lucian. amor. cap. 16. dial. mer. 10, 4. Suidas 
sub v. 6 deZva xaXog. Ebenso bei den Römern, vgl. z. B. 
Verg. ecl. 5, 13. 10, 53. Ovid. her. 5, 21. Prop. I, 
18, 22. Weiteres bei Becker-GöU, Charikles Bd. I (1877) 



— 311 — 



S. 314. Konrad Wernicke, die griechischen Vasen mit 
Lieblingsnamen,, Berlin 1890. 

6e ) In diesem Zusammenhang sind nooh drei Epi- 
gramme zu verzeichnen. Pyrrhos ist sonst so schön, 
sein Wuchs ist ohne Tadel, die ganze Ersoheinung nur 
Anmut — wie schade, daß seine Füße so häßlich sind (96). 
Der Sinn des Epigrammes auf den schönen Eubios (111) 
ist nicht klar zu erkennen, während das auf A poly- 
phänes (143) verderbt überliefert ist. 

57 ) Im Text sind nicht verwendet und werden daher 
hier kurz registriert folgende Epigramme. Das eine (40) 
war vielleicht die Inschrift auf der Bildsäule eines schönen 
Knaben, ein anderes (103) enthält die bekannte^ so über- 
aus berechtigte Moral des Altertums: t Ich liebe den, der 
mich liebt, und hasse den, der mich haßt. 11 Das Gespräch 
eines schönen Knaben mit einem Sklaven, den der un- 
geduldige Herr zu diesem geschickt hat, lesen wir in 
Nr. 155, und Nr. 90 endlich enthält die Herzensergüsse 
von einem, der vor lauter Liebe nicht aus noch ein weiß, 
er liebt eine Hetäre, ein unbescholtenes Mädchen und 
neuerdings auoh noch einen hübschen Jungen. 

B8 ) Epigrammata 29 et 55 aenigmata sunt, quorum 
solutio ,clyster*; epigramma 43 aenigma lepidum de 
scroto. 

»•) Anth. Plan. 236: 
Avrov i(p 9 aifiaacalCL tbv ayqvnvovvrq. Uftrinov 

e&irjaev Xa%dv<ov Jewofjiävrjg tpvXaxa. 
*AXX\ dag fartfrafMu, <puQ, efißXerze. Tovxo d\ iQ(orqg f 

twv oXtyww Xaxdvoov eVvexa; Twv bXiytov. 

Vgl. oarmina Priapea 24. 

60 ) Im Original steht l<y%dg f was zunächst die Feige, 
dann aber auch „Feigwarzen* am Anus bedeutet. Ich 
setzte dafür, um zu mildern und um das Wortspiel 
wenigstens andeuten zu können „Pfirsich". Vgl. carm. 



— 812 — 



Priap. 5: quam mens hortus habet, sumas impone lioebit, 
8i dederis nobis, quod tuus hortus habet. 

61 ) Wer an der stählernen Kraft der Muskeln kampf- 
froher Athleten Freude hat, mag auch noch die Epi- 
gramme durchmustern, die für die Bildsäulen der Athleten 
im Hippodrome zu Konstantinopel bestimmt waren (aus 
dem fünften Buche der Anthologie des Planudes, in 
Dübners Ausgabe die Nummern 835—387). 



Eduard Kolke, ein Uranier. 

Von 

Dr. Friedrieh S. Krause in Wien. 



1 



Am 3. Oktober 1906 besuchte ich in Berlin Herrn 
* Prot Dr. F. Karsch, um seine persönliche Bekannt- 
schaft zu machen, weil ich mehreren seiner Schriften viel- 
seitige Belehrung und Anregung verdanke. Im Gespräch 
kam auch die Rede auf Eduard K ulke, dessen Schriften 
ich herausgebe und deren Lektüre ich mit Bedacht Herrn 
Prof. Karsch empfahl Ich erzählte von meinem 
Freudschaftverhältnisse mit weiland Kulke und Prof. 
Karsch fragte mich so nebenher, ob wohl Kulke ein 
Uranier gewesen. Einem anderen gegenüber hätte ich 
mich, wie gewohnt, unwissend gestellt, diesmal aber sagte 
ich bloß: Vielleicht! — Mehr zu erwähnen, nahm ich 
Abstand, denn ich hätte wohl ein Stück Leidensgeschichte 
aus K ulk es Leben aufrollen müssen, die ich zurzeit 
noch allein kenne und deren Wiedergabe auf spätere 
Jahre zu verschieben ist, bis alle diejenigen Kulke ins 
Jenseits nachgefolgt sind, die in seinen Tagebüchern und 
Briefen genannt werden. 

Daß Kulke einer der selbständigsten Denker des 
abgelaufenen Jahrhunderts und ein vollendeter Meister 
deutscher Erzählungkunst ist, wissen nur die wenigen 
tausende seiner Leser; daß er ein Uranier war, erfährt 
man jetzt zum erstenmal in der Öffentlichkeit. Ich darf 
es wagen, davon einiges mitzuteilen, denn aller Voraus- 
sicht nach wird bald in deutschen Landen niemand zu 
den Gebildeten zählen, der nicht das eine oder andere 
Werk K ulk es gelesen hat Die Bemerkung unseres 
Dr. Magnus Hirschfeld: „An homosexuellen Kunst 
und Literaturwerken wird nur derjenige Interesse nehmen, 



— 316 — 



der dafür empfänglich ist. Dem Normalsexuellen wird 
ein urnischer Roman gleichgiltig oder abstossend sein," ') 
hat bereits durch Kulkes Werke eine Berichtigung er- 
fahren. K ulk es Künstlerroman aus dem Rinascimento: 
«Um holder Frauen Gunst!" an dem ich mitgearbeitet, 
ist eigentlich ein urnischer Roman, nur merken es die 
Homosexuellen nicht, weil sie nur an den stark erotischen 
heterosexuellen Schilderungen kleben bleiben und weil 
ich als Mitarbeiter und Herausgeber die urnischen Stellen 
so milderte, daß sie nur dem Sachverständigen klar werden. 
Meister Lorenzo, der Kavalier und der Mönch sind 
Uranier, die dem Maler Ludovioo nachjagen, der seiner- 
seits als Heterosexueller den Weibern oder besser, einem 
Weibe nachrennt Der Heterosexuelle unterhält sich 
dabei prächtig, lernt auch das Rinascimento verstehen, 
nur entgehen ihm die wahren Pointen des Kunstwerkes, 
weil er eben keinen Sinn für den Uranismus besitzt 

Mit K ulke schloß ich im November 1893 zufällig 
Bekanntschaft, die sich von der ersten Stunde an bis an 
sein Lebensende als Freundschaft behauptete und die ich 
ihm Zeit meines Lebens bewahren werde. 

Das hohe Alter und das Siechtum Kulkes ließen selbst- 
verständlich nicht einmal den Gedanken an geschlecht- 
liche Akte im Verkehr mit irgend wem aufkommen, seine 
sohwärmerische Zuneigung zu mir überstieg trotzdem alle 
Grenzen landüblicher Freundschaften und äußerte sich im 
Umgange durch viele Aufmerksamkeiten, wie sie ein Ver- 
liebter dem Gegenstand seiner Liebe zu erweisen pflegt, 
so oft er mich besuchte, was ziemlich häufig geschah, 
obgleich ich ihm fast nie einen Gegenbesuch machte, weil 
ich in meinem Wohnort keine Geselligkeit unterhalte. Um 
nur bei meinen Studien zu bleiben, kam er immer im 
Salonanzuge und brachte mir eine Blume oder ein Buch 

*) Ursache und Wesen des Uranismns. Jb. t sex. Zwischen- 
stufen VI. 3. 128 t 



— 317 — 



oder ein Bildehen zürn Geschenk mit Er führte mich 
sozusagen aus und es kostete mir jedesmal einen Kampf, 
ihn von der Bezahlung meiner Zechen abzuhalten. 

Ein Jahr vor seinem Ableben besuchte er mich an 
einem stürmischen Novembernachmittage, um mich abzu- 
holen. Heute gehen wir gewiß auf Brautschau aus, sagte 
ich scherzend mit Hinblick auf seinen festlichen Anzug 
und das Blumensträuschen, das er mitgebracht. Er lachte 
über das Wort, bemerkte aber mit tiefem Ernste: „Heute 
will ich mit Ihnen über etwas wichtiges sprechen und 
Sie um etwas bitten.* 

Daß er einen Pump beabsichtige, hielt ich von vorn- 
herein für ausgeschlossen. Ich bezähmte meine Neu- 
gierde, nahm meinen Winterrock und ging mit ihm. Wir 
besuchten zwei Kaffees und drei Gasthäuser, sprachen 
über Literatur und Wissenschaft und noch allerlei andere 
Sachen. Endlich um halbdrei morgens fragte ich ihn 
geradeheraus, da er mit seiner Bitte nicht herausrückte, 
was er denn von mir wünsche. Er sah mich einen 
Augenblick an, ergriff meine Hand und sagte : Geben Sie 
meine Schriften heraus! 

' Ich lachte ihm fröhlich ins Gesicht. Was ist das 
für eine Zumutung! Ich soll Ihre Schriften herausgeben! 
Sie leben ja noch, Gottlob! 

Ubers Jahr nicht mehr. Dann besorgen Sie die 
Ausgabe! erwiderte er. Ich erinnerte ihn an eine Reihe 
seiner älteren Freunde, von denen so mancher als Schrift- 
steller und durch seine gesellschaftliche Lage hoch über 
mir stand, er aber entkräftete meinen Einwand: die haben 
alle mit sich zu tun. Das sind Freunde beim Essen und 
Trinken, Leute von Versprechungen. Sie sind mein 
einziger Freund. Ich habe nur zu Ihnen Vertrauen. 

Ich überlegte. Kulkes Vater war 96, sein Großvater 
90 Jahre alt geworden und er selber konnte mich noch 
überleben, denn ich hielt es für nicht wahrscheinlich, 



— 318 — 



daß sich seine Todahnung bewahrheiten werde. Um 
drei Uhr morgens sagte ich ihm vor seinem Haustor zu. 
Er umarmte mich und küßte mich dreimal. 

Von da ab besuchte ich ihn an jedem Mittwoch 
Nachmittag, um mir einzelne seiner Schriften abzuholen 
und um sie zu lesen, damit ich seine literarische Art 
genau kennen lerne und mich für die mir aufgezwungene 
Aufgabe vorbereite. Er suchte mein Urteil über jede 
seiner Erzählungen zu erfahren. Namentlich wollte er 
meine Meinung über Samuel Mädchen wissen, eine 
Novelle, die in seinem bei Richter in Hamburg er- 
schienenen Buche abgedruckt ist. Die Geschichte handelt 
von einem Judenjungen, der mit aller Vorliebe weibliche 
Arbeiten verrichtet und darum den Spitznamen Mädchen 
bekommt. Im Judendeutschen der Mährer und Böhmen 
heißt man einen Uranier dieses Schlages Schmul Mad 
(Maid). Ich sagte zu Eulke: Die Masse (Geschichte) 
haben Sie, wie immer vorzüglich erzählt, nur der Schluß 
mißfällt mir. — Warum?! — Weil Schmul Mad nicht 
heiratet? — Was hindert ihn daran? — Weil er nicht 
ein er, sondern eine sie ist. Schmul Mad bleibt ledig. 
Eulke lachte und bemerkte: Schmul Mad kann heiraten 
und muß heiraten, er kann auch Kinder haben, doch im 
Grund seines Herzens liebt er wieder nur einen Mann, 
darum ist er ja eine Mad. 

Das war das einzigemal, daß wir von der Homo- 
sexualität sprachen. Mir, dem von Natur aus Hetero- 
sexuellen, war damals der Gegenstand zu gleichgiltig an 
sich und ich vermied weitere Erörterungen, um nicht den 
Freund, dessen Bisexualität ich ahnte, irgendwie zu ver- 
letzen. Er verstand die Frage aus seiner eigenen persön- 
lichen Neigung heraus, er war in Plato und in Schopen- 
hauer ausgezeichnet bewandert, ich aber kannte, wie man 
aus den bisher veröffentlichten vier Bänden meiner 
Anthropophyleia ersehen mag, die chrowotischen, ser- 



— 319 — 



bischen und bulgarischen Homosexuellen und solche, die 
aus Übermut der Männerliebe nachstreben. Es war mein 
eigentümliches Mißgeschick, daß sich Agramer, Karlo- 
witzer und Neusatzer Rupfer, käufliche Lustknaben an 
meine Bockschöße hingen, rein aus Unvernunft, denn der 
Kampf wider mich, in den sie sich von einem nieder- 
trächtig verworfenen Chrowoten hineinhetzen ließen, schuf 
ihnen wenig Vergnügen. Aus Haß gegen jene Oesellen 
und aus Verbitterung über die erlittenen Schädigungen 
gelangte ich zu keinem unbefangenen Urteil über die 
Homosexualität, obgleich mich meine eigenen folkloris- 
tischen Sammlungen darüber aufklären konnten. Erst aus 
Hirschfelds Jahrbuch und Karschs Schriften schöpfte 
ich Belehrung, weshalb ich ehrlich meinen früheren Irrtum 
bekenne. 

Über den Ursprung von K ulk es Neigung zerbrach 
ich mir nicht den Kopf. Er war mein Freund und dem 
ehrlichen, verehrungwürdigen Freunde sehe ich in 
sexuellen Dingen vieles nach, worüber ich Fremden 
gegenüber sehr unmutig sein würde. Im übrigen störte 
mich seine Neigung nicht im geringsten. Ich begriff sie 
vollkommen erst nach seinem Hinscheiden bei der Lektüre 
seiner Kritik der Philosophie des Schönen, die ich 
im Herbste 1906 in Leipzig veröffentlichte. Nur ein echter 
Uranier konnte dieses Meisterwerk philosophischen 
Scharfsinnes fertig bringen. Was Hirschfeld, Karsch, 
von Börner, Numa Praetorius und andere im Jahr- 
buch in naturwissenschaftlicher Weise darzutun sich be- 
mühen, hat Kulke auf eine ganz besonders tiefsinnige 
Art und Weise dargelegt: die Oleichberechtigung 
der Empfindungen. Er führt endgiltig den Kampf 
gegen die landläufige Ästhetik und ästhetische Moral 
durch. Das Wort von der gleichgeschlechtlichen Liebe 
sprach er nicht aus, aber, hier trifft das Sprichwort zu: 
Die Tochter straft man, die Schnur meint man« 



Ich ersuchte Prof. Ernst Mach, diesem Werke 
eine Lebensbeschreibung Kalkes vorauszuschicken. Mir 
selber widerstrebte es, eine zu schreiben, weil ich Kenntnis 
rom Inhalt der Tagebücher Knlkes habe, aus denen ich 
die von der Naturanlage bedingte Tragik des Lebens 
Kulkes ersehen. Er liebte das Weib, nochmehr aber den 
Mann. Mit den Männern hatte er wenig Glück. Es 
kommen dabei freilich nur jene Männer in Betracht, 
denen er während der Blütezeit seiner Kraft begegnete 
und denen er sein Herz schenkte, nicht ich, sein letzter 
Liebling. Hier darf ich aus jener schöneren Zeit nur 
eines Mannes gedenken, mit dem Kulke zwei Jahre 
hindurch in wirklicher Liebe verkehrte. Das war Peter 
Cornelius, der Komponist und Dichter (geb. am 
24. XU. 1824 zu Mainz und gest. ebenda am 28. X. 1874). 
Cornelius lebte in den Jahren 1860 — 1861 in Wien 
und da schloß sich ihm Kulke an. Mir war es völlig 
dunkel, warum mir Kulke das eine und das anderemal 
sagte, ich erinnerte ihn an Cornelius, denn meine Be- 
ziehungen zur Musik sind nur die eines dankbaren Zu- 
hörers und Dichters eines von Lauf man in Musik ge- 
setzten, preisgekrönten und beliebten Arbeiterliedes und 
des Textbuchs zu Vladimir R. Gjorgjevics bosnisch Sing- 
spiel: Die Braut muß billig sein. Erst aus Kulkes Nach- 
laß gewann ich die Lösung des Rätsels: Kulke war einmal 
in Cornelius verliebt, sowie ähnlich später in mich, nur 
scheint es nach den Gedichten, die ich hier aus Kulkes 
Nachlaß veröffentliche, zwischen Kulke und Cornelius 
unvergleichlich zärtlicher hergegangen zu sein. Von 
den nachfolgenden Stücken ist nur das erste nicht datiert, 
es fällt aber zweifellos wie die übrigen datierten in das 
Jahr 1861. Ich wiederhole nur jene, die auf das urnische 
Verhältnis ein Streiflicht werfen, die anderen, deren In- 
halt sich nicht darauf beziehen kann, übergehe ich. 



— 321 — 



Mein Freund. P. Cornelius. 1 ) 
Mein Freund ist mein und ich bin sein! 
Den meine Seele liebt, ich fand ihn nun; 
Es darf mein Haupt auf seiner linken rnhn 
Und seine Rechte hegt mich kosend ein. 

Mein Freund ist mein und ich bin sein! 
loh zwang sein Hers, daß er mich lieben muß. 
Er küsse mich mit seines Mondes Kuß, 
Denn seine Lieb ist lieblicher als Wein. 

Mein Freund ist mein und ich bin sein! 
Stark ist die Liebe, mächtig wie der Tod, 
Ein Gottesstrahl, dem kein Erlöschen droht, 
Dem Gottesstrahl will unser Herr sich weih'n. 

An Peter Cornelius! 9 ) 
(1861) 

Als gestern ich von dir geschieden, 
Da war so übervoll mein Herz! 
Mich überkam ein seVger Frieden, 
Der nahm hinweg den Erdensohmerz! 



*) Das obige Gedicht findet sich auch in der von Adolf Stern 
im Verlage von Breitkopf & Härtel, Leipzig, herausgegebenen 
Sammlung Gedichte von Peter Cornelius als von diesem herrührend 
unter dem Titel: „Aus dem hohen Liede" aufgeführt Es ist jedoch 
nicht anzunehmen, daß Kulke sich ein Gedicht Cornelius' zuge- 
schrieben, zumal die vorliegenden Verse vielmehr der Art und 
Weise Kulkes als der Cornelius 1 entsprechen. Auch stehen sie des 
enteren Empfinden nach allem, was man über das Verhältnis beider 
Persönlichkeiten weiß, näher; endlich sprechen für Kulkes Autor- 
schaft die Anklänge an das Hohelied Salomonis, welches ihm, dem 
Juden, ohne Zweifel geläufiger war, als dem christkatholischen 
Cornelius. Hat doch Kulke biblische und talmudische Motive bei 
etwa 60 Gedichten mit verwertet Wie das Gedicht Cornelius zu- 
geschrieben werden konnte, ist schwer verständlich. 

Hans Freimark. 

■) Über Peter Cornelius hat H. Freimark für das Jahrbuch 
für sexuelle Zwischenstufen eine eingehende, psychologisch wertvolle 
Studie geliefert, die wegen Platzmangels in diesem Bande abzudrucken 
leider nicht möglich war. Der Herausgeber. 

Jahrbuch IX. 21 



— 322 — 



loh fühlt* auf meiner Lippe beben 
Von deinem Mond den Bruderkuß, 
loh fühlte Geister mich umschweben 
Mir bringend süßen Friedensgruß. 

Und in mir spraohs: Wenn alles scheidet, 
So sehwindet niemals dooh der Geist, 
Der in mir lebt, mich dir verbindet 
Und ewig in dem Weltall kreist. 

Verwirrung. 
(1861) 

Wenn ich in deiner Nähe bin, 
Fühl ioh mich jung und muterfüllt, 
Es tauchet auf dem Innern 8inn 
Der Zukunft schönstes Hofmungsbild. 

Und wieder wenn ioh bei dir bin 
Fühl ich mich oft so alt und matt 
Denn ioh bedenk' im Innern Sinn, 
Wie viel sich sehon geändert hat. 

So streiten, wenn ich bei dir bin, 
Oft Zukunft und Vergangenheit 
Und ungenossen fließt dahin 
Die Gegenwart, die Wirklichkeit 

Drum schein' ioh, wenn ich bei dir bin 
So recht gar nicht bei dir zu sein, 
Und leider auoh im wahren Sinn 
Oft gar nicht mehr bei mir zu sein! 

Der Auserwählte. 
(1861) 

Mich haben geliebt manche schöne Frauen, 
Dooh konnte keine mir in's Innere schauen. 

Zwar wie ein offenes Buch liegt da mein inneres Wesen, 
Allein es kann [darin] nicht jeder lesen. 

Da fand ioh dich und hab es klar gesehen, 
Daß du verstehst, was andere nicht verstehen! 



— 323 — 



Ewigkeit der Liebe. 
(1861) 

Ja, ich will ihn dir erhalten, 
Deinen alten, treuen Freund l 
Meine lieb' wird nie erkalten, 
Ewig bleib ich dir vereint! 

Ewig wird die Liebe währen, 
Und wenn einst mein Auge bricht 
Wird der Tod den Schmerz zerstören, 
Aber meine Liebe nicht! 

Liebessehnen. 
(1861) 

Liebessehnen, tief verschlossen 
In dem Busen, saß ich stille, 
Als von deinen Lippen flössen 
Worte, süß in reichster Fülle. 

Wenn ich stumm und sinnend lausehe 
Deinem Wort, dem wunderbaren, 
Und mich in dem Glanz berausche 
Deines Aug's, des himmelklaren; 

Ober alle Erdenwehen 
Fühl' ieh mich hinausgehoben, 
8elig wollt' ieh so vergehen 
Von der Liebe Glanz umwoben. 

Unverstanden. 

(1861) 

In den Tagen meiner Leiden 
Bin ieh nie zu dir gekommen, 
Und von meinen tiefsten Schmerzen 
Hast du nie ein Wort vernommen. 

Erst wenn sich aus weiter Ferne 
Mir ein Strahl der Hoffnung zeigte, 
Kam ieh, dir mein Glück verkündend, 
Ehe es sieh wieder neigte. 

Und weil nur in frohen Stunden 
Du mein Angesicht gesehen, 

21* 



— 324 — 



Damm konntest da mein tiefsten 
Innres Wesen nicht verstehen; 

Kanntest mich vom Glück begünstigt 
Mehr als andre Menschenkinder, 
Sähest nicht in mir den Dulder 
Und des Leidens Überwinder! 

Bis znm letzten Athemzuge 
Aber bluten wird die Wunde, 
Und mit tausend Schmerzen zahl' ich 
Eine jede frohe Stande. 

Gleichsam in Vorahnung der harten Schicksalschläge, 
die ihn späterhin noch trafen, nannte sich Kalke in 
diesem seinen Gedichte einen Dulder und Leidens-Uber- 
winder. Mit stillem herzverzehrenden Gram wandelte er 
einsam durchs Leben. Was er geschaut, erfaßt und 
empfunden, das gestaltete er in seinen Erzählungen zu 
voller Wirklichkeit aus. Das ist es, was seinen Erzäh- 
lungen, von denen ich bisher fünf Bände veröffentlichte 
(Leipzig, Deutsche Verlagsaktiengesellschaft) für den 
Psychologen und Kulturforscher einen dauernden Wert 
verleiht. Kulke kannte alle Arten der Liebe und in 
ihren Schilderungen erweist er sich als vollendeter 
Künstler. Er, der Uranier, suchte die Gerechtigkeit, er 
suchte sie vergebens. Möge doch eine dankbare Nach- 
welt diesem Vordenker und seinen Werken volle 
Gerechtigkeit widerfahren lassen! 



Ober Homosexualität in Albanien. 

Von 

Medisinairat Dr. P. Näcke in Hubertusbarg. 



1 

\ 



Im Arohiv für Kriminal-Anthropologie etc., im 16. Bd., 
1 8. 853 und im 26. Bd., S. 106 hatte ich zwei Briefe aus 
Konstantinopel mitgeteilt, die sehr interessante Streiflichter 
auf die gleichgeschlechtliche Liebe in der türkischen 
Metropole warfen. Besonders der 2. Brief war bemerkens- 
wert^ da er von einem Herrn stammte, der seit Jahren 
dort lebt und die einschlägigen Verhältnisse, soweit ein 
Europäer in sie überhaupt eindringen kann, genau kennen 
gelernt hatte. 

Daß aber Konstantinopel nicht ohne weiteres mit 
dem Oriente überhaupt zu identifizieren ist, ließ sich, wie 
in anderen Dingen, so auch bez. der Inversion annehmen. 
Heute bin ich in der Lage dies bez. einer abgelegenen 
Provinz, Albaniens nämlich, zu beweisen. Von geschätzter 
Seite wird mir ein Brief eines hochangesehenen deutschen 
Gelehrten zugestellt, der viele Reisen unternommen und 
auch, der Sprachdenkmale halber, das relativ nahe und doch 
für uns noch wie ein Buch mit 7 Siegeln ausschauende Land 
der Albanesen besuchte und unter anderem kuriose Ver- 
hältnisse, die sich auf Homosexualität beziehen, hierbei 
aufdeckte. Da der Brief auch sonst großen kultur- 
historischen Wert besitzt, lasse ich ihn hier, mit Aus- 
lassung nur weniger Worte und Sätze wörtlich abdrucken. 
Leider ist nicht gesagt, wann die Reise stattgefunden 
hat; ich vermute, es war dies in den 80er Jahren des 
vorigen Jahrhunderts. Auch ist der Brief selbst nicht 
mit Datum versehen. Der Brief selbst lautet folgender- 
maßen: 



— 328 — 



„ .... Da ich auf meiner Reise nicht nur Inschriften 
gesammelt und Handschriften kopiert habe, lenkte ich 
meine Aufmerksamkeit auch auf Fragen der Ethnographie. 
Über einen hier einschlagenden Punkt möchte ich gern 
Ihre Meinung als Fachmann hören. Ich war mehrere 
Wochen unter den Süd-Albanesen (Toska); bei ihnen, wie 
bei den Nord-Albanesen ist, wie alle aus Hahn wissen, 
die Männerliebe sehr festgewurzelt. Ich habe mich nun 
bei Kennern des Landes, Deutschen, Bussen und ebenso 
Einheimischen erkundigt und alle haben Hahns Mit- 
teilungen Punkt für Punkt bestätigt. Für schöne 
Knaben und Jünglinge hegen diese Schkipetaren 
eine geradezu schwärmerische Liebe. Die Leiden- 
schaft und gegenseitige Eifersucht ist so groß, 
daß sie sich noch heute um eines Knaben willen 
töten. Es wurden mir mehrere Fälle dieser Art be- 
richtet Namentlich soll diese Liebe stark unter den 
Muslims grassieren; die orthodoxen Toska bestritten mir, 
daß sie bei ihnen existiere — die katholischen Miriditen 
kenne ich nicht aus persönlicher Anschauung; — aber 
im Lande wohnende und mit den Verhältnissen vertraute 
Europäer versicherten mir des Bestimmtesten, daß auch 
die Christen diesem amor masculus huldigen. 

Wahr ist ferner, daß die Bruderschaftsbündnisse, 
wenn sie zwischen Christen geschehen, vom Papas in 
der Kirche eingesegnet werden, beide Partner nehmen 
darauf die Eucharistie. Anders mit den Türken. Mein 
Gastwirt in Ochrida hatte Blutsbrüderschaft mit einem 
albanesischen Muslim (Gega) geschlossen. Beide stachen 
sich gegenseitig in den Finger, sogen einen Tropfen Blut 
heraus. Nun muß einer den andern auf Tod und Leben 
beschirmen, für den christlichen Wirt ist das eine wichtige 
Garantie. 

Eines berichtet auch Hahn, diese Liebe sei rein ideal, 
ganz unsinnlich, wie Sokrates die griechische Liebe in 



— S29 — 



Piatons Symposion schildert Bas schien mir etwas 
wunderbar. Die Einheimischen wollten natürlich mit der 
Sprache nicht recht heraus. Aber ein sehr wohlunter- 
richteter Europäer lächelte auf meine Frage etwas skep- 
tisch: „Ah! je n'en peux rien äff inner. C'est quelque 
chose qui est difficile ä approfondir." Hahn erzählt 
nämlich, als er seinen albanesischen Lehrer, der selbst 
schwärmerische Gedichte auf seinen Knaben verfaßt — 
noch heute sollen sie solche Pifecen von großer poetischer 
Schönheit verfassen — als er also ihn fragte, ob diese 
Liebe auch mit einem geschlechtlichen Akt verbunden 
sei, sei der Albanese wütend aufgefahren, ob er ihn denn 
für einen Türken halte. Nur bei diesen sei solches im 
Schwange. 

Ich glaube, hier läuft Mißverständnis auf der einen 
oder poetische Hyperbel auf der andern Seite unter. 
Denn daß die Griechenliebe durchaus nicht so rosenfarben 
unschuldig war, wie sie Otfried Müller in den Doriern 
ausmalt, wissen wir jetzt aus den Inschriften von Thera. 

Meine ganz laienhafte Hypothese, .... ist folgendes: 
Wie mir Kenner mitteilten, sind bei den Türken vor- 
nehmlich coitus analis et oralis, letzterer in einer wirklich 
besonders widerwärtigen Form im Schwange. Dagegen 
eiferte der Lehrer. Es mag ja sein, daß diese Formen 
bei den Albanesen seltener sind. Dagegen werden sie 
mit ihren amasii den coitus inter femora ausüben, den 
sie den andern Formen gegenüber als etwas relativ an- 
ständiges betrachten. Wie gesagt» das ist nichts als eine 
Hypothese; denn solchen Dingen kann man auf den 
Grund kommen nur bei jahrelanger Vertrautheit mit dem 
Volke. Die oberflächliche Bekanntschaft von einigen 
Wochen führt nicht dazu. Der Orientale weicht Fragen 
scheu aus. 

Eine Äußerung eines hohen türkischen Beamten ist 
auch bemerkenswert. Er war natürlich Albanese (Toska), 



— 330 — 



ein wunderbar schöner Mann noch mit seinen 55 Jahren; 
ich besitze eine Photographie aus der Jugendzeit im 
Nationalkostüm, wo er entschieden etwas mädchenhaft 
aussieht Er ist sehr klug und aufgeklärt, Mewlewi wie 
fast alle Albanesen. Die Mystik Ssufismus zerstört die 
harten Religionsdogmen. Er erklärte sich sehr offen; 
nur glaubte er oder wünschte glauben zu können an die 
Metempsychose. Mais je voudrais revenir en terre non 
comme un homme, mais comme une femme. Bas ist doch 
— ihm unbewußt — gewiß ein Zug von Feminismus. 

Mein Gastfreund in Kastoria, wo es keine Hotels 
gibt, ein vornehmer, sehr gebildeter Türke, von Vater- 
seite Toska, von Mutterseite Gega (der Großvater war 
Skrodali) ist trotz 6 Frauen kinderlos. Sollte das nicht 
auf Erschöpfung durch früheren männlichen Umgang 
deuten? er ist ein gut gewachsener kräftiger Mann von 
erst 38 Jahren: hat aber zwei auffallend hübsche, junge 
Albanesen zu seiner Bedienung . • . .* 

Wir sehen zunächst also in Albanien den ganzen 
homosexuellen Verkehr in tiefes Schweigen eingehüllt, 
so daß auch aus obigen Aufzeichnungen eines Europäers, 
der tiefer in diese Verhältnisse hineinblickte als die 
meisten andern Reisenden, nichts Sicheres darüber aus- 
gesagt wird« Und doch ist die Männerliebe dort fest 
eingewurzelt, heißt es, und Schreiber des Briefes vermutet 
wohl nicht mit Unrecht, daß dieselbe nicht bloß rein 
platonisch betrieben wird. Hier will ich in parenthesi 
gleich anfügen, daß ich überhaupt weder im hetero- noch 
homosexuellen Umgange an reinen Piatonismus glaube. 
Wer wirklich hetero- oder homosexuell fühlt, wird zu 
gewissen Zeiten wenigstens und unter bestimmten Um- 
ständen den Drang in sich fühlen, dem geliebten Gegen- 
stande auch körperlich nahe zu sein, und wäre es nur 
eine Umarmung oder einen Kuß anzustreben. Weiter 
braucht er nicht zu gehen und fühlt sich dann schon 



— 331 — 



befriedigt genug und beseligt Es ist dies auch nichts 
abderes, als ein abgeschwächter coitus oder der Anfang 
eines solchen, wenn man das lieber will. Wie wenig der 
Piatonismus existiert^ zeigt ganz sicher das Traumleben an, 
das stets — ich kenne bisher keine Ausnahme — parallel der 
Art und Stärke der libido einhergeht, doch muß man 
hierzu eine Serie von Träumen haben nnd aus ver- 
schiedener Zeit Ich möchte nun den sog. Platoniker 
sehen, der im Traum seine Geliebte — als meist polygam 
Angelegter aber sehr wahrscheinlich auch andere Mäd- 
chen — sieht und sie nur anbetend betrachtet, ohne daß 
gewisse Berührungen etc. stattfinden, die sein innerstes 
Wünschen offenbaren, auch wenn er im Wachleben zurück- 
schreckt, sich dies einzugestehen. 

Doch kehren wir zu den Albanesen zurück. Ratzel 1 ) 
nennt sie hier eins der begabtesten, aber türkisch ver- 
dorbensten Völker der Balkanhalbinsel. Worauf er sich 
hierbei bezieht, weiß ich nicht Was ich dagegen von ihnen 
gelesen habe, erfüllt mich im ganzen mit Achtung und 
an ihren schlechten Eigenschaften sind sicher zum großen 
Teil die Verhältnisse schuld. Wohl spielt bei ihnen, 
Christen und Muhamedanern, die Frau nur eine unter- 
geordnete Bolle, aber dies geschieht im ganzen Oriente. 
Ehebrüche etc. dürften kaum öfter vorkommen als bei 
ihren Nachbarn und gerade bez. der Homosexualität 
heben sie sich sehr vorteilhaft von den eigentlichen Os- 
manen ab. Mir erzählte vor vielen Jahren ein junger, 
deutscher Forschungsreisender, daß bei den Türken jeder 
mehr oder minder Unbärtige (wie er z. B.) sexuellen 
Attaken ausgesetzt ist. Ähnliches ist von den Arnauten 
nicht bekannt, ebensowenig wie bei ihnen das Badeleben 
mit feilen Knaben existiert, das wir besonders in Kon- 
stantinopel florieren sehen. Verhältnisse von älteren 



') Ratzel, Völkerkunde. Leipzig 1890, 8. Bd., S. 746. 



— 332 — 



Alban esen zu schönen Knaben und Jünglingen sind sehr 
häufig, auch unter den Christen, doch ist das Verhältnis 
offenbar ein viel reineres und edleres als das bloß sinn- 
liche der Osmanli. Vor dem coitus analis oder gar oralis 
scheinen sie einen horror zu haben. Noch immer fast 
erscheinen die „ Brüderschaftsbündnisse * zu gegenseitigem 
Schutz und Trutz, die sogar eine religiöse Weihe bei den 
griechisch-orthodoxen Toska erlangen. Und doch sind 
auch diese, also unter mehr älteren und ungefähr gleich- 
alterigen abgeschlossene Bündnisse, wahrscheinlich nicht 
immer nur rein freundschaftliche, sondern gewiß auch 
bisweilen homosexuell gefärbt. 

Unser Autor bestätigt mithin dasselbe, was ca. 30 Jahre 
vor ihm Hahn in dem Lande beobachtet hatte. Bei den 
absolut stabilen Verhältnissen daselbst — von Kultur ist 
nur sehr wenig eingedrungen — ist aber weiter anzu- 
nehmen, daß auch jetzt die Verhältnisse von Mann zu 
Mann dieselben oder ähnliche sein werden, wie in den 
80 Jahren des vorigen Jahrhunderts, als unser Brief- 
schreiber das Gebirgsland bereiste. 

Wir sehen, daß die mannmännliche Liebe nicht nur 
bei den Muslims unter den Albanesen (Gega), sondern 
auch unter den Christen: griechisch-orthodoxen (Toska) 
und sehr wahrscheinlich auch unter den römisch-kathol- 
ischen (Miriditen) existiert. Bas erklärt sich vor allem 
daraus, daß alle, so verschiednen Glaubens sie auch sein 
mögen, der sie fortwährend zu brüdermordenden Kriegs- 
und Raubzügen veranlaßt, eines Stammes sind, nämlich 
Nachkommen der alten Ulyrier, die also noch vor den 
Thrakern und Hellenen die Halbinsel bewohnten. Sie 
sind Indogermanen, Arier, wie Jene, aber offenbar der 
erste Zug der Einwanderer. Nun sind sie allerdings seit 
Jahrhunderten auch mit den Osmanen in Berührung ge- 
wesen und haben bei jenen gern Kriegsdienste genommen, 
wie sie denn von jeher als die Kerntruppen der Türken 



— 833 — 

galten; auch der Padischah hat noch heute eine 
albanesische Leibwache. Auch die Mamelucken in 
Ägypten bestanden zum großen Teile aus Arnauten, eben- 
so wohl auch zum Teil die Janitscharen. Sie hatten also 
tausendfältige Gelegenheit, den amor masculus und zwar 
von der häßlichsten Seite kennen zu lernen. Daß sie ihn 
aber nicht in dieser Form aufnahmen, spricht sehr dafür, 
daß schon früher, d. h. vor Berührung mit den Türken, 
die gleichgeschlechtliche Liebe bei ihnen existierte. Sie 
haben sie also wohl in ihre späteren Wohnsitze mit- 
gebracht, und zwar aus dem Norden Europas, von wo sie 
sehr wahrscheinlich eingewandert sind. 

Wir wissen, daß sämtliche hellenische Stämme, die 
sicher mit den Thrakern nahe verwandt sind, der Männer- 
resp. Knabenliebe huldigten, vor allem der dorische 
Stamm, daher auch dorische Liebe genannt Man hat 
auf der Insel Thera 1 ), die von einem alten dorischen 
Stamme besiedelt war, wie auch das nahe Kreta, alte, in 
den Felsen gehauene Inschriften gefunden, die das Ver- 
hältnis von Mann zu Jüngling „als staatlich anerkannte, 
altgeheiligte Institution" uns erkennen lassen, die im 
Tempel Apollon's geweiht wurden. Das erinnert uns an 
den vom Popen geweihten Brüderschaftsbund bei den 
Toska. Hier ist allerdings dasselbe mehr ein Schutz- 
und Trutzbündnis, während sie namentlich bei den Doriern 
einen eminent erzieherischen Zweck verfolgte. Das be- 
weist schon die 9 heilige Schar" der Thebaner, die so 
tapfer in wiederholten Schlachten fochten und aus Lieb- 
habern und Geliebten, Männern und Jünglingen bestanden. 
Bei den Doriern aber scheint bereits dies Verhältnis kein 
so reines gewesen zu sein, sondern stark sexuell durch- 
tränkt, wie schon die Inschriften von Thera es erkennen 
lassen. Nun ist es hochinteressant, wie der Philolog 

>) Michaelis: § 17*! Honosexualität in Sitte und Recht. 
Berlin, Dames 1907, p. 28. 



Erich Bethe 1 ) auseinandersetzt, daß auch grobe fleisch- 
liche Vorgänge stattfanden, coitus inter crnra oder wohl 
gar analis etc., aber — und das ist der springende Punkt, 
der auf die ethnologische Bedeutung der Homosexualität 
ein so merkwürdiges Licht wirft — ursprünglich 
wahrscheinlich weniger aus libidinösen, als viel- 
mehr aus religiösen Gründen. Der Same galt näm- 
lich als receptaculum animae. Hatte man einen Knaben, 
nalq — griechisch bedeutet das immer nur einen Jüng- 
ling, nie einen Knaben in unserem Sinne — lieb, so 
suchte man ihn zu erziehen und ihm seine eigenen Eigen- 
schaften, also einen Teil seines Selbst, seiner Seele, 
einzugießen und das konnte nur durch Überführung des 
Samens, der als Träger jener Eigenschaften gedacht ward, 
geschehen, daher mußte ein koitusartiges Vorgehen ge- 
wählt werden. Später hat sich diese animalistische Idee 
— die nach Bethe's genialer Intuition sehr wahrscheinlich 
auch dem bisher allen Erklärungsgründen trotzenden 
„männlichen Wochenbette" zugrunde lag — dem Ge- 
dächtnisse verloren und die bloße Übung zurückgelassen. 
Ich sehe die Einsegnung der Brüderschaftsbündnisse bei 
den Arnauten, auch bei Südslaven war es wohl früher 
so, als eine einfache Fortsetzung der geweihten Männer- 
Liebespaare bei den Dörfern an. Nur daß dort wohl 
nur selten Jünglinge in Frage kamen. Aber auch dort 
ist jedenfalls das Verhältnis nicht stets ganz asexuell. 

Daß durch die Knabenliebe die Tüchtigkeit der 
Albanesen keinen Abbruch gelitten hat, steht fest Ein 
gleiches sehen wir ja auch bei den alten und sogar 
modernen Japanern. Bei beiden Völkern steht oder stand 
offenbar das erzieherische Moment zwischen den Partnern 
im Vordergrunde; das sexuelle ist mehr akzessorisch und 



') Siehe Notiz in der „Politteeh-Anthropol. Revue 11 . Jan. 1908. 
(Nr. 10.) 



— 335 — 



scheint in Albanien, wie wir schon sahen, nur sehr mäßig 
aufzutreten. 

Sollte nun, wie es scheint, die Homosexualität dort 
nicht nur allein uralt, sondern auch weitverbreitet sein, 
wie ja auch in Griechenland und hier bekanntlich nicht 
nur in der Verfallszeit, so fragt es sich, ob das alles 
echte Homosexuelle waren, d. h. solche, die ab ovo gleich- 
geschlechtliche Empfindungen hatten. Wird das bejaht, 
so müßte man zugeben, daß es damals sehr viel mehr 
Urninge gab, als jetzt in Europa. Möglich ist es ja 
immerhin. Wahrscheinlich aber spielt doch hierbei der 
Rassenunterschied keine so große Bolle. Wir werden 
vielmehr annehmen müssen, daß 1. namentlich unter den 
Jünglingen viele Heterosexuelle waren, 2. auch gewiß 
viele unter den Älteren und Aktiven. Haben sich beide 
mit mutueller Onanie begnügt, so können beide Hetero- 
sexuelle gewesen sein und der Reiz durch den Partner 
hat nur den Orgasmus beschleunigt und erhöht^ aber ohne 
daß — dies ist der springende Punkt! — dabei das 
männliche Geschlecht des Partners als solches den Reiz 
abgab. Es wirkt dann hier nur ein durch Phantasie 
erhöhter mechanischer Reiz. Fanden aber wirklich bei- 
schlafsähnliche Akte statt — oral, anal, intercrural — , 
so ist eine depravierte heterosexuelle libido, eventuell 
durch Tradition geheiligte wohl denkbar, eine homosexuelle 
sicher aber öfters vorhanden gewesen. Bei heterosexuellem 
Fühlen könnte Erektion und Ejakulation nur stattfinden, 
wenn in actu die Phantasie als Partner ein weibliches 
Wesen vorgaukelt oder wenn der Akt nur einen rein 
mechanischen Reiz auslösen soll, wie bei der solitären 
oder mutuellen Onanie, ja sogar der Päderastie. In- 
sofern wäre es wohl denkbar, daß in Venere Über- 
sättigte, Rou& auch zu homosexuellen Praktiken greifen, 
die aber in Wirklichkeit nur verkappte Heterosexuelle sind. 
Alles das kann auch auf Schiffen, in Kasernen etc. ge- 



— 336 — 



sohehen, wo es an Weibern gebricht Hier aber wird 
man nicht nur eine besonders starke libido voraussetzen 
dürfen, sondern wohl auch eine gewisse latente homo- 
sexuelle Neigung, die vielleicht nur temporär zum 
Durchbruche kommt, da unter gleichen Verhältnissen es 
immer relativ nur wenige sind, die dies tun. Die andern 
bleiben abstinent oder ergeben sich der Onanie. 

Die gleichen homosexuellen Akte können also von 
Homo- und Heterosexuellen ausgeführt werden. Die 
Handlung ist die gleiche, ebenso im ganzen das Motiv: 
Entleerung des Samens und dadurch Entspannung der 
libido. Dem einen aber — dem echten Urning — ist 
seelische Befriedigung darnach beschieden, dem Hetero- 
sexuellen dagegen nicht. Daher kehrt letzterer, wenn er 
kann, wieder gern zur Norm zurück. Es kann also ein 
ßou£ homosexuell sich betätigen und doch ein Hetero- 
sexueller sein; dann ist er ein lasterhafter Mensch. Oder: 
er wird vielleicht spät einmal „tardiv" homosexuell, 
d. h. die in jedem wahrscheinlich schlummernde homo- 
sexuelle Komponente, bricht bei ihm aus uns unbekannten 
Gründen durch und er empfindet dann wirklich homo- 
sexuell. Er ist dann kein Lastermensch mehr, sondern ein 
sexuell anders Fühlender. Das dürfte aber, wenn über- 
haupt, gewiß nur sehr ausnahmsweise geschehen. Durch 
Übersättigung und Variationsbedürfnis der Geschlechts- 
betätigung an sich wird aber sicher keiner homosexuell 
fühlen lernen. 

Es ließe sich wohl denken, daß durch Nachahmung, 
Suggestion, Tradition etc. neben dem normalen Geschlechts- 
verkehr auch der abnorme sich anzüchten läßt, wie dies sehr 
wahrscheinlich bei der Mehrzahl der alten Griechen und 
der heutigen Orientalen der Fall ist. Es sind dann nur 
homosexuelle Handlungen Heterosexueller, die 
unter Umständen des besondern Reizes halber gesucht 
werden. Die volle Befriedigung geht aber hier 



— 337 — 



sicher ab, daher sie den normalen Verkehr immer wieder 
aufsuchen und wahrscheinlich doch auch vorziehen« Wer 
aber dabei bleibt und stets eine Aversion vor Umgang 
mit Frauen hat und ihnen gegenüber sogar impotent 
erscheint, der ist gewiß ein echter Homosexueller, dessen 
Richtung der libido, wenn nur einigermaßen stark aus- 
geprägt, durch keine Therapie in eine heterosexuelle sich 
umwandeln läßt 



Jahrbuch IX. 



22 



Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen. 

Von 

Dr. J. Sadffer, Nervenarzt in Wien. 



22' 



eine erste praktische Beschäftigung mit dem Problem 
der Homosexualität rührt nicht von der Behandlung 
männlicher oder weiblicher Uranier her, sondern von 
einem scheinbar ganz abseits liegenden Feld der Betäti- 
gung. Seit Jahren übe ich nämlich bei Hysterie und 
Zwangsneurose die psychoanalytische Methode nachFreud y 
welche nicht nur zum ersten Male verstattet, jene Krank- 
heiten wirklich und von Grund aus zu heilen, sondern 
obendrein neue und ungeahnte Erkenntnisse brachte über 
Mechanismus und Entstehung verschiedener nervöser 
Symptome. Die Lehre Freuds läuft, kurz gesagt, darauf 
hinaus, daß hinter jedem hysterischen Symptom sexuelle 
Wünsche, Phantasien und Erlebnisse stecken, die hinab- 
reichen bis in die früheste Kindheit, in die ersten vier 
Lebensjahre solcher Patienten. Es gelang mir durch 
eine komplizierte Technik, die gleichfalls Erfindung 
Professor Freuds ist, jene Krankheitssymptome tatsächlich 
ausnahmslos soweit zurückzuführen, z. B. bei einem hyste- 
rischen Mädchen herauszubekommen, daß ihre ersten 
sexuellen Wünsche dem Vater, die zweiten ihrem Bruder 
galten, bei einem männlichen Zwangsneurotiker wieder 
ganz ähnliche Beziehungen 4u Mutter und Schwester auf- 
zudecken. Doch wenn ich theoretisch dann angenommen 
hatte, mit dieser Zurückführung sei alles erschöpft, die 
Krankheitssymptome völlig erledigt und damit geheilt, 
so fand ich meine Erwartungen getäuscht. Allerdings 
jene waren schon durch das bisher 'geleistete Stück er- 
heblich milder und schwächer geworden, das litt keinen 



— 342 — 



Zweifel, nur völlig beseitigt waren sie nicht: Es blieb da 
immer ein gewisser Rest, der weitrer Auflösung unfähig 
schien und die Krankheit stets wieder aufleben ließ. Die 
Lösung des Rätsels kam mir erst dann, als ich, einer 
Anregung Freuds nachgehend, auf die Homosexualität zu 
pürschen begann. Und da stellte sich zu meiner großen 
Verwunderung die Tatsache heraus, daß hinter jedem 
hysterischen, wie zwangsneurotischen Symptome nicht 
bloß die gewöhnlichen heterosexuellen, sondern ebenso 
regelmäßig auch homosexuelle Wünsche, Phantasien etc. 
staken, gleichfalls aus der frühesten Urzeit des Kranken. 
Und erst, wenn auch diese ebenso auflösende Erledigung 
gefunden, waren die Symptome endgültig beseitigt 

Ich weiß, daß die Auffindung dieser Tatsache mich 
seinerzeit auf das höchste verblüffte. Ganz abgesehen 
davon, daß ich Homosexuelle, wie wohl alle Kollegen hier 
in Wien mit Einschluß der Nervenärzte, bis vor wenigen 
Jahren nur von der Literatur her kannte, ihre Zahl auch 
naturgemäß weit unterschätzte, war ich am allerwenigsten 
darauf gefaßt, dem Trieb und Hang zum gleichen Ge- 
schlecht just bei der alltäglichsten unter den Neurosen, 
der Hysterie, als regelmäßiger Wurzel zu begegnen. 
Und doch, es duldete gar keinen Zweifel, seitdem ich 
darauf gestoßen worden, habe ich die Homosexualität in 
keinem einzigen Fall mehr vermißt. 

Am verwunderlichsten war mir diese Erkenntnis in 
zweien meiner Fälle, die ich darum ein wenig hier 
skizzieren will. Der erste betraf ein hysterisches Erbrechen 
bei einem sogenannten ^süßen Mädel* aus der Armen- 
praxis. Wie dieser Terminus schon besagt, hatte die 
Patientin die weiblichen Eigenschaften stark ausgeprägt. 
Aus den Ergebnissen ihrer Analyse darf ich verraten, 
daß die Zahl ihrer Liebschaften, die schwankten zwischen 
einfachem Rendezvous mit Kuß und Umarmung und 
monatelangem intimsten Geschlechtsverkehr, geradezu 



— 343 — 



Legion ist Ein auffallend hübsches Mädchen, wie es 
war, pflegten ihm die Männer auf der Straße nachzusehn. 
Doch kein einziger all seiner zahllosen Liebhaber hat das 
mindeste Urnindenhafte an ihm bemerkt. Selbst der 
Fachmann konnte in Körperformen und Charakteräuße- 
rungen gar nichts entdecken, was sich dem männnlichen 
Typus näherte. Und doch erhob die Analyse mir über 
jeden Zweifel, daß das besagte süße Mädel, dieser schein- 
bar extrem feminine Typus, im Grunde genommen weit 
mehr — ein Mann war und sich als solcher auch immer 
fühlte. Ich besitze von dem Mädchen eine hetero- wie 
eine homosexuelle Liebesgeschichte, die sie mir aus freien 
Stücken anbot und dann auf meine Aufforderung nieder- 
schrieb. Die dauerndsten Liebschaften schloß sie in Er- 
mangelung von Frauen ihres gewünschten Genres mit 
solchen Männern, die dann durch weibliche Körperformen, 
gelocktes Haar, geringe Körperbehaarung oder besonders 
weiße Haut sie an Frauen erinnerten, in specie an ihre 
Mutter und Schwester, und bei welchen sie sich als Mann 
fühlen konnte. Zum Ausbruch kam dann ihre Hysterie, 
als sie, beruflich mit vielen Mädchen zusammenarbeitend, 
sich in eine verliebte und den Wunsch empfand, dieselbe 
solle von ihr schwanger werden und ein Kind bekommen. 
Auch der zweite Fall scheint mir nicht minder lehrreich. 
Er betrifft einen Mann mit schweren Zwangsideen, da- 
runter als der ärgsten, von seinem Hause sich nicht all- 
zuweit entfernen zu können. Bis zu seiner Krankheit 
war er nach Wiener Ausdruck ein „Obersteiger", d. h. 
ein Mann, vor dem kein Rock und keine Schürze sicher. 
Und doch erwies sich auch dieser scheinbare Übermann 
im Grund mehr als Weib. Den Anstoß zum Ausbruch 
seiner Zwangsneurose gab dann der Umstand, daß sein 
heißgeliebter Kompagnon sich einen Schwiegersohn er- 
kürte, den er geradezu abgöttisch liebte, und dessen 
überschwängliches Lob er meinem Patienten dann täglich 



— 344 — 



vorsang. Um nun dem Zusammenarbeiten mit diesem, 
der als dritter Teilhaber ins Geschäft treten sollte, aus- 
zuweichen, sowie die steten Liebesbezeugungen zwischen 
Schwiegervater und Schwiegersohn nicht mit ansehn zu 
müssen, hat seine Zwangsneurose bewirkt» daß er sich 
Oberhaupt nicht mehr weit von seinem Hause entfernen, 
demnach auch nicht mehr ins Geschäft gehen konnte. 
In beiden eben geschilderten Fällen hätte wohl kein 
Mensch an homosexuelle Dinge gedacht Schien doch 
das süße Mädel ein extremer Typus der Weiblichkeit, wie 
der Mann mit den Zwangsideen eine supervirile Natur 
zu sein. Und doch hat die psychoanalytische Behandlung 
den vorwaltend homosexuellen Charakter beider Patienten 
unzweifelhaft aufgedeckt. 

Wie oben erzählt, fand ich also in meinen Analysen 
die Tatsache, daß hinter jedem hysterischen Symptom 
sich Homosexuelles birgt wie Heterosexuelles, ja ich 
konnte sogar zum wenigsten in meinen Analysen — was 
möglicherweise auch nur ein Zufall meines Materials ist 
— die Wahrnehmung machen, daß die später gefundnen 
homosexuellen Wurzeln die normalgeschlechtlichen meist 
noch an Bedeutsamkeit übertrafen. Nicht selten gab die 
Homosexualität überhaupt erst den Anstoß zum Ausbruch 
schwerer hysterischer oder zwangsneurotischer Symptome, 
wie beispielsweise in den beiden oben skizzierten Fällen. 
Noch einen Punkt möchte ich hervorheben. Die Psycho- 
analyse legt nicht bloß Aufbau und Zusammenhang der 
einzelnen hysterischen Symptome dar, sondern deckt auch 
die merkwürdige Tatsache auf, daß viel häufiger, als man 
ahnt, in einer solchen Hysterie fast die gesamte Psycho- 
pathia sexualis mehr weniger enthalten ist. Und, was 
vielleicht noch merkwürdiger ist, im Mittelpunkt dieses 
pathologischen Sexuallebens stand in meinen Fällen ganz 
ausnahmslos die Homosexualität Ja, noch mehr, diese 
selbe Homosexualität gab oft auch Anlaß zu Zwangs- 



— 845 — 



impulsen oder »Süchten*, die fließend zur Psychose hin- 
überleiteten. Und ich glaube, man wird das ganze 
impulsive Irresein wie Kleptomanie, Pyromanie, Mord- 
sucht usw. überhaupt erst begreifen, wenn man deren 
homo- wie heterosexuelle Begründung durch Psycho- 
analyse voll aufgedeckt hat. 

Nachdem ich einmal bei einer so ausnehmend häufigen 
Krankheit wie der Hysterie den homosexuellen Einschlag 
durchschaute, lag der Gedanke überaus nahe, ob nicht 
ganz allgemein jedwedem Menschen etwas Homosexuelles 
mehr oder mindec anklebe. Ich habe da zunächst im eigenen 
Leben Nachschau gehalten, bei Kollegen dann ferner und 
Leuten, die mir näher bekannt geworden, also durchweg 
Personen, die scheinbar nur normal für das andere Ge- 
schlecht empfanden. Und ich muß gestehn, es hat sich 
mir mählich die Überzeugung aufgedrängt, die ich freilich 
nur in den angeführten Fällen exakt zu erweisen imstande 
bin, daß wohl alle Menschen, auch die im Geschlechtlichen 
scheinbar Normalsten, und selbst jene, welche den Uranis- 
mus am schärfsten verdammen, einer mehr oder minder 
großen Dosis von Homosexualität gar nie ermangeln. 
Am deutlichsten tritt sie nach meiner Erfahrung dann in 
Erscheinung, wenn schwere Hysterie oder Zwangsneurose 
oder gar eine Geisteskrankheit das unterdrückte, un- 
bewußte loh ans Tageslicht drängt 

In Zusammenhang damit ward mir no6h ein andrer 
Gedanke flügge. Wenn bei allen Menschen eine bi- 
sexuelle Anlage vorhanden, dann durfte auch bei den 
sogenannten Gleichgeschlechtlichen die heterosexuelle gar 
niemals fehlen und mußte mindestens durch Psychoanalyse 
zu wecken sein. Bedachte ich ferner deren Heilerfolge 
bei Hysterie und Zwangsneurose, dann bot sich vielleicht 
ein neues und überaus segensreiches Feld ihrer Wirksam- 
keit. Denn, wie männiglich bekannt, sind viele Uranier 
über ihre Eigenart äußerst unglücklich. Zumindest spricht 



— 346 — 



der kolossale Prozentsatz von Selbstmorden für diese 
Beobachtung. Und wenn ich auch gern zugeben will, 
daß die stete Gefahr in vielen Staaten! mit dem Straf- 
gesetz in Konflikt zu geraten, seine Freiheit» Stellung 
und gesellschaftliches Ansehen einzubüßen, gar gewaltig 
mitspielt, so finde ich doch auch solche unglücklich, die 
von all dem nichts zu befürchten haben, Urninden z. B. 
oder Uranier in Ländern ohne Urningsparagraphen, welche 
trotzdem Änderung oder mindestens Milderung ihres leb- 
haften Triebs zum eignen Geschlecht sich sehnlichst er- 
wünscherK All diesen bietet die Psychoanalyse zum ersten- 
mal wirkliche Heilungsmöglichkeit Bisher ward als 
Heilpotenz höchstens Hypnose und Suggestion geübt, die, 
wie ich aus einigen Fällen weiß, die erfahrene Hypnoti- 
seure behandelten, darunter selbst Schrenck-Notzing, nie 
eine dauernde Veränderung bringen. Sie wirken im 
günstigsten Falle solange, als der Homosexuelle in seinen 
energischen Hypnotiseur verliebt ist. Jetzt aber erwuchs 
durch die neue Methode die Möglichkeit einer wirklichen 
Heilung durch Weckung des latenten, unterdrückten 
heterosexuellen Triebs bei Niederhaltung des homo- 
sexuellen. Auch für eine alte, noch immer unerledigte 
Streitfrage ward damit eine Lösungsmöglichkeit geschaffen. 
Wenn für die Entstehung der Homosexualität die einen 
stets wieder die angeborne Anlage betonten, die andern 
wie 8chrenck-Notzing auf die Erwerbung das Haupt- 
gewicht legten, so konnte doch keine der streitenden 
Parteien bisher einen zwingenden Wahrheitsbeweis liefern. 
Durch die Psychoanalyse nun scheint mir dies möglich. 
Nur muß man sich stets vor Augen halten, daß, wenn 
Homosexualität erworben wäre, dies geschehen sein mußte 
in einem weit früheren Lebensabschnitt, als gewöhnlich 
vermeint wird. Wir sind ja für den Beginn derselben 
meist angewiesen auf die Autobiographie der Uranier 
selbst und können höchstens dann noch versuchen, durch 



— 347 — 



wiederholtes Drängen, meinethalben auch in der Hypnose, 
etwas mehr zu erfahren. Doch wird man solcherart nie 
in die Tiefe zu dringen vermögen. Gewöhnlich erfährt 
man, der Betreffende habe, sagen wir im 10. oder 11. Jahre 
oder gar erst in der Pubertät, die ersten gleichgeschlecht- 
lichen Regungen verspürt, ob er sich auch von jeher zu 
weiblicher Arbeit hingezogen fühlte. Höchst selten und 
da nur ganz minimal, wird eine homosexuelle Erotik 
spontan vor der Volksschulzeit berichtet, also vor dem 
6. Lebensjahre. Das aber stand mir von vornherein 
fest, erworben konnten homosexuelle Neigungen 
nur sein, wenn dies in den ersten vier Lebens- 
jahren des Uraniers geschehen, genau so wie bei 
der Hysterie und Zwangsneurose, und dies mußte 
eine Psychoanalyse aufdecken können. Was auch 
diese nicht mehr zu lösen vermochte, war dann 
angeboren, entsprach der sexuellen Konstitution. 

Hier kam es also auf ein Probieren an. Die Zahl 
meiner diesbezüglichen Analysen ist zur Stunde noch klein, 
in jedem Fall nicht beträchtlich genug, um mich da ab* 
schließend äußern zu können. Immerhin darf ich doch 
schon so viel behaupten, daß meine Erwartungen mich 
bisher nicht täuschten. Ich füge zur Erhärtung das Frag- 
ment einer Psychoanalyse bei, die bei einem äußerst 
femininen Urning stenographisch wortgetreu aufgenommen 
worden. Dieser brachte mir auf meinen Wunsch zunächst 
die nachstehende Autobiographie, deren mündliche Er- 
gänzungen (auf mein direktes Befragen) ich teils im Text 
in Klammern beifüge, teils zusammenhängend zum Schlüsse 
ansetze. 

„Ich bin geboren am 22. Januar 1879 als das 4. Kind 
meiner Eltern. Soweit mir bekannt, waren meine Vor- 
eltern gesunde und normale Leute. Geisteskrankheiten 
sind in der Familie überhaupt nicht vorgekommen. Der 
Vater war, besonders in der letzten Hälfte seines Lebens, 



ein Alkoholiker. (Schon vor meiner Zeugung hat er ge- 
trunken, doch angeblich nicht viel, erst nach meiner Geburt 
wurde er starker Trinker). Bei meinen Geschwistern 
habe ich keine Abnormitäten wahrgenommen, es ist auch 
niemals unter uns über geschlechtliche Liebe gesprochen 
worden. Ein Onkel (väterlicherseits) ist seinem Charakter 
und seinem Wesen nach sehr feminin, er hat sich auch 
sehr spät verheiratet und das auch nur aus dem Grunde, 
weil er in seiner Wirtschaft unbedingt eine Frau be- 
nötigte. 

Meine Kindheit verbrachte ich auf dem Lande. Die 
körperliche Entwicklung ist sehr langsam von statten 
gegangen. Bis zu meiner Pubertät (17 Jahre) sah ich 
recht mädchenhaft aus, auch bekam ich oft zu hören, 
daß ich eigentlich gar kein Junge sei Zu meinen Spiel- 
gefährten wählte ich mit Vorliebe kleine Mädchen, die 
Knaben waren mir etwas zu roh, auch fand ioh kein 
Gefallen an ihren Spielen. Meine Mutter lobte mich als 
ein sanftes und stilles, auch folgsames Kind. Ich wurde 
sehr religiös erzogen und grübelte mit Vorliebe über das 
Leben im Paradiese nach. 

Die ersten mir erinnerlichen geschlechtlichen Reg- 
ungen kamen im 8. Lebensjahre vor. Zu dieser Zeit ver- 
suchte ein geschlechtsreifer Cousin, seinen Geschlechtstrieb 
an mir zu befriedigen, indem er membrum suum in 
08 meum immisit 1 ). Der Versuch scheiterte jedoch an 
meinem Widerstand. (Es war mir sonst nicht unangenehm, 
ich bereute sogar später, es nicht zugelassen zu haben. 
Erektion bekam ich damals nicht* wohl aber später bei 
sympathischen Knaben. Vor dem Cousin konnte ich 
Knaben und Jünglinge überhaupt nicht leiden.) Ich fing 
jetzt an, mehr Sympathie für Knaben und Jünglinge zu 



') Alle Stelle*, die ich hier ans bekannten Granden lateinisch 
gebe, waren im Originale natürlich deutsch. 



— 849 — 



gewinnen; eine geheimnisvolle Macht zog mich zu meinen 
Freunden hin, es war mir nichts lieber, als wenn ich an 
der Brust meines Freundes liegen und träumen konnte. 
Auch beschäftigte ich mich gelegentlich mit der Onanie. 
Wie ich darauf gekommen bin, kann ich mich nicht mehr 
entsinnen« 

Mit 9 Jahren kam ich in die Schule. Dort verliebte 
ich mich bald in einen blaß aussehenden Knaben. Es 
kam aber nur zu rein freundschaftlichen Umarmungen 
und Küssen, geschlechtliche Dinge wurden nie zwischen 
uns berührt Kurz darauf zogen meine Eltern in eine 
Stadt und ich kam an eine andere Schule. Meinen Freund 
konnte ioh lange nicht vergessen. Sehnsüchtig harrte ich 
der Zeit, wo ich ihn wiedersehen sollte, ich kam jedoch 
nicht mehr dazu. 4 Jahre hindurch hatte ich keinen 
rechten Freund, niemand machte auf mich einen bleiben- 
den Eindruck. Als ich 15 Jahre alt wurde, schwärmte 
ich für meinen Lehrer. Da er aber sich bald darauf 
verheiratete, wurde er mir ganz und gar unsympathisch. 
Ein Mitschüler (auch noch mit 15 Jahren) zog mein 
Interesse mehr und mehr auf sich. Er zeigte mir auf 
jede Art, daß er mich lieb habe, und bald darauf erklärte 
er ganz kategorisch, daß er nur mich allein liebe, deshalb 
solle ich auch keinen andern Freund haben. Es kam 
öfters zu argen Eifersuchtsszenen. Unsere Liebe blieb 
jedoch rein platonischer Art. Schuld daran war meine 
ungemein große Schamhaftigkeit. 

Mit 17 Jahren verliebte ich mich in einen kraftvollen 
Jüngling. Auoh er brachte mir Gegenliebe entgegen. 
Jetzt wich auf einmal die übergroße 8cham von mir und 
in einer seligen einsamen Stunde verführte ich ihn (wie 
mich mit 8 Jahren der Cousin). In dieser Zeit starben 
meine Eltern (der Vater an einem Magenleiden, die 
Mutter an Herzschlag), ich brach alle Beziehungen zu 
ihm ab, der große Schmerz über meinen Verlust ließ kein 



— 350 — 



anderes Gefühl aufkommen. Nun fühlte ich mich aber 
noch einsamer und verlassener. Bei meinen Geschwistern 
fand ich wenig Entgegenkommen and kein rechtes Ver- 
ständnis. Ein Jahr darauf suchte ich wieder meinen 
Freund auf, wir beschlossen jetzt, miteinander zu leben, 
und führten drei Jahre lang ein eheartiges Bündnis 
(d. h. wechselseitige fellatio). Äußere Verhältnisse führten 
uns auseinander, unsere Freundschaft besteht jedoch noch 
bis auf diesen Tag. 

Ich fing an, auf meinen Zustand aufmerksam zu 
werden. Ich konnte absolut nicht verstehn, warum ich 
zum andern Geschlecht nicht die geringste Neigung fühlte. 
Religion und Philosophie nahmen wieder mein ganzes 
Interesse gefangen. Ich studierte eifrig die Bibel. Zu 
meiner größten Bestürzung fand ich im ersten Römer- 
briefe, daß der gleichgeschlechtliche Verkehr höchst sünd- 
haft sei. Bis jetzt hatte ich in diesem Verkehr nichts 
Unnatürliches erblickt. Ich versuchte nun, meine Neigung 
zu unterdrücken. Furchtbare seelische Kämpfe mußte 
ich durchleben. Ich fastete und betete. Den Geschlechts* 
trieb konnte ich wohl unterdrücken, die seelische Liebe 
jedoch nicht. In meiner Angst versuchte ich, die ge- 
schlechtliche Liebe auf das andere Geschlecht zu lenken. 
Es gelang mir ein paar mal (zwischen 20 und 21 Jahren), 
mit einer Frau, welche sich die größte Mühe gab, um 
mich geschlechtlich zu erregen, den Beischlaf zu voll- 
führen. Nachher fühlte ich stets abscheulichen Ekel und 
Widerwillen, es kam mir alles so furchtbar unnatürlich 
vor. Verzweifelt gab ich alle weiteren Versuche auf, 

Jetzt fing ich an, ganz enthaltsam zu leben. Mein 
Leben wurde etwas ruhiger, ich vermied ängstlich jeden 
näheren Umgang mit Herren. Mein grübelnder Geist 
bekam wieder neue Nahrung, ich lernte die indische 
Philosophie und Theosophie kennen. In die hehren Lehren 
des Gotamo Buddha versenkte ich mich ganz und gar. 



— 351 — 



O . wie wohl tat es mir, als ioh hier meine eigenen 
Ahnungen bestätigt, fand, nämlich daß das Leben ein 
Leiden ist, daß alles nichtig und vergänglich sei, dem 
wahren Sinn nicht entspricht, folgerichtig auch mein 
eigenes Leid. (Auf direktes Befragen: Buddha stellt den 
Geschlechtstrieb als die größte Bejahung des Lebens dar, 
der vollständig aufgehoben sein soll. Er verlangt von 
seinen . Jüngern unbedingte Enthaltsamkeit bis zu ihrem 
Tode.) 

Mit 22 Jahren lernte ich in der „Theosophisohen 
Gesellschaft* einen jungen Mann kennen, der sehr ideal 
veranlagt war. Wir befreundeten uns recht bald, unsere 
Ideale und Bestrebungen stimmten sehr überein. Wegen 
meiner strengen Lebens- und Denkweise ward ich von 
ihm sehr geachtet. Er bat mich, mit ihm zusammen zu 
wohnen, weil er sich unter den andern sehr einsam fühle. 
Als ioh darauf nicht eingehen wollte, wurden seine Bitten 
immer dringlicher, da er den Grund meiner Weigerung 
nicht verstand. Endlich gab ich nach; ich glaubte stark 
genug zu sein, um dies zu wagen. Jetzt folgte eine un- 
beschreiblich schöne Zeit leb gewann ihn von Tag zu 
Tag mehr lieb. 7 Monate blieb unser Verhältnis voll- 
ständig rein. Er füllte jetzt mein ganzes Leben aus. 
Ohne ihn glaubte ioh nicht mehr leben zu können. Mein 
Freund fühlte wohl, daß ich anders sei, als andere Männer, 
hielt jedoch mit seiner Meinung zurück, da wir in unseren 
Gesprächen geschlechtliche Sachen nicht berührten. Eines 
Tages — ich lag auf dem Sofa — kam • er und legte sich 
neben mich. ' Er fing an, über mich zu sprechen, sagte 
unter anderm, daß er gar nioht glaube, daß ich eigentlich 
ein - richtiger Mann sei, meine ganzen Ausstrahlungen seien 
negativ u. s. w. (Die Ausstrahlungen des Mannes seien 
nämlich positiv, was man im Verkehre miteinander merke, 
er fühle sich zu mir, wie zu einem Weibe - hingezogen.) 
— Er umarmte und küßte mich, meine ganze mühsam 



I 



— 352 — 

errungene Buhe war dahin, eine beruhigende Mattigkeit 
überkam mich, und ich — ich gab mich ihm hin. Seit 
dieser Zeit vollführte er öfters seinen Coitus an mir. 
(Unter Coitüs verstehe ich die immissio membri alterius 
in 08 meum). Ich begnügte mich stets nur mit der passiven 
Bolle, in welcher ich mich auch ganz glücklich fühlte. 
Andere Menschen störten unser glückliches Leben. Wir 
entschlossen uns jetzt, allem zu entsagen, um den Pfad 
der Erlösung zu erklimmen. Unter furchtbarem Schmerz 
schieden wir voneinander. Ich übersiedelte nach einer 
andern Stadt. Erst nach mehr als einem Jahr gewann ioh 
teilweise meine Buhe wieder. Seitdem und drei Jahre ver- 
flossen, in welcher Zeit es nur zu einer kleinen Entgleisung 
gekommen ist. (Vor ungefähr 10 Monaten verliebte ich 
mich nämlich wieder in einen Jüngling. Der trug aber 
selbst Schuld, weil er mir seine Liebe erklärte. Er kam 
sehr oft zu mir, und ich wurde sexuell erregt durch Um- 
armungen und Küsse. Der Antrieb zu diesen Liebkosungen 
geht nie von mir aus, weil ioh mich dessen schäme. Er 
wollte dann auch geschlechtlich verkehren, nahm sein 
membrum heraus und wollte, daß ich ihn auf irgendeine 
Weise befriedige. Infolge der vielen schlechten Er- 
fahrungen aber, die ich gemacht, hielt ich mich zurück 
und ließ mich in nichts ein. Ich hatte wohl eine sehr 
starke Erregung, aber Genuß kann ich es nicht nennen. 
Freilich hatte ich es sehr gern, daß er mich umarmte und 
küßte. Nachher vermied ich jedes Zusammenkommen 
mit ihm, und da ich mich doch fürchtete, meinen Gefühlen 
zu unterliegen, so verließ ich überhaupt den Ort.) Meinen 
Geschlechtstrieb befriedigte ich hin und wieder durch 
Onanie. Meinen so leidenschaftlich geliebten Freund habe 
ich nicht wiedergesehen. 

Wien, am 17./12. 1905. S. M. 

Ich forsche nun nach körperlichen Zeichen des 
Uranismus ohne ihn jedoch einer Leibesuntersuchung zu 



— 353 — 



unterwerfen, gegen die er sich aus Schamhaftigkeit sträubt. 
Gesicht weiblich, sehr geringer Schnurr- und Backenbart, 
den er obendrein stets rasiert Kopfhaar sehr reichlich, 
seit jeher Vorliebe für lange Haare. (Eigene Angaben.) 
Muskulatur sehr weich und schlaff, auch auch an den 
Beinen trotz seiner großen Fußtouren, Brustwarzen größer 
als sonst bei Männern. Seine Stimme ist nur durch 
große Bemühungen tief geworden, singen kann er aber 
auch jetzt noch nur in Fistelstimme. „Ich habe in der 
Schule stets nur die erste Stimme gesungen. Im 
17. Lebensjahre wurde auf einmal meine Stimme etwas 
tiefer, worüber ich mich sehr schämte, ich weiß selbst 
nicht warum. Es war die Zeit, wo die Pubertät sich zu 
entwickeln begann. Schamhaare habe ich ziemlich reich- 
lich, sonst aber ist der Leib nioht behaart wie bei den 
andern Männern. — Pollutionen habe ich seit dem 
17. Jahre, seit der Pubertät, doch nicht regelmäßig, oft 
mehrere Monate nicht, auch wenn ich ganz enthaltsam 
bin. Seitdem ich keinen richtigen geschlechtlichen Um- 
gang mehr habe, bekomme ich ca. alle zwei Wochen 
einmal eine Pollution, aber auch nicht stark. Wenn ich 
mit Männern Umgang hatte, habe ich nie Pollutionen 
gehabt Wenn meine Gedanken vollständig von diesen 
Sachen gefangen genommen worden waren, bekam ich 
keine Pollutionen. loh glaube, das rührt auch davon her, 
daß ich sehr mäßig lebe, streng vegetarisch, keinen 
Tropfen Alkohol trinke und auch nicht rauche. Rauchen 
ist mir widerwärtig." Vor den Pollutionen hat er wol- 
lüstige Träume. Er fühlt, daß ein Mann den „Coitus* 
an ihm vollzieht» in verschiedener Weise manchmal bloß 
Umarmung, manchmal coitum inter femora, manchmal 
versucht er coitum in ore. Es kommt aber im Traum 
immer nur zum Versuch, nie zur Erfüllung, hingegen 
kommt es tatsächlich im Traum vor, daß er selbst wie 
bei einer Frau den Beischlaf inter femora probiert. Er 

Jahrbuch IX. 28 



— 354 



hat das zwar nie praktisch erlebt, weiß das aber daher, 
daß mancher der Männer ihn umarmte und so auf ihm 
lag, aber es zu vollführen hat keiner versucht Im Augen- 
blick höchster Wollust hat er Erection und Samenerguß! 
aber nicht bei allen Männern, nur bei einigen, wie z. B. 
mit 17 Jahren und beim Theosophen, hingegen nicht bei 
der kleinen Entgleisung. Beim Coitus in ore kommt es 
immer zum Samenerguß. — Er ist absolvierter Real- 
8chliler, dann aber Zimmermaler, weil ihm die Mittel zum 
Weiterstudieren, das er gern getan, fehlten. „Ich wollte 
in jedem Falle unabhängig und selbständig sein. Eine 
sehr große Rolle spielte auch die Religion in meinem 
Leben, es war doch immer mein Wunsch, ins Kloster zu 
treten und Religion zu studieren. Durch Tolstois Schriften 
wurde ich davon abgehalten. Er hatte sehr großen Ein- 
fluß auf mich, und da mir auch mein Zustand zu schaffen 
machte, wollte ich ein natürliches Leben führen und 
ergriff ein Handwerk." 

2. Tag. 

Es sind ihm noch einige feminine Merkmale geistiger 
Natur eingefallen. Ich habe große Neigung zu weiblichen 
Beschäftigungen, Kochen und Schneidern verstehe ich sehr 
gut. Mancher hat sich schon gewundert und mich direkt 
gefragt, ob ich nicht schneidern gelernt habe. Bügeln 
und waschen tue ich sehr gerne, auch Handarbeiten, 
ferner habe ich eine Vorliebe für lange, farbenreiche Ge- 
wänder, die ich manchmal nur mit Mühe unterdrücken 
konnte, um mich nicht wirklich so anzuziehen. Nur 
Frauenkleider habe ich öfters ganz heimlich angezogen, 
besonders in meiner Jugend von 14 — 18 Jahren. Ich 
fühle mich nur in einer häuslichen Tätigkeit vollkommen 
glücklich, wenn ich meinen eigenen Haushalt führen und 
darin schalten und walten kann. — Manchmal übertreibe 
ich sehr gern, ich bin sonst wahrheitsliebend, aber trotz- 



dem flunkere ich manchmal, mit Bewußtsein, warum weiß 
ich nicht Ich bin endlich sehr gefühlvoll, Schmers und 
Freude [üben sehr großen Eindruck auf mich. Wenn 
mich etwas seelisch schmerzhaft trifft, so drückt mich 
das so furchtbar nieder, daß ich lange Zeit damit nicht 
fertig werden kann. Ebenso maßlos bin ich in der Freude, 
ein freudiges Gefühl hält sehr lange an, überhaupt jede 
seelische Bewegung. Die russischen Zustände, namentlich 
in meiner Heimat, haben mich sehr beschäftigt, einerseits 
die Freude, daß die Republik ausgerufen wurde, anderer- 
seits der Schmerz, daß meine Landsleute ihr Ziel nicht 
erreichen werden und dann das viele Blutvergießen, das 
es kosten wird. Trotzdem ich den deutschen Baronen 
eigentlich ihr Schicksal gönne, so hat mir das als Mensch 
leid getan, da hat sich meine Natur geregt Außerdem 
war ich besonders wegen meiner Geschwister, die in T. 
leben, besorgt Von denen weiß ich übrigens sonst nichts. 
Zwar haben mich meine Geschwister nie verstehen können. 
Ich hatte insbesondere gegen meinen älteren Bruder, der 
jetzt 37 Jahre zählt» immer eine furchtbare Abneigung 
gehabt, weil er mich in meiner Kindheit sehr plagte. 
Meine Eltern hatten mich mit 9 Jahren zu ihm gegeben, 
damit ich dort die Schule besuche. Aber er hat mich 
gar nicht in die Schule geschickt, oder vielmehr nur 
etliche Monate und mich zu Hause unterrichtet. Der 
Unterricht hat ihm aber nie gefallen. Denn wenn ich 
etwas nicht verstehen konnte, hat er mich immer furcht- 
bar geschlagen. (Das war schon nach der Episode mit 
dem Cousin.) Wenn ich vom Spaziergang etwas früher 
zu Hause kam, als er bestimmt hatte, wurde ich schon 
geprügelt Ich wollte immer zur Kirche gebn und da 
gab er mir nie die Erlaubnis und ließ mich mit keinem 
verkehren, weder mit älteren Leuten, noch mit sonst 
jemand. Es war auch in einer Stadt, deren Sprache ich 
nicht verstand (Esthnisch), dann hat er mich immer so 

23* 



— 356 — 



furchtbar geschlagen und geprügelt, meine Haare wurden 
immer so ausgerauft und überall hatte ich blau unter- 
laufene Stellen. Viel später erst, nämlich hier in Wien, 
kam ich auf den Gedanken, er sei Sadist gewesen. Als 
ich es endlich nicht mehr aushielt, floh ich von ihm nach 
Hause zu raeinen Eltern und legte den ganzen Marsch, 
ungefähr 120 Kilometer, entlang der Eisenbahn zu Fuß 
zurück. Als ich nach Hause gekommen war und die 
Eltern die Spuren der Schläge sahen, gaben sie mich zu 
einem Onkel mütterlicherseits, wo ich die Schule besuchen 
konnte. Seit damals konnte ich mich mit meinem Bruder 
nicht vertragen. (Von diesem Bruder bemerkt er noch, 
daß derselbe noch vor zwei Jahren, da er ihn das letzte 
mal sah, noch unverheiratet war, trotz seiner 35 Jahre 
und trotzdem er sich längst hätte verheiraten können. 
Es könnte sein, daß er auch homosexuell ist) Wir sind 
noch sehr oft zusammengekommen, in den Ferien immer. 
Mit 19 Jahren habe ioh sogar eine Zeitlang mit ihm zu- 
sammengelebt in seiner Stadt, nur konnte er mich nicht 
schlagen, weil ioh stärker war als er. Er wollte dann 
durchaus, daß ich die militärische Laufbahn einschlage 
oder in den Staatsdienst eintrete. Da ich mich aber 
weigerte, so verweigerte er mir alle Mittel zu jedem 
andern, auch zum Studieren und so stellte ich mich auf 
meine eigenen Füße. Er hatte mir auch jeden Umgang 
mit Arbeitern verboten, und ihm zu Trotz fuhr ich nach 
T., ging selbst als einfacher Arbeiter in eine Fabrik und 
schrieb ihm das. Später trat ich aus der Fabrik wieder 
aus und lernte Zimmermalerei, — Hat Sie denn das be- 
friedigt, nachdem Sie die Realschule absolviert haben? — 
Ja, ziemlich, weil ich durch Tolstoi gerade auf diesen 
Gedanken gekommen war, als einfacher Arbeiter mein 
Leben zu führen. Ich lernte ein Jahr Zimmermalerei, 
dann machte ich große Reisen in Rußland bis nach 
Sibirien und den Kaukasus hinein von Livland, ich hielt 



— 357 — 



aber nirgends lang aus, weil ich großes Heimweh hatte. 
— Warum sind Sie denn so viel gereist? — Es war die 
Lust und der Trieb zum Reisen, erst jetzt seit einem halben 
Jahre fühle ich kein Heimweh. In Wien bin ich seit 
zwei Monaten. Ich hatte schon früher Lust, einmal ins 
Ausland zu gehn, jetzt habe ich mich nach Österreich 
geflüchtet wegen der Unruhen, weil ich bei der Regierung 
als unzuverlässig angeschrieben war und fürchtete, ver- 
haftet zu werden. Ich bin auch schon früher öfters ver- 
haftet, aber stets wieder freigelassen worden. 

Diese zwei Tage versuchte ich, mir die Analyse zu- 
rechtzulegen. Ich dachte, auf diese Art könnte vielleicht 
doch etwas erreicht, mein Zustand gebessert werden. Ich 
dachte, es müsse dooh immerhin ein hypnotischer Einfluß 
ausgeübt werden. Es sei nicht anders möglich, als daß 
Sie versuchen würden, durch die Analyse meinen Willen 
zu unterordnen und dadurch einen Einfluß auf mich aus- 
zuüben. — Möchten Sie das gern? — Nein, das kann 
ich nicht sagen, denn ganz willenlos möchte ich nicht 
werden. Dagegen habe ich gerade Widerstand, ich möchte 
nie die Kontrolle über mich selbst verlieren. — Das 
durchzusetzen, fällt mir gar nicht ein. — Ich glaube es 
ja nicht, aber mir kommt es vor, daß es anders beinahe 
undenkbar wäre. — Ich möchte Sie aufmerksam machen, 
daß jede Willensbeinflussung, wie Sie sich das vorstellen, 
alles was an Hypnose erinnert, in der Analyse vollständig 
wegfällt Mich bringen aber Ihre Gedanken auf die 
Vermutung, daß bei Ihnen der heimliche Wunsch besteht, 
hypnotisch beeinflußt zu werden. — Aber nur mit Vor- 
behalt. Ich unterordne mich ganz gern dem, den ich 
liebe, aber sonst ist es mir widerwärtig, beeinflußt zu 
werden. — Haben Sie bei Ihren Liebschaften sich sehr 
gern untergeordnet? — Ja, bis auf das, was meinem 
Wesen ganz entgegengesetzt ist Verlangt z. B. einer, 
ich solle rauchen, trinken oder dgl., so würde ich mich 



— 358 — 



nicht unterordnen, sonst aber in allem. Ich setze sonst 
meinen Willen immer durch, auch wenn es mir direkt 
schadet oder selbst seelische Schmerzen verursacht Ein- 
mal hatte ich mir z. B. vorgesetzt, mich von meinen 
Eltern und den andern Geschwistern (nicht dem ältesten 
Bruder) zu trennen. Es tat mir furchtbar weh, sie baten 
mich auch alle, nicht zu gehn, ich mußte selbst weinen, 
so schmerzte es mich, aber trotzdem konnte ich nicht 
anders, als den vorgefaßten Oedanken ausführen. — 
Warum faßten Sie eigentlich diesen Vorsatz? — Weil 
ich eine andre Lebensweise führen wollte. Ich wollte 
mich nämlich von den Geschwistern nicht zu einem Berufe 
drängen lassen, meine ältere Schwester und der älteste 
Bruder wollten nämlich, ich sollte Militär oder Staats- 
beamter werden. Auch bei der kleinen Entgleisung 
trennte ich mich deshalb, trotzdem ich den jungen 
Menschen sehr liebte, ich wollte aber nicht mehr ein 
solches Verhältnis eingehen aus moralischen Gründen. 
Ich konnte lange den dadurch verursachten Schmerz nicht 
überwinden, aber sonst habe ich selbst bemerkt, daß die 
Starrköpfigkeit im Laufe der Jahre geschwunden ist. 
Ich bin viel nachgiebiger geworden, am meisten starr- 
köpfig war ich bis 21, 22 Jahre. Jetzt will ich meinen 
Willen nicht mehr so streng durchsetzen. Ich glaube, 
darauf hat auch besonders die Theosophie einen größeren 
Einfluß ausgeübt, die Lehre von Buddha. 

8. Tag. 

Nach der letzten Stunde wurde ich recht ungehalten 
über meine Gedanken betreffs der Hypnose und habe 
versucht» mir klar zu werden, ob es wirklich dem ent- 
spricht» was Sie erwähnten, nämlich dem, wenn auch un- 
bewußten Verlangen, untergeordnet zu werden, aber ich 
kann das kaum annehmen, und ich kam auf den Gedanken, 
daß es eigentlich vielmehr einer Furcht entspringt, ganz 



— 859 — 



beeinflußt und unterordnet zu werden. — Ich habe Ihnen 
doch erklärt, daß ich Sie gar nicht hypnotisieren will 
und werde. — Ganz richtig, aber der Gedanke kam 
immer, und ich habe ihn verfolgt, warum er kommt, da 
keine Ursache da ist, und deshalb meine ich, daß es 
eigentlich nur der Furoht entspringt, weil ich alle Reg- 
ungen meiner Seele mitteilen müßte, und das ist bis jetzt 
niemand gegenüber geschehen, auch nicht zu den intimsten 
Freunden. Aber die Gedanken über die Hypnose habe 
ich später als etwas ganz dummes aufgegeben und nicht 
weiter verfolgt Zuerst war es mir recht unangenehm, 
daß ich jetzt vollständig alles sagen muß, was ich denke 
und mir in den Sinn kommt. Und es war vielleicht auch 
der Umstand maßgebend, daß ich fürchtete, mich lächer- 
lich zu machen, indem ich alles verrate, denn es kommen 
oft ganz lächerliche, unsinnige Gedanken. — Die werden 
nicht so unsinnig sein, als Sie glauben. — Dann kam ich 
nochmals auf die Analyse und glaube, Sie jetzt etwas 
verstanden zu haben. Ich glaube, daß die Analyse die 
Psyche des Menschen zerlegen soll, wie der Chirurg den 
Körper mit dem Seziermesser, um die Stelle des Leidens 
aufzudecken und möglichst zu entfernen. — Einerseits. 
Ich möchte noch wissen, wovon wünschen Sie befreit zu 
werden, wozu haben Sie die Analyse unternommen? — 
Eigentlich von dem Hang, Männer zu lieben. — Warum 
wünschen Sie davon befreit zu werden? — Weil ich 
manchmal in Konflikt komme mit meiner sonstigen Welt- 
anschauung und meiner religiösen Überzeugung, das macht 
mich manchmal unglücklich. Und dann finde ich auch, 
daß das Leben viel glücklicher ist ohne diese große 
Leidenschaft. — Wollen Sie zur Liebe zum Weibe erzogen 
werden? — Durchaus nicht, viel lieber bleibe ich bei 
meiner jetzigen Liebe, als dazu erzogen zu werden. Ich 
habe eine solche Abneigung gegen den normalen Akt, 
daß der bloße Gedanke daran schon mich ganz in Auf- 



— 860 — 



regung versetzt. Dann träumte ich auch öfters, besonders 
früher mit 18, 19 Jahren, daß ich verheiratet wurde, von 
einem Geistlichen mit einem Weibe getraut wurde, und 
das machte mich so furchtbar unglücklich, daß ich nach- 
her, als ich erwachte, gar nicht wußte, wie mich vor Glück 
zu fassen, daß es tatsächlich nicht der Fall ist Öfters 
ist es nur dazu gekommen, daß bloß der Versuch zur 
Trauung gemacht wurde, z. B. der Gang zur Kirche und 
dergleichen. Ich träume sehr oft von den Menschen 
welche mir nahe stehen und gestanden haben, von denen 
die ich geliebt habe, besonders wenn ich einen Brief be- 
komme von meinem ersten, intimsten Freund mit 17 Jahren. 
Da träume ich regelmäßig 1 — 2 Tage vorher, da erwarte 
ich mit Bestimmtheit den Brief. Ich stehe mit ihm in 
ständigem Briefwechsel, erst seit den Unruhen in Bußland 
nicht Es fiel mir besonders auf, als ich noch in die 
Schule ging, da kam der ältere Bruder zu uns auf Besuch 
und da träumte ich regelmäßig stets vorher, daß er zu 
uns kam, was stets eintraf. — Wußten Sie voraus, daß 
er kommt — Nein, durchaus nicht, er schrieb höchst 
selten, daß er kommen wird. — Haben Sie nicht gewußt, 
daß seine Besuche in einer gewissen Regelmäßigkeit er- 
folgten? — Auch nicht, ganz und gar nicht Aber ich 
war früher sehr intensiv, ich fühle beinahe jeden starken 
geistigen Einfluß auf mich. — Sie meinen, Sie hätten 
telepathische Fähigkeiten? — Ja. — Die Erfahrung 
lehrt, daß es sich da gewöhnlich um unbewußte Schluß- 
folgerungen handelt, von denen aber nur das Endresultat 
ins Bewußtsein dringt, welches dann als etwas Rätsel- 
haftes und Unverständliches, als eine geheime Macht er- 
scheint Nun könnte ich mich ja irren; wenn Sie glauben, 
ich habe nicht recht, so bitte ich nur direkt zu wider- 
sprechen. — In diesem Falle ist mir vollständig unbewußt, 
daß das durch ein Unterbewußtsein geschehen sein soll, 
aber ich kann auch nicht direkt widersprechen, weil ich 



r 



— 361 — 



diesen Gedanken noch nie ausgesprochen gehört , habe. 

— Also denken Sie darüber nach. — Besonders jetzt 
führt es mich auf ein anderes Erlebnis. Wenn ich z. B. 
an 'einen fremden Ort komme, wo ich noch nie war, oder 
in eine besondere Lage oder mit jemandem spreche, mit 
dem ich vorher nie gesprochen habe, dann kommt mir 
auf einmal blitzschnell der Gedanke: das habe ich voraus- 
gesehen, jetzt kommt das und das. Und es kommt tat* 
sächlich so. Und dann habe ich einmal von einem 
Professor gelesen, der dies dadurch zu erklären suchte 
daß ein Teil des Gehirnes langsamer denke, als der andere» 

— Meinen Sie Ober- und Unterbewußtsein? — Ja. — 
Stimmt das wirklich? — Ja, ich glaube. Aber das ist 
mir noch immer eine offene Frage geblieben und ich bin 
noch nicht soweit, daß ich dem Professor beistimmen 
könnte und widersprechen kann ich auch nicht gerade. 

— Das hat mich auch beschäftigt, ob ich mir vornehmen 
darf, über irgend etwas gar nicht zu denken, weil ich 
doch aufrichtig sein soll, damit der Gedanke an solche 
Dinge mir während der Analyse überhaupt nicht komme 
und ich habe beschlossen, Ihnen diese Frage vorzulegen. 

— Tun Sie das ja nicht, das ist einfach Widerstand. 
Das Unbewußte will seine Heimlichkeiten nicht hergeben 
und richtet als Schutzwehr den Widerstand auf. Hinter 
diesem Widerstand verbergen sich die wichtigsten Dinge. 
Wenn sich Ihnen ein Gedanke aufdrängt, dann sprechen 
Sie ihn unbedingt aus, dann ist er von Wichtigkeit 
Welcher Gedanke tauchte Ihnen auf, welchen wollten 
Sie sich vorbehalten? — Erstens überhaupt an die Per- 
sönlichkeit des Behandelnden nicht zu denken. — D. h. an 
mich. — Ja. — Warum wollten Sie an mich nicht denken? 

— Darüber bin ich mir nicht vollkommen klar, aber 
wahrscheinlich, um von vornherein auszuschließen, daß 
ich etwas sagen muß, was Ihnen vielleicht unangenehm 
wäre. — Das dürfen Sie in keinem Falle. Ich verspreche, 



Ihnen absolut nichts übel zu nehmen. Wenn Sie etwas 
nicht sagen, so wühlt es in Ihnen nach. Es sind Ihnen 
bestimmte Oedanken über mich gekommen, die bitte ich, 
mir zu sagen, ganz ehrlich. — Ganz richtig. Erstens 
überhaupt, schon wenn ich eine neue Bekanntschaft mit 
jemandem mache, versuche ich, mir sofort über die Per- 
sönlichkeit ein Urteil zu bilden. — Das war wohl auch 
bei mir der Fall? — Ja. — Dann sagen Sie es ruhig. 

— Ich bin eigentlich noch zu keinem abschließenden 
Urteil gekommen. Aber dann habe ich auch nachgedacht, 
ob Sie homosexuell sein könnten, und da bin ich darauf 
gekommen, daß Sie aller Wahrscheinlichkeit nach es nicht 
sind, — Woraus schlössen Sie das? — Ich kann nichts 
besonderes sagen, aber ich habe ein unbestimmtes Gefühl. 

— Es fehlen Ihnen offenbar homosexuelle Züge? — Ja. 
Ich verstehe unter Homosexualität nicht bloß, daß z. B. 
einmal ein normaler Mensch mit einem Mann geschlecht- 
lichen Umgang hat, sondern ich nenne homosexuell nur 
den, der sich seinem innersten Wesen nach zu einem 
Mann hingezogen fühlt — Und das vermissen Sie bei 
mir? — Ja. — Worüber dachten Sie noch nach über 
mich? — Nur noch etwas, allem Anschein nach sind Sie 
noch unverheiratet? — Und dachten, ob das nicht ein 
Zeichen von Homosexualität ist? — Ja, in der ersten 
Stunde, später habe ich den Gedanken verworfen. Dann 
habe ich noch gedacht, es wird mir im Anfang ziemlich 
schwer sein, alles mitzuteilen, was ich denke und fühle, 
weil mir die Situation noch zu ungewöhnlich ist Aber 
dann habe ich mich wieder beruhigt, weil ich mich rasch 
in alles hineingewöhne, und das kann ich sagen, jetzt 
habe ich das Gefühl, daß ich viel vertrauensvoller bin, 
als in der letzten Stunde Ihnen gegenüber. — Weshalb 
das? — Weil Sie mich über alles beruhigt haben, daß 
ich alles sagen darf, auch über Sie, denn das habe ich 
mir streng vorgenommen, ich habe besonderes Interesse 



— 368 — 



daran, was aus der Sache wird! und deshalb möchte ich 
immer nur die Wahrheit sagen. — Da hat das vielleicht 
besonders auf Sie gewirkt, daß ich sagte, Sie müssen vor 
allem einmal die Wahrheit sagen, was immer heraus- 
kommt? — Ja, das hat mir besonderes Vertrauen eingeflößt 
und weil Sie sagten, Sie nehmen es nicht übel und Sie 
stellen sich als Arzt über alles, Sie wären nur Objekt, 
nicht der Mensch, den es trifft. Ich habe zwar bei vielen 
gefunden, daß sie das gleiche behaupten, aber sie können 
dann doch nicht die Person von der Sache scheiden. — 
Und bei mir setzen Sie das nicht voraus? — Nein. — 
Fielen Ihnen vielleicht noch irgendwelche Ergänzungen 
ein, die Sie mir sagen könnten. — Nein, ich wüßte nichts. 

4. Tag. 

Heute habe ich sehr wenig zu erzählen, ich hatte 
wenig Oedanken, vielleicht weil Weihnachten war. Nur 
das hat mich beschäftigt, warum Sie mir bloß 3 mal 
wöchentlich Analyse geben, ob das vollständig genügt 
oder ob Sie nicht mehr Zeit haben. Letzte Woche kam 
mir das Intervall zu groß vor, ich hätte die Sache gern 
häufiger gemacht. — Ich erklärte, daß meine Zeit zu be- 
schränkt sei, um ihm mehr als 3 Stunden wöchentlich 
zu geben. Da Sie mir aber nichts sagen können, werde 
ich Ihnen Fragen stellen: Ich glaube, daß zwischen Ihnen 
und Ihrem Bruder etwas mehr besteht, als Sie mir bisher 
sagten, nämlich auch eine gewisse homosexuelle Zuneigung. 
— Nein, von meiner Seite nicht im geringsten. — Es fällt 
mir nämlich auf, daß Sie von der Ankunft Ihres Bruders 
träumten. Träume sind, wie wir heute wissen, erfüllte 
Wünsche. — Im Gegenteil, ich habe gegen meinen Bruder 
stets eine Abneigung gehabt. — Haß ist nur die Kehr- 
seite der Liebe, das würde auch nicht dagegen sprechen, 
verschmähte Liebe wird immer zum Haß. — Nicht immer. — 
Beim Uranier heißt es zwar, sie kennen den Haß nicht, 



— 364 — 



aber ich halte mich vorläufig an das, was ich bei meinen 
Nervösen gefunden habe. Erzählen Sie mir Genaueres 
über das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Bruder. — 
Soviel ich mich erinnere, besonders seit der Zeit, da er 
mich sehr schlecht behandelte, hatte ich immer Angst 
vor ihm, und wenn er zum Besuche kam, mied ich ihn 
immer. — Hatten Sie nicht schon vor 9 Jahren mit ihm 
zu tun gehabt? — Nein, er war nicht viel zu Haus. — 
Wie war Ihr Verhältnis bis zum 9. Jahre? — Ich kann 
mich an gar nichts besonders Schlechtes und auch an 
nichts besonders Gutes erinnern. — Sind Sie damals gern 
zu Ihrem Bruder gegangen? — Nur zum Teil, nicht ganz, 
weil ich nicht weg von Hause und in eine ganz fremde 
Stadt ziehen wollte, aber warum ich wieder wollte, war, 
weil ich mich überhaupt für alles fremde interessierte, 
für alles, was ich noch nicht gesehen hatte. — Erinnern 
Sie sich vor dem 9. Lebensjahre schon, daß er Ihnen 
mit Schlägen begegnete? — Nein, ich wüßte nicht. — 
Haben Sie überhaupt viel mit ihm zu tun gehabt? — 
Ich habe keine klare Vorstellung davon, nur das eine 
weiß ich, daß, wenn er freundlich mit mir war, ich ihn 
ganz gern hatte. — Haben Sie einen Unterschied bemerkt 
zwischen ihren Empfindungen, die Sie den andern Ge- 
schwistern entgegen brachten, und den für Ihren Bruder? 
— Nein. Vordem habe ich überhaupt keinen Unterschied 
bemerkt, nachher insofern, daß er mir der Unsympa- 
thischste von allen war. Der Gedanke ist mir so un- 
glaublich, daß das überhaupt möglich wäre, daß ich ihn 
irgendwie geliebt hätte, das will mir gar nicht zu Sinn. 
Der Haß entspringt ausschließlich nur der ungemein rohen 
Behandlung. — Erzählen Sie vielleicht, wie das gekommen 
ist — Ich wünsche, da nichts zu sagen. Außerdem scheue 
ich mich, manches zu sagen aus Pietät für Verstorbene 
und Andere, ich habe nur das Recht, Ihnen meine Ge- 
heimnisse preiszugeben. — Ich muß Sie bitten, Pietät 



— 865 — 



und Rücksichtnahme beiseite zu lassen, sonst kommen 
wir mit der Analyse nicht vorwärts. Auf Diskretion 
dürfen Sie rechnen. — Also lassen Sie mir vorläufig 
Zeit, mich mit diesem Gedanken zu befreunden. — Gut, 
reden wir von etwas anderem. Sie sprachen das letzte- 
nmal davon, daß Sie Ihre Neigung in Konflikt bringe mit 
Ihren religiösen Überzeugungen und Ihrer Weltanschauung. 
Inwiefern das? — Erstens ist die Ausübung des Geschlechts- 
aktes beim Urning vollständig verfehlt und hat nur den 
Zweck, die Sinnenlust zu befriedigen. — Meinen Sie, daß 
die andern den Geschlechtsakt vollziehen mit Rücksicht 
auf einen bestimmten Naturzweck? — Das wohl seltener. 
Aber es hat doch immerhin einen Zweck und Sinn, wenn 
es auch unbewußt bleibt, es ist ja der Naturzweck, die 
Erhaltung der Art — Den meisten Menschen ist ja darum 
gar nicht zu tun, ja dieser Naturzweck wird meist direkt 
künstlich verhindert. Der Geschlechtsakt ist also Selbst- 
zweck geworden. Haben Sie volle Befriedigung vom 
homosexuellen Akt? — Ja. — Das wäre ja Zweck genug. 
Es steckt wohl auch etwas Religiöses dahinter? — Ja, 
ganz richtig. Ich finde in dem Geschlechtsakt etwas 
sehr Niedriges, was den Menschen nicht erhebt, sondern 
erniedrigt, es macht den Menschen zum Sklaven seiner 
Triebe. Ich habe stets gefunden und auch bei mir selbst 
erfahren, daß ein Mensch, der besonders dem Geschlechts- 
akt ergeben ist, meist keinen Sinn für etwas Höheres 
hat, ja, er verliert sogar noch sehr viel von dem, was er 
früher hatte. — Das mag vielleicht für jene richtig sein, 
die ihrem Geschlechtstrieb maßlos fröhnen, aber wohl 
kaum für jene, die ihm bloß physiologisch folgen wie in 
der Ehe. Ebensowenig, denke ich, bei den Uraniern, 
welche nur dann den ihnen entsprechenden Geschlechts- 
akt ausüben, wenn sie die Liebe dazu treibt, wie Sie 
z. B. beim Jüngling mit 17 Jahren. Sehen Sie darin 
auch etwas Entwürdigendes? — Nein. — Inwiefern wider- 



— 866 



spricht der homosexuelle Akt also ihrer Weltanschauung 
und religiösen Überzeugung? — Wenn ich das für nicht 
vollständig entsprechend halte, so ist es darum, weil die 
Befriedigung des Triebes nur eine Selbsttäuschung ist, 
weil sie nicht von Dauer ist Wenn ich keine besondere 
religiöse Anschauung darüber habe, dann finde ich in 
meinem Leben nichts, was dies hindern würde. — Sie 
sagten aber doch, daß es Ihrer religiösen Überzeugung 
widerspräche? — Weil ich aber die religiöse Überzeugung 
habe, daß der menschliche Geist doch etwas Unsterbliches 
ist, etwas, was nicht vergeht, daß nur die Form ge- 
wechselt werde, drum finde ich, daß der Geschlechtstrieb 
mit dem, was nicht vergeht, gar nichts zu tun hat und 
gar nicht hineinpaßt, und daß gerade die Ausübung des 
Geschlechtstriebes den Menschen mehr an das Materielle 
fesselt, als in freier Weise. — Dann müßten Sie ja sagen, 
der Mensch soll überhaupt nicht geschlechtlich verkehren, 
weder normal, noch homosexuell. Oder schreiben Sie 
dem Homosexuellen eine besondere Wirksamkeit zu? — 
Das, was ich jetzt sage, entspringt der religiösen Über- 
zeugung, und was die Weltanschauung betrifft, so ist es 
deshalb, weil der Urning doch nicht vollständig glücklich 
sein kann in seiner Liebe unter den obwaltenden äußeren 
Umständen, den sozialen Verhältnissen und der Miß- 
achtung, welcher sein Trieb begegnet. Ich habe bis jetzt 
noch keinen Urning gefunden, der sich glücklich nannte, 
wenn er nachdachte und nicht bloß in den Tag hinein- 
lebte. —Und zwar warum? Bloß wegen der ungünstigen 
äußeren Umstände oder aus anderen Gründen? — Da 
spielen mehrere Gründe mit Erstens die äußeren Um- 
stände, daß ein Urning sich leicht in einen Mann verliebt, 
der keinen Sinn dafür hat, das wäre die Hauptsache. — 
Haben Sie nie den Fall beobachtet, — Sie haben es ja 
übrigens selbst erlebt, — daß Sie jemanden fanden, der 
Ihnen ganz entsprach? — Ganz richtig, aber ich wünschte, 



— 367 — 



ich hätte nie jemanden gefunden, dem ich mich ganz an-* 
geschlossen hätte, weil ich nachher immer unglücklieb 
war wegen der notwendigen Trennung, weil Verhältnisse 
eintreten, die die Fortsetzung verhindern. — - Und wenn 
das nicht gewesen wäre? — Dann würde ich mich ganz 
glücklich gefühlt haben. — Also ist es ja für den Urning 
doch möglich? — Möglich schon, aber in unserer Zeit 
kaum, das wäre eine große Seltenheit, höchstens wenn 
man ganz abgeschlossen von allem lebt, in einer einsamen 
Gegend, aber sonst kaum. — Das wären ja schließlich 
doch die äußeren ungünstigen Umstände? — Ja, aber es 
kommt doch sehr häufig vor, daß ein Urning sich in 
einen verliebt, der ihn nicht mag. — Das kommt auch 
bei Normalsexuellen vor. — Der Urning verliebt sich 
gerade in einen Nichturning (sein Gesicht ist allmählich 
ganz rot geworden). Auch sonst kommt er mit manchem 
in Konflikt. Bo kannte ich einen Opernsänger, der fühlte 
sich nur glücklich, wenn er zu Hause schneidern konnte. 
Die meisten Urninge sind große Heuchler, was ihr ganzes 
Leben mit sich bringt, wozu sie ihre Veranlagung zwingt. 
— Sind sie es auch im Verkehr mit ihresgleichen? — 
Nein, da hat es keinen Sinn. — Ich meine, ob das dann 
vielleicht zweite Natur wird? — Nicht immer. Man 
fühlt sich dann immer befreit, die Heuchelei fühlt man 
als eine Last — Sie meinen, daß sie nur der Welt gegen- 
über heucheln? — Ja. Mancher Urning, der Abneigung 
gegen das Bauchen hat, zwingt sich dazu, um männlich 
zu erscheinen. Viele sind auch sehr leichtsinnig, ganz 
im Allgemeinen. Dr. Hirschfeld sagt, daß viele Urninge 
ganz zurückhaltend und keusch leben, was ich höchst 
selten gefunden habe. — Sie meinen wohl, alle tun 
schließlich etwas? — Ja, es gibt ja wohl Keusche, aber 
höchst selten. — Wieviel Urninge kennen Sie denn? — 
Intim vielleicht 14, weniger genau über 100. — Wenn 
Sie die letzteren nun weniger genau kennen, woher wissen 



— 368 — 



Sie dann, daß sie nicht keusch sind? — Gegen einen 
Urning sind sie ganz offen, sagen sie alles, wenn man 
sie nur fragt. Dr. Hirschfeld weiß dies ganz genau, er 
stellt die Sache aber schöner dar, um der Sache des 
Urnings zu nützen. In dem Fragebogen des Wissen- 
schaftlich-humanitären Komitees steht eine Frage, ob man 
Freundschaftsverhältnisse von langer Dauer führen kann 
ohne geschlechtliche Handlungen, ganz keusch. Ich bm 
der festen Überzeugung, daß das fast niemals der Fall 
ist bei einem Urning. Bis jetzt habe ich das nie ge- 
funden, wenigstens nicht bei längerer, z. B. jahrelanger 
Dauer. 

5. Tag. 

Es hat mich früher schon öfters stutzig gemacht, 
daß, wenn ich mich in jemand verliebte, es schon in der 
ersten Stunde war, in der ich ihn kennen lernte, und das 
konnte ich mir nicht erklären. Ich nahm seelische Ver- 
wandtschaft iL dergl. an, aber da las ich in Ihrem Platen- 
Aufsatz, daß man immer nur dej^/alten Typus liebt in 
einer neuen Gestalt, und da muß ich wohl dem zustimmen. 
Ich habe darüber nachgedacht; ich finde, daß bei allen, 
die ich liebe, etwas Gemeinsames zu finden ist — Nämlich 
was? — Zunächst in der körperlichen Erscheinung. Alle 
waren brünett, das Gesicht von etwas bleicher Farbe, 
nicht rosig. Und was mich besonders anzog, jeder hatte 
einen starken Willen und ist sehr ideal veranlagt — 
Vielleicht noch irgend etwas? — Ich weiß nur das eine, 
daß, wenn einer von denen roh war oder moralische 
Defekte gezeigt hätte, ich ihn nicht mehr hätte lieben 
können» Es ist mir schon vorgekommen, daß, wenn mich 
einer anzog und ich ihn gerne hatte und etwas an ihm 
bemerkte, was mich abstieß oder innerlich verletzte, eine 
rohe Handlung oder dergL, es sofort aus war. Gemein- 
heit oder dergl. kann ich überhaupt nicht leiden. — Wissen 
Sie Sich vielleicht an eine erste Person zu erinnern, auf 



— 369 — 



welche jene Eigenschaften passen ? — Nein. Ich könnte 
höchstens sagen, daß der blasse Knabe in der Schule 
beinahe all diese Züge hatte, körperlich und seelisch, 
aber auf früheres kann ich mich nicht entsinnen. — Wir 
brauchen nicht länger Katze und Maus zu spielen, Sie 
sind in mich verliebt, von der ersten Stunde ab. — Ganz 
Recht haben Sie nicht, daß ich Sie sonst gern habe, ist 
richtig, aber daß ich gerade in Sie verliebt wäre, kann 
ich nicht zugeben, weil ich nicht die Ueberzeugung davon 
habe. — Genauer gesagt, ist diese akute Verliebtheit 
nichts anderes als eine Form des Widerstandes; es be- 
steht nämlich ein starker Widerstand, peinliche Dinge 
erotischer Natur aus frühester Kindheit zu erzählen, sie 
herzugeben, und das kleidet sich sehr zweckmäßig in die 
Form der Verliebtheit. Nehmen wir einmal an, Ihre 
erste Liebe wäre der Vater oder Bruder gewesen, so 
übertragen Sie jetzt alles auf mich, damit Sie es nicht 
von jenen Geliebten sagen müssen. — Wenn Sie meinen, 
der Vater oder Bruder wären der erste Liebhaber ge- 
wesen, so sind Sie im Irrtum; eher wäre mir der Cousin 
sympathischer, aber auch da könnte ich nicht mehr sagen, 
als den Fall, den ich schon mitteilte. — War der Cousin 
im 9. Jahr brünett und blaß? — Ich konnte das nicht 
genau sagen, weil ich ihn schon mehr als 15 Jahre nicht 
gesehen habe, brünett war er jedenfalls, aber ganz blaß, 
das weiß ich nicht. — War er sehr ideal? — Es fällt 
mir noch etwas ein. Sein Bruder, der war vielleicht 
blässer. Das fällt mir gerade jetzt ein, ich habe ein 
dunkles Gefühl, daß ich ihn lieb gehabt habe, er war 
ein paar Jahre jünger als der andere und vielleicht um 
3, 4 Jahre älter als ich. — Was wissen sie über ihn zu 
sagen? — Ich kann sagen, daß ich ihn am liebsten von 
allen hatte, wenn er zu uns kam, und recht traurig war, 
wenn er wieder wegging, daß ich mich öfters nach ihm 
sehnte. Mir kommt es jetzt geradezu wunderbar vor, 

Jahrbuch IX. 24 



— 870 — 



daß mir das nicht schon früher einfiel — Aua welchem 
Jahr ist das eigentlich? — Jedenfalls vor dem Fall mit 
dem andern Cousin, es könnte vielleicht im 7. Jahre ge- 
wesen sein. — Haben Sie ihn vor dem 7. Jahre noch 
nicht kennen gelernt? — Ich glaube schon/ aber es ist 
mir nichts von ihm erinnerlich, Oberhaupt erinnere ich 
mich nicht genau, wie alt ich wpr, ich könnte mit Be- 
stimmtheit die Zeit nicht angeben. — Erinnern Sie sich 
vielleicht, wie Sie dazu kamen, ihn zu lieben? — . Ich 
weifi nur, es war auf einmal so, daß ich ihn liebte, aber 
wie, weiß ich nicht. — Denken Sie nur nach, Sie werden 
schön, auf nähere Einzelheiten kommen. — loh suche 
überall vergebens. — Irgend etwas wird Ihnen einge- 
fallen sein, das bitte ich zu sagen. — Es ist dasselbe, 
was ich Ihnen schon sagte; ich fühle nur, daß ich ihn 
recht gern hatte und mich freute, wenn er kam, und 
Sehnsucht hatte, wenn ich an ihn dachte, und ich glaube, 
ich habe manchmal auch um ihn geweint, wenn ich ihn 
da haben wollte. — Denken Sie nur weiter nach und 
sagen Sie alles, was Ihnen einfällt — Im Sommer, wenn 
manchmal viel Gäste bei uns waren, gingen wir Jungen, 
die Cousins und ich außer dem Hause ins Heu schlafen 
(es war gerade der Zeit der Heuernte). Ob dies nun 
geschah, nachdem ich den Cousin liebte, oder schon vor- 
her, das kann ich nicht entscheiden. Nachher war es 
gewiß. — Sie sind jetzt auf der richtigen Fährte. Denke;* 
Sie einmal nach, ob Sie mit dem Cousin zusammen ge- 
schlafen haben, ob da vielleicht Ihre Liebe erwachte und 
wodurch. — Ich weiß nur soviel, daß ich ihn damals 
schon liebte. — Ehe Sie mit ihm zusammenschliefen oder 
nachher? — Ich glaube schon vorher. — Haben Sie 
vielleicht die Gelegenheit herbeigesehnt, mit ihm zu- 
sammenzuschlafen? — Das könnte ich gerade nicht sagen, 
ich weiß nur, daß ich mich stets freute, wenn einmal 
wieder Gelegenheit war, draußen im Heu zu schlafen. — 



— 871 - 



Mit ihm zu schlafen? — Mit ihm kann ich nicht gerade 
sagen, überhaupt — Haben Sie denn an und für sich 
so gern im Heu geschlafen? — Ja, an und für sich. — 
Oder hat sich das vielleicht eingestellt, weil Sie mit ihm 
zusammen im Heu schliefen, sagen wir in Erinnerung 
daran oder weil die Möglichkeit bestand, wieder mit ihm 
zusammenzu8chlafen? — Ich kann das nicht sagen, weil 
ich immer ein großer Naturfreund war. — Unterdrücken 
Sie ja nichts. — loh habe nur nachgedacht, ob es über- 
haupt möglich wäre, Ihre Frage zu bejahen, und beim 
Nachdenken fühle ich, daß es unmöglich ist, diese Frage 
zu entscheiden. — D. h. es besteht noch starker Wider- 
stand. — Ich finde es überhaupt weitgehend, daß man 
darüber Auskunft geben könnte. — Schlagen Sie sich 
den Gedanken aus dem Kopf , erfahrungsgemäß, sind 
solche Dinge immer wieder wachzurufen. Sie können es 
mir glauben, denn ich habe. schon viele Analysen ge- 
macht und habe da Dinge herausgefunden, die bis zum 
6. Lebensmonat gehen. — Ich habe das Gefühl, daß es 
so allmählig gekommen ist beim Cousin, denn wenn ich 
nach einem bestimmten Anlaß suche, von dem es ausge- 
gangen wäre, so finde ich gar keinen. — Es ist nun 
möglich, daß da ein Widerstand gegen eine Mitteilung 
besteht — Es fällt mir noch etwas anderes ein, was den 
Cousin gar nicht betrifft, nämlich das, daß ich einen 
Hirtenjungen kannte — mit wieviel Jahren weiß ich 
nicht — aber es kommt mir ganz dunkel vor, daß es 
noch vor diesem Cousin sein könnte, aber mit Bestimmt* 
heit kann ich nichts sagen. — Und was fällt Ihnen von 
diesem ein ? — Daß ich ihn geliebt hätte, kann ich nicht 
sagen, aber ich erinnere mich dunkel eines Vorganges. 
Ich bin einmal gegangen, wo er seine Herde weidet, und 
da hat er mit mir gespielt, ich weiß nicht mehr was. Da 
hat er mich besiegt und sich auf mich geworfen und 
meinen Kopf an seine Gesohlechtsteile gedrückt, und ich 

24* 



— 872 — 



habe ein wohliges Oefühl dabei gehabt, trotzdem ich 
mich sehr schämte. Sonst fiel weiter nichts vor. 

6. Tag. 

Ich bin zur festen Überzeugung gekommen, daß 
meine ersten mir wahrnehmbaren erotischen Gefühle durch 
den Hirtenknaben geweckt wurden. Es ist mir erinner- 
lich, daß wir auf der Wiese spielten und uns balgten, 
und daß er mich besiegte und meinen Eopf an seine Ge- 
schlechtsteile drückte und sich auf mich warf, und daß 
ich dadurch auf einmal ein Wonnegefühl empfand. — 
Das haben Sie schon das letzte Mal gesagt, es muß noch 
mehr da sein. — Damals nicht, aber am selben oder am 
2. Tag kam es zu einem ebensolchen Vorfall, wie ich 
ihn vorhin schilderte. — Ließen Sie sich da vielleicht 
absichtlich besiegen, um das Ganze nochmals zu erleben? 

— Das 2. mal ja. Wie ich sah, daß ich beinahe unter- 
liegen werde, ließ ich es mir ganz gern gefallen, weil es 
mir gefiel. — Haben Sie sich das 2. mal auch geschämt? 

— Ja. — Wurde Ihr Membrum dabei erigirt? — Nein. 

— War das vielleicht bei ihm der Fall? — Nein, wenigstens 
ist es mir nicht bewußt gewesen. — Hat Ihnen speziell 
die Berührung seines Membrum wohl getan? — Das 
weiß ich nicht, das ist mir durchaus nicht erinnerlich. — 
Sie hatten doch erst von da an Lustgefühle, wie er Ihren 
Kopf an sein Membrum drückte, dann muß Ihnen doch 
die Berührung desselben wohl getan haben? — Schweigt 

— Oder war es vielleicht etwas Anderes, dann bitte ich 
es zu sagen. — Ich wüßte nichts anderes. Es könnte 
nur höchstens das sein, aber es kam mir nicht zum Be- 
wußtsein, daß die direkte Berührung jenes Teils die Ver- 
anlassung war. Ich weiß nur, daß ich den Kopf an 
seine» Membrum drückte, und daß dies die Veranlassung 
war. — Wo haben Sie die Lustgefühle verspürt? — Im 
ganzen Körper. — Nicht auoh an irgendeiner bestimmten 



— 373 — 



Stelle? — So ein unbestimmtes Wonnegefühl, ich kann 
es nicht weiter definieren. Ich möchte noch hinzufügen, 
daß diese Episode jedenfalls noch vor das 6. Jahr fällt, 
vielleicht mit 5 Jahren. — Und dann habe ich noch über 
den Cousin nachgedacht, es fiel mir aber nicht das Ge- 
ringste zur Vermutung ein, daß ich erotische Gefühle 
bei ihm hatte. Es ist mir wohl nicht zum Bewußtsein 
gekommen, wenigstens ist mir nichts erinnerlich/ wie mit 
dem Hirtenknaben. Wenn ich nachdenke, komme ich 
nur darauf, daß wir spazieren gingen, nachts den Mond 
und die Sterne anschwärmten, wie wir zusammen spielten. 

— Haben Sie sich auch umarmt? — Ja freilich, aber 
wie kommt das daher? — Das bedeutet erotische Gefühle. 

— Und daß ioh ihn mehrmals nackt gesehen habe, ist 
wahr, weil wir im Sommer manchmal zusammen baden 
gingen. — Und hatten Sie dabei Lustgefühle. — Das 
könnte ich nicht sagen. Das Baden hat alles in den 
Hintergrund gedrängt, weil das meine größte Freude im 
Sommer war. — Die eine Freude schließt die andere 
nicht aus. — Das wohl nicht, aber mir war es immer 
eine Freude, es war mir ganz gleichgiltig, mit wem ich 
ging. — Ich lasse ihn jetzt im Liegen unter meiner Hand 
nachdenken und fordere ihn auf, mir alles zu sagen, was 
ihm einfällt — Er kam meist Sonntag, und das erste 
war, daß wir spazieren gingen, und fast immer kam seine 
ganze Familie mit allen Kindern mit, und dann hatten 
wir nicht alle im Hause Platz, und ich freute mich sehr 
darauf, daß wir alle im Heuschober schlafen würden, und 
daß ich öfters sehr schwer einschlafen konnte, wenn er 
dabei war, weil wir immer soviel zu reden und zu er- 
zählen hatten. — Bloß deshalb? — Nicht gerade allein, 
sondern weil er mir sehr angenehm war. — Weil Sie 
sexuelle Lustgefühle hatten, wenn Sie bei ihm lagen. — 
Es ist möglich, aber an irgendeinen Vorfall kann ich 
mich nicht erinnern. — Haben Sie sich umschlungen 



— 374 — 



gehalten? — Das könnte auch gewesen sein, allein mit 
Bestimmtheit kann iohs nicht sagen. — Ihre Schlaflosig- 
keit ist offenbar sexueller Natur, geschlechtliche Gereizt- 
heit* Dazu muß Veranlassung gewesen sein. Denken 
Sie einmal unter meiner Hand nach. — Ich glaube auch, 
daß die ganze Situation zu dieser Schlaflosigkeit beitrug. 
Es war mir erstens ganz neu, im Heu zu schlafen, und 
wenn einen etwas Neues erregt, kann man nicht schlafen. 

— Das kommt für ein Kind wenig in Betracht — Ich gebe 
dies alles zu, daß mir alles sehr angenehm war, und daß 
ich sehr gerne mit ihm da geschlafen habe, aber irgend- 
welche sexuelle Regungen kamen mir nicht zum Be- 
wußtsein, z. B. so ein Vorfall wie mit dem Hirtenknaben. 
Die Erinnerung an den letzteren ist so stark, daß, wenn 
ich über diese Episode nachdenke, ich fühle, daß die 
Nachwirkung dieses Wonnegefühls noch jetzt meinen 
Körper durchzieht Und daß diese sexuelle Erregbarkeit 
noch mehr erweckt wurde durch den zweiten Cousin, der 
membrum suum in os meum immisit, ist auch mir klar. 
Damals kam mir das Lustgefühl viel mehr zum Bewußt- 
sein. Nach diesem Vorfall wäre ich noch gerne mit ihm 
allein zusammen gewesen oder hätte gern mit ihm zu- 
sammengeschlafen. — Was hätten Sie denn da getan? — 
Ich hätte gern dasselbe nochmals von ihm tun lassen. — 
Was hatten Sie damals für Lustgefühle und wo? — Im 
ganzen Körper, und ich glaube auch annehmen zu dürfen 
im Glied. — Auch eine Erection? — Das könnte ich 
nicht sagen, aber jedenfalls Lustgefühle auch. Erection 
glaube ich kaum. — Wann hatten Sie denn zum 1. male 
eine bewußte Erection? — Erst einige Wochen später, 
wenn ich an die Episode mit dem Cousin dachte. Bei 
der Episode selbst nicht — Was stellten Sie sich da 
vor? — Ich stellte es mir gerade so vor, wie es vorge- 
fallen war. — Wo hat er es denn mit Ihnen gemacht? 

— In seinem Bett. — Schliefen Sie mit ihm zusammen? 



— 375 — 



— Ja, das war einmal, ich weiß nicht aus welchen 
Gründen. — Hat er Sie dabei umarmt? — Ja. Zuerst 
hat er mich umarmt und geherzt usw., und dann ver- 
suchte er, membrum suum in os meum immittere. — 
Ist der Cousin auch homosexuell? — Jetzt ist er ver- 
heiratet. Ein richtiger Urning ist er nicht, möglicher- 
weise bisexuell, sonst hätte er sich nicht so schnell ver- 
heiratet. — Sie sagten beim Kommen, es wären Ihnen 
noch andere Vorfälle eingefallen. — Ja, aus der Kindheit, 
die aber keinen Zusammenhang haben. — Erzählen Sie 
sie nur. — Das früheste, was mir einfällt, könnte aus dem 
2. Jahre sein. Ich erinnere mich, daß in dem Hause 
meines Vaters eine dunkle Kammer war, in welcher 
weißer Sand aufgehoben wurde, und wenn nur die Tür 
offen war, versteckte ich mich drin, um Sand essen zu 
können. (Lacht). — Kann man denn das essen? — Nicht 
viel, aber etwas habe ich gegessen. Aber es ist auch 
möglich, daß das Geheimnisvolle in dieser dunklen Kammer 
mich anzog, ich konnte da stundenlang allein sitzen. 
Manchmal haben sie mich im Hause gesucht und nicht 
gefunden, endlich kamen die anderen darauf, daß ich 
regelmäßig, wenn die Türe nur offen war, mich in dieser 
Kammer versteckte. — Solche frühe Brocken bleiben 
einem deshalb in Erinnerung, weil etwas Sexuelles da- 
hinter steckt, das Sie unterdrückten. Sie haben nur das 
Harmlose in Erinnerung behalten, das minder Harmlose 
aber scheinbar vergessen. Denken Sie nur nach, was da 
für sexuelle Beziehung ist, und was Ihnen einfällt, das 
sagen Sie mir. — Das eine ist mir in Erinnerung, daß, 
wenn ich mich da versteckt hatte, die Tante mich dann 
herausbrachte und ich manchmal noch Prügel bekam. — 
Es muß Ihnen noch mehr einfallen. — Es könnte auch 
anderes mitgewirkt haben, warum es mir in Erinnerung 
blieb. Kurz darauf nach -diesem Vorfall in der Sand- 
kammer bin ich einmal auf einen Tisch gestiegen und — 



— 376 — 



ich hatte ein Messer in der Hand — heruntergefallen 
und habe mir den Daumen zerschnitten, die Narbe ist 
noch jetzt sichtbar. Ich weiß, daß sehr viel Blut kam 
und ich furchtbar erschrak und schrie, und hierauf wurde 
ich in die Wiege gelegt — damals schlief ich noch in 
der Wiege — und als Kranker behandelt, und das war 
mir sehr angenehm, daß sich alle um mich sorgten. — 
Wer denn besonders? — Ich glaube Mutter und Tante 
und möglicherweise, daß auch der Vater dazu kam, und 
dann sagte der Vater mir immer, er wird mich auf die 
Realschule schicken, und wenn mich jemand fragte, was 
ich lernen werde, sagte ich immer, ich werde die Real- 
schule besuchen. Das war auch in demselben Jahre, 
wo das alles vorgefallen ist Ich weiß, daß ich damals 
meinen Vater viel mehr liebte, als später, wo ich größer 
wurde. — Warum haben Sie ihn damals mehr geliebt? 

— Später, als ich größer wurde, fing er an zu trinken, 
und dann waren immer Unannehmlichkeiten, wenn er be- 
trunken war, die Mutter konnte das auch nicht leiden, 
und dann wurde manchmal gezankt, und die Mutter 
weinte, weil er ganze Nächte nicht nach Hause kam, und 
das tat mir so leid, und da hat sich die Liebe verloren. 

— Sie erinnern sich, daß Sie ihn damals sehr liebten? 

— Ja. — Mehr wie die Mutter? — Ja, ich glaube, mehr 
wie die Mutter. — Bis zu welchem Jahre? — Das könnte 
bis zum 10. Jahre gewesen sein. — Vielleicht bis Sie 
zum Bruder kamen? — Ja, aber dann habe ich die 
Mutter schon mehr geliebt. Am meisten habe ich den 
Vater im 3., 4., 5. Jahr geliebt — Worin äußerte sich 
diese Liebe? — Ich war mit ihm sehr gern zusammen, 
liebte ihn besonders, wenn er mir von der Realschule 
erzählte, wie es da zugeht, wie das Leben dort ist, was 
man dort lernt — Auch von dem Verkehr mit den 
Mitschülern? — Möglicherweise auch davon. Aber was 
mir mehr erinnerlich ist, Sprachen interessierten mich 



— 377 — 



stets. Er erzählte, daß man dort verschiedene Sprachen 
erlernen kann. — Was hat Sie am meisten interessiert? 

— Am meisten, daß ich auf die Realschule komme und 
daß ich da mit vielen Jungen aufgezogen werde und daß 
man sich da nach meiner damaligen Ansicht recht schönes 
für sein Leben aneignen kann. Und daß es dort über- 
haupt wunderschön zugeht — Hat Sie vielleicht damals 
besonders gezogen, daß Sie mit so vielen Jungen zusammen- 
kommen sollen? — Ich wüßte nicht, denn in dem Hause, 
wo ich war, waren ja auch sehr viele Jungen. — Wenn 
Ihnen ihr Vater davon erzählte, hat er Sie auf dem 
Schöße gehabt? — Ja, meist Es ist mir genau erinner- 
lich, er hat mich beinahe stets auf dem Schoß gehabt — 
Und haben Sie ihn dabei umarmt? — Wahrscheinlich 
auch mit dem rechten Arm umhalst — Und sich fest 
an ihn gedrückt? — Nicht immer, aber manchmal schon. 

— Hatten Sie dabei auch irgendwelche Lustgefühle? — 
Das könnte ich nicht sagen, nur daß es mir eine große 
Freude machte, daß ich auf seinem Schöße saß und er 
mir erzählte. — Setzte er Sie auch rittlings auf sich? — 
Ja, auf verschiedene Art Manchmal ließ er mich reiten 
auf seinen Knien, aber das hat mir nicht so eine Freude 
bereitet; es war mir am liebsten, wenn ich auf seinem 
Schoß still sitzen konnte und zuhören, was er sagte. — 
Aus späterer Zeit fällt mir noch etwas ein. Der Vater 
und ich waren einmal baden gegangen, und da ist mir 
erinnerlich, daß ich ganz interessiert seinen Penis ansah, 
daß ich ihn damals beobachtete. — Und was kamen 
Ihnen für Gedanken? ~ Mir war ganz angenehm zu- 
mute, aber ich könnte keinen besonderen Gedanken sagen. 

— Hatten Sie Lustgefühle dabei? — Jedenfalls nicht so, 
ich weiß nur, daß es mir angenehm war, zu betrachten, 
zu beobachten. — Hatten Sie nicht direkt sexuelle Lust- 
gefühle dabei? — Solche jedenfalls nicht, wie mit dem 
Hirtenknaben. — Aber doch welche? — Es war mir 



— 378 — 



sehr angenehm, es zu beobachten, aber direkte Lust- 
gefühle könnte ich es nicht nennen. Haben Sie ihn 
nackt gesehen oder durch die Schwimmhose? — Nackt. 
Bei uns in Rußland trägt man überhaupt keine Schwimm- 
hose. — Hat es Sie nicht interessiert, daß das väterliche 
Glied viel größer ist als das Ihrige und wozu es da ist? — 
Nicht wozu, aber daß es größer ist — Hat Sie das be- 
stimmt interessiert? — Ja, ganz bestimmt — Was haben 
Sie sich denn für Gedanken gemacht? — Ich weiß nur, 
daß es mich interessiert hat» zu beobachten. — Was 
haben Sie denn beobachtet am Glied, ob es größer wird 
oder sonst was? — Nichts besonderes, nur das Ganze. 
— Da sind Ihnen bestimmte Gedanken und Erwägungen 
gekommen, welcher Art? — Es ist möglich, daß mir der 
Gedanke kam, was man wohl damit macht und warum 
das so groß ist — Also sexuelle Neugier. Was haben 
Sie sich näheres gedacht? — Ich habe überhaupt nicht 
gedacht, ich habe einfach nicht verstehen können, aber 
es hat mich sehr interessiert — Wenn ein Kind etwas 
nicht versteht, so fragt es. — Es ist möglich, daß ich 
gefragt habe, ich gebe es zu, aber eine richtige Antwort 
habe ich nicht bekommen. — Dann haben Sie erst recht 
nachgegrübelt. — Das ist mir auch erinnerlich, daß ich 
stets nachgegrübelt habe. Ich fragte nicht allein den 
Vater, sondern auch Erwachsene, sogar meine Tante. 
Aber ich bekam immer nur die Auskunft, daß er dazu 
da ist, wozu meiner da ist, zum Urinieren. Das hat mich 
aber nie vollkommen befriedigt, weil ich mir stets dachte, 
es muß noch etwas anderes sein. — Was dachten Sie 
„noch etwas anderes*? — Ich dachte, daß es in irgend 
welchem Zusammenhang stehe mit der Frau, warum ge- 
rade die Frauen nicht denselben Penis haben wie der 
Mann, und da dachte ich, daß möglicherweise doch irgend 
etwas dahinter sein muß, warum die nicht alle das Gleiche 
haben, aber ich bin in diesem Jahre auf gar nichts weiter 



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gekommen. Erst lange später, im 7. oder 8. Jahre wurde 
mir die Sache aufgeklärt, da erzählte mir ein Junge, wenn 
er schlafe, pater incubat matri et immittit membrum in eam. 
— Und wie hat das auf Sie gewirkt, diese Enthüllung? 
Als ich ihn fragte, warum denn das, sagte er gleich, 
damit die Mutter Kinder gebären kann, und das habe 
ich ihm nicht geglaubt, weil ich immer dachte, der Storch 
bringt die Kinder. — Haben Sie dann nicht neuerdings 
gefragt, z. B. Vater oder Mutter ? — Nein, ich glaube 
nicht. Damals habe ich mich schon geschämt, so etwas 
zu fragen. — Was fällt Ihnen noch ein? — Ich dachte, 
daß möglicherweise der Neigung zu meinem Vater ero- 
tische Gefühle zugrunde liegen, aber daß diese nie richtig 
hervorgetreten sind; sie wurden erst geweckt, als sie mir 
durch den Hirtenknaben zum Bewußtsein kamen. — 
Haben Sie da auf einmal gespürt, daß Sie beim Vater 
auch solche Gefühle hatten? — Nein, ich meine 
nur, ich fühlte, wenn ich auf seinem Schöße saß, daß 
mir das sehr angenehm war. — Es ist ein Unterschied 
zwischen Ihren Gefühlen dem Vater gegenüber vor der 
Episode mit dem Hirtenknaben und nach derselben. 
Sagen Sie mir welcher Art? — Nach der Episode hatte 
ich zum Vater nicht mehr so eine Liebe. — Warum? — 
Ich könnte nichts bestimmtes sagen, vielleicht weil er 
sich nicht mehr so oft mit mir beschäftigte wie früher, 
etwas anderes wüßte ich nicht anzugeben. Als ich ihn 
so gerne hatte, war er in einer Stellung, wo er mehr 
Zeit hatte, nämlich Verwalter. Nachher kaufte er ein 
Landgut und da bekam ich ihn eigentlich nur abends 
zu sehen. — Haben Sie vielleicht bei dem Hirtenknaben 
bemerkt, daß das doch etwas ganz anderes ist? — Ja, 
damals zog ich überhaupt keine Schlüsse daraus, aber ich 
fühle es noch jetzt, daß es damals ein ganz anderes 
Wonnegefühl war und daß dies vollständig ein erotisches 
Gefühl war, weil ich, wenn ich jemand liebe, immer das- 



— 380 — 



selbe Gefühl habe, wie damals bei dem Hirtenknaben. 
— Wen lieben Sie besonders: erwachsene Männer oder 
Jünglinge? — Das Alter spielt keine besondere Rolle, 
nur liebe ich niemand, der nicht geschlechtsreif ist, das 
wäre mir unmöglich. Von der Geschlechtsreife fängt es 
an, aber jedenfalls kam es mir nur einmal vor, daß ich 
einen Jüngeren als mich selber liebte, bei der Entgleisung, 
sonst immer Gleichaltrige oder Ältere als ich. — Das 
wären jedoch zumeist Jünglinge? — Ja, Verheiratete 
liebe ich überhaupt nicht — Welches Alter ist Ihnen 
das liebste? — Ich könnte auch da nichts bestimmtes 
sagen, weil alle, die ich liebte, gleichaltrig waren oder 
nur 1 — 2 Jahre älter, aber ich glaube, daß das Alter bei 
mir keine besondere Solle spielt» aufwärts wenigstens, 
abwärts ja. Bei der Entgleisung war ich 19 Jahre alt, 
er hatte mich sehr gern. Ich war ungefähr 3 Monate 
lang wöchentlich 3—4 mal mit ihm zusammen und er 
war ein sehr schöner junger Mann, aber sexuelle Liebe 
zu ihm fühlte ich damals nicht und es kam mir ganz 
ungewöhnlich vor, ihn zu lieben, weil er zu jung für mich 
war. — Also jedenfalls muß der Betreffende gleichaltrig 
oder älter sein? — Ja. — Welches Alter hatten Ihre 
einzelnen Liebhaber? — Zumeist das Alter wie ich. Der 
Liebhaber mit 17 Jahren war auch 17, den liebte ich 
mehr körperlich und seelisch liebte ich mehr den Theo- 
sophen mit 22 Jahren. — Um wieviel war der erste 
Cousin, den Sie liebten, älter? — Um 2 — 3, möglicher- 
weise auch 4 Jahre. — Und der zweite Cousin, der Sie 
verführte? — Der war schon geschlechtsreif, 17 oder 
18 Jahre? — Kamen Ihnen nicht noch Kindheitserinner- 
ungen? — Ja, aber sie haben keinen Zusammenhang. 
Aus demselben Jahre, wo ich mich in der Sandkammer 
versteckte, wäre noch 'etwas zu erzählen. An unserem 
Hause war ein großer See und da war ein Boot darin, 
das eine große Anziehungskraft auf mich ausübte, so daß 



— 381 — 



ich öfters hineinstieg. Und einmal habe ich auch meine 
Schwester and noch andere Kinder hineingelockt und den 
Kahn losgebunden, worauf uns der Wind in den See 
hineintrieb. Es war Abend und wir wurden vermißt, man 
wußte aber nicht, wo wir sind. Als wir schon weit weg 
waren vom Ufer, wurde mir bange und ich wollte ins 
Wasser springen. Die Schwester hat mich nur mit großer 
Mühe zurückgehalten und dann habe ich fortwährend 
geschrien, bis endlich der starke Wind uns an das andere 
Ufer trieb. Da war aber Schilf, wir konnten nicht ans 
Ufer und da stieg die Tante ins Wasser und trug uns 
heraus. Es waren gerade keine Männer zu Hause, auch 
nicht der Vater. Und dann erinnere ich, daß ich in 
diesen See auch baden ging mit anderen Kindern. — 
Haben Sie auch deren Glieder betrachtet? — Nein. — 
War die Tante väterlicher- oder mütterlicherseits? — 
Väterlicherseits. — Auch homosexuell? — Ich weiß nicht, 
sie hat sich nie verheiratet — Haben Sie homosexuelle 
Züge an ihr bemerkt? — Ich weiß, sie war sehr energisch 
und hat sich meiner besonders angenommen. Später habe 
ich sie mehr geliebt als meine Mutter. Sie hat mich 
lesen gelehrt und alles; ich weiß nur, sie war sehr reli- 
giös und ging öfters zum Abendmahl in die Kirche, die 
ziemlich weit weg von uns war. Da kam sie morgens 
immer zu mir, um Abschied zu nehmen und ich wollte 
sie nie weglassen, weil ich Angst hatte, es könnte ihr 
etwas geschehen und wenn sie wieder nach Hause kam, 
da war ich so froh. — Hatte Sie diese Tante auch öfters 
auf dem Schoß? — Soweit mir erinnerlich, nicht mehr 
als andre. Aber das eine weiß ich, daß ich ungefähr 
einen Winter oder ein ganzes Jahr bei ihr schlief, als ich 
vielleicht 4 Jahre zählte. Sonst ist mir da nichts erinner- 
lich, nur daß sie manchmal Kopfschmerz hatte und ich 
ihr immer kalte Kompressen auf den Kopf legte. — Beim 
Fortgehen schärfte ich ihm ein, sorgfältig nachzudenken 



— 882 — 



und alles aufzuschreiben, was ihm einfiele. Er antwortet: 
das habe ich ja wollen, aber die Zwischenräume sind zu 
groß. Deshalb habe ich auch bis gestern Abend gar 
nichts gemacht 

7. Tag. 

Er hat nichts mitgebracht. Ich bin mehr zum Wider- 
spruch geneigt, wie zum Nachdenken. — Das ist einfach 
Widerstand. — Ich glaube nicht. Es wird etwas anderes 
sein, das wird sich herausstellen. Hauptsächlich in den 
2 Punkten über welche ich nachzudenken hatte (Liebe 
zum Vater und zur Tante) bin ich zu keinem Resultat 
gekommen. Bei der Tante ist alles Sexuelle ausgeschlossen, 
daß sie sehr alt war, schon 70, und daß ich ein ganzes 
Jahr bei ihr schlief, kam daher, daß ich mich ängstigte, 
allein zu schlafen und bei keinem andern schlafen konnte. 
Ich finde, daß die Liebe zu ihr dieselbe war, wie später 
zur Mutter, als sie gestorben war. — Hatte die Tante 
ausgesprochen männlichen Charakter oder Habitus? — 
Das kann ich mich nicht erinnern. Es fiel mir nur auf, 
daß sie sehr energisch war, was sonst bei den Frauen 
nicht vorkommt und auch in all ihrem Handeln sehr 
selbständig. — Hatte sie einen männlichen Gesichtsaus- 
druck? — Das kann ich nicht sagen, ich war noch nicht 
9 Jahre, als sie starb. — Da pflegt man schon zu beob- 
achten. — Es ist mir nichts aufgefallen. — War sie körper- 
lich wenig entwickelt, ohne Fettpolster und Busen? — 
Sie war sehr hager und hatte sehr wenig Brust. Sie 
war auch immer mehr für sich. Es fiel mir auf, daß sie 
nicht so zu schwätzen liebte, wie die andern Frauen, sie 
las sehr viel und machte auch Handarbeiten. — Männ- 
liche Beschäftigungen nicht? — Ich wüßte nichts. — 
Machten Sie sich nicht auch schon Gedanken, ob sie 
nicht eine Urninde war? — Nein, ich konnte mir über- 
haupt keine Gedanken machen, weil ich noch zu klein 



— 383 — 



war. — Mit 9 Jahren beobachtet ein Kind schob scharf. 
Ist Ihnen die Tante mit ganz besonderer. Zärtlichkeit 
entgegengekommen? — Ja, sie hat mich überhaupt auf- 
gezogen, die Mutter hat sich mit mir sehr wenig be- 
schäftigt. — Und waren der Tante Ihre weiblichen Be- 
schäftigungen recht? — Ich glaube, sie ließ mich in allem 
gewähren, wenn ich nicht gerade Dummheiten machte. 

— Was ist mit dem Vater ? — Der hatte bestimmt keine 
homosexuelle Neigungen, weil er ein großer Frauenlieb- 
haber war. Schon seit der Zeit, wo er anfing, mir von 
der Schule zu erzählen — er liebte besonders die Franzosen 

— sagte er mir auch, ich solle nur eine Französin 
heiraten, und zeigte mir dann Bilder aus Frankreich und 
Photographien von Französinnen. Mir wurde das so 
eingeimpft, daß ich eine Französin heiraten sollte. Später, 
als mir meine homosexuellen Neigungen zum Bewußtsein 
kamen, wurde mir alles französische förmlich verhaßt, 
besonders die Französinnen, ich empfand keine Liebe 
mehr für die französische Sprache oder für sonst etwas. 

— Wenn auch Ihr Vater kein Urning war, so schließt 
das keineswegs aus, daß Sie ihn homosexuell liebten, das 
kommt ja sehr häufig vor. — Das wohl, aber ich finde 
nicht den geringsten Anhaltspunkt Ich bin überhaupt 
dagegen, daß man jeder Liebe Sexuelles unterschiebt. 
Bei Prof. Forel finde ich auch, daß er diese Neigung 
hat, jeder Liebe etwas Sexuelles unterzuschieben und das 
hat schon damals meinen Widerspruch so geweckt, ich 
werde ganz zornig, wenn ich so etwas höre; ich finde, 
man kann auch vollkommen Abstraktes, Unpersönliches 
lieben und mit einer solchen Glut, wo alles Geschlecht- 
liche vonvornherein vollständig ausgeschlossen ist So z. B. 
glaube ich nicht, daß ein Band, welches seine Mutter so 
sehr liebt, dabei an Sexuelles denkt — Vielleicht be- 
wußt nicht, aber unbewußt Ihr jetziger Widerspruch 
gegen mich rührt daher, daß Sie sehen, ich unterschiebe 



— 884 — 



jeder Liebe von Ihnen gleichfalls sexuelle Motive. — 
Ganz richtig. — Deshalb begannen Sie heute gleich da- 
mit „Ich habe weder die Tante noch den Vater geliebt* 
Sie wollten mich zunächst überzeugen, und deshalb 
wollten Sie auch nichts arbeiten. — Weil ich selbst der 
Überzeugung bin. — • Es nützt nichts, Ihnen das jetzt aus- 
reden zu wollen. Sie werden vom Verlaufe der Analyse 
schon anderer Meinung werden. Im Wesentlichen richtet 
sich Ihr Widerstand dagegen, daß Sie nicht anerkennen 
müssen, Sie liebten mich. Deshalb sagen Sie ich habe 
meinen Vater gar nicht geliebt und auch nicht die Tante. 

— Geliebt ja, aber nicht sexuell. — Das erstere würden 
Sie bei mir auch zugeben, nur nicht die sexuelle Liebe. 

— Sehen Sie Herr Doktor, als ich schon früher das 
Buch von Forel las, so entstand in mir ein solcher 
Widerspruch, daß ich ganz und gar nicht mit ihm über- 
einstimmte. Sehen Sie, ich habe keinen Menschen mit 
solcher Glut geliebt wie die Mutter. — Sie sagten doch, 
Sie hätten Ihre Tante mehr geliebt? — Das war früher. 
Aber später als die Tante tot war, habe ich sie so ge- 
liebt, wie keinen Menschen sonst Daß da alles Sexuelle 
ausgeschlossen ist, weiß ich so genau. — Das wollen wir 
vorläufig dahingestellt sein lassen. Es fällt mir übrigens 
auf, daß Sie heute zum ersten mal die Liebe zur Mutter 
erwähnen. — Ich habe schon in meiner Autobiographie 
davon geschrieben. Sie sehen daraus schon, daß 
besonders in früheren Jahren die Erinnerung allein 
an die Liebe zu meiner Mutter alles Sexuelle zurück- 
drängen konnte. — Da benützten Sie die Liebe zur 
Mutter dazu, nicht als Homosexueller dazustehen. 
Das war erstens scheinbar etwas Heterosexuelles und 
zweitens etwas ganz Normales, scheinbar sogar ohne 
sexuelle Färbung. Also war Ihnen die liebe zur Mutter 
Mittel zum Zweck. Später werden Sie hören, daß Sie 
diese Liebe aus ganz bestimmten Gründen so besonders 



— 385 — 



betont haben. — Ich habe es gerade heute deshalb betont, 
um zu beweisen, daß nicht jede Liebe sexuell ist — 
Und Sie Werden später sehen, wie brüchig dieser Beweis 
ist, daß er in Wirklichkeit gar nichts beweist Es ist 
charakteristisch, daß Sie die Liebe zur Mutter erst emp- 
fanden, als die Tante tot war. — Das war nicht gleich, 
das kam erst mit den Jahren. — Sie haben da einfach 
die Liebe, die Sie früher der Tante entgegenbrachten, 
jetzt auf die Mutter übertragen. Wieviel homosexuelle 
Komponenten darin liegen, das werden Sie erst später 
sehen. Die wahre Kindes- und Mutterliebe ist das nicht. 
Die regt sich gleich von vornherein. — Wenn die Mutter 
sich mit dem Kinde gar nicht beschäftigt? — Dann 
werden Sie ihr das zeitlebens vorwerfen, das erhöht sicher 
die Liebe nicht Das ist einfach eine übertragene Liebe. 
Sie haben zuerst den Vater am meisten geliebt, später 
die Tante und erst zuletzt die Mutter. — Im Vater habe 
ich das Gute geliebt — Das ist der Sand, den Sie sich 
selber in die Augen streuen; Sie wollen daran glauben, 
während es in Wahrheit etwas ganz anderes ist — Und 
die Liebe entsprang auch meist dem Mitgefühl, weil der 
Vater später viel trank und sich mit anderen Frauen 
abgab und die Mutter oft weinte, und das tat mir sehr 
leid. — Ob da nicht Eifersucht mit im Spiele ist? Der 
Vater befaßte sich nicht mehr mit Ihnen, sondern mit 
Frauenzimmern, und deshalb übertrugen Sie die Liebe 
auf die Verfolgte, auf die Mutter. Mit dem Widerstand, 
den Sie heute leisten, decken Sie etwas ganz anderes zu, 
was Sie nicht hergeben wollen. — Ich gab mir zu Hause 
alle Mühe, über die Sachen nachzudenken, aber es erhebt 
sich immer nur ein Widerspruch dagegen, daß bei dieser 
Liebe zum Vater und zur Tante etwas Sexuelles sein 
soll. Und zur Mutter, das scheint mir ganz ausgeschlossen, 
das kommt mir alles so absurd vor, ganz unannehmbar. 
— Ich erkläre Ihnen nochmals, daß hinter diesem Wider- 

Jahrboch IX. 25 



— 386 — 



spruch gegen meine Annahme steckt: Sie lieben mich, 
und damit Sie dem nicht zu widersprechen brauchen, 
weil Sie es nicht können, sagen Sie: «Es ist absurd Ich 
soll meinen Vater oder meine Tante geliebt haben?* 
Sie kehren sich nämlich gegen die andere homosexuelle 
Liebe, bei welcher Ihnen der Kampf leichter erscheint. 
Ihnen ist viel weniger um Vater oder Tante zu tun, als 
um die homosexuelle Liebe zu mir, die Sie ableugnen 
und bestreiten wollen. — Nein, aber noch eins. Ich 
dachte, daß wir vom richtigen Wege abgekommen sind. 
Meiner Ansicht nach ist der richtige Weg das, was ich 
Ihnen zuerst mitteilte vom Hirtenknaben und dem 
Cousin. — Das sind die ersten Auflagerungen auf schon 
frühere Liebe, denn der Hirtenknabe fällt ca. ins 5. Lebens- 
jahr und der Cousin ins 7. oder 8. Beides ist viel zu 
spät für eine erste Liebe. — Das 5. Jahr ist nicht zu 
spät — Darüber werde ich wohl mehr Erfahrung haben 
als Sie. 4 Jahre sind die äußerste Grenze. — Dann gebe 
ich noch eher zu, daß die Liebe zum Vater etwas Homo- 
sexuelles hatte, aber zur Tante kann ich es nicht zu- 
geben, und zur Mutter auch nicht. — Ich stelle mir das 
so vor, daß die Tante ausgesprochen homosexuell war, 
und daß Sie als kleines Kind dies deutlich empfanden, 
Sie stünden eigentlich keinem Weibe gegenüber, sondern 
einem Mann, aber wir wollen die Sache vorläufig dahin- 
gestellt sein lassen. Denken Sie weiter nach, ob Ihnen 
noch etwas einfallt? — Gleich nach der vorletzten Stunde 
ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen mitzuteilen ver- 
gaß, als 8ie mich fragten, was für ein Alter die Personen 
haben sollen, die ich liebe. Da habe ich folgendes ver- 
gessen. Vor 2 Jahren verliebte ich mich beinahe in 
einen Herrn, der erstens verheiratet war und zweitens 
schon im Alter von 35—40 Jahren stand. Da war die 
Philosophie Schuld« Er war ein Doktor der Philosophie, 
und dafür habe ich stets ein großes Interesse gehabt» 



— 387 — 

und er verstand alles so zu schildern, überhaupt die 
Philosophie, sodaß mit der Verehrung für diese ich mich 
auch in ihn verliebte, und überhaupt war er an allem 
Schuld, schon wie ich ihn sah. Ich traf ihn nämlich im 
Wartezimmer des Ministers für Volksaufklärung. Da 
fiel mir auf, daß er mich so eigentümlich ansah, mit so 
eigentümlichem Gesichtsausdruck, wie es mir früher bei 
keinem Menschen aufgefallen war. Er hatte den Vortritt 
vor mir, und als ich später herauskam, stand er noch da 
im Wartezimmer und fragte mich, ob er mich begleiten 
könne. Zuerst wollte ich ihn ganz schroff abweisen, weil 
ich dachte, es könnte möglicherweise ein Spitzel sein, 
aber es war doch etwas an ihm, was mir Vertrauen - gab, 
und ich ging mit ihm heraus, und da stellte er sich mir 
vor und erzählte, und wir kamen gleich auf die Philo« 
sophie und da lud er mich zu sich ein, und da stellte 
es sich heraus, daß er ein stark veranlagter Homosexueller 
war, trotzdem er schon ein paar Kinder hatte. Und dann 
wollte er, ich solle ihm meine Adresse geben, er würde 
mich besuchen. Ich gab sie ihm aber nicht, sondern 
sagte, ich würde ihm schreiben, tat es aber nicht, weil 
ich auf dem besten Wege war, mich in ihn zu verlieben, 
und das wollte ich nicht. — Sie haben es doch bei 
anderen getan, warum da nicht? — Aber in der letzten 
Zeit wirklich mit großem Widerstreben, da bin ich immer 
unterlegen. Ich habe nämlich stets Angst vor einer 
wirklichen großen Liebe, weil die mich immer zu un- 
glücklich machte. — Was zog Sie an diesem Manne be- 
sonders an? — Ich kann nichts genau bestimmen. — 
Was hat Ihnen denn Vertrauen eingeflößt? — Ich kann 
es nicht sagen, ich weiß, es lag etwas in den Augen, 
was mir Vertrauen gab, sonst bin ich, besonders in Buß- 
land, jedem gegenüber mißtrauisch. — Was war denn in 
den Augen eigentlich? — Auch das weiß ich nicht zu 
sagen. — Farbe oder Glanz? — Ich weiß die Farbe gar 

25* 



— 388 — 



nicht, nur daß sie dunkel waren. Ich denke, daß das 
Geistige an ihm mich mehr anzog als alles andere. Er 
war sehr begabt, auch schriftstellerisch tätig. — Hat er 
vielleicht in so ähnlicher Weise erzählt, wie Ihr Vater? 
— Nein, mein Vater war überhaupt kein Philosoph. Ich 
glaube, daß ich starkes Mitleid mit ihm empfand, weil 
er verheiratet war und er sich bei seiner starken homo- 
sexuellen Veranlagung natürlich unglücklich fühlte. — 
Warum hat er dann überhaupt geheiratet? — Damals 
hatte er noch keine Aufklärung über seine Natur. Ich 
will auch auf Ihre Bemerkung eingehen, daß ich Sie so 
liebe und daraus der Widerstand entspringt Daß ich Sie 
von der ersten Stunde an schon recht gerne hatte und 
mich aller Wahrscheinlichkeit nach recht sehr in Sie 
verlieben würde, wenn ich nicht einen rechten Wider- 
stand entgegensetzte ist richtig. Und schon in der 
ersten 8tunde der Analyse, wo Sie sagten, ich solle alles 
sagen, habe ich mir fest vorgenommen, jedes Gefühl für 
Sie zu unterdrücken. — Warum? Damit Sie es nicht 
sagen müssen? — Ja. In der ersten Stunde war dies 
der Grund. — Sie brauchen sich nicht zu fürchten, die 
Liebe während der Analyse ist nie gefährlich, das ist 
immer eine späte Auflagerung, sonst hätte ich es Ihnen 
nicht so ruhig gesagt Das geschah nicht bloß, weil ich 
selber mich nicht fürchte, sondern auch, weil Sie nichts 
zu fürchten haben. Ich werde Ihnen später haarscharf 
beweisen, daß Sie in mir einen ganz anderen lieben, des- 
halb kann ich so ruhig davon reden, sonst hätte ich ja 
die Analyse gleich abbrechen müssen. Weder für Sie 
noch für mich besteht eine Gefahr. Es ist mir viel un- 
angenehmer, daß Sie, um Widerstand gegen mich zu 
leisten, tatsächlich Widerstand gegen die Analyse haben. 
Mir gegenüber fühlen Sie die Kraft zum Widerstand sehr 
schwach, deshalb leisten Sie Widerstand in dem, was ich 
behaupte, daß Sie nämlich Vater und Tante liebten und 



— 389 — 



dergleichen. Sie verschieben den Widerstand nach einer 
andern Richtung und da wird er mir unbequem. An der 
Liebe zu mir selbst läge gar nichts, aber Widerstand in 
einer andern Richtung hält uns auf. Wie ich sehe, spielt 
das Mitleid unter den Empfindungen, die homosexuelle 
Liebe bei Ihnen auslösen, eine große Rolle, beim russische!* 
Doktor der Philosophie wie bei der Mutter, hat sie auch 
sonst eine große Rolle bei Ihren Liebschaften gespielt? 

— Nicht besonders. Aber es ist richtig, daß ich mit 
manchem Liebhaber in mancher Hinsicht Mitleid hatte, 
ich habe überhaupt ein stark ausgeprägtes Mitgefühl 
jedem gegenüber. Beim Theosophen hat auch Mitleid 
sehr viel mitgespielt, aber teilweise erst, als die Liebe 
in mir schon erwacht war, weil er sich sehr unglücklich 
fühlte auch seiner Familie gegenüber. — Um wieviel 
Jahre war Ihr Vater älter als Sie? — Vielleicht 32 Jahre. 

— Aus Ihrer ersten Kindheit haben Sie ihn daher als 
Mann von 35—40 Jahren in Erinnerung. Das stimmt 
genau mit dem Alter des Philosophen. — Aber nicht 
das Aussehen, überhaupt gar nichts. — Und das ist der 
Grund, weshalb Sie neben gleichaltrigen oder wenig 
älteren Homosexuellen auch solche lieben können, die im 
Alter von 35—40 Jahren stehen. Nämlich weil da der 
Vater dahinter steckt. — Warum meinen Sie, liebe ich 
keinen, der nicht geschlechtsreif ist? — Weil Ihnen da 
die sexuelle Komponente fehlt, und weil die Leute, die 
zuerst sexuelle Gefühle in Ihnen weckten, zumeist schon 
geschlechtsreif waren vom Cousin ab, der Sie verführte. 
Der homosexuelle Geschlechtstrieb äußert sich bei Ihnen 
in zwei Richtungen: Die eine bezieht sich auf das Alter 
und geht vom Vater auf der einen, vom verführenden 
Cousin auf der andern Seite ab, die zweite Richtung 
nimmt ihren Ausgangspunkt von dem Hirtenknaben und 
dem ersten Cousin, die bedingen, daß Ihre Geliebten 
gleichaltrig oder wenig älter sein müssen. In Personen 



— 390 — 



beider Richtung können Sie sich verlieben, doch nie in 
Geschlechtsunreife. — Dann erklären Sie mir noch, warum 
brauchen Geschlechtsunreife nicht Liebe? — Weil Sie 
nichts mit ihnen anzufangen wissen. Sie könnten noch 
sagen: Der Hirtenknabe und der erste Cousin waren 
auch geschlechtsunreif, das stimmt. Aber die bestimmen 
nur die eine Richtung, daß es Gleichaltrige sein sollen, 
die Liebesgefühle wecken, direkte sexuelle Akte gibt es 
nur in der Richtung des Vaters, wo Sie sich noch 
sträuben (siehe den Philosophen), oder in der Richtung 
des Cousins, wo das nicht mehr der Fall ist Entweder 
ist es ein Gleichaltriger oder einer zwischen 85 und 40. 
Zu den letzteren gehöre auch ich. — Ich kann wiederum 
dasselbe sagen, daß ich mit den Geschlechtsreifen auch 
nichts anzufangen weiß. Das ist die Hauptsache, nicht 
wie Sie es zu erklären belieben. Ich glaube überhaupt, 
daß das Ganze schon angeboren ist, nicht erst durch die 
Erziehung. Das Angeborene ist die Hauptsache. Warum 
kommt nicht gerade etwas vom Gegenteil in den frühe- 
sten Erlebnissen vor, warum nicht zum Weibe? — Ich 
gebe gerne zu, daß Ihnen eine starke homosexuelle 
Neigung angeboren ist, dazu aber müssen noch die 
spezifisch infizierenden Momente der ersten Kindheit 
dazu kommen, die wollen wir eben herauskriegen. 

8. Tag. 

Drei Tage später bringt er ein Manuskript, „Lose 
Gedanken 11 betitelt Es lautet folgendermaßen: „Es ist 
mir innerlich wieder leichter, wohler. Der Widerstand 
und Widerspruch in mir selbst während der letzten Woche 
hat seine Stärke und Schärfe verloren. Ich kann wieder 
ohne Widerstand über das nachdenken, was von mir ver- 
langt wird. 

Der Vater: Es geht mir plötzlich durch den Sinn, 
daß er mich einmal in der Badestube auf sein Knie setzte, 



— 391 — 



mir seine Brüste zeigte und sie mir spielend zum saugen 
anbot Ich glaube, dies geschah auf meine diesbezüglichen 
Fragen. Mehr finde ich nicht, rein gar nichts. leb 
glaube, er war der, den ich in der frühesten Kindheit am 
meisten nackt sah. Es ist immer in mir ein Gefühl, das 
der Annahme widerstrebt, daß ich ihn sexuell geliebt 
hätte. Ich glaube nur, daß das mir ungewohnte an seinem 
Körper mir Neugierde einflößte. 

Die Tante: Ich finde keine Anhaltspunkte, um eine 
Liebe erotischer Art zu ihr zu erklären. Sie ist gewiß 
eine ganz kindliche gewesen. 

Meine Mutter: Meine Liebe zu ihr, das steht bei 
mir felsenfest, war eine rein kindlicher Art, welche durch 
die Herzensgüte und die Selbstlosigkeit der Mutter sehr 
gesteigert wurde. Ich habe bei ihr niemals moralische 
Schäden wahrgenommen. Sie steht rein und erhaben vor 
mir. Zu ihrer Charakterisierung erwähne ich nur einen 
Fall. Ein junges Weib fesselte längere Zeit meinen Vater. 
Er schmähte meine Mutter, wollte von ihr nichts wissen, 
lebte mehr bei dem Weibe als zu Hause usw. Nach 
einer Zeit war die Liebe zu dem Weibe erloschen. Als 
das Weib später ins Elend geriet, da war meine Mutter 
die einzige, die sich ihrer annahm und mit großer Liebe 
für sie sorgte. Ich will nicht weiter schreiben, ich weiß 
nur eins: die Liebe zu ihr ist alles andere, nur nicht 
sexueller Art. 



Jetzt meint er: „Ich möchte nicht mehr vorlesen. 
Als ich aber dann das Manuskript selber nehmen will, 
entschließt er sich doch: „Ich lese es lieber vor." 

Die Liebe zu Herrn Dr. Sadger: Sind die Gefühle 
zu ihm überhaupt Liebe zu nennen? Ich glaube, das ver- 
neinen zu dürfen. Sie würden wohl aller Wahrscheinlich- 
keit nach zu einer Liebe werden, wenn sie nicht mit 
Gewalt eingedämmt würden. Das kam so. Ich glaubte, 



— 392 — 



daß es ihm sehr unangenehm sein würde, wenn er es 
merkt, daß er von einem Gleichgeschlechtlichen geliebt 
wird. Dabei vergaß ich ganz und gar, daß ein jeder 
Mensch nicht nur bisexuell sein kann, sondern es tat- 
sächlich auch ist Weiter sagte er mir auf den Kopf zu, 
daß ich in ihn verliebt sei. Sollte ich da ja sagen? Nie 
und nimmer! Ich nahm mir fest vor, sie sofort zu unter- 
drücken und soweit ich wollte, gelang es mir auch. Doch 
ich glaube, er kann beruhigt sein, so viel liebe ich ihn 
immerhin, daß ich mich ihm anvertrauen kann." — Sie 
haben behauptet, von homosexueller Liebe zum Vater 
nichts zu wissen, heute geben Sie doch einiges zu. Sie 
nehmen ferner an, daß in Ihnen ein Gefühl sei, das der 
Annahme widerstrebe, Sie hätten ihn sexuell geliebt Das 
hat zweierlei Wurzeln: 1. weil Sie bereits die Übertragung 
auf mich gemacht haben und bei mir es nicht zugeben 
wollen, um so weniger auf den Vater, weil Sie mich an 
Stelle des Vaters gesetzt haben und 2. weil wahrschein- 
lich ein Motiv da ist, das Sie sich nicht sagen oder ein- 
gestehen wollen, ein Motiv, welches Sie bereuen läßt, den 
Vater schon in der Kindheit geliebt zu haben. Es könnte 
z. B. das Motiv sein, daß der Vater später Ihnen als 
großer Frauenfreund erschien, der also Ihre homosexuellen 
Gefühle getäuscht hat — Das könnte höchstens stimmen, 
wenn ich mit Willen und Bewußtsein nicht zugeben 
wollte, daß ich ihn geliebt habe dann könnten Ihre Ein- 
wände vielleicht stimmen, aber wenn ich jetzt versuche, 
über die Liebe zu meinem Vater nachzudenken, so kommt 
mir das so unwahrscheinlich vor, daß ich ihn homosexuell 
geliebt haben sollte. — Das sind Motive des Unbewußten, 
die Ihnen noch nicht voll zum Bewußtsein kamen. — 
Wenn es tatsächlich so wäre, wie Sie sagen I Aber da 
kann ich nichts weiter machen, um Aufklärung zu bringen, 
es ist mir unmöglich. — Dann werde ich Ihnen helfen. 
Sie sind auch in dem Punkte frauenhaft, daß Sie außer- 



Stande sind, etwas zu bekämpfen, was Ibnen gegen das 
Gefühl geht — Es ist mir auch tatsächlich sehr schwer, 
das zu bekämpfen, was mir gegen das Gefühl geht — 
D. h. der Verstand ist bei Ihnen viel schwächer entwickelt 
als das Gefühl, Sie besitzen die Gabe der Selbst- 
zerfaserung viel weniger als gemeinhin Männer. Zu- 
nächst lassen Sie sich von Ihrem Gefühl, d. h. von 
Ihrem Unbewußten leiten. — Ich glaube auch, ein Um- 
stand, der die homosexuelle Liebe zum Vater unwahr- 
scheinlich erscheinen läßt, ißt, daß das Nachdenken über 
diese Liebe mir so schwer und unangenehm fällt, dagegen 
das Nachdenken über andere Fälle wie über den Cousin 
viel leichter. — D. h. in der Richtung auf den Vater 
ist der Widerstand noch sehr groß, bezüglich des Cousins 
sehr wenig. Auf den letzteren werden wir später zurück- 
kommen. — Aber ich kann auch da nicht mehr anführen, 
als ich schon angeführt habe. — Also auch da besteht 
Widerstand. — Ich verstehe nicht, warum Sie immer 
etwas Besonderes haben wollen in allem. — Sie meinen 
wohl in sexueller Beziehung? — Ja. — Das kommt ein- 
fach daher, weil ich annehme, daß alle Ihre Gefühle und 
die ganze Geschlechtsrichtung bei Ihnen wie bei jedem 
Uranier nebst der angeborenen Anlage auf bestimmte 
infizirende Sexualerlebnisse einer frühesten Kindheit zu- 
rückgehn. Die letzteren muß ich eben herausbringen. — 
Ihre Annahme gebe ich Ihnen zu, die will ich Ihnen nicht 
nehmen. Ich gebe sogar auch das andere zu, was Sie 
anführten, aber nur in Bezug auf jene Fälle, die ich 
schon nannte. — D. h. für die übrigen besteht schein- 
bares Nichtwissen, in Wahrheit sind sie nur unterdrückt 
Das ist Widerstand, den Sie nur noch nicht kennen. Sie 
wähnen, Sie haben mir schon alles gesagt, nnd gerade 
das Wichtigste fehlt noch völlig. Jeden Tag geben Sie 
ein Stückchen preis, wie z. B. heute vom Vater. Ist das 
in der Badestube öfters oder bloß einmal vorgefallen, 



— 394 — 



daß Sie an seiner Brust saugten? — leb saugte in Wirk- 
lichkeit gar nicht, er gab mir nur zu saugen. — Öfters 
oder nur ein mal? — Mir ist nur das eine mal er- 
innerlich, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß 
es vielleicht 1 oder 2 mal vorgekommen wäre. — Er 
setzte Sie auf sein Knie. Das ist nicht alles, da ist noch 
etwas geschehen. — Ich glaube, daß ich ihn zuerst über 
Verschiedenes an seinem Körper befragte. — Zum Bei- 
spiel? — Ich fragte ihn, wozu die Brüste da sind, ob 
man an ihnen auch saugen kann, und da hat er mich 
auf seine Knie genommen und gab mir die Brust, ich 
solle versuchen. Mir gefiel dies aber nicht, und so tat 
ich es nicht — Warum gefiel es Ihnen eigentlich nicht? — 
Weil sie zu klein waren, bei der Mutter waren sie größer. 

— Was haben Sie ihn dann noch gefragt? ~ Ich finde 
gar nichts. Wir zogen uns dann an und gingen nach 
Hause. — Das ist zu wenig; haben Sie etwas Sexuelles 
empfunden, da Sie Ihr Vater auf sein Knie setzte? — 
Nach längerem Überlegen: Ich glaube nicht — Sie 
haben lange überlegt — Weil ich nachdachte. — Ich 
glaube, weil Sie zweifeln, weil Sie nicht sicher sind, ob 
ich nicht Recht habe. — Ich habe gerade nachgedacht, 
ob das möglich wäre, aber ich habe keine Erinnerung. 

— Haben Sie das bestimmt nicht gehabt? — Ich kann 
es nicht bestimmt verneinen, aber auch nicht bestimmt 
zugeben. Ich weiß nur, das eine mal wo ich sein Glied 
betrachtet habe, hatte ich aller Wahrscheinlichkeit nach 
sexuelle Gefühle. — Wann war das? — Das, was ich 
Ihnen schon einmal mitteilte, daß es meine Neugier weckte 
und ich ihn darüber fragte. — Damals sagten Sie aber 
nicht, daß Sie Sexuelles dabei empfanden. — Ich sagte: 
aller Wahrscheinlichkeit nach. Ich habe jetzt die beiden 
Vorfälle miteinander verglichen und da gefunden, wenn 
es überhaupt möglich wäre, so wäre es damals der Fall 
gewesen, als ich sein Glied sah. — Haben Sie denn in 



— 395 — 



der Badestube sein Glied nicht gesehen? — Ja wohl, 
aber es hat mir kein Interesse eingeflößt, nur die Brüste 
interessierten mich. Ich glaube, diese Episode war früher 
als die mit dem Glied, schon im 3. oder 4. Jahre, die 
zweite später, aber auch noch im 9. Jahr. Es war in 
einem Sommer, aber zeitlich ans einander. — Erzählen 
Sie genau, wie sich der zweite Fall abgespielt hat? — 
Es war beim Baden im offenen Wasser, ich war mit 
meinem Vater zusammen und als wir uns nach dem Bade 
abtrockneten, fiel mir sein Glied auf, und ich fragte ihn, 
wozu der da sei usw., und warum es gerade so viel größer 
sei, als das meine, und der Vater sagte, es sei dazu da, 
wozu meines da sei, aber ich habe ihm nicht ganz ge- 
glaubt. — Und was sagte er wegen der Größe? — Das 
ist mir nicht mehr erinnerlich. — Denken Sie einmal 
nach. — Ich glaube, er erklärte es damit, daß bei ihm 
alles größer sei, als bei mir. Ich weiß nur, daß ich später 
keine Neugier mehr darauf hatte, ich war also von seiner 
Antwort vollkommen befriedigt Nicht so von seiner 
Antwort über den Zweck. — Wann stellten sich eigent- 
lich die homosexuellen Gefühle dabei ein? — Ich kann 
nur annehmen, daß es mir wie etwas Geheimnisvolles 
vorkam, und daß ich es ganz gerne anschaute. — Hatten 
Sie vielleicht ein Durchschauern im Körper, ein sexuelles 
Lustgefühl? — Das kann ich nicht sagen, es war mir 
nur angenehm, soviel ist mir erinnerlich. Wenn ich die 
andern Fälle vergleiche, z. B. mit dem Hirtenknaben, so 
muß ich die Frage entschieden verneinen. — In diesen 
andern Fällen kam es zu ausgesprochener Berührung und 
Reizung, die fehlte offenbar beim Vater. — Ja, mir ist 
davon nichts erinnerlich. — Folglich kam es nicht zu 
so intensiven Gefühlen, trotzdem können Sie deutlich 
sexuelle Empfindungen gehabt haben. Sie wußten es 
damals sicher auch schon. — Das ist zu weitgehend. — 
Wohl kaum. Sie wollen es nur noch nicht zugeben. 



— 396 — 



Schildern Sie Ihre Gefühle beim Anblick des väterlichen 
Gliedes. — Ich kann nichts schildern, weil mir nichts 
bewußt ist; nur das weiß ich, daß es mir Neugier er- 
weckte und mir als Geheimnis vorkam und ich es ganz 
gern betrachtete. — Sie sagten auch, Sie haben den 
Vater in der Kindheit am meisten nackt gesehen. Was 
ist Ihnen da in Erinnerung? — Nur, was ich Ihnen schon 
erzählte. — Erinnern Sie sich an einzelne Fälle? — Es 
war immer beim Baden oder in der Badestube. — Und 
hatten Sie da ein besonderes Gefühl? — Nein. — Hat 
der Vater seinen Penis vor Ihnen versteckt? — Nein, 
das fiel mir nicht auf. — Wie kamen Sie auf den Ge- 
danken, das Glied ist etwas Geheimnisvolles? — Ich 
glaube deshalb, weil mich seine Antwort auf meine Frage 
über den Zweck nicht befriedigte. — Es fällt mir auch 
auf, daß der erste Gegenstand Ihrer Neugier seine Brüste 
waren, und ob man an ihnen saugen kann, wie kamen 
Sie darauf? — Durch Vergleich der mütterlichen Brüste 
mit seinen. — Haben Sie denn häufig Gelegenheit ge- 
habt, die mütterlichen Brüste zu sehen? — Häufig nicht, 
aber ich habe sie gesehen. Ich habe sie auch bei säugen- 
den Frauen öfters gesehen. Es ist mir überhaupt nicht 
erinnnerlich, daß ich es direkt bei meiner Mutter gesehen 
hätte. Zu der Zeit hatte ich keine jüngeren Geschwister, 
die an der Mutterbrust saugen konnten. — Sie hätten 
auch ohne das einmal die Mutterbrust als Kind sehen 
können. — Das will ich nicht verneinen, aber es fällt mir 
nichts besonderes ein. Ich glaube, wir sind jetzt mit dem 
Vater fertig. — Das möchten Sie mir gern weismachen 
und freuen sich, daß ich nicht weiter dringe. Fertig aber 
sind wir noch lange nicht — Ich würde mich freuen, 
wenn es einmal zu Ende wäre, da es mir nicht angenehm 
ist und ich fühle, wir sind auf einem falschen Wege. — 
Es ist Ihnen unangenehm, vom Vater erzählen zu müssen 
und deshalb machen Sie mir weis, wir sind auf einem 



— 397 — 



falschen Wege. Schreiben Sie mir für das nächste mal 
auf, was Sie vom Cousin noch wissen. Wenn Sie glauben, 
daß dort das wichtigste liegt, gut, ich gehe darauf ein. 

9. Tag. 

Drei Tage später bringt er folgenden Zettel. Am 
8. Januar. „Ich bin einfach empört über Herrn Dr. Sad- 
ger. Er nimmt sich heraus, ohne weiteres zu behaupten, 
daß ich ihm die Wahrheit nicht sage, daß ich ihn auf 
falsche Wege leiten will. Das ist wirklich zu stark, er 
tut mir sehr unrecht Wenn er aber solcher Meinung 
über mich ist, so sehe ich gar nicht mehr den Sinn der 
Analyse ein. (Hier sind zwei Zeilen durch dicke Striche 
unleserlich gemacht) Die letzten Analysen haben mir 
gar nicht gefallen und dann zum Schlüsse noch die vage, 
ungerechte Beschuldigung. Ich lasse mir so was nicht 
bieten, ich werde nicht dulden, daß meiner wahrheits- 
getreuen Schilderung dessen, was mir bewußt wird, un- 
lautere Motive oder Absichten untergeschoben werden. 
Ich habe bis jetzt versucht, das aus meiner Kindheit zu 
finden, was die Ursache meiner mir jetzt verhaßten 
Neigung ist. Was mir einfiel, was ich fand, habe ich 
alles mitgeteilt Ich würde selber glücklich sein, würde 
ich einen untrüglichen Ausgangspunkt meiner Neigung 
finden, dann hätte ich ja Hoffnung auf Heilung und auf 
mindestens teilweise Erlösung. Und jetzt, jetzt stehe ich 
verzweifelt da, vergeblich versuche ich, das Dunkel meiner 
Kindheitserinnerungen zu durchdringen, nichts kann ich 
finden, als was ich schon mitgeteilt habe. 

Soll da noch was besonderes sein? Ist das nicht allein 
schon Ursache genug? Vielleicht, vielleicht auch nicht 

Ich glaube, das Leben geht nicht nur eigene, sondern 
auch verschiedene Wege. Schauen Sie doch her, Herr 
Doktor, sehen Sie etwas tiefer in das Seelenleben eines 
Uraniers, vielleicht können Sie auch daraus Schlüsse 



— 398 — 



ziehen. Wie ist denn meine Liebe zu dem Geliebten? 
— Sie ist buchstäblich weiblich. Meine Gefühle sind 
ganz passiv. Mein Verlangen ist, mich dem Geliebten 
als Weib hinzugeben. Ich verlange von ihm nicht die 
Befriedigung meiner sinnlichen Lust, ich gebe mich zu- 
frieden, wenn ich dem Geliebten genügen kann. Während 
meiner Liebe zu dem Theosophen, die die stärkste und 
heftigste von allen war, habe ich meinen eigenen Trieb 
auch nicht ein einziges Mal an ihm befriedigt, und 
doch hat mich gerade diese Liebe am vollkommensten 
beglückt Sehen Sie, Herr Doktor, solcher Art ist die 
Liebe eines echten Urnings. Ich weiß nicht, ob Sie das 
ganz verstehen, vielleicht urteilen Sie darüber scharf, 
vielleicht fassen Sie das als einen moralischen Defekt 
auf. Doch bevor Sie so urteilen, hören Sie noch weiter 
zu. Ich hasse nichts so, als allgemein unmoralische 
Handlungen. Gemeine Bilder leide ich nicht in meiner 
Nähe. Bis vor zwei Jahren war ich nicht imstande, meine 
Liebe dem Geliebten als erster mitzuteilen. Die mitge- 
teilte Liebe versetzte mich zugleich mit dem Glücke auch 
in Scham und Verwirrtheit. Dem Verlangen anderer 
Urninge, mich ihnen nackt zu zeigen, bin ich niemals 
nachgekommen. Die Berührung meiner Geschlechtsteile 
habe ich stets als unanständig zurückgewiesen. Ich kam 
unter ihnen in den Ruf, unempfindlich, asexuell zu sein. 
Und doch ist und war das Gegenteil bÄ mir der Fall. 
Jetzt ist das etwas weniger der Fall. Ich bin halt im 
Laufe der letzten zwei Jahre schlechter geworden. Der 
Schmutz des Lebens hat auch mir etwas angeklebt. 

Sie müssen nicht glauben, daß ich mich über meinen 
Zustand irgendwelchen Illusionen hingebe. Ich habe ihn 
oft und sehr schwer als eine Last empfunden, aber als 
solche, die ich schon im Mutterleibe mitbekommen habe. 
Als ich noch den kindlichen Glauben an einen schaffen- 
den und bestimmenden Gott hatte, da löste sich manch- 



mal der Schmerz in lauten Klagen, gipfelnd in der ver- 
zweifelten Frage: Warum, warum hast Du mich so 
gemacht?!* 

Ich erkläre ihm darauf folgendes: Eis ist ein Gefühl 
in Ihnen, das der Annahme widerstrebt, Sie sollen den 
Vater homosexuell geliebt haben. Bei mir haben Sie 
sich vorgesetzt, jede homosexuelle Regung zu unterdrücken, 
damit aber unterdrücken sie auch homosexuelle Regungen, 
die Sie seinerzeit zum Vater hatten. Gehen wir von den 
Gefühlen für mich aus. Sie haben bestimmt direkte 
sexuelle Wünsche auf mich gehabt, die Sie jetzt aller- 
dings unterdrückt halten, die aber trotzdem weiter fort 
bestehen (das sind dieselben Wünsche, welche Sie seiner- 
zeit auf den Vater hatten.) Und Sie unterdrücken sie 
auch bei mir, weil Sie sich denken, ich könnte gleichfalls 
ein großer Frauenfreund sein. Nachdem Sie sich im 
Vater getäuscht haben, der auch ein großer Frauenjäger 
war, kommt es Ihnen nachgerade ganz unwahrscheinlich 
und unmöglich vor, Sie sollten ihn geliebt haben. Das 
Nachdenken über die Liebe zum Vater ist Ihnen schwer 
und unangenehm; das setzt voraus, daß da etwas zu holen 
ist — Er erwidert sehr heftig: Das ist alles Annahme 
von Ihrer Seite, eine Hypothese, aber nicht wahr. — 
Was Sie gegen mich so empört, ist, daß ich Ihnen das 
Geheimste aus Ihrer Seele raube, was Sie unterdrückt 
haben und im Unbewußten hielten, daß ich Sie zwinge, 
dieses mühsam Unterdrückte und unbewußt Erhaltene 
klar zu schauen. — Das ist nicht wahr. Es ist ja selbst- 
verständlich, daß jeder Liebe etwas Sexuelles zugrunde 
liegt, aber das sehe ich nicht ein, daß das bei Ihnen der 
Fall gewesen wäre, weil bei Ihnen die Liebe überhaupt 
nicht so weit vorgeschritten ist. — Sie haben das von 
der ersten Stunde an gefühlt und nur unterdrückt. — 
Ich kann Ihnen doch nicht etwas sagen, was ich nicht 
fühle und nicht als wahrscheinlich betrachte. — Hören 



— 400 — 



Sie mal an: Sie haben sich von der ersten Stunde ab, 
wo Sie bei mir saßen, nicht bloß in mich verliebt, sondern 
gleich auch sexuelle Wünsche gehabt, und beides sofort 
nach Möglichkeit unterdrückt, schon deshalb, weil Sie 
von mir hörten, Sie müßten alles sagen, und an 
dieser Unterdrückung halten Sie jetzt mit aller 
Macht fest Es ist zunächst Ihre große Aufgabe, 
darüber hinwegzukommen, aufrichtig zu sein. Ohne 
Aufrichtigkeit geht es nicht. Sie vergeben sich ja nichts 
damit Ich habe Ihnen ja erklärt, daß diese Wünsche 
eigentlich gar nicht auf mich gerichtet sind, sondern auf 
andere Personen, und daß ich deshalb so dränge. — Sie 
gehn überhaupt, finde ich, zu weit in all Ihren Be- 
hauptungen und Vermutungen. — Das paßt Ihnen eben 
nicht — Aber erlauben Sie mir, was soll ich Ihnen, 
sagen. Überhaupt die letzte Stunde der Analyse, ich 
weiß nichts. Das martert mich einfach, weiter gar nichts. 
— Ist es Ihre Absicht aufzuhören? — Das nicht, aber 
beim Weggehn kam mir der Gedanke: um allem vor- 
zubeugen, sagst du auf alles ja, gibst du alles zu. — 
Ob das nicht eine Verkleidung ist, damit Sie das Ja vor 
sich selber entschuldigen können. Sie wissen, daß Sie ja 
sagen sollten, mögen es aber nicht direkt sagen, und so 
erklären Sie, Sie täten es mir zuliebe oder um Ruhe zu 
haben. — Aber ich habe es deshalb verworfen, weil es 
weder mir, noch Ihnen nützen würde. — Sie müssen sich 
auch immer streng an die Wahrheit halten, da haben 
Sie ganz recht Es wird nun meine Aufgabe sein, Sie 
dazu zu bringen, daß Sie meine Worte als Wahrheit er- 
kennen. Vorläufig sträuben Sie sich noch zu sehr da- 
gegen. — Überhaupt, wenn Ihre Behauptung richtig 
wäre, so wäre kein Widerstand da, wenn ich zu Hause 
über diese Sachen nachdenke. — Das wird schon ein- 
treten, Sie haben vorläufig noch nicht zu Hause nach- 
gedacht — Ich sträube mich dagegen, weil da jeder 



— 401 — 



Schein von Wahrheit fehlt. — Gut Lassen wir die 
Sache vorläufig gehn und beantworten Sie mir etwas 
anderes. Sie hatten die Aufgabe nachzudenken, was 
Ihnen noch vom Cousin einfällt — Ich habe jetzt nicht 
über den Cousin nachgedacht, sondern über Sie. Zu 
Hause habe ich nachgedacht, aber nichts gefunden, was 
zu erzählen der Mühe wert wäre, Spaziergänge und der- 
gleichen, nur dieselben Tatsachen, die ich schon früher 
geschildert habe. Auch über den Vater habe ich nach- 
gedacht, aber es fällt mir nur ein, wie wir im Schnee 
spazieren gefahren sind, und wie wir über die Felder 
gingen, Johannisnacht feierten, solche Sachen, die über- 
haupt keinen Sinn haben, ich kann ja nicht alles auf- 
zählen. Ich weiß nur eines, daß ich vor etwas stehe, 
daß ich unmöglich mehr weiter kann, ich kann nichts 
mehr weiter herausfinden. — Das ist einfach Widerstand. 

— Bas ist kein Widerstand, zu Hause ist kein Wider- 
stand. — Das ist ein und dasselbe. Sie leisten zwar 
keinen bewußten, wohl aber einen unbewußten Wider- 
stand, und zwar besonders beim Vater und Cousin, bei 
welchem Sie sicher sexuelle Wünsche hatten. — Daß ich 
beim Cousin sexuelle Wünsche gehabt hätte, wäre wohl 
möglich. — Welcher Art, beschreiben Sie das genauer. 

— Es ist mir nichts bewußt. — Dann machen Sie es 
sich jetzt bewußt — Ich gebe nur zu, daß die Liebe 
zum Cousin eine sexuelle Grundlage gehabt hat, aber 
daß ich bewußte Wünsche gehabt hätte, die ich äußerte, 
oder die mir in Erinnerung geblieben wären, wüßte ich 
nicht Daß sie sexueller Art waren, gebe ich zu, aber 
weil ich damals zu jung war, deshalb ist es ausgeschlossen, 
daß ich irgendwelche Wünsche geäußert hätte. — Ihn 
nackt zu sehen oder ihn zu berühren, sind Sie nicht zu 
jung gewesen. Die Geschichte ist die, Sie haben damals 
schon Ihre sexuellen Wünsche unterdrückt, und deshalb 
erinnern Sie sich jetzt an keine und wissen nur allgemein, 

Jahrbuch IX. 26 



— 402 — 



Sie haben sexuelles Verlangen nach ihm gehabt. Sagen 
Sie jetzt, nach welcher Bichtang bin hatten Sie sexuelle 
Wünsche auf den Cousin? — Höchstens könnte ich an- 
führen: bei ihm sein, mit ihm zusammen sein. — Das ist 
zu wenig. Hatten Sie den Wunsch, etwas nackt an ihm 
zu sehen, seinen ganzen Körper oder einzelne Teile. — 
Nein. — Ich heiße ihn jetzt, sich auf den Divan zu 
legen, wogegen er sich sträubt — Ich finde es heute 
überhaupt unmöglich, etwas zu sagen. Das vorige Mal 
hatte ich auch schon den Einfall, um Ihnen zu beweisen, 
daß ich Ihnen alles sage, was mir wahrscheinlich ist, 
Ihnen den Antrag zu stellen, Sie sollten mir eine Sug- 
gestion erteilen, daß ich über alles, was vorgefallen ist 
in den Kindheitsjahren, Ihnen Mitteilung machen soll. — 
Damit bin ich einverstanden. Ich hypnotisiere ihn also 
und gebe ihm die gewünschten Suggestionen. 

10. Tag. 

Am zweitnächsten Tage bringt er nachfolgenden 
Zettel: „Mit dem jüngeren Cousin ereignete sich folgen- 
der Vorfall. Es war bei uns ein Fest (als ich etwa 
6—7 Jahre zählte) und wir Kinder waren ziemlich un- 
beaufsichtigt Ich und mein Cousin spielten miteinander 
in einem abseits gelegenen Zimmer. Nach einiger Zeit 
verriegelte ich die Türe und ersuchte ihn, sich zu ent- 
kleiden, da ich ihn nackt sehen möchte. Er tat es. Ich 
betrachtete ihn eine Zeit. Ein Lustgefühl stieg in mir 
auf, ich drückte ihn an mich. Wir legten uns auf das 
Sofa. Mir wurde ganz schwindlig und ich ersuchte ihn, 
sich auf mich zu legen. Seine Geschlechtsteile kamen 
in die Nähe meines Gesichtes. Ein Schaudern wie ein 
Schüttelfrost durchflog meinen Körper. Membrum 
erectum eius suscepi in os und behielt es, bis es wieder 
schlaff wurde. Nachher sagte ich ihm, er solle dasselbe 
auch mit mir tun, jedoch das bereitete mir keine be- 



— 403 — 



sondere Lust mehr. Daraufhin gaben wir einander das 
feste Versprechen, niemandem etwas davon mitzuteilen. 

Ungefähr 2 Jahre darauf war der Vorfall mit dem 
erwachsenen Cousin. Vor diesem Ereignisse schlief ich 
einmal mit ihm zusammen, ich konnte garaicht einschlafen. 
Als der Cousin eingeschlafen war, da überfiel mich das 
Verlangen, seine Geschlechtsteile zu sehen und zu be- 
rühren. Ich tat es auch. Dabei wurde mir auch so 
wohl, membrum eius suscepi in os, dann umarmte ich 
ihn und blieb so längere Zeit liegen. (Erwacht ist er 
dabei nicht, weil er einen gesunden Schlaf hatte.) 1 ) 

Mit dem Hirtenknaben, wo das erste mir erinner- 
liche sexuelle Lustgefühl vorkam, waren noch ein paar 
Fälle außer den schon mitgeteilten. Dabei ging mein 
Bestreben dahin, ihn auf .mich zu ziehen, sodaß ich sein 
membrum fühlte oder noch besser, es mit meinem Ge- 
sichte berühren konnte. 

Jetzt wird mir ganz klar, daß ich auch zu Ihnen 
sexuelle Wünsche gehabt habe. (Ich werfe ein: Sie sehen 
also, daß ich doch Recht hatte.) Die sofortige Unter- 
drückung derselben ließ sie keine bestimmten Formen 
annehmen. Nur soviel ist mir. bewußt, daß ich zur Be- 
friedigung Ihrer Sinnenlust mich ganz gern Ihnen hin-? 
gegeben hätte. — Wann fiel Ihnen das alles ein? — . 
Gestern. — Und wieso? — Mach der Hypnose war mir 
sehr übel. Bis 4 Uhr Nachmittag hatte ich einen sehr 
starken Druck im Kopf. Es war mir so unwohl, daß 
ich mir dachte, ich lasse mich niemals mehr hypnotisieren! 
loh hielt die Hypnose überhaupt für ganz vergeblich, 



>) loh frage ihn hier: War das der Grund, weshalb Sie mir 
nichts sagen wollten? — Nein, es war mir vollständig unbewußt 
Es ist mir nur ein paar Mal das Fest in den Sinn gekommen. — 
Warum haben Sie das dann unterdrückt? — "Weil es mir nicht 
klar war, was das heißen soll, ob das überhaupt einen Sinn hat ^ 
Das war eben der Fehler. 

26* 



weil ioh nicht dabei fest schlief. — Das ist sehr gewöhn- 
lich. — Und ich kümmerte mich nicht mehr und kam 
auch nicht mehr auf den Gedanken, über den mir ge- 
gebenen Auftrag nachzudenken, bis gestern Abend. Da 
sagte ich mir: „Selbst die Hypnose hat keine Macht* 
Aber da setzte ich mich zum Tisch hin, nahm Papier 
und Feder und verschloß meine Augen und blieb so eine 
Zeit lang nachdenkend. Auf einmal fiel mir die erste 
Episode mit dem Cousin ein. — Haben Sie etwas wie 
einen Zwang verspürt* darüber nachzudenken? — Nein. 
Zuerst hielt ich alles für verfehlt, ich dachte, mir Mit 
sicher nichts ein, dann aber: Du setzt Dich doch hin 
und wenn Dir etwas einfällt, so schreibst Du. Der 
Einfall kam ganz plötzlich und auf einmal so klar, daß 
ich mich verwunderte darüber. — Da hat die Hypnose 
doch etwas gewirkt oder die Furcht, ich könnte die 
Analyse abbrechen. Wann kamen Ihnen schon die Ge- 
danken an das Fest, wann haben Sie die unterdrückt? 
— Das wird schon eine Woche her sein. Hier ist mir 
nie der Gedanke gekommen, auch nicht beim Nachdenken, 
aber als ioh ging oder etwas dachte, so kam mir manch- 
mal das Fest in den Sinn. — Das dürfte genau vor drei 
Analysenstunden gewesen sein. — Ja, das könnte wohl 
sein. — Von da an haben Sie nichts mehr vorgebracht 
in der Analyse. Sie sagten das letzte Mal, die letzten 
zwei Stunden hätten Sie nicht befriedigt, d. h. seit einer 
Woche ging es nicht vorwärts, weil Sie das unterdrückt 
hatten. Sie sehen auch, daß ich mit meinen Behauptungen 
Recht hatte. Bezüglich des Vaters werde ich Ihnen das 
noch nachweisen. Ich sagte Ihnen, Sie müßten vom 
Cousin noch verschiedenes zu erzählen haben und Sie 
hätten auch sexuelle Wünsche auf mich, die 8ie nur 
unterdrückt haben. Beides haben Sie heftig bestritten 
und doch hatte ich in beidem Recht. Daß ich den Nagel 
auf den Kopf getroffen, wußte ich schon darum, weil Sie 



— 405 — 



viel zu empört waren. Sie haben sieh auch immer mit 
besonderem Nachdruck gegen den Vorwurf gewehrt, 
sexuelle Wünsche zu haben. Sie wären keusch und hätten 
bis auf die letzten zwei Jahre noch nie sexuelles von 
einem begehrt Sie sehen, daß diese Behauptung un- 
richtig war. — Diese Behauptung ist nicht so ganz, wie 
Sie sagen.. — Sie sagen, Ihre Liebe ist ganz passiv, 
während Sie in Wirklichkeit Ihren Cousin verführten. — 
Das soll heißen, ich verlange von dem Betreffenden nicht 
die Befriedigung meiner Sinnenlust. — Was ist das denn, 
wenn Sie die Türe zuriegeln und verlangen, er solle sich 
vor Ihnen entkleiden, wenn Sie ihn an sich drücken und 
ersuchen, sich auf Sie zu legen? — Immerhin habe ich 
nicht verlangt, er solle erlauben, daß ich mich auf ihn 
lege. Ich möchte noch etwas sagen: Das ist die Haupt- 
sache, wovon ich befreit werden will, die Art der Liebe, 
wie ich sie Ihnen jetzt gerade geschildert habe. Ich 
kann ganz gut und sehr leicht sogar das überwinden, daß 
ich niemand den Antrag mache, er solle meine Sinnenlust 
befriedigen, aber was mir viel schwerer fällt und nur 
selten vollständig gelingt, ist, wenn der Betreffende eine 
Neigung zeigt, ihm zu verweigern, daß er seine Sinnen- 
lust an mir befriedigt oder ihn direkt dazu zu verführen. 
Ich schilderte dies auch Herrn N. und da meinte er: 
„Ja, mein Lieber, das glaube ich nicht, daß man davon 
geheilt werden kann, das ist eben die Liebe zum Mann." 
— Das wollen wir sehen. Ich glaube, auch da wird etwas 
zu machen sein. Zunächst ist es wichtig, heraus- 
zubekommen, wieso das entstand, denn ohne das gibt es 
keine Heilung und deshalb dränge ich so auf die Er- 
zählung der ersten infizierenden Erlebnisse. In Ihrer 
Autobiographie schildern Sie mir als das erste ent- 
scheidende Erlebnis das mit dem älteren Cousin, als Sie 
8 oder 9 Jahre zählten und doch war das nur eine spätere 
Auflagerung. — Wie ich gestern Abend meine Auf- 



Zeichnungen machte, habe ich mir vorgenommen, keine 
Ihrer Behauptungen mehr als unmöglich zu bezeichnen 
oder ihr zu widersprechen, sondern stets als etwas an- 
zunehmen, dem man nachgehen muß. — Sehr vernünftig. 
Es fällt mir auf, daß Sie das Verlangen haben, ein Glied 
mit Ihrem Gesichte in Berührung zu bringen, sowohl beim 
Hirtenknaben, als beim ersten Cousin. Das Verlangen 
taucht scheinbar von selbst in Ihnen auf? — Ja. — Er- 
innern Sie sich beim Hirtenknaben, ob er zufällig mit 
seinem Glied an Ihrem Gesichte ankam, oder ob Sie das 
selber bewirkt haben? — Das erste Mal kam er zufällig 
an in dem Vorfall, den ich geschildert habe, nachher 
wollte ich es selber. — Trotzdem glaube ich, die Geschichte 
geht auf etwas früheres zurück. Es ist wohl schon früher 
einmal vorgekommen, daß ein Glied mit Ihrem Gesichte in 
Berührung kam und Ihnen dadurch Lustgefühle bereitete. 
Denken Sie einmal darüber nach und sagen Sie alles, was 
Ihnen einfällt. — Es fällt mir nur noch ein junger Knabe 
ein, einer von denen, die mit uns in einem Hause wohnten, 
als ich ca. 4 Jahre alt war. Da weiß ich nur, daß wir 
öfters abends vor dem Hause auf der Bank saßen und 
manchmal solange, daß schon alle schlafen gegangen waren, 
daß wir uns manchmal umarmten und so umarmt dasaßen. 

— Das wäre also Ihre erste Liebe gewesen, aber dabei 
waren noch Dinge, die Sie mir noch nicht sagten. — Es 
wäre nicht ausgeschlossen, daß sein Glied da mit meinem 
Gesichte in Berührung kam, weil wir uns manchmal ge- 
balgt haben. — Provozierten Sie diese Balgereien absicht- 
lich, um sexuelle Lustgefühle zu bekommen? — Nein, 
das könnte ich nicht sagen. — Hatten Sie Lustgefühle, 
da sein Glied mit Ihrem Gesichte in Berührung kam? 

— Es ist mir bis jetzt überhaupt nicht bewußt, aber ich 
nehme als möglich an, daß das Glied mit meinem Ge- 
sichte in Berührung kam. Doch habe ich vorläufig keine 
Erinnerung an Lustgefühle oder so etwas. — Schließen 



— 407 — 



Sie die Augen und denken Sie intensiv darüber nach, da 
wird es Ihnen einfallen. — Nein. Aber es kommt mir 
wieder etwas anderes in den Sinn, mehrere Fälle, wo ich 
bei verschiedenen Erwachsenen, die mich auf ihren Schoß 
genommen hatten, öfters Lustgefühle und Gefallen hatte, 
loh könnte keine bestimmten Personen anführen, aber es 
dürften Verwandte gewesen sein, die da kamen. Ich war 
damals sehr klein von Gestalt und wenn ich an jemand 
herantrat, so stand mein Gesicht gerade so hoch, daß es 
ihm an die Geschlechtsteile reichte, wenn er saß; wenn 
er dann meinen Kopf streichelte, kam mein Gesicht an 
seine Geschlechtsteile, was mir ein wohliges Gefühl ver- 
ursachte. — Wer war dieser Verwandte? — Es könnte 
einer von den Cousins väterlicherseits gewesen sein (später 
korrigiert er: von den Onkeln, den Brüdern des Vaters), 
aber nicht die, mit welchen ich etwas machte, die waren 
mütterlicherseits. Die, von welchen ich jetzt erzähle, 
waren erwachsen. — So zwischen 35 und 40? — Ich 
glaube, das kam nicht nur mit einem vor, sondern mit 
zwei oder drei, mit wem zuerst, das kann ich nicht sagen, 
in verschiedenem Alter. Der älteste könnte wohl über 
80 gewesen sein, der jüngste vielleicht 18 Jahre. — 
Hatten Sie bei diesen Onkeln nicht vielleicht noch andre 
Wünsche, z. B. sie zu umarmen? — Auch ja. — Sie an 
sich zu drücken? — Ja freilich. Ich wollte dann immer, 
daß sie mich auf ihren Schoß nehmen, da konnte ich sie 
umarmen und umhalsen. — Haben Sie sich da vielleicht 
auch an ihre Brust gedrückt? — Ja auch. — Und etwas 
empfunden dabei? — Ja, es war mir dabei sehr wohl, 
sehr angenehm. — Was haben Sie am liebsten angedrückt? 
— Ich glaube, die Onkel damals wohl mehr, wenn ich 
an ihrer Brust lag und sie umhalsen konnte, aber das 
Berühren der Geschlechtsteile war mir auch ganz an- 
genehm. — Denken Sie nur weiter nach, es wird Ihnen 
noch etwas einfallen. — Mir fällt noch etwas ein, was 



— 408 — 



man vielleicht als Liebe zum Mann kennzeichnen könnte. 
Da war zur selben Zeit, wo ich die Onkel so gern hatte 
(das fällt in das 4. Jahr oder früher) ein lettischer Schrift- 
steller iir R. gestorben und da erzählte ein Onkel von 
dem und da bewunderte ich ihn so sehr, ich weinte sogar 
über ihn und es war auch ein Gedicht über sein Leben 
gedruckt, welches sehr wehmütig war, und ich bat Vater 
und Onkel solange, das herzusagen, bis ich es auswendig 
kannte, trotzdem ich sonst gar nicht fleißig zum Lernen 
war, damals gar nichts lernen wollte. Ich hatte den 
Schriftsteller gar nie gesehen, aber ich fühlte, daß ich 
ihn sehr gern habe, weil er in den Jahren stand, wie der 
älteste Onkel. — Den haben Sie wohl am meisten geliebt? 

— Von allen Onkeln ja, er könnte 35 Jahre gezählt 
haben, über 37 gewiß nicht — Da muß noch etwas ge- 
wesen sein, warum Sie den Schriftsteller so gern hatten. 

— Man schilderte, daß er in demselben Alter gestorben 
ist und daß es das schlechteste für einen Menschen sei, 
wenn er im besten Alter stirbt, entweder stirbt er jung 
oder alt und da zog ich gleich die Parallele zwischen ihm 
und meinem Onkel. Wenn dieser Fall eintrete, daß der 
Onkel stürbe, so täte er mir sehr leid. Ich konnte ihn 
lange nicht vergessen, gerade weil er in diesem Alter 
gestorben war. — Da steckt noch etwas dahinter. — Es 
kam mir nur in den Sinn, wie alt er sein könnte. Er 
war um l 1 /* Jahre jünger wie mein Vater. — Hat er 
oder der Vater vielleicht erwähnt, daß er sterben wird? 

— Nein, es wurde nur ganz allgemein davon gesprochen, 
daß es sehr sohlecht ist, wenn man in diesem Alter stirbt 
und auch das Gedicht hatte viel Einfluß, denn jede 
Strophe schloß damit, man solle jung oder alt sterben, 
nur nicht in dem Alter. — Ich gebe Ihnen für das 
nächste Mal die Aufgabe nachzudenken, ob Sie von diesem 
Onkel nichts wissen, ferner — und das ist das ent- 
scheidende — ich glaube, es wird auch mit Ihrem eigenen 



— 409 — 



Vater solche ähnliehe Erlebnisse geben, daß sein Glied mit 
Ihrem Gesicht in Berührung kam; denken Sie darüber nach» 

11. Tag, 

Mir ist etwas anderes eingefallen, als Sie mir auf- 
trugen, z. B. über den Vater. Da entsinne ich mich nur, 
daß ich etliche Male bei ihm geschlafen habe, ihn auch 
öfters umhalst und geküßt habe, dann komme ich auf 
ganz andere Gedanken. Weiter finde ich beim Vater 
nichts. — Dann fiel mir ein, daß die Episode mit dem 
jüngeren Cousin sehr stark unterdrückt wurde. Es war 
mir recht unangenehm, so daß ich mich bemühte, diesen 
Vorfall ganz aus meinem Gedächtnis zu verdrängen, und 
ich brachte es auch in etlichen Jahren soweit, daß ich 
mit ihm zusammen sein konnte, ohne an diesen Vorfall 
zu denken. Und über den Onkel, da finde ich nichts, 
es fällt mir nur das schon Geschilderte ein. — Da be- 
steht also ein neuer Widerstand. — Nur das eine kam 
mir noch in den Sinn, daß, wenn auch alle geschilderten 
Vorfälle mit dem Onkel zu meiner Neigung beigetragen 
haben, daß doch die eigentliche Infektion von dem Hirten- 
knaben ausging, weil von diesem an die Gefühle eine 
bestimmte Richtung annahmen. — Das ist auch wiederum 
Selbsttäuschung und Widerstand. Sie stehn vorläufig 
noch viel zu sehr unter der Herrschaft des Widerstandes. 
Ich möchte zunächst auf den Vater eingehen. Bei dem 
haben Sie es genau so gemacht, wie beim jüngeren 
Cousin, Sie haben nämlich etwas unterdrückt, was Ihnen 
einfiel, und zwar nicht erst das letztemal, sondern früher. 
Denken Sie einmal intensiv über den Vater nach. — Es 
fallt mir nur ein, daß ich mit ungefähr 2 Jahren sehr 
gern auf seinem Knie saß. — Was geschah noch? — 
Und daß ich es auch sehr gern hatte, wenn er mich an 
sich drückte und streichelte, da ich ihn umhalste. Es 
fällt mir auch sein Penis ein, aber ich kann absolut 



— 410 — 



nicht sagen, was da sein soll. — Denken Sie nur nach, 
da besteht Wiederstand. — Ich glaube, daß ich ihn ge- 
fühlt habe, sehr deutlich sogar, als ich auf seinem Schoß 
saß. — Weiter. — Daß ich ihn aller Wahrscheinlichkeit 
nach auch mit den Händen berührte. — Hatten Sie 
dabei ein wohliges Gefühl? — Ich bin dessen nicht ganz 
sicher, aber es könnte wohl gewesen sein. Ich glaube, 
es kam auch vor, wie bei den Onkeln, daß, wenn ich vor 
ihm stand und er mir den Kopf streichelte, mein Gesicht 
mit seinen Geschlechtsteilen in Berührung kam. — . Emp- 
fanden Sie dabei ein wohliges Gefühl? — Zuerst: ich 
könnte nichts angeben, dann: es könnte sein, aber mit 
Sicherheit könnte ich nicht bejahen. Dann fällt mir nur 
ein, wie wir über die Felder spazieren gingen. Das scheint 
2, 3 Jahre später gewesen zu sein mit 4, 5 Jahren. — 
Dahinter liegt etwas verborgen. — Wenn ich müde war, 
hat er mich getragen. Auch fahren und reiten hat er 
mich gelehrt — Machte Ihnen das Getragenwerden be- 
sondere Lustgefühle? — Nein, das könnte ich nicht 
sagen. — - Dies sofortige Nein könnte Widerstand sein, 
denken Sie nochmals nach. — Nein, ich könnte das nicht 
behaupten; viel wahrscheinlicher kommt mir vor, daß ich 
dann Lustgefühle hatte, als ich auf seinem Schöße saß, 
aber auf den Feldern wurde meine Aufmerksamkeit durch 
das abgelenkt, was der Vater mir zeigte. Das könnte ich 
mit Bestimmtheit verneinen. — Als sie getragen wurden, 
kamen doch wiederum Ihre Geschlechtsteile in Berührung 
mit seinem Arm oder eventuell selbst dem Gesichte. — 
Ich finde nicht das geringste, wenn ich nachdenke; über- 
haupt kann ich mit Gewißheit behaupten, daß, wenn ich 
auch auf ihm saß, ich keine Lustgefühle hatte. — Sie 
gaben es doch gerade früher zu? — Ja, daß es etliche 
Male vorkam, gebe ich zu, aber nicht stets, das kann ich 
mit voller Gewißheit behaupten. — Wenn Sie das Glied 
des Vaters beim Sitzen fühlten, hatten Sie da immer 



— 411 



Lustgefühle? — Ja, das glaube ich, daß ich, wenn ich 
ihn fühlte, immer Lustgefühle bekam. — Und haben Sie 
ihn denn nicht immer gefühlt? — Ich glaube nioht. Ich 
finde, es war nur dann der Fall, wenn mein Geist mit 
nichts anderem beschäftigt war. War ich sonst be- 
schäftigt, so fühlte ich weder sein Glied noch sonst etwas. 
— Wenn Sie auf seinem Schöße saßen, hat Sie doch 
nichts beschäftigt? — Nie, gedacht oder gesprochen mit 
ihm habe ich doch, oder einer interessanten Erzählung 
zugehört. — Immerhin stelle ich fest, daß Sie schon als 
2jährige8 Kind Lustgefühle hatten, wenn Sie beim Sitzen 
auf dem Schöße ihres Vaters sein Glied berührten. Stimmt 
das? — Ja, aber daß die Lustgefühle kaum wahrnehmbar 
waren. Sie waren sehr gering. Ich könnte als Lust- 
gefühl höchstens bezeichnen, daß es mir angenehm war, 
das zu fühlen. — Das heißt, damals verbanden Sie damit 
keine sexuellen Begriffe? — Ja, das ist ganz klar. — 
Mit anderen Worten: Sie hatten sexuelle Gefühle, ohne 
sie zu verstehen? — Ja. Uberhaupt wenn man von 
sexuellen Gefühlen spricht, kann ich eins noch nicht be- 
greifen: es ist doch ein großer Unterschied und muß ja 
sein zwischen sexuellen Gefühlen in so früher Jugend 
und denen eines Erwachsenen, ja selbst eines größeren 
Knaben. — Sobald das sexuelle Fühlen einmal geweckt 
ist, gibt es keinen Unterschied im Fühlen mehr, höchstens 
in der praktischen Ausführung, weil der Coitus physio- 
logisch im Kindesalter unmöglich ist. Aber Fühlen und 
Stärke der Empfindung ist wie bei Erwachsenen. — Da 
kann ich nicht gleich übereinstimmen, daß die Stärke der 
Gefühle dieselbe war, weil sie viel geringer und kaum 
wahrnehmbar gewesen ist, während sie beim Hirtenknaben 
eine ganz andere Stärke angenommen hat. — Lassen 
wir das also vorläufig dahingestellt und gehen wir den 
schwachen sexuellen Spuren beim Vater nach. Da muß 
noch etwas sein. — Ich finde nichts. — Sie hatten beim 



— 412 — 



älteren Cousin das Verlangen, seine Geschlechtsteile zu 
sehen und zu berühren, ferner membrum eius in os sus- 
cipere, dazu wurden Sie von keinem Früheren verführt, 
wie Sie behaupten. Tatsächlich kann es aber damals 
nicht cum ersten Male gewesen sein, sondern Sie müssen 
jenes Verlangen schon früher gehabt haben. — Ja, beim 
Hirtenknaben. — Das stimmt nicht ganz. Erstens haben 
Sie mir nichts davon gesagt, daß Sie den Wunsch hatten, 
dessen Geschlechtsteile zu sehen, noch weniger sie in os 
suscipere; sondern Sie sprachen nur von einem wohligen 
Gefühl bei der Berührung. — Und daß ich auch darnach 
gestrebt habe, sie zu berühren. — Da fehlt das Sehen 
und der Drang, sie in os suscipere. — Jetzt kommt der 
Fall mit dem jüngeren Cousin. — Auch der war nicht 
der erste, auch da muß schon etwas vorausgegangen 
sein, sonst hat ein Kind von 7 Jahren nicht solches Ver- 
langen und den Mut, es auszuführen. — Seit dem Vor- 
fall mit dem Hirtenknaben verfolgte mich fortwährend 
der Gedanke, so etwas noch einmal zu erleben, und ich 
habe mir viel dabei noch hinzuphantasiert, immer mehr 
und mehr. — Welcher Art? — Und so kam ich später 
zu dem Verlangen, es nicht nur zu fühlen, sondern 
auch zu sehen. Auf das Verlangen, ein membrum 
in os suscipere, kam ich erst, als die Geschlechtsteile 
meines jüngeren Cousins mein Gesicht berührten. — 
Ich glaube, daß Sie dieses Verlangen in den Mund 
zu stecken schon hatten, als die Geschlechtsteile ihres 
Vaters Ihren Mund berührten und ebenso bei den 
Onkeln. — Mir ist so etwas nicht erinnerlich. — Denken 
Sie nur nach. — Das ist mir kein neuer Gedanke, ich 
habe mich mit dieser Möglichkeit schon beschäftigt, nicht 
nur beim Vater, sondern auch bei den Onkeln. — Und 
dann haben Sie es unterdrückt — Nein. Gerade seit der 
letzten Stunde kam es mir, ob das nicht doch möglich 
wäre. — Und da hatten Sie nicht den Mut, es zu Ende 



— 418 — 



zu denken. — Den Mut hatte ich schon, aber es erschien 
mir unwahrscheinlich. Denn sonst habe ich alle gefragt 
nach dem, was ich wissen wollte oder was ich selbst hatte, 
weil ich damals keine Scham oder dergl. empfand. Wenn 
dies der Fall gewesen wäre, hätte ich es ja ausgesprochen. 

— Ich spreche nur von dem Wunsche. — Das meine ich 
ja auch. Dann hätte ich es geäußert. — Das spricht 
nicht dagegen aus folgenden Gründen. Sie können den 
Wunsch haben und trotzdem wissen, daß so etwas nicht 
erlaubt ist, und infolge dessen unterdrücken Sie es. 
Denken Sie einmal nach, ob das nicht richtig ist. — 
Nach längerem Besinnen: An solch einen Wunsch kann 
ich mich nicht besinnen. — Ich glaube nämlich, Sie haben 
bei mir selber auch den Wunsch und ihn da unterdrückt, 
so wie Sie . ihn seinerzeit beim Vater unterdrückten. — 
Aber erlauben Sie, Herr Doktor, das habe ich Ihnen 
schon zugegeben, daß ich sexuelle Wünsche zu Ihnen 
hatte. — Aber nicht welcher Art. Ich präzisiere sie jetzt 
deshalb genau, weil es uns direkt zum Vater zurück- 
führt Denselben Wunsch, welchen Sie jetzt auf mich 
hatten und unterdrückten, haben Sie seinerzeit auf den 
Vater gehabt und auoh unterdrückt, weil Sie wußten, es 
sei verboten, Sie können es nicht durchsetzen. Sie machen 
einfach jetzt die Übertragung auf mich, deshalb geht es 
nicht weiter. — Die zweite Behauptung ist hinfällig, daß 
ich es unterdrückt habe, weil ich weiß, daß es bei Ihnen 
nicht gelingt. — Warum haben Sie es sonst unterdrückt? 

— Weil ich es für unanständig halte. — Aber gehn Sie. 

— Das war die Hauptsache, wie Sie sagten, ich soll Ihnen 
alles sagen. — Sie meinen, die Furcht war die Haupt- 
sache, daß Sie mir alles mitteilen müßten. Das schließt 
aber nie Liebe und Liebesgefiihle und sexuelle Gefühle 
aus, sondern dient nur dazu, alles zu unterdrücken. Sie 
fühlen deshalb nicht weniger, sondern Sie sagen es nur 
nicht oder lassen es sich gar nicht bewußt werden, um 



— 414 — 



es nicht spgen zu müssen. Aber das Bestehen der Ge- 
fühle, daß diese überhaupt auftauche, wird dadurch nicht 
im Mindesten berührt. Sie geben jetzt selbst, zu, diese 
Gefühls gehabt gu haben, das ist nur eine neue Auf- 
lagerung auf uralte Gefühle, die den Vater und später 
die Onkel angehen, und deshalb forsche ich. Die Ge~ 
fühle, welche mich .selber angehen, interessieren mich 
weniger. — Ich kann das absolut nicht zugeben; sonst 
würde ich streiten, aber freil ich mir vorgenommen habe, 
nicht zu streiten, tue ich es nicht Nur ist der Grund 
hinfällig, daß ich mich bemühe, das nicht zuzugeben, 
ich habe Ihnen ja alles zugegeben. — Aber unklar. Was 
meinten Sie mit dem Satze, daß Sie sich zur Befriedigung 
meiner Sinnlichkeit ganz gerne hingegeben hätten? — 
Er sträubt sich sehr heftig, das näher zu erklären; end- 
lich bekonime ich heraus, daß er alle sexuelle Wünsche 
meint mit Ausnahme der Päderastie, also Umarmen, Coitus 
inter femora et in os. — Ich erkläre Ihnen nochnials, 
daß ich bei meiner Behauptung bleibe und daß Sie die- 
selben Wünsche, die Sie jetzt in Bezug auf mich haben, 
schon beim Vater hatten, und alles andere auch, nicht 
bloß das Anschauen und in os susoipere. Denken Sie 
zu Hause über die Sache nach, es wird Ihnen noch Ver- 
schiedenes dazu einfallen. — Dann möchte ich wissen, 
wie lange wird die Analyse noch dauern? — Das weiß 
ich nicht — loh will Ihnen auch den Grund angeben. 
Weil mir die Analyse in der letzten Zeit furchtbar schadet, 
indem sie mich vollständig nervös gemacht hat; manch» 
mal kann ich überhaupt nicht schlafen, so daß ich wirk- 
lich den heißen Wunsch habe, das so schnell als möglich 
zu beendigen. — Die Sache beginnt Ihnen hochgradig 
unangenehm zu werden, es liegt in Ihrer Hand, ob sie 
rascher oder langsamer erledigt wird. — Nein, ich werde 
Ihnen den Grund sagen. Weil Sie mich zwingen, über 
Dinge nachzudenken, die ich sonst mit aller Macht ver- 



— 415 — 

drängt habe. — Leicht ist die Kur nicht und angenehm 
auch nicht, aber wenn wir nicht so vorgehen, dann werden 
wir einfach nicht fertig. Ihr Widerstand hat jetzt eine 
bestimmte Form angenommen, Sie tragen sich nämlich 
mit dem Gedanken abzubrechen. Ich kann Sie daran 
natürlich nicht hindern und habe Sie sogar schon vor 
einer Woche gefragt, ob Sie abbrechen wollen. Denn 
damals hatte ich schon den Eindruck , Sie wollten ab- 
brechen. — Das ist nicht der Fall, aber ich will Ihnen 
gestehn, daß ich manchmal den Wunsch habe, eine zeit-* 
lang auszusetzen. — Ich will es auch nicht tun, aber 
heute sagen Sie mir wieder, ich soll die ganzen Tage 
darüber nachdenken, und womöglich noch vergeblich. — 
Wenn Sie ehrlich wollen und den Widerstand bekämpfen, 
kommen Sie zu einem Resultat, und in dem Augenblick, 
wo Sie es niedergeschrieben haben, sind Sie sofort er- 
leichtert, aber Sie müssen ehrlich wollen. Sie haben neben- 
bei den heimlichen Gedanken, verschiedenes nicht her- 
geben zu wollen. Das ist Widerstand, und wenn Sie das 
durchführen, dann werden Sie eben nie befreit von Ihrer 
Neigung. — Können Sie mir nicht sagen, wie es dann 
gehen wird mit der Analyse? — Wenn Sie mir folgen 
und ausharren, werden Sie Ihr Ziel erreichen, Ihre Neigung 
bekämpfen zu können. 

12. Tag. 

Zwei Tage später bringt er folgenden Zettel: Daß 
ich sexuelle Wünsche auf meinen Vater gehabt hätte, 
kann ich weder bejahen noch verneinen. Es kommt mir 
kein einziger solcher Wunsch zum Bewußtsein. Je mehr 
ich versuche, auf die ersten Kindheitserlebnisse sexueller 
Art zu kommen, desto unsicherer werde ich, desto mehr 
bekomme ich Angst mich selbst zu täuschen. Diese Angst 
vor Selbsttäuschung entspringt dem Vergleich des Vor- 
falles mit dem Hirtenknaben, mit den Gefühlen zu Vater 



— 416 — 



und Onkel. Bei dem ersten sind mir sexuelle Lustge- 
fühle vollständig klar und wahrnehmbar, bei den letztem 
weiter nichts als gern haben und Neigung, bei ihnen zu 
sein. Wie weit meine Furcht berechtigt oder unberechtigt, 
wird sich wohl im Laufe der Analyse herausstellen. Nur 
eines möchte ich ausdrücklich feststellen: ich komme 
mehr und mehr zu der festen Überzeugung, daß meine 
ersten sexuellen Lustgefühle bei dem Hirtenknaben ge- 
weckt und vorgekommen sind. Sie mögen davon halten, 
was Sie wollen, die Wurzeln und Wünsche der Lust- 
gefühle anderswo nach Ihrer Meinung finden, mir ist 
das ziemlich gleich. Was mir aber nicht so ganz gleich 
ist, das ist die Heilung von meiner sexuellen Neigung. 
Ich fühle die Anfänge bei dem Hirtenknaben, und von 
diesen will ich geheilt werden. — Sie leisten also fort- 
während Widerstand, wollen das Letzte nicht hergeben, 
es wird also länger dauern, als Sie gedacht haben. — 
Das ist mir unklar, wo ich doch jetzt alles hergeben 
will. — Es ist eben unbewußter Widerstand. — Wie ich 
anfing, über den Vater nachzudenken, habe ich lange 
nichts gefunden, bis mir schließlich einfiel, es könnte 
überhaupt eine Täuschung sein. Zuerst fiel mir bei den 
Onkeln ein, daß ich bei ihnen sexuelle Gefühle gehabt 
habe (das sollte eine Täuschung sein). Dann habe ich 
die Gefühle zum Hirtenknaben mit denen zum Onkel 
und Vater verglichen und fand, daß nicht der geringste 
Anhaltspunkt besteht, daß diese Gefühle übereinstimmen. 
— Genau so haben Sie auch gesprochen, ehe Sie mir 
den jüngeren Cousin und die Gefühle für mioh preis- 
gaben. — Wenn Sie das für sexuelle Gefühle und Wünsche 
halten, ohne daß mir irgendwelche Lustgefühle wahr- 
nehmbar sind oder zum Bewußtsein kommen, ja. — Gut, 
erzählen Sie da. — Ich weiß nichts, als was ich Ihnen 
schon erzählte, daß ich gern bei ihnen war und mit 
ihnen spazieren ging. — Ich erkläre Ihnen, daß Sie hier 



— 417 — 



nicht nachdenken wollen. Da Sie sich zu sehr sträuben, 
wird die Sache länger dauern. — Es ist nicht wahr, daß 
ich sie nicht hergeben will. — Haben Sie nachgedacht» 
wie Sie vom Vater getragen wurden und da ihre Geni- 
talien mit seinem Gesicht in Berührung kamen? — Ja, 
aber ich habe nichts gefunden. — Was haben Sie bei 
dem Hirtenknaben noch zu sagen? — Da wüßte ich 
nichts neues zu sagen, ich habe alles schon mitgeteilt. — 
Zuerst suchen Sie mich abzulenken auf den Hirtenknaben 
und dann wollen Sie auch da nichts hergeben. — Ich 
habe schon alles hergegeben. — Nein, es muß noch etwas 
da sein. — Ich finde, Sie machen den Fehler, Hypothesen 
zu bauen, von denen Sie behaupten, daß sie richtig sind, 
und es ist nicht so. — Ich habe Ihnen schon einmal 
vor wenigen Stunden nachgewiesen, daß ich Recht be- 
halten habe. Damals haben Sie den Entschluß gefaßt, 
mir nicht mehr zu widersprechen, jetzt tun Sie es doch 
wieder. Sie werden wiederum unterliegen. — Ich sehe 
keinen Ausweg. — Erzählen Sie, was für Gedanken 
Ihnen die letzten zwei Tage durch den Kopf gingen. — 
Ich habe täglich über den mir erteilten Auftrag nach- 
gedacht, aber nichts herausfinden können. — Und was 
noch? — Ich dachte z. B. an den schon mitgeteilten Fall, 
wo ich den Vater in der Badestube über seine Brüste 
befragte. Dies war viel später schon nach, dem Vorfall 
mit dem Hirtenknaben. — Da ist wahrscheinlich etwas 
noch nicht gesagt — Nein. Der Fall fiel mir ein und 
da dachte ich, wie alt ich gewesen sein könnte, das 
dürfte mit 6, 7 Jahren gewesen sein, und bei jedem Nach- 
denken kam mir der Gedanke immer stärker und stärker, 
daß die richtigen Wurzeln beim Hirtenknaben sind. — 
Gut, denken Sie über diesen nach. — Da fällt mir nichts 
mehr ein, als die drei Vorfälle, die ich schon geschildert 
habe. Daß nicht mehr als drei Vorfälle waren, hat 
len Grund darin, daß seine Hoheit mich sehr ver- 

Jahrbuch IX. 27 



letzte. — Inwiefern Roheit? — Er war sonst ein sehr 
roher Mensch, bändigte die Tiere und hatte überhaupt 
kein Mitleid mit Geschöpfen, — So wie ich jetzt kein 
Mitleid mit Ihnen habe, und eine gewisse Hoheit werden 
Sie mir wahrscheinlich auch vorwerfen. — Roheit nicht, 
aber etwas Grobheit wohl. — Deshalb führt es unmittel- 
bar zum Hirtenknaben hin. Trotzdem Sie nun die Roheit 
des Hirtenknaben verletzte, haben Sie aber doch weiter 
mit ihm verkehrt oder hätten Sie gern verkehrt. — Nein, 
wenn ich gern verkehrt hätte, dann hätte ich es getan. 
Ich weiß ganz genau einen Vorfall, der mich besonders 
verletzte. Er verwundete einen anderen Knaben mit einem 
Stein, sodaß er blutete, und seit damals konnte ich ihn 
überhaupt nicht leiden. — War das erst nach den sexuellen 
Episoden? — Ja. — Haben Sie erst infolgedessen ab- 
gebrochen? — Infolgedessen hatte ich keine Neigung 
mehr zu ihm gefühlt — Waren Sie auf den Knaben nicht 
eifersüchtig? — Nein. — Wie kam er dazu? — Sie hatten 
gestritten und gezankt. — Hat er Sie selber auch viel- 
leicht einmal verletzt? — Mich persönlich nicht — 
Können Sie Blut überhaupt nicht sehen ? — Als ich noch 
Kind war, konnte ich kein Blut sehen, jetzt kann ich es 
schon, schon seit mehreren Jahren. Überhaupt seitdem 
ich erwachsen bin, ist das nicht mehr so. Trotzdem ist 
Blut mir immer unangenehm. — Warum denn? — Weil 
es das Leben des Menschen ist, und wenn ich sehe, daß 
Blut stark herausfließt, habe ich auch Furcht, daß der 
Betreffende zu leben aufhört. In Rußland sah ich einmal 
in einer Stadt einen Vorfall, da hat ein Mann seiner 
Frau den Kopf mit einem Stein entzweigeschlagen. Das 
war eine Christin, und in der Stadt waren viele Juden 
und haben sich riesig gefreut, daß einmal einem Christen 
der Kopf entzweigeschlagen wurde. Das hat mich furcht- 
bar berührt. Die hat immer das Blut aus den Haar- 
strähnen genommen und auf die Juden geworfen, weil 



— 419 — 

die so lachten, bis sie endlich bewußtlos wurde. Wenig 
Blut zu sehen, macht mir überhaupt nichts z. B. wenn 
sich iemand geschnitten hat. — In der Kindheit auch 
nicht? — In der Kindheit ja, da konnte ich überhaupt 
kein Blut sehen. — Warum denn? — Ich weiß nicht, es 
war mir furchtbar unangenehm. — Bei wem haben Sie 
denn das z. B. gesehen? — Zum Beispiel beim Schlachten 
von Tieren, da taten mir die Tiere furchtbar leid. Wenn 
ich ein Tier schlachten sah, so konnte ich dessen Fleisch 
nie essen. — Was wissen Sie denn sonst noch von Blut 
zu erzählen? — Wenn sich jemand in die Hand ge- 
schnitten hat. Dann als ich 9 Jahre alt war, wurde unser 
Nachbar von Räubern erschlagen, und da habe ich ihn 
nachher mit blutüberströmten Kopf gesehen, und dieser 
Anblick hat mich mehrere Jahre verfolgt. Das war mir 
schrecklich anzusehen, und ich dachte, wie es überhaupt 
Menschen geben kann, die so etwas machen. — Wer hat 
sich denn in den Finger geschnitten? — Eine Frau hat 
sich mit der Sense eine Zehe abgeschnitten und furcht- 
bar geschrieen. — Sahen Sie vielleicht etwas bei Ver- 
wandten? — Als ich noch nicht 3 Jahre alt war, starb 
bei uns ein Knecht an Blutsturz. Ich glaube, daß seit 
dieser Zeit die Angst vor dem Blut ist Ich habe ge- 
sehen, wie er furchtbar blaß wurde und ihm Blut aus 
Mund und Nase kam, bis er tot war. — Haben Sie den 
Knecht geliebt? — Nein. Ich wüßte überhaupt nicht, 
daß er früher dagewesen ist, mir ist nur die Blutung er- 
innerlich. Es war schon ein älterer Mann. Später, so 
mit 18 Jahren, habe ich die Angst vollständig verloren. 
Ich war bei mehreren Operationen anwesend und mußte 
verschiedene Handreichungen machen. — Wo waren diese 
Operationen, und wie kamen Sie dazu? — Müssen Sie 
das genau wissen (er wird rot.)? — Ja. — Mein Bruder, 
der mich so schlug, ist Arzt, da war es mir nur das erste 
mal so schrecklich, daß ich dachte, ich verliere die Sinne, 

27* 



— 420 — 



das verging aber sehr schnell. Bei der zweiten hatte ich 
auch noch Angst, aber da konnte ich schon ganz ruhig 
das Blut sehen, und später hatte ich überhaupt keine 
Angst mehr. — Wie kam es, daß Sie zu Ihrem Bruder 
zurückkehrten, nachdem er Sie einmal so miserabel be- 
handelt hat? — Ich war ja noch nicht volljährig und 
mußte tun, was der Bruder befahl, und damals war 
meine Mutter zum Bruder gezogen. Der Vater lebte 
nicht mehr. — Und sind Sie gern zu Ihrem Bruder 
zurück? — Nein, überhaupt mache ich meinem Bruder 
einen großen Vorwurf daraus, daß er als Arzt meinen 
Zustand hätte erkennen müssen, und im Gegenteil, alles 
tat, ihn zu verschlimmern. — Inwiefern das Gegenteil? 
Hauptsächlich, was die Erziehung betrifft Er hat mich 
zu solchen Berufen hingedrängt, die für einen Urning 
eine Unmöglichkeit sind. — Nun, der Staatsdienst ist 
doch keine solche Unmöglichkeit? — Das ist dasselbe. 
Er verlangte hauptsächlich, ich sollte Offizier werden 
und Menschen schlachten im Kriege. — Als die Rede 
auf Ihren Bruder kam, wurden Sie rot. Da stecken 
sexuelle Beziehungen zum Bruder dahinter. — Nein, da 
kann ich mit Bestimmtheit versichern, daß nichts dahinter 
ist. — Das behaupten Sie vom Vater auch, und es ist 
nicht wahr. — Wenn ich intensiv an meinen Bruder 
denke, so versetzt mich das in Haß. — Haß ist die Kehr- 
seite der Liebe. — Aber nicht immer. — Doch. — Kommen 
Sie, mit was Sie wollen, aber Liebe zu meinem Bruder 
habe ich nie in meinem Leben gefühlt, das kommt mir 
so lächerlich vor, als nur irgend etwas. Ich hatte seit 
damals Abneigung gegen alle Ärzte. Erst seitdem ich 
Dr. Hirschfeld durch seine Schriften kennen lernte, ist 
das etwas besser geworden. — Also wieder die Uber- 
tragungauf mich.— Aber früher, noch vor zwei Jahren, selbst 
wenn ich krank wurde, ich hätte es nie über mich gebracht, 
zu einem Arzt zu gehen, ich haßte sie förmlich alle. 



— 421 — 



13. Tag. 

Die beiden nächsten Stunden bleibt Patient aus. Am 
Tage der zweiten Stunde kommt der nachfolgende Brief : 
„Sehr geehrter Herr Dr.! Ich bitte sehr um Entschul- 
digung, daß ich gestern zur festgesetzten Zeit nicht bei 
Ihnen war. Auch für Montag bitte ich mich noch zu 
entschuldigen. Die Leitung der sozialdemokratischen 
Partei hat mich aufgefordert, in einigen Versammlungen 
über die russische Revolution zu referieren. Aus diesem 
Grunde mußte ich meine Unterrichtsstunden etwas anders 
verlegen und die Analyse für gestern und Montag aus- 
fallen lassen. Nächsten Donnerstag werde ich mich zur 
üblichen Zeit bei Ihnen einstellen. Mit vorzüglicher 
Hochachtung . . ." In der dritten Stunde kommt er ohne 
Zettel, hingegen erzählt er: Vor einigen Tagen habe ich 
etwas über die Psychoanalyse in der Wochenschrift „Der 
Weg" gelesen und es war mir besonders auffallend, daß 
Freud alle Erkrankungen der Nerven auf sexuelle Er- 
lebnisse zurückführt und eigentlich der Prüderie alle 
Schuld zuschiebt Ich habe mir gedacht, daß das nicht 
ganz so sein kann, weil Nervenkrankheiten auch unter 
Völkern vorkommen, die keine Prüderie kennen; auch 
daß Träume aus dem Unbewußten zu erklären sind und 
daß man bei der Psychoanalyse wegnehmen muß und daß 
Täuschungen ziemlich oft vorkommen, indem man der 
Ansicht ist, auf der richtigen Fährte zu sein und man 
wird irregeführt — Das haben Sie natürlich in Ihrem 
Sinne verwendet. Welche Gedanken haben Sie für sich 
selber daran geknüpft? — Mir fiel besonders die scharfe 
Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußten auf, 
trotzdem Sie mir schon gesagt haben, daß etwas Vor- 
gefallenes nie ganz verwischt werden kann. Was mir 
sofort einleuchtete, war, daß, wenn das Bewußte mit dem 
Unbewußten in Gegensatz steht, dadurch sofort ein krank- 
hafter Zustand entsteht. — Haben Sie irgendwelche Nutz- 



— 422 — 



an wendung auf Ihren eigenen Zustand gemacht? — Gewiß, 
weil ich versuchte, viele Vorkommnisse aus meinem 
Gedächtnis zu verdrängen, die mir unangenehm waren. 

— Zum Beispiel? — Die Neigung zum eigenen Geschlecht. 

— Und mit unserer Analyse? — Nur das, daß Sie meiner 
Ansicht nach zu sicher vorgehn. Besonders meine Träume 
haben mich interessiert, nur träume ich in letzter Zeit 
fast gar nicht Früher habe ioh sehr viel geträumt. 
Wieviel kostet das Traumbuch von Freud? Als ich den 
Preis nenne, meint er, dies sei ihm zu teuer. — Haben 
Sie mir seit der "Woche, wo wir uns sahen, nichts zu 
sagen? — Ich wüßte nichts. — Sie erzählten mir das 
letzte mal, vom Hirtenknaben habe Sie besonders ab- 
gestoßen, daß er einen andern Knaben blutig schlug. 
Erzählen Sie das genauer. — Von dem Knaben, der ge- 
schlagen wurde, habe ich nur eine sehr dunkle Erinnerung. 
Ich weiß bloß, er war erst seit kurzem in unser Haus 
gezogen und dürfte auch taubstumm gewesen sein. Dann 
hat der Hirtenknabe angefangen, ich weiß nicht wie, mit 
ihm zu raufen und ihn zu beschimpfen und der Knabe 
lief ihm nach und der Hirtenknabe warf ihm einen Stein 
nach, der seinen Kopf traf, daß er blutete. Ich habe 
dem Hirtenknaben etwas zugerufen und lief nach Hause 
und erzählte die Geschichte. Ich weiß noch, ich hob als 
besonders tadelnswert hervor, daß er gerade einen taub- 
stummen Knaben so verletzte. Von diesem Moment an 
konnte ich ihn nicht mehr leiden. — Waren Sie nicht 
eifersüchtig auf den Knaben? — Auf wen? — Auf den 
taubstummen? — Nein? — Aber auf den Hirtenknaben? 

— Da weiß ich auch nichts. — Ich finde, Sie unterstützen 
mich in letzter Zeit gar nicht mehr, Sie denken gar nicht 
über die Analyse nach. Wenn das so fortgeht, würde 
ich genötigt sein, vorläufig die Zahl der Stunden etwas 
zu restringieren. — Ja, wenn Sie mich hinauswerfen . . . 

— Das fällt mir nicht ein, ich finde nur, Sie unterstützen 



— 423 — 



mich absolut gar nicht mehr, Sie laden alle Arbeit auf 
mich ab. Ich schlage Ihnen vor, heute abzubrechen und 
Samstag (in zwei Tagen) wiederzukommen. Bis dahin 
wird Ihnen hoffentlich irgend etwas eingefallen sein. Was 
immer Ihnen einfällt, bitte ioh mir dann zu sagen. — 
Ich möohte lieber Montag statt Samstag kommen. — 
Bitte, wie Sie wünschen. 



Ich habe meinen Urning nie wieder gesehen, auch 
nicht das geringste von ihm mehr gehört. Was aber das 
vorstehende Bruchstück einer Psychoanalyse betrifft, so 
habe ich nur weniges anzufügen. Man wird vielleicht 
erstaunt sein, welch gewaltig Material aus dem verborgen- 
sten Unbewußten zu schöpfen möglich war in 13 Sitzungen, 
oder, wenn man die beiden letzten als unfruchtbar ab- 
zieht — die allerletzte hatte ich als Pression ja selbst 
abgebrochen — bereits in 11, die nie länger währten, als 
eine Stunde und oft weniger als eine. Allerdings ist 
solch ein tiefes Schürfen in so kurzer Zeit meist nicht 
erreichbar und ward auch von mir nur durch forziertes 
Drängen erzielt, wie man es im Allgemeinen nicht machen 
soll. Man schafft sich dadurch nur stark erhöhten Wider- 
stand und läuft Gefahr, wie es mir tatsächlich am Schlüsse 
begegnete, daß der Kranke kopfscheu wird und gänzlich 
ausbleibt Trotzdem ich dies aus vielen andern Analysen 
schon wußte, ging ich gleichwohl so gewaltsam vor aus 
äußeren Gründen. Eine Reihe von Umständen hatte 
mich genötigt, die Zahl der Sitzungen bei diesem Urning 
auf bloß drei in der Woche festzusetzen, was, wie aus 
der Psychoanalyse hervorgeht, auch diesem selber im 
Anfang mindestens zu wenig war. Entscheidend jedoch 
für mein so vehementes Drängen wurde die Erkenntnis, 
daß mein Klient ein schwer belastetes Individuum sei 
mit dem Stigma des unstillbaren Reisedranges. Ich wußte 
gleich nach den ersten Sitzungen, einen solchen Patienten 



— 424 — 



würde ich nicht lange in meiner Behandlung und über- 
haupt in Wien behalten können. Hier galt es, in mög- 
lichst kurzer Zeit das Möglichste herauszuschlagen. Und 
da darf ich mit Befriedigung konstatieren, daß meine 
Erwartung, die Psychoanalyse werde beim Uranier ganz 
ungeahnte Beziehungen aufdecken, auch vollinhaltlich 
zutraf. Was mir der Urning am ersten Tage auto- 
biographisch brachte und auf meine Fragen noch münd- 
lich ergänzte, also das, was man über das Werden der 
konträren Sexualempfindung gemeinhin beim Examen 
erfährt, all dies ist ganz verschwindend gering und in 
seiner Bedeutung ganz untergeordnet gegenüber jenem, 
das eine auch nur kurze und ganz fragmentarische Psycho- 
analyse in Bälde offenbart In unserem speziellen Falle 
datierte der Kranke seine erste homosexuelle Regung mit 
bewußtem Wissen erst vom 8. Jahre. Schon wenige 
Stunden der Psychoanalyse haben eine Fülle von früheren 
Sexualerlebnissen aufgedeckt bis hinab ins 2. Lebensjahr. 
Und es ist mir nach all meinen sonstigen Erfahrungen 
ganz unzweifelhaft, daß die erstinfizierenden Sexual- 
erlebnisse auf eine noch frühere Lebenszeit zurtickgehn. 
Man findet dann endlich auch schon eine Andeutung von 
Heterosexuellem in den Träumen des 18jährigen Jüng- 
lings, und ich glaube, es wäre bei längerer Dauer der 
analytischen Behandlung auch der gewünschte Heileffekt 
nicht ausgeblieben. 



Bemerkung des Herausgebers: Da vielen der Homosexuellen der 
gewiss berechtigte Wunsch Innewohnt, heterosexuell in empfinden, müssen wir 
jedem Arzt dankbar sein, der neue BehandlungsmOglichkeiten aufweist. Nachdem 
die hypnotische Behandlung die in sie geseUten Erwartungen nicht erfüllt hat, 
bemühen sich seit einiger Zeit Prof. Freud-Wien und seine Schüler, unter denen 
der Herr Verfasser obiger Arbeit eine herrorragende Stellung einnimmt, mittels der 
Psychoanalyse gegen die Homosexualität therapeutisch Tonugehen. Noch ist es 
natürlich nicht möglich, ein abschliessendes Urteil über das neue Verfahren cu 
fallen, doch wollen wir nicht unterlassen, die Aente und die Homosexuellen auf 
Freud's analytische Methode hinzuweisen, die jedenfalls den Sexualstatus wesentlich 
tiefer und gründlicher angreift, wie die Hypnose. 



Die Bibliographie der Homosexualität. 1 ) 



Nicht belletristische Werke aus den Jahren 1906 und 1907. 
Belletristik aus den Jahren 1905, 1906 iL 1907. 

Von 

Dr. jur. Numa Praetorlus. 



*) Kor eine beschränkte Anzahl von Werken ist dieses Mal 
besprochen. Eine fast vollzählige Anführung der homosexuellen 
Schriften ist in den Monatsberichten zu finden, an deren Stelle seit 
Januar 1908 die Zeitschrift für Sexualwissenschaft getreten ist 



Inhaltsangabe. 



Abteilung I. 

Homosexuelle Schriften mit Ausnahme der Belletristik. 

Alsberg, Befragung des Sachverständigen über sein 
eigenesSexnalempfindeninder Berliner klinischen Wochen- 
schrift 1907. Nr. 50. 

Anonym, Wie sehen wir von außen ans? (Leipzig, Max Spohr.) 

Aacbaffenbnrg, Die strafrechtliche Behandlung der Homo- 
sexualität In der allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und 
psychisch-gerichtlichen Medizin. Bd. 44. 

Helmberger, Die strafrechtliche Behandlung der Homo- 
sexuellen (in der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und 
psychisch-gerichtlichen Medizin. Bd. 44.) 

Berze, Besprechung von „Söldere" Aufsatz: Die Bedeutung der 
Homosexualität nach österreichischem Strafrecht in der 
Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform. 
3. Jahrg. 4. Heft. 

Meyer von Scbauensee, Homosexualität oder Konträrsexuali- 
tät in der Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Straf- 
rechtsreform. 8. Jahrg. 4. Heft. 

Berze, Zur Frage der Zureohnungsfähigkeit der Homo- 
sexuellen. Bemerkungen zum Aufsatz mit gleichem Titel 
von Numa Praetorius in der Monatsschrift für Kriminalpsycho- 
logie und Strafrechtsreform. 4. Jahrg. 1. Heft. 

Blooh, Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Bezieh- 
ungen zur modernen Kultur. (Berlin* L. Marcus, 1907.) 

Friedländer, (Benedict), Denkschrift verfaßt für die Freunde 
und Fondszeiohner des Wissenschaftlich-Humani- 
tär enKomitees. Im Namen der Sezession des Wissenschaftlich- 
Humanitären Komitees. (Als Manuskript gedruckt Berlin 1907.) 

Hammer, Die Tribadie Berlins. (Berlin und Leipzig, Hermann 
Seemann Nachf.) 



— 428 — 



Mader, Die Heilung homosexueller Neigungen. (Leipzig, 
Max Spohr, 1906.) 

Michaelis, Die Homosexualität in Zeit und Recht (Berlin, 
Hennann Dames, 1907.) 

liest. Zwei Todfeinde unseres Volkes und ihre Bekämpf- 
ung. (Druck und Verlag des Kasseler Monatsblattes.) 

Näoke, Ober Kontrast-Träume und speziell sexuelle Kon- 
trast-Träume. (In dem Archiv für Kriminalanthropologie und 
Kriminalistik. Bd. 28. Heft 1/2.) 

Nloke, Vergleich von Verbrechen und Homosexualität 
in der Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechts- 
reform. November 1906. 

Preust, Prostitution und sexuelle Perversitäten nach 
Bibel und Talmud. (In den Monatsheften für praktische 
Dermatologie. 43. Bd. 1906.) 

Boeder, Miohel-Angelo. Ein Beitrag zu seinem Seelenleben. 
(Berlin-Leipzig, Carl Wigand, 1907.) 

Robleder, Vorlesungen Aber Geschlechtstrieb und ge- 
samtes Geschlechtsleben des Menschen. (2. Bde.) 
(Berlin, Fischers Medizin. Buchhandlung, H. Kornfeld, 1907.) 

Salgo, Die forensische Bedeutung der sexuellen Perver- 
sität. (VII. Bd. 4. Heft der Sammlung zwangloser Ab- 
handlungen aus dem Gebiet der Nerven- und Geisteskrankheiten.) 
(Carl Marhold, Halle.) 

Sehlaf, Walt Whitman, Homosexueller? Kritische Hevision 
einer WhitmanjT Abhandlung von Dr. Bertz. (Bruns Verlag, 
Minden 1906.) 

Bertz, Whitman-Mysterien. Eine Abrechnung mit Johannes 

Schlaf. (Selbstverlag.) 
Schröder, Einleitung zur deutschen Obersetzung der Zuoht- 

hausballade von Wilde. 

Für und wider den § 175 aus Anlaß des 
Moltke-Hardenprozesses. 
Für den § 175: 

Hann, Der § 175 St-G.-B. (In der Deutschen Juristen-Zeitung vom 
1. Dezember 1907.) 

Heegel, Die Reform des Strafrechts. (In der Deutschen Juristen- 
Zeitung vom 15. Januar 1908.) 

Pulsen, Zum Kapitel der geschlechtlichen Sittlichkeit 
(In der „Woche 11 vom 4. Januar 1908.) 



— 429 — 



Gegen den § 175. 

s Friedländer- Hohe -Mark, Psychologie und Gesetz. (In der 

„Umschau" vom 9. November 1907.) 
v. Soenoeky, Ein dnnkles Kapitel (In der Gegenwart vom 9. und 

16. November 1907.) 
Schmidt, Das homosexuelle Problem. (In der „Zukunft 11 vom 

21. Dezember 1907.) 
Leewenfeld, Homosexualität und Strafgesetz. (Wiesbaden, 

Verlag von T. F. Bergmann, 1908.) 

Abteilung IL 

Belletristik. 

Anonym, Verbene Junkers Liebe. (Roman.) (München und 

Leipzig bei Georg Müller, 1907.) 
Baag, Michael. (S. Fischers Verlag, Berlin, 1906. Roman.) 
Bierbaum, Prinz Kuckuck. (Georg Müller, München und Leipzig, 

■ 1907. Roman.) 
Borya, Charlotte NolL (Paris, Albin Michel. Roman.) 
Brand, Inseln des Eros. (Gedichte.) 

Dolorosa, Fräulein Dolorosa. (Lilienthal, Berlin, 1903. Roman.) 
Der Eigene. (Als Manuskript gedruckt für die Gemeinschaft der 

Eigenen, Herausgeber Adolf Brand. Jahrgang 1905.) 
Der Eigene. Band VI. (Herausgegeben von Brand und linke, 

Kunstverlag Charlottenburg 4, 1906.) 
v. d. Eken, Glüoklose Liebe. (Berlin, Metropol-Verlag. Novelle.) 
Fersen, LordLyllian. (Variier, A. Messein suooesseur, Paris. Roman.) 
Adelsward-Feraen, Le danseur aux oaresses. (Vanier, Paris 1906. 

Roman.) 

Frledrloh August Adolf, Ungewöhnliche Liebesgesohiohten. 

(Verlag Hugo Sohildberger, 1906. Novelle.) 
Hadrian, Phantasien eines Eigenen. (Leipzig, Max Spohr 1906. 

Gedichte.) 

Hasse, Les Croix de Mai & Seville im Meroure de France vom 
1. Oktober 1906. 

Hlreohberg, Fehler. (Dramatische Studie. Straßburg und Leipzig, 
Singer, 1906.) 

Mühsam, Die Psychologie der Erbtante. (Zürich, Caesar 

Schmidt, 1905.) 
Pernauhm, Die Infamen. (Leipzig, Max Spohr. Roman.) 



— 430 — 



Rectal, Le livre du däsir et de la oruelle voluptä. (Paris 
edition francaise. Roman.) 

Rlctus, Fil-de-Fer. (Paris, Louis Miohaud. Roman.) 

Rosa, Gretchen. (Gemischte Essays ttber das Ewig-Weibliohe. 
Deutsch von Wolfgang Schauenburg. Zürich, Verlag von Wolf- 
gang Sohanmburg.) 

Rüling, Welcher unter Euch ohne Sünde ist (Bilder von der 
Schattenseite«) (Leipzig, Max Spohr, 1906.) 

Soblinberger, Heureuz qui oomme Ulysse .... (Cahiers de la 
quinzaine, Paris, Rue de la Sorbonne 8.) 

Unna, Schülertagebuch. (Leipzig und Berlin, Hermann See- 
mann Naohf.) 

Wallotb, Eros. (Lotus Verlag, Leipzig.) 



Alsberg, Max, Dr., Rechtsanwalt in Berlin, Befragung 
des Sachverständigen über sein eigenes Sexttal- 
empfinden in der Berliner Medizinischen Wochen- 
schrift, 1907. Nr. 50. 

Aus Anlaß der bekannten Sensationsprozesse und der von 
einigen Zeitungen gemachten Bemerkung, das Gericht hätte den 
Sachverständigen Dr. Hirschfeld danach fragen sollen, ob er nicht 
etwa selbst homosexuell sei, untersucht Verfasser die Zulässig- 
keit einer Befragung des Sachverständigen nach seiner eigenen 
libido. 

Eine solche Frage könne einen zweifachen Zweck verfolgen: 

1. Die Befangenheit des Sachverständigen darzutun und ihn 
deshalb gemäß § 74 St.-B.-O. abzulehnen. 

2. Den inneren Wert des Gutachtens zu ermessen. 

Der Umstand, daß ein Sachverständiger oder Richter die 
gleiche libido sexualis wie eine Partei habe, sei nicht geeignet, 
Befangenheit d. h. Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit der Richter 
oder Sachverständigen zu begründen. Eine solche Besorgnis könne 
nicht in jedem beliebigen Berührungspunkt eines Sachverständigen 
mit der Partei gefunden werden. Es müßten nach dem Reichsgericht 
konkrete Momente für eine derartige Befürchtung vorhanden sein. 

Der Sachverständige oder Richter müsse durch gemeinschaft- 
liche Berührungspunkte oder Beziehungen zu der Partei ein be- 
sonderes Interesse an ihrem Schicksale haben. 

Im Einzelfall könne unter Umständen die Gleichheit der 
sexuellen Oesinnung in gewissem Grade die Besorgnis einer 
Befangenheit begründen. 

Aber z. B. die Erwägung, ein selbst abnorm veranlagter 
Sachverständiger sei besonders geneigt, mit Rücksicht auf seine 
persönlichen Verhältnisse, die Unzurechnungsfähigkeit auf Orund 
des § 51 St.-G.-B. anzunehmen, sei viel zu allgemein, um einen 
Ablehnungsgrund abzugeben. 



— 432 — 



Daß ein Richter oder Sachverstandiger in bestimmten Fragen 
zu milde oder zu streng urteile, sei kein Ablehnungsgrund. 
Jedenfalls lasse sich das Interesse am Schicksal einer Partei dann 
überhaupt nicht motivieren, wenn der Sachverstandige lediglich 
die Frage beantworten solle, ob die betreffende Partei eine be- 
stimmte sexuelle Richtung habe. 

Zu der mit der Partei gemeinsamen sexuellen Sinnenrichtung 
müßten Tatsachen behauptet werden, welche ein naheliegendes 
Interesse an dem Schicksale der Partei schafften. Man dürfe auch 
nicht einwenden, daß ein sexuell abnormer Sachverstandiger leicht 
geneigt sein könnte, bei andern Personen seine eigene Abnormität 
zu suchen. Man müßte aber schon an bestimmten konkreten 
Tatsachen glaubhaft machen, daß dies gerade eine Eigenart des 
betreffenden Sachverstandigen sei. Diese Eigenart würde nicht 
schon durch die Feststellung bewiesen werden, daß der betreffende 
Sachverstandige ein sogen. Abnormitätsriecher sei. Denn dieser 
Vorwurf werde allen Psychiatern und Nervenärzten gemacht 

Die Unzulänglichkeit einer Befragung des Sachverständigen 
über sein eigenes Sexualempfinden ergäbe sich auch daraus, daß 
das Gericht an das Outachten des Sachverständigen nicht ge- 
bunden sei und sich nur von einer Prüfung der vom Sachver- 
ständigen vorgebrachten Gründe leiten lasse. Ob diese Gründe 
gut oder schlecht seien, könne entschieden werden, ohne daß 
man wisse, ob der Sachverständige sexuell abnorm oder sexuell 
normal sei. 

Auch die Befragung des Sachverständigen über seine sexuelle 
Sinnenrichtung zu dem Zwecke, um den Beweiswert eines Gut- 
achtens zu würdigen, sei nicht statthaft Man könne die Be- 
rechtigung zu einer solchen Frage nicht einmal aus dem Argument 
herleiten, daß der mit der gleichen Sinnenrichtung wie die zu 
begutachtende Person belastete Sachverständige, besonders ge- 
eignet zur Abgabe dieses Outachtens sei. 

Denn der auf Grund seiner medizinischen Kenntnisse zum 
Sachverständigen Berufene sei nur insoweit Sachverständiger, als 
er eben seine Fachkenntnisse zur Begutachtung verwerte. Die 
Qrenze zwischen Kenntnissen auf Orund Berufes und auf Orund 
Lebenserfahrung dürfe zwar nicht peinlich gezogen werden. Aber 
unzulässig sei es, den Sachverständigen nicht mehr in seiner Eigen- 
schaft als Vertreter eines Berufes, sondern als Vertreter einer 
bestimmten sexuellen Sinnenrichtung zu befragen. 



— 433 — 



Vor allem dürfe und solle der Arzt eine solche Befragung 
mit dem Hinweis ablehnen, daß er nicht als Vertreter der be- 
treffenden Sinnenrichtung, sondern als Angehöriger des Ärzte- 
standes zur Abgabe des Gutachtens berufen sei. 

Die Beantwortung der Frage über die vita sexualis seitens 
des Sachverstandigen sei übrigens nicht durch den Sachverständigen- 
eid gedeckt. Dieser Eid umfasse nach § 79 St.-P.-O. lediglich 
die Pflicht, das erforderte Outachten unparteiisch und nach 
bestem Wissen und Gewissen zu erstatten. Unzulässig wäre es 
aber, einem Sachverständigen zwecks Auskunft über seine persön- 
lichen Verhältnisse den Zeugeneid aufzugeben. 

Die Unzulässigkeit der Befragung des Sachverständigen über 
seine vita sexualis aus Rechtsgründen werde auch mit gewichtigen 
praktischen Erwägungen gestützt. 

Die Zulassung einer derartigen Befragung würde dazu führen, 
daß schließlich jeder Richter oder Sachverständige der Gefahr 
ausgesetzt wäre, sich über seine intimsten persönlichen Ange- 
legenheiten äußern zu müssen, z. B. über Trunksucht oder Nerven- 
schwäche in Prozessen, wo bei Parteien Derartiges in Betracht 
komme. 

Die Frage beschränke sich also nicht auf das sexuelle Ge- 
biet allein. Deshalb sollte auch jeder medizinische Sachverständige 
im Interesse seines Standes die Beantwortung jeder seine intimen 
persönlichen Verhältnisse betreffenden Frage mit Entschiedenheit 
ablehnen. 

Diesen interessanten und guten Ausführungen von 
Alsberg stimme ich durchaus bei. 

Bei der einen Richter betreffenden Frage nach seiner 
mit der Partei übereinstimmenden oder ähnlichen vita 
sexualis liegt die Sache etwas anders, als bei den Sach- 
verständigen. 

Denn das Urteil des Sachverständigen ist, wie auch 
Alsberg richtig bemerkt, nicht ausschlaggebend, sondern 
eine Grundlage für das richterliche Urteil. Das richter- 
liche Urteil dagegen entscheidet und etwaige Befangen- 
heit des Richters berührt dasselbe direkt 

Ein mit der gleichen sexuellen Anomalie wie die 
Partei behafteter Richter wird nun so gut wie stets 

Jahrbuch IX. 28 



— 434 — 



allerdings dazu neigen, die der Partei günstige Auffassung 
zu vertreten. Also z. £. wird ein homosexueller Straf- 
richter bei der Verhandlung gegen einen aus § 175 An- 
geklagten wie kein anderer Richter die Grausamkeit und 
Unsinnigkeit des § 175 empfinden und mindestens un- 
bewußt schon wegen seiner eigenen Zwangslage möglichst 
die zur Strafminderung oder Straflosigkeit führenden An- 
schauungen vertreten. Er wird z. B. eher Unzurechnungs- 
fähigkeit — sei es aus der Theorie Wachenfelds, der 
mangelnden Strafeinsicht oder aus anderen Gründen — 
annehmen oder die Anwendung des § 175 auf Grund 
seines gegen Lasterhaftigkeit gerichteten Zweckes hin- 
sichtlich der Homosexuellen verneinen. 

Eine Neigung zu der Annahme solcher Theorien 
würde aber kein Grund zur Ablehnung sein, so lange 
eben keine bestimmten, eine Befangenheit rechtfertigenden 
Tatsachen vorliegen, da bloße Anschauungen eine Ab- 
lehnung wegen Befangenheit nicht rechtfertigen. Denn 
ebenso wie der homosexuelle Richter mehr die dem 
Homosexuellen günstige Anschauung vertritt, verficht 
der heterosexuelle Durchschnittsrichter die dem Homo- 
sexuellen ungünstigen Ansichten oder vielmehr Vorurteile. 
Ebensowenig wie die bei der Mehrzahl der heterosexuellen 
Richter bestehende Unkenntnis über das Wesen der 
Homosexualität und ihre Voreingenommenheit, ja ihr 
blinder Haß gegen die Homosexuellen eine Ablehnung 
wegen Befangenheit begründet, ebensowenig ist eine solche 
Ablehnung gerechtfertigt gegenüber dem homosexuellen 
Richter. 

Der Antrag auf Ablehnung des homosexuellen Richters 
wäre in der Praxis höchstens im Privatklageverfahren 
wegen Beleidigung seitens des Privatklägers oder im 
Offizialverfahren vom Nebenkläger zu erwarten. Im 
übrigen hätte der Angeklagte sicher kein Interesse dazu, 
höchstens der Staatsanwalt Selbst wenn aber der Staats- 



— 435 — 



anwalt gegen ein Gerichtsmitglied den Verdacht der 
Homosexualität hätte, würde er wohl nie einen Ablehnungs- 
antrag stellen, da er damit einen Kollegen bei den 
herrschenden Anschauungen unmöglich machen und ent- 
weder das Disziplinarverfahren gegen sich selbst wegen 
Beleidigung oder des Richters wegen der vermuteten Homo- 
sexualität hervorrufen würde. 

Würde aber der Staatsanwalt die Homosexualität 
eines Gerichtsmitgliedes kennen, weil, wie dies in einem 
mir von dem betreffenden Richter mitgeteilten Fall vor- 
gekommen ist, der Richter sich dem Staatsanwalt früher 
als Freund und Kollege entdeckt hatte, so würde natür- 
lich der Staatsanwalt noch weniger den Kollegen bloß- 
stellen wollen, sondern schlimmstenfalls sich durch einen 
andern, der Homosexualität des Richters unkundigen 
Staatsanwalt vertreten lassen, falls er es für seine Pflicht 
hielte, soweit er als Staatsanwalt auftritt, den Richter 
wegen Befangenheit abzulehnen. 

Mit Recht empfiehlt Alsberg den Sachverständigen 
ganz allgemein die Beantwortung einer Frage nach ihrem 
Triebleben aus prinzipiellen Gründen als unzulässig ent- 
schieden abzulehnen. 

Wenn jedoch das Gericht die Zulässigkeit der Frage 
bejaht, so gibt es kein Rechtsmittel gegen einen die Stellung 
der Frage anordnenden Beschluß. (§ 347 St-P.-O.) 

Das Gericht kann aber andererseits die Beantwortung 
der Frage nicht erzwingen. 

Die Eidespflicht des Sachverständigen erstreckt 
sich keinesfalls auf seine persönlichen Verhältnisse, also 
kann die Weigerung, die Fragen über seine vita sexualis 
zu beantworten, auch nicht die Strafen der Verweigerung 
des Gutachtens (§ 77 St-P.-O.) Geldstrafe bis 300, im 
Wiederholungsfalle 600 Mark, nach sich ziehen. 

Eine Vernehmung des Sachverständigen als Zeugen 

28* 



— 4S15 — 



über sein Sexualleben ist aber, wie Alsberg gleichfalls 
treffend hervorhebt, durchaus unzulässig. 

Gegen einen trotzdem die Vernehmung des Sach- 
verständigen als Zeugen über diesen Punkt anordnenden 
Beschluß wäre ein Rechtsmittel nicht gegeben, wohl aber 
gegen den im Falle der Verweigerung des Zeugnisses 
eine Strafe nach § 69 St.-P.-O. festsetzenden Beschluß 
die Beschwerde an das Oberlandesgericht bezw. Land- 
gericht (§ 346, Abs. 2 und § 347 St-P.-O.) 

Anonym, Wie sehen wir von außen aus? Aufruf an 
die Uranier (als Vortrag gedacht) von einem Ob- 
jektiven. (Leipzig, Verlag Max Spohr.) 

Der Titel ist etwas irreführend und gibt kein richtiges Bild 
von dem Inhalt. Denn nicht eine Beschreibung des Äußeren 
der Homosexuellen hat die Broschüre zum Gegenstand, sondern 
eine Methode zur Zurückdrängung und Unterdrückung der homo- 
sexuellen Neigungen wird entwickelt und empfohlen, wobei aller- 
dings das Äußere einer bestimmten Klasse der Homosexuellen, 
der Effeminierten, als Ausgangspunkt der Heilungsmethode be- 
schrieben wird. 

Verfasser sieht das Mittel der Ueberwindung des homo- 
sexuellen Triebes in einer — man könnte sagen — autopsycho- 
therapeutischen Methode, in der Ausbildung und Stärkung des 
Selbstbewußtseins und des Eigenstolzes einer, und der Einsicht 
und Erkenntnis der Fehler und kleinlichen Charakterzüge der 
geliebten Männer andererseits. Der Homosexuelle solle sich auf 
sich selbst besinnen, solle Geist und Seele zur Männlichkeit er- 
ziehen, solle danach streben den sogen. „Normalen" in geistiger 
Beziehung zu überragen. Er beurteile kühl und unparteiisch den 
Geliebten und suche sich über seine schlechten Eigenschaften 
klar zu werden, was würde er da nicht alles finden: Wie viel 
Kleinheit, Egoismus, Rachsucht, Mangel an Großmut, Aberglaube, 
Beschränktheit. 

Der Uranier sehe den Mann nicht mehr von unten — er 
schaue sich ihn von oben an und er habe aufgehört, das zu 
sein, was er früher gewesen. 

Eine Hauptvoraussetzung für die Entwicklung und Stärkung 
der Selbstsucht und des Selbstbewußtseins sei aber die Stärkung 



— 437 — 

und Kräftigung des Körpers, daher seien unbedingt neben natur- 
gemäßer geordneter Lebensweise und Ernährung körperliche 
Übungen und vieles Gehen in freier Luft nötig. Der widerstands- 
fähige, kräftige, gestählte Körper würde die Widerstandskraft des 
Oeistes und die Überwindung des homosexuellen Triebes er- 
möglichen. 

Verfasser habe an sich selbst erprobt, daß man durch mög- 
lichst naturgemäße Lebensweise, Studium der Natur und natür- 
liches Wesen die Liebe zum Manne verlieren könne. Ein herz- 
hafter Entschluß, das sei alles. Die reife und fortgesetzte 
Überlegung könne sehr viel helfen. 

Er hege keinen Wunsch, sehe keinen Menschen, bleibe auch 
in Gegenwart schöner Männer wunschlos oder das schwache Ver- 
langen sei bald wieder verflogen und beschäftige sich in Gedanken 
hauptsächlich mit dem homosexuellen Problem. 

Er lebe seit 4 Jahren einsam und unendlich zufrieden auf 
dem Land. 

Die Ratschläge des Verfassers sind sehr schön und 
beherzigenswert, sie mögen auch, wenn genau befolgt, bei 
manchen Homosexuellen eine gewisse größere Wider- 
standskraft gegen homosexuelle Reize oder wenigstens 
gegen die Versuchung jeder Betätigung des homo- 
sexuellen Triebes bewirken, aber ihr praktischer Wert für 
die große Menge der Homosexuellen ist sehr gering. Daß 
manche Homosexuelle, namentlich solche mit schwächeren 
Trieben, durch Selbstzucht und Stählung des Körpers und 
besonders wenn sie auf dem Land abgeschlossen von 
der Welt und fern von allen Reizen leben, ihren Trieb 
zu unterdrücken vermögen, ist ohne weiteres nicht zu 
verwundern. 

Aber abgesehen davon, daß vielen Homosexuellen 
die Gelegenheit fehlt zu einem zurückgezognen Land- 
leben, nützt auch bei vielen Homosexuellen die angepriesene 
Methode wenig. 

Wie ich aus einer Anzahl von Bekenntnissen von 
tief unglücklichen, hochachtbaren Homosexuellen weiß, 
die einsam auf dem Lande leben, sich viel in freier Luft 



— 438 — 



bewegen und eine hygienische Lebensweise führen, hat 
sich der homosexuelle Trieb auch nicht um das geringste 
in seiner Stärke geändert und gerade diese zurück- 
gezogenen Homosexuellen leiden am meisten unter fort- 
gesetzten Kämpfen wider ihre Natur. 

Viele, welche im allgemeinen die Batschläge des 
Verfassers befolgen, verzehren sich in ungestillter Sehn- 
sucht nach Liebe oder wenigstens sinnlicher Betätigung; 
und wenn solche Homosexuelle in der Stadt die Gelegen- 
heit zu homosexueller Betätigung finden, treten die mit 
Gewalt zurückgedrängten Triebe mit doppelter Stärke 
dann hervor. 

Ich betone nochmals, daß selbstverständlich Selbst- 
zucht und Kräftigung der Nerven und des Körpers die 
Widerstandskraft gegen sexuelle Reize stärken und zur 
Vermeidung manchen sexuellen Aktes führen können. 

Ich gebe zu, daß im Einzelfall logische Überlegung 
und kritische Selbstzersetzung eine Leidenschaft, nament- 
lich zu einen unwürdigen Gegenstand, einzudämmen ver- 
mögen und stimme den Warnungen des Verfassers, der 
Uranier solle nicht „seine Perlen vor die Säue werfen, 
nicht unwürdigen Kerlen nachjagen*, voll und ganz bei. 
Nur sind alle die vom Verfasser empfohlenen Mittel zur 
allgemeinen „Heilung* vop homosexuellen Trieben weder 
durchführbar noch wirkungsvoll. Denn das Triebleben 
kann doch meist auch durch den klarsten Verstand, den 
kritischsten Blick, die vollendetste Energie nicht beseitigt 
werden. In dem Kampf zwischen Trieb und Intellekt 
wird bei Befolgung der vom Verfasser angegebenen Mittel 
zwar oft letzterer siegen, aber eine dauernde Unter- 
drückung der Betätigung des Triebes oder gar Ein- 
schlummern des Triebes wird nicht die Regel sein. 

Verfasser geht auch überhaupt von unrichtigen Vor- 
aussetzungen aus, indem er den Homosexuellen als solchen 
als ein Geschöpf von schwachen Willen, von Energie- 



— 439 — 



losigkeit und völliger Verweichlichung und Verweiblichung 
schildert Durch eine Änderung dieser Eigenschaften 
hofft er denn auch die Sehnsucht nach dem gleichen 
Geschlecht einzudämmen, ja zu beseitigen. 

Es ist richtig, daß eine Klasse von Homosexuellen 
der Schilderung des Verfassers entspricht und nur für 
diese kann dann überhaupt das Gesagte gemeint sein, 
aber gerade bei dieser Klasse, deren Eigenschaften meist 
tief in das physiologische angeborene Wesen hinabreichen, 
ist eine Änderung ihres Charakters so gut wie aus- 
geschlossen, daher auch die aus dieser Änderung erhoffte 
Wirkung. 

Zweitens aber gibt es viele Homosexuelle, die, mögen 
sie auch verschiedene weibliche Einschläge aufweisen 
— was übrigens gar keine Minderwertigkeit zu bedeuten 
braucht, eher das Gegenteil — doch auch die schönsten 
Charakterzüge sowie eine männliche Intelligenz oft im 
höchsten Maße besitzen. 

Bei dieser Klasse kann also gar keine Rede davon 
sein, daß ihr Trieb durch Änderung eines weibischen, 
inferioren Wesens, einer Schwäche des Charakters und 
des Geistes unterdrückt werde. Denn viele Homosexuelle 
sind nicht, wie Verfasser sagt, „schwache, zitternde Ge- 
schöpfe, die nur Träume und Seufzer kennen, mit leisem, 
demütigem, mildem Wesen.* 

Viele sind stolz, selbstbewußt und selbständig, geistig 
kraftvoll und überragend. 

Und trotzdem ist ihre Geschlechtsrichtung dem 
eigenen Geschlecht zugewandt, ihr Leben lang, trotzdem 
können sie nicht oder vielmehr können sie nicht wollen, 
ihr Geschlechtsleben zu unterdrücken, eine Unterdrückung, 
die ihnen eine Minderung, Verkleinerung, Schmälerung 
ihrer Persönlichkeit bedeuten würde, ebenso wie doch 
auch der heterosexuelle kraftvolle Vollmann trotz seiner 
vollen Männlichkeit nicht vermag, die Liebe zu dem 



— 440 — 



schwachen Weibe und meist die Betätigung dieser Liebe 
zu unterdrücken oder zu beseitigen. 

Eine zu Beginn der Broschüre gemachte Bemerkung 
ist berechtigt, nämlich daß man bei den Homosexuellen 
zu oft ein behäbiges Breittreten ihrer Leiden und Schmerzen 
fände. 

Der Uranier solle nicht der gaffenden Menge der 
unbeteiligten Zuschauer sein blutendes Herz fortwährend 
zeigen. Selbst dem mitfühlenden Menschenfreunde gegen- 
über sei das fortwährende Jammern und Klagen eine 
Handlungsweise, die einen bedenklichen Mangel an Fein- 
gefühl und Takt verrate und mit guten Geschmack auch 
nicht die entfernteste Ähnlichkeit habe. 

Es ist richtig, der Klagen und des Jammerns sind 
genug. Ich füge aber hinzu: Handeln soll der Uranier, 
nicht jammernd verzagend die Hände in den Schoß legen. 

Kämpfen soll er dafür, daß die Verachtung und der 
Spott, die ihm die Heterosexuellen entgegenbringen, ver- 
stummen, streiten soll er dafür, und als sein Recht ver- 
langen, daß ein die Betätigung seines angeborenen Triebes 
bestrafendes schimpfliches Gesetz beseitigt werde. 

Nicht zutreffend ist dagegen die Behauptung des 
Verfassers, daß die meisten Uranier sich mit einem „un- 
überwindlichen Ekel und Abscheu vor dem Weibe* 
förmlich brüsteten. 

Das ist falsch, nur vereinzelt kommt solches vor. 

Die meisten brüsten sich nicht mit einem solchen 
Ekel und Abscheu. Viele empfinden auch keinen Ekel 
und Abscheu vor dem Weibe, möge ihnen auch der ge- 
schlechtliche Verkehr mit dem Weibe sehr unsympathisch 
oder physisch unmöglich sein. 

Aber auch da, wo tatsächlich Ekel und Abscheu 
herrscht, herrschen diese Empfindungen doch eben nur 
vor dem Geschlechtsakt mit dem Weibe, nicht vor dem 
Weib als solchen, als Persönlichkeit, als geistiges Wesen. 



— 441 — 



Die wahren Weiberverächter sind bei den Hetero- 
sexuellen und gerade bei heterosexuellen Dirnenjägern 
und Don Juans zu finden, die in Mißachtung und Cy- 
nismus gegenüber dem Weibe trotz ihres häufigen Ge- 
schlechtsverkehrs sich oft nicht genug tun können. 

Der Homosexuelle achtet im Durchschnitt das Weib, 
er vermag vielleicht besser als der Heterosexuelle edlen 
geselligen Verkehr mit edlen Weibern zu würdigen und 
verehrt oft Mutter und Schwester in weit erhöhterem 
Maße als der Heterosexuelle. 

Daß Ausnahmen vorkommen, ist selbstverständlich, 
namentlich wenn ein Uranier sich unglücklicher- und 
verurteilungswtirdigerweise an ein Weib durch die Ehe 
gekettet hat und später, das Ehejoch bitter bereuend, 
seinen Zorn der armen Gattin fühlen läßt 

Das gut gemeinte, aber zu einseitige und dilettantische 
Schriftchen schließt mit einer Theorie der Entstehung der 
Homosexualität, wonach die infolge der angeblichen Zwei- 
geschlechtlichkeit der Samenkeimen während der ersten 
Kindheit und Jugend noch unentschlossenen Geschlechts- 
empfindung durch ungünstige Umstände, Erziehung, Ge- 
wöhnung und Autosuggestion nach der Richtung des 
eigenen Geschlechts gedrängt werde. 

Diese Theorie deckt sich ungefähr mit der bekannten 
Anschauung Schrenk-Notzings. Alles was gegen letzteren 
schon so oft vorgebracht wurde, gilt daher auch gegen- 
über den Ausführungen des anonymen Verfassers. 
Aschaffenburg, (Köln), Die strafrechtliche Behandlung 
der Homosexualität. Vortrag gehalten in der ordent- 
lichen Versammlung des Psychiatrischen Vereins der 
Rheinprovinz am 15. Juni 1907, mitgeteilt in der 
Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und 
psych.-gerichtlichen Medizin. Bd. 44. Heft 4. 

Aschaffenburg bestreitet die Richtigkeit der Hirschfeld'schen 
Angabe, daß die Homosexuellen körperliche Eigenschaften auf- 



— 442 — 



wiesen, die sie als dem Weib nahestehend kennzeichneten. Viele 
von Aschaffenburg untersuchter Homosexuelle zeigten keine Ab- 
weichung von der Norm. 

Aber bei vielen sind solche körperliche Merkmale vor- 
handen, dies bestätigt z. B. auch Loewenfeld, vgl. weiter unten. 

Gegen das Angeborensein der Homosexualität sprächen die 
Heilerfolge, von deren A. sich zu überzeugen oft Gelegenheit 
gehabt 

Mir war es leider bisher nie möglich, solche „Geheilte" 
kennen zu lernen, dagegen habe ich mehrere Bekannte, die sich 
die Homosexualität von berühmten Ärzten wegsuggerieren lassen 
wollten, jedoch ohne Erfolg. 

Bei allen Homosexuellen sei eine psychopathische Dispo- 
sition vorhanden. Auch A. befürwortet die Straflosigkeit des 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs und schlägt als Schutzalter das 
18. Lebensjahr vor. 

Die Ärzte hätten keinen Anlaß, bei einer Erscheinung psycho- 
pathischer Natur für die Aufrechterhaltung einer Strafandrohung 
einzutreten, die erfahrungsgemäß völlig wirkungslos bleibe. 

In der gleichen Versammlung des Psychiatrischen Vereins 
der Rheinprovinz hat Heimberger, Josef, Dr., Die 
strafrechtliche Behandlung der Homosexuellen, 

vom juristischen Standpunkt erörtert Der Vortrag 
ist gleichfalls mitgeteilt in der Allgemeinen Zeit- 
schrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtlichen 
Medizin. 

Nach einem kurzen Überblick über die Gesetzgebung der 
außerdeutschen Staaten und den Vorläufern des St-G.-B. bezüg- 
lich des homosexuellen Verkehrs, bespricht Heimberger den vom 
Reichsgericht ausgedehnten Tatbestand des § 175 auf Handlungen, 
bei denen von „Beischlafähnlichkeit" nicht mehr viel zu finden sei. 
Die Auslegung des geltenden Rechts sei unsicher, die Bestimmung 
des St.-0.-B. selbst aber willkürlich. 

Er untersucht dann die Frage, wie sich das neue Straf- 
gesetzbuch zu der Behandlung des homosexuellen Verkehrs zu 
stellen habe. 

Einen Grund, diesen Verkehr an und für sich zu bestrafen, 
hält er für nicht gegeben. 

Die bloße Tatsache, daß dieser Verkehr der geschlechtlichen 



Zucht und Sitte zuwiderlaufe, rechtfertige eine staatliche Straf- 
drohung nicht. 

Unmoralische Handlungen seien nur dann zu strafen, wenn 
sie auch eine soziale Gefahr bedeuteten. 

Heimberger geht dann die von Mittermaier in der rechts* 
vergleichenden Darstellung besprochenen Gründe, die man für 
die Strafbarkeit anführe, durch und gelangt zu demselben Er- 
gebnis wie Mittermaier. 

Die Untergrabung der Gesundheit sei kein Grund zur Strafe, 
sonst müßten auch die Onanie, sowie die Unmäßigkeit im Essen 
und Trinken ja am Ende auch das Übermaß des naturlichen Ge- 
schlechtsgenusses bestraft werden. 

Wir lebten nicht mehr im Polizeistaat des 18. Jahrhunderts, 
der geglaubt habe, die Untertanen am Gängelband leiten und wie 
das preußische Landrecht alle Schädlichkeiten durch Strafdrohungen 
von ihnen fernhalten zu müssen. 

Zwar ist es zutreffend, daß wegen Gesundheits- 
beschädigung, die sich der Täter selbst zufügt, eine Strafe 
beute unzulässig erscheint, aber es muß noch betont 
werden, daß die Frage nach der Gesundheitsbeschädigung 
infolge homosexuellen Verkehrs als Strafgrund gar nicht 
aufgeworfen werden kann, weil der ohne Übermaß ge- 
pflegte homosexuelle Verkehr des Homosexuellen die 
Gesundheit ebensowenig beschädigt wie der Geschlechts- 
verkehr der Heterosexuellen. 

Deshalb ist die Behauptung Heimbergers, „der homo- 
sexuelle Verkehr soll vor allem die Gesundheit unter- 
graben, dies ist sicher richtig 11 , sicher falsch und nur 
der Nachsatz nicht unberechtigt, „zumal wenn die be- 
treffenden Handlungen im Übermaß vorgenommen werden". 

Die Befürchtung einer Beförderung der Entvölkerung als 
Folge der Aufhebung des § 175 weist Heimberger gleichfalls 
zurück. Es sei dies eine so entfernte Gefahr, daß sie nicht zu 
gesetzgeberischen Maßnahmen zu zwingen brauche. Übrigens 
müßte man von diesem Gesichtspunkt aus dann konsequenter- 
weise auch die künstliche Verhinderung der Befruchtung mit 
Strafe belegen und daran denke doch einstweilen kaum irgend 
Jemand. 



— 444 — 



Was die angebliche Erschütterung der Eheordnung anbelange, 
so werde — falls man darunter Abhaltung der Menschen von der 
Ehe als der gesetzmäßigen Art des Geschlechtsverkehrs verstehe 
— die Eheordnung mindestens ebenso sehr durchbrochen durch 
den naturlichen außerehelichen Geschlechtsverkehr und man müßte 
dann auch diesen unter Strafe stellen. Solle es aber soviel heißen, 
als daß der Ehe zwischen Mann und Weib als gleichberechtigt die 
Verbindung zwischen Homosexuellen an die Seite gestellt und so 
das Ansehen und die rechtliche und sittliche Schätzung der Ehe 
beeinträchtigt werden könnte, so sei trotz des Verlangens gewisser 
Homosexueller nach Anerkennung der Quasiehe zwischen Männern 
dies Begehren eine so absonderliche Idee, daß sie niemals Einfluß 
auf einen größten Teil des Volkes gewinnen könne. 

Es bleibe noch die Gefahr, daß durch den gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr die geschlechtlich-sittlichen Anschauungen über- 
haupt untergraben und dadurch der Staat in seiner Grundlage, in 
der Erhaltung gesunden Familienlebens, bedroht würde. 

Diese Gefahr hält Heimberger tatsächlich für ge- 
geben und zwar sieht er sie in «den Bestrebungen der 
Homosexuellen durch sog. wissenschaftliche Aufklärung 
für ihre Ideen Propaganda zu machen". 

Er geht sogar soweit eine Strafandrohung gegen die öffent- 
liche Verbreitung homosexueller Ideen zu empfehlen. 

Dieser Anschauung Heimbergers kann nicht energisch 
genug entgegengetreten werden. 

Es ist absolut falsch, daß der Staat durch die Auf- 
klärung über das Wesen der Homosexualität in seiner 
Grundlage bedroht würde. 

Durch Beseitigung und Richtigstellung eines jahr- 
hundertjährigen Vorurteils und Irrtums kann dem Staat 
niemals eine Gefahr erwachsen, es besteht eben nur die 
„Gefahr*, daß solche Anschauungen über das Wesen der 
Homosexualität durch richtige Erkenntnis ersetzt werden. 

Die freie Diskussion in Wort und Schrift über eine 
unbestrittene Frage darf nicht unterbunden werden, es 
würde heutzutage als ein Unikum und als ein absolut 
ungerechtfertigter und unzulässiger staatlicher Eingriff 



— 445 — 



in das Recht wissenschaftlicher Aufklärung, ja freier 
Meinungsäußerung erscheinen, wenn man die Erörterung 
der homosexuellen Frage verbieten oder lediglich die 
die Verbreitung der bisherigen Anschauungen über Homo- 
sexualität billigenden Ansichten gestatten würde. 

Was Heimberger unter „Propaganda für homosexuelle 
Ideen* meint, weiß ich nicht recht. 

Sollte er befürchten, daß eben Heterosexuelle in 
ihrem Gefühlsleben umgestimmt, gleichsam zur Homo- 
sexualität herübergelockt werden sollen, so würde ein 
solcher Versuch einmal so töricht und sodann so aus- 
sichtslos sein, daß eine Strafandrohung selber dem Fluch 
der Lächerlichkeit verfallen würde. 

Ein solcher Versuch ist eben bisher auch nicht ge- 
macht worden und ist auch nicht zu befürchten. 

Mögen auch gewisse Homosexuelle extremen An- 
schauungen über das Wesen der Homosexualität huldigen 
und übertriebene Forderungen in der sozialen Anerkennung 
der Homosexuellen aufstellen, so wollen doch auch sie 
nur für sich, die Homosexuellen, diese Forderungen und 
wollen in keiner Weise für ihr Gefühl Proselyten unter 
den Heterosexuellen suchen. Man möge diese An- 
schauungen und Forderungen in Wort und Schrift be- 
kämpfen, aber eine Strafandrohung gegen freie Meinungs- 
äußerung ist undenkbar. 

Eine Propaganda, wenn man dies so nennen will, 
wird man jedoch nie und nimmer mehr verhindern können 
und auch Strafandrohungen werden da nichts nützen, 
sondern den Kampf nur stärker an- und entfachen, 
nämlich die Propaganda, bezweckend die Verbreitung 
der Anschauung, daß der Konträrsexuelle nicht ein Ver- 
brecher ist, nicht Verachtung und nicht Strafe verdient. 

Will man übrigens, daß die Erörterungen über die 
homosexuellen Fragen wieder mehr in den Hintergrund 
treten, dann nehme man dem Homosexuellen den Nimbus 



— 446 — 



des Märtyrertums, dann beseitige man die Strafandrohung 
für den gleichgeschlechtlichen Verkehr an and für sich. 
Dann wird auch wie in andern Ländern die homosexuelle 
Frage wieder mehr in das Dunkel zurücktreten. 

Trotzdem Heimberger für diese sog. Propaganda 
Strafe wünscht, hält er doch die Aufrechterhaltung des 
§ 175 in seinem jetzigen Umfang für unangebracht. 

Die Entwicklung der Gesetzgebung gehe immer mehr in der 
Richtung der Einschränkung der Strafbarkeit des gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs. Eine Ausdehnung der Strafbarkeit etwa auf den 
Verkehr zwischen Weibern sei ausgeschlossen und doch wäre es 
nicht folgerichtig, nur den Verkehr zwischen Männern zu bestrafen, 
schließlich müßte man aber auch die w. U. zwischen Mann und 
Frau bestrafen. 

Der Eingriff in die Rechtssphäre eines Dritten läge nicht vor, 
sondern nur Verletzung der die öffentliche Rechtsordnung und 
öffentliche Sittlichkeit nicht berührenden Sittengesetze. 

Die Strafandrohung sei auch ziemlich wert- und erfolglos. 
Die Zahl der Verurteilungen stehe ganz außer Verhältnis zur Zahl 
der Vornahme der Handlungen. Die Strafandrohung sei eine 
Quelle zahlloser Erpressungen. Heimberger will daher nur die 
Verführung zu w. U. bestraft wissen, sowie die gewerbsmäßige 
männliche Prostitution. 

Wenn man die weibliche Prostitution bestraft, ist es 
allerdings ungerecht, die männliche straffrei zu lassen. 

Es ist ferner durchaus gerechtfertigt und ist auch 
von den Bekämpfern des § 175 stets verlangt worden, 
daß Jugendliche geschützt werden. 

In dem Vorschlag Heimbergers, die Verführung 
einer unbescholtenen männlichen Person unter 21 (18) 
Jahren zu w. U. zu bestrafen, ist jedoch das Schutz- 
alter von 21 Jahren viel zu hoch angesetzt Es ist nicht 
richtig, daß das 21. Lebensjahr beim Jüngling, dem 
16. beim Mädchen entspricht. 

Höchstens das 18. beim Jüngling wäre dem 16. beim 
Mädchen gleichzusetzen und auch das kaum. 

Heimberger will ja übrigens, wie er dies durch die 



— 447 — 



Beifügung von 18 in Klammern zu erkennen gibt, event. 
auch dieses Schutzalter für eine genügende Grenze halten» 

Ich würde es übrigens für praktischer und zweck- 
mäßiger halten, in einer Richtung die Strafbestimmung 
zu verschärfen und andererseits das Schutzalter auf 16 
oder 17 Jahre herabzusetzen. 

Ich halte es nicht für angebracht, das Merkmal der 
.Unbescholtenheit 11 in den Paragraphen aufzunehmen. 

Bei Mädchen hat der Begriff viel mehr Berechtigung. 
Die Unbescholtenheit läßt sich dort viel eher feststellen, 
beim Jüngling führt die Feststellung zu schwierigen Unter- 
suchungen; wann soll der Jüngling als unbescholten gelten? 
wenn er noch nicht mit Männern geschlechtlich zu tun 
gehabt oder wenn er auch noch kein Weib berührt hat? 

Und wenn bisherige Keuschheit verlangt wird, wird 
nicht in sehr vielen Fällen die Strafandrohung illusorisch? 

Es kommt aber noch ein anderer Gesichtspunkt hinzu. 

Heimberger will auch die gewerbsmäßige männliche 
Prostitution bestrafen. 

Demnach würde sehr oft der Fall eintreten, daß ein 
Junge von etwa 16 Jahren, der Geld angenommen hat, 
bestraft, der welcher das Geld gegeben und mit dem 
Jungen verkehrt, wegen Mangels der Unbescholtenheit 
des Jungen nicht bestraft werden könnte. Viel richtiger 
wäre es einfach, die Vornahme jeglichen gleich- 
geschlechtlichen Verkehrs mit Jungen unter 16 (oder 
event. 17) Jahren zu bestrafen ohne Rücksicht auf Be- 
scholtenheit oder Unbescholtenheit der Jungen. Und 
zwar wären nicht bloß beischlafähnliche Handlungen, 
sondern auch gegenseitige Onanie, ja einseitige aber unter 
Mitwirkung eines Mannes vorgenommene, etwa von dem 
Jungen an dem Älteren verübt oder umgekehrt, zu be- 
strafen. 

Am besten würde der weitumfassende Ausdruck 
„gleichgeschlechtliche Handlungen* in das Gesetz auf- 



genommen. Ein ziemlich weiter Strafrahmen würde die 
Möglichkeit gewähren, bloße onanistische und onanie- 
ähnliche Akte milder zu bestrafen als z. 6. immiasio penis 
in anum. 

Der Ansicht Heimbergers endlich, daß es nicht nötig 
sei, für die gewaltsame Vornahme unzüchtiger Handlungen 
an Männern eine spezielle Strafandrohung aufzustellen, 
da der § 240 St.-G.-B. über die Nötigung ausreiche, 
schließe ich mich völlig an, schon Wegen der tatsächlichen 
Seltenheit derartiger Fälle und der regelmäßigen Mög- 
lichkeit des Mannes, sich gegen Notzucht seitens eines 
andern Mannes zu wehren. 

Übrigens gibt ja auch § 185 von dem Gesichtspunkt 
der tätlichen Beleidigung aus ein Mittel, gewaltsame An- 
griffe zu ahnden. 

Der Vortrag von Heimberger ist, bis auf Heim- 
bergers Verlangen einer Bestrafung der Aufklärung über 
die homosexuellen Fragen, insofern ein erfreuliches Zeichen, 
als ein auch in katholischen Kreisen eine nicht zu 
unterschätzende Autorität genießender Gelehrter wie 
Heimberger die Notwendigkeit der Straflosigkeit des 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs an und für sich einsieht 
und diese Straflosigkeit befürwortet. 

Hader, Max, Dr., Die Hellung homosexueller Neigungen. 

(Leipzig, Spohr. 1906.) 

Eine Heilsbotschaft glaubt Verfasser den Homo- 
sexuellen zu künden: Er preist eine Methode um den 
gleichgeschlechtlichen Trieb zu heilen. 

Dabei geht er von der Krankhaftigkeit der homo- 
sexuellen Neigung aus; die Frage, ob wirklich eine Krank- 
heit vorliege, prüft er kaum. 

Die Tatsache der Krankhaftigkeit steht ohne Weiteres für 
ihn fest Die Homosexualität ist ihm eine aus den Kulturver- 
hältnissen herausgewachsene, mit der Kultur verknüpfte Krankheit. 



— 449 — 



(Daß ihr häufiges Vorkommen bei den Naturvölkern 
diese Theorie umstößt, scheint Verfasser nioht zu stören.) 

Er hält sie auch für eine bei den Nachkommen eingetretene 
Übersättigung am Weib in Folge Übermaß im sexuellen Genuß 
mit dem Weib seitens der Vorfahren. 

Gleichzeitig nennt er sie aber ein natürliches Gegengewicht 
gegen drohende oder ausgebrochene Übervölkerung, eine Er- 
klärung, die dann direkt gegen Krankhaftigkeit spricht, jedenfalls 
Heilung und Beseitigung der Homosexualität gar nicht wünschens- 
wert erscheinen lassen würde. 

Er unterscheidet passive und aktive Päderastie. Bei ersterer, 
wenn sie aus innerm Zwange erfolge, fände keine, oder nur eine 
mangelhafte Verarbeitung der überschüssigen weißen Blutzellen 
in den Hoden statt, daneben bestehe Stauung und vermehrte 
Btutfülle in den Mastdarmpartien, der Oeschlechtsakt wirke zum 
Teil wie die Massage einer rheumatisch erkrankten Partie, zum 
Teil erfolgte durch die Irritation eine stärkere, schleimige Ab- 
sonderung, die mit einer derartigen Erleichterung einhergehe, wie 
sie der coitus beim Normalen mit sich bringt. 

Einer Kritik dieser seltsamen, längst überlebten, und als falsch 
erkannten Erklärung passiver Homosexualität, die früher in 
einigen Werken spukte, bedarf es nicht. Daß die homosexuelle 
Neigung, möge sie nun ihre Befriedigung in passiver Päderastie 
oder aktiven Handlungen finden, psychisch bedingt ist und nicht 
physisch, steht heute fest. 

Die Kur, welche nun Verfasser den Homosexuellen sowohl 
den passiven als den aktiven anempfiehlt, ist Einschränkung der 
Nahrung und Entziehung reizender Kost. 

Meidung von eiweißreicher Nahrung, auch zuckerhaltiger 
Speisen, wenns not tue auch aller gekochter (!) Nahrung. 

Diese Nahrungseinschränkung müsse lange fortgesetzt werden, 
bis zu dem Grade, daß Ohnmachtsanwandlungen einträten (!) 
dann schwände die Liebesempfindung. 

Das Fasten und Hungern könne noch verstärkt werden durch 
Schwitzen. 

Die Kur müsse allerdings unter strenger ärztlicher Leitung 
erfolgen. 

Die Ausführungen des Verfassers enthalten ja zweifel- 
los ein Körnchen Wahrheit, insofern reizvolle Kost den 

Jahrbuch IX. 29 



— 450 — 



Geschlechtstrieb steigert. Wer zu großer sexueller Er- 
regbarkeit neigt, möge in der Wahl seiner Kost vorsichtig 
sein. Exzesse im Alkohol- oder Fleischgenuß, überhaupt 
in der Nahrung, möge jedermann vermeiden. 

Dies sind aber so allgemeine Wahrheiten, daß man 
weiter kein Wort darüber zu verlieren braucht. Die kon- 
träre GeschlechtsempfinduDg aber durch fortgesetzte 
Nahrungseinschränkung oder vielmehr -entziehung (denn 
Beseitigung der gekochten Nahrung bedeutet nicht viel 
mehr) heilen! zu wollen, kann man ruhig als Lächerlich- 
keit bezeichnen. 

Allerdings glaube ich dem Verfasser, daß, wenn man 
monatelang die gekochte Nahrung entzieht und dieses 
Regime mit Schwitzkuren begleitet, daß, wenn man die 
Nahrungseinschränkung bis zur Ohnmachtsanwandlung 
fortsetzt, dann der konträre Geschlechtsdrang nicht 
nach Betätigung drängt, ebenso wie beim Normalen 
unter den gleichen Bedingungen der Trieb zum coitus 
einschlummern wird. 

Daß jedoch die Triebrichtung an und für sich durch 
Fasten und Hungern beseitigt wird, halte ich ganz sicher 
für ausgeschlossen. 

Das Schweigen des Triebes aber, dank der von dem 
Verfasser gepriesenen Methode wird immer nur ein zeit- 
liches sein können, solange die Fastenkur dauert oder 
kurze Zeit nachher. Lebenslang aber eine derartige Kur 
mitzumachen, dafür werden sich wohl die meisten Homo- 
sexuellen bedanken. 

Die weitere Behauptung ist völlig falsch, die Behandlung der 
konträren Sexualempfindung sei einfach derjenigen von andern 
Krankheiten wie Qicht oder Zuckerharnruhr gleichzustellen und ihre 
Heilung (!?) werde sich gleich lange, ebenso leicht und ebenso 
schwer annähernd vollziehen (!) 

Verfasser hat einen richtigen — aber von keinem 
Mediziner wohl vernachlässigten Gedanken — vernünftige 



— 451 — 



Dosierung und Auswahl der Kost — in übertriebener, 
einseitiger Weise aufgebauscht und verzerrt. 

Dieser Einseitigkeit und Selbstüberschätzung der 
eigenen Allheilmethode entspricht auch die Verdammung, 
welche der Verfasser gegen die gewöhnliche von den 
Ärzten geübte Behandlung der Krankheiten überhaupt 
schleudert, gegen die Operationen, Serum-, Medikamenten-, 
Heiß- und Kaltwasserbehandlungen, durch welche die 
Kranken systematisch umgebracht würden. 

Er ergeht sich in die gewohnten Ausfälle so mancher all- 
wissender „Heilkundigen 1 " gegen die Ärzte als die bestellten 
Henker für die Kranken. Natürlich sind ihm auch die Richter 
Henker von Kranken, denn in derselben kritischen Weise sind 
für ihn alle Verbrecher Kranke, Selbstverständlich plädiert er 
für Aufhebung des § 175, er rät aber den Homosexuellen, Heilung 
und Genesung nach seiner Methode zu erstreben, sonst würden sie 
nach Aufhebung des § 175 das Gefängnis auf Grund der offiziellen 
Behandlungsweisen mit dem Irrenhaus vertauschen müssen. 

In der Bekämpfungsart des § IIS findet sich gleichfalls Ein- 
seitigkeit, eine Verquickung mit sozialistischen Tendenzen und 
eine falsche Auffassung der dem § 175 zu Grunde liegenden Ge- 
sichtspunkte. 

Verfasser meint der rascheste Weg zur Aufhebung des § 175 
sei die Herbeiführung einer Aktion in größerem Stile, zwecks 
Durchsicht und Prüfung des gesamten Geschlechtslebens und 
der Ehegesetzgebung vom freiheitlichen Standpunkt 

Allerdings auf vielen andern Gebieten außer dem 
homosexuellen, sind Reformen nötig, aber keine andere 
Frage ist so spruchreif, wie die homosexuelle, kein anderer 
Paragraph hat sich so tiberlebt, wie der § 175 und keiner, 
wie er, bedarf so dringend der Abänderung. Deshalb 
würde eine Einreihung der Agitation auf Beseitigung des 
§175 in eine allgemein-reformatorische, nicht die Er- 
reichung des Zieles näher rücken, sondern in weite Ferne 
bannen. 

Ebenso verfehlt ist der Oedanke, daß der § 175 und alle 
übrigen unter Strafe gestellten Handlungen nur bestraft würden, 

29* 



— 452 — 



weil der Staat diese Verbrechen nicht beseitigen, sondern nur 
besteuern wolle. 

Die Beseitigung des § 175 würde nur bei Selbstbesteuerung 
der Homosexuellen zu erhoffen sein. Wenn sie das Oeld nicht 
erst dem Advokaten bei der Prozeßführung, sondern freiwillig 
hergäben, werde man sie als „arme Kranke" betrachten und ihrer 
Neigung werde keine Schande anhaften. 

Solange die Homosexuellen im Dienste des Molochs, des 
Kapitalismus standen, würden sie aus ihren Prozessen nicht 
herauskommen*. 

In dem Schriftchen tauchen manche interessante, 
geistreiche Gesichtspunkte auf, leider erstickt in einem 
Schwall des Maßlosen, Überspannten, Unreifen, wovon die 
letzten einer näheren Kritik nicht bedürftigen Sätze ein 
charakteristisches Beispiel gewähren. 

Berze, Josef« Dr., Privatarzt, Wien. In der Monats- 
schrift für Kriminalpsychologie und Straf- 
rechtsreform von Aschaffenburg. 3. Jahrg. 4. Heft. 
S. 22. 

Berze bespricht den in den Jahrbüchern für Psychiatrie und 
Neurologie von Sölder veröffentlichten Aufsatz über: „Die Be- 
deutung der Homosexualität nach österreichischem Strafrecht 1 ) 
Berze will, entgegen von Sölder, daß überhaupt der Gerichtsarzt 
sich in foro gar nicht mit der Auslegung der Gesetzesstellen über 
Geisteskrankheiten und Zurechnungsfähigkeit beschäftige, es sei 
gar nicht Sache des Gerichtspsychiaters, das geltende Gesetz aus- 
zulegen oder das Verhältnis des Inkulpaten zum Geiste des Ge- 
setzes zu prüfen. Sache des Psychiaters könne es vielmehr nur 
sein, den Fall ganz unbefangen vom rein psychiatrischen Stand- 
punkt aus zu beleuchten, ein möglichst klares und deutliches Out- 
achten zu liefern und namentlich bei der Darstellung des Falles 
darauf Rücksicht zu nehmen, daß der Richter selbst in die Lage 
versetzt werde, sich ein möglichst genaues Bild vom Geistes- 
zustände des Täters zur Zeit der Tat zu machen. Ob und welcher 
Strafausschließungsgrund geltend gemacht werden könne, habe 
dann der Richter nach juristischen Prinzipien zu entscheiden. 
Sodann will Berze die Ausführungen von Sölder über den Straf- 



') Z. vgl. Die Bibliographie im Jahrbuch VIII, S. 806. 



— 453 — 



ausschließungsgrand des unwiderstehlichen Zwanges nicht bloß 
auf die Homosexualität beschranken, sondern auf alle krankhaften 
Impulse ohne eigentliche Qeistesstörung ausdehnen. 

In allen solchen Fallen komme es meist nicht darauf 
an, ob „Beraubung des Vernunftgebrauches, Sinncnver- 
rückung oder Sinnenverwirrung" vorhanden sei, vielmehr sei zu 
prüfen: die pathologische Steigerung des Antriebs, andererseits 
die pathologische Herabsetzung der Widerstandsfähigkeit. Das 
Vorhandensein beider Momente könne bei allen krankhaften Trieben 
auch bei intakter Intelligenz unter Umständen zur Straflosigkeit 
führen. 

In der Regel beschäftigten sich die Gutachter nur mit der 
Frage, ob die Intelligenz des Täters Störungen aufweise oder 
nicht, und Hinterstoisser habe es gelegentlich so scharf als möglich 
betont, daß er einen exkulpierenden psychischen Defekt nicht an- 
erkennen könne, wenn „lediglich ein Ausfall moralischer Empfin- 
dungen bei sonst vollkommen intakter Intelligenz, insbesondere 
bei Mangel an Schwachsinn vorliege." 

Entweder müßten alle Homosexuellen „bei sonst vollkommen 
intakter Intelligenz" ohne weiteres als zurechnungsfähig angesehen 
werden, oder man müsse auch bei Individuen, die durch einen 
Impuls anderer Art im Sinne eines inneren Zwanges beherrscht 
würden, in einer Art und Weise begutachten, die von der bis- 
herigen Schablone abweiche. In den ersteren Fehler werde hoffent- 
lich niemand verfallen wollen; die Homosexuellen hätten den 
Ärzten gewissermaßen die Augen geöffnet Hoffentlich würden 
also auch die anderen, unter einem durch pathologische Verhält- 
nisse unwiderstehlich gewordenen Zwang Handelnden, mit der 
Zeit eine gerechtere, von der jetzt gebräuchlichen simplizistischen 
Methode abweichende Beurteilung ihres Geisteszustandes erfahren. 

Die Auffassung von Berze über die Aufgabe des 
Sachverständigen halte ich nicht für richtig. Soweit es 
sich um Begriffe handelt, die in das Gebiet des Psychiaters 
fallen, wie z.B. Beraubung des Vernunftgebrauchs, Störung 
der Geistestätigkeit, ist es auch dessen Sache, nicht nur 
eine Erläuterung davon zu geben, sondern auch zu sagen, 
was der Gesetzgeber mit diesen Begriffen meinen mußte 
und gemeint hat Ist ein Begrif, wie z. B. Ausschluß der 
freien Willensbestimmung oder unwiderstehlichen Gewalt, 



— 454 — 



nicht direkt psychiatrischer Art, so hat zwar der Sach- 
verständige nicht zu entscheiden, was der Gesetzgeber 
damit gemeint hat, er darf sich aber auch nicht damit 
begnügen, einfach das Krankheitsbild darzulegen und dem 
Richter überlassen, die Schlüsse zu ziehen, ob das be- 
treffende Krankheitsbild den gesetzlichen Begriff erfüllt 
oder nicht, sondern der Sachverständige hat die ver- 
schiedenen Auslegungen, die ihm nötigenfalls der Richter 
auseinanderzusetzen hat, ins Auge zu fassen und anzugeben, 
welche Auslegung in Anwendung auf das konkrete Krank- 
heitsbild Straffreiheit zur Folge hat, welche nicht. 

Nur auf diese Weise kann der Richter das Ver- 
hältnis des konkreten Krankheitsbildes zum Gesetzesbegriff 
auch richtig auffassen und nur so kann die Möglichkeit 
einer unrichtigen Ein- und Abschätzung der konkreten 
Krankheit verhütet werden. 

Auch dem zweiten Gesichtspunkte muß ich wider- 
sprechen, wonach der homosexuelle Trieb einfach auf 
gleiche Stufe mit allen möglichen krankhaften Trieben 
zu stellen und die Zurechnungsfähigkeit in allen diesen 
Fällen ebenso wie beim homosexuellen Trieb zu beurteilen 
sei. Diese Anschauung verkennt das Wesen des homo- 
sexuellen Triebes. Der homosexuelle Trieb ist nicht wie 
sonstige krankhafte Triebe und Gelüste ein nur in 
vorübergehenden Augenblicken auftretender, mit dem 
Charakter der Persönlichkeit meist in Widerspruch stehen- 
der, mit dem gesamten Ich nicht verflochtener Impuls, 
sondern eine mit dem gesamten Wesen der Person ver- 
wachsene, mit der Konstitution aufs engste verknüpfte, 
einen wesentlichen Teil des Ichs bildende Eigenheit, eine 
Konstitutionsanomalie und -eigenschaft. Der homosexuelle 
Trieb begleitet von der Kindheit bis zum Grab den 
Homosexuellen, er gibt sich fortgesetzt kund, er drückt 
der gesamten Persönlichkeit seinen Stempel auf, er hat 



— 455 — 



daher mit sonstigen Zwangsgedanken nichts weiteres gemein, 
als der heterosexuelle Trieb. 

Die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit für die 
aus dem homosexuellen Trieb fließenden Handlungen ist 
daher von denjenigen nach der Verantwortung für Hand- 
lungen, die aus sonstigen krankhaften Trieben entstehen, 
zu trennen. 

Wenn man aber die Krankhaftigkeit des homo- 
sexuellen Triebes annehmen und die Herabsetzung der 
Widerstandsfähigkeit des Homosexuellen gegen die homo- 
sexuellen Reize und Stärke der Beize entscheiden lassen 
will, dann darf man nicht in seltenen Ausnahmefällen die 
Zurechnungsfähigkeit ausschließen, sondern muß die Un- 
zurechnungsfähigkeit des Homosexuellen für homosexuelle 
Handlungen stets anerkennen. Denn man darf dann nicht 
als Maßstab für die Widerstandskraft den — abgesehen 
von dem homosexuellen Trieb — gesunden, normalen 
Homosexuellen nehmen und die zur Unzurechnungsfähig- 
keit führende, herabgesetzte Widerstandskraft, nur bei 
den im hohen Maße nervenschwachen, wirklich kranken 
Homosexuellen annehmen. 

Geht man wirklich von dem normalen Homosexuellen 
bei der Beurteilung der herabgesetzten Widerstandskraft 
aus, so verdient man den Vorwurf der Inkonsequenz und 
des Widerspruchs ; wer den homosexuellen Trieb für krank- 
haft hält, hat nicht die Widerstandskraft des normalen 
Homosexuellen zugrunde zu legen. Dieser normale Homo- 
sexuelle muß selber schon als krank gelten und jedenfalls 
ist seine Widerstandskraft gegen homosexuelle Reize im 
Verhältnis zum Heterosexuellen äußerst herabgesetzt 
Zum Maßstab und Ausgangspunkt ist der Heterosexuelle 
zu nehmen und dessen Widerstandskraft gegen die homo- 
sexuellen Antriebe. Da regelmäßig beim Heterosexuellen 
die Widerstandskraft gegen homosexuelle Reize eine sehr 
große und die Anreize dazu eine sehr geringe sind, wird 



— 456 — 



der Heterosexuelle, der homosexuelle Handlungen begeht, 
auch zurechnungsfähig sei. Der Homosexuelle dagegen 
nicht, denn bei ihm ist im Vergleich zum Heterosexuellen 
die Widerstandskraft aufs äußerste herabgesetzt, der Reiz 
im Vergleich zum Heterosexuellen im höchsten Maße 
gesteigert. 

Nachweise besonderer Umstände für die Herabsetzung 
der Widerstandskraft sowie der Stärke des Reizes sind da 
nicht nachzuweisen, sie ergeben sich aus der der hetero- 
sexuellen entgegengesetzten homosexuellen Natur. 

Betrachtet man den homosexuellen Trieb zwar an und 
für sich als krankhaft, jedoch nur unter besonderen Um- 
ständen als die Zurechnungsfähigkeit für homosexuelle 
Handlungen ausschließend, dann greift in Wirklichkeit 
die größte Ungerechtigkeit Platz. Dann wird sogar der 
nervenkranke, etwa durch Exzesse in seiner Widerstands- 
kraft heruntergekommene und gegen jeden plötzlich auf- 
tauchenden Reiz widerstandslose Heterosexuelle, der faute 
de mieux homosexuelle Handlungen vornimmt, oder der 
nervenschwache Homosexuelle, der sich an unmündigen 
Knaben vergreift, straflos ausgehen, während der Homo- 
sexuelle, der nur mit Erwachsenen verkehrt, der sich 
derart zu bemeistern weiß, daß er seinen Trieb nur maß- 
voll befriedigt, dem Strafrichter anheimfällt, obgleich auch 
bei ihm im Vergleich zum Heterosexuellen die Wider- 
standskraft gegen homosexuelle Reize aufs äußerste herab- 
gesetzt, der Anreiz selber aufs äußerste gesteigert ist. 

Ein Weg scheint mir übrigens zu bestehen, um schon 
jetzt dem lächerlichen § 175 seine Spitze gegen die 
Homosexuellen zu nehmen, möge man nun ihren Trieb 
für krankhaft halten oder nicht, möge man Zurechnungs- 
oder Unzurechnungsfähigkeit bei Begehung der sexuellen 
Handlungen des Homosexuellen annehmen. Es besteht 
nämlich meiner Ansicht nach die Möglichkeit, den § 175 



— 457 — 



deshalb auf die Homosexuellen nicht anzuwenden, weil 
der Gesetzgeber gar nicht den homosexuellen Trieb kannte 
und mit dem Gesetz gar nicht homosexuelle Menschen 
treffen wollte. Der Gesetzgeber wollte nur Heterosexuelle 
bestrafen, die gleichgeschlechtliche Handlungen vor- 
nehmen, keinesfalls aber Homosexuelle. 

Ich zögere daher nicht mit bezug auf die Anwendung 
des § 175 gegenüber Homosexuellen den schon von G roh- 
mann (Kriminalrechtswissenschaft S. 179 § 559) aus- 
gesprochenen Satz für richtig und in der Praxis für ver- 
wertbar zu erklären: 

«Ein Gesetz, welches auf einer anerkannt unrichtigen 
Vorstellung von der Sache, von der es redet, beruht, hat 
für uns nicht mehr Gesetzeskraft." 

Heyer von Schauensee, Dr., (Oberrichter), Homosexuali- 
tät oder Kontrasexualität In der Monatsschrift für 
Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform von 
Aschaffenburg. 3. Jahrg. 4. Heft, S. 227. 

Ein 35 jähriger Lehrer C. hat an 11 Knaben im Alter von 
9—14 Jahren unzüchtige Handlungen vorgenommen, indem er 
einige Knaben entkleidete, sie auf die Knie setzte, am Oberkörper 
kitzelte und teilweise deren Geschlechtsteile berührte, so lange 
bis er Befriedigung empfunden. 

Bei C. wird durch Dr. Cattani, Nervenarzt in Luzern, konträre 
Sexualempfindung festgestellt Er konstatiert eine Anzahl neuro- 
pathischer Merkmale. Urteil: 6 Monate Arbeitshaus, abzüglich 
3 Monate Untersuchungshaft 

Verfasser untersucht, ob Freisprechung hätte erfolgen sollen. 

Er verneint dies nach Luzerner Recht. Mit Recht hätten 
Dr. Cattani und das Gericht nur verminderte Zurechnungsfähig- 
keit (Vernunft) angenommen. Der § 51 des Luzerner Kriminal- 
strafgerichts, welches nur denjenigen für straffrei erkläre, der eine 
Handlung begangen habe in einem des Gebrauches seiner Ver- 
nunft nicht mächtigen Zustande, scheine nur solche Geistes- 
störungen zu berücksichtigen, durch welche im allgemeinen 
die freie Willensbestimmung ausgeschlossen werde und nicht bloß 



— 458 — 



in Bezug auf einzelne spezielle Handlungen. Dieser Auffassung 
entspreche auch die genannte luzernische Qerichtspraxis. 

Das deutsche Recht dagegen verlange im § 51 nicht aus- 
drücklich eine krankhafte Störung der Geistestätigkeit, durch 
welche im allgemeinen die freie Willensbestimmung ausgeschlossen 
sei, sondern begnüge sich auch mit dem Nachweis einer krank- 
haften Störung der Geistestatigkeit, durch welche im besonderen, 
in Bezug auf eine gewisse Handlung die freie Willensbestimmung 
ausgeschlossen sei. Geistesstörungen seien nicht identisch mit 
Geisteskrankheiten. Dabei sei ausschließlich auf das Vorstcllungs-, 
nicht auf das Willensvermögen Gewicht zu legen. Nicht der 
Drang zur konkreten Tat, sondern die allgemeine Zwangsvor- 
stellung, unter welcher der Tater leide, sei das Entscheidende. 
Die Tat könne daher der Ausdruck einer krankhaften Stimmung 
sein, auch wenn der Täter ruhig und überlegt zu Werke ginge. 
Die Ansicht, welche auf den Drang zur Tat Gewicht lege, kehre 
zu dem überwundenen Standpunkt zurück, von dem aus man die 
Monomanie als krankhafte Störungen betrachtet habe. 

Bei der Auslegung, der die Zurechnungsfähigkeit 
regelnden Begriffe der Gesetze, darf man nicht, wie es 
oft geschieht, allzu eng verfahren. Zweifellos haben alle 
Gesetzgeber mit dem Ausschluß der Zurechnungsfähigkeit 
ein und dasselbe gemeint Sie haben sagen wollen, daß 
diejenige Handlung nicht bestraft werden solle, welche 
unter dem Einfluß einer erheblichen geistigen Erkrankung 
zustande gekommen ist. Dem Psychiater liegt es dann 
ob, im Einzelfall zu entscheiden, ob die geistige Krank- 
heit und ihr Einfluß auf die Handlung erheblich genug 
ist, um den Täter als unzurechnungsfähig, als un- 
verantwortlich, als nicht strafwürdig zu bezeichnen. Dabei 
haben die Gesetzgeber für die Zustände der Unzurechnungs- 
fähigkeit verschiedene Bezeichnungen gebraucht. Der 
eine spricht von Beraubung des Vernunftgebrauches, 
der andere von Ausschluß der freien Willensbestimmung 
infolge krankhafter 8törung der Geistestätigkeit, der 
dritte von dlmence (Wahnsinn) usw. 

Die Verschiedenheit der Bezeichnung rührt zum 



— 459 — 



großen Teil daher, daß der Stand der Psychiatrie ein 
verschiedener war zu den verschiedenen Zeiten, als die 
Gesetze erlassen wurden. 

Wenn nun der Gesetzgeber die zu seiner Zeit über 
die Unzurechnungsfähigkeit herrschenden psychiatrischen 
Ansichten in eine Formel zu bringen versuchte, so besagt 
diese Formel nichts anderes eben, als der nach psychia- 
trischer Lehre als unzurechnungsfähig geltende Täter 
solle straffrei sein. 

Ändern sich die Lehren der Psychiatrie, werden die 
früheren Grenzen der Zurechnungsfähigkeit als zu eng 
erkannt, so hat sich die Bestimmung der Zurechnungs- 
fähigkeit nach den neuen Forschungen der psychiatrischen 
Wissenschaft zu richten. Denn die Begriffsbestimmung 
des Gesetzes ist nichts als ein allgemeiner Grundsatz, 
dessen näheren Inhalt erst die psychiatrische Wissen- 
schaft auszufüllen hat. 

Wenn daher nur von einer Beraubung des Vernunft- 
gebrauches die Rede ist, so wird Unzurechnungsfähigkeit 
nicht bloß da anzurechnen sein, wo das Vorstellungs- 
leben, sondern auch da, wo das Willensleben krankhaft 
gestört ist; auch krankhafte Triebe bei ganz oder relativ 
intakter Intelligenz können als die Unzurechnungsfähig- 
keit bedingend betrachtet werden. 

Deshalb darf man z. B. auch nicht im österreichischen 
Strafrecht an dem Wort Beraubung des Vernunft- 
gebrauches in dem Sinne kleben bleiben, als ob krank- 
hafte Triebe lediglich von dem Gesichtspunkt der un- 
widerstehlichen Gewalt aus Straflosigkeit bedingen könnten. 
Diese Anschauung führt ja auch zu dem geradezu ab- 
surden Zustand, daß, wenn man den Begriff unwider- 
stehliche Gewalt seinerseits auf krankhafte Zustände 
nicht anwendet, wie das österreichische oberste Gericht 
anscheinend es tut, wegen krankhafter Triebe, bei denen 
eine Beraubung des Vernunftgebrauchs im buchstäblichen 



— 460 — 



Sinne nicht vorliegt, überhaupt eine Straflosigkeit nicht 
eintreten könnte, auch in denjenigen Fällen, wo alle 
Psychiater einstimmig die Unzurechnungsfähigkeit an- 
nehmen würden. 

Gerade diese absurde Konsequenz, die auch der Ge- 
setzgeber nicht gewollt haben kann, zeigt, daß der Be- 
griff der Beraubung des Vernunftgebrauchs nichts weiter 
als Beispiele der Unzurechnungsfähigkeit infolge krank- 
hafter Geisteszustände sind. 

Welche Willkür es bedeutet, in den Gesetzesbegriffen 
der Unzurechnungsfähigkeit eine enge Umschreibung der 
Bedingungen finden zu wollen, zeigt auch der Artikel 
vom Oberrichter Mayer von Schauensee, der die Ver- 
urteilung oder Freisprechung des Homosexuellen, der 
sich an den 12jährigen Knaben vergreift, von dem 
Ausdruck des Gesetzes über die Unzurechnungsfähigkeit 
abhängig machen will und glaubt nach Luzerner Straf- 
recht sei wegen des Ausdrucks, des Gebrauches seiner 
Vernunft nicht mächtig, nur verminderte Zurechnungs- 
fähigkeit anzunehmen, nach deutschem Recht dagegen 
wegen des Wortlautes der auch bei der einzelnen Hand- 
lung die Möglichkeit eines Ausschlusses der freien 
Willensbestimmung gestattende § 51 völlige Unzurechnungs- 
fähigkeit und Straffreiheit 

Diese Folgerung halte ich für irrig. Geht man von 
dem von mir verfochtenen Standpunkt aus, daß der Ge- 
setzgeber mit den Begriffen der die Straffreiheit be- 
gründenden geistigen Störungen nur eine Formel für die 
von den Sachverständigen festzustellende Unzurechnungs- 
fähigkeit hat geben wollen, so können auch krankhafte 
Zustände des Gefühls- und Trieblebens, nicht bloß des 
Vorstellungslebens unter den Gesetzesbegriff des Luzerner 
Strafgesetzes subsumiert werden. 
Bene, Josef, Dr., Zur Frage der Zurechnungsfähigkeit 

der Homosexuellen. In der Monatsschrift für 



— 461 — 



Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform 
von Aschaffenburg. 4. Jahrg. 1. Heft (April). 
Bemerkungen zum Aufsatze mit gleichem Titel, von 
Dr. Numa Prätorius in derselben Zeitschrift 3. Jahrg. 
4. Heft 

Meine obigen Bemerkungen zu den Aufsätzen von Berze 
und v. Schauensee in der Monatsschrift von Aschaffenburg 3. Jahrg., 
4. Heft hatte ich zusammengefaßt und in einem selbständigen Auf- 
satz in der gleichen Zeitschrift veröffentlicht. Qegen diesen Auf- 
satz wendet sich Berze im 4. Jahrgang 1. Heft. 

Berze erkennt mit mir an, daß an und für sich die Unter- 
scheidung zwischen Begriffen direkt und nicht direkt psychiatrischer 
Art berechtigt sei. 

Er glaubt aber nicht, daß der Unterschied so tiefgreifender 
Art sei, daß er dem Sachverständigen ein grundsätzlich ver- 
schiedenes Verhalten zur Pflicht mache. Ob ein Begriff mit 
psychiatrischem Inhalt den gesetzlichen Inhalt erfülle oder nicht 
habe der Richter zu entscheiden. 

Trotz seines Widerspruches gegen meine Ansicht, daß bei 
psychiatrischen Begriffen der Sachverständige zu entscheiden habe, 
ob der Gesetzesbegriff Anwendung finde oder nicht, muß mir 
Berze im Grunde Recht geben. Denn er sagt selbst, meine An- 
sicht wäre richtig, wenn nach psychiatrischer Anschauung Recht 
gesprochen würde. 

Gerade das soll aber meiner Ansicht nach geschehen 
und soll erstrebt werden, soweit Materien in Betracht 
kommen, die eben der Sachverständige allein richtig be- 
urteilen kann. 

Auch was die Auslegung der Gesetzesstellen nicht 
direkt psychiatrischer Art anbelangt, muß Berze zugeben, 
daß der von mir vorgeschlagene Weg, die verschiedenen 
möglichen Auslegungen ins Auge zu fassen, keinesfalls 
an und für sich zu verwerfen ist. 

Nur hält er ihn für aussichtslos, weil der Sachverständige 
regelmäßig ein und für allemal eine bestimmte Auslegung der 
betreffenden Gesetzesstelle sich zurechtgelegt habe und nur diese 
als eine Direktive für alle einschlägigen Fälle betrachte, während 



— 462 — 



er die andern ihm nicht konvenierenden Auslegungen in der 
Regel ganz unberücksichtigt lasse. 

Auch in dieser Beziehung wäre eben anzustreben, 
daß die Sachverständigen nicht eine, sondern die ver- 
schiedenen Auslegungen in Rechnung zögen. 

Zur Frage der Unzurechnungsfähigkeit der Homosexuellen 
insbesondere hält mir Berze entgegen, daß in Österreich jeden- 
falls der Sachverstandige homosexuelle Triebe nicht unter die 
die Beraubung des Vernunftgebrauches rechtfertigenden Zustande 
rechnen könne, weil der Oberste Gerichtshof ausdrücklich ent- 
schieden habe, daß die Homosexualität, soweit sie die Intellekt- 
sphäre nicht berühre, auch nicht zu diesen Zuständen gezahlt 
werden dürfe und daher der § 2 lit a. c, (wo es sich eben um 
Beraubung des Vernunftgebrauches handelt) auf sie nicht An- 
wendung fände. 

Allerdings ist tatsächlich bei dieser Sachlage eine 
bedauerliche Gesetzeslücke vorhanden. 

Da jedoch die moderne Psychiatrie davon ausgeht, 
daß jede Störung des Trieblebens auch die übrigen 
Sphären und so auch die Intellektssphäre nicht unberührt 
läßt, wäre vielleicht in Fällen von Unzurechnungsfähig- 
keit infolge von Homosexualität damit zu helfen, daß 
eben der Psychiater betont, daß auch die Intellektssphäre 
nicht normal ist und der normale Vernunftgebrauch nicht 
besteht. 

Berze wehrt sich sodann gegen meine Behauptung, er habe 
den homosexuellen Trieb mit sonstigen krankhaften Trieben auf 
eine Stufe gestellt Mir scheint es, als ob eine solche Auffassung 
mindestens zwischen den Zeilen von Berzes Aufsatz herauszu- 
lesen war, jedenfalls scheint Berze auch jetzt noch zu bezweifeln, 
daß der homosexuelle Trieb regelmäßig sich von andern krank- 
haften Trieben in der von mir geschilderten Weise unterscheidet 
Er meint nur, was ich zur Charakterisierung des homosexuellen 
Triebes anführe, träfe wahrscheinlich für eine große Zahl von 
Fällen zu. 

Ich kann nur wiederholen, daß in den meisten Fällen, 
nicht nur in einer großen Anzahl von Fällen, der homo- 



— 468 — 



sexuelle Trieb eben einfach die Parallele zum hetero- 
sexuellen Trieb bildet und nicht ein zeitweise auftretender, 
gleichsam als krankhafter Trieb der Persönlichkeit sich 
aufdrängender und wieder ab und zu verschwindender 
Impuls ist, sondern regelmäßig das Geschlechtsleben des 
Individuums und die ganze Individualität beherrscht 
und zwar bestimmt ebenso wie es der heterosexuelle 
Trieb tut. 

Nur ausnahmsweise möge es sich um vorübergehend 
auftauchende homosexuelle Impulse handeln. Mir sind 
wenigstens Fälle letzterer Art nicht bekannt, während 
ich viele hunderte der anderen kenne. 

Hinsichtlich der herabgesetzten Widerstandskraft des Homo- 
sexuellen gegen die gleichgeschlechtlichen Reize stimmt jetzt 
Berze ungefähr mit mir überein, denn er nimmt eine solche her- 
abgesetzte Widerstandskraft ausdrücklich bei jedem echten Homo- 
sexuellen ohne Ausnahme an. 

Dies etwa wollte ich sagen, indem ich ausführte, man dürfe 
nicht nur beim nervenschwachen durch besondere pathologische 
Merkmale ausgezeichneten Homosexuellen eine herabgesetzte 
Widerstandskraft anerkennen uud dürfe deshalb nicht als Maßstab 
für eine Widerstandsfähigkeit gegen homosexuelle Anreize den 
normalen Homosexuellen ansetzen. 

Den Ausdruck „normale 11 Homosexuelle hat dabei 
Berze nicht gebraucht, ich wollte ihm diesen Ausdruck 
auch nicht in den Mund legen, sondern nur aus seinen 
Ausführungen über die selten anzunehmende, nur unter 
besonderen Umständen vorhandene Unzurechnungsfähig- 
keit des Homosexuellen die Folgerung ziehen, daß man 
damit den von mir als „normal* bezeichnete — abgesehen 
von einer Homosexualität keine krankhaften Merkmale 
aufweisende — Homosexuelle als Maßstab für die Wider- 
standsfähigkeit gegen homosexuelle Anreize nehme solle 
und nicht den Heterosexuellen. 

Zum Schluß glaubt Berze, daß auch die weitherzigste 
Gesetzesauslegung nicht imstande wäre, die Verhältnisse, 



— 464 — 



welche man durch Aufhebung des § 175 herbeiführen 
wolle, heute schon herzustellen. 

Soweit die Zurechnungsfähigkeit in Betracht kommt, 
hat jedoch sogar schon ein Gegner der Straf auf hebung 
— Wachenfeld — jeden Homosexuellen für unzurech- 
nungsfähig und straffrei erklärt 

Was endlich mein Hinweis auf die irrige Gesetzes- 
voraussetzung für die Bestrafung des gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs anbelangt und das von mir behauptete dem 
Richter zustehende Auslegungsrecht, daß Homosexuelle 
wegen des irrigen Gesetzesgrundes nicht strafbar seien, 
so findet eine solche Auslegungsmöglichkeit in der heute 
sich mehr und mehr Geltung verschaffenden Strömung 
einer freien, Sinn und Zweck der Gesetze berücksichtigen- 
den Gesetzesinterpretation Stütze und Berechtigung. 

Bloch, Iwan, Dr., Das Sexualleben unserer Zeit in seinen 

Beziehungen zur modernen Kultur. (Berlin SW. 61. 

Louis Marcus Verlagsbuchhandlung 1907.) 

Das Werk von Bloch gibt eine Darstellung der Ent- 
wicklung der gesamten Sexualwissenschaft und ihrer 
Ergebnisse bis auf die allerletzte Zeit in einer an Gelehr- 
samkeit, Gründlichkeit und Vollständigkeit bewunderungs- 
würdigen Weise. 

Die Aufgabe, die Bloch sich gesetzt, eine Enzyklopädie 
der gesamten Sexualwissenschaft zu liefern, hat er im 
vollsten Sinne des Wortes erfüllt. Denn alle Sexualfragen 
der verschiedensten Gebiete sind eingehend behandelt 
nach dem Stand der neuesten Forschung. Für die Zwecke 
dieser Bibliographie interessieren am meisten Blochs Aus- 
führungen über die Homosexualität. Er beschäftigt sich 
mit ihr eingehend in zwei Kapiteln: 

19. Kapitel. Das Rätsel der Homosexualität (mit Anhang : 
Theorie der Homosexualität) S. 534—588 und 20. Kapitel. Die 
Pseudo-Homosexualität (griechische und orientalische Päderastie, 
Hermaphroditismus, bisexuelle Varietäten) S. 588—607. 



— 4G5 — 



Es war zu befürchten, daß Bloch, der bisher der Theorie 
des Angeborenseins der Homosexualität auf Grund bloßer 
theoretischer und literarischer Studien sehr skeptisch, ja 
ablehnend gegenübergestanden hatte, auch in seinem 
nächsten Werk diese Anschauung wieder vertreten würde. 
Dem ist aber nicht so. Vielmehr hat Bloch ganz und 
gar seine Ansicht geändert und sich im wesentlichen auf 
Seite der Hirschfeldschen Anschauung gestellt Der «Fall 
Bloch 11 ist besonders lehrreich und für die Verbreitung 
richtiger Ansichten über das Wesen der Homosexualität 
von der allergrößten Bedeutung. 

Vor fünf Jahren, als Bloch seine Beiträge zur Ätio- 
logie der psychopathia sexualis veröffentlichte, leugnete 
er unter Anführung reichlichen geschichtlichen Materials 
geradezu das Vorkommen angeborener konträrer Sexual- 
empfindung und betrachtete alle Homosexualität als eine 
durch die verschiedensten Umstände bei Heterosexuellen 
erzeugte, auf das Variationsbedürfnis und den Reiz- 
hunger des Menschen zurückzuführende, zu allen Zeiten 
und Orten vorkommende Perversität. 

Damals triumphierten die Gegner der Theorie des 
Angeborenseins und die Anhänger der Lastertheorie. Ich 
glaube sogar, damals gelesen zu haben, daß durch Bloch 
die «Entdeckungen • des Komitees widerlegt seien. Und 
jetzt nach wenigen Jahren muß Bloch selbst unumwunden 
die Existenz einer von Natur aus mit angeborenem Trieb 
zum gleichen Geschlecht geschaffenen Menschenklasse, die 
eine physiologische Varietät des genus homo darstelle, 
zugeben. 

Diese Umwandlung ehrt Bloch in höchstem 
Maße und läßt ihn als einen wirklichen Forscher, als einen 
unparteiischen, objektiven Gelehrten erkennen, der nicht 
davor zurückschreckt, eine frühere unrichtige, auf mangeln- 
der praktischer Erfahrung beruhende Ansicht aufzugeben, 
nachdem das Studium von lebendem Material ihn von 

Jahrbuch XI. 30 



— 466 — 



ihrer Unrichtigkeit und von der Richtigkeit der bisher 
bekämpften Ansicht überzeugt hat. Möchten alle »Forscher*, 
welche trotz ihrer Unkenntnis des Lebens und Wesens 
der Homosexuellen mit hohen Worten sie abtun zu können 
glauben, an Bloch sich ein Beispiel nehmen und wie er die 
Homosexuellen auch gründlich studieren und beobachten. 
Es wäre dies sehr zu wünschen, ist aber kaum zu hoffen. 

Allerdings schon im vergangenen Jahr war in Blochs 
Auffassung aus seinen Erörterungen in der Schrift „die 
Perversen" eine gewisse Änderung, wenn auch etwas 
zögernd, herauszulesen. Heute aber verkündet er ganz 
offen, daß seine frühere Ansicht im wesentlichen irrig war 
und erkennt die Klasse der geborenen Homosexuellen 
und zwar als eine zahlreich vorhandene an. Zu diesem 
Erkenntnis gelangte Bloch, wie er es offen zugesteht, 
nur durch das Bekanntwerden mit zahlreichen Homo- 
sexuellen durch Vermittlung des Komitees, durch die 
genaue Beobachtung und das Studium dieser Leute. 

Er berichtet: Er habe eine sehr große Anzahl homosexueller 
Männer und Frauen gesehen, untersucht und sowohl zu Hause, 
als in der Öffentlichkeit beobachtet und ihre Lebensweise, ihre 
Oewohnheiten, Anschauungen, ihr ganzes Tun und Treiben kennen 
gelernt. Da habe sich ihm die unzweifelhafte Tatsache ergeben, 
daß die Verbreitung der echten Homosexualität als angeborene 
Naturerscheinung doch eine viel größere sei, als er früher ange- 
nommen. 1 ) 

Nachdem Männer der höchsten und angesehensten Berufe, 
vor allem aktive Richter, praktische Ärzte, Naturwissenschaftler, 
vor allem Theologen und als große Forscher berühmte Oelehrte 
höheren Alters, sich als durch und durch homosexuell von Kind- 
heit an ihm gegenüber bekannt hätten, sei er von der Existenz 
der originären, wenigstens sehr früh auftretenden Homosexualität 
durchaus überzeugt worden. 

») In seiner Ätiologie hatte Bloch nicht einmal die Existenz der an- 
geborenen Homosexualität an und für sich als feststehend betrachtet Sogar 
als sehr seltenes „Naturspie." schien ihm Ihr Vorkommen zweifelhaft. Dies 
besagt der Satz 249, „daß eine originäre Anlage zur gleichgeschlechtlichen 
Liebe sehr unwahrscheinlich, jedenfalls sehr selten ist.- 



— 467 — 



Früher habe er geglaubt, daß die echte Homosexualität nur 
eine Abart der Pseudo-Homosexnalität sei. Jetzt müsse er aner- 
kennen, daß sie eine besondere, wohl charakterisierte Oruppe 
bilde, welche von allen Formen der Pseudo-Homosexualität scharf 
zu trennen sei. Er müsse aus seinen ärztlichen Beobachtungen, 
die er so genau und so objektiv wie möglich angestellt habe, 
den Schluß ziehen, daß bei durchaus gesunden, sich von andern 
normalen Menschen nicht unterscheidenden Individuen beider Oe- 
schlechter schon in frühester Kindheit und sicherlich nicht durch 
irgend welche äußeren Einflüsse hervorgerufen, sich die Neigung 
und nach der Pubertät der Geschlechtstriebe auf Personen des 
eigenen Oeschlechts richte und ebensowenig zu ändern sei, wie 
man einem heterosexuellen Manne den Trieb zum Manne aus- 
treiben könne. Als besonders wichtig ist hervorzuheben, daß 
Bloch betont, daß der größere Bruchteil der originären Homo- 
sexuellen durchaus gesund, hereditär nicht belastet, körperlich 
und psychisch normal sei, daß ein anderer Teil — ebenso wie 
ein Teil der Heterosexuellen — erblich belastet und von neuro- 
psychopathischer Konstitution sei, daß endlich ein dritter Teil 
Erscheinungen von Nervosität und Neurasthenie aufweise, die 
aber während des Lebens aus einem ursprünglich gesunden Zu- 
stand sich durch die schmerzlichen Erfahrungen des „Andersseins" 
als die große Menge entwickelt hätten. 

Das Verhältnis von Oesundheit und Krankheit bei den Homo- 
sexuellen sei ursprünglich das gleiche wie bei Heterosexuellen 
und werde auch im Laufe des Lebens infolge der sozialen und 
individuellen Isolierung der Homosexuellen, die wie ein psychisches 
Trauma wirke, zu Ungunsten der Krankheit etwas verschoben, 
hier handele es sich aber meist um erworbene nervöse Leiden 
und Beschwerden, um die Ausbildung eines eigenartigen Typus 
„homosexueller Neurasthenie", der bei oberflächlichen Beobachtern 
sehr wohl eine Verwechslung des „post hoc" mit dem „propter 
hoc" hervorrufen könne. 

Bloch deutet also die Krankhaftigkeit vieler Homo- 
sexueller in gleicher Weise, wie ich dies schon längst 
verschiedentlich in der Bibliographie getan hatte. 

Unter diesen deprimierenden psychisch-traumatisch 
wirkenden Umständen ist an erster Stelle die das Leben 
vieler Homosexueller vergiftende, jeden Lebensgenuß 

30* 



— 468 — 



und Lebensfreude zerstörende Strafandrohung zu er- 
blicken. 

In den Einzelheiten stimmt jetzt Bloch in den wesentlichen 
Punkten hauptsachlich mit Hirschfeld überein, sowohl hinsichtlich 
der körperlichen als der psychischen Merkmale der Homosexuellen, 
wenn er auch in dem einen oder andern Merkmalen — eine größere 
oder geringere symptomatische Bedeutung als Hirschfeld zuschreibt 
So z. B. bezweifelt er, daß die Vorliebe der Knaben für Mädchen- 
spiele oder der Mädchen für Knabenspiele als ein diagnostisch 
wertvolles Zeichen der späteren Homosexualität aufgefaßt werden 
könne, ebenso erachtet er die abnorm starke Entwicklung der 
Brüste, weil auch bei durchaus normal heterosexuellen Männern 
eine keineswegs seltene Erscheinung, für eine Diagnose der Homo- 
sexualität weniger wichtig, als die mangelhafte Entwickung des 
Kehlkopfes und das Ausbleiben des Stimmwechsels. Im Prinzip 
und in den meisten Einzelheiten schließt sich aber Bloch Hirsch- 
feld an, er gibt insbesondere seinen in seiner Ätiologie zum 
Ausdruck .gebrachten Standpunkt, daß die meisten der für die 
Homosexuellen als charakteristisch angeführten Eigenschaften aus 
der Pflege gewisser verweichlichenden Beschäftigungen oder Be- 
rufe herzuleiten seien, ganz und gar auf. 

Unter den Charaktereigenschaften bestätigt auch Bloch, er 
könne die Angabe Hirschfelds, daß die Homosexuellen aus niederen 
Ständen ihr Milieu geistig überragten, nach häufigen Unterhaltungen 
mit homosexuellen Arbeitern, Hausdienern usw. durchaus be- 
stätigen. 

Die Besonderheit der Anlage habe hier früh eine gewisse 
geistige Vertiefung herbeigeführt, habe diese Menschen früh ge- 
lehrt, über die Welt und das menschliche Dasein nachzudenken. 
Jeder Homosexuelle sei ein Philosoph für sich. Die meisten 
Heterosexuellen, namentlich der niederen Klassen, kämen gar 
nicht dazu , so viel über sich und ihre Beziehungen zur Außen- 
welt nachzudenken, wie das beim Homosexuellen ganz natür- 
lich sei. 

Ein Umstand, der wohl auch noch zu dieser ge- 
wissen geistigen Überlegenheit der Homosexuellen aus 
dem Volk im Vergleich zu ihren heterosexuellen Brüdern 
beiträgt, ist der höhere bildende Einfluß und die geistige 
Befruchtung der Homosexuellen aus dem Volke infolge 



— 469 — 



ihres engen familiären, intimen Verkehrs mit den Homo- 
sexuellen der höheren und höchsten Stände. 

Hinsichtlich der Verbreitung der Homosexualität erkennt 
Bloch die große Wichtigkeit der statistischen Ergebnisse an. 

Es sei im Interesse des naturwissenschaftlichen und sozialen 
Studiums der Homosexualität dringend erforderlich, daß diese 
Untersuchungen fortgesetzt würden. Denn wenn es sich heraus- 
stellen sollte, daß die Berechnung nach den Ergebnissen der 
Enquete für das Oesamtreich zuträfe — was er in Anbetracht 
der naturgemäßen Konzentration einer relativ größern Zahl von 
Homosexuellen in Berlin nicht annehmen möchte — so käme den 
Urningen tatsächlich eine größere soziale Bedeutung zu, als 
man früher geglaubt In jedem Fall sei ihre Zahl groß genug, 
um sie als eine merkwürdige anthropologische Varietät des genus 
homo erscheinen zu lassen. 

Die in seiner Ätiologie aufgestellte Behauptung, daß bei 
den Juden echte Homosexualität selten sei, sieht sich Bloch ge- 
zwungen zu widerrufen, da er inzwischen zahlreiche jüdische 
Homosexuelle kennen gelernt habe. 

Es wäre auch wirklich auffällig, warum gerade der 
homosexuelle Trieb das Judentum unberührt lassen sollte. 
Mir scheint der Prozentsatz der homosexuellen Juden 
im Verhältnis der heterosexuellen Juden der gleiche zu 
sein, wie bei den Christen. Natürlich gibt es weniger 
jüdische Homosexuelle als christliche, weil es eben viel 
mehr Christen als Juden gibt. Auch ich kenne eine 
ganze Anzahl jüdischer Homosexuelle. 

Eine weitere irrige Anschauung die Bloch nunmehr 
mit sehr anerkennenswertem Freimut berichtigt, bezieht 
sich auf die Homosexualität großer Männer. Während 
er in seiner Ätiologie auch nicht einen geistig bedeuten- 
den und bekannten Mann als homosexuell gelten ließ, 
stellt er jetzt selbst eine ganze Liste solcher hervor- 
ragender homosexuell geborener Männer auf. 

Insbesondere rechnet er auch Michel Angelo dazu, 
dessen Homosexualität er in der Ätiologie als Perversität 



— 470 — 



zu betrachten, nnd auf des Künstlers Häßlichkeit und 
Mangel an Frauenliebe zurückzuführen geneigt schien. 

Die Ausführungen Blochs über die Betätigung der Homo- 
sexuellen im gleichgeschlechtlichen Verkehr (hauptsachlich unter 
Berücksichtigung der Arbeiten von Hirschfeld und Meißner) sind 
durchaus richtig. 

Auch Blochs Behauptung, die Homosexuellen per- 
horreszierten im allgemeinen jeden geschlechtlichen Ver- 
kehr mit dem Weib, trifft für viele Homosexuelle zu, bei 
vielen kann man aber nicht gerade von einem horror 
sprechen, auch ohne daß sie bisexuell sind. Viele Homo- 
sexuelle können den Beischlaf ohne horror vollziehen, 
aber er stellt für sie nur einen gleichgültigen, etwas lang- 
weiligen Akt ohne Genuß oder wenigstens lediglich mit 
grobsinnlichem lokalen Kitzel dar. 

Zur Charakterisierung der Homosexuellen bringt Bloch 
zwei Autobiographien Homosexueller. 

Im Anschluß an die von einem 32jährigen Arzte her- 
rührende, sagt Bloch: er müsse gestehen, daß diese Bekenntnisse 
eines hochachtbaren ärztlichen Kollegen, einer geistig bedeuten- 
den und ideal empfindenden Natur, den tiefsten Eindruck auf ihn 
gemacht und wesentlich mit dazu beigetragen hätten, seine An- 
schauungen über das Wesen der originären Homosexualität zu 
berichtigen. Ähnliche mündliche Mitteilungen habe er von andern 
von Kindheit an homosexuellen Ärzten, einem Neurologen und 
einem Psychiater, empfangen, und er lege auf die Angaben dieser 
als Ärzte und als Homosexuelle doppelt sachverständigen Kollegen 
den größten Wert Es sei auch wichtig, daß, woran er, Bloch, 
auch früher nie gezweifelt habe, gerade die meisten Ärzte das 
Oros des Homosexuellen für körperlich und geistig gesund er- 
klärten und die Allgemeingültigkeit der Entartungstheorie be- 
stritten. 

Über die Versammlungs- und Rendezvous-Orte der Homo- 
sexuellen der Oroßstädte gibt Bloch Schilderungen nach den Be- 
schreibungen von Krafft- Ebing und besonders von Hirschfeld, 
sowie hinsichtlich von Paris nach meinen in den früheren Biblio- 
graphien veröffentlichen Mitteilungen, sowie nach Tardieu. Be- 
sonders interessant sind auch seine Berichte über die im Jahr 1831 



— 471 — 



allabendlich von den Pariser Homosexuellen erfolgten Beschlag- 
nahme eines Teiles der Champs Elysles, sowie über männliche 
Bordelle aus dem Jahre 1820. 

Den § 175, welchen Bloch noch in seiner Ätiologie I 
(S. 251—254) an und für sich als gerechtfertigt erachtete und den 
er nur in dem Sinne geändert wissen wollte, daß an Stelle des 
Oefängnisses zwangsweise Internierung der Homosexuellen in 
Spezialanstalten eintreten solle, will jetzt Bloch bedingungslos- 
aufgehoben wissen. 

Während er in der Ätiologie das schärfste Vorgehen zur 
Unterdrückung und „Unschädlichmachung" der Homosexuellen 
dringend befürwortete, hat ihn jetzt das Bekanntwerden mit zahl- 
reichen geborenen Homosexuellen die Unrichtigkeit seiner früheren 
Anschauungen gelehrt, so daß er jetzt energisch für die Aufhebung 
des § 175 kämpft. Er führt die zahlreichen gegen die Beibe- 
haltung des § 175 sprechenden Oründe an und bezeichnet es ge- 
radezu als ein Verbrechen seitens des Staates, eine biologische 
Erscheinung noch weiter in die Kategorie des Lasters und des 
Verbrechens einzureihen und durch den § 175 dauernde Inter- 
nierung und soziale Ächtung über Personen zu verhängen, die 
ohne jede Schuld zu ihrer von derjenigen der großen Mehr- 
zahl abweichenden Empfindung gekommen seien. 

Als eines der besten Mittel zur Aufklärung des Volkes über 
das Wesen der Homosexualität sieht Bloch mit Recht das offene 
Bekenntnis ihrer Natur seitens der Homosexuellen selber an, ein 
Bekenntnis, das ich gleichfalls schon öfter empfohlen habe. 

Dagegen geht Bloch zuweit, wenn er den Homosexuellen 
daraus einen Vorwurf macht, daß nur selten Homosexuelle frei 
und offen zu ihrer Neigung sich bekennten und wenn er behauptet, 
die Heimlichtuerei und Heuchelei vieler Urninge sei für die bis- 
herige falsche Auffassung der Homosexuellen mit verantwortlich 
zu machen. 

Die allermeisten, ja fast alle Homosexuellen sind zur 
Heimlichtuerei und sogar zur Heuchelei aus Notwehr 
und Selbsterhaltungstrieb gezwungen. 

Wie sehr der bloße Verdacht einer homosexuellen Ver- 
anlagung sogar ohne Betätigung in den Augen der großen 
ungebildeten und sogar sogen, gebildeten Masse geradezu 
schändet, hat ja der Moltke-Prozeß auf s deutlichste gezeigt. 



472 — 



Nur selten kann man einem Homosexuellen zumuten, 
seine Natur „frei und offen" zn bekennen. Ein solches 
offenes Bekenntnis kann man daher nur dann verlangen, 
wenn eine ganze Reihe von Voraussetzungen vorhanden 
sind, die nur selten zusammentreffen. Erstens muß der 
Homosexuelle reich genug sein, um von seinen Zinsen 
zu leben und daher den Verlust seiner Stellung oder 
die Schädigung in seinem Beruf ruhig hinnehmen zu 
können. Denn ein solches Bekenntnis kann den Verlust 
der Stellung (z. B. bei Richtern, Staatsanwälten, Pfarrern), 
oder wenigstens eine schwere pekuniäre Schädigung (z. B. 
bei Kaufleuten), ferner gesellschaftliche Ächtung und 
Trübung, ja Aufhebung verwandtschaftlicher und freund- 
schaftlicher Beziehungen zur Folge haben, in manchen 
Fällen geradezu soziale Vernichtung. 

Zweitens darf er nicht mit Liebe an seinem Beruf 
hängen und muß bar jeglichen Ehrgeizes bereit sein, auf 
ihn zu verzichten. 

Drittens muß er seiner Familie gegenüber so un- 
abhängig sein, daß er nicht durch seine Familienbande und 
die etwaige Schädigung seiner Verwandten sich selbst 
schwer getroffen fühlt durch etwaige Folgen seines Be- 
kenntnisses. 

Viertens muß er den Heroismus besitzen, auf den 
gesellschaftlichen Verkehr mit den Heterosexuellen zu 
verzichten und die Ächtung oder auch nur das mitleidige 
Belächeln mit Verachtung und selbstbewußter Über- 
legenheit hinzunehmen. 

Eines allerdings muß man unter allen Umständen 
von jedem Homosexuellen verlangen, daß er niemals in 
den Chor der die Homosexuellen mit Spott und Hohn 
bezeichnenden oder die Bestrafung gutheißenden Hetero- 
sexuellen einstimmt. 

Ganz und gar verwerflich und unmoralisch ist z. B. 
das Verhalten eines mir bekannten homosexuellen Leut- 



— 473 — 



nants, der mir erklärte, er müsse - bei Gesprächen über 
die Homosexuellen seitens seiner Kameraden in den ver- 
ächtlichen Ton mit einstimmen, um jeden Verdacht von 
sich abzuwälzen. 

In solchen Fällen ist mindestens Schweigen Pflicht, 
selbst auf die Gefahr, einen Verdacht auf sich zu laden. 
Aber heutzutage kann jeder gebildete Homosexuelle 
sogar ruhig die richtige Auffassung über das Wesen der 
Homosexualität auch unkundigen Heterosexuellen gegen- 
über vorbringen. Er braucht dabei sich nicht zu er- 
eifern und nicht in eine sein subjektives Interesse an 
den Fragen verratende Tonart zu verfallen. 

Es genügt, wenn er objektiv bemerkt, eine große 
Anzahl von Gelehrten hielte die Homosexualität für 
angeboren und der § 175 werde wohl mit Recht von 
tausenden Ärzten als eine Ungerechtigkeit betrachtet 

Aus derartigen Bemerkungen kann heute bei einem Ge- 
bildeten nicht die eigene Homosexualität gedeutet werden. 

Sodann hat jeder Homosexuelle wohl wenigstens 
einen oder auch mehrere intime und zuverlässige nähere 
heterosexuelle Freunde, deren Charakter für volle Ver- 
schwiegenheit und Zuverlässigkeit bürgt, so daß er ihnen 
seine Natur anvertrauen und sie über das Wesen der 
Homosexualität aufklären kann. 

Derartige persönliche Aufklärungen sind sehr wertvoll. 

Die weibliche echte Homosexualität hält Bloch für seltener. 

Ich habe zwar keine Erfahrung auf dem Gebiete der weib- 
lichen Homosexualität, doch scheint es mir zweifelhaft, ob Bloch 
recht hat. 

Die weiblichen Homosexuellen treten vielleicht nur 
weniger selten hervor wie die Männer, einmal, weil für 
sie kein § 175 besteht und sie daher auch weniger In- 
teresse haben, sich zusammenzuschließen, zu agitieren und 
die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ferner vielleicht 
weil die Frau — selbst die homosexuelle — zu größerer 



— 474 — 



Zurückhaltung als der Mann durch die sozialen Ver- 
hältnisse gezwungen ist. 

Die weibliche Homosexuelle erachtet Bloch nicht für so 
extrem homosexuell, wie den echten Urning. Das Bedürfnis nach 
einem geistigen Kontakte mit Männern sei bei den homosexuellen 
Frauen entschieden stärker als umgekehrt die entsprechende 
Neigung der Urninge nach geistiger Berührung mit weiblichen 
Wesen. Deshalb sei es kein Zufall, daß in der „Frauenbewegung" 
die homosexuellen Frauen eine bedeutsame Rolle gespielt hätten. 

Die individuellen und sozialen Verhältnisse des weiblichen 
Urningtums seien ungefähr die gleichen wie die der männlichen. 
Was die Theorie der Homosexualität anbelangt, so versucht Bloch 
eine neue Erklärung. Die originäre, angeborene, dauernde Homo- 
sexualität sei den Menschen ausschließlich eigentümlich. 

Ob es solche Naturanlagen bei Tieren gäbe, sei sehr un- 
sicher. Man kenne bei ihnen homosexuelle Akte, aber keine 
Homosexualität 

Bisher konnte Homosexualität bei Tieren anscheinend 
nicht zweifelsfrei festgestellt werden, aber man hat bisher 
auch kaum das Augenmerk auf derartiges gerichtet Mir 
wurde allerdings von einem Bekannten berichtet, daß er 
einen männlichen Entenvogel gehabt habe, der immer 
geschlechtlich mit einem Tier seines Geschlechtes ver- 
kehrt habe, nicht mit Weibchen, trotzdem solche zur 
Verfügung gestanden. 

Ebenso wie man keine phylogenetischen Anknüpfungspunkte 
für die Erklärung der Homosexualität habe, sei auch die Homo- 
sexualität grundverschieden von den übrigen sexuellen Perver- 
sionen, wie z. B. Sadismus und Masochismus. Diese stellten 
durchgängig extreme Formen biologischer Erscheinungen dar» 
abnorme Steigerungen physiologischer Triebäußerungen innerhalb 
des normalen heterosexuellen Lebens, innerhalb der Sexualität 
überhaupt. Die Homosexualität sei aber Änderung der Trieb- 
richtung selbst, das Auftreten einer dem Körperbau heterogenen 
nicht entsprechenden Sexualität. Die Zwischenstufentheorie Hirsch- 
feld erkläre nur einen Teil der originären Homosexualität 

Da nach dem Sachverständigen, der die meisten 
Homosexuellen untersucht hat, nach Hirschfeld, jeder 



— 475 — 



Homosexuelle Abweichungen vom Typus zeigt und vom 
Normalmann sich durch gewisse Merkmale psychischer 
oder physischer Art unterscheidet, so erklärt auch die 
Zwischenstufentheorie alle Fälle von Homosexualität 

Gegen die Richtigkeit der Zwischenstufentheorie 
scheinen allerdings zwei Gründe zu sprechen. Einmal 
wird gewöhnlich eingewandt, daß alle bei Homosexuellen 
vorkommenden weiblichen Merkmale, körperliche und 
geistige, auch bei Heterosexuellen anzutreffen seien, 
zweitens wird der auch von Bloch besonders betonte 
Einwand erhoben, daß manche Homosexuelle gar keine 
weibischen Eigenschaften, gar keine Abweichung vom 
Typus aufweisen würden. 

Die erstere Behauptung ist an und für sich richtig; 
dieser angebliche Einwand wird aber widerlegt durch 
folgenden zweifellos der Wahrheit entsprechenden Grund- 
satz: nämlich, daß jedes weibliche Merkmal bei Hetero- 
sexuellen vorkommen könne, daß aber tatsächlich das 
Vorkommen derartiger Merkmale bei den Heterosexuellen 
eben nur ' eine Ausnahme bildeten, bei den Homo- 
sexuellen dagegen die Regel. Ferner, daß regelmäßig 
bei den Heterosexuellen jedenfalls kein Komplex von 
weibischen Merkmalen bestände, bei den Homosexuellen 
dagegen regelmäßig mindestens ein Komplex von, wenn 
nicht weibischer, so doch eigenartiger, von den typischen 
Eigenschaften der Heterosexuellen abweichenden Merk- 
male. 

Am schlagendsten würde dieser Grundsatz an den 
körperlichen Merkmalen nachgewiesen werden, wenn es 
sich mit Sicherheit herausstellen sollte, daß Maße ge- 
wisser Körperteile und verschiedener Körperteile zu ein- 
ander bei den Homosexuellen abweichend von denjenigen 
der Heterosexuellen sind. 

Ein mir bekannter Arzt hat auch schon in dieser 
Richtung eine größere Anzahl von bisher allerdings noch 



— 476 — 



nicht völlig abgeschlossenen Untersuchungen angestellt 
Schon jetzt scheint auf Grund dieser Untersuchungen 
die Behauptung nicht zu gewagt, daß die durchschnitt- 
lichen Maße und somit die Körperkonstruktion der Homo- 
sexuellen nicht unerheblich von den durchschnittlichen 
Maßen der Heterosexuellen abweichen und denjenigen 
der Frauen sich nähern. 

Was die zweite Behauptung anbelangt, daß gewisse 
Homosexuelle gar keine besonderen Merkmale zeigten, 
so widerlegt sich dieser Einwand mit der von Hirsch- 
feld gemachten Feststellung, daß jeder Homosexuelle, 
selbst der scheinbar virilste, sich doch durch eine Anzahl 
charakteristischer Merkmale vom Heterosexuellen unter- 
scheidet oder wie ich richtiger sagen möchte, vom Durch- 
schnittsheterosexuellen. 

Gerade diese Feststellung läßt auch meiner Ansicht 
nach eine scharfe Unterscheidung zwischen virilen und 
femininen Homosexuellen nicht zu. 

Bloch macht zwar diese Unterscheidung, mit Recht 
betont er aber ihre Relativität. Und in der Tat: Die 
äußerlich nach den Gesichtszügen und dem Körperbau 
virilsten Homosexuellen haben doch immer auch typisch- 
weibische Eigenschaften, sei es das eine oder das andere 
körperliche weibliche Merkmal trotz der Virilität des 
Körperbaues im Ganzen oder eine Anzahl weiblicher 
geistiger Eigenschaften, 

Seine neue Theorie formuliert Bloch wie folgt: 
Die Nichtübereinstimmung der zentralen Organe bei den 
Homosexuellen mit den peripheren Geschlechtsorganen lasse sich 
nur dadurch erklären, daß die Verbindung beider Organe durch 
ein drittes Moment gestört werde und daß dieses letztere eine 
eigentümliche Wirkung auf die Zentralorgane unabhängig von 
den Keimdrüsen, ausübe. Das öftere Ausbleiben des „un- 
differenzierten" Stadiums des Geschlechtstriebes könne oft aus- 
bleiben, wenn schon vor der Pubertät — wie dies insbesondere 



— 477 — 



bei den Homosexuellen oft der Fall sei — der Geschlechtstrieb 
eindeutig auf ein bestimmtes Oeschlecht gerichtet sei. 

Die Geschlechtsteile und Keimdrusen könnten nicht das Be- 
stimmende sein, da bei typisch normalen männlichen Genitalien 
und Testikeln Homosexualität auftrete; auch das Gehirn an sich 
könne bei der echten Homosexualität nicht das Bestimmende 
sein, da trotz stärkster absichtlicher und unabsichtlicher hetero- 
sexueller Einflüsse auf Denken und Phantasie doch die Homo- 
sexualität nicht auszurotten sei und sich weiter entwickle. Da die 
Homosexualität als Neigung oft schon lange vor der Pubertät 
und vor der eigentlichen Tätigkeit der Keimdrüsen auftrete, so 
läge die Vermutung nahe, daß irgend welche zwar mit der 
„Sexualität", aber nicht direkt mit den Keimdrüsen in Zusammen- 
hang stehende physiologische Erscheinung bei Homosexuellen 
eine Veränderung erfahre, die eine Änderung der Triebrichtung 
zur Folge habe. Es läge am nächsten, an chemische Einflüsse 
zu denken, an Änderungen im Chemismus der Sexualspannung» 
die sicher eine große Unabhängigkeit von den Keimdrüsen be- 
sitze, da sie bei Kastraten und Eunuchen erhalten bleiben könne. 
Das Wesen dieses Sexualchemismus sei noch völlig dunkel. 

Alle näheren Details über die chemischen Korrelationen seien 
noch unbekannt, eine Reihe von Experimenten habe aber ihre 
Existenz erwiesen. 

Der Widerspruch zwischen Genitalien und Psyche bei den 
Homosexuellen lasse sich am besten aus bereits vorhandenen 
embryonalen Störungen des Sexualchemismus ableiten. Das 
würde auch erklären, weshalb die Homosexualität so oft in völlig 
gesunden Familien auftrete, als eine vereinzelte Erscheinung, die 
nichts mit der Vererbung oder gar Degeneration zu tun habe. 

Die Theorie von Bloch ist, wie die andern Er- 
klärungsversuche der Homosexualität, eine Hypothese, sie 
mag richtig sein und enthält wahrscheinlich mindestens 
einen Kern von Wahrheit, aber die Zwischenstufentheorie 
hat meiner Ansicht nach immer noch eine weit größere 
Wahrscheinlichkeit für sich, da in vielen Fällen ganz 
augenfällige Merkmale für ihre Richtigkeit sprechen. 

Bloch hat zwar als erster speziell für die Homo- 
sexualität als Erklärung die interessante Theorie der 



— 478 — 



embryonalen Störungen des Sexualschemismus aufgestellt, 
aber Friedländer hatte schon in seiner , Renaissance ■ als 
Erklärung jeder Liebe überhaupt insbesondere der Ge- 
schlechtsliebe in eingehenden Ausführungen die chemischen 
Reize, die Chemotaris herangezogen. (Zu vgl. z. B. S. 115, 
122, 123, 136). 

Die Auslassungen von Bloch über den Zweck oder 
vielmehr die Zwecklosigkeit der Homosexualität kann ich 
nicht billigen. 

Es ist richtig, daß die Homosexualität der direkten 
Fortpflanzung widerspricht und daß, wenn alle Menschen 
keinen Geschlechtstrieb zum entgegengesetzten Geschlecht 
hätten, die ganze Welt bald ausgestorben wäre. 

Aber: einmal sind die Homosexuellen eben nur eine 
Minderheit und werden es stets bleiben, wie sie es seit 
Beginn des Menschengeschlechtes gewesen sind; soweit 
ist der Zweck der Fortpflanzung völlig gesichert durch 
die Existenz der großen Mehrheit der Heterosexuellen 

Zweitens ist aber die körperliche Fortpflanzung nicht 
der einzige Zweck der Welt- und Eulturentwicklung. 

Ich habe schon öfter betont, daß es vermessen ist, über- 
haupt der Natur und der Entwicklung bestimmte Zwecke 
unterzuschieben. Aber wenn man die Zwecklosigkeit einer 
Erscheinung behauptet, so darf man hiergegen auch die 
wahrscheinlichen Zwecke dieser Erscheinung anführen. 

Und so kann die Homosexualität zunächst sogar in- 
direkt als die Fortpflanzung fördernd erachtet werden, 
insofern die Natur eine Anzahl für die Fortpflanzung 
ungeeignete Zwischenstufen an der Zeugung von Nach- 
kommen hindern will. Des weiteren läßt sich die Homo- 
sexualität als Sicherheitsventil gegen Überbevölkerung 
auffassen. 

Endlich darf auch nicht vergessen werden, daß die 
Menschheits- und Kulturgeschichte eine große Anzahl 
geistig hochbedeutender Homosexueller aufweist. 



— 479 - 



Ich will damit durchaus nicht behaupten, daß der 
Homosexuelle an und für sich geistig bedeutender sei, 
als der Heterosexuelle. 

Dies wäre völlig falsch. Das Gros der Homosexuellen 
ebenso wie die Mehrzahl der Heterosexuellen sind Durch- 
schnittsmenschen. Bloch hat auch recht mit der Be- 
merkung, daß die meisten geistigen Werke durch die 
Heterosexuellen erzeugt worden sind; selbstverständlich, 
wegen der erdrückenden Mehrheit der Heterosexuellen. 

Aber auffällig bleibt es doch, daß unter der kleinen 
Minderheit der Homosexuellen im Vergleich zu der großen 
Mehrheit der Heterosexuellen die Geschichte so viele 
hervorragende, homosexuelle Persönlichkeiten kennt, 
darunter eine Anzahl, welche geradezu die Zierde und 
den Gipfelpunkt der Menschheit bedeuten: z.B. Michel- 
angelo, Shakespeare. Es scheint also fast, als ob der 
Prozentsatz geistig bedeutender Persönlichkeiten unter 
den Homosexuellen größer sei als unter den Hetero- 
sexuellen. 

Dies berechtigt zu dem Schluß, daß alles in allem 
genommen, das Defizit der körperlichen Fortpflanzung 
durch ein Plus von geistiger Zeugung bei der Homo- 
sexualität ersetzt wird. 

Schließlich noch eine persönliche Bemerkung gegen- 
über dem Satze von Bloch, die meisten Homosexuellen 
hätten ein tiefes Gefühl der Sinn- und Zwecklosigkeit 
ihrer Empfind ungs weise und selbst Numa Praetorius er- 
kenne an, daß die „in dem heterosexuellen Triebe der 
Mehrzahl der Männer begründete Liebe zum entgegen- 
gesetzten Geschlecht eine derartige Entwicklung, Ver- 
feinerung und Bedeutung erlangt habe, daß die homo- 
sexuelle Liebe ihr gegenüber nur eine untergeordnete 
Rolle spielen wird.* 

Mit diesem Satz habe ich keineswegs die Sinn- und 
Zwecklosigkeit der Homosexualität zugegeben, sondern 



— 480 — 



nur beabsichtigt, die Anmaßung überspannter Homo- 
sexueller zurückzuweisen, eine auf die Homosexualität 
gegründete Kultur für möglich zu halten und herbeiführen 
zu wollen. 

Die heutige Kultur basiert auf der Heterosexualität» 
sie wird zweifellos auch in Zukunft stets auf ihr ruhen, 
es ist dieser Zustand der natürliche, selbstverständliche 
und wünschenswerte, aber innerhalb dieser Kultur ist 
auch Platz für die Homosexualität, welche durch die 
Erfüllung der ihr eigenen Zwecke an der allgemeinen 
Kultur mitarbeiten darf, andererseits aber auch von den 
Heterosexuellen in Unterordnung unter die bestehende 
Kulturgemeinschaft geduldet und in dem ihr zukommen- 
den Rahmen anerkannt werden soll. 

Bloch unterscheidet von der angeborenen, originären Homo- 
sexualität die „Pseudo-Homosexualität", der er ein spezielles 
Kapitel widmet. Unter diese sogenannte „Pseudo-Homosexualität" 
rechnet Bloch sehr vieles, das jedenfalls nicht diese Bezeichnung 
verdient. Er nennt Pseudo-Homosexualität: Die Bisexualität, das 
dem entgegengesetzten Geschlecht zukommende Verhalten und 
die entsprechenden Neigungen, aber ohne konträres Geschlechts- 
gefühl, sog. Junonen". Die homosexuellen Handlungen mangels 
Gelegenheit zum Verkehr mit Personen des andern Geschlechts, 
die sog. Analmasturbation und Wüstlingspäderastie, die griechische 
und orientalische Knabenliebe, die überschwenglichen Freund- 
schaftsgefühle gewisser Zeitperioden, den körperlichen Herma- 
phroditismus. 

Wie man auch homosexuelle Akte, die nicht zweifel- 
los aus angeborener Homosexualität fließen, auffassen 
möge, jedenfalls darf man meiner Ansicht nach unter 
Pseudo-Homosexualität nicht alles das rechnen, was Bloch 
darunter zählt. 

Zunächst muß man den körperlichen Hermaphroditis- 
mus und Pseudohermaphroditismus von dem Begriff der 
Pseudohomosexualität ausschließen. Der Pseudoherma- 
phrodit, der die, seinem wahren Geschlecht entgegen- 



— 481 — 



gesetzte Personen liebt, ist in seinem Liebesempfinden 
heterosexuell; liebt er Personen seines eigentlichen 
Geschlechts, so ist er homosexuell, liebt er Mann und 
Frau, bisexuell. Bei dem (sehr seltenen, es sind überhaupt 
nur ganz wenige Fälle bekannt) echten, körperlichen 
Hermaphroditen kann man niemals weder von Homo- 
sexualität und daher auch nicht von Pseudohomosexualität 
noch von Heterosexualität allein sprechen; denn der 
Hermaphrodit, weil beide Geschlechter besitzend, kann 
im Falle des Liebesempfindens für ein Geschlecht als 
homosexuell und als heterosexuell zu gleicher Zeit be- 
zeichnet werden, da sein Liebesempfinden dann eben nur 
dem der beiden Geschlechter, die er besitzt, entspricht Am 
richtigsten wird man ihn mann- oder weibliebend, unter 
Weglassung der Charakterisierung als homosexuell und 
heterosexuell nennen. Liebt er beide Geschlechter, so 
ist er bisexuell, ein Zustand, der für ihn der natürlichste, 
seinen körperlichen Geschlechtsorganen entsprechendste 
ist. Von dem Begriff der Pseudohomosexualität hat 
ferner auszuscheiden die Bisexualität, insofern sie psych- 
ische Hermaphrodisie bedeutet, d. h. alle Personen, die 
beide Geschlechter dauernd lieben. 

Diese Personen sind keine „Pseudo-Homosexuellen". 
Man darf sie nicht mit den Personen verwechseln, welche 
gewöhnlich heterosexuell sind und unter gewissen Um- 
ständen zu homosexuellen Handlungen gelangen. Bei diesen 
Bisexuellen überwiegt fast stets die Neigung zu einem Ge- 
schlecht und zwar gerade sehr oft die Neigung zum 
eigenen Geschlecht. Diese Personen, die hauptsächlich 
zu solchen des eigenen Geschlechts inklinieren, aber auch 
von gewissen Personen des andern Geschlechts — wenn- 
gleich weniger stark — angezogen werden, haben nichts 
pseudo-homosexuelles in ihrem Gefühl, sondern ihr 
Empfinden für das eigene Geschlecht ist gerade so stark 
und ganz gleichgeartet, wie dasjenige der ausschließlich 

Jahrbuch IX. 81 



— 482 — 



homosexuellen. Sogar diejenigen, die mehr zu dem ent- 
gegengesetzten, weniger zu dem eigenen Geschlecht er- 
glühen, kann man nicht als pseudo-homosexuell charak- 
terisieren, wenn sie stets diese beiden Arten von Gefühl 
in sich trugen. Bloch selber nimmt übrigens zur Erklärung 
des bisexuellen Empfindens auf die bisexuelle Keimanlage 
und die in jedem Menschen vorhandene bisexuelle Natur 
Bezug. 

Liegt nun aber wirkliches bisexuelles Empfinden vor, 
so beweist eben diese körperliche Bisexualität, daß das 
Empfinden für das eigene Geschlecht neben demjenigen 
für das andere, nicht ein nur scheinbares, mit der eigenen 
Wesensheit fremdes, nur pseudo-homosexuelles, sondern 
der eigenen Natur entstammendes Fühlen darstellt Des 
weiteren möchte ich nicht zu den Pseudo-Homosexuellen, 
die von Bloch als .Junoren 44 benannten Fälle rechnen. 

Es sind dies die Fälle, welche schon einer der aller- 
ersten Forscher anfangs der 70 er Jahre (zitiert in 
Bibliogr. Jahrb. I, S. 238), Westphal, kannte und als 
«unvollkommene konträre Sexualempfindung" bezeichnete, 
nämlich die Fälle, wo der Geschlechtstrieb zwar auf das 
entgegengesetzte Geschlecht gerichtet ist» aber in Neigungen 
und Gebahren weibliche Art (z. B. namentlich Sucht, 
Weiberkleider anzulegen und überhaupt mehr oder minder 
starke Effemination) hervortritt, hier ist es richtiger, von 
unvollkommener, als von scheinbarer Homosexualität 
zu reden, da das unerläßliche Merkmal der Homo- 
sexualität, der gleichgeschlechtliche Geschlechtstrieb fehlt 

Auszuscheiden von der Pseudo-Homosexualität wären 
auch die Fälle tardiver angeborener Homosexualität und 
spät hervortretende echte Bisexualität 

Bloch neigt dazu, die tardive Homosexualität in Ab- 
rede zu stellen, jedenfalls zweifelt er an ihrem Vorkommen. 

Ich möchte sie annehmen, sie ist selten, kommt 
aber vor. Mir sind einige wenige Fälle bekannt. In 



— 483 — 



dem einen Fall wurde ein bisher heterosexueller Herr 
nach Überstehen einer monatelangen Krankheit voll- 
kommen homosexuell. In seinem Wesen und Liebes- 
empfinden unterscheidet er. sich seither in nichts mehr 
von dem geborenen Homosexuellen. Die Umwandlung war 
dem Betreffenden, wie er versichert, anfänglich entsetzlich. 

Für den Begriff der Pseudo-Homosexualität bleiben 
sonach eigentlich nur die % Fälle übrig, wo homosexuelle 
Akte von Heterosexuellen vorgenommen werden. Dazu 
würden zählen, die von Bloch angeführten sog. Wüstlings- 
päderasten oder Analmasturbanten, wenn es solche gibt 
Ich kenne zwar keine, aber Bloch, gestützt auf drei 
Autoren, behauptet ihr Vorkommen. 

Es seien heterosexuelle Individuen, bei denen entweder vpn 
vornherein der Anus die Rolle einer erogenen Zone spiele oder 
diese erst nach Erschöpfung aller übrigen Sexualreize bekomme. 

Hier würde es sich um einen grobsinnlichen Kitzel 
ohne seelische Anziehung, ohne konträre Sexualempfindung 
handeln. 

Übrigens begreife ich nicht, warum diese sogenannten 
Analmasturbanten nicht des Weibes, statt des Mannes 
sich bedienen, da sie bei ersteren ihre speziellen Sexual- 
zwecke auch doch gerade so gut wie beim Manne be- 
friedigen können. 

Sodann würden zur Pseudo-Homosexualität eigent- 
lich nur die Fälle zu rechnen sein, in denen seitens 
Heterosexueller aus Weibermangel, aus Freundschaft, aus 
Gewinnsucht, gleichgeschlechtliche Handlungen vor- 
genommen oder geduldet werden. Auch in diesen Fällen 
mag manchmal eine Art vorübergehender konträrer 
Sexualempfindung, eine künstliche Gefühlsverdrängung 
stattfinden, niemals werden diese Art Gefühle aber die 
Natur und Intensität echter konträrer Sexualempfindung 
besitzen. Meist wird es sich um ein grobsinnliches 
Wollustgefühl handeln. 

31* 



— 484 — 



Derartige Pseudo -Homosexualität mag nun aller- 
dings in der Antike häufig gewesen und im Orient nicht 
selten sein. 

Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß sowohl 
im Altertum als im Orient sehr viele homosexuelle Hand- 
lungen von Homosexuellen begangen wurden und werden. 
Man wundert sich über die große Verbreitung homo- 
sexueller Akte im Orient und im Altertum, weil die 
Homosexuellen sich nicht wie im Occident in gleicher 
Weise zu verbergen brauchen. Tatsächlich werden aber 
auch im Orient unzählige homosexuelle Akte von Homo- 
sexuellen begangen. Würden, wie im Altertum, alle 
Homosexuellen sich offen zu ihrer Liebe bekennen dürfen, 
so würde man erstaunt sein, daß so viele Männer aus 
allen Stellungen, sehr bedeutende, weniger bedeutende, 
und eine große Durchschnittsmasse homosexuell sind und 
homosexuell verkehren. In Griechenland haben allerdings 
zum Teil außer den Homosexuellen auch zahlreiche Hetero- 
sexuelle wohl infolge der Stellung der Frau homosexuelle 
Liebschaften angeknüpft 

In unserer Zeit würde übrigens auch bei Anerkennung 
und Duldung der Homosexuellen und ihrer Neigungen 
wegen der geänderten Stellung der Frau, ihres großen 
Einflusses und der Verfeinerung und Hochschätzung des 
heterosexuellen Liebeslebens ein Übergreifen der Homo- 
sexualität auf die Heterosexuellen völlig ausgeschlossen sein. 

Die eigentlichen geschlechtlichen Perversitäten behandelt 
Bloch in mehreren Kapiteln sehr eingehend und zutreffend. 

Bei der Unzucht mit Kindern möchte ich nicht den 
Ausdruck Paedophilia erotica auf alle geschlechtlichen 
Handlungen mit Kindern angewandt wissen, sondern nur 
auf diejenigen, welche aus einem wirklich auf die Kinder 
gerichteten perversen Geschlechtstrieb entspringen. Ein 
derartiger Trieb dürfte aber ziemlich selten sein, jeden- 
falls werden die meisten unzüchtigen Akte mit Kindern 



— 485 — 



nicht aus perversem Triebe begangen, sondern aus den 
verschiedensten Motiven, die Bloch auch aufzählt, Aber- 
glauben, Geilheit, Mangel an Gelegenheit normalen Ver- 
kehrs, im Alkoholrausch, infolge Altersblödsinns usw. 

Ein wirklich perverser, auf das Kind gerichteter, 
Geschlechtstrieb und zwar sowohl heterosexueller wie 
homosexueller Natur kommt ja vor, die Literatur be- 
richtet über manche derartige Fälle, obgleich bis jetzt 
kein großes Material gesammelt ist. In der gerichtlichen 
Praxis habe ich bei den zahlreichen zur Aburteilung ge- 
langenden Fällen aus § 176 8 fast stets den Eindruck ge- 
wonnen, daß keine Perversion des Geschlechtstriebes zur 
Handlung führte, sondern andere Momente. 

Besondere Hervorhebung verdient ein Bericht eines russischen 
Revolutionärs, Sadist und Masochist in eigenartiger Mischung, der 
in der eigenen Vernichtung sowie der Zerstörung und dem Leid 
der Welt das Ideal findet Mir scheint dieser Revolutionär aller- 
dings nicht bloß sexuell pervers, sondern direkt geisteskrank. 

In dem Kapitel: „Die Sittlichkeitsvergehen in forensischer 
Beziehung" betont Bloch getreu seiner hauptsächlich anthro- 
pologischen, nicht psychiatrischen Anschauung der sexuellen 
Perversitäten, daß man nicht ohne weiteres und nicht so leicht, 
wie es oft geschehen, Krankheit und Unzurechnungsfähigkeit bei 
den sexuell Perversen annehmen dürfe. Er kenne eine Menge 
körperlich und geistig gesunder, ja in ihrer urgermanischen Rasse- 
kraft imponierender Personen, die ihm gestanden, im Banne der 
schwersten sexuellen Perversionen zu stehen. 

Nichtsdestoweniger betont er, daß in sehr vielen Fällen die 
sexuellen Delikte von kranken und mehr oder weniger unzu- 
rechnungsfähigen Personen begangen würden. Meist sei eine 
Strafe in der heutigen Gestaltung unzweckmäßig. 

Denn bei den sexuellen Verbrechern handele es sich fast 
stets um Individuen, die durch ärztliche Beeinflussung viel eher 
gebessert würden, als durch Gefängnisstrafen. 

Der Schutz der Gesellschaft gegen sie müsse den Ärzten 
anvertraut werden. 

Die Behandlung der Homosexualität und der sexuellen 
Perversionen und Perversitäten, obgleich eine sehr ausführliche, 



— 486 — 



nimmt nur den geringsten Teil des Buches ein: etwa 6 Kapitel 
auf 33. 

Die gesamten sexuellen Verhältnisse und alles was mit ihnen 
zusammenhängt, werden eingehend erörtert und gewürdigt 

Gleich in dem ersten Kapitel tritt ein Hauptgedanke 
des Werkes hervor: Daß die Geschlechter sich immer 
mehr differenzierten und eine größere Differenzierung 
von Mann und Weib das Ziel der Entwicklung sei, daher 
die Zwischenstufen dem Prinzip des Fortschritts, der 
Vervollkommnung widersprächen (vgl. hierüber meine 
obigen Auslassungen, sowie Hirschfelds Bemerkungen 
in seinen Geschlechtsübergängen, Kap. 1, wonach es gar 
nicht feststehe, ob die Natur beim Menschen auf immer 
stärkere Differenzierung der Geschlechter hinarbeite). 

In den folgenden Kapiteln werden erörtert: Die sekundären 
Erscheinungen der menschlichen Liebe (Gehirn, Sinne, Geschlechts- 
organe, Geschlechtstrieb, Geschlechtsakt). Die körperlichen Ge- 
schlechtsunterschiede, die psychischen Sexualdifferenzen und die 
Frauenfrage (mit Anhang über die geschlechtliche Sensibilität 
des Weibes). 

Bei der psychischen Sexualdifferenzierung betont Bloch, daß 
alles Psychische, das ganze Gefühls- und Willensleben durch die 
besondere Oeschlechtsnatur einen eigentümlichen Charakter, eine 
bestimmte Färbung und spezifische Nuance empfange, die aber 
das Heterogene und Nichtvergleichbare der männlichen und 
weiblichen Natur ausmache. 

Man könne zugeben, daß der bisexuelle Einschlag mehr 
oder weniger stark bei den einzelnen männlichen und weiblichen 
Individuen entwickelt sei, ohne doch dadurch die grundsätzliche 
Wesensdifferenz zwischen Mann und Weib aufzuheben, die nicht 
bloß physisch, sondern auch psychisch sich auspräge. 

Die Natur des Mannes sei aggressiv, progressiv, variabel — 
die der Frau rezeptiv, reizempfänglicher, einförmiger. Die Fest- 
stellung der psychischen Sexualdifferenzen bedeute für die sog. 
Frauenfrage, daß die Natur des Weibes, voll entwickelt in allen 
ihren Eigentümlichkeiten, bereichert durch alle ihrem Wesen 
adäquaten geistigen Elemente unserer Zeit, ihr einen gleichen 
Anteil an der Kultur und dem Fortschritt der Menschheit sichere. 
E»" Ä «äh:~» Gleichheit zwischen Mann und Frau sei unmöglich. 



— 487 — 



Aber es seien noch nicht alle Seiten des weiblichen Wesens 
herausgearbeitet und entwickelt Das Kulturweib der Zukunft 
müsse erst geschaffen werden. 

Der berechtigte Kern der Frauenfrage sei zu erblicken in 
der Emanzipation des Weibes von der Herrschaft der bloßen 
Sinnlichkeit und von der nicht minder verderblichen des männlichen 
Geisteshochmutes, in der Entwicklung der freien Persönlichkeit. 

Die geschlechtliche Sensibilität des Weibes hält Bloch zwar 
andersartig als die des Mannes, aber in ihrer Wirkung mindestens 
ebenso groß wie diese. Oft sei scheinbare sexuelle Kälte vor- 
handen, der Mann wisse die Sinnlichkeit nicht zu wecken oder 
verberge sich hinter dem durch die konventionelle Moral gebotenen 
Schleier äußerer Zurückhaltung. 

„Der Weg des Geistes in der Liebe" wird in drei 
weiteren Kapiteln erörtert, welche die Beziehungen zwischen 
Religion und Sexualität (Tempelprostitution, Sexualmystik, sexueller 
Aberglauben, Askese mit ihren sexuellen Erscheinungen usw.), 
dann das erotische Schamgefühl (Nacktheit und Kleidung, die 
Bedeutung der Kleidung und Mode für die Sexualität), die Indi- 
vidualisierung der Liebe behandeln. (Naturgefühl und Sentimen- 
talität, Heloisen- und Wertherzeit, Weltschmerz, romantische Liebe, 
artistisch- emotionelle Liebe, dann Selbstanalyse in der liebe, das 
satanisch-diabolische Element, die pessimistische Anschauung 
(Schopenhauer, Griesebach). 

In dem Kapitel: Das künstlerische Element in der modernen 
Liebe verdienen besonders zwei Oedanken Hervorhebung: Erstens, 
daß heute wir uns trotz aller gegenteiligen Behauptungen und 
Jeremiaden verblendeter Sittlichkeitsapostel nicht in einer Periode 
des Niedergangs und der Dekadenz in bezug auf das Liebesleben 
befänden, sondern daß wir bereits unmittelbar vor einer Neu- 
ordnung und Reform derselben im Sinne einer Veredelung stünden. 
Zweitens, daß das Geschlechtliche der ästhetischen Betrachtung 
durchaus nicht feindlich sei und echte Kunst und Poesie ohne 
sexuelle Grundlage überhaupt nicht möglich sei. 

Die Kapitel 10—13 beschäftigen sich mit der Ehe, der freien 
Liebe, der Verführung und der wilden Liebe, der Prostitution. 

Die Ehe ist auch Bloch die idealste Form der Geschlechts- 
und Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau und soll es 
auch bleiben. Doch verkennt er nicht ihre schweren Mängel. 
Reform tue not. 



— 488 — 



So sehr Bloch für die freie Liebe im Sinne einer auf innige 
Liebe, persönliche Harmonie, geistige Wahlverwandtschaft ge- 
gründete, aus beiderseitiger freier Entschließung, nach Über- 
nahme aller aus einem solchen freien Bündnis sich ergebenden 
Verpflichtungen und Vergewisserung der Gesundheit beider Teile 
eingegangene Geschlechtsverbindung eintritt, verurteilt er doch den 
regellosen Geschlechtsverkehr, die geschlechtliche Promismität, die 
sog. wilde Liebe und die Prostitution. In der freien Liebe sieht 
er geradezu die Heilmittel gegen wilde Liebe und Prostitution. 
Er billigt alle Bestrebungen, welche die Hebung der Lage des 
Weibes und den Schutz der unehelichen Mütter und Kinder be- 
zwecken. Er ist Feind des Alkoholismus und Abolitionist Er 
wünscht Beseitigung der Kasernierung und der polizeilichen 
Kontrolle der Dirnen, beide Maßregeln schränkten die Verbreitung 
der Geschlechtskrankheiten nicht ein. 

Zwei Kapitel widmet Bloch seinem Spezialgebiet, den Ge- 
schlechtskrankheiten, ihrer Entstehung, Verhütung und Behandlung. 

Gegenüber den zahlreichen Angriffen „gewissenloser Igno- 
ranten und böswilliger Feinde der Menschheit" wider das Queck- 
silber preist Bloch als erfahrener Spezialist dieses Mittel als 
ein wundersames Spezificum. Wohl zum ersten Male werden 
auch die Oeschledhtskrankheiten der Homosexuellen infolge mann- 
männlichen Verkehrs auf zwei Seiten besprochen. 

Die Syphilis könne — weil durch die mannigfachsten Be- 
rührungen übertragbar — auch im homosexuellen Verkehr z. B. 
durch bloße Küsse verbreitet werden. Der Tripper, weil gewöhn- 
lich durch die introductio penis in die weibliche Scheide erworben, 
werde beim homosexuellen Verkehr viel seltener vorkommen. 
Von dem durch Paedicatio bei bestehender Oonorrhoe des aktiven 
Mannes hervorgerufenen Mastdarmtripper höre man eigentlich 
selten. 

Es sei auch wohl anzunehmen, daß die gonorrhoische An- 
steckung durch coitus in os bei Homosexuellen erfolgen könne. 
Es gäbe zweifellos einen typischen Tripper der Mundhöhle. 

Es seien auch schon Tripperinfektionen der Harnröhre nach 
einem oralen Koitus beobachtet worden. Bloch berichtet über 
den Fall, wo infolge coitus in os eines Homosexuellen eine 
wahrscheinlich gonorrhöischen Infektion der Mundhöhle erfolgt 
sei. Bei homosexuellen Weibern könnten selbstverständlich so- 
wohl Syphilis als auch Tripper — letzterer bei den Friktionen der 



— 489 — 



Genitalien gegeneinander — leicht übertragen werden. Wie sich 
dies in der Praxis verhalte, sei ihm nicht bekannt geworden. 

Über Geschlechtskrankheiten Homosexueller bin ich 
in der Lage, einige Fälle mitzuteilen, die angesichts der 
bisher spärlichen Mitteilungen in der Literatur über den 
Gegenstand ein gewisses Interesse beanspruchen dürften. 
Verschiedene, mir bekannte Homosexuelle haben durch 
homosexuellen Verkehr Syphilis erworben, z. B. : 

Ein deutscher Homosexueller hat in Paris durch 
Pädikatio eines französischen Soldaten sich die Syphilis zu- 
gezogen; ein anderer deutscher Homosexueller, der sich 
durch einen Italiener pädizieren ließ, ist am Mastdarm 
syphilitisch infiziert worden. Die Syphilis soll ein Homo- 
sexueller erworben haben, obgleich er nur küßt und coitus 
inter femora vornimmt, auf welche Weise er syphilitisch 
geworden, ist ihm angeblich unklar. 

Infolge aktiver Pädikation sind zwei Homosexuelle 
tripperkrank geworden. 

Der eine Fall ist merkwürdig, weil der passive Teil 
behauptete, gar nicht tripperkrank zu sein und nach der 
durch ihn erfolgten Infektion die ärztlich bei ihm vor- 
genommene Untersuchung auch keine Erkrankung des 
Mastdarms ergab. 

Der angesteckte Homosexuelle andererseits kann nur 
von dem passiven Homosexuellen die Gonorrhöe bekommen 
haben, da er seit Wochen mit keinem Menschen geschlecht- 
lich verkehrt hatte. Da der passive Teil andererseits mit sehr 
vielen Männern und zwar mit den verschiedensten Volks- 
typen wöchentlich mehrmals verkehrt, so ist es wahr- 
scheinlich, daß in seinem After Gonococcen, die von einem 
Mann eingebracht wurden, diezwar ihn nicht infizierten, 
aber den seit Wochen abstinent lebenden Homosexuellen. 
Es dürfte dieser Fall den Schluß gestatten, daß nicht 
nur sehr oft von verschiedenen Männern, die mit ein und 
derselben Person geschlechtlich verkehren, nur eine ge- 



— 490 — 



schlechtskrank wird, während der oder die andere immun 
bleiben, Fälle, die auch Bloch ausdrücklich hervorhebt, 
sondern daß auch eine Person, welche von einem andern 
Geschlechtskranken gebraucht wird, selbst immun bleibt, 
aber durch das bei ihr durch die andere Person nieder- 
gelegte Gift eine dritte, mit ihr verkehrende Person an- 
stecken kann. 

Merkwürdig dürfte auch der folgende Fall sein. 

Bei einem Bisexuellen mit stark überwiegendem 
homosexuellen Trieb tritt ein starker äußerlich tripper- 
ähnlicher, wochenlang andauernder Ausfluß auf, der aber 
keine Gonococcen enthält, (also eine ebenfalls durch An- 
steckung entstehende Harnröhrenentzündung, wie Bloch 
diese Fälle charakterisiert). Der Bisexuelle hat 14 Tage 
vor dem Beginn des Ausflusses mit einem Mann, acht 
Tage vorher mit einem Weibe geschlechtlich verkehrt 
und zwar in beiden Fällen auf dieselbe Weise, nämlich 
lediglich mittels coitus per femora. 

Ob er von dem Mann oder der Frau den Ausfluß 
erworben, weiß er nicht Jedenfalls zeigt der Fall, daß 
auch bei bloßem coitus inter femora Tripper übertragen 
werden kann, die gleiche Möglichkeit wird auch bei 
mutueller Onanie leicht bestehen; es ist das auch sehr 
natürlich, da ein Tropfen des Giftes sehr leicht bei beiden 
Arten der Befriedigung an den Penis des gesunden Teiles 
übertragen werden kann. 

Die letzten Kapitel (25—33) umfassen: Enthaltsamkeitsfrage. 
Bloch ist kein Abstinenzfanatiker, er erachtet mit Erb in vielen 
Fällen körperliche und geistige Schädigungen als Folgen der Ab- 
stinenz bei gesunden, besonders aber bei neuropathischen Indi- 
viduen. 

Für jeden gesunden Menschen stellt er aber die gebieter- 
ische Forderung auf: die nach seiner Ansicht vollkommen ohne 
Schaden durchführbare Enthaltung vom Geschlechtsverkehr 
mindestens bis zum 20. Lebensjahre. 

Das Werk beschließen die Kapitel über: Sexuelle Erziehung 



— 491 — 



und Aufklärung der Jugend, Neomalthusianismus, sexueller 
Präventi werkehr, künstliche Sterilität und künstlicher Abort, sexuelle 
Hygiene, Sexualleben in der Öffentlichkeit: Skandale, sexuelle Kur- 
pfuscherei, das Pornographische in Schrift und Bildern, die Liebe 
in der belletristischen Literatur, die wissenschaftliche Literatur; 

In dem letzten Kapitel weist er auf das Ideal der Zukunft: 
die individuelle Liebe zweier freier Persönlichkeiten. 

Wie aus der Inhaltsangabe schon hervorgeht, umfaßt 
das Werk von Bloch einen ungeheuren Stoff. Diesen 
Stoff hat Verfasser unter Heranziehung eines staunens- 
werten Literatur- und Quellenreichtums in glänzendster 
Weise bewältigt und meisterlich zu einem organischen 
Ganzen verarbeitet. Vielleicht hat er manchmal zu viele, 
— sogar unbedeutende — Schriftsteller berücksichtigt, 
während er z. B. in der Frage der konträren Sexual- 
empfindung Moll lediglich im Schlußkapitel erwähnt. 

Wenn man das Werk mit demjenigen von Forel 
vergleicht, so besticht letzterer zwar durch große Vor- 
züge: insbesondere durch die mit dem Feuer der Begeiste- 
rung vorgetragene eindrucksvolle Darstellung. Dagegen 
übertrifft Bloch das Werk Foreis jedenfalls, was das Ein- 
gehen in Einzelheiten und die Verarbeitung der aller- 
neuesten wissenschaftlichen Forschung anbelangt. 

Für den wißbegierigen Laien und Gelehrten wird 
Blochs Werk sicherlich ein dauerndes Nachschlagewerk 
bleiben. 

Carpenter, Edward. Das Mittelgeschlecht. (Eine Reihe 
von Abhandlungen über ein zeitgemäßes Problem. 
Aus dem Englischen übertragen von Dr. L. Bergfeld. 
München, Verlagsbuchhandlung Seitz u. Schauer 1907.) 

Das ganze Buch ist der Homosexualität gewidmet. 

Kapitel III ist die etwas erweiterte Wiederholung 
der schon vor Jahren von Carpenter veröffentlichten 
Schrift „Die homogene Liebe und deren Bedeutung in 
der freien Gesellschaft." 



— 492 — 



Kapitel IV, Liebe und Erziehung und Kapitel V, 
«Die Stellung des Urnings in der Gesellschaft", enthalten 
neue und interessante Gesichtspunkte. Carpenter be- 
trachtet die Homosexualität hauptsächlich von der geistigen 
Seite und sucht ihr eine intellektuelle und soziale Be- 
deutung abzugewinnen und die in ihr ruhenden spezifischen 
geistigen Kräfte ins rechte Licht zu rücken. 

Stellenweise nähert er sich allerdings etwas bedenklich 
der Theorie Friedländers, indem er nicht scharf genug 
Liebes- und Freundschaftsgefühl trennt 

Dies tritt besonders in Kapitel IV hervor: „Liebe 
und Erziehung". In diesem Abschnitt bringt Carpenter 
sehr schöne Ausführungen über den Wert der sympathi- 
schen Gefühle bei der Erziehung, sowohl der Liebe, 
die zwischen Lehrer und Kind herrschen, als der edlen 
Zuneigung, die der Lehrer zwischen den Zöglingen be- 
fördern soll. 

Nur darf man diese Gefühle nicht als homosexuelle 
oder homosexuellähnliche bezeichnen. Derartige Gefühle 
sollen ja gerade auch zwischen Heterosexuellen hervor- 
gebracht und bei ihnen gefördert werden. Sie sollen ja 
auch des geschlechtlichen Charakters entbehren. Zwar 
wird gerade da, wo der eine Teil homosexuell ist, eine 
um so wärmere Liebe entstehen, ohne daß es zu sinn- 
lichen Akten zu kommen braucht. 

Aber die regelmäßigen, auf edler Sympathie und auf 
Erzieher- und Freundschaftsgefühlen beruhenden oder 
wenigstens von Carpenter in diesem Sinne gewünschten 
Verhältnisse haben mit dem homosexuellen Gefühl nichts 
oder nur sehr, sehr wenig gemein. Möge das homo- 
sexuelle Gefühl noch so rein sein und auch zu keinem 
sinnlichen Akt führen, so bleibt es eben doch der Art 
nach in der Regel verschieden von andern sympathischen 
Gefühlen zwischen Männern. Nähert sich Carpenter in 



— 493 — 



gewisser Beziehung der Friedländerschen Theorie, so 
stellt er sich doch wiederum auch in Gegensatz zu ihr. 

Carpenter betrachtet die Homosexualität — ebenso wie ja 
auch Hirschfeld — lediglich als besondere Abart des Liebestriebes 
und schreibt die oft bei Homosexuellen vorkommenden nervösen 
Leiden dem bestandigen Drucke und der Zwangslage, unter denen 
die Homosexuellen leben, zu; in dem Punkt, in welchem Hirsch- 
feld und Friedländer auseinandergehen, steht er auf Seiten des 
ersteren, indem er, wie schon der Titel des Buches besagt, ein 
„Mittelgeschlecht", d. h. sexuelle Zwischenstufen, anerkennt und 
eine scharfe Ausprägung seelischer Eigentümlichkeiten des andern 
Geschlechts bei den Homosexuellen annimmt. 

Auch das Vorhandensein körperlicher Merkmale des entgegen- 
gesetzten Geschlechts bei den extrem Veranlagten hebt er hervor. 

Die Ursache, weshalb trotzdem Carpenter zu sehr 
dazu neigt, die Grenzen zwischen Freundschafts- und 
Liebesgefühlen zu verwischen, rührt daher, weil er die 
Sinnlichkeit der Homosexuellen unterschätzt und den 
homosexuellen Trieb etwas zu sehr idealisiert. 

Er meint, der männliche Uranier sei besonders senti- 
mental. Wenn damit gemeint sein sollte, daß das Charak- 
teristische der Homosexualität nicht in der Vornahme 
gewisser sexueller Handlungen, sondern in dem Gefühls- 
leben, in der geschlechtlichen Beziehung des Mannes zum 
Manne zu suchen sei, so wäre dies selbstverständlich 
völlig zutreffend. Aber Carpenter hat etwas anderes im 
Auge, das bei ihm zu gewissen Mißverständnissen führt 
oder mindestens führen kann. Er meint, der Homosexuelle 
sei weniger sinnlich wie der Heterosexuelle, erstrebe 
weniger intensiv die sexuelle Befriedigung. 

Diese Anschauung geht bei Carpenter sogar soweit, 
daß es an einigen Stellen den Anschein hat, als halte er 
grobsinnliche Akte, namentlich die extremen, unvereinbar 
mit wirklicher homosexueller Liebe. Aus der Art des 
sinnlichen Aktes darf man nicht auf die Qualität, auf die 
größere oder geringere Tiefe des Liebesgefühls schließen. 



1 



— 494 — 

Gemeines, fleischliches Begehren und innige Herzens- 
neigung sind zwar zu trennen, aber auch die tieferen 
Liebesgefühle streben bei den Homosexuellen nach fleisch- 
licher Betätigung, ebenso wie dies bei den Heterosexuellen 
der Fall ist. Die tieferen Liebesgefühle der Homo- 
sexuellen sind nicht losgelöster von sinnlichem Untergrund 
und von sinnlichem Begehren als die heterosexuelle 
Leidenschaft 

Es heißt entschieden die Homosexualität durch eine 
falsche Brille betrachten, wenn man, wie Carpenter es 
tut, von dem physischen Element spricht, das sich manch- 
mal mit der homosexuellen Liebe verknüpft. Nicht 
manchmal, sondern regelmäßig verlangt das physische 
Element bei der Homosexualität, ebenso wie bei der 
Heterosexualität, sein Recht Eine ziemlich starke Senti- 
mentalität ist allerdings bei vielen Homosexuellen vor- 
handen, aber gleichzeitig bei den meisten eine nicht 
minder starke Sinnlichkeit 

Viele vereinigen in diesen Beziehungen eben auch 
männliche und weibliche Eigenschaften, die mehr weib- 
liche Sentimentalität mit der männlichen Sinnlichkeit 
Aus der Auffassung von Carpenter von der größeren 
„Idealität" der homosexuellen Liebe folgt auch sein 
Glauben und seine Hoffnung auf ihre Ausgestaltung zu 
höheren sozialen Zielen und zum allgemeinen Wohl in 
einer die Heterosexualität ergänzenden Weise. 

Diese Hoffnungen enthalten richtige Keime, aber 
Carpenters Gedanken geraten allzusehr ins Utopistische. 

Er meint, nichts könne alle Kräfte so zur Entfaltung bringen 
oder derartige Energien, wie sie soziale und geistige Leistungen 
bedeutendster Art verlangten, auslösen, wie die Freundesliebe. 

Die homosexuelle Liebe sei dazu berufen, besonders in dem 
Kampf um den Ausbau neuer Gesellschaftsformen, um die Ver- 
breitung neuer Ideenkreise, neuer Einrichtungen im Dienste der 
menschlichen Solidarität. 

Man müsse bezweifeln, ob ein höheres Helden- und Geistes* 



— 495 — 



leben bei einem Volke überhaupt denkbar sei, das in seiner 
Gesetzgebung diese Liebe nicht zu würdigen verstehe. 

In seinem letzten Kapitel : „Die soziale Stellung des Uraniers", 
kommt er besonders auf diese Gesichtspunkte zurück. 

Er glaubt, daß die gleichgeschlechtlichen Zuneigungsgefühle 
eine bedeutende Quelle hervorragender Werke, nicht nur der 
Kunst und Wissenschaft, sondern besonders der Philantropie 
bildeten. 

Aus dem Umstand, daß die homosexuelle Liebe Hoch- und 
Niedrigstehende zu verbinden vermag, schließt er, daß derartige 
Verhältnisse ganz allgemein und sehr verbreitet werden könnten. 

Ja, er meint, die Hoffnung sei gerechtfertigt, daß der ura- 
nische Geist noch etwas wie eine allgemeine Begeisterung für 
die Humanität herbeiführen werde und daß die uranische Mensch- 
heit zu Vorkämpfern der großen Bewegung bestimmt sei, die 
eines Tages unser gemeinsames Leben umformen werde, indem 
sie das Band von persönlicher Liebe und Mitgefühl an Stelle der 
kapitalistischen, gesetzlichen und sonstigen Fesseln setzen werde, 
die unsere heutige Gesellschaft einschränkten und bänden. 

Diese Hoffnungen gehen von zwei unrichtigen Voraus- 
setzungen aus. Einmal von der schon oben hervorgehobenen 
allzu idealistischen Auffassung einer sublimierten von der 
Geschlechtlichkeit losgelösten, von der heterosexuellen 
Liebe fast qualitativ verschiedenen Art des uranischen 
Geistes. 

Sodann setzen sie voraus, daß in allen Menschen 
oder wenigstens doch in der großen Masse der Hetero- 
sexuellen ein derartiger uranischer Geist nicht nur 
schlummere, sondern daß seine Entwicklung auch mög- 
lich sei. 

Diese zweite Voraussetzung Carpenters deckt sich 
mit der Ansicht Friedländers, ist aber, wie letztere, irrig. 
Denn mögen auch Keime von Bisexualität in der großen 
Masse der Heterosexuellen bestehen, so sind doch die 
gleichgeschlechtlichen Gefühle bei der großen Mehrzahl 
der Heterosexuellen entweder ganz und gar nicht oder 
derart schwach vorhanden, daß auch die Grundlage subli- 



— 496 — 



miertester Geschlechtlichkeit fehlt und damit auch die 
Möglichkeit der Entwicklung eines allgemeinen sozialen 
Mitgefühls auf dieser Grundlage. 

Jedenfalls hat heutzutage der heterosexuelle Trieb 
eine solche Macht bei der großen Mehrzahl der Menschen 
erlangt, daß etwaige bei einer größeren Anzahl von Hetero- 
sexuellen vorhandene homosexuelle Rudimente, sowie die 
Triebe der Homosexuellen gegenüber der Macht und 
Entwicklung der Heterosexualität und der Stellung der 
Frau in der heutigen Gesellschaft einen nennenswerten 
sozialen Einfluß nie ausüben können, geschweige denn es 
vermögen, eine Umgestaltung der Gesellschaftsbedingungen 
herbeizuführen. 

Carpenter gibt sich trügerischen Erwartungen hin, 
wenn er sich auf Whitmans Ideen beruft, der das Evan- 
gelium der allgemeinen Verbreitung heißer Kameradschaft- 
lichkeit und warmer Verbrüderung verkündete und als 
ein die Demokratie vergeistigendes Heilmittel gegen 
Materialismus und Egoismus erhoffte; denn diese leiden- 
schaftlichen Gefühle des Mannes zum Manne hat der 
unklare und phantastische Whitman — wie naive, unkritisch 
veranlagte Köpfe zu tun pflegen — verführt durch das 
ihn beseligende, allgewaltige gleichgeschlechtliche Liebes- 
gefühl aus seinem Ausnahme-Ich des Homosexuellen 
heraus in die große Menge der Heterosexuellen hinein- 
projiziert, unfähig der Vorstellung, daß die anders ge- 
artete weibliebende Menge derartiger Leidenschaft und 
sehnsuchtsvoller Zuneigung zum Manne kühl bis ins Herz 
hinein und verständnislos gegenübersteht. Wenn ich auch 
allzu utopistischen Hoffnungen gegenüber mich skeptisch 
verhalte, so will ich damit keineswegs leugnen, daß der 
Homosexualität auch heute schon eine nicht zu unter- 
schätzende Bedeutung zukommt. 

Es ist auch zu erwarten, daß in Zukunft nach Be- 
seitigung des Strafgesetzes die größere Entwicklung von 



— 497 — 

edlen, für die Allgemeinheit segensreichen homosexuellen 
Verhältnissen sich ausbilde. Nur gegen die Überschätzung 
des Einflusses der Homosexualität wende ich mich, und 
nur die Möglichkeit einer allgemeineren, wirklich das 
soziale Leben in größerem Umfang ummodelnden Ver- 
breitung bestreite ich. 

Die von Carpenter behauptete Tatsache ist durchaus 
richtig, daß der Urning die Liebe in seinem Leben über 
alles stelle und neben ihr bei ihm alle jene andern Motive 
im Hintergrund stünden, die wie Geldgier, geschäftlicher 
Erfolg oder Ehrgeiz in der Laufbahn der meisten Menschen 
einen so großen Raum einnähmen. 

Tatsache ist, daß viele, sehr viele Homosexuelle, 
selbst wenn sie sehr sinnlich veranlagt sind und oft sinn- 
liche Befriedigung suchen, doch eine tiefe Sehnsucht nach 
wahrer Liebe im Herzen tragen und daß viele nur des- 
halb abwechselndem Genuß sich hingeben, weil sie die 
echte Liebe nicht finden und Jahre lang oft vergeblich 
suchen, was bei der immerhin beschränkten Anzahl 
Gleichfühlender verständlich ist 

Mit Recht betont Carpenter schließlich den eigenartigen 
Charakter, welchen die Verhältnisse der. heutigen homosexuellen 
Welt bieten; mit Recht weist Carpenter darauf hin, daß unter 
der Oberfläche der großen Gesellschaft und nur in geringem 
Maße von ihren Gesetzen und Bräuchen beeinflußt, Verbindungen 
eingegangen und unterhalten, gewechselt oder gebrochen werden, 
mehr dem inneren Bedürfnise entsprechend als unter dem Druck 
äußerer Verhältnisse. So böten diese Gesellschaften eine Gelegen- 
heit, völlig freigebildete menschliche Gruppierungen zu sehen und 
zu beobachten, die man in der gewöhnlichen Welt noch nicht fände. 

Carpenter sieht aber auch hier die Sache durch eine zu 
schöne Brille, wenn er behauptet, daß eine entschiedene Neigung 
zur Beständigkeit vorherrsche und daß lebenslängliche eheartige 
Verhältnisse unter Urningen ganz gewöhnliche Dinge seien. 

Derartiges kommt vor, ist aber durchaus nicht die 
Regel. 

Jahrbuch IX. 82 



— 498 — 



Durchschnittlich ist der Homosexuelle ebenso wie 
der Heterosexuelle polygam veranlagt. Immerhin ist 
das anzuerkennen und zu bewundern, daß trotz der Äch- 
tung der Homosexuellen, trotz des völlig mangelnden 
homosexuellen Sitten- und Pflichtenkodex, trotz der 
völligen Gesetzlosigkeit in den homosexuellen Verhältnissen 
auch in der homosexuellen Welt sich schöne, freiwillige 
Beziehungen und Verbindungen herausgebildet haben. 
Auch da, wo keine geschlechtliche Anziehung Homo- 
sexuelle verbindet, kommen ethische Bündnisse zustande, 
die, sei es rein freundschaftlicher oder gemischt sentimen- 
taler Art, die Freunde mit Banden der Hingebung, der 
Treue, der Aufopferungsfähigkeit, des gegenseitigen Auf- 
gehens in einander vereint, gegenüber denen die Bezieh- 
ungen zwischen heterosexuellen Freunden in der Regel 
kühl, frostig und oberflächlich erscheinen. 

Einen richtigen Zug erwähnt auch Carpenter, nämlich daß 
bei gewissen homosexuellen Bündnissen sexueller Art trotzdem 
kleine Untreuen gegenseitig geduldet werden und der Eifersucht 
keinen Raum geben. 

Alles in allem böte also die homosexuelle Welt Be- 
ziehungen, die einen bemerkenswerten Charakter trügen 
und vor den heterosexuellen geregelten Verhältnissen sich 
nicht zu schämen brauchten, im Gegenteil. 

Das Buch von Carpenter, obwohl etwas zu schön- 
färberisch geschrieben, ist der höchsten Beachtung wert 
wegen seines Gedankenreichtums und der sexuell-sozialen 
Tendenz in der Betrachtungsweise der Homosexualität. 

Friedländer, Benedikt : Denkschrift verfaßt für die Freunde 
und Fondszeichner des Wissenschaftlich-humanitären 
Komitees. Im Namen der Sezession des Wissen- 
schaftlich-humanitären Komitees. (Als Manuskript 
gedruckt Berlin 1907.) 

Auf den ersten Teil: „Geschichte und Ursachen der Sezession" 
soll hier nicht näher eingegangen werden. Die Bibliographie ist 



— 499 — 



nicht der geeignete Ort hierfür, zumal Dr. Hirschfeld selbst die 
gegen ihn gerichteten Angriffe in fiberzeugender Weise zurück- 
gewiesen hat Dagegen will ich einiges zu dem zweiten Teil: 
„Wissenschaftliche Differenzpunkte" bemerken. Die Ausführungen 
dieses Abschnittes bilden eine knappe und kurze Zusammen- 
fassung der in Friedländers Buch: „Die Renaissance des Eros 
Uranios" des längeren und breiten dargestellten Ansichten Fried- 
länders. Da ich den Inhalt dieses Buches im Jahrbuch sehr ein- 
gehend wiedergegeben und kritisch besprochen habe, so kann 
ich mich hier auf weniges beschränken. 

Im Wesentlichen sind es zwei Gesichtspunkte, in denen 
Friedländer von den Ansichten des Komitees und ihres Leiters ab- 
weicht. Friedländer bezeichnet die Zwischenstufentheorie als un- 
richtig, Zwischenstufen seien seltene Mißbildungen, von denen 
vielleicht ein Fall pro Mille vorkomme. Die Homosexuellen da- 
gegen hätten der großen Mehrzahl nach nichts mit solchen Miß- 
bildungen zu tun, sie seien insbesondere nicht effeminierte 
Männer, Männer mit Weiberseelen, vielmehr volle und ganze 
Männer. Die Liebe zu einem männlichen Wesen seitens eines 
Mannes sei keine ausschließlich weibliche Eigenschaft, „kein 
sekundärer weiblicher Geschlechtscharakter". 

Die Auffassung von Friedländer beruht zum Teil 
auf einem Mißverständnis und ungenügender Erfassung 
des Begriffes »Zwischenstufe", zum Teil ist sie direkt 
unrichtig. Zwischenstufe bedeutet nicht Mißbildung, 
»Zwitter" und wird in diesem Sinne weder von Hirsch- 
feld, noch von dem Komitee aufgefaßt, mit Zwischen- 
stufen werden die Personen bezeichnet, bei denen die 
Geschlechtscbaraktere beider Geschlechter in einer Weise 
vorhanden sind, wie man ihnen bei dem Durchschnitts- 
typus des Mannes oder Weibes nicht begegnet, bei denen 
Geschlechtscharaktere nicht bloß des eigenen, sondern 
auch des entgegengesetzten Geschlechts bestehen. Von 
Zwischenstufen kann man schon sprechen, auch trotz 
Bestehens des den Geschlechtsteilen entsprechenden Ge- 
schlechtstriebes, wenn ein besonders für das entgegen- 
gesetzte Geschlecht charakteristisches körperliches oder 
geistiges Merkmal hervortritt, also z. B. wenn ein hetero- 



— 500 — 



sexueller Maon die Sucht hat, Weiberkleider zu tragen, 
weibliche Arbeiten zu verrichten, oder wenn er charak- 
teristische, weibliche Brüste aufweist (Gynäkomastie). 
Alle diese sehr zahlreichen Arten lassen sich nicht als 
„Zwitter* bezeichnen. „Zwitter" sind zwar Zwischenstufen, 
aber nicht alle Zwischenstufen sind .Zwitter" oder .Mon- 
strositäten". Ganz besonders berechtigt ist nun die Be- 
zeichnung .Zwischenstufe* für Personen mit invertiertem 
Geschlechtstrieb. Gerade diese Personen sind aber keine 
„Zwitter", man kann sie ruhig „physiologische Varietäten* 
nennen, deshalb sind sie doch Zwischenstufen, weder 
ganz Mann noch ganz Weib, weil ihnen ein wesentliches 
Attribut des Geschlechts fehlt, zu dem sie nach den 
Geschlechtsteilen zugehören, nämlich der auf das entgegen- 
gesetzte Geschlecht gerichtete Geschlechtstrieb. 

Der Geschlechtstrieb ist nämlich zweifellos ein 
sekundärer und zwar sehr wichtiger Geschlechtscharakter. 
Besitzt daher eine Person einen auf das eigene Geschlecht 
gerichteten Geschlechtstrieb, so hat sie ein dem andern 
Geschlecht zukommendes, sekundäres Geschlechtsmerkmal, 
das die Bezeichnung der Person als „Zwischenstufe* 
rechtfertigt Dadurch, daß man nun die Homosexuellen 
wegen dieses sekundären, weiblichen Geschlechtsmerkmales 
„ Zwischenstuf e" nennt, charakterisiert man sie nicht als 
weibische Männer im schlechten Sinne, sie erfahren da- 
durch keine capitis deminutio, keine Herabsetzung. 

Zwar muß entgegen Friedländer behauptet werden, 
daß die meisten — und ich glaube sogar alle — Homo- 
sexuellen neben der konträren Sexualempfindung noch 
andere charakteristische weibliche Merkmale — körper- 
licher oder geistiger Art — der eine mehr, der andere 
weniger — aufweisen, wie ich dies schon oben bei der 
Besprechung von Blochs Werk betont habe. 

Wenn nun aber auch die Homosexuellen verschiedene 
weibliche Merkmale an sich haben, so werden sie doch 



— 501 — 



nicht alle zu weibischen Männern, zn minderwertigen 
Geschöpfen gestempelt. 

Viele besitzen neben den weiblichen Eigenschaften 
ganz hervorragende männliche Eigenschaften und die 
Mischung beider Arten von Eigenschaften der Geschlechts- 
merkmale beider Geschlechter kann gerade, was den 
Wert des Charakters und der Psyche anbelangt, von dem 
größten Vorteil sein. Ich will damit nicht sagen, daß 
der Homosexuelle über dem Normfalen steht infolge der 
Mischung des Weiblichen und Männlichen in ihm, aber 
nur behaupten, daß er sehr oft mindestens dem Vollmann 
gleichwertig, wenn auch andersartig ist 

Daß es auch bei den unendlich reichen Übergängen 
zwischen Vollmann und Vollweib auch völlig weibische 
Homosexuelle gibt, ist selbstverständlich, aber auch nicht 
einmal diese sind ohne weiteres deshalb als minderwertig 
zu bezeichnen, sie können eine ganze Reihe wertvoller 
Eigenschaften besitzen und unter Ausnutzung dieser 
Eigenschaften in geeigneten Berufen der Gesellschaft 
gerade so wertvolle Mitglieder abgeben, wie die sog. 
virilen Homosexuellen. 

Aber völlig falsch ist es jedenfalls, gegen die Zwischen- 
stufentheorie die Beschuldigung vorzubringen, sie be- 
zeichne alle homosexuellen Männer als effeminierte oder 
minderwertige Männer, ebenso wie es falsch ist die Auf- 
stellung der Zwischenstufentheorie, bei den Homosexuellen 
fände sich eine Anzahl charakteristischer Merkmale des 
entgegengesetzten Geschlechts, als eine Herabsetzung und 
Verkennung der Homosexuellen zu schelten. 

Sehr eigentümlich berührt die Behauptung Fried- 
länders, die Homosexuellen seien nicht weibähnlich, sondern 
knabenähnlich. Sie behielten zeitlebens einen physio- 
logischen Charakter, der der Mehrzahl der Männer in 
vorgeschrittenerem Alter bis auf geringen Rest ver- 
loren geht. 



— 502 — 



loh meine, wenn dieses zuträfe, so würden die Homo- 
sexuellen viel eher als minderwertige, degenerierte 
Menschen zu gelten haben, als wenn es sich um einen bloß 
weiblichen Einschlag handelt Dann erst recht müßte 
man von Minderwertigkeit reden; Friedländer spricht 
dies übrigens selbst aus, indem er diese angebliche Knaben- 
haftigkeit als Entwicklungshemmung charakterisiertWarum 
dann so sehr gegen die bloße Bezeichnung der Homo- 
sexualität „als Anomalie" und gegen die nicht einmal 
eine Entwicklungshemmung involvierende Zwischenstufen- 
theorie sich sträuben? 

Der zweite Hauptirrtum Friedländers besteht in seiner 
sogen, „physiologischen Freundschaft". 

Die Bekämpfung dieser Anschauung bereitet insofern 
große Schwierigkeiten, als man überhaupt nicht mit Be- 
stimmtheit sagen kann, was Friedländer eigentlich unter 
„physiologischer Freundschaft* versteht 

Mir scheint es, daß er behaupten will, in jeder • 
Freundschaft, die ein natürliches, normales Gefühl sei, 
stecke ein Stück Homosexualität. Jedenfalls ist für Fried- 
länder Homosexualität und Freundschaft der Gattung nach 
gleich, beide sind ihm nur dem Grade nach verschieden; 
beide haben aber nach ihm ein und dieselbe Wurzel. 

Mit diesen Anschauungen bringt er eine heillose 
Verwirrung zwischen Liebes- und zwischen Freundschafts- 
gefühl zuwege, eine Verwirrung, die nicht nur jeder 
Wirklichkeit ins Gesicht schlägt, sondern auch für die 
Aufklärung und für die Aufdeckung des wahren Wesens 
der Homosexualität äußerst schädlich ist 

Freundschafts- und Liebesgefühle können unter Um- 
ständen ineinander übergehen, regelmäßig sind sie scharf 
getrennt Die Freundschaften, welche Heterosexuelle 
verbinden, sind jedenfalls ganz und gar, nicht nur dem 
Grad sondern der Natur nach, verschieden von den Lieb- 
schaften Homosexueller. 



— 503 — 



Jedes weitere Wort ist in dieser Beziehung tiber- 
flüssig, mit Recht entrüsten sich Heterosexuelle, daß man 
ihre Freundschaftsgefühle auf die Grundlage der ge- 
schlechtlichen Gefühle der Homosexuellen stellen wolle. 

Nicht dadurch unterscheiden sich Freundschafts- und 
Liebesgefühle, daß im ersteren Fall es zu keinem, im 
letzteren Fall zu einem Geschlechtsakt komme, sondern 
dadurch, daß bei dem Liebesgefühl der geschlechtliche, 
wenn auch nur der geschlechtlich-sentimentale Trieb, 
kurz der Geschlechtstrieb durch den Freund angeregt 
wird, während bei der Freundschaft die Nähe des Freundes 
nicht das direkt psychisch und physisch beglückende, die 
ganze Persönlichkeit durchströmende Lustgefühl auslöst 

Ob es zu geschlechtlichen Handlungen kommt, ist 
gleichgültig, nur besteht in dem einen Fall die Lust und der 
— mehr oder weniger heftige — Trieb zu solchen Hand- 
lungen, im anderen Falle dagegen nicht „Physiologische 
Freundschaft* im Sinne von Friedländer, also die Freund- 
schaft, welche Freundschaft und doch keine Freundschaft, 
die homosexuelles Gefühl und doch keine reine Homo- 
sexualität ist, stellt sich dar als ein Ding, das so recht 
den Namen „Zwitterding", ungesundes, nebelhaftes Gefühl 
verdient, ein Gefühl weder Fisch noch Fleisch, das sicher- 
lich auoh mitunter vorkommen mag, aber zu den großen 
Seltenheiten gehört. 

Vielleicht wäre eine Verständigung mit Friedländer 
möglich, wenn man folgende bisher — soweit mir be- 
kannt — noch nicht gemachte Unterscheidungen bei den 
menschlichen geschlechtlichen Gefühlen aufstellt Diese 
Kategorien dürften vielleicht zugleich auch zu dem Ver- 
ständnis der Homosexualität im alten Griechenland und 
überhaupt der sogen. Pseudo-Homosexualität beitragen. 
Ich glaube, daß die allermeisten der Menschen eine be- 
stimmte Geschlechtsnatur haben, daß von diesen Menschen 
die übergroße Mehrzahl nur das entgegengesetzte Ge- 



— 504 — 

schlecht, die kleine Minderzahl nur das gleiche Geschlecht 
liebt. Die alltägliche Erfahrung scheint mir dies zu 
bestätigen. 

Falsch ist daher die Auffassung von Friedländer, daß 
die meisten Menschen geschlechtliche Zuneigung zu beiden 
Geschlechtern haben. 

Dagegen möchte ioh allerdings die Vermutung auf- 
stellen, daß die meisten Menschen, ob nun homo- oder 
heterosexuell, ihrem wahren Gefühl nach keinen Ekel, 
keine horror vor geschlechtlichen Handlungen mit Per- 
sonen desjenigen Geschlechts empfinden, zu dem sie keinen 
Geschlechtstrieb verspüren. Mir scheint z. B., daß aller- 
dings in vielen Fällen der Ekel, der horror der Hetero- 
sexuellen vor gleichgeschlechtlichen Handlungen mehr 
intellektuell, mehr durch die allgemeine Anschauung und 
Beurteilung begründet ist, als instinktiv, gefühlsmäßig 
vorhanden. Sonst wäre es undenkbar, daß sich z. B. 
heterosexuelle Soldaten so leicht um wenige Geldstücke 
zu gleichgeschlechtlichen Handlungen hingeben und dabei 
sehr oft tatsächlich Wollust, wenn auch grobsinnliche, 
empfinden. 

Bestände ganz allgemein der instinktive horror, so 
würden Heterosexuelle unmöglich so leicht Homosexuellen 
zu Gefallen sein, wie' dies tatsächlich so oft vorkommt. 

Es besteht aber meiner Ansicht nach bei den meisten 
Menschen zwar nur ein Trieb zu einem bestimmten Ge- 
schlecht, aber daneben nicht horror, sondern In- 
differenz zu dem andern. Deshalb können auch viele 
Homosexuelle den coitus mit der Frau ausüben, sie haben 
hierzu gar keinen Trieb, aber der mechanische Akt ist 
ihnen möglich, er ekelt sie nicht an, aber stellt nur einen 
onanieartigen Akt dar. 

Ähnlich empfinden meiner Ansicht nach viele Hetero- 
sexuelle gegenüber den gleichgeschlechtlichen Handlungen. 

Dabei bewirkt dieser Zustand der Indifferenz gegen- 



— 505 — 



über dem der wirklichen Natur nicht entsprechenden 
Handlungen, einmal, daß niemals die eigentliche Geschlechts- 
richtung durch Vornahme der letzteren Handlungen ge- 
ändert und niemals ein wirklicher Trieb zu dem nicht 
geliebten Geschlecht allmählich erzeugt wird. 

Die zahlreichen Fälle, wo Heterosexuelle jahrelang 
mit Homosexuellen verkehrt haben, ohne jemals selbst 
homosexuell gefühlt zu haben und ohne den genußreichen 
Verkehr und den Trieb zum Weib verloren zu haben 
oder auch nur in ihrer eigentlichen Geschlechtsnatur 
beeinträchtigt worden zu sein, sind für mich die 
schlagendsten Beweise. 

Aus diesem Boden der Indifferenz heraus erklärt 
sich dann auch die Verbreitung der gleichgeschlechtlichen 
Liebschaften im alten Griechenland. Dieselben verdankten 
allerdings ihre Verbreitung hauptsächlich noch einem Um- 
stand, der Stellung der Frau. Alle heterosexuellen höheren 
Liebesgefühle wurden dem Jüngling künstlich entgegen- 
gebracht und diese von der Frau auf den Jüngling ab- 
gelenkten Gefühle konnten auf dem tatsächlich vorhandenen 
Boden der Indifferenz dann eine völlige Geschlechtsliebe 
zum Jüngling auch bei den Heterosexuellen vortäuschen. 
Wirkliche homosexuelle, instinktive Gefühle waren aber 
sicherlich nur bei den Homosexuellen vorhanden, deren 
Anzahl im Vergleich zu der Anzahl der heute Lebenden 
viel größer scheint, weil die Homosexuellen damals frei 
und offen hervortraten und ihr Gefühl bekennen durften. 
Nicht bisexuell empfinden also meiner Ansicht nach die 
meisten Menschen, sondern monosexuell, dagegen dürften 
wohl die meisten gegenüber dem ihrer Geschlechtsrichtung 
nicht entsprechenden Geschlecht indifferent sein. 

Eine Minderheit von Menschen oder wenigstens keine 
größere Anzahl als die Monosexuellen und Indifferenten 
dürfte neben ihrer Homosexualität wirklichen horror 
gegenüber dem nicht geliebten Geschlecht empfinden. 



— 506 — 



Eine Minderheit dürfte auch die Gruppe derjenigen 
sein, die bisexuell empfindet, d. h. für beide Geschlechter 
wirklichen Geschlechtstrieb verspürt. In vielen Fällen 
sind überhaupt die sogen. Bisexuellen entweder Homo- 
sexuelle, die nur nach dem Geschlechtsverkehr mit dem 
Manne streben, aber wenn es sein muß, auch mit dem 
Weib ohne Ekel, aber ohne inneren Trieb verkehren 
können, oder um Heterosexuelle, die instinktiv nur das 
Weib zum Geschlechtsverkehr suchen und wenn nicht 
besondere Motive für jenen Verkehr mit den Mann ver- 
anlassen, nur das Weib aufsuchen, die aber aus Gefällig- 
keit, Freundschaft» Eigennutz gleichgeschlechtliche Hand- 
lungen ohne Ekel, sogar mit lokalem Reiz, aber ohne 
instinktmäßige Lust dulden. 

Betont man diesen — meiner Ansicht nach — ver- 
breiteten Zustand der „Indifferenz* Heterosexueller 
gegenüber homosexuellen Handlungen, dann erhält die 
physiologische Freundschaft einen annehmbaren Sinn, der 
dem von Friedländer gewollten sich etwas nähert, aber 
die Verwirrung von Freundschafts- und Liebesgefühl 
vermeidet und wohl der Wirklichkeit mehr entspricht, 
als die Friedländersche allgemeine Bisexualität 

Dabei bemerke ich ausdrücklich, daß meine Theorie 
nicht mit der Prätention auftritt, zweifellos die Wahrheit 
ergründet zu haben, sondern vorderhand nur eine Hypo- 
these darstellt. Ein heterosexueller Arzt, dem ich sie 
vortrug, hält sie — von seinem persönlichen Empfinden 
und demjenigen vieler seiner heterosexuellen Bekannten 
aus beurteilt — für falsch; denn, meinte er, ihm und 
wohl fast allen Heterosexuellen wäre, gefühlsmäßig 
empfunden, die Homosexualität einfach unverständlich 
und der Gedanke einer irgendwelchen sexuellen Annäherung 
an den Mann einfach entsetzlich, nicht bloß indifferent. 
Hammer, Wilhelm, Dr. med., Die Tribadle Berlins. 

Zehn Fälle weibweiblicher Geschlechtsliebe akten- 



mäßig dargestellt, nebst zehn Abhandlungen über die 
gleichgeschlechtliche Frauenliebe. (Berlin u. Leipzig, 
Verlag Hermann Seemann Nachfolger.) 

Verfasser hat wohl das bisher größte Material gleich- 
geschlechtlicher weiblicher Liebe kennen gelernt, er versichert, 
er habe als Hausarzt des größten Dirnenkrankenhauses in 
Deutschland sehr viele Lesbierinnen gesehen und auch außerhalb 
zahlreiche beobachtet. Hammer unterscheidet angeborene Homo- 
sexualität und erworbene. Letztere sei sehr häufig. 

Unter den zehn mitgeteilten Fällen sind aber fast alle nach 
Hammers eigener Diagnose angeboren. 

Bei mehreren seiner Fälle betont Hammer ausdrücklich, daß 
weder Reizhunger, noch Übersättigung, noch Mangel an männ- 
lichem Geschlechtsverkehr usw. als Ursache der homosexuellen 
Handlungen und Empfindungen der betreffenden Frauen anzusehen 
sei, sondern der angeborene, gleich beim Erwachen des Ge- 
schlechtstriebes auf das Weib gerichtete Trieb (so ausdrücklich 
bei Fall 1, 2 und 3). Auch Fall 4 hält er wahrscheinlich für an- 
geboren, desgleichen Fall 5, obgleich die Dame selber ihre 
Neigungen auf die unzüchtigen Berührungen in der Kindheit 
zurückführe. Diese Berührung, bemerkt aber Hammer, habe der 
Betreffenden wohl nur deshalb so viel Freude gemacht, weil sie 
angeboren urnisch veranlagt gewesen sei. 

Fall 6 betrifft eine geborene Verbrecherin, bei der die 
brutale Sinnlichkeit im Geschlechtsleben ausschlaggebend und 
die daher mit Mann und Frau geschlechtlich verkehrt habe. 

Fall 7 bezieht sich auf eine geborene Homosexuelle, bei 
der aber Genußsucht stark ausgeprägt ist. 

Fall 8 schildert eine prostituierte Urninde. Die Preisgabe 
ihres Körpers an Männer mache ihr nicht das Unbehagen, das 
andere Urninden oft in solcher Lage empfänden. 

Das verdiente Geld verwende sie, um sich die Vergnügungen 
der bezahlten urnischen Frauenliebe zu verschaffen. 

Fall 9 berichtet über eine (15jährige) Prostituierte, bei der 
es schwer sei zu entscheiden, ob der homosexuelle Verkehr in 
erster Linie auf angeborene Anlage oder auf schlechte Umgebung 
und Einflüsse zurückzuführen sei. 

Fall 10 beschreibt ein gleichgeschlechtlich empfindendes 
Mädchen mit einer sehr engen Scheide, welche bei Einführung 



— 508 — 



des männlichen Gliedes schmerzhaft, bei der hitroductio linguae 
dagegen wollüstig erregt werde. 

Hammer bemerkt: Nicht alle Frauen mit enger Scheide ge- 
langen zum Lesbismus, es gehöre dazu noch die Verführung, 
und auch dies genüge nicht, es müsse eben noch eine eigen- 
tümliche Charakter- oder Gehirnanlage hinzukommen. 

Nach Hammer begegne man unter den Dirnen sehr häufig 
der erworbenen Homosexualität 

Wenn die Behauptung Hammers richtig ist, daß unter 3000 
Dirnen sich mindestens 1000 Lesbierinnen befinden, so kann man 
allerdings eine sehr große Anzahl nicht zu dem angeborenen 
Uranismus rechnen. Nur darf man in der Mehrzahl dieser Falle 
auch gar nicht von erworbenem Uranismus reden, sondern eben 
nur von grobsinnlichen Handlungen ohne wirkliche seelische An- 
ziehung. 

Hammer nimmt an, daß der lesbische Trieb auch als Teil- 
erscheinung des Reizhungers oder als Ausfluß eines durch 
Enthaltsamkeitszwang verirrten Gehirns entstehen könne (Reihen- 
folge : Enthaltsamkeit, Sinnlichkeit, Selbstbefleckung, Reizhunger). 

Außer dem Fall 9, wo übrigens auch angeborene Bisexualität 
vorliegen kann, bringt Hammer keinen Fall, der auf Entstehung 
durch Enthaltsamkeit oder Reizhunger paßt. 

Verfasser teilt interessantes Material zur Beurteilung der 
weibweiblichen homosexuellen Psyche mit, namentlich Briefe, 
Gedichte, Äußerungen Homosexueller. 

Er selbst charakterisiert die Homosexuellen als Frauen, die 
oft mit Denkschärfe und rücksichtsloser Folgerichtigkeit in der 
Bildung der Urteile begabt seien, in einer Weise, wie sie ge- 
wöhnlich bei dem Weib nicht anzutreffen seien. 

Streng gegen. sich selbst seien oft Urninden, auch streng in 
ihren Anforderungen an andere, als Erzieherinnen nicht selten 
von herber Gerechtigkeit 

Die herbere Tonart habe er durchschnittlich bei Urninden 
gefunden, die nicht dauernd dem Geschlechtsverkehr huldigten. 
Die mildere Sinnesart scheine ihm mehr denn eigentümlich zu 
sein, die in innigster Verbindung mit Freundinnen lebten. 

Trotz des männlichen Intellekts vieler Urninden muß 
doch hervorgehoben werden, daß bei mehreren, über die 
Hammer berichtet, sich ein Mangel an Logik und ein 
sehr starker weibischer Subjektivismus findet, insofern 



sie ihre Liebesempfindungen entschuldigen, diejenigen 
anderer Art, auch die normalen, schroff beurteilen. 

So hält sich z. B. die Dame Fall 5, obgleich ihre grobe 
Sinnlichkeit bis zum Notzuchtversuch an der eigenen Schwester 
geht, für „moralischer" als den männerliebenden Teil der Frauenwelt. 

In diesem Zusammenhang sei auch die Oehässigkeit eines 
Teiles der Uranierinnen gegen die Männerwelt erwähnt, welche 
Hammer bei einigen festgestellt hat 

Exaltierte und einseitig denkende weibliche Homo- 
sexuelle sind demnach ebenso vorhanden, wie extrem 
urteilende, überspannte männliche Invertierte. Die Mehr- 
zahl bilden sie aber hier wie dort nicht. Hier wie dort 
wird die Hauptursache solcher Geistesverfassung auch in 
der sozialen Ächtung und Verdammung der Homosexuellen 
zu erblicken sein. 

In der weiblichen Homosexualität ist Hammer geneigt, eine 
den normalen Frauen drohende Gefahr zu erblicken, nämlich die 
Gefahr eines Hineindrängens schwächlicher nicht homosexueller 
Frauen in manche für sie nicht passende Lebensstellungen, sowie 
die Gefahr einer drohenden Bevorrechtung der Urninde und des 
Hagestolzes gegenüber den Gattinnen und Ehemännern, also ge- 
rade derjenigen Menschen, die den Pflichten der Fortpflanzung 
nicht genügten. 

Diese Gefahr scheint mir nicht zu bestehen. 

Die Aufklärung auch über die weibliche Homo- 
sexualität wird der normalen Frau die Augen darüber 
öffnen, daß Stellungen und Berufe, die dem Wesen der 
Urninde entsprechen, nicht für die heterosexuelle Frau 
angemessen sind« Letztere wird dann auch für ihre 
Natur nicht passenden Berufen nicht nachjagen. 

Andererseits aber ist es kein Unglück, wenn die 
Urninde diejenigen Berufe ergreift, die ihrer Eigenart 
nahe liegen und wenn sie in diesen Berufen mit dem 
Mann in den Wettkampf tritt. Von einer Bevorrechtung 
der Urninden vor den normalen Frauen kann und soll 
keine Rede sein, sondern nur von einer Betätigung beider 



— 510 — 



in den, ihren verschiedenen Wesenheiten angepaßten 
Lebenstätigkeiten und Berufen. 

Das Buch von Hammer ist wertvoll, weil es gutes 
Material und gute Bemerkungen über die bisher kaum 
so ausführlich behandelte und im Vergleich zur männ- 
lichen Homosexualität weit weniger bekannte weibliche 
Homosexualität bringt 

Die Disposition „die zehn kürzeren Aufsätze je hinter 
den zehn Biographien 11 halte ich nicht für glücklich. Die 
Übersicht über das Ganze geht dadurch verloren, es 
sind auch manche Wiederholungen wohl auf diese Dar- 
stellungsweise zurückzuführen. 

Die einen oder andern Kapitel erscheinen auch nicht 
als notwendige Erläuterungen gerade des speziellen 
vorangehenden Falles. 

Eine zusammenfassende, logisch gegliederte Dar- 
stellung wäre wünschenswerter gewesen. 

Michaälis, Hermann, Die Homosexualität in Sitte und 
Recht. Mit einem Geleitwort von Dr. Magnus Hirsch- 
feld. Berlin 1907. Verlag Hermann Dames. 

Der Hauptwert des Buches liegt in der überaus reichhaltigen, 
ja sogar bisher vollständigsten Zusammenstellung der strafrecht- 
lichen Bestimmungen gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr. 
Doch hat sich der Verfasser daran keineswegs genügen lassen, 
sondern nach Möglichkeit auch vieles interessante kulturhistorische 
Material eingestreut, das zum großen Teil aus bisher weniger 
bekannten und nicht jedem zugänglichen Quellen und Literatur- 
werken zusammengetragen ist. Bezüglich des Bekannteren, aber 
in vielen Werken zerstreuten, darf man dem Autor eine sorg- 
fältige und gewissenhafte Zusammenstellung nachrühmen, beläuft 
sich doch die Zahl der bibliographischen Fußnoten auf nicht 
weniger als 80 Nummern. — In fast lückenloser Aneinanderreihung 
erscheinen die Strafbestimmungen der namhaftesten und für die 
abendländische Zivilisation bedeutsamen Kulturvölker. Im Juden- 
tum führt der Verfasser die Bestrafung der Sodomiten und 
Oibeoniten in Übereinstimmung mit dem Kirchenvater Hieronymus 
auf den Bruch des den Orientalen hochheiligen Gastrechts und 



r 



— 51t — 



die Vorschriften des priesterlichen Gesetzes auf das Bestreben, 
die Propagationsfähigkeit des Volkes in jeder Weise zu fördern 
zurück. — Für das attische Recht kommt er, gestützt auf 
M. H. E. Meiers noch* heute mustergültige Arbeit bei Ersen und 
Gruber zu dem Ergebnis, daß das athenische Gesetz nur die 
gewerbsmäßige männliche Prostitution für unvereinbar mit der 
Würde eines athenischen Staatsbürgers erachtete und im übrigen 
allein die Minderjährigen (bis zum vollendeten 17. Lebensjahr) 
in seinen Schutz nahm. — An der Hand von Moritz Voigt führt 
dann im weitern der Verfasser gegen Momrasen den Beweis, 
daß in der altern Zeit der römischen Republik überlieferte 
homosexuelle Straffälle sämtlich mit Notzucht konkurrieren, sei 
es als Mißbrauch militärischer Dienstgewalt oder als Ver- 
gewaltigung bürgerlicher Schuldgefangener. Über das nach Wort- 
laut und Inhalt nicht mehr erhaltene Skantinische Gesetz kommen 
wir zu den Julischen Gesetzen, die sich hauptsächlich gegen Ver- 
kupplung und Verführung unschuldiger freier Knaben wandten. 
— Bei der neutestamentlichen Epistolographie weist Ver- 
fasser die auch heutzutage des öftern noch vorkommende Be- 
rufung auf die verurteilenden Worte des Paulus im Römerbrief 
als unbegründet zurück. Bei Paulus und den Kirchenvätern sei 
nur von verurteilenden Warnungen, in den Beschlüssen der 
früheren Konzilien und Synoden nur von kirchlichen Disziplinar- 
strafen die Rede, mit Constantius und Constans gehe dann die 
Gesetzgebung der christlichen Kaiser im Jahre 342 mit Festsetzung 
der Todesstrafe zur Jurisdiktion des altjüdischen Priestergesetzes 
zurück, ja sogar mit dem Erlaß des Valentinian, Theodosius und 
Arcadius vom Jahre 390 in Erinnerung an die altjüdische Legende 
von Sodoms Untergang durch die Verhängung des Feuertodes 
weit darüber hinaus. Von letzterer sei allerdings das justinia- 
nische Corpus juris (534) zum Schwerttode zurückgekehrt. — Die 
nun folgenden 3 Kapitel behandeln sodann die Homosexualität im 
deutschen Strafrecht von den ältesten Zeiten bis zum R.-St.-G.-B. 

An der Hand antiker und frühmittelalterlicher Quellen wird 
hier der Beweis geführt, daß mannmännliche Liebe auch bei den 
germanischen Stämmen anzutreffen sei, daß aber, abgesehen von 
dem durch Tacitus berichteten Versenken der sich gleichgeschlecht- 
lich Prostituierenden in Sümpfe, sich nirgends in den altgerma- 
nischen Volksrechten eine Spur von krimineller Bestrafung finde. 
Eine solche tritt vielmehr erst unter dem Einfluß der Kirche auf, 
sowohl bei den Westgoten in dem auf das Edikt des Kaisers 



— 512 — 



Theodosius (390) zurückgreifenden Breviarium AJarichs II. (506) 
als Verurteilung zum Scheiterhaufen, wie in dem Edikt König 
Chindasvinds im 7. Jahrhundert als Kastration. Die frankischen 
Kapitularien aus der Zeit Karls des Großen (zwei Erlasse dieses 
Kaisers werden auszugsweise mitgeteilt) begnügen sich noch mit 
den von den Synoden (Ankyra 314) verhängten Kirchenbufien, 
die auch im kanonischen Recht des Corpus decretorum (Mitte 
des 12. Jahrhunderts) Platz fanden. Später im 13. und 14. Jahr- 
hundert gelangte die Strafe des Feuertodes aus dem Breviarium 
durch Vermittlung daraus abgeleiteter Rechtsbücher, wie etwa 
der Lex Romana Utinensis (766) auch in die mittelalterlich«! 
Land- und Stadtrechte, so in Augsburg 1276, bei Ruprecht von 
Freising 1328 usw., bis sie endlich über Johann von Schwarzen- 
bergs „Bambergische Halsgerichtsordnung von 1507 (mater Ca- 
rolinae) und die brandenburgisch-fränkische Halsgerichtsordnung 
von 1516 (soror Carolinae)" in das Reichsgesetz Kaiser Karls V. 
„Peinliche Halsgerichtsordnung 4 ' (1532) gelangte. Diese drei 
epochalen Strafgesetzbücher gingen somit wieder weit über ihre 
ursprüngliche Quelle, das justinianische Recht, hinaus. 

Es würde zu weit führen, hier die partikularen Landes- 
gesetze der späteren Jahrhunderte im einzelnen zu wiederholen, 
erwähnt sei nur, daß die Ferdinandea vom Jahre 1656 vor der 
Verbrennung die Enthauptung und neben erschwerenden auch 
mildernde Umstände, wie Jugend, Unverstand und Nichtvollendung, 
zuläßt, während die Theresiana vom Jahre 1769 schon die bloße 
solitäre Onanie kriminell ahnden will, und daß die etwas trockene 
Aufzählung der Gesetzesparagraphen durch eine ziemlich reiche 
kriminalistische Kasuistik, sowie durch die Ausführungen nam- 
hafter Rechtslehrer etwas schmackhafter gemacht wird. Mit der 
Josephina vom Jahre 1782 und dem Allgemeinen preußischen 
Landrecht vom Jahre 1794 kommen wir endlich wieder in eine 
Zeit, die mit der Verhängung der Lebensstrafe gegen gleich- 
geschlechtliche Handlungen endgiltig bricht Aber doch stehen 
noch Zuchthaus und Kerker, zum mindesten Gefängnisstrafe 
darauf, von denen sich nur bei nicht durch Notzucht, Mißbrauch 
Minderjähriger und Erregung öffentlichen Ärgernisses komplizierten 
Fällen das bayerische Strafgesetzbuch vom Jahre 1813, das württem- 
bergische vom Jahre 1839, das hannöverische vom Jahre 1840 
und das badensische vom Jahre 1845 emanzipierten, Errungen* 
schaften, die leider durch die Übernahme des preußischen Straf- 
gesetzes durch den norddeutschen Bund und dann in das Reichs- 



— 513 — 



Strafgesetzbuch wieder völlig illusorisch wurden. Auch hier wird 
die Reihe der Einzelgesetze wieder unterbrochen durch die An- 
führung bedeutsamer Stellen aus der Strafrechtsliteratur, sowie 
durch eine eingehende Darstellung der Einführung des § 152 in 
das Strafgesetzbuch für den norddeutschen Bund. — Nicht minder 
interessant gestaltet sich das 10. Kapitel, das die außer- 
deutschen Länder Europas behandelt 

Besonders ausführliche Angaben finden wir hier über die 
große holländische Uranierverfolgung im Jahre 1730 (nach den 
Forschungen von Römer), ferner über das Strafrecht Frankreichs, 
Italiens und Englands; hier ist Eugen Dührens verdienstvolles 
Werk eingehend berücksichtigt, sowie über die Reste altgriechischer 
Jünglingsliebe, die sich nach O. von Hahns Bekundungen noch 
heutigen Tages in Albanien erhalten haben. — Kürzer faßt sich 
der Autor bei der Darstellung der Homosexualität in den außer- 
europäischen Ländern, wo er sich fast ausschließlich an die 
wertvollen Forschungen von Professor Karsch anlehnt — In den 
beiden Schlußkapiteln widerlegt Michaelis noch einmal kurz die 
angeblichen Gründe, welche vom religiösen, sozialen, medi- 
zinischen und juristischen Standpunkt für die Beibehaltung des 
§ 175 R.-St-O.-B. geltend zu machen sind, weist schlagend, gestützt 
auf zahlreiche Autoritäten, seine individuelle, wie soziale Schäd- 
lichkeit nach und tritt von dem Standpunkt, daß homosexuelle 
Akte nicht anders zu beurteilen seien, wie heterosexuelle, im 
Prinzip für seine völlige Aufhebung ein, unter Festsetzung des 
Schutzalters für beide Geschlechter auf 16 Jahre. 

So stellt sich das Werkchen, zumal es durch eine 
kurze naturwissenschaftliche und literarhistorische Ein- 
führung vervollständigt wird, als ein treffliches Kompen- 
dium über die homosexuelle Frage dar, in dem nach 
Dr. Hirschfelds Geleitwort nicht nur der Fernstehende, 
sondern auch der Fachmann manches, ja vieles finden 
wird, was ihm bisher unbekannt war und dessen Studium 
allen, die sich über die homosexuelle Frage belehren 
lassen wollen, nur von Nutzen sein wird. 

Host, A. EL, Zwei Todfeinde unseres Volkes und ihre 
Bekämpfung*. Ein ernstes Wort an alle Volksfreunde. 
(Druck und Verlag des „Kasseler Sonntagsblattes 41 .) 

Jahrbuch IX. 88 



— 514 — 



Der erste Teil bekämpft den „Alkoholismus", der zweite die 
„Sittenlosigkeit". 

Unter letztere rechnet Verfasser auch jegliche homosexuelle 
Betätigung, möge sie auch maßvoll und aus angeborener Neigung 
erfolgen. 

Er wärmt wieder den alten Irrtum auf, daß hauptsächlich 
„die im Römerbrief genannte Sünde" in Zeiten des Verfalls auf- 
tauche und bei weiterem Verbreiten jedes Volk zugrunde richten 
müsse, wie dies die Geschichte der Römer und Griechen beweise. 

Diese „Sünde" (die homosexuelle) werde fast ausschließlich 
durch Verunreinigung des Gedankenlebens und unkeusche Be- 
rührungen großgezogen. 

Einige Seiten später erkennt dann Verfasser an, daß es 
Menschen gebe, die mit abnormen Trieben geboren würden. 

Trotzdem verdammt er jegliche sexuelle Betätigung dieser 
Menschen, dabei entwickelt er den „christlich-orthodoxen" Stand- 
punkt ganz in derselben Weise, wie ich ihn im vorjährigen Jahr- 
buch bei der Besprechung des Buches von Wirz als folgerichtige 
Lehre der orthodoxen Kirche behauptet habe. 

Verfasser gebraucht zum Teil fast dieselben Aus- 
drücke, deren ich mich bediente, jedenfalls denselben 
Gedankengang, den ich als dem orthodoxen Standpunkt 
entsprechend dargelegt hatte. Seine Ausführungen be- 
stätigen mir, daß seine furchtbar harte, liebeloseAuffassung 
und nicht die von Milde und Mitleid getragene, aus einem 
fühlenden Herzen kommende Ansicht von Wirz die „christ- 
lich-orthodoxe* darstellt. 

Ob man allerdings da noch von einer Religion der 
Liebe, Milde und Güte sprechen kann, und nicht viel- 
mehr der Härte und Grausamkeit, möge man aus den 
Darlegungen des Verfassers beurteilen. 

Nach dem Verfasser müßten in jedem Geschlecht einzelne 
schwer leiden (vgl. Hiob). Gott wisse, wen er dazu erwähle. 
Gott sei aber die Liebe. Von der ganzen Natur ertöne sein Lob- 
preis. Unter allen diesen Stimmen müsse auch, wenngleich aus 
dumpfer Tiefe, das Bekenntnis Unglücklicher klingen. Gott sei 
doch die Liebe. Er habe auch mit solchen Menschen Gedanken 
des Friedens und nicht des Leides. Solche Menschen mit abnormen 



— 515 — 



Trieben hätten auch einen freien Willen, mittels dessen sie ihre 
Triebe überwinden könnten, mögen sie auch noch so stark sein. 
Christus gebe ihnen die Kraft dazu, Christus habe das sexuelle 
Leben des Menschen zur Liebe veredelt und dem Fleisch voll- 
kommen die Macht genommen. 

Im Jenseits würden die Menschen glücklich und belohnt 

Wer dagegen der Sünde Raum lasse, dessen Leib und Seele 
würden zerstört, der Leib würde zur Wohnstätte des Teufels, der 
Leib verwelken, die Seele todesmatt hinsiechen und oft geistig 
umnachtet werden. 

Als Beispiele führt Verfasser Briefe Homosexueller an. In 
dem einen Brief wird das bisherige Vorurteil gegeißelt und Auf- 
klärung verlangt unter Mitteilung eines ergreifenden Gedichtes 
des seine Seelenqualen schildernden Dichters Georg Scheufler in 
Berlin, in dem Gedicht wird die Lage eines in Erpresserhände 
geratenen, verhafteten Homosexuellen ausgemalt 

Verfasser weiß mit diesen Zeugnissen eines durch jahr- 
hundertjährige Vorurteile ins Unglück gestürzten, an ihrer Natur- 
anlage durch die Unvernunft der Gesellschaft schwer leidenden 
Menschen nichts weiter anzufangen, als in ihnen Beispiele zu er- 
blicken von Menschen, die für ihre Laster Freiheit schaffen 
wollten und willenlose Sklaven der Sünde seien. 

Beide hätten sich in Gottes Hände begeben sollen und sie 
wären erlöst und glücklich geworden. 

Die Ratschlöge hygienischer Natur, die Verfasser 
zur Unterdrückung der Sinnlichkeit gibt: geregelte Lebens- 
weise, Arbeit, Bewegung in freier Luft, keine zu üppige 
Kost und Enthaltung von Alkohol, Abwaschungen, 
Bäder usw., sind natürlich recht gute und befolgenswert. 
Wenn er aber glaubt, auf diese Weise die sexuellen 
Triebe einfach niederhalten zu können, so ist er im Irrtum, 
ebenso befindet er sich im Irtum, wenn er meint, für 
jeden sei völlige Abstinenz gesund und möglich. Wer 
sich enthalten kann, der tue es, für denjenigen aber, dem 
sexuelle Befriedigung zur harmonischen Lebensweise, zur 
Arbeitsfähigkeit und zum Lebensglück nötig ist, der darf 
auch sich maßvoll sexuell betätigen, insofern er dadurch 
keine unerfahrene Jugend verführt, keine anderen Personen 

83* 



— 516 — 



schädigt. Selbst wenn unter diesen Voraussetzungen die 
Betätigung mit Erwachsenen des gleichen Geschlechts 
geschieh^ so begeht er keine fluchwürdige, verdammens- 
werte Tat 

Daß in solchen Fällen maßvoller, keinerlei Rechte 
verletzenden Befriedigung der Körper verwelke oder die 
Seele ins Verderben stürze, das kann sogar von gläubigen 
Christen für ein Märchen gehalten werden, womit ich 
nochmals betone, daß ich weder schädlichen Exzessen 
noch wirklich zu verpönenden Handlungen das Wort 
reden will. 

Näeke, P., Dr., Ober Kontrast-Träume u. speziell sexuelle 
Kontrast-Träume. (In dem Archiv für Kriminal- 
anthropologie und Kriminalistik. Bd. 28. Heft 1/2.) 

Näcke, der schon öfters die Bedeutung der Traume für die 
Kenntnis der Psyche eines Menschen erörtert und überhaupt auf 
die Wichtigkeit der Träume für die Beurteilung der Sexualität 
des Träumenden aufmerksam gemacht hat, beschäftigt sich in dem 
Aufsatz hauptsächlich mit den Kontrast-Träumen, d. h. denjenigen, 
die in schreiendem Kontrast zum gewöhnlichen Charakter des 
Träumenden stehen. 

Zwar sinke im Traume sehr oft das moralische Niveau des 
Einzelnen, aber im ganzen werde sich trotzdem der gute oder 
schlechte Charakter des Träumenden fast nie verleugnen und 
deshalb habe der Traum auch einen charakterologischen Wert, 
der sich aber nur durch Serienträume feststellen lasse. 

Im Gegensatz zu diesen gewöhnlichen Träumen stünden 
die Kontrast-Träume. Sie seien zu erklären, entweder aus einem 
Zurücktreten, einem Ruhen des sekundären Ich, sodaß ein relativ 
starker Grundinstinkt mehr oder minder nackt hervortrete und 
im Spiele der Associationen einen Kontrast-Traum erzeuge, oder 
aber das sekundäre Ich bleibe ziemlich unberührt und der be- 
stehende Instinkt werde aus inneren und äußeren Ursachen in 
besondere Erregung versetzt, oder aber aus einer Kombination 
beider Möglichkeiten. Gewöhnlich werde wohl nur das primäre 
Ich gereizt oder aber auch gleichzeitig das sekundäre geschwächt 
Die Kontrast-Träume entständen infolge außergewöhnlicher 
Ursachen, wie vorangegangene geistige oder körperliche An- 



— 517 — 



strengungen, starke Affekte oder Erschütterungen, oder Genuß 
gewisser Gifte (Alkohol, Äther, Morphium usw.) 

Besonders interessant seien die sexuellen Träume. 

Als erster habe er, Näcke, auf die Wichtigkeit der sexuellen 
Träume bei Scheinzwittern hingewiesen. Hier könnten Serien- 
träume große Dienste leisten und ziemlich sicher auf das richtige 
Geschlecht schließen lassen. Stets auf den Mann gerichtete libi- 
dinöse Traume sprächen durchaus für ein Weib, das umgekehrte 
Verhalten für einen Mann. Natürlich sei an eine mögliche Homo- 
sexualität zu denken, aber dies seien große Ausnahmen. 

Auch sexuelle Kontrast-Träume kämen vor, d. h. libidinöse 
Träume, die der gewöhnlichen Geschlechtsempfindung des Träumen- 
den entgegengesetzt seien. Näcke gibt einen solchen Kontrast- 
traum eines Homosexuellen (der aber heterosexuell träumte) 
wieder und bemerkt, daß ihm in der Literatur außer einem schon 
früher von ihm selbst mitgeteilten Fall, kein Kontrast-Traum eines 
Homosexuellen bekannt sei. 

Ich bin in der Lage, über einen solchen zu berichten: 

Ein heterosexueller Kaufmann Mitte der dreißiger, 
der regelmäßig heterosexuellen normalen Verkehr pflegt 
und von dem Wesen der Homosexualität keine Ahnung 
bat, träumte, er führe sein Glied in anum eines Freundes 
und erwachte im Moment der erfolgten Ejakulation. 

Der im Traum passive Freund ist allerdings ein 
Homosexueller, der sich aber seinem heterosexuellen Freund 
nicht entdeckt hat 

Da aber schon Gerüchte über seine Homosexualität 
in Umlauf waren, die der Heterosexuelle zweifellos er- 
fahren bat, so scheint mir der betreffende Traum durch 
Ideenassoziationen (der Gedanke, wie der Homosexuelle 
den Akt wohl ausführe, welche Empfindungen ein solcher 
Akt auslösen muß usw.) zustande gekommen zu sein. Daß 
der Heterosexuelle gleich an Pädikation gedacht, ist ver- 
ständlich, da er das Wesen der Homosexualität nicht 
kannte und im landläufigen Vorurteil befangen, Homo- 
sexualität mit Pädikation identifiziert. 

Aber nicht bloß Ideenassoziation, sondern auch die 



— 518 — 



Erregung homosexueller Rudimente dürften bei diesem 
Traum im Spiele sein« Denn der Fall bietet noch eine 
interessante Eigenheit dadurch, daß der Heterosexuelle 
als Knabe von etwa 14 Jahren seitens eines anderen 
gleichalterigen Knaben coitus inter femora öfters über 
sich ergehen ließ. Obgleich er damals gar nicht recht 
den Akt begriffen haben will, selbst niemals aktiv war 
und stets von der Pubertät ab heterosexuellen Geschlechts- 
verkehr pflegte und wohl nur heterosexuell fühlt, dürften 
doch vielleicht die in seiner Jugend mit ihm vorgekommenen 
homosexuellen Handlungen einen zur Entstehung des 
betreffenden Traumes günstigen Boden, vielleicht eine 
Erregung der schlummernden homosexuellen Rudimente 
geschaffen haben. 

Näcke halt die Theorie von Ellis für unrichtig, wonach 
Assoziationsbilder allein einen gleichgeschlechtlichen Traum er- 
zeugen könnten. 

Er erklärt die sexuellen Kontrasttraume aus der bisexuellen 
Uranlage des Menschen und die homosexuellen Träume Hetero- 
sexueller namentlich aus der latenten homosexuellen Komponente, 
die im Traum einmal durchbrechen könne. 

Diese Untersuchungen führen Näcke überhaupt zu Erörte- 
rungen über die Entstehung der Homosexualität. 

Homosexualität sei sehr wahrscheinlich keine pathologische 
Erscheinung, sondern eine Variatio der libido. 

Der Zweck der geschlechtlichen Befriedigung sei nicht not- 
wendigerweise Fortpflanzung. Ziel aller Wesen wäre zunächst 
völlige Entwicklung des Menschen; zeitweiser Orgasmus mit Aus- 
stoßen der Keimstoffe werde dadurch bedingt, der Reiz dazu sei 
jedoch nicht immer der gleiche und brauche nicht immer vom 
entgegengesetzten Geschlecht auszugehen. 

Die libido, ob vom gleichen oder entgegengesetzten Geschlecht 
angeregt, habe gleiche oder ähnliche Wirkung auf Körper und 
Geist bis auf die Fortpflanzung. 

Die gemeinsame Zwecksetzung der Hetero- und Homo- 
sexualität könne man also sehr wohl in der Hervorbringung von 
nützlichen Gliedern der Menschheit finden, bei den Heterosexuellen 



— 519 — 



außerdem in der Fortpflanzung, die aber de facto nur von einem 
sehr geringen Teile derselben besorgt werde. 

Die Entstehung der libido könne man sich wie folgt erklären: 
In der Zeit, als beide Keimdrüsen sich an einem Individuum 
vorgefunden, das sich selbst befruchtet, seien Gefühle angenehmer 
Art durch Berührung der eigenen Haut usw. ausgelöst worden, 
die sich zu mehr oder weniger klaren sexuellen ausgebildet. Das 
homosexuelle Geschlechtsgefühl sei demnach nicht nur das ältere 
und erste und das heterosexuelle folglich eine Weiterbildung, eine 
höhere Stufe, sondern nach Analogie dieser Geschlechtsempfindung 
sei ein langes Nachwirken dieser Geschlechtsempfindung durch 
Vererburg trotz weiterer Abschwächung unter Zunahme der hetero- 
sexuellen Empfindung durchaus nicht unmöglich. Weiter denkbar 
wäre es, gleichfalls nach Anologien, daß unter bestimmten, uns 
unbekannten Umständen jener homosexuelle Anteil der libido, der 
im Laufe der Zeit anscheinend verschwunden gewesen, wieder 
erweckt sei und so die Homosexualität als eine Art von Atavis- 
mus erscheine, der aber nicht pathologisch begründet zu sein 
brauche. Es sei aber wohl anzunehmen, daß der homosexuelle 
Hang bei der Weiterentwicklung des Menschen nicht wirklich bis 
auf etwaige Rückschläge verschwunden sei, sondern stets im Keime 
bei jedem vorhanden geblieben und nur bei gewissen Anlässen 
durchbräche. Dafür spräche das Auftreten von homosexuellen 
Träumen bei Normalen, sowie der zeitweise Durchbruch echten 
Urningtums bei heterosexuellen Geisteskranken, speziell Schwach- 
sinnigen. 

Die Theorie Näckes, wonach das homosexuelle Gefühl 
vom taktilen Gefühle sich ableite und das ältere Ge- 
schlechtsgefühl sei, scheint mir, offen gestanden, gesucht 
und wohl kaum zutreffend. 

Will man der eigenen Betastung Wichtigkeit für die 
Entstehung des Geschlechtsgefühls beimessen, so müßte 
der Automonosexualismus, die Liebe zu sich selbst, das 
ursprünglichste Geschlechtsgefühl sein. 

Soweit wir die Menschheitsgeschichte zurtickverfolgen 
können, sehen wir die große Masse der Menschen hetero- 
sexuell und eine kleine Minderheit homosexuell. 

Daher ist nicht begreiflich, daß die HeteroSexualität 



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gleichsam erst aus der Homosexualität sich entwickelt 
habe, ebenso wie ich eine zweite — von Näcke auf- 
gestellte — allerdings von ihm selbst für wenig wahr- 
scheinlich gehaltene Hypothese zurückweisen möchte, als 
sei die Homosexualität eine Abart der Heterosexualität, 
wofür Näcke den Umstand anführt, daß der Homosexuelle 
stets geistig und körperlich ihm entgegengesetzt geartete 
Personen liebe. 

Dieser Umstand ist nicht beweiskräftig. Einmal ist 
dieser Satz nicht in allen Fällen richtig, es gibt Homo- 
sexuelle, die auch ihnen ähnlich Geartete lieben, sodann 
kann man aus der Bevorzugung einer gewissen Gegen- 
sätzlichkeit noch nicht eine Parallele zwischen der eine 
Gegensätzlichkeit des Geschlechts bedingenden Hetero- 
sexualität und der höchstens eine Gegensätzlichkeit ge- 
wisser Eigenschaften bedingenden, aber das gleiche Ge- 
schlecht zur Ergänzung bedürfenden Homosexualität ziehen. 

Am wahrscheinlichsten ist wohl die Annahme, daß 
es von jeher eine Majorität Heterosexueller und eine 
Minorität Homosexueller gegeben hat, daß die Homo- 
sexualität zwar auf Grund der bisexuellen Anlage des 
Menschen sich entwickelt, daß aber von jeher meist der 
heterosexuelle Trieb die homosexuelle Anlage bei der 
Mehrzahl der Menschen unterdrückt hat. 

Warum und unter welchen Einflüssen nun gerade bei 
der Minderheit die eigengeschlechtliche Anlage den Sieg 
davonträgt, das ist ein Bätsei. Jedenfalls möchte auch 
ich in dem Punkt Näcke beistimmen, daß die chemische 
Theorie Blochs zur Lösung dieses Rätsels nicht hinreicht, 
vielmehr als Grundlage für die Entstehung der Homo- 
sexualität gewisse Abnormitäten im gröberen oder feineren 
Gehirnbau, und nicht chemische, sondern' embryonale, 
anatomische Störungen entscheidend sind. Auch ich 
glaube entschieden, daß das Gehirn den Ausschlag gibt, 
ob hetero- oder homosexuell gefühlt werde. 



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Näcke, P., Dr.: Vergleich von Verbrechen und Homo- 
sexualität, in der Monatsschrift für Kriminalpsycho- 
logie und Strafrechtsreform. November 1906. 

Lombroso hatte auf dem 6. Internationalen Kongreß für 
Kriminalanthropologie zu Turin eine Parallele zwischen der an- 
geborenen Homosexualität und dem angeborenen Hang zum Ver- 
brechen gezogen. Näcke sucht Lombrosos Anschauungen zu 
widerlegen. 

Lombroso hatte bei Kindern Neigung zum Verbrechen (Lügen, 
Diebstahl und Grausamkeit), sowie zur Homosexualität behauptet. 
Näcke bestreitet, daß beim Kind in der Regel von Verbrechen 
die Rede sein könne, nur die wenigsten Kinder hätten wirklichen 
Hang zur Lüge, zum Stehlen, zur Grausamkeit. 

Ebensowenig sei — mit Ausnahme der wirklich Homo- 
sexuellen — beim eigentlichen Kind Neigung zu Homosexualität 
vorhanden. 

Nur bei jungen Leuten im Pubertätsalter fände sich — aber 
auch nur relativ selten — eine vorübergehende Homosexualität 
in verschiedenen Abstufungen. Es sei dies ein Beweis für die 
Bisexualitätstheorie, ebenso wie hierfür die häufig in den Gefäng- 
nissen anzutreffende Inversion ein Beweis sei, obgleich sehr oft 
nur Handlungen faute de mieux vorlägen. 

Gegen Lombrosos Auffassung der Homosexualität als De- 
generationszeichen, wendet sich Näcke. Nur die wenigsten Ärzte 
kennten die große Menge der Urninge; was von den Homo- 
sexuellen zum Psychiater oder Neurologen gehe oder ins Gefängnis 
komme, sei zum großen Teil krankhaft. An und für sich sei 
Inversion wohl kein Entartungszeichen. 

Der homosexuelle Trieb sei allerdings als eingeboren an- 
zusehen und zwar glaube er, Näcke, jetzt gar nicht mehr zwischen 
echter und unechter Homosexualität unterscheiden zu dürfen. 
Die sogen, unechte Homosexualität seien die Fälle, wo die homo- 
sexuelle Neigung nur vorübergehend und zu verschiedenen Zeiten 
sich äußere, so z. B. auf Schiffen, Internaten usw. 

Wenn in solchen Fällen vorhanden seien: 1. ausgesprochenes 
Liebessehnen nach einer Person des gleichen Geschlechts ; 2. sexuelle 
Befriedigung durch sexuelle Akte mit einer solchen Person, dann 
handle es sich um eine homosexuelle Geschlechtsrichtung. Trete 
diese Richtung abwechselnd mit oder zugleich neben heterosexuellem 
Trieb auf, so läge eben Bisexualität vor. Auch in den vorüber- 



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gehenden Fällen bestehe eine eingeborene Disposition zu einer Ver- 
knüpfung des Sexualtriebes mit einen spateren gleichgeschlecht- 
lichen Sexualobjekt, wenn auch in latenter, virtueller Form. 

Bei dem sogen, echten Urning sei von Jugend auf der 
homosexuelle Trieb ausschließlich und stets dem eigenen Oeschlecht 
zugewandt Ein solcher Mensch werde unter allen Umständen, 
selbst auf einer Insel, wo es nur Weiber gäbe, homosexuell fühlen. 

Man könne aber sehr wohl von einem geborenen Homo- 
sexuellen sprechen, dagegen nicht von einem geborenen Verbrecher, 
da es keine Menschen gäbe, die unter allen Umständen zu Ver- 
brechern werden müßten. 

Nun würde ja bei d